Hall, Derek, Hirsch, Philip, & Li, Tania Murray (Hrsg.). (2011). Powers of Exclusion. Land Dilemmas in Southeast Asia. ASEAS 6(1) 229228 do i 1 0. 42 32 /1 0. A SE A S- 6. 1- 16 Rezensionen / Book Reviews Hall, Derek, Hirsch, Philip, & Li, Tania Murray (Hrsg.). (2011). Powers of Exclusion. Land Dilemmas in Southeast Asia. Honolulu, HI: University of Hawaii Press. ISBN: 978-0-8248-36030. vii + 257 Seiten. Citation Kastenhofer, M. (2013). Rezension: Hall, D., Hirsch, P. & Li, T. M. (Hrsg.). (2011). Powers of exclusion. Land dilemmas in Southeast Asia. ASEAS - Österreichische Zeitschrift für Südostasienwissenschaften 6(1), 228-231. Angetrieben von wirtschaftlichem Wachstum, Industrialisierung und weitgehender Urbanisierung finden in Südostasien seit den 1980er Jahren drastische Landnutzungs- veränderungen statt, in deren Folge große Flächen an Agrarland für kommerziel- le, industrielle, touristische und infrastrukturelle Zwecke umgewandelt werden. Als Konsequenz des steigenden Drucks zur Kommerzialisierung von Land, kombiniert mit einem Boom in der Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen, sind heute Auseinandersetzungen zwischen lokalen Gemeinschaften, Staaten und privaten Ak- teurInnen rund um die Frage von Zugang zu und Kontrolle über Land allgegenwärtig. Mit Powers of Exclusion. Land Dilemmas in Southeast Asia widmen sich die AutorInnen Derek Hall, Philip Hirsch und Tania Murray Li diesen ländlichen Transformations- prozessen und erforschen, wer die daran beteiligten AkteurInnen sind, wie Prozesse der ländlichen Exklusion funktionieren, welche Dilemmas und Debatten durch be- sagte Transformationen provoziert werden und wer dabei schließlich als Gewinner oder Verlierer hervorgeht. Finanziert durch das kanadische Forschungsprogramm ChATSEA (Challenges of the Agrarian Transition in Southeast Asia) kombinieren die drei AutorInnen ihre durch extensive Feldforschung in den untersuchten Gebieten (Kam- bodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Philippinen, Thailand und Vietnam) erworbene Expertise mit ihren unterschiedlichen akademischen Hintergründen in Politikwissen- schaft (Hall), Humangeographie (Hirsch) und Anthropologie (Li). Im Gegensatz zu vielen bisher erschienenen Werken rund um den Zugang zu Land, setzen die AutorInnen von Powers of Exclusion ihren Fokus nicht auf den Zugang (ac- cess) zu, sondern auf den Ausschluss (exclusion) von Land. Dabei begreifen sie exclusion nicht als negativ konnotierten Prozess oder Zustand, der „den Schwachen“ von „den Mächtigen“ auferlegt wird, sondern definieren exclusion als „the ways in which peo- ple are prevented from benefiting from things (more specifically, land)” (S. 7). Damit ASEAS 6(1) 229228 kehren sie Jesse Ribot und Nancy Peluso’s Definition des Begriffes Zugang um, den sie in ihrem einflussreichen Artikel „A Theory of Access” (2003) als „the ability to be- nefit from things” definieren. Der Ausschluss von bestimmten AkteurInnengruppen ist bei dieser neuen Definition eine an sich neutrale Notwendigkeit für jede Art von Landnutzung, wobei sie in der Praxis oft mit Enteignung verbunden ist und zu Un- gleichheit führt. Die AutorInnen nähern sich der Frage, durch wen solche Formen des Ausschlusses perpetuiert werden, zunächst durch eine Analyse der Antworten von Betroffenen. Werden diese nach den Gründen ihres Ausschlusses von einem bestimmten Stück Land befragt, lauten die häufigsten Antworten, dass erstens der Zugang schlicht nicht erlaubt wäre, dass man es sich zweitens nicht leisten könne, dass man drittens bei dem Versuch verletzt werden würde und viertens, dass es schlichtweg falsch wäre. Aufgrund dieser Antworten schließen die AutorInnen auf folgende vier pri- mären Kräfte (powers) in der Ausübung von exclusion: (1) Regulierung (regulation), (2) der Markt (the market), (3) Kraft/Gewalt (force), und schließlich (4) Legitimierung (legitimation). Die AutorInnen heben allerdings hervor, dass es keine festen Grenzen zwischen den besagten Kräften gibt, dass sie oft ineinander übergehen und dass viel- fach auch andere soziopolitische Kräfte an der Ausübung von exclusion beteiligt sind. Anhand dieser powers of exclusion analysieren Hall et al. sechs Schlüsselprozes- se, die in Transformationsprozessen um den Zugang zu und Ausschluss von Land in Südostasien eine treibende Rolle spielen. Jedem dieser Schlüsselprozesse widmen die AutorInnen ein Kapitel. Als ersten Schlüsselprozess identifizieren die AutorInnen licensed exclusions, wor- unter die Titulierung von Land, Landreformen und die Allokation von Land fallen. Sie heben hier die Rolle des Staates mit seiner regulativen Macht als Hauptakteur in den besagten Prozessen hervor und zeigen das beispielsweise an der Formalisierung von Grundbesitz auf Dorfniveau in Laos, wo durch das Programm für Land- und Waldal- lokation versucht wurde, Grenzen zwischen Wäldern und Agrarland und einem Dorf und dem anderen zu setzen. Als nächsten Schlüsselprozess führen Hall et al. ambient exclusions an, die sich in erster Linie als Landreformen im Namen des Umweltschutzes manifestieren. In Süd- ostasien sind Diskurse über den Umweltschutz seit den 1990er Jahren allgegenwärtig – in der Tat hat sich Umweltschutz als leitendes Grundprinzip in der Landschafts- Marion Kastenhofer - Rezension: Powers of Exclusion. Land Dilemmas in Southeast Asia ASEAS 6(1) 231230 planung etabliert. Hall et al. zeigen, dass dies oftmals auch zum Ausschluss einer großen Anzahl von BewohnerInnen von Land führt, denn durch die Konzipierung einer Landschaft als Umweltschutzgebiet – ein an sich durchaus lobenswerter und notwendiger Prozess – werden wiederum zahllose Ortsansässige von der agrarischen Nutzung dieser Gebiete ausgeschlossen. Die durch crop booms verursachten Änderungen im Zugang zu und Ausschluss von Land beschreiben die AutorInnen als volatile exclusions und zeigen damit ihren dritten Schlüsselprozess auf. Crop booms werden durch steigende Warenpreise, neue Anbau- techniken und politische Interventionen verursacht und sind ein immer wieder auf- tauchendes Phänomen in Südostasien. Die drei im Buch untersuchten boom crops sind Palmöl in Malaysia, Shrimps in Thailand und Kaffee in Vietnam. Zwar hätten diese Ent- wicklungen Millionen südostasiatischer Bauern und Bäuerinnen Erfolg und Wohlstand gebracht, eine ähnlich hohe Anzahl an BürgerInnen bliebe allerdings von den Vorteilen, die crop booms bringen, ausgeschlossen. Als vierten Schlüsselprozess sehen die AutorInnen post-agrarian exclusions, im Rah- men derer große landwirtschaftliche Flächen in nicht-landwirtschaftlich genutztes Land umgewandelt werden. Hall et al. analysieren, wie jene Menschen, die die kon- vertierten Länder für agrarische Zwecke genutzt hatten, nun von den konvertierten Ländern und den durch die Konvertierungen neu generierten Profitmöglichkeiten aus- geschlossen werden, bevor sie sich dem fünften Schlüsselprozess – intimate exclusions – zuwenden. Diese manifestieren sich dadurch, dass miteinander vertraute BürgerInnen sich gegenseitig zu Zwecken der Kapitalakkumulation den Zugang zu Land verwehren. Als sechsten und letzten Schlüsselprozess sehen Hall et al. counter exclusions, in denen sich Gruppen mobilisieren, um Land von staatlichen Behörden oder anderen Gruppen zurückzufordern, womit sie auch ihre eigenen Rechte auf Ausschließung an- derer fordern. Legitimierung spielt dabei eine zentrale Rolle; besagte Gruppen sichern sich UnterstützerInnen und fordern ihre Rechte auf das Land mittels Argumenten wie beispielsweise ihr Recht auf Lebensunterhalt, soziale Gerechtigkeit oder territori- ale Zugehörigkeit ein. Bei der näheren Untersuchung einiger solcher Mobilisierungen kommen Hall et al. zu der Feststellung, „that people want the right to exclude, but don’t want to be excluded“ (S. 188). Powers of Exclusion argumentiert durchgehend, dass Ausschluss von Land weder ein neues Phänomen ist, noch eines, das vermieden werden kann, da schließlich jede ASEAS 6(1) 231230 produktive Nutzung von Land den Ausschluss anderer Menschen voraussetzt. Bei so rapiden und facettenreichen Landtransformationen, wie sie in den letzten Jahr- zehnten in Südostasien stattgefunden haben, ist es von großer Bedeutung, das „wer“ und „wie“ dieser Veränderungen zu verstehen und zu analysieren, und Powers of Ex- clusion gelingt dies mit größter Sorgfalt und Besonnenheit. Das Buch brilliert durch seine übersichtliche Struktur, die es durchgehend einfach macht, den Überblick zu bewahren. Auch Quantität und Qualität der Fallbeispiele begeistern. Unterschiedli- che AkteurInnen werden behandelt, von lokalen DorfbewohnerInnen über staatliche Institutionen, NGOs und soziale Bewegungen bis hin zu Agrarunternehmen. Die vier powers of exclusion bewähren sich bei der Analyse der verschiedenen Schlüsselprozes- se als treibende Kräfte, wobei oft auch andere Faktoren, wie zum Beispiel technischer Fortschritt oder Umweltveränderungen, eine wichtige Rolle spielen. Die AutorInnen erkennen allerdings auch mehrmals an, dass ihre powers weder exklusiv noch iso- liert wirken, und im Endeffekt erscheinen diese als logisch und auch außerhalb der untersuchten Regionen anwendbar. Für AkademikerInnen, die sich für Prozesse land- schaftlicher Transformation interessieren und dafür, wie durch diese ökologische, ökonomische und soziopolitische Bedingungen neu definiert werden, ist Powers of Exclusion durchaus zu empfehlen. Marion Kastenhofer Universität Wien, Österreich Marion Kastenhofer - Rezension: Powers of Exclusion. Land Dilemmas in Southeast Asia