167-175 Neuropsycholinguistic Problems of Semantic-Functionally Formed Speeches 162 AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education www. grnjournal.us AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education Volume 3, Issue 5, 2025 ISSN (E): 2993-2769 EINE VIELSCHICHTIGE PERSPEKTIVE IN DEN WERKEN VON HANS BERGEL: PANORAMA DER EUROPÄISCHEN GESCHICHTE DES 20. JAHRHUNDERTS LAYLA ESA SALIM Al-GERTANI Babeș-Bolyai-Universität Cluj, Philologische Fakultät, Department für Deutsche Sprache und Literatur E-Mail: layla.salim@ubbcluj.ro Abstract. The various sub-literatures exhibit different characteristics, determined by history and status. Evidence of historical poetry and historically imagined panoramic views of the German minority's existence in Romania were viewed as contradicting the idea that German history in this nation had come to an end. However, all of them—except for the German-language literature of Bukovina—apparently shared the view that they essentially saw themselves as preserving their German-speaking minority. Hans Bergel's oeuvre encompasses a pervasive and difficult-to-oversee body of texts. This study focuses only on a small selection of his most important works and examines the impulses that led to the often-praised diversity of Bergel's writings. Bergel is an author whose work is closely connected to the experiences of the 20th century and repeatedly deals with the past in his novels and short stories. Key words: Hans Bergel, Siebenbprger, life themes. Schlusswörter: Hans Bergel, Kronstadtprozess, Erzählweise, Siebenbürger, Lebensthema. Introduction Die Teilliteraturen weisen unterschiedliche Ausprägungen auf, die durch Geschichte und Status bedingt sind. Zeugnisse der Geschichtsdichtung sowie historisch angelegte Panoramabilder der deutschen Minderheitenexistenz in Rumänien wurden als Widerspruch gegen das unwiederbringliche Ende der deutschen Geschichte in diesem Land angesehen. Allen - abgesehen von der deutschsprachigen Literatur der Bukowina - ist jedoch offenbar gemeinsam, daß sie sich im Grunde als bewahrende Instanz ihrer deutschsprachigen Minderheit sahen. Hans Bergels Werk umfasst ein äußerst umfangreiches und schwer zu überblickendes Textangebot. In dieser Arbeit steht nur eine kleine Auswahl seiner bedeutendsten Werke im Fokus. Die Untersuchung zielt darauf ab, die Anstöße zu untersuchen, die zur oft gepriesenen Vielfalt von Bergels Schriften geführt haben. Bergel ist ein Autor, dessen Schaffen eng mit den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts verbunden ist, und hat sich in seinen Romanen und Kurzgeschichten immer wieder mit der Vergangenheit beschäftigt. Bergels Herangehensweise in diesem Genre ist jedoch einzigartig und spiegelt seine persönliche Geschichte als Vertriebener und Identitätssuchender wider. In diesem Artikel werden die Erzählweise, die Zielgruppe und die Motive in den Werken von Bergel untersucht, wobei Quellen aus seinen Büchern einbezogen werden. Die zugrunde liegende Arbeit basiert auf Rezensionen und wissenschaftlichen Untersuchungen, die seine Schriften analysieren. Methodology http://www/ mailto:layla.salim@ubbcluj.ro 163 AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education www. grnjournal.us Am 26. Juli 1925 bekamen der Lehrer Erich Bergel und seine Frau Katharina in Rosenau ihr erstes Kind, Hans Bergel, der älteste von vier Geschwistern. Bergel war an den Schulen in Rosenau, Sächsisch-Regen, Kronstadt und Hermannstadt zu Besuch. Seine antinazistische Haltung begründet, dass er im Jahr 1942 von der Schule ermahnt wurde. Wie viele seiner Gleichaltrigen wurde er im Jahr 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion abgeschoben, gelang er jedoch aus einem Sammellager zu fliehen. Nachdem er 1946 das Abitur abgelegt hatte, versuchte er, aus Rumänien zu fliehen. Dieser Versuch scheiterte jedoch, da er in Budapest verhaftet wurde. Zuletzt wurde er erneut nach Rumänien abgeschoben. Im Jahr 1948 entkam er aus dem Gefängnis in Temeswar, indem er sich mit anderen Insassen zusammenschloss. Er wurde erneut in Gewahrsam genommen und zum Militärdienst verpflichtet. 1954 musste er aus politischen Gründen sein Fernstudium der Kunstgeschichte und Philosophie in Bukarest abbrechen. Durch Hans Begels Einfluss entwickelte sich die Siebenbürgische Zeitung zu einem wichtigen politischen Instrument. Wobei er als freier Mitarbeiter für den Bayerischen Rundfunk arbeitete, war er von 1970 bis 1989 Chefredakteur der Siebenbürgischen Zeitung, dem Presseorgan der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen. Im Zeitraum von 1989 bis 2009 bekleidete er die Position des Chefredakteurs der Südosteuropäischen Vierteljahresblätter. Seine Texte waren vielseitig, da er über Völker und Kulturen, über Kunst und Künstler sowie über Sprache und Musik schrieb. Bergel erlitt enorme Verfolgungen und wurde in den 1950er und 1970er Jahren zum Symbol für politische Folter und Versklavung des literarischen Lebens. Er setzt sich mit der Frage nach Freiheit in der Zeit des Kommunismus auseinander und trägt die Last der Kriegsverbrechen, die von Rumäniendeutschen verübt wurden. Results and Discussions Die jahrelange Überwachung und Verfolgung durch Informanten und Agenten der Securitate – des Geheimdienstes des kommunistischen Rumäniens – stellte eine Art von Plage dar. Die letztliche Zielsetzung dieser Interventionen war es, die Gegner des kommunistischen Regimes anzuprangern und zu beseitigen. Der Schriftstellerprozess von 1959 in Brasov diente der Manipulation und Einschüchterung von Bürgern deutscher Volkszugehörigkeit. Zahlreiche Persönlichkeiten aus der Kultur- und Literaturszene wurden verhört. Hans Bergel, Wolf von Aichelburg, Andreas Birkner, Harald Siegmund und Georg Scherg waren fünf deutsche Autoren, die wegen Verschwörung gegen das kommunistische Regime verurteilt wurden. Seine als „Buch des literarischen Widerstands“ bezeichnete Erzählung Fürst und Lautenschläger, die angeblich der Förderung der jungen rumänischen Volksrepublik dienen sollte, wurde für Bergel zum Verhängnis. Im Jahr 1959 und im Rahmen des Kronstädter Schriftstellerprozesses wurde Bergel im April 1959 zu 15 Jahren Zwangsarbeit und fünf Jahren Verlust aller Bürgerrechte verurteilt. Dieser Prozess richtete sich nicht nur gegen Bergel, sondern auch gegen mehrere siebenbürgerisch-sächsische Autoren. 1964 wurde er vorzeitig entlassen, 1968 emigrierte er dann mit Unterstützung von Günter Grass nach Deutschland. Im Gespräch mit Dieter Drotleff erklärte Bergel die Gründe für das Urteil: „Aus einer Vielzahl potentieller Gründe, die RKP und Securitate dafür sahen, kristallisierte sich im Laufe der Untersuchungsverhöre in der Kronstädter Angergasse – Strada Prundulul – in den Räumen der Securitate-Niederlassung, […] hieß, meine Novelle historischen Inhalts „Fürst und Lautenschläger“ heraus.“ In diesem Zusammenhang berichtete er von dem Verrat eines angeblichen Freundes, der sich scheinbar gegen das kommunistische Terrorregime gestellt und sich der Rebellion angeschlossen hatte. Dieser Freund meldete, als dieses Werk 1957 in Bukarest erschien, die Interpretation der Securitate. Bergel hatte während eines gemeinsamen Hotelaufenthalts im Jahr 1956 seinem Freund Schlattner gesagt, dass der tyrannische Fürst den repressiven Staatsapparat repräsentiere, der unbeugsame Lautenschläger er selbst sei und die Kunst (das Vögelein) nicht käuflich sei. Schlattner hat diese Auslegung dem Geheimdienst aufgrund von Bedrohung und Druck, aber auch aufgrund eines Sinneswandels verraten. In diesem Kontext wird von zahlreichen Rezensenten Eginald Schlattners Roman Rote Handschuhe hervorgehoben, in dem er von der kommunistischen Willkür und seiner eigenen Haftzeit von 1957 bis 1960 erzählt. Schlattners Verrat an dem Schriftstellerkollegen wird dort in leicht fiktionalisierter Weise dargestellt. http://www/ 164 AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education www. grnjournal.us Erzählweise in Bergels Werke Die in Deutschland und Rumänien erschienenen Erzählungen und Romane von Hans Bergel, Paul Schuster und weiteren Autoren ihrer Generation zeugen von der anhaltenden Bedeutung der „metahistorischen“ Erzählung. Das, was Bergel als „Erzählung“ oder „Geschichte“ bezeichnete, so erläutert Manfred, gehört in den meisten Fällen zur Gattung der Novelle, die als die anspruchsvollste Form der Kurzgeschichte gilt. Bergel wendet dabei oft eine Technik an, die in der erzählenden Literatur schon immer praktiziert wurde. Er lässt eine fiktive Figur in der Ich-Form erzählen, ohne ihren Namen zu erwähnen. Es ist ihm gleichgültig, ob er dem Erzähler einen Namen gibt oder nicht. Bergel gibt der Freude am epischen Ausholen gern nach, doch ist seine Neigung, sich der kleistkultivierten Form der Novelle zu bedienen, ebenso offensichtlich. Manfred erklärt, dass die Strukturuntersuchung der Novelle, die 1959 verfasst und 2002 vom Literaturanalytiker Peter Motzan wiederentdeckt wurde, die Gründlichkeit von Bergels theoretischer Auseinandersetzung mit dieser Gattung demonstriert. Sie ist ein herausragendes Beispiel für die „Technik und Metaphysik der Novelle als Kunstform“. Hans Bergel beleuchtet die Novelle als eine eigengesetzliche Gattungsart und bemerkt ihr einen ontologischen Status zu. Er versucht, ein invariantes Strukturmodell dieser epischen Form in all ihren variablen Erscheinungsformen im historischen Wandel zu ‚konfigurieren‘, so Motzan. Eine Chronik, die den Zeitraum vom Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie bis zum Ende des Kommunismus in Rumänien abdeckt, bieten die Romane Wenn die Adler kommen und Die Wiederkehr der Wölfe , in denen die Geschichte der Siebenbürger Sachsen spielt. Nach Windisch- Middendorf beschreibt Bergels „im besten ,klassischen‘ Sinn narrative Fabulierkunst […] die sprachliche, religiöse und gesellschaftliche Vielfalt Südosteuropas als exotisches Faszinosum“. Für Bergel ist entscheidend, dass seine Geschichte den Leser emotional möglichst direkt erreicht. Hierfür ist insbesondere die Ich-Perspektive als Erzählerposition geeignet. Es heißt aber auch, dass es bei diesem Autor nicht um eine Selbstbiografie geht. Das ist auch dann nicht der Fall, wenn Bergel ein Leben führte, das den Leser dazu bringen könnte, von der, wie Manfred es ausdrückt, „unerhörten Begebenheit“ auf die Autobiografie zu schließen. So verleihen zum Beispiel Bergels zahlreiche Begegnungen mit Männern aus allen sozialen Schichten während der Kerker- und Lagerjahre den Protagonisten in seinen Novellen und Romanen eine lebendige Authentizität. Manfred ist von Bergels literarischen Werken, seien es Essays, dramatische Erzählungen, Novellen oder Romane, beeindruckt. Er argumentierte: „Bei keinem anderen Schriftstellerkollegen ist mir so bewusst geworden, dass das Erzählen ein Element der Natur ist.“ Seine Überlegung gründet sich in diesem Zusammenhang auf seinem erweiterten Wissen, das nicht nur Literatur, Kulturgeschichte, ‑morphologie und ‑philosophie umfasst; über Ethnologie und -psychologie im Besonderen, sondern auch das antike Griechenland. Selbstverständlich, auch über Musik und Sport. Indem Bergel diese Themen aufgreift, erweitert er auch den Bereich der von ihm behandelten Themen. Er präsentierte seine Überlegungen in Form einer Aneinanderreihung, da er sie wie die Handlungen in seiner Erzählprosa anordnete, so Manfred. Windisch-Middendorf erklärt, dass Bergels Spätwerk, die beiden Romane Wenn die Adler kommen und Die Wiederkehr der Wölfe, als Analysen der Chronik Südost- und Mitteleuropas zwischen den beiden Weltkriegen betrachtet werden können. Er argumentiert, dass die Beziehung zwischen Romanhandlungen und Erzählerposition so beschaffen sei, dass der Autor hinter den Romanfiguren erkennbar werde. Manfred lobt Bergels Erzählweise und hebt hervor, dass seine Sprache „von der ersten bis zur letzten Zeile diszipliniert ist und das Ereignis mit- und nacherlebbar macht.“ Motzan stellt fest, dass Bergel „schreibt, wie andere Menschen atmen.“ Zum Muster, dem Bergel folgte, erläutert Walter Folgendes: „Der Ansatz und das Verfahren bei der Entfaltung der Aussage variieren jedes Mal: Bergel folgt keinen Konventionen.“ Bergel zeigt in seinem Werk Die Wiederkehr der Wölfe beispielhaft auf, wie es anders funktionieren kann, wenn der Mut zu einem positiven Widerstand vorhanden ist. Beim Lesen dieses Romans begegnen dem Leser sofort mehrere Optionen für dieses Epos. Fischer bezeichnet dieses Epos als Bildungs- bzw. Entwicklungsroman. Im Gegensatz dazu wird Bergels Novelle Fürst und Lautenschläger von Pauling als eines der wenigen Werke des literarischen Widerstands angesehen – http://www/ 165 AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education www. grnjournal.us wenn nicht sogar als das einzige. Bergel bezeichnete die Novelle dann auch als „eine stilistische Jugendsünde.“ Diese Ansicht beruht vor allem auch darauf, dass in der Novelle der Widerspruch gegen das autoritäre System auf mehreren Ebenen Ausdruck findet. Die Wiederkehr der Wölfe bietet zahlreiche Beispiele für Nächstenliebe und Opferbereitschaft als Gegengewicht zum weitverbreiteten Fanatismus. Es kann herausgearbeitet werden, dass dieser Roman verschiedene Aspekte des historischen Romans, der Liebesgeschichte und sogar des Agenten-Thrillers umfasst. Im Kapitel zwei mit dem Titel: „Das Historikerquintett, die Berliner Kampfhunde und das kostbare schwarze Gold“ setzt sich Bergel mit der Geschichte als Instrument zum Verständnis der Gegenwart und zur Erfassung der Kontinuität menschlicher Erfahrungen über Generationen hinweg auseinander. Dabei erklärt Bergel: „Doch muß deine Generation und jede weitere wissen, was geschah!“ Man kann herausarbeiten, dass Bergel die Vorstellung vom historischen Roman eng mit dem Erinnerungsbegriff verknüpft. Fischer legt dar, dass das Bergelsche Epos auch als Heimatroman, Familienroman, Liebesroman, Abenteuerroman und Spionageroman interpretiert werden kann. Bergel zeichnete sich, so Sienerth, zudem durch einen unbändigen schriftstellerischen Schaffensdrang und eine immense geistige Produktivität aus. Schließlich thematisieren Hans Bergels Werke neben der Bewahrung der Identität auch das Exil in einer fremden Umgebung. Europa, Südosteuropa und Siebenbürger Sachsen: Schicksals- und Lebensthemas Für Bergel war Südosteuropa ein Gebiet, das von Auseinandersetzungen, nationalen Spannungen und dem Zusammentreffen unterschiedlicher Großmächte bestimmt wurde. Die historischen Turbulenzen hatten eine enge Verbindung zum Schicksal der Siebenbürger Sachsen. Seine Zugehörigkeit stellte Bergel insofern dar, indem er im Südosten Europas durch „Die Passion“ auf die Vergangenheit verwies. Ein Beispiel in diesem Sinne ist Bergels Bericht über seine Bemühungen, nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik 1968 in der Zeit der Ceauşescu-Euphorie wahrheitsgemäß über die Zustände in Rumänien zu berichten. Bergel erläutert dieses Verhalten, fügt jedoch hinzu, dass die Verlage sich dagegen wehrten, „von uns damals aus dem Südosten eingetroffenen Autoren realistisch informiert zu werden.“ Im Zuge des Umsturzes 1989 gegen den Diktator Ceausescu in Bukarest trat Hans Bergel erneut als Redner vor der Feldherrnhalle in München auf und äußerte bedeutende sowie warnende Wrote: „Die Nationalität […] lediglich das Kleid [ist], das wir tragen und in dem wir uns der Welt zeigen, die Humanität aber […] die Aufgabe [ist], in deren Dienst wir alle stehen“. Bergel emigrierte, wie bereits erwähnt, nach Deutschland, weil er zahlreichen Verhaftungen und ständigen Verfolgungen ausgesetzt war. In Deutschland wurde er Botschafter der sächsischen Gemeinschaft aus Siebenbürgen und suchte gleichzeitig nach seiner Position in einer westdeutschen und sächsischen Dimension. Er vereinte somit diese gegensätzlichen Extrempositionen in einer Einheit und strebte nach europäischen Lösungen für die Probleme Siebenbürgens. Bergel berichtete über seine Sorge um seine siebenbürgischen Landsleute und deren Zukunft. Seine Sorge liegt darin, dass es von immer weniger Siebenbürgern seine Muttersprache gibt. Explizit äußerte er den dahinterstehenden Grund, dass das Bewusstsein der Generationen, die als Nachkommen in westlichen Ländern geboren werden, von Siebenbürgen als einem verbindenden Lebensraum unweigerlich schwinden wird. Die europäischen Standards, die Ideologie der Freiheit und der Westen seien gegenüber den östlichen, balkanischen Situationen verloren gegangen. Bergel korrigierte auf diese Weise das falsche positive Selbstbild der Westdeutschen. Deshalb wurde Griechenland, zumindest das Mediterrane, immer wieder als Motiv in seinen Erzählungen gewählt. Bergel sieht diesen Fall als gerechtfertigt an, da er eine sinnenhafte Begegnung mit den geistigen Wurzeln ermögliche, „aus denen wir Europäer, wenn auch nicht immer unmittelbar, kommen.“ Nach 1968 waren Bergels Reisen eine Suche nach Zeugnissen der griechisch-römischen Antike, die er geradezu gierig suchte. Er erlebte dabei ein Gefühl so ähnlich wie eine Identifikation. Bergel weicht in seinen Werken oft vom Thema ab, zum Beispiel in die europäische Geistesgeschichte, die Geschichte der modernen Apokalypse und deren Ursprung, den Ersten Weltkrieg. Exkurse dieser Art sind oft zu finden: Bergel weicht vom Thema ab, bleibt ihm aber dennoch mit ihm verknüpft. Abschweifungen sind oft poetisch und beleuchten das Grauenhafteste oder lassen es dunkler erscheinen. „Ich habe nicht gewußt, daß die Nachtigall am Piave in Italien ebenso singt wie im Wald http://www/ 166 AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education www. grnjournal.us der Ostkarpaten. ,Erinnerst du dich jetzt?‘“ Als Autor aus Südosteuropa beleuchtete Bergel in seinem umfangreichen Werk auch als Dichter und Publizist die historischen und interkulturellen Zusammenhänge jener in Deutschland kaum bekannten ,,mythische[n] Landschaft, die nur versteht, wer dort geboren wurde. Voller Helden, Heiliger und Halunken“, so Bergel. Mit diesen Worten bezog er sich auf Siebenbürgen. Wie die vieler seiner Alters- und Schicksalsgenossen ist auch die Biografie Bergels von den dramatischen Vorzeichen historischer Umwälzungen und ideologischer Wirren des 20. Jahrhunderts geprägt. Pauling meint, dass kulturpolitische Maßnahmen in Rumänien politische Ziele verfolgt haben und diese Vorgaben einen erheblichen Einfluss auf die Lebenswelt der Siebenbürger Sachsen hatten. Bergel wuchs in rumänisch-ungarischer Umgebung in den südlichen Karpaten auf. Daher lebte er ein außergewöhnliches Leben voller Ereignisse, schwieriger Situationen und Begegnungen. Daher gibt es nur selten Augenblicke, die er nicht mit einer Erzählweise belebt, als ob die Handlung gerade geschieht. Er zeigt dies in seinen literarischen, essayistischen und journalistischen Arbeiten: Mit über vierzig veröffentlichten Büchern ist er über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren äußerst produktiv. Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Fachliteratur und Biografien gehören zu seinem Werk. Seine Essays zur Literatur- und Kunstgeschichte, wie Gesichter einer Landschaft, Südosteuropäische Porträts (1999) und Bukowiner Spuren (2002), dienen als Quellen für die Geschichte des ethnisch, sprachlich und kulturell vielfältigen Vielvölkerraums in Südosteuropa. Durch seine literarische Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen und deren Auswirkungen auf individuelle sowie kollektive Schicksale wird er zu einem bedeutenden Vertreter des historischen Romans. Seit seiner frühesten Kindheit waren historische Dokumente für ihn eine Quelle der Faszination und Inspiration. Bergel verbrachte seine Kindheit in einer Gegend, die bis heute vom Kampf der „Saxones“ gegen Tataren, Petschenegen und Mongolen geformt ist. Die Essays und Vorträge in dem Sammelband Das Spiel und das Chaos demonstrieren, wie nationale und regionale Identität in Zeiten der Globalisierung mit europäischer Alterität verwoben werden kann. Und sie zeigen die Verbindung von Kunst, Moral und Bürgersinn. Sein Buch mit den meisten Auflagen ist der Jugendroman Die Rennfüchse (1972, elf Auflagen). Die Ereignisse des 20. Jahrhunderts aus einer südosteuropäischen Perspektive schildert er schließlich in zwei umfangreichen Romanen, die ursprünglich als Teil einer Trilogie geplant waren: Wenn die Adler kommen erschien 1996 (vier Auflagen), und der zweite Roman Die Wiederkehr der Wölfe folgte 2006 (zwei Auflagen). Darüber hinaus muss noch auf Bergels enge Verbindung zu grundlegenden ästhetisch-philosophischen Traditionen Westeuropas hingewiesen werden. Als Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks (München) veröffentlichte Bergel etwa tausend Essays sowie hunderte Radiobeiträge und Features. Nach Fischer sah Bergel seine Heimat in ihren gesamten europäischen Bezügen, von Madrid bis Moskau. Es kann argumentiert werden, dass Bergel Europa als Horizont und Bezugspunkt für Themen wie kulturelle Vielfalt und Einheit, geistige Traditionen und kritische Auseinandersetzung mit dem Westen betrachtet hat. Er stellte heraus, wie wichtig es sei, ein gemeinsames europäisches Bewusstsein zu entwickeln und über die Grenzen der Nationen hinweg zusammenzuarbeiten. Er stellte die siebenbürgisch-sächsische Kultur in einen gesamteuropäischen Rahmen und hob die Einflüsse sowie Verbindungen zu westlichen und östlichen Traditionen hervor. Trotz der Betonung der Bedeutung der europäischen Integration war Bergel kein unkritischer Befürworter westlicher Ideologien. Der Essayist und Erzähler Bergel nähert sich der Natur vor allem aus einer dichterischen Perspektive, wobei diese nicht nur als Landschaft, Erde, Flora oder Fauna erscheint, sondern auch als Daseinsstimmung, die das Geheimnis als Mysterium begreift, ohne das die Dinge ihrer Existenz über das Materielle hinaus beraubt wären. Er thematisiert mit Mut Kräfte und Ursprünge, die jenseits des Sachlichkeitszwangs des technisierten Denkens der sogenannten Moderne liegen, und tut dies, ohne fantastische Texte zu verfassen. Es ist zu bemerken, dass alle seine Gedichte geografische Titel haben, z. B. Herbstabend am Trasimenischen See, Berlin, Bukarest im Sommer 2000, kanadischer Sommer, Steppe am Schwarzen Meer. Im Gespräch mit Szell erklärte er dieses Phänomen mit seiner „privaten lyrischen Geografie“ , mit der er keinem bestimmten System folgt. Der Titel ergibt sich vielmehr von selbst.. Bergel ist Oscar Walter Cisek dankbar dafür, dass er ihm das Schreiben als handwerklichen Vorgang näherbrachte und auf seinen Ausdruck der „Augengier“ hinwies, der sich heute in Bergels Schreiben zeigt. Seine Poesie entschlüsselt die Symbolsprache der Natur. Bilder und Metaphern werden zu Sinnbildern existenzieller Erfahrungen. Lăzărescu zufolge war sein Italienbild Bestandteil einer komplexen http://www/ 167 AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education www. grnjournal.us Sehnsucht nach Süden und damit eine Quelle seiner poetischen Inspiration. Auch in der Biografie Bergels wurzelt das Bild von Italien und Griechenland; es verstärkte sich aufgrund belastender Erfahrungen als politischer Häftling. Er litt unter dem Druck der kommunistischen Diktatur, der ihm auferlegt war. Bergel dichtet bei seinen häufigen Besuchen Israels auch über die mythenerfüllte Welt des Mittelmeers. Die geografische Vielfalt im Roman Die Wiederkehr der Wölfe spiegelt sich in der Diversität der Herkünfte der Personen wider. Neben Kronstadt und Bukarest sind auch Paris, Berlin, Madrid, die Ost- und Südkarpaten sowie viele weitere Orte zu finden. Manfred ist der Ansicht, dass „Hans Bergel, der Kunst- und Naturverfallene, den die Wüsten ebenso bis zur Selbstvergessenheit faszinieren wie Ströme und Gletscher, Gemälde und Musik, in der Novelle ,Die Rückkehr des Rees‘ einen Höhepunkt erreicht. Prosa, Lyrik und Drama werden zu einer für seinen Ausdrucksstil charakteristischen ästhetischen Einheit und wirken als solche.“ Conclusion Generell lässt sich schlussfolgern, dass Bergels Arbeiten darauf abzielen, die komplexen und oft widersprüchlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, insbesondere aus der Perspektive der Minderheiten und derjenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Ein weiterer Aspekt ist die Betonung der Bedeutung und der Lebensumstände von Minderheiten, vorrangig der Siebenbürger Sachsen, innerhalb des europäischen Geschichtsverlaufs. Die Werke Bergels stellen eine kritische Auseinandersetzung mit totalitären Regimen dar und setzen sich intensiv mit den Auswirkungen des Nationalsozialismus und des Kommunismus auf das Leben der Menschen auseinander. Die Gedanken von Hans Bergel waren von einem tiefen Verständnis der komplexen historischen und kulturellen Verflechtungen in Europa, insbesondere in Südosteuropa, geprägt. Im Rahmen dieses größeren Zusammenhangs bildeten der Schicksalsweg und die Lebensthemen der Siebenbürger Sachsen eine zentrale Thematik in seinem literarischen und journalistischen Schaffen. Bergels verfolgte das bedeutende Ziel, das Verständnis für die osteuropäische Perspektive auf die europäische Geschichte zu stärken und die oft übersehenen Erfahrungen dieser Region ins Bewusstsein zu bringen. Zudem haben seine Werke das Ziel, das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen und anderer Minderheiten zu bewahren, die im Laufe der Geschichte unterdrückt oder verfolgt wurden. Seine Arbeiten motivieren dazu, über Fragen von Identität und Zugehörigkeit in einer sich verändernden europäischen Landschaft nachzudenken. Bergels Werke fördern das historische Bewusstsein, nicht zuletzt durch die Vermittlung historischen Wissens und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Sie sind letztlich ein literarisches Mahnmal für die Opfer der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und erinnern an die Notwendigkeit, aus der Vergangenheit zu lernen, um eine bessere Zukunft zu gestalten. References: [1] H. Bergel, "Erfahrungen eines Autors mit Verlagen," in A. Schwob, Ed., Deutsche Literatur Ostmittel- und Südosteuropas. München: Südostdeutsches Kulturwerk, 1992, pp. 68 ff. [2] F. A. Balogh, Német-magyar együttélések a Kárpát-medencében. Budapest: Argumentum, 2009, pp. 87–96 [3] H. Bergel, Die Wiederkehr der Wölfe. München: Langen Müller, 2006. [4] M. Brie, S. Şipoş, and I. Horga, Ethno-Confessional Realities in the Romanian Area. Historical Perspectives (XVIII–XX centuries). Oradea, Romania: Munich Personal RePEc Archive, 2011, p. 236. [5] H. Bergel, Das Spiel und das Chaos. Essays und Vorträge. Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, 2013, p. 17. http://www/ 168 AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education www. grnjournal.us [6] H. Bergel, Randbemerkungen. Das Jahrhundert, an dem ich teilhatte. Rückblick auf Kerker- und Lagerjahre. Dieter Drotleff im Gespräch mit Hans Bergel. Literaturwissenschaft, vol. 89, Berlin: Frank & Timme, 2020, pp. 9–10. [7] H. Bergel, Fürst und Lautenschläger. Berlin: Edition Noack & Block, 2023. [8] M. Fischer, "Von der Polyphonie der Erzählkunst. Zum Beispiel die Wiederkehr der Wölfe," in G. Gutu, Ed., Horizonte: Über Hans Bergels literarisches Werk. Berlin: Frank & Timme, 2019, pp. 50–52. [9] V. Glajar, The German Legacy in East Central Europe as Recorded in Recent German- Language Literature. New York: Camden House, 2004, pp. 115–160. [10] G. Gutu, Horizonte. Über Hans Bergels literarisches Werk, vol. 76, Literaturwissenschaft. Berlin: Frank & Timme, 2019, p. 120. [11] P. Motzan, "Risikofaktor Schriftsteller. Ein Beispielfall von Repression und Rechtswillkür," in P. Motzan and S. Sienerth, Eds., Worte als Gefahr und Gefährdung. Schriftsteller vor Gericht. München, 1993, pp. 72, 150. [12] P. Motzan, "Mein Leben ist Schreiben, oder es ist nicht," in H. Bergel and M. Winkler, Die Verweigerung der Negativität. Gespräch über Hiob und Apollon. Mit einem Beitrag von Walter Schuller. Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, 2016, p. 150. [13] P. Motzan, "Zum 80. Geburtstag von Hans Bergel. Theorie, Konstruktion und schriftstellerische Praxis," in H. Bergel, Die Novelle als klassische Kunstform. Ihre Technik und ihre Metaphysik und Die Rückkehr des Rees. Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, 2019, p. 416. [14] S. Pauling, Wir werden Sie einkerkern, weil es Sie gibt! Studie, Zeitzeugenberichte und Securitate-Akten zum Kronstädter Schriftstellerprozess. Literaturwissenschaft, vol. 30, Berlin: Frank & Timme, 2012, pp. 10, 33–37. [15] E. Schlattner, Rote Handschuhe. Roman. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2000. [16] O. Spiridon, Untersuchungen zur rumäniendeutschen Erzählliteratur der Nachkriegszeit. Literatur- und Medienwissenschaft, vol. 86, Oldenburg: Igel, 2002, pp. 51– 112. [17] W. Schuller, "Faszination Israel. Hans Bergels Rezeption Deutsch schreibender Juden," in H. Bergel and M. Winkler, Die Verweigerung der Negativität. Gespräch über Hiob und Apollon. Mit einem Beitrag von Walter Schuller. Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, 2016, p. 183. [18] A.-A. Szell, "Das Faszinosum des Erzählens – In Memoriam Hans Bergel," Babeș- Bolyai Universität, 2023, pp. 271–274, 279. [19] R. Windisch-Middendorf, Der Mann ohne Vaterland. Hans Bergel – Leben und Werk. Berlin: Frank & Timme, 2010, pp. 9–10, 41, 95. [20] M. Winkler, "Palamelas wunderbar heimliches Lachen. Frauengestalten in Hans Bergels Erzählungen und Novellen," in H. Bergel and M. Winkler, Die Verweigerung der Negativität. Gespräch über Hiob und Apollon. Mit einem Beitrag von Walter Schuller. Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, 2016, pp. 107–109. [21] M. Winkler, "Über die Philosophie des Erzählens Gedanken zu Hans Bergels Essay ‘Der Tod des Hirten’," in H. Bergel and M. Winkler, Die Verweigerung der Negativität. Gespräch über Hiob und Apollon. Mit einem Beitrag von Walter Schuller. Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, 2016, pp. 170–171. [22] M. Winkler, "Alles Suchen der Ruhe ist ein Suchen des Todes. Die Präsenz des Lyrischen in Hans Bergels Prosa," in H. Bergel and M. Winkler, Die Verweigerung der http://www/ 169 AMERICAN Journal of Language, Literacy and Learning in STEM Education www. grnjournal.us Negativität. Gespräch über Hiob und Apollon. Mit einem Beitrag von Walter Schuller. Berlin: Edition Noack & Block in der Frank & Timme GmbH, 2016, pp. 151–156, 165. http://www/