ASEAS 2-1 - Nachbarschaftsstreit am Mekong - Neighbourhood Disputes by the Mekong ASEAS 2 (1) 06 Aktuelle Südostasienforschung / Current Research on South-East Asia Nachbarschaftsstreit am Mekong: König Anuvong und die Geschichte der prekären Lao-Thai-Beziehung Neighbourhood Disputes by the Mekong: King Anuvong and the History of the Precarious Lao-Thai-Relationship Oliver Tappe1 Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Deutschland / Max Planck Institute for Social Anthropology, Germany ASEAS - Österreichische Zeitschrift für Südostasienwissenschaften / Austrian Journal of South-East Asian Studies SEAS - Gesellschaft für Südostasienwissenschaften / Society for South-East Asian Studies - www.SEAS.at Die wechselvolle gemeinsame Geschichte von Laos und Thailand kann an einer zentralen historischen Episode festgemacht werden: das Aufbegehren des Königs von Vientiane, Chao Anuvong, gegen die siamesische Oberherrschaft im 19. Jahrhundert. Der vorliegende Artikel stellt die Geschichte dieses gescheiterten Unternehmens ins Zentrum einer historischen Betrachtung des prekären Lao-Thai-Verhältnisses und beleuchtet ihre Nachwirkung in gegenwärtigen Erinnerungsdiskursen. Schagworte: Laos, Thailand, Geschichte, Politik, Erinnerungsdiskurse The history of the relationship between Laos and Thailand is full of vicissitudes and confl icts. One of the most well-known episodes is the struggle of Chao Anuvong, King of Vientiane, against the Siamese suzerainty in the nineteenth century. The present article examines this crucial period of Lao-Thai history and puts it into the broader context of the historical relation between these two peoples. Moreover, the role of Chao Anuvong in current discourses of memory and history will be discussed. Keywords: Laos, Thailand, History, Politics, Memory 1 Dr. Oliver Tappe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale) und dort Mitglied der Forschungsgruppe Historische Ethnologie. Kontakt: tappe@eth.mpg.de ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong 07 Einleitung Während die Beziehung zwischen Thailand und Kambodscha derzeit von den Quere- len um den alten Khmer-Tempel Preah Vihear überschattet wird (vgl. Osborne, 2008)2, scheint das Verhältnis von Thailand und einem weiteren Nachbarstaat – Laos – har- monischer denn je. Mit jedem Jahr wächst die Zahl der thailändischen Touristinnen und Touristen, welche die laotischen Kulturerbestätten jenseits des Mekong besu- chen. Umtriebige Investoren aus Thailand entdecken ebenfalls das lange ignorierte, wirtschaftlich rückständige Nachbarland. Zuletzt eröffnete ein gemeinsames Film- projekt, der von Lao und Thai gleichermaßen begeistert aufgenommene Kinostreifen Sabaidee Luang Prabang/Good Morning Luang Prabang, differenziertere Perspektiven auf den gerne verspotteten laotischen Nachbarn. Unter der Oberfläche bestehen jedoch weiterhin gegenseitige Vorurteile und Res- sentiments, die ihren Ursprung in der oftmals gewaltsamen gemeinsamen Geschich- te beider Völker haben. Nicht nur ideologische Grabenkämpfe aus Zeiten des Kalten Krieges, sondern auch weiter zurückliegende Konflikte sind bis heute in der kollektiven Erinnerung der Lao und Thai präsent. In diesem Artikel soll das spannungsreiche Lao- Thai-Verhältnis aus einem historischen Blickwinkel beleuchtet werden. Nach einem kurzen Überblick zur Geschichte der frühen Königreiche der Lao und Thai wird der Fokus auf die berühmte Geschichte des Königs von Vientiane, Chao Anuvong (r. 1804- 1828), gerichtet. Anuvong hatte Anfang des 19. Jahrhunderts einen letztlich grandios gescheiterten Feldzug gegen die Vormachtsstellung Bangkoks unternommen – bis heute Sinnbild für die Rivalitäten und Animositäten zwischen Laos und Thailand.3 Im Anschluss sollen die Entwicklungen dieser spannungsreichen Nachbarschaft im 20. Jahrhundert nachgezeichnet und schließlich gegenwärtige Tendenzen in der laotisch- thailändischen Beziehung beleuchtet werden. Ziel des Artikels ist eine umfassende Darstellung der Geschichte dieses prekären Nachbarschaftsverhältnisses. Anhand der Schlüsselepisode des Anuvong-Aufstands soll außerdem gezeigt werden, wie stark 2 Ein Schusswechsel, bei dem vier Todesopfer zu beklagen waren, war im April 2009 die jüngste Eskalation dieses Konflikts an der thailändisch-kambodschanischen Grenze. In bilateralen Gesprächen zwischen den jeweiligen Verteidigungsministern und Militärführern wird derzeit nach Aussöhnung gestrebt („Army won’t send“, 2009). 3 Der vorliegende Artikel basiert auf einem Vortrag im Rahmen der 3. Wiener Südostasien-Konferenz „(In)Equalities in South-East Asia“ (13.-14. Juni 2008). Die Darstellung der Geschichte Anuvongs und ihrer Repräsentation in der laotischen Historiographie ist in ausführlicherer Form als Kapitel meiner Dissertation (Tappe, 2008, Kap. 2.3.3) nachzulesen. ASEAS 2 (1) historische Ereignisse in gegenwärtigen nationalen Erinnerungsdiskursen nachhallen und zwischenstaatliche Beziehungen belasten können. Die Geschichte der Lao und Thai bis ins 18. Jahrhundert Die Lao und Thai gehören zur Tai-Kadai-Sprachfamilie, deren Mitglieder sich in diver- sen Migrationsbewegungen in ganz Festland-Südostasien ausgebreitet haben. Wich- tige frühe Reichsgründungen waren Sukhothai und Lan Na im 13. Jahrhundert. Das laotische Königreich Lan Sang wurde 1353 von König Fa Ngum gegründet (vgl. Wyatt, 1984; Stuart-Fox, 1998). Mit diesen Gemeinwesen (Lao/Thai: müang) beginnt die auf- gezeichnete Geschichte in der Region, die zunehmend von der buddhistischen Kultur geprägt wurde. Der Einflussbereich von Lan Sang – übersetzt „[Land der] Million Elefanten“ – er- streckte sich entlang beider Ufer des Mekong. In seiner wechselvollen Geschichte musste sich das Reich oftmals Angriffen der mächtigen Nachbarn erwehren, befand sich aber zeitweise auch auf Augenhöhe mit Nachbarreichen wie z.B. dem siame- sischen Königreich Ayutthaya (1351-1767). Im 16. Jahrhundert wurde Lan Na ein Teil des laotischen Königreiches, als es König Phothisalalat gelang, seinen Sohn auf den Thron von Chiang Mai zu platzieren.4 Unter dem königlichen Namen Setthathilat erbte dieser ein riesiges Reich, welches aber starkem externen Druck ausgesetzt war, vor allem seitens der Birmanen. Bereits im Jahr nach seiner Krönung verlor Sett- hathilat die Kontrolle über das in den Einflussbereich der Birmanen geratene Lan Na. Die Verlegung seines Königssitzes vom heutigen Luang Prabang nach Vientiane führte 1560 auch zu einer räumlichen Distanz zu Chiang Mai. Zu Ayutthaya pflegte Setthathilat gerade im Hinblick auf die birmanische Bedrohung eine gute Beziehung, repräsentiert durch einen auf einer Steinstele festgehaltenen Freundschaftsvertrag (Lorrillard, 2006, S. 392). Gemeinsame Militäraktionen waren jedoch wenig erfolg- reich, so dass Ayutthaya 1564 und 1569 von den Birmanen erobert werden konnte und auch Vientiane überrannt wurde. In den Jahren 1570 und 1571 konnte Setthathilat sei- ne Stadt zwar zweimal mit einer Guerilla-Strategie zurückerobern. Doch kurz darauf 4 Stuart-Fox (1998, S. 79) und Grabowsky (2007, S. 125) zufolge hatte Lan Na einen großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung Lan Sangs, sei es durch den Zustrom von Künstlern und Gelehrten oder durch die Übergabe von Buddhastatuen und Abschriften des Pali-Kanons. 08 ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong fiel der König bei einem Feldzug an der südlichen Grenze seines Reiches, und die Bir- manen eroberten endgültig Vientiane.5 Während der Ära Setthathilat wurden bedeu- tende Bauwerke errichtet, die bis heute die laotische Erinnerungslandschaft prägen. Beispielsweise gilt der That Luang („großer Stupa“) bis heute als Nationalheiligtum und zentraler Erinnerungsort6 der Lao (Evans, 1998, S. 41-48). Außerdem wurde unter Setthathilat der Ho Pha Kaeo (Abb. 1) als Heimstatt für den Smaragdbuddha Pha Kaeo erbaut. Für fast 200 Jahre blieb der ursprünglich aus Chiang Rai stammende Pha Kaeo das wichtigste Palladium Vientianes (vgl. Reynolds, 1978). Auch während der Regie- rungszeit von König Sulinyavongsa (1638-1695), als Lan Sang nochmals eine Blütezeit erlebte, stand der Pha Kaeo im Zentrum des buddhistischen Königreichs. Bereits in jener Zeit stellten sich die Weichen für die unterschiedliche Entwicklung der Königreiche von Lao und Thai. Es war vor allem der bessere Zugang zum Meer, der die siamesische Königs- stadt Ayutthaya und später Bangkok prosperieren ließ. Der niederländische Handels- reisende van Wuysthoff be- richtete nach seiner Laos-Rei- se (1641-42) zwar von einem reichen kulturellen Leben am Hofe Vientianes, bemerkte aber gleichzeitig das unzurei- chende wirtschaftliche Po- tenzial des laotischen Königreichs (vgl. Népote, 1986). Der fehlende Meerzugang und die unzureichende Schiffbarkeit des Mekong sollten im Zeitalter des ersten globalen Seehandels zu einem entscheidenden Nachteil für Laos werden (Stuart-Fox, 1998, S. 90). 5 Setthathilats erfolgreiche Strategie, die Birmanen mit ständigen Guerilla-Attacken zu zermürben, wird heute von der laotischen Historiographie als Vorbild für die antikolonialen Kämpfe des 20. Jahrhunderts gerühmt (Ministerium für Information und Kultur [MIK], 2000, S. 198-200; Tappe, 2008, S. 122-124). 6 Zum Konzept Erinnerungsort/lieu de mémoire siehe Nora (1989). 09 Abb. 1: Ho Pha Kaeo (laotische Briefmarke, 1982) (Copyright: Lao Ministry of Communications, Transport, Post and Construction) ASEAS 2 (1) Nach Sulinyavongsas Tod im Jahr 1691 zerfiel Lan Sang im Zuge von Erbfolgestrei- tigkeiten in die Teilreiche Vientiane, Luang Prabang und Champasak. Die untereinan- der rivalisierenden laotischen Königtümer gerieten zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter siamesische Oberherrschaft. Die Eroberung Ayutthayas durch Birma änderte die Machtverhältnisse nur kurzfristig. Mit dem Einmarsch in Vientiane im Jahr 1779 sicherten die Thai ihre Macht über die laotischen Gebiete. In jenem Jahr wurde auch der Pha Kaeo für immer den Lao entwunden. Unter den ab dem Jahr 1782 in Bangkok residierenden Chakri-Königen wurde die siamesische Oberherrschaft über die lao- tischen Gemeinwesen zementiert. Die laotischen Könige in Vientiane, Luang Prabang und Champasak waren fortan Vasallen des mächtigen Thai-Reichs. König Nanthasen, älterer Bruder von Anuvong, war in Vientiane ein treuer Verbündeter Bangkoks und schlug um 1790 eine Rebellion in Luang Prabang nieder. Da er aber in den Augen von Rama I, dem ersten König Bangkoks und Begründer der Chakri-Dynastie, eine all- zu enge, den siamesischen Einfluss ausgleichende Beziehung zum vietnamesischen Herrscher suchte, wurde er im Jahr 1794 durch König Inthavong ersetzt. Ihm folgte zehn Jahre später Anuvong auf den Thron. Anuvong avancierte zu einem geachteten Militärführer und genoss in Bangkok ein derartiges Ansehen, dass ihm im Jahr 1819 gestattet wurde, seinen Sohn Nyò zum König von Champasak zu krönen (Stuart-Fox, 1998, S. 113-119). Chao Anuvong, König von Vientiane Trotz seiner anfänglich engen Zusammenarbeit mit Bangkok ist König Anuvong als er- bitterter Gegner des dortigen Herrschers in die Geschichte eingegangen. Sein Feldzug durch das Korat-Plateau, die unerbittliche Reaktion der Siamesen und ihre anschlie- ßende Verwüstung der Stadt Vientiane sind zentrale Episoden in der Geschichte der prekären Lao-Thai-Beziehung. Sie ist bis heute vor allem im Kollektivgedächtnis der Lao verankert. Für jene repräsentiert diese Geschichte den Kampf gegen die siamesi- sche Vorherrschaft – ein Kampf, der gegenwärtig in der staatlich gelenkten laotischen Historiographie als „nationaler Befreiungskampf“ (Lao: kan tòsu ku sat) gegen die Un- 10 ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong terdrückung durch „siamesische Feudalisten“ (Lao: sakdina sayam) interpretiert wird (Nationale Universität von Laos [NUL], 2002, S. 64; MIK, 2000, S. 353).7 Gleichzeitig steht der König in seinem Scheitern für eines der dunkelsten Kapitel der laotischen Geschichte. Sein waghalsiges Unternehmen, Bangkok militärisch die Stirn zu bieten, gipfelte in der vollständigen Verwüstung Vientianes und der Depor- tation seiner Bevölkerung durch die Siamesen im Jahr 1828. Bis heute liegt die Erin- nerung an das harte Vorgehen Bangkoks – von der thailändischen Historiographie als gerechtfertigte Aktion gegen die illegitime Rebellion eines widerspenstigen Vasallen verstanden (vgl. Thongchai, 1995; Terwiel, 2001) – wie ein Schatten über dem Verhält- nis von Laos und Thailand. Entsprechend schwer tut sich die laotische Geschichts- schreibung, darunter das vom Ministerium für Information und Kultur im Jahr 2000 herausgegebene offizielle Geschichtswerk Pavatsat lao („Geschichte von Laos“), mit der Bewertung und Bewältigung dieser Niederlage. Die Legitimität von Anuvongs „Unabhängigkeitskampf“ gegen die Thai wird dabei nicht in Frage gestellt. Anuvong wird als Patriot charakterisiert (Lao: mi khuam hak sat; wörtlich: „hat Liebe zur Nati- on“; Phuthong, 2000, S. 47) und sein Feldzug als Kampf für „nationale Selbstbestim- mung“ verklärt, womit anti- und postkoloniale Diskurse zurück in die Vergangenheit projiziert werden.8 Auf diese Charakteristika der offiziellen Geschichtsbetrachtung in der Laotischen Demokratischen Volksrepublik (LDVR) soll nach einer kurzen Chrono- logie der Ära Anuvong noch genauer eingegangen werden. Kann die Besetzung des Throns von Champasak mit seinem Sohn als Grundstein von Anuvongs gesamtlaotischem Machtanspruch gelten, so markieren die Krönungs- zeremonien für Rama III im Jahr 1824 einen entscheidenden Wendepunkt in der Bezie- hung zwischen Bangkok und Vientiane. Laut vieler Quellen sah Anuvong seine Positi- on als einer der wichtigsten Verbündeten Bangkoks nicht ausreichend gewürdigt und das laotische Königreich diskreditiert (Wyatt, 1984, S. 170; Stuart-Fox, 1998, S. 119-120).9 7 Die Parallelen dieses Befreiungsdiskurses zur vietnamesischen Historiographie, ebenfalls geprägt durch Jahrhunderte alte so genannte „Kampftraditionen“, sind unverkennbar (vgl. Pelley, 2002). Da die laotischen Staatshistoriker ihr Handwerk in Hanoi erlernten, wurden viele Konzepte und Strukturen der dortigen marxistisch- leninistisch beeinflussten Geschichtsschreibung in den laotischen Kontext übertragen (vgl. Lockhart, 2006). 8 Die tragische Geschichte von Anuvong wird in laotischen Geschichtsbüchern eingehend thematisiert (vgl. MIK, 2000; NUL, 2002; Phutong Saeng-akhom, 2000). In englischer Sprache liegt eine im Gegensatz zur offiziellen Historiographie differenziertere, wenn auch zweifellos patriotisch gesinnte Arbeit vom laotischen Autorenpaar Mayoury und Pheuiphanh Ngaosyvathn (1998) vor (vgl. Evans, 2003). 9 Vietnamesischen Quellen zufolge gab es noch einen weiteren Grund für Anuvongs Zorn: Eine seiner Töchter habe zu den vielen Gattinnen des Königs von Bangkok gehört und ihm einen Sohn geboren. Dieser soll im Hinblick auf potenzielle Thronfolgestreitigkeiten vom Sohn einer anderen Königsgattin getötet worden sein (Tung, 1958, S. 402). 11 ASEAS 2 (1) Da auch seiner am Hofe Bangkoks vorgetragenen Bitte nicht nachgekommen wurde, die in früheren Feldzügen deportierten laotischen Familien zu repatriieren und den Pha Kaeo an Laos zurückzugeben, entschied sich Anuvong für ein militärisches Vorge- hen.10 Ende des Jahres 1826 begann er eine groß angelegte Militäraktion. Die laotische Armee sollte das Gebiet des heutigen Isan (Nordost-Thailand) vorübergehend beset- zen, um laotische Bevölkerungsgruppen nach Vientiane umzusiedeln (MIK, 2000, S. 399). Anuvong ging dabei von einem baldigen Angriff der Briten im Süden Siams aus, der aber durch die fast zeitgleiche Unterzeichnung der Burney-Verträge verhindert wurde. Dass Bangkok über den Seehandel zudem an moderne europäische Waffen gelangt und ohnehin Vientiane zahlenmäßig überlegen war, schmälerte die Erfolgs- aussichten Anuvongs erheblich (Stuart-Fox, 1998, S. 121-122). Dennoch waren die si- amesischen Truppen von der laotischen Attacke überrascht, so dass Anuvong mit seinen beiden Söhnen Ngao, besser bekannt unter seinem Adelstitel Lasavong, und Nyò in drei parallelen Vorstößen bis weit in das Korat-Plateau vordringen konnte. Im Jahr 1827 besetzten die laotischen Truppen Nakhon Rachasima, die heutige Stadt Ko- rat. Dies geschah der Pavatsat lao zufolge dank des „laotischen patriotischen Geistes“ (MIK, 2000, S. 398) einiger lokaler Fürsten, die Anuvong unterstützten. Bis hin nach Saraburi, unweit von Bangkok, drangen die laotischen Truppen vor, den Pha Kaeo scheinbar zum Greifen nahe. Nach diesen Anfangserfolgen musste Anuvong jedoch der militärischen Übermacht Bangkoks Tribut zollen. Erschwerend kam hinzu, dass seine Soldaten mit der Rückführung der laotischen Familien bei gleichzeitigen Gefech- ten mit den Siamesen organisatorisch überfordert waren (Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 185-188). Da sich zudem viele Lao der erzwungenen Umsiedlung widersetzten oder während des Rückzugs flohen, erscheint die von der laotischen Historiographie als „Befreiung“ gepriesene Aktion in einem zweifelhaften Licht. Ferner standen nicht alle lokalen Herrscher im Korat-Plateau, zu denen Bangkok in den Jahren zuvor im- mer engere Banden geknüpft hatte, Anuvong wohlgesonnen gegenüber. Die laotische 10 Anuvong hatte da bereits den Ho Pha Kaeo in der Hoffnung auf die Rückkehr des Smaragdbuddhas, diesem bedeutenden Symbol politisch-religiöser Legitimität, renovieren lassen (Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 55). Außerdem ließ er sinnbildhaft weitere Ho Pha Kaeo im ganzen Reich errichten, möglicherweise im Hinblick auf die spätere Mobilisierung der gesamten laotischen Bevölkerung. Politische und kosmologische Wiedererstarkung gingen hier Hand in Hand und standen den Bemühungen von Rama III nach dessen Thronbesteigung 1824 gegenüber, ebenfalls politische wie kosmologische Hegemonie zu erreichen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass der König von Bangkok Anuvongs Ansinnen, laotische Familien aus Thai-kontrollierten müang nach Vientiane umzusiedeln, entschieden zurückwies – auch wenn Anuvong der Pavatsat lao (MIK, 2000, S. 397) zufolge lediglich eine geringe Anzahl von Lao, die einst von König Taksin deportiert worden waren, zurückgefordert habe. Rama III ließ den Pha Kaeo, um seine Bedeutung als Symbol des laotischen Unabhängigkeitsstrebens wissend, im späteren Verlauf des Konflikts besonders stark bewachen (Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 187). 12 ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong Historiographie spricht diesbezüglich von fehlender Solidarität. Anuvong hatte sich offensichtlich verkalkuliert und konnte dem Verbund von Truppen Bangkoks und lo- kaler Armeen, z.B. aus Nakhon Rachasima, wenig entgegen setzten. Im Jahr 1828 marschierten die siamesischen Truppen in Vientiane ein.11 Es ist bis heute nicht völlig geklärt, wie König Manthaturat von Luang Prabang zu Anuvongs Politik und dessen Konflikt mit den Siamesen stand. Fest steht, dass er ihn nicht im Sinne einer gemeinsamen laotischen Allianz gegen Bangkok un- terstützte.12 Seine reservierte Haltung spricht dafür, dass er entweder Anu- vong den Erfolg gegen die starken Sia- mesen nicht zutraute oder daran nicht interessiert war – d.h. an einer Domi- nanz des benachbarten Königreichs anstelle einer vergleichsweise locke- ren Tributärbeziehung zum weit ent- fernten Bangkok. Beim linientreuen laotischen Staatshistoriker Phuthong Saeng-akhom (2000, S. 50) liest sich Mathaturats Verhalten hingegen als klarer Verrat: Anstatt Anuvong dabei zu unterstützen, „die Nation zu erret- ten“, habe er dessen Pläne dem König von Bangkok zugespielt. Die Pavatsat lao spricht zurückhaltender von unzureichender Solidarität und verweist damit auf die bis dato fehlende „nationalen Einheit“, die letzten Endes der Parteigeschichte zu- folge erst durch die Revolution 1975 realisiert werden konnte. Sie beklagt, Luang Pra- 11 Mayoury & Pheuiphanh (1998, S. 210) kommentieren: „[The Lao troops] were out-classed, out-gunned, and out- maneuvered by their foes.“ Sie stellen daneben die interessante Spekulation an, ob nicht eine Guerilla-Strategie nach dem Vorbild von Setthathilat die bessere Option für die Verteidigung Vientianes gewesen wäre. Zu erwähnen ist hier, dass sich Anuvong ursprünglich Setthathilat zum Vorbild genommen und sich dessen Namen als Ehrentitel verliehen hatte (Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 63). 12 Dies ist insofern nachvollziehbar, weil König Nanthasen einst von Siam gestützt aggressiv gegen Luang Prabang und Müang Phuan vorgegangen war (Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 66). Blindes Vertrauen konnte Anuvong somit nicht voraussetzen. Sein Angebot, er würde sich nach einem eventuellen Sieg ins Kloster zurückziehen und Manthaturat die Macht überlassen (NUL, 2002, S. 43-44), musste ebenfalls auf Skepsis stoßen, zumal seine selbstbewussten und kampferprobten Söhne möglicherweise Machtansprüche angemeldet hätten 13 Abb. 2: Laotisches Geschichtsbuch über Chao Anuvong. (NUL, 2002) ASEAS 2 (1) bang habe sich nach Anuvongs Niederlage ergeben den Siamesen zugewendet. Dar- über hinaus sei auch von Müang Phuan, Nan und Phrae keine aktive Unterstützung gekommen (MIK, 2000, S. 443-445). Es scheint hier, als wolle die laotische Geschichts- schreibung suggerieren, Anuvongs Niederlage sei allein auf externe Widrigkeiten und Pech zurückzuführen, und der König selbst trage keine Schuld. Vielmehr sei der feu- dalistische Klüngel jener Zeit anzuprangern, der den wahren laotischen Patriotismus und die nationale Einheit behindert habe. In der laotischen Geschichtsschreibung wird mit dem Fall von Vientiane die Situa- tion auf den Kopf gestellt und die Siamesen nun als Aggressoren, die „in Laos einmar- schieren“ (Lao: huk han lao), gezeichnet. Dagegen habe sich Anuvong lediglich defen- siv dem „Schutz“ (Lao: kan pòngkan) Vientianes gewidmet (MIK, 2000, S. 410).13 Der König musste jedoch fliehen und suchte bei den Vietnamesen Zuflucht. Beim Herr- scher von Hué, der nach dem Interregnum der Tay-Son-Brüder (vgl. Dutton, 2006) in- nenpolitisch alles andere als gefestigt war, erbat er militärische Unterstützung. Seine Bitte begründete er damit, er habe lediglich auf Wunsch der Bevölkerung des Korat- Plateaus seinen Feldzug unternommen. Nun würden die aggressiven Siamesen sein Reich bedrohen (MIK, 2000, S. 427). Der vietnamesische König wollte jedoch eine un- mittelbare Konfrontation mit Bangkok vermeiden und war vielmehr an einem intak- ten laotischen Gemeinwesen als Puffer zu Bangkok interessiert. Er lehnte daher Anu- vongs Wunsch nach militärischer Unterstützung ab und forderte ihn stattdessen auf, sich beim König von Bangkok zu entschuldigen (Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 106- 108, 223; MIK, 2000, S. 431). Im August 1828 kehrte Anuvong mit einer 2.600 Mann starken Armee, begleitet von 80 vietnamesischen Gesandten, ins siamesisch besetzte Vientiane zurück. Dort sabotierte er die vietnamesischen Vermittlungsbemühungen, indem er die siamesische Garnison attackierte und vertrieb.14 Anuvong konnte die Siamesen kurzzeitig auf das gegenüberliegende Mekong-Ufer zurückdrängen. Hier 13 Es wird wie so oft in der historischen master narrative der Laotischen Demokratischen Volksrepublik (LDVR) die Geschichte des kleinen tapferen laotischen Volkes erzählt, welches ständig von technisch fortgeschrittenen Militärmächten bedroht wurde, sei es von siamesischen oder birmanischen „Feudalisten“ oder französischen und amerikanischen „Imperialisten“ (Lao: chakkaphat). Hier ist es Bangkok, welches dank seines Zugangs zum Meer durch den Handel mit „westlichen Kapitalisten“ (MIK, 2000, S. 414, 443) an moderne Waffentechnologie und damit zu militärischer Überlegenheit gekommen war 14 Als Begründung für Anuvongs Aggression wird von unterschiedlichen Quellen ein von den Siamesen errichteter provokanter Stupa herangezogen, dessen Inschrift der Niederlage Anuvongs gedacht habe (MIK, 2000, S. 432). Mayoury und Pheuiphanh (1998, S. 140) verteidigen Anuvong, er habe nur die Ehre des laotischen Volkes verteidigen wollen. Phuthong (2000, S. 51) und Manich (2000, S. 193) sind sich einig, der provokante Stupa habe Anuvong so sehr verärgert, dass an eine friedliche Lösung nicht zu denken gewesen sei. Vietnamesische Quellen (vgl. Tung, 1958) lassen auf eine generelle Aggressivität Anuvongs angesichts der siamesischen Besatzungstruppen in Vientiane schließen. 14 ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong kam es zur letzten großen Schlacht, bei der jener berühmte Zweikampf zwischen An- uvongs Sohn und wichtigstem Heerführer Lasavong und dem siamesischen Prinzen Suphawadi stattgefunden haben sollte, der in einigen Publikationen als Illustration dieses Thai-Lao-Konflikts verwendet wird.15 Die Erzählung des Kampfes wurde bereits vom Vater der laotischen nationalen Geschichtsschreibung, Maha Sila Viravong, nie- dergeschrieben. Es wird darin eine Überlegenheit des laotischen Kriegers im direkten Zweikampf behauptet: Lasavong habe Suphawadi von dessen Pferd gestoßen und nur durch das Eingreifen weiterer Thai-Soldaten vom finalen Todesstoß abgehalten wer- den können. Schließlich seien beide verwundeten Kontrahenten geborgen und vom Schlachtfeld getragen worden (Maha Sila, 1964, S. 133; MIK, 2000, S. 435-436; Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 239-240). Diese Geschichte verweist auf zwei Aspekte des laotischen „Befreiungskampfes“, nämlich auf großen Kampfgeist und zahlenmäßige Unterlegenheit. Die laotische Historiographie behauptet hier, dass die Truppen Vien- tianes lediglich knapp gescheitert seien und mit mehr Unterstützung, vor allem sei- tens Luang Prabang, durchaus hätten siegreich sein können. Die Truppen Vientianes konnten den Siamesen letzten Endes nicht standhalten, so dass diese wenig später (im November 1828) erneut in Vientiane einmarschierten, die Stadt diesmal vollständig dem Erdboden gleichmachten und ihre Bewohner jen- seits des Mekong umsiedelten. Die Zahl der Deportierten wird auf 100.000 bis 150.000 geschätzt, angeblich die damalige Gesamtbevölkerung des Königreichs (Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 212).16 Sie wurden in ganz Siam angesiedelt, hauptsächlich aber auf dem Korat-Plateau, wo heute die große Mehrheit der Lao lebt – über 20 Millionen, während die Gesamtbevölkerung des ethnisch heterogenen Laos kaum 7 Millionen beträgt.17 Anuvong hatte seinen Kampf verloren und wurde auf seiner erneuten Flucht nach Vietnam im Gebiet der Phuan mitsamt seiner Familie gefangen genommen. Die Königsfamilie wurde nach Bangkok gebracht, in Käfige gesperrt und der öffentlichen 15 Auf den meisten Bildern, die den Aufstand Anuvongs illustrieren, ist interessanterweise nicht der alternde König zu sehen, sondern sein in jener Schlacht heldenhaft kämpfender Sohn. Entsprechende Illustrationen finden sich in folgenden Publikationen: NUL, 2000 (siehe Abb. 1); MIK, 2000, S. 436; Mayoury & Pheuiphanh, 1988, S. 74. Mehr als ein Jahrhundert später sollte der kämpferische Prinz für die Gründung der so genannten Lasavong-Brigade unter der Führung des späteren Parteichefs Kaysone Phomvihane Pate stehen (Souneth, 2002, S. 9-10). Die Gründung dieser antikolonialen Kampftruppe am 20. Januar 1949 markiert heute den offiziellen Gründungstag der Laotischen Volksarmee und wurde anlässlich des 60. Jahrestags im Jahr 2009 entsprechend gefeiert (Ekaphone, 2009). 16 Der Historiker D.G.E. Hall (1976, S. 451) bezeichnet diese Eskalation etwas unglücklich als „Holocaust von Vientiane“ und unterstützt damit das von laotischer Seite gepflegte Bild der Thai als historische „Bösewichte“. 17 Die Umsiedlungsmaßnahmen erreichten in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt (Wyatt, 1984, S. 171). Zu den massenhaften Umsiedlungen im 18. und 19. Jahrhundert siehe Breazeale (1975), Snit & Breazeale (1988) oder NUL (2004, S. 294-295). 15 ASEAS 2 (1) Verachtung preisgegeben, wie die „Times“ im Jahr 1830 mit etwas zeitlichem Abstand anschaulich berichtet („The King of Laos“, 1830): The King of Laos and his family, who had been lately taken prisoners, were for about a fortnight exhibited to the populace at Bankok [sic] in a large iron cage, near the various instruments of torture by which they were to be put to death, and within sight comedies were acted for the amusement of spectators. There was a large iron boiler to heat oil, to be thrown on the body of the King, after being cut and mangled with knives – a gibbet, with a chain and a hook, to which he was to be suspended by the chin. Spears were prepared for the King, his two wives, sons, and grandsons, to the number of 14, on which they were to be impaled. The old man was melancholy, but calm; he died of a broken heart, and so escaped the hands of his tormentors. Es ist nicht überraschend, dass diese historische Episode „schmerzende Spuren“ (NUL, 2002, S. 5) im laotischen Kollektivgedächtnis hinterlassen hat. Ebenso wenig verwundert es, wenn die revolutionäre Historiographie in Laos die Geschichte von Anuvong in den Kontext des antiimperialistischen Befreiungskampfs setzt und wie erwähnt als Volksaufstand gegen siamesische „Feudalisten“ interpretiert. Dabei igno- riert sie allerdings die Zwangsrekrutierungen unter Anuvong und die vielen vor den Repatriierungsmaßnahmen geflohenen Lao (vgl. Evans, 2003, S. 105; Mayoury und Pheuiphanh, 1998, S. 90). Dass die Aggression von Anuvong ausging, wird in der laoti- schen Historiographie auf unterschiedliche Weise legitimiert. In erster Linie wird sie durch den Verweis auf ein gerechtfertigtes Streben nach „nationaler“ Selbstbestim- mung begründet. Der renommierte Historiker Souneth Phothisane bezeichnet den Anuvong’schen Feldzug als legitim und trotz seines Scheiterns explizit als „Helden- tat“ (Lao: vilakam). Ihm zufolge hatte sich Anuvong dazu entschlossen, „das laotische Volk der gesamten Nation zum Kampf für die Unabhängigkeit gegen die siamesischen Feudalisten zu führen, die einmarschierten, ausplünderten, versklavten, quälten, um die laotische Nation zu verschlingen“ (Souneth, 2002, S. 9). Auffallend ist die Vorstel- lung einer gesamtlaotischen „Nation“, die es aus ihrer Unterdrückung und Teilung zu befreien gelte. Der nationale Befreiungsdiskurs spiegelt sich beispielhaft im genann- ten Konzept kan tòsu ku sat wider, also dem Kampf zur Rettung der Nation. Die Pava- tsat lao prangert die siamesische Unterdrückung an und lässt den kan tòsu damit als gerecht erscheinen. Sie betont, das „laotische multi-ethnische Volk“ (Lao: pasason lao banda phao) habe immer an nationale Unabhängigkeit und Freiheit geglaubt und sei somit verärgert gewesen, dass die Siamesen – „Feinde der Nation“ (Lao: sattu khòng sat) – in sein Land eindrangen (MIK, 2000, S. 353; 442). 16 ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong Folgende historische Bedeutung wird von laotischer Seite der Ära Anuvong zuge- schrieben: Trotz der Niederlage der „Kampfbewegung des laotischen Volkes“ unter Anuvong seien die „Kampftraditionen“ und „Heldentaten“ des Volkes im Gedächtnis eines jeden Lao verankert, patriotisches Bewusstsein und der Hass auf die siame- sischen „Feudalisten“ stets präsent. Die „Solidarität des laotischen multi-ethnischen Volkes“ im Kampf gegen Siam habe sich zu einer „Tradition“ (Lao: munsüa) entwickelt (MIK, 2000, S. 445).18 Anuvong erscheint in der offiziellen laotischen Geschichtsschrei- bung somit weniger als Verantwortlicher für die größte Schmach der Lao, sondern nimmt einen unbestrittenen Platz im laotischen nationalen Heldenpantheon ein. Vor allem im nationalen Diskurs der Laotischen Revolutionären Volkspartei repräsentiert er den tapferen Kampf des laotischen Volkes gegen übermächtige Aggressoren und ist daher eine entscheidende Komponente der angeblichen „patriotischen Traditionen“ der Lao.19 König Anuvong gehört neben Fa Ngum und Setthathilat zu den drei offizi- ell anerkannten vilakasat („Heldenkönige“) der laotischen Geschichte (vgl. Duangsai Luangphasi, 2000). Dagegen entnimmt Evans (2003, S. 103) den Untersuchungen von Mayoury und Pheuipha- nh, dass das Aufbegehren Chao Anuvongs schlecht vorbereitet, chaotisch und selbstmörderisch war – also alles andere als ein ruhmreiches histo- risches Kapitel. Nimmt man jedoch, so wie es die LRVP-Geschichtsbetrach- tung tut, Elemente wie Opferbereitschaft, Kampfgeist und Heimatliebe als Kernwerte, dann passt die Ge- schichte von Chao Anuvong genau in die entsprechende historische Erzählung.20 18 Das sich unentwegt im Widerstandskampf befindliche „laotische multi-ethnische Volk“ ist das zentrale Leitmotiv der Historiographie in der LDVR (vgl. Tappe, 2008). 19 In diesem Kontext ist auch die Popularität des Epos San Lüp Phasun zu erklären, welches zur Zeit Anuvongs geschrieben worden sein soll und die Unterdrückung durch die Siamesen anprangere (NUL, 2004; vgl. aber die Skepsis des Literaturwissenschaftlers Peter Koret, 2003). 20 Auch von Seiten vietnamesischer Historiker, die Pate für die laotisch-revolutionäre Historiographie standen, wurde Anuvong als wichtiger laotischer Nationalheld identifiziert, darüber hinaus als Beispiel für die laotisch- vietnamesische Solidarität bemüht (Goscha, 2003, S. 296; vgl. MIK, 2000, S. 446-447). Noch während des laotischen 17 Abb. 3: Ölgemälde im Provinzmuseum von Champasak (Pakse) (Foto von O.Tappe) ASEAS 2 (1) Kolonialzeit und Kalter Krieg Insgesamt betrachtet war das Vermächtnis Anuvongs ein zerstörtes und entvölkertes Gemeinwesen – mit bis heute spürbaren sozioökonomischen und erinnerungspoli- tischen Nachwehen. Als die Franzosen 1893 von Vietnam her kommend die Grenzzie- hung entlang des Mekong von Bangkok erzwangen, verleibten sie ihrem Kolonialreich Französisch-Indochina ein unterbevölkertes Rest-Laos ein, in denen die Lao kaum die Hälfte der Bevölkerung stellten. Der Rest verteilte sich in wenig erschlossenen Hochlagen auf unterschiedliche ethnische Gruppen.21 Trotz einiger französisch-sia- mesischer Konflikte blieb es weitgehend bei dieser Grenzziehung. Während der Kolo- nialzeit wurde Vientiane von den Franzosen erneut als Hauptstadt aufgebaut und da- mit regelrecht „wiedererweckt“. Nicht zuletzt durch Restaurierungsprojekte wie die Rekonstruktion des zerstörten Ho Pha Kaeo versuchten die Franzosen die Loyalität der laotischen Elite zu sichern, bedienten aber dabei auch bestehende Ressentiments gegen den im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs immer aggressiver gewordenen Pan- Thai-Nationalismus (vgl. Ivarsson, 2008, S. 117-120).22 Prinz Phetsarat, Vizekönig von Luang Prabang, war der herausragende Vordenker einer eigenständigen laotischen Nation (vgl. Maha Sila, 2003). Er betonte die Besonderheit der laotischen Kultur, Spra- che und Schrift und forderte politische Souveränität. War Phetsarat 1940 noch einer Thai-Lao-Konföderation zugeneigt gewesen, dachte er 1945, inspiriert von thailän- dischen nationalistischen Diskursen, über ein „Groß-Laos“ inklusive der laotisch be- siedelten Gebiete im thailändischen Nordosten nach: „This country which has been amputated of two-thirds of its territory [sic] – the richest and most populous – is not viable and cannot exist as a state“ (zit. n. Ivarsson & Goscha, 2007, S. 67). Noch 1946 versuchte die laotische Elite Vientianes darüber hinaus die Franzosen zu bewegen, neben Territorien am westlichen Mekongufer auch den Pha Kaeo von Thailand zu- rückzufordern, was aber am Widerstand der Thai und ihrer amerikanischen Verbün- deten scheiterte (Oun 1975, S. 57). Der Ho Pha Kaeo beherbergt heute ein Museum Bürgerkrieges hatte hingegen die enge Partnerschaft zwischen dem thailändischen Militärregime und der Laotischen Königlichen Regierung in Vientiane dazu geführt, dass der Konflikt zwischen Anuvong und Bangkok in einem offiziellen Geschichtswerk aus jener Zeit übergangen wurde (Mayoury & Pheuiphanh, 1998, S. 29). 21 Zum Thema Ethnizität in Laos siehe Vatthana Pholsena (2006, Kap. 6). 22 1939 wurde Siam in „Thailand“ umbenannt, womit sämtliche Gruppen der Tai-Kadai-Sprachfamilie umfasst werden sollten. Laos war damit aus Thai-Perspektive keine eigenständige Nation, sondern von den Franzosen annektiertes „verlorenes Territorium“ (vgl. Thongchai, 1995; Ivarsson, 2008). 18 ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong für buddhistische Kultur und bleibt durch das auffällige Fehlen des Namenspatrons ein traumatischer Erinnerungsort im Zentrum der laotischen Hauptstadt. Der Sma- ragdbuddha repräsentiert dagegen im Wat Phra Kaeo in Bangkok die Souveränität des thailändischen Königs. Während des laotischen Bürgerkrieges, der größtenteils mit dem Vietnamkrieg (1964-73/75) zusammenfiel, stand Thailand auf der Seite der Rechtskonservativen. Ge- neral Sarit unterstützte seinen Schwager Phumi Nosavan, seines Zeichens erbitterter Antikommunist und Ziehkind der Amerikaner (Toye, 1968, S. 147). Im Rahmen ihres „Geheimkrieges“ in Laos starteten die USA ab 1964 von thailändischen Stützpunkten aus (z.B. Udon Thani) täglich Bombenflüge über laotisches Territorium und bedien- ten sich thailändischer Söldner (Stuart-Fox, 1997, S. 136-140). Das Verhältnis zwischen Thailand und der Laotischen Demokratischen Volksrepublik war nach der Revolution von 1975 entsprechend eisig, die einstige Kommunikationslinie des Mekong-Flusses wurde zum so genannten „Bambusvorhang“. In den Jahren 1984 und 1987 kam es an der grünen Grenze der laotischen Provinz Sainyaburi zu kleineren Grenzscharmüt- zeln, in denen sich das laotische Militär dank vietnamesischer Unterstützung erfolg- reich schlug und diese Erfolge propagandistisch ausbeutete.23 Allerdings entspannte sich im Jahr 1988 das Verhältnis beider Länder, als der thailändische Ministerpräsident Chatichai Choonhavan die Parteispitze in Laos besuchte. Zur Annäherung hatte auch die vorsichtige Öffnungspolitik der Laotischen Revolutionären Volkspartei um ihren Vorsitzenden Kaysone Phomvihane beigetragen, die im Jahr 1986 mit wirtschaftlichen Reformen begann – fast zeitgleich mit der als doi moi bekannten vietnamesischen Reformpolitik (Stuart-Fox, 1997, S. 196-200). Die beiden sozialistischen Bruderstaaten hatten damit auf ihre kritische wirtschaftliche Situation reagiert. Thailand wiederum betrachtete Indochina zunehmend als Markt anstatt als Bedrohung und sah in der Öffnung von Laos eine gute Möglichkeit für die Entwicklung seiner wirtschaftlich rückständigen Peripherie, insbesondere im laotisch geprägten Nordosten (Siriluk, 2004, S. 308). Höhepunkt des politischen Tauwetters am Mekong war im Jahr 1994 die Eröffnung der ersten „Freundschaftsbrücke“ zwischen Vientiane und Nongkai.24 Kurz 23 Im runderneuerten Armeemuseum von Vientiane wird Anuvong gemeinsam mit heroischen Königen wie Fa Ngum und Setthathilat als Eckpfeiler des Jahrhunderte langen Kampfes um nationale Einheit und Unabhängigkeit gerühmt, der letzten Endes durch die Partei mit der Revolution 1975 siegreich beendet werden sollte. Dieses genealogische Schema entspricht jenem der staatlich gelenkten Historiographie in Laos. 24 Im April 2009 wurde der 15. Jahrestag der Brückenöffnung gefeiert. Dabei wurden einem Sekretär des thailändischen Verkehrsministeriums von der laotischen Presse bemerkenswerte Worte zugeschrieben: ”He said there were no two 19 ASEAS 2 (1) zuvor hatte mit Prinzessin Sirindhorn zum ersten Mal ein Mitglied der thailändischen Königsfamilie die Laotische Demokratische Volksrepublik besucht. Diese Ereignisse markierten die Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Nachbarn so- wie die allmähliche Anerkennung der laotischen Souveränität durch Bangkok (vgl. Keyes, 2000). Mittlerweile betreut Prinzessin Sirindhorn Entwicklungs- und Schulpro- jekte in Laos und ist ein willkommener Staatsgast („Thai princess visits Laos“, 2007). Gegenwärtige Tendenzen im laotisch-thailändischen Verhältnis Seit dem Beitritt von Laos zur Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) im Jahr 1997 haben sich die Volksrepublik und Thailand vor allem auf wirtschaftlicher Ebe- ne weiter angenähert. Der expandierende Industriesektor in Thailand verlangt nach Elektrizität, die durch Wasserkraftwerke in Laos geliefert werden soll. Großprojekte wie der Nam Theun II Staudamm sind fast ausschließlich für den Stromexport nach Thailand konzipiert. Daneben importiert Thailand laotische Bodenschätze und Holz (im Wert von 48,8 Millionen USD zwischen Januar und September 2007) und expor- tiert hauptsächlich Konsumgüter und Baumaterial (für 882 Millionen USD im gleichen Zeitraum) ins Nachbarland (Lintner, 2008, S. 178-179). Zwar ist die ökonomische Dis- krepanz zwischen den beiden Ländern immer noch beträchtlich – dem laotischen BIP von pro Kopf 669 USD stehen 3.732 USD in Thailand gegenüber25 –, doch zumindest in den laotischen Städten entlang des Mekong ist nicht zuletzt dank thailändischer In- vestitionen ein unübersehbarer wirtschaftlicher Aufschwung zu verzeichnen. Offen- sichtlich scheint der gerne belächelte arme Nachbar Laos für die thailändische Wirt- schaft zunehmend interessant zu werden. So ließ die thailändische Tageszeitung „The Nation“ in ihrer Ausgabe vom 28. Juli 2006 einen Geschäftsmann die Worte „Schaut nach Laos!“ sagen und von Investitionsmöglichkeiten schwärmen. Tatsächlich sind in den letzten Jahren viele Joint-ventures entstanden, und hinsichtlich des Investitions- volumens buhlt Thailand mit den ebenfalls in Laos aktiven Nachbarn China und Viet- countries in the world that shared closer or more lengthy ties than the peoples of Laos and Thailand” (Panyasith, 2009). 25 IMF-Schätzung 2007. Zuletzt zugegriffen am 3. März 2009 unter http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2008/02/ weodata/index.aspx 20 ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong nam um die Spitzenplätze.26 Gemeinsam mit China hat Thailand den vieldiskutierten Highway No. 3 durch den laotischen Nordwesten bauen lassen. Von Thailand nach Vietnam ist ebenfalls ein Schnellweg durch Laos errichtet worden. Die Asian Deve- lopment Bank strebt mit ihrer Förderung von Infrastruktur- und Staudammprojekten die weitere Entwicklung des Wirtschaftsraums „Greater Mekong Subregion“ an (vgl. Thant, 2002). Brückenprojekte am Mekong sind auffällige Ikonen der regionalen In- tegration und werden von Vientiane und Bangkok gleichermaßen als ökonomische Entwicklungsschübe gefeiert (vgl. Abb. 4). Auch in der Frage nach dem Umgang mit den nachrevolutionären Hmong-Flüchtlin- gen aus Laos herrscht zwischen den Regierungen Einvernehmen – zum Leidwesen vieler Hmong und westlicher Menschenrechtsschützer. War die einst auf Seiten der USA gegen die laotischen Kommunisten kämpfende Fraktion dieser ethnischen Min- derheit lange Zeit von Bangkok als Stachel im Fleisch des Klassenfeinds geduldet, bezeichnet die thailändische Regierung sie nun als Wirtschaftsflüchtlinge und löst die Flüchtlingslager nach und nach auf. Zwar verspricht Vientiane eine korrekte Be- handlung und Integration der Rückkehrer (vgl. Meuangkham, 2008), doch die Angst 26 Zwischen 2001 und 2008 wurden von thailändischer Seite 1,3 Milliarden US$ in Laos investiert, wie im Januar 2009 anlässlich des ersten Laos-Besuchs des neuen thailändischen Premiers Abhisit Vejjajiva berichtet wurde. Im Jahre 2007 betrug das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern 1,7 Milliarden USD, was Thailand zum wichtigsten Handelspartner von Laos macht (MCOT.net, 23. Januar 2009. Zuletzt zugegriffen am 28. April 2009 unter http://enews. mcot.net/view.php?id=8294). 21 Abb. 4: Mekong-Brücke (10.000-Kip-Banknote, Rückseite, 2002). (Copyright Bank of Lao PDR) ASEAS 2 (1) vieler Hmong vor Repressalien bleibt.27 Weitere thailändisch-laotische Annäherungen sind in Sachen Tourismus zu ver- zeichnen. Fast die Hälfte der 1,4 Millionen Besucher des Jahres 2007 kam aus Thailand (Seibel, 2008, S. 290). Die meisten Touristen besuchen die Weltkulturerbestätten Lu- ang Prabang und Wat Phu (Champasak) und erfreuen sich an einem von Modernisie- rungstendenzen – in der thailändischen Heimat oft als negativ empfunden – bislang wenig in Mitleidenschaft gezogenem Land, in dem die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Die laotische buddhistische Kultur wird trotz der erheblichen Einschnitte durch Revolution und Sozialismus (vgl. Ladwig, 2007) als „authentisch“ betrachtet und als noch nicht so „verwestlicht“ wie in Thailand wahrgenommen. Dies gilt vor allem für die Besucher aus dem Isan, dem thailändischen Nordosten, wo wie erwähnt die Mehrheit der Lao lebt. Die laotische Presse interpretiert die Besucherströme der thai- ländischen Lao sehr einseitig, wenn sie wie die „Vientiane Times“ titelt: „Isaan turns its back on westernised home“ (24. Mai 2004) oder „Isaan people miss their culture“ (31. Mai 2004). Die Lao in Nordost-Thailand sind in einem diskursiven Spannungsfeld gefangen: Sie bezeichnen sich selbst oft als khon isan, um die Zugehörigkeit zu Thai- land zu demonstrieren und die als minderwertig wahrgenommene laotische Identität zu verneinen (vgl. McCargo & Krisadawan, 2004). Die laotische Sprache – oder phasa isan in Thailand – wird dort als untergeordneter Dialekt abgetan, während die sprach- liche Kompetenz des Zentralthai als entscheidend für Bildung und Karriere gilt. Es bleibt abzuwarten, inwieweit der touristische Kontakt mit dem laotischen „Kulturer- be“ (Lao: munmòladok vatthanatham) in Laos die Bevölkerung des Isan dahingehend beeinflusst, sich näher mit ihren laotischen kulturellen Wurzeln zu befassen.28 Trotz des zunehmenden Austauschs in vielen Bereichen kommt es zwischen Thai und Lao weiterhin zu Unstimmigkeiten. Selbst scheinbar harmlose Elemente der Po- pulärkultur sorgen hin und wieder für diplomatische Dissonanzen. Vor allem die als erniedrigend wahrgenommenen Darstellungen der Lao in thailändischen Filmen sind in diesem Zusammenhang zu erwähnen. So kam es im Jahr 2001 zu Verstimmungen, 27 Tausende Hmong sollen noch dieses Jahr repatriiert werden, wobei sich die Regierungen beider Länder jegliche externe Einmischung verbitten und damit Organisationen wie Human Rights Watch erst recht alarmieren (McCartan, 2009). Im Jahr 2008 wurde in den USA der einst vom CIA protegierte greise Hmong-Führer Vang Pao wegen angeblicher Pläne, in Laos einen Putsch zu organisieren, verhaftet. Hatte die amerikanische Regierung jahrelang seine aggressive Lobbytätigkeit im Exil gegen die laotische Regierung stillschweigend hingenommen, ist sie mittlerweile an einem instabilen Laos inmitten der ASEAN-Gemeinschaft alles andere als interessiert (vgl. Weiner, 2008). 28 Zur Beziehung zwischen Bangkok und Isan im Kontext der thailändischen Nationsbildung siehe Keyes (1967) und Grabowsky (1993). 22 ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong nachdem Vientiane erbittert gegen die Verfilmung der Niederlage Anuvongs bei Ko- rat protestiert hatte (Chayanit, 2001). Thao Suranari, die Protagonistin des Filmes, ist zwar historisch nicht belegt, erfährt aber dennoch in der Thai-Historiographie und als Schutzpatronin von Korat großes Ansehen. In der Thai-Historiographie gilt Thao Suranari (auch als Ya Mo bekannt) als Nationalheldin, welche die laotische „Rebel- lion“ zurückgeschlagen habe, indem sie und andere Frauen die laotischen Soldaten betrunken gemacht und schließlich überwältigt habe (Manich, 2000, 187). Die thai- ländische Historikerin Saipin Kaewngamprasert weist jedoch darauf hin, dass es kei- ne historischen Belege für diese Gestalt gibt, die Errichtung einer Statue der Heldin im Jahr 1934 eher auf politisches Kalkül des Zentralstaats, die Loyalität von Korat zu sichern, zurückzuführen sei. Nach erbitterten Protesten der Bevölkerung von Korat wurde ihr kritisches Buch jedoch verboten (vgl. Jory, 2003).29 Dies zeigt deutlich, wie sehr sich Thao Suranari als Identifikationsfigur für die Region und als Kristallisations- punkt lokalen Stolzes etabliert hat (vgl. Evers & Korff, 2003, S. 102-107; Keyes, 2002). Demgegenüber bedeutet der Kult um die angebliche Bezwingerin Anuvongs für Laos eine ständige Provokation und Aktualisierung der historischen Demütigung, was die schrillen Reflexe angesichts dieses Filmprojekts erklärt – zumal viele der heutigen sozioökonomischen und demographischen Widrigkeiten in Laos ihren Ursprung in jenem fatalen Konflikt haben. Möglicherweise als Reaktion darauf sind die Pläne der laotischen Regierung zu werten, eine martialische Statue von König Anuvong an den Gestaden des Mekong zu errichten, das Schwert gen thailändisches Ufer gezückt (MIK, 2002, S. 11). Im Gegensatz zur Statue des Königs Fa Ngum wurde das Standbild für Anuvong bislang nicht realisiert, sei es aus Rücksicht auf die verbesserten Bezie- hungen zu Thailand oder lediglich aus Geldmangel.30 An Konfrontation scheint der laotischen Regierung ohnehin nicht gelegen sein. So betont auch der damalige Au- ßenminister Somsavat Lengsavat in seinem Vorwort zu einem Geschichtsbuch über Anuvong das heutige einträchtige Verhältnis beider Mekong-Anrainer (NUL, 2002, S. 1-4). Wie anhand der geplanten Verfilmung der Geschichte von Thao Suranari ersichtlich 29 Laotische Historiker wie Souneth Photisane nehmen diese Diskussionen auf und tun Thao Suranari als mythologische Gestalt ab. Es sei vielmehr der „Verrat“ von laotischen Fürsten im Raum Korat gewesen, der Anuvongs „Mission“ vereitelt habe (Souneth, 2002, S. 109). 30 Souksakhone (2009) zufolge soll allerdings zum Anlass des 450. Geburtstags der Hauptstadt Vientiane im Jahr 2010 eine Statue des berühmten Sohns der Stadt errichtet werden. 23 ASEAS 2 (1) ist, trüben unterschwellige Ressentiments und Vorurteile die Lao-Thai-Beziehung. In thailändischen Filmen und Seifenopern werden die Lao gerne als „Dorfdeppen“ dar- gestellt, als „unzivilisierter“ als die Thai.31 Für einen Eklat sorgte auch die beiderseits des Mekong populäre laotische Sängerin und Schauspielerin Alexandra Bounxouai, als sie in einem umstrittenen Interview ihre Geburt auf der „falschen“ Seite des Me- kong bedauerte (Rehbein, 2007, S. 120) und als Darstellerin in einer thailändischen Seifenoper – Thai TV wird mittlerweile in ganz Laos empfangen – die laotische Na- tionalblume Dok Champa in eine Mülltonne warf. Ebenfalls für Proteste und diplo- matische Intervention sorgte der Film „Lucky Losers“, der zur Fußball-Weltmeister- schaft 2006 in die Kinos kam. Er sollte ursprünglich von einem thailändischen Trainer handeln, der das eher unterdurchschnittlich veranlagte laotische Nationalteam zur WM nach Deutschland führt – indem er es unter anderem zur Akklimatisierung in einen Kühlwagen sperrt und die Haare blond färbt. Die alberne Handlung wurde von der laotischen Regierung als Verunglimpfung betrachtet. Interessanterweise war der thailändischen Regierung, die bereits den Film über Thao Suranari verhinderte, das zwischenstaatliche Verhältnis wichtiger als künstlerische Freiheit, und der Regisseur musste den Film neu schneiden. Verweise auf Laos wie Flagge oder Schriftzeichen wurden entfernt, die Fußballmannschaft als Reprä- sentant einer fiktiven Nation namens „Awee“ dargestellt (Rithdee, 2006). Nach all diesen Unstimmigkeiten sorgte 2008 der Film „Sabaidee Luang Prabang“ für angenehme Zwischentöne, die von gegen- seitigem Respekt kündeten (Rithdee, 2008). Hauptdarsteller Ananda Everingham, in Thai- land ein Superstar, beteiligte sich mit Hin- weis auf seine laotischen Wurzeln an der Finanzierung des Projekts. In Gesprächen 31 Dagegen treten die Birmanen meist als Barbaren auf und werden seitens der Thai als „wicked and heretical, the Evil One compared to Siam-the-true-Buddhist“ (Thongchai, 2000, S. 545) betrachtet. Vergleiche dazu die Diskussion zum Thema „historische“ Filme im Blog New Mandala, zuletzt zugegriffen am 20. April 2009 unter http://rspas.anu. edu.au/rmap/newmandala/2007/05/22/thai-cinematic-war-with-burma/ 24 Abb. 5: Filmplakat Sabaidee Luang Prabang ASEAS 2 (1) Oliver Tappe - Nachbarschaftsstreit am Mekong zeigten sich thailändische Besucherinnen und Besucher des Films vor allem davon beeindruckt, wie respektvoll die laotische Kultur in Szene gesetzt wurde. Auch die laotische Gastfreundschaft wurde hervorgehoben, worin sich seitens der Thai eine leichte Verklärung von Laos als verlorenes Paradies mit intakten Familienstrukturen und dörflicher Beschaulichkeit ausdrückt. Das Filmplakat (Abb. 5) unterstreicht den Gegensatz zwischen thailändischer Urbanität und laotischer landschaftlicher Idylle. Dieser Film mit seinem farbenfrohen Bilderspektrum und warmherzigen Grundtenor wird womöglich den Laos-Tourismus weiter ankurbeln. Ausblick Die Darstellung der laotisch-thailändischen Geschichte hat gezeigt, dass die einstige Feindschaft, repräsentiert durch den Feldzug Anuvongs und der anschließenden Ver- wüstung Vientianes, heute einer engen politischen und wirtschaftlichen Zusammen- arbeit gewichen ist, und wieder vermehrt die enge kulturelle Verwandtschaft der beiden Völker in den Blickpunkt rückt. Gegenwärtig stehen im Lao-Thai-Verhältnis die Zeichen auf Kooperation und Aus- tausch. In den Bereichen Handel und Tourismus, aber auch bei sensiblen Themen wie den Hmong-Flüchtlingen, herrscht weitgehend Einvernehmen. Ein Indiz für die Harmonie zwischen Laos und Thailand ist auch der Umstand, dass der neue thailän- dische Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva seine erste Auslandsreise im Januar 2009 nach Vientiane machte, wo er gemeinsam mit seinem laotischen Amtskollegen Bou- asone Bouphavanh versöhnlich einen Kranz am „Stupa des unbekannten Soldaten“ ablegte. Abhisit bekräftigte weiterhin die Absicht zu intensivierter Entwicklungshilfe für Laos, unter anderem hinsichtlich thailändischer finanzieller und technischer Un- terstützung für Laos als Ausrichter der Südostasien-Spiele im Dezember 2009 („Laos, Thailand strengthen”, 2009).32 Auch die nächste internationale Conference on Lao Studies, die im thailändischen Khonkhaen die Lao beider Mekong-Ufer sowie aus dem amerikanischen und europä- 32 Diese positiven Entwicklungen in der Außenpolitik kontrastieren scharf mit der unruhigen innenpolitischen Lage in Thailand. Die Abhängigkeit ihrer Wirtschaft von Thailand lässt die laotische Regierung wahrscheinlich mit Sorge auf das Nachbarland blicken. Kommentare von laotischer Seite zur gegenwärtigen Situation in Thailand sind mir bislang nicht bekannt. 25 ASEAS 2 (1) ischen Exil zu Diskussionen über die gemeinsame Kultur und Geschichte zusammen- führen wird, verspricht weitere Annäherungen – gerade durch die Möglichkeit des Meinungsaustauschs zwischen Studierenden und Gelehrten aus Laos und Thailand.33 Dennoch ist zu erwarten, dass Chao Anuvong als Geist der laotisch-thailändischen Vergangenheit auch über dieser Konferenz schweben und für Diskussionsstoff sorgen wird. Bibliographie Anmerkung: Das Onlinearchiv der Vientiane Times ist ausschließlich für Abonnement-Kunden frei zu- gänglich. Kopien der genannten Zeitungsartikel befinden sich im Archiv des Autors. Army won’t send more troops to temple area. (2009, 7. April). Bangkok Post. Zuletzt zugegriffen am 22. April 2009 unter http://www.bangkokpost.com/news/local/14651/army-won-t-send-more-troops- to-temple-area Breazeale, K. (1975). 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