Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 8180 do i 1 0. 42 32 /1 0. A SE A S- 6. 1- 5 Aktuelle Südostasienforschung / Current Research on South-East Asia Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauen- rechtsaktivistinnen in Aceh Kristina Großmann1 Citation Großmann, K. (2013). Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh. ASEAS - Österreichische Zeitschrift für Südostasienwissenschaft, 6(1), 81-101. Muslimische Aktivistinnen nehmen in Aceh eine wichtige Rolle ein, indem sie soziale und politische Missstände zu beseitigen versuchen und Frauenrechte fördern. Im Aushandlungsprozess ihrer Visi- onen eines neuen Acehs positionieren sie sich zwischen ihrer persönlichen islamischen Religiosität und acehischen Identität sowie zwischen dem Nationalstaat und internationalen Konventionen. Die Frage nach den Erfahrungen und Einfl ussfaktoren, die Motive, Ziele, Strategien und Umsetzung frauenrechtlicher Arbeit von Aktivistinnen in Aceh bedingen, steht im Mittelpunkt dieses Artikels. Basierend auf einer 11-monatigen ethnologischen Feldforschung und biographischen Interviews in Aceh, argumentiert die Autorin, dass muslimische Aktivistinnen ihre frauenfördernde Arbeit nicht mit eigenen Erfahrungen der Benachteiligung durch patriarchale Strukturen begründen, son- dern die anfängliche Triebfeder in der Betroff enheit, Empathie und Solidarität mit physisch und psychisch versehrten weiblichen Kriegsopfern sehen. Nach steigender Institutionalisierung und Kommerzialisierung von Wiederaufbau- und Entwicklungshilfe nach dem Tsunami 2004 empfi nden Aktivistinnen hohe Diskrepanzen zwischen den Zielen der GeldgeberInnen und lokalen Organisati- onen und plädieren für eine Rückbesinnung auf die Bedürfnisse von Frauen an der Basis. Schlagworte: Aceh; Biografi e; Frauenrechte; Gender; Islam Muslim women activists in Aceh play a central role in eliminating social and political ills and promoting women’s rights. In their visions of a new Aceh, they situate themselves between their Islamic belief and Acehnese identity as well as between the nation state and international conven- tions. The central question presented in this article relates to experiences and factors which infl u- ence the aspirations, goals, strategies, and implementation of women’s rights work among women activists in Aceh. Based on an 11-month ethnographic fi eld research and biographic interviews, the author argues that Muslim women activists do not perceive their work for the advancement of women as a result of their own experiences of discrimination by existing patriarchal structures. Rather, the source of their engagement lies within their empathy and solidarity with physically and psychologically suff ering female confl ict victims. Due to the increasing institutionalization and commodifi cation of reconstruction and development aid after the tsunami of 2004, women activists recognize large discrepancies between the aims of foreign donors and those of local orga- 1 Kristina Großmann arbeitet als Akademische Rätin am Lehrstuhl für Vergleichende Kultur- und Entwicklungsforschung – Südostasien der Universität Passau, insbesondere zu den Themen Gender, Islam, Prozesse von Modernisierung und Glokalisierung, zivilgesellschaftliche Organisationen und Friedens- und Konfliktforschung in Südostasien, vor allem in Aceh, Indonesien. Aktuelle Publikationen beinhalten die Monografie Gender, Syariat Islam, Aktivismus: Handlungsräume muslimischer Aktivistinnen nach dem Tsunami in Aceh, Indonesien (2013) und den Sammelband Gewalt gegen Frauen in Südostasien und China. Rechtslage, Umgang, Lösungsansätze (2013) – beide herausgegeben bei regiospectra (Berlin). Kontakt: grossmannkristina@yahoo.de ASEAS 6(1) 8382 nizations and emphasize a return to women’s needs at the grassroot level. Keywords: Aceh; Biography; Gender; Islam; Women’s Rights Einleitung Aceh Nanggroe Darussalam, die nordwestlichste Provinz Indonesiens – die den Na- men Veranda Mekkas (Serambi Mekka) trägt – ist dafür bekannt, dass sich große Teile der Bevölkerung auf ihre islamische Identität berufen.2 Als einzige Provinz Indonesi- ens werden seit dem Jahr 1999 sukzessive strafrechtliche Aspekte der Syariat Islam eingeführt. Die Implementierung der Syariat Islam in Aceh ist zum einen in den Trend der Politisierung von Islam und der steigenden Islamisierung in Indonesien eingebet- tet. Zum anderen trugen Dynamiken innerhalb des Versuchs der Befriedung des fast 30 Jahre andauernden sezessionistischen Kampfes der Bewegung Freies Aceh (Gera- kan Aceh Merdeka, GAM) und der Tsunami im Jahr 2004 zu einer religiösen Revitalisie- rung bei.3 Die Naturkatastrophe katalysierte und perpetuierte den Friedensprozess in Aceh. Das im August 2006 ausgefertigte nationale Gesetz über die Regierung und Ver- waltung Acehs 11/2006 bildet die rechtliche Grundlage für eine politische und wirt- schaftliche Neukonfiguration Acehs nach dem Tsunami.4 Der Friedensprozess wurde von dem Verband Südostasiatischer Nationen (Association of Southeast Asian Nations, ASEAN) und der Europäischen Union (EU) vermittelt und überwacht, und den Wie- deraufbau finanzierten und koordinierten zu einem großen Teil internationale Or- ganisationen. Die Erhöhung von Frauenrechten und die Partizipation von Frauen ist auch in Aceh ein fester Bestandteil der entwicklungspolitischen Agenda. Zudem ist die Bezugnahme auf den Islam und die Durchsetzung islamischer Werte und Normen, wie die sukzessive Einführung der Syariat Islam zeigt, augenscheinlich ein wichtiger 2 Siehe Edward Aspinall (2009) für die Darstellung der Ausbildung einer speziellen acehischen Identität, die den Islam als Hauptbezugspunkt nimmt. 3 Obwohl das nationale Dezentralisierungsgesetz 44/1999 im Jahr 1999 die Provinz Aceh bereits legitimierte, die Syariat Islam zu implementieren (Miller & Feener, 2010), was als Vorstoß einer politischen Lösung des Aceh-Konflikts gesehen werden kann, wurde der bewaffnete Konflikt erst im Jahr 2005 beendet (vgl. Miller, 2009, für weitere Informationen über die Auswirkungen der Dezentralisierung auf Konfliktlösungen). Weitere Analysen bezüglich des Zusammenspiels von religiöser Revitalisierung und der verstärkten Einführung der Syariat Islam nach dem Tsunami siehe Feener (2013) und Großmann (2013). Mehr Informationen zur formellen Ebene der Einführung der Syariat Islam siehe Lindsey, Hooker, Clarke, und Kingsley (2007). Eine gute Analyse der Islamisierung von nationalem Recht gibt Salim (2008). 4 Einen guten Überblick der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Neukonfiguration Acehs nach dem Konflikt und dem Tsunami bietet Stange, Großmann, und Patock (2012). ASEAS 6(1) 8382 Referenzrahmen. Acehische muslimische Frauenrechtsaktivistinnen entwickeln und rechtfertigen Visionen für ein neues Aceh, stellen Forderungen, entwickeln Strate- gien und setzen ihre Agenden um. Sie positionieren sich im Aushandlungsprozess zwischen ihrer persönlichen islamischen Religiosität und acehischen Identität, dem Nationalstaat sowie internationalen Konventionen. Frauen, die sich kontinuierlich über einen langen Zeitraum öffentlich für Men- schen- und Frauenrechte und dabei für die Interessen von Mitgliedern marginali- sierter Gruppen einsetzen, bilden einen sehr kleinen Anteil der Bevölkerung. Welche Erfahrungen und Einflussfaktoren bedingen die Motive, Ziele, Strategien und Um- setzung frauenrechtlicher Arbeit von muslimischen Aktivistinnen in Aceh? Welche Triebfedern beschreiben sie für ihr anfängliches Engagement? Warum engagieren sie sich langjährig im zivilgesellschaftlichen Bereich und setzen sich dabei für die Inter- essen anderer Frauen ein? Welche externen Faktoren bedingen ihre Agenda und die Umsetzung ihrer Ziele? Die Beantwortung dieser Fragen wird im folgenden Artikel verfolgt, wobei die emische Perspektive von Aktivistinnen im Vordergrund steht. Im ersten einleitenden Abschnitt werde ich die Selbstwahrnehmung, Ziele und Strategi- en von muslimischen Aktivistinnen darstellen. Anhand von retrospektiven Beschrei- bungen biografischer Aspekte widme ich mich in dem zweiten Abschnitt des Artikels der Darlegung des Arguments, dass die Weitergabe eines bestimmten Wertekanons innerhalb der familiären Sozialisation von Aktivistinnen für die Ausprägung ihres so- zialen und politischen Engagements von Bedeutung ist. Die darauf folgenden Darstel- lungen der initiierenden Momente, weiteren Entwicklung und aktuellen Ausrichtung von frauenfördernder Arbeit muslimischer Aktivistinnen vor dem Hintergrund des Konflikts und des Tsunami beantworten die Frage nach der Triebfeder für ihr anfäng- liches Engagement und der Herausarbeitung von externen Faktoren, die ihre Agenda und die Umsetzung ihrer Ziele im Weiteren bedingen. Die in diesem Artikel präsentierten Forschungsergebnisse basieren in erster Linie auf biografischen Interviews mit Aktivistinnen, die ich innerhalb meiner insgesamt 11-monatigen ethnologischen Feldforschung zwischen 2008 und 2011 in der Haupt- stadt Banda Aceh und in Lhokseumawe durchführte. Ein biografisches Interview – als spezifische Unterform des narrativen Interviews – eignet sich in besonderem Maß zur Erfassung der subjektiven Repräsentation und retrospektiven Darstellung von Ereignissen (Atkinson, 1998). Biografische Selbstrepräsentation gibt nicht nur einen Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 8584 Einblick in die vergangene Lebensgeschichte, sondern auch in die Neuordnung der biografischen Erlebnisse aus der heutigen Sicht und Position innerhalb der Gesell- schaft (Rosenthal, 1995, S. 13). In diesem Sinn stellen biografische Erzählungen mehr als die Geschichten von individuellen Anstrengungen dar. Sie sind vielmehr in die Interaktionen mit anderen Personen eingebettet, nehmen Bezug zu spezifischen Er- eignissen und basieren auf erlangtem Wissen und Erfahrung. Die Analyse biografi- scher Interviews ist in besonderem Maß dafür geeignet, die persönlichen Aspekte des sozialen Engagements von Aktivistinnen – also ihr Selbstverständnis und ihre Motivation – herauszuarbeiten. Komplementär zu diesen internen Faktoren stelle ich externe Faktoren – wie strukturelle Dimensionen und historische Ereignisse – dar. Die Verflechtung beider Ebenen präsentiert ein plastisches Bild der Handlungskoordinati- on frauenrechtlicher Arbeit von muslimischen Aktivistinnen in Aceh und leistet einen Beitrag zu Erklärungsmodellen für aktuellen politischen und sozialen Aktivismus. Die Bezeichnung ‚muslimische Aktivistinnen’ in diesem Artikel bezieht sich auf neun Frauen, mit denen ich während meiner Forschung besonders intensiven Kon- takt hatte und die Schlüsselpersonen in dem Bereich der Frauenrechtsarbeit in Aceh sind. Sie haben in den 1980er und 1990er Jahren eine Organisation mit dem Schwer- punkt Frauenförderung und Frauenrechtsarbeit in den Städten Lhokseumawe oder Banda Aceh gegründet oder waren aktiv am Gründungsprozess beteiligt. Ich nenne sie anonymisiert Asmah Sari, Cut Nurdin, Dewi, Eka Diani, Ella Diani, Ilmu, Rika Syam, Salma Mahdi und Tia. Sie sind seitdem hauptamtlich in diesen oder anderen lokalen Organisationen in diesem Bereich tätig und bestimmen maßgeblich die inhaltliche und strukturelle Ausformung von organisierter zivilgesellschaftlicher Frauenförde- rung in Aceh. Das Adjektiv muslimisch verwende ich, um deutlich zu machen, dass für diese Schlüsselpersonen im Bereich des Frauenrechtsaktivismus in Aceh der islamische Glaube immanenter Bestandteil des Denkens, Handelns und Fühlens ist. Religiosität ist intrinsisch mit der eigenen Identität, Weltanschauung und dem System der Sinn- gebung verbunden. Dies wird an der spezifischen Kritik muslimischer Aktivistinnen gegenüber der Einführung von islamischem Strafrecht deutlich, wie im ersten Ab- schnitt des Artikels über Ziele, Strategien, Selbst- und Fremdwahrnehmung explizit dargestellt wird. ASEAS 6(1) 8584 Selbstwahrnehmung, Ziele und Strategien Die Bezeichnung für Aktivistin oder Aktivist in der Landessprache Indonesiens, Baha- sa Indonesia, lautet aktivis oder aktifis. Perempuan ist die Bezeichnung für Frau. Aktivis perempuan beschreibt eine Aktivistin, die sich für Frauenbelange einsetzt. Muslimi- sche Aktivistinnen in Aceh gehen mit der Selbstbezeichnung aktivis perempuan äu- ßerst strategisch und reflexiv um. Sie verwenden den Ausdruck situativ und kon- textabhängig, das heißt nur in der Abwesenheit beziehungsweise Anwesenheit spe- zifischer Personen, denn sie sehen die Verwendung der Bezeichnung in bestimmten Situationen als hinderlich beziehungsweise förderlich für das Erreichen ihrer Ziele an. Die angeführten Gründe für die negative oder positive Bewertung sind dabei weitest- gehend identisch, unterschiedlich ist die Konnotation der Kriterien. Die Bezeichnung aktivis weckt oftmals zwei Assoziationen: zum einen den vehementen und öffentli- chen Einsatz für spezifische Inhalte, zum anderen die Verbindung mit dem englischen Wort activist. Die mit diesen Bildern verbundenen Bewertungen der jeweiligen Per- sonen stehen sich oftmals diametral gegenüber. In Gesprächen mit lokalen politi- schen oder religiösen Autoritäten vermeiden Aktivistinnen die Bezeichnung aktivis, da diese als Lehnwort aus der amerikanischen oder englischen Sprache angesehen und mit westlicher Hegemonie in Verbindung gebracht wird. Ebenso weckt in loka- len Kontexten die assoziierte Nähe von aktivis zu missionarischem Eifer Misstrauen. Aktivis werden in religiösen Zusammenhängen als missionarisch oder fanatisch an- gesehen, religiöse Missionare werden beispielsweise aktivis Islam oder aktivis Kristen genannt. In internationalen Kontexten hingegen, beispielsweise in Gesprächen mit Vertretern und Vertreterinnen von internationalen Organisationen oder in Vorträgen und Diskussionen auf Konferenzen, verwenden Aktivistinnen durchaus die (Selbst-) Bezeichnung aktivis perempuan. Die Aktivistin Tia, die bereits für zahlreiche interna- tionale Organisationen gearbeitet hat, erklärt dies damit, dass die oben genannten Assoziationen des vehementen und öffentlichen Einsatzes für spezifische Inhalte und die Verbindung mit dem englischen Wort activist in internationalen Kontexten als Qualifikationen angesehen werden. Große Einsatzbereitschaft werde sehr positiv be- wertet, so Tia, und die Entsprechung des indonesischen Ausdruckes aktivis mit dem englischen activist erzeuge die Annahme, dass über ähnliche Kategorien, Inhalte und Ziele gesprochen werde. Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 8786 Die Aktivistinnen Tia, Asmah Sari und Eka Diani definieren aktivis perempuan als eine Person, die sich für Frauen- und Menschenrechte und einen humanistischen und gerechten Islam einsetze. Es sei des Weiteren eine Frau, die gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung (kezaliman) kämpfe, die Männer als Verbündete mit einbeziehe und den Kampf für Frauen- und Menschenrechte als einen integralen Teil ihres Selbst ansehe.5 Um diese Ziele umzusetzen, führen Aktivistinnen Projekte und Programme auf der persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Ebene durch. Die Aktivitäten betreffen den ökonomischen, politischen, rechtlichen, soziokulturellen und religiö- sen Bereich. Frauenförderung soll auf jeder Ebene erfolgen und integraler Bestandteil jeder Entwicklung sein. Programme, die Aktivistinnen daraus entwickeln, betreffen die Aspekte Armut, Gesundheit – dabei vor allem Mütter- und Kindersterblichkeit – Bildung, Rechtsgleichheit, gesunde Umwelt, Partizipation in gesellschaftlichen und politischen Bereichen und Gewalt. Dabei gibt es Programme, die in erster Linie die persönliche Ebene von Frauen betreffen und vor allem darauf abzielen, Frauen zu stärken, damit diese gegen pa- triarchale Strukturen vorgehen können. Dabei ist Empowerment von Frauen, pem- berdayaan perempuan oder penguasaan perempuan, eine grundlegende Methode und Bestandteil vieler Programme. Pemberdayaan wird von Aktivistinnen als ein Prozess beschrieben, in dem die Möglichkeiten (menciptakan suasana) und Kapazitäten (mem- perkuat potensi) über Entscheidungsprozesse in sämtlichen privaten und öffentlichen, zivilen und politischen Bereichen von Frauen vergrößert werden. Ein weiterer Bereich auf der persönlichen Ebene ist Fürsprache (advokasi). Dies beinhaltet die Fürsprache und die Verteidigung von Frauen, die unter staatlicher und privater Gewalt in sozi- alen, ökonomischen, kulturellen und rechtlichen Bereichen leiden. Neben Beratung und Unterstützung von Frauen in Streitigkeiten, beinhaltet dies auch die Bildung von Schutzräumen. Eine weitere Strategie auf der persönlichen Ebene ist, die Kapazitäten von Frauen zu stärken (capacity building). Hierbei wird der englischsprachige Aus- druck übernommen. Meist beinhaltet dies die Schulung von Multiplikatorinnen und den Aufbau von lokalen Kadern, welche die numerische sowie die substantielle Par- tizipation von Frauen vor allem in Führungspositionen erhöhen soll. Im Bereich des community empowerment und livelihood and economic recovery – auch hier werden 5 Fokusgruppendiskussion mit Tia, Asmah Sari und Eka Diani, 2. Februar 2010, Banda Aceh. Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 8786 in der Regel die englischsprachigen Begriffe übernommen – sollen lokale Gemein- schaften auf der grassroot-Ebene in erster Linie ökonomisch gestärkt werden.6 In Anlehnung an das Konzept von community development werden Mikrofinanzierungs- programme aufgebaut, die darauf abzielen, das Einkommen von Frauen zu erhöhen. Obwohl die seit Jahrzehnten durchgeführten Evaluationen Kritik an der Umsetzung dieser Programme formulieren und deren Neukonzeptionalisierung fordern (Berning- hausen & Kerstan, 1991), sind kaum Veränderungen festzustellen. So beschreibt Linda Pennels (2008), dass frauenspezifische Mikrokreditvergaben in Aceh häufig zu der Dreifachbelastung von Reproduktion, Gemeinschaftsarbeit sowie Lohnarbeit führen und in vielen Fällen den Druck und die Arbeitsbelastung für Frauen erhöhen (S. 5). Eine nach dem Tsunami sehr verbreitete Methode, Information und Bewusstseins- bildung bezüglich Frauenrechten zu fördern, ist die sogenannte Kampagnenarbeit. Dies beinhaltet die Durchführung von Schulungen, Diskussionen, Seminaren, Work- shops, Übungen, Beratungen und ebenso das Verteilen von Broschüren und Postern. Themenkomplexe, die nach der Einführung der Syariat Islam und dem Tsunami ver- stärkt Beachtung erfuhren, liegen im Bereich der verstärkten Zusammenarbeit nicht- staatlicher und staatlicher Frauenförderung, der Verankerung von Frauenrechten auf der normativen Ebene, wie die Verabschiedung der Charta der Rechte der Frau in Aceh und die Beteiligung bei der Schaffung von islamischem Strafrecht (Qanun Jinayat).7 Die Bezeichnung aktivis beinhaltet für Aktivistinnen die persönliche Identifikation mit den vertretenen Zielen und die notwendige ideologische Überzeugung von Inhalten der Arbeit und schließt Personen aus, die sich beispielsweise nur aus ökonomischen Gründen für Frauenförderung einsetzen. Die Aktivistin Asmah Sari lehnt aus selbstkritischen Grün- den ab, sich aktivis zu nennen. Ihrer Vorstellung zufolge ist die Bezeichnung mit einem bestimmen Maß an Erfolg verknüpft, welchen sie noch nicht erkennen kann. 6 In entwicklungspolitischen Strategien der 1950er Jahre wurde Entwicklung in der Regel mit Modernisierung gleichgesetzt. In Indonesien wurden in diesem Sinne Modernisierungsstrategien, die Förderung von Industrialisierung und die Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft weitestgehend zentralistisch gefördert. Der Gewinn dieser Entwicklungen sollte sich dann, so die Theorie, auf alle Teile der Bevölkerung ausbreiten (trickle-down-Effekt) (vgl. Braunmühl, 1998, S. 78-80). In den 1970er Jahren zeigte sich, dass diese technozentrische Sichtweise von Entwicklung nicht die gewünschten Ziele erbrachte. Mit Konzepten der community development und der Einbeziehung von lokalen NGOs in den Entwicklungsprozess sollte Abhilfe geschaffen werden. Das Konzept des community development, welches bereits in den 1940er Jahren von der britischen Kolonialregierung in Indien implementiert wurde, beinhaltet die Förderung von Selbsthilfe und Etablierung eines lokalen Netzes von EntwicklungshelferInnen, die Programme aufbauen und koordinieren. In den 1980er Jahren wurde die Idee der Selbsthilfe zu einem eigenen Konzept entwickelt und fand als Strategie der development from below oder target group oriented development, Eingang in die Entwicklungshilfe. 7 Mehr Analysen bezüglich der Handlungsräume muslimischer Aktivistinnen in Aceh nach der Einführung der Syariat Islam und dem Tsunami, siehe Großmann (2011, 2013). Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 8988 Wenn ich kritisch bin, dann würde ich mich nicht als aktivis bezeichnen. Denn als aktivis müsste ich et- was bewegen. Ich aber habe das Gefühl, dass ich noch nicht viel bewegen konnte, deshalb fühle ich mich peinlich berührt, wenn ich als aktivis bezeichnet werde. (Asmah Sari, persönliches Interview, 2. Februar 2010, Banda Aceh) Muslimische Aktivstinnen sehen ihre Rolle darin, soziale und politische Missstände zu verändern und bestenfalls zu beseitigen. Sie sehen sich, trotz selbstkritischer Be- trachtung, als befähigt, politischen und soziokulturellen Wandel zu induzieren. Eka Diani ist Mitbegründerin der Organisationen Freiwillige Frauen für Menschlichkeit (Relawan Perempuan untuk Kemanusiaan, RPuK) und leitete mehrere Jahre das Büro in Lhokseumawe. Sie nahm Anfang der 2000er Jahre eine Anstellung bei der staatlichen Institution Nationale Kommission gegen Gewalt gegen Frauen (Komisi Nasional Anti Kekerasan Terhadap Perempuan, Komnas Perempuan) an, entschied sich jedoch nach mehrjähriger Arbeitszeit in Jakarta im Jahr 2006 wieder nach Aceh zurückzukehren, um am dortigen Wiederaufbau mitzuwirken. Seit 2009 ist sie Generalsekretärin von RPuK. Ich hätte noch eine [Wahl-] Periode länger bei Komnas Perempuan arbeiten können, jedoch entschied ich mich bewusst für eine Rückkehr nach Aceh. Ich habe gesehen, dass nach dem Tsunami viel Geld nach Aceh floss und meiner Meinung nach verloren danach viele Organisationen in Aceh ihre ideologische Ausrichtung. Die Arbeit orientierte sich nur noch an vorgegebenen Projekten, der Berichterstattung und der Kassenprüfung, um sich gegenüber dem Geldgeber zu rechtfertigen. . . . Der gefühlte Nutzen oder Gewinn für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist sehr klein und deshalb ist es schwer, dass Aceh seinen Weg selbständig fortsetzen kann. Das bewog mich dazu, zurückzukehren und diesem Prozess durch mei- ne Arbeit bei RPuK entgegen zu wirken. (Eka Diani, persönliches Interview, 15. Januar 2010, Banda Aceh) Des Weiteren möchte Eka Diani durch ihre Arbeit in Aceh der Politisierung des Islam entgegen wirken. Muslimische Aktivistinnen befürworten generell die Implementie- rung der Syariat Islam. Die Art und Weise, in der die Einführung vollzogen wird, bein- halte jedoch problematische Aspekte: Warum ich nach Aceh zurückgekommen bin, ist die steigende Politisierung der Religion. Stimmen, die das Pro und Contra der Syariat abwägen sind Menschen, die erstens sehr mutig und zweitens gebildet sind. Aber die Gesellschaft an der Graswurzel weiß überhaupt nicht, wie sie mit der ganzen Sache umgehen soll, wie sie an Informationen kommt und sich eventuell gegen Übergriffe wehren kann. Ich denke, es ist sehr wichtig, die Menschen an der Basis zu informieren und Platz zu bieten für einen kritischen und ge- waltlosen Meinungsaustausch. Für die meisten Politiker ist die Syariat nur wichtig, wenn es um Stimmen bei der Wahl geht. (Eka Diani, persönliches Interview, 15. Januar 2010, Banda Aceh) Neben der in dem Zitat erwähnten Politisierung von Religion und der fehlenden In- formation und kritischen Diskussion über die Einführung der Syariat Islam, stößt vor allem deren rigide Umsetzung auf Ablehnung. Kritisiert werden die Strafart der Aus- Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 8988 peitschung sowie gewalttätige Übergriffe, Demütigungen und Willkür gegen Frauen, die nach dem Tsunami an Schärfe gewannen. Die Kritik von muslimischen Aktivis- tinnen bleibt jedoch Syariat Islam-immanent und betrifft in erster Linie die in ihren Augen konservative, inhumane und patriarchale theologische Grundlage, die deren Umsetzung dominiere. Nach wie vor sehen sie die Syariat Islam als Zukunftsmodell für Acehs politische, gemeinschaftliche und individuelle Ordnung an. Sie bewegen sich dabei argumentativ ausschließlich innerhalb des Referenzrahmens des Islam. Kontinuitäten zwischen familiärer Herkunft und politischem Engagement Der Bekannten-, Freundes- und Familienkreis begegnet dem Ehrgeiz und der Überzeu- gung, mit der Aktivistinnen ihre Ziele verfolgen, oftmals mit Wohlwollen und Unter- stützung. Der Vater von Eka Diani bemerkte beispielsweise: Meine Tochter hätte sich auch für eine Anstellung als Beamtin entscheiden können. Dann hätte sie ein sicheres Gehalt und lange Mittagspausen [lacht]. Jetzt kämpft sie für mehr Gerechtigkeit. Zum Glück gibt es noch einige, die das tun, sonst gäbe es in Aceh überhaupt keine Entwicklung. (Eka Dianis Vater, persönliches Interview, 15. Januar 2010, Banda Aceh) Zwischen Aktivistinnen und ihren Eltern oder dem sozialen Umfeld entwickeln sich oftmals angeregte Diskussionen über tagespolitische Ereignisse, in denen alle Seiten vehement Kritik an nationaler und lokaler Politik äußern und mögliche Aktionen von Seiten der Aktivistinnen erörtern. Viele der Aktivistinnen betonen, dass die kritische Haltung ihrer Eltern gegenüber politikrelevanten Themen und ihr Austausch darü- ber sowie generell die Erlangung von Bildung und Wissen wichtige Aspekte in ihrer Kindheit und Jugend gewesen seien. Die Weitergabe eines bestimmten Wertekanons innerhalb der Sozialisation wird von fast allen Aktivistinnen als besonders wichtig für die Ausprägung ihres sozialen und politischen Engagements beschrieben. Sie stellen die Bedeutung des Einflusses ihrer Eltern, meistens noch stärker ihrer Mütter, in der Ausbildung ihrer Werteorientierung, Lebensweise und Einstellung heraus. Ihre innere Haltung, die sie ihren Eltern zu verdanken haben, bilde die Basis ihrer Tätigkeit im zivilgesellschaftlichen Bereich. Die meisten Aktivistinnen betonen, dass sie Selbst- vertrauen, Selbständigkeit und kritisches Denken vor allem durch ihre Sozialisation erlernt haben. Diese prägte den Wertekanon der späteren Aktivistinnen und trug dazu bei, dass sie fähig und motiviert waren, sich gegen soziale Ungerechtigkeit aus- Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 9190 zusprechen. Der Aspekt der Kontinuität zwischen den Generationen ist von großer Bedeutung. Ihr soziales und politisches Engagement bedeutet für Aktivistinnen nicht, in Abgrenzung zu ihren Eltern zu stehen. Vielmehr finden in den meisten Familien lebhafte Diskussionen über die Themen und Strategien von Aktivistinnen statt, und viele der Aktivistinnen sind mit ihren Eltern in regelmäßigem Austausch über ihre Aktivitäten. Die beschriebenen Kontinuitäten zwischen familiärer Herkunft und politischem Engagement finden sich ebenso in sozialisationstheoretischen Forschungen über die PionierInnen der politischen und sozialen Bewegungen der 1960er Jahren in den USA (Feuer, 1969; Flacks, 1967; Whalen & Flacks, 1989). Ich betone die Parallelen der Ergeb- nisse meiner Analyse biografischer Aspekte von Aktivistinnen in Aceh und denen der erwähnten – zugegebenermaßen länger zurückliegenden – Forschungen, da in rezen- ten Arbeiten über soziale Bewegungen und deren AkteurInnen die Betrachtung des Einflusses von Biografien und Subjektivitäten auf Handlungskoordinationen von Ak- tivistinnen selten einfließt. Forschungen zu Aktivistinnen und Frauenbewegungen in Indonesien beispielsweise stellen überwiegend historische, politische und religiöse Aspekte in den Mittelpunkt. Analysen behandeln Themen wie Nationenbildung (un- ter anderem Blackburn, 2004; Robinson, 2009), staatliche Gender-Ideologien (unter anderem Suryakusuma, 1987; Wieringa, 2002) oder die Entwicklung von Frauenorga- nisationen und Aktivismus (unter anderem Martyn, 2005; Robinson & Bessell, 2002). Aktuelle Forschungen stellen Fragen der Repräsentation und Einflussmacht im islami- schen Kontext in den Vordergrund. Ein Schwerpunkt ist dabei die Neuinterpretation des Koran und der Sunnah von weiblichen Religionsgelehrten (zum Beispiel Schröter, 2010). Pieternella van Doorn-Harder (2006), Siti Syamsiyatun (2007), Monika Arnez (2009), Rachel Rinaldo (2007) und Dayana Parvanova (2012) beschreiben und analysie- ren den Einfluss von muslimischen Aktivistinnen und islamischen Feministinnen auf die gender-spezifische Agenda der zwei indonesischen islamischen Massenorganisa- tionen Muhammadiyah und Nadlatul Ulama (NU). Gemäß den sozialisationstheoretischen Forschungen über die PionierInnen der po- litischen und sozialen Bewegungen der 1960er Jahre in den USA kamen diese politisch linken und meistens pazifistischen AktivistInnen aus StudentInnenkreisen, vorzugs- weise aus einem humanistisch geprägten, politisch liberalen, bildungsorientierten und wenig strengem Elternhaus, das in der oberen Mittelklasse verortet war (Flacks, ASEAS 6(1) 9190 1967). Diese familiäre Sozialisation – so zeigen die Forschungen – prägte den Werteka- non der späteren AktivistInnen und befähigte und motivierte sie, sich gegen soziale Ungerechtigkeit und autoritäre Strukturen auszusprechen. Die These, die vor allem durch psychoanalytische Ansätze gestärkt wurde, dass Generationenkonflikte und die politische Divergenz zwischen Eltern und ihren Kindern wesentliche Faktoren in der Ausprägung von politischem Engagement der jungen Generation sein könnte (Feuer, 1969; Middleton & Putney, 1963), wurde damit zumindest teilweise entkräftet (Flacks, 1970/1971; Westby & Braungart, 1966). Die Forschungen von Flacks (1967) zeigen, dass die Wurzeln für die anfänglichen studentischen politischen und sozialen Bewegungen in den USA nicht auf gemeinsa- mer Erfahrung von Ausbeutung, materieller Benachteiligung oder politischer Macht- losigkeit gründeten, denn diese Jugendbewegungen formierten sich aus Studieren- den, die aus ökonomisch und soziokulturell privilegierten Familien kamen. Vielmehr sind die Aspekte der Bildung und familiären Herkunft für das Engagement gegen so- ziale Ungerechtigkeit relevant. Dabei sei, so Flacks, weniger ausschlaggebend, was genau in der Erziehung passiere, als vielmehr, dass die Erfahrungen der Kinder- und Jugendzeit in einer spezifischen Subkultur der amerikanischen Mittelklasse stattfan- den. Spezifische Werte, Normen, Perspektiven und innere Haltungen innerhalb dieser Subkultur wurden durch soziale Praktiken der beteiligten Mitglieder, seien es Famili- en, Nachbarn oder FreundInnen, produziert, reproduziert und transformiert. Flacks (1971) nennt diese Subkultur „Intelligentsia“, eine soziale Schicht oder Gruppe, die in Gouldners Begriff die Kontrolleure des kulturellen Kapitals sind (Gouldner, 1979). Zwei Aspekte der moralischen Implikationen sind der Subkultur der Intelligentsia inhärent: zum einen das Engagement für soziale Entwicklung und zweitens das Selbstbewusst- sein der Mitglieder dieser Gruppe, dass sie in einer herausragenden Art und Weise das Potential zu der Erfüllung des Projektes des sozialen Wandels, innehaben. Auch wenn der Fokus und der Umfang dieses Artikels die Beschreibung der Elternge- neration von Aktivistinnen und deren Zuordnung in einer spezifischen subkulturellen Gruppe nicht zulassen, gibt es, wie beschrieben, sowohl in der familiären Sozialisation als auch in der persönlichen Überzeugung der Aktivistinnen die Dimension der moralischen Implikationen bezüglich des Engagements für soziale Entwicklung. Der persönliche Ein- satz ihrer Töchter wird von den Eltern positiv und als erfolgversprechend bewertet. Akti- vistinnen sehen sich selbst als potentiell befähigt, sozialen Wandel zu evozieren. Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 9392 Konflikt als Initiator – Die Anfänge frauenfördernder Arbeit Der folgende Teil des Artikels behandelt den bewaffneten Konflikt in Aceh als Trieb- feder des anfänglichen Engagements von muslimischen Aktivistinnen und wieso sie sich speziell für die Förderung von Frauenbelangen einsetzen. Gründerinnen von zi- vilgesellschaftlichen Organisationen in Aceh sind unter anderem Frauen, die selbst in Gebieten wohnten, die als panas (heiß) galten. Das sind Regionen, in denen zeitweise schwere Kämpfe zwischen dem indonesischen Militär – TNI (Tentara Nasional Indo- nesia) – und den bewaffneten Streitkräften der GAM – TNA (Teuntara Neugara Aceh) – stattfanden, wie im Distrikt Nord-Aceh und in Randbezirken der Stadt Lhokseuma- we.8 Diese Frauen waren auf Grund dessen in besonderem Maß mit den Auswirkun- gen des Krieges konfrontiert. Cut Nurdin, die in Lhokseumawe aufwuchs, erzählt von der Häufung von berichteten oder erlebten Menschenrechtsverletzungen, die dazu führten, dass sie sich für die Verbesserung der Situation von Kriegsopfern engagierte. Ilmu erachtet als Schlüsselerlebnis, dass sie bewaffnete Kämpfe überlebte. Auch die meisten anderen Aktivistinnen beschreiben Betroffenheit, Empathie und Solidarität mit physisch und psychisch versehrten Frauen als anfängliche Triebfeder ihres Enga- gements. Solidarität beinhaltete für die Mehrzahl der Aktivistinnen in erster Linie die Verbundenheit mit anderen Frauen, der eigenen Familie und FreundInnen, und nur in zweiter Linie die Unterstützung des politischen Ziels der Unabhängigkeit mit dem Einsatz von Waffen. Da jedoch die Regierung Indonesiens als Kolonialmacht ange- sehen wurde und die Mehrzahl der Frauenrechtsverletzungen, wie Vergewaltigung, Folter und Mord, von Mitgliedern des indonesischen Militärs begangen wurden, sym- pathisierten Aktivistinnen mit der GAM. „Eindringlinge aus Java“, die „von außen“ (Cut Nurdin, persönliches Interview, 19. Februar 2010, Banda Aceh) kamen, wurden hauptsächlich für Menschenrechtsverletzungen während des Konflikts verantwort- lich gemacht. Benachteiligungen durch patriarchale Strukturen innerhalb acehischer Gesell- schafts-, Gemeinschafts-, und Familienordnungen wurden von Aktivistinnen weni- ger in Verbindung mit initiierenden Momenten für ihre zivilgesellschaftliche Orga- 8 Die militärischen Auseinandersetzungen während des bewaffneten sezessionistischen Konflikts in Aceh steigerten sich während dreier Phasen: von 1989 bis 1998 innerhalb der Phase der Militärischen Operationszone (Daerah Operasi Militer, DOM), direkt nach dem Sturz Suhartos im Jahr 1998 und ab dem Jahr 2003, nachdem die damalige Präsidentin Megawati Sukarnoputri das Kriegsrecht über Aceh verhängte. ASEAS 6(1) 9392 nisierung genannt. Diesbezügliche Themen tauchen auch nicht in den damaligen Programmen der Organisationen auf, in denen es hauptsächlich um oben genannte Frauenrechtsverletzungen und Missstände in Lagern von Binnenflüchtlingen, soge- nannten IDP (Internally Displaced Persons), ging. Die Unterstützung der Konfliktopfer durch Aktivistinnen während der Phase der Militärischen Operationszone DOM (Daerah Operasi Militer) basierte in der Regel auf freiwilliger und unentgeltlicher Arbeit. Aktivistinnen sammelten zum Teil Geld, Nah- rungsmittel, Kleider, Planen, Kochutensilien und andere Gebrauchsgegenstände von ihren FreundInnen und Verwandten, um Konfliktopfer in entlegenen Gebieten zu ver- sorgen. Den Transport der Hilfsgüter bewerkstelligten sie oftmals mit öffentlichen Bussen, die Fahrtkosten finanzierten sie durch Spenden von FreundInnen. Aktivistin- nen berichten, dass es viele Freiwillige gab, die sich an solchen Aktionen beteiligten oder finanzielle Unterstützung leisteten. Die Zunahme bewaffneter Übergriffe, die wachsende mediale Verbreitung von be- gangenen Kriegsgräueln seit Ende der 1990er Jahre und vor allem die steigende Pres- sefreiheit nach dem Sturz des autoritären Präsidenten Suhartos im Jahr 1998 führten dazu, dass erstmals Berichte über Mord, Folter, Vergewaltigung, das Niederbrennen von Häusern und andere Maßnahmen kollektiver Bestrafungen durch das indonesi- sche Militär von acehischen, indonesischen und internationalen Medien öffentlich verbreitet wurden. Die gesteigerte internationale Beachtung des Konflikts in Aceh trug dazu bei, dass Aktivistinnen, die sich mit gender-spezifischen Problemen in der Konfliktregion auseinandersetzten, verstärkte Aufmerksamkeit erhielten. Ihr zivilge- sellschaftliches Engagement wurde kanalisiert und der Aufbau eines institutionellen Rahmens gefördert. Mit der steigenden Institutionalisierung von Nothilfe durch die Gründung von Organisationen war die Voraussetzung der Finanzierung durch natio- nale und internationale Geldgeber geschaffen. Die Informationen über und Kontak- te zu internationalen Organisationen wurden anfänglich innerhalb der vorhandenen Netzwerke weitergegeben. Die langjährigen Erfahrungen im Konfliktgebiet Aceh und der permanente Zugang zu Zielgruppen in ländlichen Gebieten stellten für Aktivistinnen eine einzigartige Kompetenz und Ressource für die Arbeit in nationalen und internationalen Organi- sationen dar. Diese Qualifizierung auf dem Gebiet der Nothilfe stellten Aktivistinnen selbst jedoch nicht als besondere Fähigkeit dar, sondern beschrieben eher ein Gefühl Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 9594 der Unterlegenheit gegenüber Kolleginnen in nationalen und internationalen Organi- sationen. Als Begründung führte Asmah Sari an, dass sie durch den Konflikt in Aceh ihre Arbeit nur auf konfliktrelevante Themen konzentrierten und von national und international geführten Diskursen über gender-spezifische Themen abgeschottet wa- ren: Durch meine Arbeit bei der . . . [lokalen Organisation] in Aceh bin ich mit . . . [einer nationalen Organisa- tion] in Jakarta in Kontakt gekommen. Sie haben mich überredet, dass ich Sonderbeauftragte für Aceh werde. Ich war sehr unsicher, ob ich die Anforderungen der Arbeit auf der nationalen Ebene erfüllen kann. Sie aber meinten, dass ich eine spezielle Kompetenz habe, die keine andere besitze: Ich habe den Konflikt miterlebt. . . . Ich merkte inhaltlich bald, dass sich die Schwerpunkte der Arbeit in Aceh, in einer Konfliktgegend, sehr von denen auf nationaler Ebene unterschieden. Die Mitarbeiterinnen . . . [der nati- onalen Organisation] beispielsweise diskutierten, ob und wie sich ein neuer Feminismus nach dem Sturz Suhartos formte. Ich hatte mir dazu noch keine Gedanken gemacht. Wir waren in Aceh überhaupt nicht an diesem Punkt. (Salma Mahdi, persönliches Interview, 17. März 2010, Banda Aceh) Zäsur Tsunami Die Abschottung Acehs fand nach dem Tsunami ein jähes Ende. Die indonesische Pro- vinz rückte in den Mittelpunkt finanzkräftiger Nothilfe- und Wiederaufbauprogram- me internationaler, kirchlicher und humanitärer Organisationen, der Weltbank und staatlicher Entwicklungsdienste. Die ersten Kostenpläne der Anträge für Nothilfe von Organisationen fielen meist bescheiden aus. Sie enthielten in der Regel die Kosten der zu verteilenden Mittel, ein geringes Honorar und Fahrtkostenerstattung für die Fahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr.9 Mit steigender Institutionalisierung, Professiona- lisierung und Kommerzialisierung von Notfall- und Entwicklungshilfe stieg nicht nur der Umfang der Programme, sondern auch die Höhe der Honorare.10 Nach dem Tsu- nami erreichten die Höhe der Honorare für Beraterinnentätigkeiten internationaler Organisationen, aber auch das Einkommen für Mitarbeiterinnen in zivilgesellschaftli- chen Organisationen und Angestellte wie Fahrer oder Haushaltshilfen den absoluten Zenit.11 Nachdem die erste Phase der Notfallhilfe beendet war, sanken zwar die Höhe 9 Beispielsweise enthielt der im Jahr 1997 aufgestellte Kostenplan einer Organisation für die Versorgung von zirka 30 Frauen und Kindern mit Nahrungsmitteln und medizinischer Grundversorgung in einer Notunterkunft unter anderem ein Honorar von umgerechnet EUR 25 pro Monat für eine Mitarbeiterin. 10 Die erzielten Einkünfte einer Aktivistin durch die Tätigkeit in einer Organisation pendelten sich von Anfang der 2000er Jahre bis Ende des Jahres 2004, vor dem Tsunami, auf einem Niveau ein, welches mit dem Einkommen einer Lehrerin vergleichbar war. 11 Das Einkommen eines Fahrers in einer der Vereinten Nationen affiliierten Organisation war beispielsweise vergleichbar mit dem eines Direktors einer Universität in Banda Aceh. Diese Unverhältnismäßigkeiten waren unter anderem auf pauschalierte Honorare innerhalb der Notfallhilfe zurückzuführen, die nicht im Verhältnis zum ASEAS 6(1) 9594 und Menge der möglichen Einkünfte innerhalb der Notfall- und Wiederaufbauhilfe, das Einkommensniveau in dieser Sparte blieb jedoch generell hoch. Für die Implementierung der Programme wurde eine Vielzahl von lokalen Ange- stellten, Beraterinnen und Expertinnen benötigt und neue, befristete Arbeitsplätze ge- schaffen. Neue Positionen, wie beispielsweise die der sogenannten Gender-Expertin, wurden kreiert, um die vorgegebenen Standards innerhalb der Implementierung west- licher Entwicklungszusammenarbeit einzuhalten. Die meisten Programme müssen ge- schlechtsspezifische Gleichstellung in sämtlichen Bereichen, sogenanntes Gendermain- streaming, garantieren und werden nach einer sogenannten G-Kennung eingestuft. Diese gliedert sich in drei Kategorien, die helfen sollen, Programme nach ihrem Beitrag zur Umsetzung der Gleichberechtigung der Geschlechter und Stärkung der Rechte von Frauen zu beurteilen.12 Die Position einer sogenannten Gender-Expertin ist, als Teil der Strategie des Gender Mainstreaming, unter anderem für die Gewährleistung der ge- schlechtsspezifischen Gleichstellung zuständig. Die genaue Bezeichnung dieser Positi- on ist ebenso vielseitig wie deren Aufgabenbeschreibung. So gibt sich oft die Person, welche die Position besetzt, selbständig eine Bezeichnung. Meist wird ein englischspra- chiger Ausdruck, wie beispielsweise advisor for gender oder eine Mischform aus dem Englischen und Indonesischen, wie beispielsweise gender spesialist13, gewählt. Die Auf- gaben werden bei der Einstellung grob skizziert oder entwickeln sich während der ers- ten Monate der Anstellung. Sie enthalten meist die Erstellung der Pläne zur Umsetzung von gender-sensibler Haushaltsplanung, sogenanntes Gender Budgeting, die Konzeptu- alisierung und Durchführung von Seminaren zu geschlechtsspezifischen Themen oder die programmübergreifende Kontrolle und Evaluierung von Gender Mainstreaming. Die Position als Gender-Expertin, Beraterin oder Programmdirektorin in internationalen Organisationen, der Weltbank oder bilateralen Entwicklungsdiensten verhalfen Aktivis- tinnen zum einen zu überdurchschnittlich hohen Einkünften und zum anderen führte die stark gestiegene Nachfrage an ihrer Expertise dazu, dass viele acehische Aktivistin- nen ihr Empfinden der Unterlegenheit ablegten. Einkommensniveau in Aceh standen. 12 Für die Mitgliedsstaaten der OECD gelten seit dem Jahr 1997 die Gender Policy Markers, die sogenannten G-Kennungen. Sie bestehen aus drei Kennungen, die sich auf die Zielsetzung des Vorhabens beziehen. In Programmen der Kategorie G-2 ist die Gleichberechtigung der Geschlechter ein Hauptziel, in der Kategorie G-1 hat es ableitend positive Wirkung und G-0 Programme haben kein Potential, zur Gleichberechtigung der Geschlechter beizutragen. Im Jahr 2001 hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Einstufung aller Programme der deutschen Entwicklungszusammenarbeit nach den G-Kennungen verbindlich eingeführt (GTZ, 2006). 13 Das Wort in Bahasa Indonesia für Spezialist lautet spesialis. Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 9796 Durch die Schaffung einer großen Anzahl von neuen Arbeitsplätzen im Menschen- und Frauenrechtsbereich entwickelte sich eine Gruppe von Mitarbeiterinnen, die sich in sehr verschiedener Weise mit den Inhalten ihrer Arbeit identifizieren, als das bei den langjährigen Aktivistinnen der Fall ist. Für die Mehrzahl der neu eingestellten Mitarbeiterinnen stellt die Arbeit in einer zivilgesellschaftlichen Organisation in ers- ter Linie eine Möglichkeit dar, Geld zu verdienen und wurde oft als ein Sprungbrett in die Berufstätigkeit genutzt. Das Engagement von Aktivistinnen, die während des Konfliktes zum Teil unter Einsatz ihres Lebens und meistens unentgeltlich humani- täre Hilfe leisteten, wurde durch Mitarbeiterinnen kontrastiert, die ihre Tätigkeit in einer zivilgesellschaftlichen Organisation in Aceh in erster Linie als Verdienstquel- le und Qualifikationsmöglichkeit auf ihrer Karriereleiter sahen.14 Dewi kommentiert die Ernennung einer Frau, die vorher weder in zivilgesellschaftlichen Organisationen noch im Bereich Frauen oder Gender gearbeitet hat, zur Gender-Expertin einer inter- nationalen Organisation folgendermaßen: „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn ich dieser sogenannten Gender-Expertin in gemeinsamen Treffen gegenüber sitze und ihr erst einmal erklären muss, was Genderbudgeting bedeutet“ (Dewi, persönliches Interview, 2. Oktober 2009, Banda Aceh). Trotz ihrer Kritik bezüglich der fehlenden Qualifikation, Erfahrung und Ideologie sahen die meisten Aktivistinnen dem Zuwachs an Mitarbeiterinnen kurz nach dem Tsunami gelassen entgegen. Zum einen profitierten Aktivistinnen selbst von den er- höhten finanziellen und nicht-materiellen Ressourcen. Zum anderen wussten sie, dass mit dem Ende der Wiederaufbauhilfe im Jahr 2009 viele neu entstandene Posi- tionen abgebaut werden würden und im Anschluss daran wieder die Qualifikation, Erfahrung und der Kontakt zu den bestehenden Netzwerken ausschlaggebend für die Besetzung einer Position in einer zivilgesellschaftlichen Organisation wurde. Die zahlreichen Anfragen für Beraterinnentätigkeiten nach dem Tsunami, die da- mit verbundene steigende Arbeitsdichte und die oft empfundene fehlende Sinnhaf- tigkeit der Tätigkeiten wurden von vielen Aktivistinnen als störend empfunden. Die Aktivistin Salma Mahdi resümiert, dass es „oft nicht darum ginge, die Gelder sinnvoll zu verwenden, sondern darum, sie überhaupt einfach auszugeben. Das entspricht nicht meiner Intention“ (Salma Mahdi, persönliches Interview, 17. März 2010, Banda 14 Viele BerufseinsteigerInnen in der Entwicklungszusammenarbeit konnten aufgrund ihrer Position in Aceh nach dem Tsunami eine weiterführende Anstellung in internationalen, bi- oder multilateralen Organisationen erhalten. ASEAS 6(1) 9796 Aceh). Deshalb lehnten einige Aktivistinnen die Angebote für Positionen und Berate- rinnenverträge bei internationalen Organisationen kategorisch ab. Aufgrund von Dis- krepanzen zwischen den Zielen der Geldgeber und lokalen Organisationen reagierten auch einige Aktivistinnen in der Wiederaufbauhilfe ablehnend auf Förderungen. Da- durch haben sie größere Unabhängigkeit in der Umsetzung ihrer Ziele, so Eka Diani (persönliches Interview, 23. Februar 2011, Banda Aceh). Tia hingegen sieht – je nach der Zielsetzung der jeweiligen lokalen Organisation – ein gewisses Maß an Entschei- dungsfreiheit, obwohl sie prinzipiell von einem Abhängigkeitsverhältnis von ausländi- schen Geldgebern zu Ungunsten der lokalen Organisationen ausgeht. Die Autonomie von Organisationen ist ein sehr kompliziertes Thema. Natürlich gibt es eine Abhängigkeit der lokalen Organisationen von ausländischen Geldgebern. Aber nichts desto trotz ist es die Entscheidung der Organisation. Wenn die Organisation Projekte im Gesundheitsbereich anbieten will und Gelder flie- ßen gerade für den Bereich der Gewaltprävention, dann hat die Organisation im Grunde zwei Möglichkei- ten. Entweder sie bietet Programme zur Gewaltprävention an und bekommt schnell Geld. Oder sie plant ein anderes Projekt und sucht nach anderen Geldgebern. Der eine Weg verspricht schnell viel Geld, der andere Weg verspricht langfristige Veränderung. (Tia, persönliches Interview, 12. März 2009, Banda Aceh) Dewi betont, dass die lokale Organisation, in der sie arbeitet, mit den Geldgebern verhandelt, wenn letztere nicht ihre Prioritäten unterstützen. Vor allem wenn die Beziehung zwischen der lokalen Organisation und dem westlichen Geldgeber eta- bliert ist, gebe es fast immer eine Lösung. Ihre Erfahrung sei, dass die Förderer im Prinzip die Agenda der lokalen Organisation unterstützen wollen, es aber manchmal kleine Anpassungen in der Zielsetzung gebe, die die Implementierung der Programme jedoch kaum beeinflussen. In der Frage der Autonomie von lokalen Organisationen komme es sehr auf die Kapazitäten, Kompetenzen und Zielvorstellungen dieser an, so Tia. Manchmal gerate das Ziel etwas aus den Augen. Es sollten jedoch die Bedürfnisse der Zielgruppe im Mittelpunkt stehen und im Grunde darauf hingearbeitet werden. Aber es sei oft zu beobachten, dass es in erster Linie darum geht, die MitarbeiterInnen zu bezahlen. Es sei natürlich auch sehr wichtig, den Arbeitsplatz der MitarbeiterInnen so sicher wie möglich zu gestalten, aber das Ziel sollte doch immer noch die Zielgruppe sein (Tia, persönliches Interview, 12. März 2009, Banda Aceh). In diesem Sinn beschreibt Eka Diani die Ziele für ihre Arbeit in der Organisation nach dem Ende der Wiederaufbau- programme Ende des Jahres 2009 hauptsächlich in der Rückbesinnung auf die Bedürf- nisse von Frauen an der Basis. Kristina Großmann - Kontinuitäten im Wandel: Handlungskoordinationen von Frauenrechtsaktivistinnen in Aceh ASEAS 6(1) 9998 Die Jahre nach dem Tsunami waren eher davon bestimmt, die Bedürfnisse der Geldgeber zu bedienen. Jetzt geht es wieder darum, an die Bedürfnisse der Frauen an der grassroot [sic] zu kommen. Ich möch- te so viel Zeit wie möglich mit ihnen verbringen, um durch Diskussionen und gemeinsames Überlegen zusammen mit Frauen Lösungen zu finden. Ich fahre gerade in die Dörfer, auch wenn ich keine Projekte mache, einfach nur um mit Frauen zu reden und wieder ein Gespür für die Bedürfnisse der Frauen dort zu bekommen. (Eka Diani, persönliches Interview, 23. Februar 2011, Banda Aceh) Fazit Aktivistinnen, die langjährig im zivilgesellschaftlichen Bereich tätig sind und in den 1980er und 1990er Jahren eine Organisation mit dem Schwerpunkt der Frauenförde- rung und Frauenrechtsarbeit gründeten oder aktiv am Gründungsprozess beteiligt waren, sehen ihre Rolle darin, soziale und politische Missstände zu verändern und bestenfalls zu beseitigen. Sie sehen sich – trotz selbstkritischer Betrachtung – als befähigt, politischen und soziokulturellen Wandel zu induzieren. Die Kontinuität zwischen den Generationen und die Weitergabe eines bestimmten Wertekanons in- nerhalb der familiären Sozialisation von Aktivistinnen sind für die Ausprägung ihres sozialen und politischen Engagements von Bedeutung. Auseinandersetzung, Diskussi- on, kritisches Denken bezüglich politischen und soziokulturellen Themen, aber auch Selbstbewusstsein, Ehrgeiz und Eigenverantwortlichkeit im Handeln sowie finanzielle Unabhängigkeit und ein gewisses Maß an Autonomie haben ihre Wurzeln oftmals in dem Wertekodex, der in der Kindheit und Jugend vermittelt und innerhalb eines spe- zifischen Umfelds gefördert wurde. Aktivistinnen sehen ihr soziales und politisches Engagement nicht in Abgrenzung zu ihren Eltern, als Kritik oder Bruch zwischen den Generationen, sondern als Weiterentwicklung von deren Werten und Normen. Aktivistinnen wohnten oftmals in besonders betroffenen Gebieten des bewaffne- ten Konflikts und waren aufgrund dessen direkt mit den Auswirkungen des Krieges konfrontiert. Sie beschreiben die Empathie und Solidarität mit weiblichen Konflik- topfern als grundlegende Motivation für ihr zivilgesellschaftliches Engagement, wel- ches durch die Zunahme bewaffneter Übergriffe, die steigende Internationalisierung des Konfliktes und die damit einhergehende, wachsende mediale Verbreitung von Menschenrechtsverletzungen seit Ende der 1990er Jahre verstärkt wurde. Persönli- che Erfahrungen von Frauenrechtsverletzungen oder die Benachteiligungen durch patriarchale Strukturen innerhalb acehischer Gesellschafts-, Gemeinschafts-, und ASEAS 6(1) 9998 Familienordnungen wurden von Aktivistinnen nicht in Verbindung mit initiierenden Momenten für ihre zivilgesellschaftliche Organisierung genannt. Diese Ergebnisse decken sich mit Erklärungsmodellen für politischen und sozialen Aktivismus, die im Zuge der politischen und sozialen Jugendbewegungen in den USA und Europa seit den 1960er Jahren Eingang in die Bewegungsforschung fanden. Die Möglichkeit der finanziellen Absicherung durch die Arbeit in zivilgesellschaftlichen Organisationen stellt eine Voraussetzung dafür dar, dass Aktivistinnen auch über die Altersphase der Adoleszenz und des jungen Erwachsenenalters hinaus politisch aktiv sein können. Das Einkommen ist für die meisten Aktivistinnen, die langjährig im Men- schen- und Frauenrechtsbereich arbeiten, jedoch von untergeordneter Bedeutung. Muslimische Aktivistinnen in Aceh erfuhren durch die steigende Institutionalisie- rung, Professionalisierung und Kommerzialisierung von Notfall- und Entwicklungs- hilfe nach dem Tsunami nicht nur eine Steigerung des Umfangs der Programme, son- dern auch der Höhe der Honorare. Die überdurchschnittlich hohen Einkünften und die zahlreichen Anfragen für Beraterinnentätigkeiten wurden jedoch bald von vielen Aktivistinnen als störend empfunden. Der steile Anstieg an neuen karriereorientier- ten Mitarbeiterinnen im Frauenrechtsbereich ebbte mit dem Ende der Wiederaufbau- hilfe im Jahr 2009 ab. Aktivistinnen etablierten sich wieder, konnten mit Qualifikation und Erfahrung überzeugen und die Kontakte zu den bestehenden Netzwerken waren ausschlaggebender für die Besetzung einer Position in einer zivilgesellschaftlichen Organisation. Die Ziele für ihre Arbeit in der Organisation nach dem Ende der Wieder- aufbauprogramme Ende des Jahres 2009 sehen Aktivistinnen in Aceh hauptsächlich in der Rückbesinnung auf die Bedürfnisse von Frauen an der Basis und knüpfen damit an ihre grundlegende Motivation für ihr zivilgesellschaftliches Engagement an. Literaturverzeichnis Arnez, M. (2009). Empowering women through Islam: Fatayat NU between tradition and change. Journal of Islamic Studies, 21(1), 59-88. Aspinall, E. (2009). Islam and nation. Separatist rebellion in Aceh, Indonesia. Singapur: NUS Press. Atkinson, R. (1998). 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