19 Buchrezension: Maria Theresia: Die Kaiserin in ihrer Zeit von Barbara Stollberg-Rilinger Munich: Verlag C.H. Beck, 2017. Pp. xxviii+1083. Fabia Weisser Ludwig-Maximilians-Universität Eine Königin-Kaiserin wie aus dem Bilderbuch. Maria Theresia als die gutherzige, weise Regentin, die gegenüber ihrem Volke dieselbe Güte und Warmherzigkeit walten ließ, wie gegenüber jedem einzelnen ihrer sechzehn Kinder. Obendrein von betörender Schönheit und in steter Sorge um das Wohlergehen des eigenen Hofes und der Untertanen. Barbara Stollberg-Rilinger macht in ihrer 2017 erschienenen und rund 1000 Seiten umfassenden Biographie über die einstige Kaiserin deutlich, dass dieser Topos in der Historiographie der Jahrhunderte nach dem Tode Maria Theresias im Jahre 1780 mit wenigen Ausnahmen die Forschungsliteratur dominierte. So gelingt es Stollberg-Rilinger nicht nur die biographische Darstellung Maria Theresias zu reformieren, sie bietet mit diesem Buch Historikern wie auch Geschichtsbegeisterten einen eindrücklichen und mit akribischer Quellenarbeit fundierten Blick in das höfische Leben des 18. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist auch der etwa 400 Seiten umfassende Anhang aus Anmerkungen, Quellen- und Literaturverweisen. Stollberg-Rilinger zeigt dem Leser damit deutlich ihre beeindruckende, nahezu erschöpfende und äußerst sorgfältige Untersuchung von Primärquellen und sekundärer Literatur. Des Weiteren enthält die Biographie diverse Abbildungen von Gemälden und Kunstgegenständen auf welche Stollberg-Rilinger Bezug nimmt. Eine nicht außer Acht zu lassende Rolle für die schier unerschöpfliche Quellenlage habe der Oberhofmeister Johann Joseph von Khevenhüller gespielt, welcher gewissenhaft seiner selbst bestimmten Aufgabe als Chronist am Hofe nachkam. Stollberg-Rillinger zeigt auf, dass dessen Zeugnisse von Historikern lange Zeit unterschätzt wurden, wodurch es ihr gelingt, mit so manchen veralten Mythen über die barmherzige Maria Theresia aufzuräumen. Das Bild der nahezu übernatürlichen, stets aus Liebe getriebenen Landesmutter wusste allen voran Maria Theresias großer Bewunderer und Biograph Alfred von Arneth in seiner zehn Bände umfassenden Biographie aus dem 19. Jahrhundert zu erklären. Auch weitere Historiker, folgt man Stollberg-Rilingers Ausführungen, seien den kalkulierten Inszenierungen und Darstellungen einer stets liebevollen und volksnahen Kaiserin-Königin – forsch formuliert – auf den Leim gegangen. Zeigt die Biographin doch eine Vielzahl von Quellen auf, in denen Maria Theresias Verhalten und Handeln vielmehr auf herrschaftliche Kälte und politisches Kalkül, als auf durch Liebe zum eigenen Volk getriebenen Taten deutet. Wenngleich Stollberg-Rilinger der Regentin eine vergleichsweise außergewöhnliche Standhaftigkeit, Bescheidenheit und Gutherzigkeit gegenüber ihren Untertanen keineswegs abspricht: So habe Maria Theresia etwa ungewöhnlich viele Audienzen gehalten und Bittsteller empfangen, wie die 20 Biographin in den Quellen durchaus feststellen konnte. Den auch heute noch anzutreffenden populärhistorischen Darstellungen der Kaiserin, welche selbst die Ärmsten der Armen zur Audienz gebeten hätte, oder gar das Kind einer schwachen Bettlerin aus bloßer Gutherzigkeit an ihrer eigenen Brust gesäugt hätte (wie es das vielseits bekannte Gemälde von Alexander von Linzen-Mayer aus dem Jahre 1868 dem Publikum suggerieren möchte), habe die Kaiserin jedoch ganz und gar nicht entsprochen. Eindrücklich beleuchtet Stollberg-Rilinger auch die Fokussierung auf die Weiblichkeit Maria Theresias, welche ihren Feinden häufig als Schwäche im Sinne des bekannten Ausspruchs „das schwache Geschlecht“, Anlass zu Schmähung, Verachtung und Infragestellung insbesondere während des Erbfolgekrieges gab. Das Herrscherhaus der Habsburger und die Kaiserin-Königin selbst wussten Maria Theresia jedoch als fruchtbare und liebende Mutter zu inszenieren. Dabei schien laut Stollberg-Rilinger die Liebe gegenüber ihren eigenen vielen Kindern als allgegenwärtiges Sinnbild für ihre Rolle als liebevolle Landesmutter, als welche sie sich im Übrigen auch gerne selbst bezeichnet habe, zu stehen. Die Biographin zeigt dabei auf, dass es sich bei der Ikonisierung als Landesmutter um eine von Historikern lange als Betonung der Weiblichkeit missverstandene Darstellung handelte. Vielmehr sei hier das Herrscherverhältnis zwischen Kaiserin-Königin und ihren Untertanen versinnbildlicht worden. In diesen Zusammenhang passt auch die Erklärung Stollberg-Rilingers der einzigartigen Fähigkeit Maria Theresias, ihre Rolle als Herrscherin und ihre Weiblichkeit wohl zu trennen. Dies sei nicht zuletzt an ihrer Bezeichnung als Rex, im Gegensatz zum weiblichen Pendant Regina abzulesen. Dass Maria Theresias Gatte Franz I. Stephan nicht nur im Schatten seiner im herrschaftlichen Rang deutlich höher stehenden und bei Hofe angeseheneren Frau stand, sondern auch Schwierigkeiten hatte neben seiner Gemahlin überhaupt Achtung zu erfahren, stellte laut Stollberg-Rilinger nicht nur dessen Standhaftigkeit und Ehre als Mann gegenüber der Öffentlichkeit in Frage, sondern hätte auch zu einem Balanceakt der Kaiserin-Königin geführt, sodass diese selbst gar als die vermeintlich männlichere Person unter den Eheleuten identifiziert worden wäre. Zurecht bezeichnet Stollberg-Rilinger den Herzog und späteren Kaiser als den „glücklosen Ehemann“. Insbesondere in der Vergangenheit hätten Historiker die eigenständige Rolle Franz I. Stephans deshalb und auch wegen einer absichtlichen Vernichtung von Quellen durch Maria Theresia selbst als gering geschätzt. Stollberg-Rilinger zeigt auf, dass die variierenden Darstellungen der Beziehung beider Eheleute deutlich in der Historiographie als zeittypische Idealbilder eingeordnet werden können. So seien beispielsweise Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts bemüht gewesen, die Regentin und ihren Gatten als bürgerlich zu inszenieren, da dies dem zeitgenössischen Idealtyp entsprach. Stollberg-Rilinger widmet einen großen Teil des Buches den Ausführungen über die sechzehn Kinder der Regentin, von welchen nur zehn die Mutter überlebten. Insbesondere über die, wie der Name eines der Unterkapitel verrät, „widerspenstigen Töchter“ Marie Antoinette, Carolina von Neapel und Amalia von Parma berichtet die Biographin ausführlich. Eine klare Stärke der Biographie ist an der umfassenden Kontextualisierung aller Lebensabschnitte Maria Theresias durch Stollberg-Rilinger auszumachen. Wie detailreich die Biographin die Regentin selbst erläutert und gleichzeitig die Einbettung in das Gesamtgeschehen in all seiner Komplexität nicht außer Acht lässt, zeigt sich in der Biographie durchgehend und erweist sich für den Leser als besonders gewinnbringend. Vor dem Hintergrund der Vielschichtigkeit herrschaftlicher Beziehungen, Pflichten, sowie 21 alltäglicher Herausforderungen und Phänomene des 18. Jahrhunderts bietet die Biographin der Leserschaft ein äußerst fundiertes Bild der Regentin. Stollberg-Rilinger nimmt auch Bezug auf Maria Theresias Haltung gegenüber der aufkommenden Aufklärung, welcher die Kaiserin-Königin nicht zuletzt aufgrund ihrer eigenen Legitimation durch Gott und ihrer tief jesuitisch geprägten Religiosität Abscheu entgegengebracht habe. Dabei gelingt es der Biographin auch, dem Leser den fundamentalen Wandel der europäischen Welt im 18. Jahrhundert nahezubringen. Auch Maria Theresia selbst war von der durch die Aufklärung vorangetriebenen stetigen Säkularisierung und der zunehmenden Kritik am Glauben durch Intellektuelle betroffen, weshalb die Habsburgermonarchie zum Ende des Lebens der Regentin an Glanz verloren habe. Letztlicht hat Barbara Stollberg-Rilinger es geschafft, Maria Theresias Leben und Regentschaft auf – und das muss gesagt werden – nur 1000 Seiten wiederzugeben. Dabei vernachlässigt die Biographin nicht einen Aspekt der kaiserlich-königlichen, wie auch der allumfassenden Lebenswelt des 18. Jahrhundert. Stollberg-Rilingers Leistung zeichnet sich insbesondere durch die beeindruckende Fülle an Quellen und Sekundärliteratur aus, durch welche sie ihren Aussagen fundierten Nachdruck verleiht. Nicht zuletzt aufgrund dieser Tatsache ist das Werk ein gewinnbringendes Buch sowohl für Historiker, als auch für Geschichtsbegeisterte. Die kluge Unterteilung der Themengebiete ermöglicht Lernenden und Lehrenden auch mithilfe ausgewählter Kapitel in kurzer Zeit großen Wissensgewinn.