91 Die Inszenierung des Todes Das Funeralzeremoniell Kaiser Leopolds I. in vergleichender Perspektive Lennart Katzenbach Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Abstract Dem Funeralzeremoniell Kaiser Leopolds I. (†1705) wurde in der Forschung bislang nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Dies nimmt die vorliegende Untersuchung zum Anlass, Begräbnis und Begängnis des Kaisers ausführlich zu beschreiben und zu analysieren. Dabei werden Sterbeverhalten, der Umgang mit dem Leichnam und dessen Bestattung, sowie die Exequienfeiern mit ihrer ephemeren Trauerarchitektur und der damit einhergehenden Funeralpublizistik betrachtet. Zuletzt erfolgt ein schlaglichtartiger Vergleich des kaiserlichen Sterbe- und Trauerzeremoniells mit seinem kurfürstlichen Pendant für den ‘Großen Kurfürsten’ Friedrich Wilhelm von Brandenburg (†1688). The funeral ceremonies of Emperor Leopold I (†1705) have received scant attention from scholars. The article offers a close description and analysis of the emperor's funeral and burial. Special attention is paid to the final hours of the dying emperor, the handling of his body and burial, as well as the funeral ceremonies with its ephemeral architecture and accompanying funeral publications. Finally, it compares the imperial funeral with its counterpart for the “Great Elector” Frederick William of Brandenburg (†1688). Article Der Blick in frühneuzeitliche Zeremonialkompendien zeigt, dass den Begräbnissen und Begängnissen1 der Herrscher im Alten Reich große Bedeutung beikam.2 Entgegen der von den Zeitgenossen offenbar empfundenen Bedeutung dieser zeremoniellen Großereignisse, hat die historische Forschung sich dem bisher kaum gewidmet.3 Eine besondere Lücke Dieser Aufsatz beruht auf meiner Bachelorarbeit “Inszenierungen des Todes: Eine vergleichende Untersuchung zu Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg und Kaiser Leopold I.”, die ich im Wintersemester 2020/21 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn eingereicht habe. 1 Das Begriffspaar Begräbnis und Begängnis bezeichnet die Bestattung und die darauffolgenden Leichenfeierlichkeiten, wenn Bestattung und Leichenfeier voneinander getrennt stattfinden. In den Quellen werden die Begriffe aber oft synonym gebraucht. 2 Vgl. beispielswiese Friedrich Carl von Moser, Teutsches Hof-Recht, vol. 1 (Frankfurt/Leipzig: Verlag der Knoch- und Eßlingerischen Buchhandlung, 1761), 377-496; Julius Bernhard von Rohr, Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft Der großen Herren… (Berlin: Johann Andreas Rüdiger, 1733), 272-338. 3 So auch Linda Brüggemann, Herrschaft und Tod in der Frühen Neuzeit: Das Sterbe- und Begräbniszeremoniell preußischer Herrscher vom Großen Kurfürsten bis zu Friedrich Wilhelm II. (1688-1797) (München: Utz, 2015). Konkrete Untersuchungen liegen bisher vor allem zu kleineren Höfen vor, beispielsweise Jill Bepler, “Das Trauerzeremoniell an den Höfen Hessens und Thüringens in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts,” in Frühneuzeitliche Hofkultur in Hessen und Thüringen, eds. Jörg Jochen Berns and Detlef Ignasiak (Erlangen: 92 stellt dabei der habsburgische Kaiser Leopold I. (†1705) dar. In den wenigen Werken, die über ihn vorliegen, werden Sterben und Tod nicht genauer betrachtet, Publikationen über habsburgische Begräbnisse handeln ihn meist mit wenigen Sätzen ab, da eine ausführliche Untersuchung dessen bislang schlichtweg fehlt.4 Darüber hinaus sind vor allem ungedruckte Quellen bislang nur in Einzelfällen herangezogen worden. Eine nähere Untersuchung des Funeralzeremoniells Leopolds I. wird zusätzlich durch die insgesamt lückenhafte Forschungs- und Literaturlage zum Wiener Hof zu seiner Zeit erschwert.5 Die wichtigste Quelle zu Begräbnis und Begängnis Leopolds I. ist der ausführliche Bericht in einer kurz nach seinem Tod erschienen Biographie von Eucharius Gottlieb Rink.6 Dieser Text stellt auch in der Literatur die Grundlage der Betrachtung des Funeralzeremoniells dar, jedoch in der von Johann Christian Lünig fast textgleich übernommenen Fassung.7 Da die Version Rinks älter ist, wird sie hier verwendet. Woher dieser seine Informationen bezog ist bisher unklar, textliche Vorläufer sind aber zu vermuten. Bevor es um die Begräbnis- und Begängnisfeierlichkeiten Leopolds geht, folgt eine kurze Einführung in die historischen Grundlagen der dortigen Zeremonien, um dann das Potential einer vergleichenden Betrachtung hochfürstlichen Funeralzeremoniells im Alten Reich anhand eines Beispiels zu erörtern. Die Sterbe- und Begräbniskultur katholischer Herrscher bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts Das katholische Sterbeverhalten zu Beginn des 18. Jahrhunderts stand noch ganz im Zeichen der bereits im Mittelalter entstandenen und etablierten Ideale der ars moriendi, die als Vorstellungen eines ‘guten Todes’ oder ‘guten Sterbens’ bereits im 15. Jahrhundert einen Gipfel der Ausdifferenzierung erreichten.8 Neben dem durch Verhaltensnormen geregelten individuellen Verhalten des Sterbenden, gestand die katholische Lehre im Zeichen des ‘Fegefeuers’, einer temporären, postmortalen Bestrafungsinstanz, auch allen anderen Glaubensgenossinnen und -genossen Wirkmacht auf das Ergehen des Moribunden Palm & Enke, 1993), 249-265; Helga Czerny, Der Tod der bayerischen Herzöge im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit 1347-1579: Vorbereitungen – Sterben – Trauerfeierlichkeiten – Grablegen – Memoria (München: Beck, 2005). 4 Magdalena Hawlik-van de Water hat zwar einige Arbeiten zu Begräbnis und Begängnis der Habsburger in der Frühen Neuzeit, besonders Leopolds I., vorgelegt, diese bedürfen jedoch dringend methodischer wie inhaltlicher Aktualisierung. Vgl. v.a. Magdalena Hawlik-van de Water, Der schöne Tod: Zeremonialstrukturen des Wiener Hofes bei Tod und Begräbnis zwischen 1640 und 1740 (Wien: Herder, 1989). 5 Die Feststellung Stefan Sienelles aus dem Jahre 2001, wonach der Wiener Hof in seinen inneren Verhältnissen besonders schlecht erforscht ist, muss sicherlich mittlerweile relativiert werden, hat aber im Hinblick auf den Tod Leopolds bis heute Gültigkeit, vgl. Stefan Sienell, “Die Wiener Hofstaate zur Zeit Leopolds I.,” in Hofgesellschaft und Höflinge an europäischen Fürstenhöfen in der Frühen Neuzeit (15.-18. Jh.), ed. Klaus Malettke (Münster: Lit, 2001), 89. 6 Eucharius Gottlieb Rink, Leopolds des Grossen/ Röm. Käysers/ wunderwürdiges Leben und Thaten, aus geheimen nachrichten eröffnet…, vol. 4 [Leipzig: 1709], http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12- bsb10047720-0 (6.10.2020). 7 Johann Christian Lünig, Theatrum Ceremoniale Historico-Politicum, Oder Historisch- und Politischer Schau- Platz Aller Ceremonien…, vol. 2 (Leipzig: Moritz Georg Weidmann, 1720), http://mdz-nbn- resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10869245-8 (18.10.2020). 8 Peter Dinzelbacher, “Mittelalter,” in Europäische Mentalitätsgeschichte: Hauptthemen in Einzeldarstellungen, ed. Peter Dinzelbacher (Stuttgart: Kröner, 1993), 245. 93 zu. An die Stelle der definitiven Optionen ‘Himmel’ und ‘Hölle’ trat damit eine dritte, in ihrer Dauer von Sterbenden und Begleitenden beeinflussbare Option hinzu. So erklären sich die zahlreichen liturgischen Handlungen und Symbole im direkten und indirekten Umfeld, das heißt im ganzen Herrschaftsgebiet des sterbenden Kaisers, die seine Aufnahme ins ewige Leben nach christlichem Glauben erwirken wollten.9 Für das herrscherliche Sterben, das gleichzeitig vor dem höfischen Publikum am Ort selbst und, durch die Verbreitung textlicher und bildlicher Beschreibungen, in einer überzeitlichen und vergleichenden Öffentlichkeit stattfand, war die Normkonformität des Todes ein zu erbringender Beweis für die Gottgefälligkeit des Herrschers, die eine wesentliche Grundlage der Legitimität seiner Herrschaft darstellte. Ein Bruch der Sterbenormen wäre also einer Legitimitätskrise der Herrschaft als ganze gleichgekommen.10 Da die Sterbeideale und diesbezüglichen Verhaltensnormen über soziale Schichten hinweg galten und praktiziert wurden, setzten sich Herrscher durch besonders exzellentes Sterben, die Einbeziehung besonders hoher geistlicher und weltlicher Amtsträger und – speziell im Falle des Kaisers – durch die Präsenz einzigartiger Reliquien ab.11 Angesichts des herrschenden Normdrucks weisen die Berichte von herrscherlichem Sterben über lange Zeit hinweg nur eine geringe Varianz auf. Dadurch drängt sich einerseits die Vermutung auf, dass die Berichte entlang des Idealverlaufs des Sterbevorgangs gewebt wurden, um die Normkonformität – ob vorhanden oder nicht – nachträglich zu bescheinigen, andererseits liegt aber auch nahe: “wer wußte, wie man sterben sollte, bemühte sich, so zu sterben”.12 Dass die sicherlich oft ausgeschmückten Berichte im Kern zutreffen, ist demnach nicht unwahrscheinlich. Die abstrakten Ideale des Sterbens kamen bei fürstlichen Todesfällen mit einem konkreten Bedürfnis nach weltlicher Repräsentation zusammen, das auf dem Totenbett keineswegs endete. So kristallisierten sich an einzelnen Höfen spezifische zeremonielle Formen des Umgangs mit dem Tod eines Herrschers heraus, die eigene Traditionen formten. Der englische Königshof pflegte bereits im 12. Jahrhundert ein charakteristisches 9 Vgl. zur Bedeutung des ‘Fegefeuers’ Cornell Babendererde, Sterben, Tod, Begräbnis und liturgisches Gedächtnis bei weltlichen Reichsfürsten des Spätmittelalters (Ostfildern: Thorbecke, 2006), 9-10. 10 Günther Schulz-Bourmer, “Repräsentation und Präsenz des Todes an der Schwelle vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit,” in Der Tod des Mächtigen. Kult und Kultur des Todes spätmittelalterlicher Herrscher, ed. Lothar Kolmer (Paderborn et. al.: Schöningh, 1997), 363. 11 Hans Martin Schaller, “Der Kaiser stirbt,” in Tod im Mittelalter, 2nd ed., ed. Arno Borst, (Konstanz: Universitäts-Verlag, 1995), 60-61. Lünig, Theatrum Ceremoniale, 552 beschreibt das Problem der prinzipiellen Gleichheit vor dem Tod und den Umgang der Herrscher damit: “So grosse Mühe sich die Hohen in der Welt geben, ihre Freude und Vergnügen über die Geburth der Ihrigen der gantzen Welt und sonderlich ihren Unterthanen durch eclatante Merkmahle bekannt zu machen, mit eben so viel Fleiß und Emsigkeit suchen sie auch ihr Betrübnis über den Tod und Verlust der Ihrigen auszudrücken, und dadurch ihre Hochachtung gegen dieselbe an den Tag zu legen, auch sie im Tode, den sie anderen Menschen gemein haben, von denselben zu distinguiren”. 12 Werner Friedrich Kümmel, “Der sanfte und selige Tod: Verklärung und Wirklichkeit des Sterbens im Spiegel lutherischer Leichenpredigten des 16. bis 18. Jahrhunderts,” in Leichenpredigten als Quelle historischer Wissenschaften, vol. 3, ed. Rudolf Lenz (Stuttgart: Steiner, 1984), 201. 94 Funeralzeremoniell.13 In Frankreich fand ein Kult um das Effigie, das Abbild des toten Königs, statt, der diesen Stellvertreter fast wie eine lebende Person behandelte.14 Im Alten Reich des Spätmittelalters dagegen entwickelte sich ein zielgerichteter, nach organisatorischen Kriterien funktionierender Umgang mit dem Tod und den Toten, in welchem die Körper verstorbener Herrscher lediglich nach zeremonieller Notwendigkeit konserviert wurden.15 Praktiken, die mit dem französischen Effigiekult vergleichbar wären, etablierten sich hier nicht. Auch deutsche Fürstenhöfe blickten am Ende des Mittelalters vielfach schon auf eine lange Tradition eigener Sepulkralkultur zurück.16 Den römisch- deutschen Königen und Kaisern ermöglichte erst das Ende des Wanderkönig- beziehungsweise -kaisertums die Ausdifferenzierung eines sich lokal entfaltenden Trauerzeremoniells. Darin liegt ein spezifischer Unterschied zwischen den meist habsburgischen Kaisern der Frühen Neuzeit und anderen, besonders den älteren Reichsfürsten. Wie schon die geistlichen Ideale des zeremoniellen Sterbens, bildeten sich auch dessen weltlich-repräsentative Komponenten größtenteils bereits im Mittelalter heraus. Die Aufbahrung, der erste Höhepunkt im Leichenzeremoniell, wurde schon im 12. Jahrhundert zu einem öffentlichen Anlass.17 Der zeremonielle Fixpunkt mit entsprechender Möglichkeit zur repräsentativen Ausgestaltung war das Paradebett.18 Wie im Leben, spiegelte sich der Status des Verstorbenen auch nach seinem Tod in seiner Kleidung wider. Durch besonders prachtvolle Totenkleider konnten symbolisches und finanzielles Kapital demonstriert werden.19 Einfache Kleidung dagegen drückte Demut und Frömmigkeit aus – im Hinblick auf die christliche Vormoderne nicht zu unterschätzende Werte. Schon am Ende des Mittelalters begann eine Konzentration des Funeralzeremoniells auf diese beiden Pole: einerseits Demutsbekundung bis hin zur Geißelung des Leichnams, andererseits höchste Prachtentfaltung in Zeremonien und Grabmonumenten.20 Möglich wurde die voneinander getrennte Zurschaustellung mehrerer Facetten des toten Körpers durch Repräsentationsobjekte wie Effigies oder Scheinsärge. Der Leichnam konnte schon bestattet, der Tote in den späteren Leichenfeiern aber noch symbolisch präsent sein, auch an mehreren Orten gleichzeitig. So auch bei den zeremoniellen Höhepunkten katholischer Fürstenbegräbnisse, den Exequienmessen, die, wie bei Leopold, nicht praesente cadavere, sondern nach der 13 Wolfgang Brückner, Bildnis und Brauch: Studien zur Bildfunktion der Effigies (Berlin: Schmidt, 1966), 37. 14 Ralph E. Giesey, The Royal Funeral Ceremony in Renaissance France (Geneva: Droz, 1960), 5-6. 15 Babendererde, Sterben, Tod, Begräbnis, 103-104. 16 Vgl. dazu exemplarisch die umfangreiche Arbeit von Helga Czerny, Der Tod der bayerischen Herzöge. 17 Gabriele Woll, “Pompe funèbre – Machtrepräsentation im Leichenzeremoniell,” in Tod und Gesellschaft – Tod im Wandel, eds. Christoph Daxelmüller and Ines Amann (Regensburg: Schnell und Steiner, 1996), 59. 18 Brückner, Bildnis und Brauch, 40. 19 Beatrix Bastl, “Die Bekleidung der Lebenden und der Toten: Memoria, Soziale Identität und aristokratischer Habitus im frühneuzeitlichen Habsburgerreich,” Wiener Geschichtsblätter 55, no. 3 (2000): 114. 20 Ein Beispiel hierfür ist Maximilian I., der sich nach seinem Tod die Zähne herausbrechen und den Körper geißeln, andererseits aber in Innsbruck ein monumentales Grabdenkmal errichten ließ, vgl. Schulz-Bourmer, “Repräsentation und Präsenz,” 366. 95 Bestattung stattfanden. Diese meist dreitägigen Begängnisfeiern fanden erst einige Zeit nach dem Tod statt, boten also ausreichend Vorbereitungszeit um den im Vergleich zu den kurz nach dem Tod stattfindenden Bestattung deutlich erhöhten zeremoniellen Aufwand zu bewerkstelligen. Die Trennung des solennen Leichenbegängnisses von der Bestattung ermöglichte es, den herrscherlichen Leichnam in einem dezidiert trauernden Modus beizusetzen, während die darauffolgenden Exequienfeiern ganz der Verherrlichung der herrscherlichen Maiesteas dienten.21 Bei der Beschreibung dieses Sachverhalts schwingt in der Forschung oft direkt oder indirekt die Theorie der “zwei Körper des Königs” von Ernst Kantorowicz mit. Sie widmet sich der Frage, wie eine mittelalterliche Gemeinschaft mit dem Tod ihres “Haupts” umging. Ausgangspunkt der hier relevanten Überlegung ist die Figur des “rex qui nunquam moritur, eines Königs, der »nie stirbt«”.22 Dessen “Perpetuität” bestehe durch die ununterbrochene dynastische Nachfolge auf Seiten des Individuums und den Fortbestand des beherrschten Kollektivs.23 Davon ausgehend kann ein Leichenzeremoniell in Rituale und Zeremonien für den natürlichen Körper des verstorbenen Herrschers und solche für die Herrschaft selbst unterteilt werden. Kantorowiczs Überlegungen gehen von “Fiktionen” aus,24 die zum Beispiel im französischen Umgang mit den königlichen Effigies zu Handlungen führten, die ohne ein Bewusstsein für die dahinterstehenden “Fiktionen” nicht zu verstehen seien. Solche extremen Symbolhandlungen kennt das Wiener Funeralzeremoniell nicht. Die Unterscheidung zwischen einem natürlichen Körper des Herrschers und dessen politischer Komponente ist nichtsdestoweniger besonders für die Untersuchung des Wiener Zeremoniells wichtig. Es ist aber zielführender, dabei von der “Herrschaft” oder “Maiestas” des Kaisers in Abgrenzung zu dessen sterblichen Überresten zu sprechen. Diese weniger strikten Bezeichnungen lassen Raum für historische Abweichungen. Gerade im Bereich des “politischen Körpers” läuft der Bezug auf Kantorowicz Gefahr, beliebig zu werden. Klar ist, dass es auch im hier behandelten Fall um einen toten Körper geht, dessen herrscherliche Würde intakt auf seinen Nachfolger zu übertragen war, doch von einer spezifischen “Fiktion”, welche die “Kontinuität des ganzen »politischen Körpers«”25 hätte sichern müssen, kann am Ende des 17. Jahrhunderts schlicht keine Rede mehr sein. Vielmehr ging die Aufgabe der Kontinuitätsdemonstration auf das Zeremoniell über. Ein weiterer, vor allem katholischer Brauch war die Mehrfachbestattung. Aus der Notwendigkeit, bei den Kreuzzügen des Mittelalters die sterblichen Überreste der Kreuzfahrer transportfähig und verwesungsbeständig zu machen, entwickelte sich im europäischen Hochadel die Tradition der Mehrfachbestattung als Ehrenzeichen.26 Trotz eines Verbots der Mehrfachbestattung durch Papst Bonifaz VIII. 1299/1300 ließ sich der europäische Adel während der Kreuzzüge und darüber hinaus nicht mehr von dieser Sitte 21 Michael Brix, “Trauergerüste für die Habsburger in Wien,” Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 26 (1973): 219. 22 Ernst H. Kantorowicz, Die zwei Körper des Königs: Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters, trans. Walter Theimer and Brigitte Hellmann (München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1990), 319. 23 Kantorowicz, Die zwei Körper, 381. 24 Kantorowicz, Die zwei Körper, 317. 25 Kantorowicz, Die zwei Körper, 338. 26 Hawlik-van de Water, Der schöne Tod, 81-82. 96 abbringen.27 Die verbreitetste Form der Mehrfachbestattung, die im 17. Jahrhundert zu einem üblichen Brauch katholischer Regenten wurde, war die Herzbestattung. Deren Exponenten im Reich waren, neben den Wittelsbachern, die Habsburger.28 Begräbnis und Begängnis Kaiser Leopolds I. Die Vorbereitung auf den Tod des Kaisers Als Kaiser Leopold I. am 5. Mai 1705 in der Wiener Hofburg starb, lag eine außergewöhnlich lange und bewegte Regierungszeit hinter ihm. Ferdinand Bonaventura von Harrach, der kaiserliche Oberst-Hofmeister, hielt in seinen Aufzeichnungen die letzten Tage Leopolds fest.29 Am 17. April 1705 begann sich der Zustand des Kaisers sichtlich zu verschlechtern.30 Die aktiven Vorbereitungen, und damit wohl auch die Klarheit über das baldige Ableben des Monarchen, fielen jedoch erst in die letzte Aprilwoche. Am 24. April fand eine Konferenz statt, um das Testament des Kaisers zu besprechen, welches er am 26. April in seiner letztgültigen Fassung unterschrieb.31 In der vorhergehenden Nacht litt Leopold unter Kurzatmigkeit, befürchtete gar zu ersticken. Spätestens damit setzten die spezifischen liturgischen Ritualhandlungen ein, mit der die Gemeinde und ihre Vorsteher den Sterbenden, in ihrem Verständnis, vom Leben in den Tod begleiteten. Beispielsweise wurden Geistliche angewiesen, ihre Gemeinden zum Gebet für den Kaiser aufzufordern.32 Als der Kaiser immer schwächer wurde, übergab er am 28. April die Regierungsgeschäfte an seinen Sohn Josef.33 Zu diesem Zeitpunkt fanden schon überall im Reich Bittgottesdienste für den Sterbenden statt.34 Das Schlafzimmer des Herrschers wurde sukzessive in ein Sterbezimmer umgewandelt, auf dem Altar des Zimmers wurden kostbare Reliquien positioniert: Blut Christi, ein Dorn aus dessen Krone, ein Kreuznagel, und andere, nicht explizit Genannte.35 Der 5. Mai, der Todestag Leopolds, war geprägt von Abschiednahme und letzten liturgischen Ritualen. Angesichts des nahenden Todes habe er sich von der Welt abgewandt 27 Brückner, Bildnis und Brauch, 29. 28 Walter Michel, “Herzbestattungen und Herzkult des 17. Jahrhunderts,” Archiv für mittelrheinische Kirchengeschichte 23 (1971): 121. 29 Der Bericht von Harrachs ist auszugsweise abgedruckt bei Ferdinand Menčik, “Die letzten Tage Kaiser Leopolds I.,” Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 19, no. 3 (1898): 518-520. 30 Aufzeichnungen von Harrachs, as cited in Menčik, “Die letzten Tage,” 518. 31 John P. Spielman, Leopold I.: zur Macht nicht geboren, trans. Gerald and Uta Szyszkowitz (Graz, Vienna and Cologne: Styria, 1981), 185. Das Testament ist abgedruckt bei Ferdinand Fournier, “Zur Entstehung der pragmatischen Sanktion Kaiser Karls VI.,” Historische Zeitschrift 38 (1877): 16-47. 32 “undt ware die Forcht so gross, das man in alle Kanczlen geschükt, umb vor I. K. M. zu betten”, Aufzeichnungen von Harrachs, as cited in Menčik, “Die letzten Tage,” 519. Der Bischof von Wien beispielsweise hielt ein vierzigstündiges Gebet in St. Stephan ab, der Stadtrat ordnete feste Gebetsstunden an, denen Bürgerschaft und Zünfte beizuwohnen verpflichtet waren, vgl. Rink, Leopolds des Grossen, 1581-1583. 33 Johann Adam Schenckhel, Vollständiges Lebens-Diarium Deß Allerdurchleüchtigsten Großmächtigst… (Vienna: Anna Rosina Sischowitz, 1702), 39. 34 Hawlik-van de Water, Der schöne Tod, 49. 35 Rink, Leopolds des Grossen, 1593. Bei Rouven Pons, „Wo der gekrönte Löw seinen Kayser-Sitz“: Herrschaftsrepräsentation am Wiener Kaiserhof zur Zeit Leopolds I. (Egelsbach: Hänsel-Hohenhausen, 2001), 138, abweichend ein Kreuzpartikel statt einem Nagel. 97 und sein Schicksal ostensiv in die Hand Gottes gegeben.36 Im Zimmer wurden stetig Messen gelesen, auch verabschiedete sich der Kaiser mehrfach von seiner Frau, Kaiserin Eleonore Magdalena, und seinen Kindern, besonders seinem Nachfolger Josef, mit dem er eine längere und geheime Unterredung, vermutlich politischen Inhalts, führte.37 Er segnete seine Kinder und Enkelkinder, den Abwesenden Karl III. von Spanien, später Kaiser Karl VI., mittels eines Portraits.38 Als Eleonore Magdalena, die am Bett des Kaisers wachte, Unregelmäßigkeiten im Atem ihres Gemahls feststellte, rief sie dessen Leibarzt, der wiederum nach dem Beichtvater schickte. Dominicus du Bois, Kanonikus an St. Stephan und ältester Hofkaplan des Kaisers, gab die letzte Ölung.39 Die darauffolgende Beschreibung bei Rink steht ganz im Zeichen der ars moriendi: wobey der Käyser alles, was man sonsten bey Administrirung dieses Sacraments [der letzten Ölung] dem betenden Priester zu antworten pflegt/ gantz deutlich/ und mit höchster Andacht/ zu iedermänniglicher Verwunderung/ massen dieselbe auch/ biß zu selbigster Auslassung dero geheiligten Seele/ bey höchster vernunfft geblieben/ selbsten nachgebetet.40 Die Vernunft des Kaisers, dessen Aufmerksamkeit bis zum Letzten, lobt Rink explizit, und beschreibt ihn als – zur allgemeinen Verwunderung – herausragend selbst im Tod. Hier zeigt sich, was Lünig meint, wenn er vom Versuch der “Hohen in der Welt” berichtet, sich trotz der prinzipiell nivellierenden Wirkung des Todes abzuheben.41 Die Frage des Beichtvaters, ob Leopold ihn verstehe, habe dieser eindeutig bejaht: “Intelligitne Vestra Majestas quae dico?”, “ita, mi Pater”. Auch dieser geradezu sinnbildliche Wortwechsel muss vor dem Hintergrund des Ideals des Sterbens bei klarem Verstand gesehen werden. Unter den Worten des Beichtvaters, “In manus tuas Domine, commendo Spiritum meum”, “in deine Hände Herr, gebe ich meinen Geist,” und “Moriatur anima mea morte justorum”, “meine Seele sterbe den Tod des Gerechten,” starb der Kaiser um 15:45 Uhr.42 Eingeleitet mit “Man hat angemercket”, überliefern Rink und Lünig in textlicher Übereinstimmung einige weitere fragmentarische Berichte aus dem Sterbezimmer des Monarchen. Die letzten Worte des Kaisers hätten “Domine Memento mei […] und consumatum est”, “der Herr gedenke meiner”, in Anlehnung an die Worte eines der mit 36 “sich in den willen des Allerhöchsten völlig ergeben/ seine gedancken und gemüth von diesen vergänglichen welt-sachen gäntzlich ab/ und zu GOTT mit inbrünstigem hertzen und vertrauen gewendet”, Rink, Leopolds des Grossen, 1584. 37 Rink, Leopolds des Grossen, 1585. 38 Rink, Leopolds des Grossen, 1591. 39 Rink, Leopolds des Grossen, 1587 und Lünig, Theatrum Ceremoniale, 663 merken wortgleich an, dass Antonius Sances, “Ceremoniarius und Hof-Pfarrherr”, “unpäßlich war”. Ob dieser Hinweis als Entschuldigung für Sances‘ von den Zeitgenossen festgestellte Abwesenheit diente, oder als dezenter Hinweis auf eine im restlichen Bericht seltene Ungereimtheit zu verstehen ist, bleibt offen. 40 Rink, Leopolds des Grossen, 1587. 41 Vgl. Anm. 11. 42 Rink, Leopolds des Grossen, 1588. 98 Jesu gekreuzigten (Luk 23,42), und “es ist vollbracht”, die letzten Worte Jesu nach dem Johannesevangelium (Joh 19,30), gelautet. Beides sind eindeutige Bezüge auf den Tod Jesu. Außerdem habe er das Kreuz in Händen gehabt, das zum bedrängten Ferdinand II. gesprochen haben soll “Ferdinande non te deseram”, “Ferdinand, fürchte dich nicht.”43 Diese Erzählung, zusätzlich zu den Reliquien und den überlieferten letzten Worten, setzt ihn in eine Tradition habsburgischer Gottesnähe und -gefälligkeit. Immer wieder habe der sterbende Kaiser gesagt: “A te sceptrum & coronam accepi, ad tuos pedes ea hodie iterum depono”, “von dir [Herr] habe ich Zepter und Krone erhalten, zu deinen Füßen lege ich sie heute wiederum.”44 Gewissermaßen als letzte Devotionsgeste vor seinem Gott, dem entgegenzutreten er ja unmittelbar erwartete, habe Leopold in seiner letzten, auf Latein abgehaltenen Beichte nicht mehr als Majestät angesprochen werden wollen.45 Derlei Demuts-, Frömmigkeits- und Gerechtigkeitsbezeugungen folgen noch einige in den Berichten. Bezogen auf die Ideale des ‘guten Sterbens’ in der Frühen Neuzeit starb der Kaiser den sprichwörtlichen ‘Tod des Gerechten’. Welche der bei Rink beschriebenen Geschehnisse tatsächlich so stattfanden ist nicht mehr zu klären – so viel kann der sterbenskranke Kaiser kaum auf einmal getan, gesagt und bezeugt haben. Inwieweit sie überhaupt der Wahrheit entsprechen, ist fraglich. Bewusstlosigkeit oder Verwirrung hätten die Erinnerung an Leopold jedenfalls mit einem schweren Makel versehen. Indem dieser ideale Bericht einstimmig der Überlieferung übergeben wurde, dienten alle Beteiligten der Memoria des toten Kaisers, die auch ihnen, als Beteiligte, Statusgewinn versprach. Vor diesem Hintergrund wäre es von großem Interesse zu wissen, woher die von Rink überlieferten Informationen stammen. Die Parade und die Vorbereitung von Trauer und Begräbnis Nach dem Tod seines Vaters empfing der neue Kaiser zuerst seine Mutter, die ihn bei dieser Gelegenheit mit dem Prädikat “Majestät” ansprach. Damit wurde er erstmals innerhalb der Familie als deren Oberhaupt bezeichnet. Um die anstehende Bestattung zu planen, damit sie angemessen vonstattengehe, ward geheimer rath darüber gehalten/ in welchem noch des höchst seeligen Käysers obrist-hoffmeister/ der graff von Harrach präsidirte/ weil dieses eine sache/ so gleichsam noch das vorige Governo betraff/ wie dann auch hierauff alles nach gewöhnlicher oestereichischen etiquette veranstaltet wurde.46 43 Vgl. zum Kreuz Ferdinands II. Hawlik-van de Water, Der schöne Tod, 48. 44 Diese Anekdote nimmt Frank Huss, Der Wiener Kaiserhof: Eine Kulturgeschichte von Leopold I. bis Leopold II. (Gernsbach: Katz, 2008), 42 offenbar wörtlich, wenn er schreibt, der Kaiser habe kurz vor seinem Tod Zepter und Krone einem Kruzifix zu Füßen gelegt. 45 Rink, Leopolds des Grossen, 1589-1590. 46 Rink, Leopolds des Grossen, 1592. Lünig, Theatrum Ceremoniale, 664 übernimmt den Text so, bis auf den Zusatz “oestereichischen”, den er ohne erkennbaren Grund auslässt. Auch “geheimer rath” ist in der Bedeutung unklar. Eine Sitzung der Geheimen Konferenz Leopolds, die der Hinweis auf die Zugehörigkeit dieser Besprechung zur alten Regierung nahelegt, ist für Stefan Sienell, Die Geheime Konferenz unter Kaiser Leopold I.: Personelle Strukturen und Methoden zur politischen Entscheidungsfindung am Wiener Hof (Frankfurt am Main et al.: Lang, 2001), 360 nicht nachweisbar. 99 Offenbar begreift Rink die “beerdigung dieser hohen leiche”47 als eine Angelegenheit der vorherigen Regierung. Das ist eine erstaunliche, aber in ihrer Bedeutung schwer einzuordnende Feststellung. Die Formulierung lässt die Möglichkeit offen, dass nur das Begräbnis gemeint ist, nicht das Begängnis. Insgesamt hatte der Nachfolger einen eher geringen Einfluss auf das bereits nach kurzer Zeit stattfindende Begräbnis. Er wurde nur einbezogen, wenn Fragen auftaten, deren Beantwortung vom Herkommen nicht abgedeckt waren.48 Die genauen Zuständigkeiten sind von der Forschung bislang nicht geklärt. Bald danach begannen die Umbauarbeiten in der Hofburg um die Trauer vorzubereiten. Dazu gehörte nicht nur die Rückführung der ins Sterbezimmer gebrachten Reliquien in die Schatzkammer, sondern auch die Sammlung und Sicherung aller Schriftstücke und Wertgegenstände aus den Zimmern des Kaisers, um sie in Truhen einzuschließen. Auch die Zimmer selbst wurden verschlossen. Die Tapeten in der Ritterstube und den anderen kaiserlichen und königlichen Zimmern wurden schwarz verhangen. Außerdem wurde eine Wachordnung für den Leichnam festgelegt. Tag und Nacht umgaben ihn vier Augustinerbarfüßer und lasen Totenmessen, zwei Kammerherren, ein Kammerdiener und zwei Hofkapläne wachten stets neben dem Toten.49 Am nächsten Morgen, dem 6. Mai, wurde die Benachrichtigung der europäischen Höfe über den Tod des Kaisers und die Einleitung der Trauer angeordnet.50 Am Nachmittag dieses Tages wurde der Leichnam des Kaisers im Beisein einiger Hofadliger von sechs Leibärzten und drei “leib-barbieren”, hier gleichbedeutend mit Chirurgen,51 geöffnet. Nach Feststellung der Todesursache und Entnahme der Organe wurde der Körper einfach konserviert,52 angekleidet und in die Ritterstube getragen. Begleitet wurde der kleine Trauerzug vom kaiserlichen Oberst-Kämmerer, einigen Hofkaplänen und vier Augustinerbarfüßern, die liturgische Handlungen vollzogen.53 Dort angekommen wurde der Leichnam auf einer dreistufigen, von brennenden Wachskerzen umgebenen Bühne, die mit kostbaren Stoffen überzogen und mit einem schwarzen Baldachin überdacht war, zur Parade hergerichtet.54 Er trug ein schwarzseidenes spanisches Mantelkleid mit Hut und Perücke, wie schon seine Vorgänger Ferdinand III. und Ferdinand IV.55 Vor den Füßen stand ein silbernes Kreuz neben einem kleinen Behältnis mit Weihwasser. Zur Rechten lagen auf einem goldenen Kissen die Kaiserkrone, der Reichsapfel, das Zepter und der Orden zum goldenen Vlies. Linker Hand lagen, ebenfalls auf einem goldenen Kissen, die böhmische und die ungarische Krone.56 (Fig. 1) An den vier Altären in der Ritterstube 47 Rink, Leopolds des Grossen, 1592. 48 Zu dieser Einschätzung kommt Hawlik-van de Water, Der schöne Tod, 60. 49 Rink, Leopolds des Grossen, 1592-1593. 50 Rink, Leopolds des Grossen, 1596. 51 Vgl. zur Genese der Berufsbezeichnungen Sabine Sander, “Bader,” in Enzyklopädie der Neuzeit Online, http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_COM_243636 (05.12.2020). 52 Magdalena Hawlik-van de Water, “Das Einbalsamieren und die Herzbestattung,” in Triumph des Todes?, ed. Gerda Mraz (Eisenstadt: Museum Österreichischer Kultur, 1992), 135. 53 Rink, Leopolds des Grossen, 1596-1597. 54 Wiennerisches Diarium 184 (1705). 55 Hawlik-van de Water, Der schöne Tod, 92, vgl. auch Wiennerisches Diarium 184 (1705), das zusätzlich von einem Degen berichtet. 56 Dabei handelte es sich höchstwahrscheinlich um Funeralinsignien, also materiell wertlose Repliken zur symbolischen Repräsentation der Würden für die die Insignien standen. Die bei Leopold verwendeten 100 hielten die höchsten Geistlichen der Stadt vom frühen Morgen bis zum Mittag Messen ab. Zwischen 10 und 11 Uhr morgens und von 6 bis 7 Uhr abends sangen die kaiserlichen Hofmusiker choraliter den Psalm Miserere mei Deus (Ps 51). All diese liturgische Nachsorge diente der sicheren Ankunft des Verstorbenen in der Gnade Gottes. Die Wache während der dreitätigen Parade hielten sowohl Hofadlige als auch Kleriker, allerdings ergänzt durch militärische Wachposten in und vor der Ritterstube, schließlich war das Paradezimmer öffentlich zugänglich.57 Fig. 1: Johann Christian Marchand, Vorstellung Der Höchst Selig-verblichenen Majestät Des Aller Durchleuchtigsten Röm. Kaysers Leopold I…, Nürnberg 1705, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Portr. III 408.12, http://portraits.hab.de/werk/28579/ (02.08.2021), Ausschnitt. Funeralinsignien sind vermutlich nicht erhalten, vgl. Hawlik-van de Water, Der schöne Tod, 128-129. Für gewöhnlich lagen die ranghöchsten Insignien bei fürstlichen Leichenparaden zu Kopfe des Leichnams und zur Rechten, verhältnismäßig rangniederere Insignien lagen zur Linken und zu Füßen, vgl. Moser, Teutsches Hof- Recht, 413. Bei Leopold gilt aber eher der Hinweis von Rohr, Einleitung zur Ceremoniel-Wissenschafft, 282: “Die Fürstlichen Insignia […] liegen nach den Regeln der Kunst nicht weit davon auf eine solche Weise, wie es am besten in die Augen fällt, und die größte Parade macht.” Dadurch entsteht wiederum aus Kreuz und Insignien ein Ensemble, das dem Topos der Rückgabe der von Gott empfangenen Würden an ebendiesen entspricht. 57 Rink, Leopolds des Grossen, 1598-1599. Wer genau Zugang hatte ist nicht bekannt. http://portraits.hab.de/werk/28579/ 101 Die Bestattungen und der Prunksarkophag Samstag, der 9. Mai 1705 wurde als Tag für die Bestattung festgesetzt. Gegen 13 Uhr wurde der Leichnam mitsamt Hut, Degen und kleinem Toison um den Hals in einen mit rotem Samt ausgekleideten Sarg gelegt. Dann verschloss der Ober-Kammerfourier den Sarg mit zwei Vorhängeschlössern und übergab die Schlüssel dem Oberst-Kämmerer. Schließlich wurde der mit schwarzem Samt überzogene Sarg mit einem von den Karmeliterbarfüßerinnen ausgeliehenen, nur dafür verwendeten Bahrtuch bedeckt. Mittig auf den Sarg wurde ein Kreuz gestellt, am Kopfende die kaiserliche Krone, das Zepter und der Reichsapfel positioniert und zu Füßen die ungarische und die böhmische Krone gelegt. Am Abend des 9. Mai wurden Herz und Zunge in einem vergoldeten Silberbecher in der Loretokapelle beigesetzt.58 Der Kessel mit dem Intestina wurde erst am Abend des 10. Mai an seinen letztlichen Bestimmungsort in St. Stephan überführt.59 Auffällig ist der verhältnismäßig niedrige Stand der Teilnehmer des kleinen Trauerzugs zu St. Stephan. Nicht Kammerherren trugen den Kessel, sondern Kammerdiener. Sicherlich waren die Intestina das Element der Mehrfachbestattung, dem die geringste Reputation anhaftete – es waren jedoch sterbliche Überreste des Kaisers. Als am Abend die bestellten Trauergäste ihren Platz eingenommen hatten und die Stadtgarde auf dem Neuen Markt mit umgedrehten Fahnen und Gewehren sowie schwarz verhüllten Trommeln Stellung bezogen hatte, begab sich die kaiserliche Familie in die Ritterstube. Dort nahm der Ober-Kammerfourier nach der Segnung der Leiche durch den Bischof von Wien die Funeralinsignien und das Bahrtuch vom Sarg ab, um ihn transportfähig zu machen. Zwölf kaiserliche Kammerherren trugen den Sarg zuerst in die Hofkirche, wo er wieder mit Bahrtuch und Insignien versehen wurde. Von dort aus trugen 24 Kammerherren den Sarg unter dem Geläut aller Glocken in und vor der Stadt von der Hofkapelle in die Kapuzinerkirche.60 Rink gibt die Ordnung des Trauerzugs detailliert wieder.61 An der Spitze des Zuges liefen Soldaten aus dem Spital am Schottentor, zusammen mit armen Männern, Frauen und Kindern aus dem kaiserlichen Hofspital und dem Armenhaus als Beweis der Milde des verstorbenen Herrschers. Darauf folgte eine große Gruppe Ordensgeistlicher und anderer Kleriker, die den Großteil des Zuges ausmachte. Abordnungen von Territorien des Herrschers waren nur in geringem Maße vertreten, als geschlossene Gruppe erschienen lediglich die Landstände Niederösterreichs. Auf den Bischof von Wien folgte der kaiserliche Leichnam, begleitet von 58 Rink, Leopolds des Grossen, 1599-1601. 59 Rink, Leopolds des Grossen, 1614-1615. 60 Rink, Leopolds des Grossen, 1603-1605. 61 Auflistung bei Rink, Leopolds des Grossen, 1606-1611. Die Gesamtteilnehmerzahl ist schwer einzuschätzen, Pons, Herrschaftsrepräsentation, 141 geht von mehr als 1.400 Personen im Trauergeleit aus, also von etwas mehr als der Summe der angegebenen Größen der Gruppen. Folgt man allerdings der Schätzung von Michaela Kneidinger and Philipp Dittinger, “Hoftrauer am Kaiserhof, 1652 bis 1800,” in Der Wiener Hof im Spiegel der Zeremonialprotokolle (1652–1800): Eine Annäherung, eds. Irmgard Pangeln, Martin Scheutz and Thomas Winkelbauer (Innbruck: Studien-Verlag, 2007), 539, nach der am Trauerkondukt für die Kaiserin-Witwe Eleonore Magdalena (†1720) 2.200 Personen teilnahmen, ist damit zu rechnen, dass der Kondukt für Leopold deutlich mehr als 1.400 Personen umfasste. 102 Kammerdienern und Edelknaben, mit Fackeln beleuchtet. Neben ihnen gingen die vier Dekane und der Rektor der Wiener Universität mit Ornat und Zepter. Direkt am Sarg gingen außerdem die Hauptleute der kaiserlichen Trabanten und Hartschiere mit den vier höchsten Hofbeamten, Oberst-Stallmeister, Oberst-Hofmarschall, Oberst-Kämmerer und Oberst-Hofmeister. Es folgten Kardinal Kollonitsch, den roten Kardinalshut mit schwarzem Flor überzogen, begleitet vom venezianischen Botschafter. Darauf folgte das neue Kaiserpaar mit seinen drei Töchtern. Die verwitwete Kaiserin war mit ihrem Beichtvater in der Hofburg geblieben.62 Beschlossen wurde der Kondukt von der Stadtgarde. Im Inneren der Kapuzinerkirche waren Wände und Bänke mit schwarzem Stoff überzogen. Sie war reich mit den kaiserlichen Insignien und zahlreichen Wappen dekoriert, vermutlich inklusive Wappen der Territorien, auf die nur noch ein formaler Anspruch erhoben wurde, zum Beispiel Spanien. Die ganze Szenerie wurde von Kerzen hell erleuchtet. In der Kirche angekommen, wurden vom Sarg die Insignien und das Bahrtuch abgenommen. Nachdem der Bischof von Wien den Sarg nochmals gesegnet und die Hofmusik das Libera me, ein Teil des Totenoffiziums, gesungen hatte, trugen sechs Kapuziner den Sarg in die Gruft. Dorthin begaben sich mit dem Sarg und seinen Trägern der Bischof von Wien und einige weitere Geistliche. Die Minister Leopolds waren durch den Oberst-Hofmeister, den Oberst- Kämmerer, und den Ober-Kammerfourier vertreten. Der Sarg wurde auf einem Katafalk vor dem Altar der Gruft abgestellt. Nachdem sich der Pater Guardian des Kapuzinerklosters der Identität des Verstorbenen im Sarg versichert hatte, verschloss der Ober- Kammerfourier den Sarg endgültig. Einen Schlüssel erhielt der Pater Guardian zur Verwahrung, der andere ging zurück in die Hofburg, wo auch die Schlüssel zu den anderen Särgen der kaiserlichen Familie aufbewahrt wurden. Nach der abgeschlossenen Zeremonie verließ die kaiserliche Familie die Kirche und fuhr in ihren Wagen zurück in die Hofburg, begleitet von den Ministern. Der Bericht zieht ein positives Fazit: Die Zeremonie sei trotz der großen Ansammlung von Schaulustigen ohne Zwischenfälle vonstattengegangen.63 Der aus Zinn gefertigte Punksarkophag Leopolds war ein stilistisches Novum in der Kapuzinergruft, weil er ganz in Dienst der herrscherlichen repraesentatio maiestatis, der Repräsentation seiner herrscherlichen Würde, gestellt wurde. Darauf finden sich kaum Sterblichkeitssymbole, sondern der Sarkophag zeigt Szenen aus dem Leben des Verstorbenen und die Insignien seiner Herrschaft.64 Der Sarkophag wird von vier Adlern getragen, die Inschriften adressieren mit der Gerechtigkeit des Herrschers, der Kontinuität der Monarchie und der frommen Zuversicht auf den Tod gängige Topoi, die auch an vielen anderen Stellen des Funeralzeremoniells präsent waren.65 62 Rink, Leopolds des Grossen, 1614. Pons, Herrschaftsrepräsentation, 141 zitiert eine Akte, nach der Eleonore Magdalena nicht an der Beisetzung teilnahm, weil bei der Bestattung Kaiser Ferdinands III. dessen Gemahlin auch nicht teilgenommen habe, womit ein Präzedenzfall entstanden sei. 63 Rink, Leopolds des Grossen, 1611-1614. 64 Hawlik-van de Water, Der Schöne Tod, 29. 65 Die Inschriften sind abgedruckt bei Hawlik-van de Water, Die Kapuzinergruft, 117-118. 103 Wann der Zinnsarkophag fertig war und wann der Holzsarg, in dem der kaiserliche Leichnam aus der Ritterstube getragen wurde, in den Prunksarkophag eingelassen werden konnte, wird in der Literatur nicht erwähnt, geht aber vermutlich aus den Hofakten hervor. Es ist anzunehmen, dass der Leichnam nach Fertigstellung des Zinnsarkophags, von Hofbeamten und Geistlichen zeremoniell begleitet, hineingelassen wurde. Dass die Fertigstellung lange auf sich warten ließ, war in Wien nicht ungewöhnlich.66 Laut der entsprechenden Akte aus dem Hofkammerarchiv war der Sarkophag für Leopold nicht vor dem 2. Mai 1707 fertig. Aus den Hofzahlamtsbüchern gehen die enormen Kosten hervor, die der Hof für den Sarkophag bestritt.67 Angesichts dieses, nicht nur finanziellen, sondern auch institutionellen Aufwands verwundert es, dass der Punksarkophag nicht besonders rezipiert wurde. Weder Rink noch Lünig gehen darauf ein, obwohl ihnen der Sarg hätte bekannt sein können. Auch zeitgenössische gedruckte Abbildungen sind nicht bekannt. Das feierliche Leichenbegängnis in den Exequienfeiern und die ephemere Trauerarchitektur Die erste Exequienfeier für Leopold I. fand vom 8. bis zum 10. Juni 1705 in der Augustinerhofkirche statt.68 Die dreitätige Messe dort war die Trauerfeier mit den höchsten Gästen. Unter vollem Geläut innerhalb und vor der Stadt nahm daran auch das neue Kaiserpaar mit seinen Kindern teil.69 Neben weiteren Feiern in Wien fanden auch außerhalb Wiens Gedächtnismessen für den verstorbenen Kaiser statt. Bekannt sind beispielsweise gleich mehrere Exequienfeiern aus Regensburg, sowohl aus katholischen als auch evangelischen Kirchen.70 Aus Ljubljana, berichtet das Wiennerische Diarium von dreitätigen Exequien vor einem Castrum doloris.71 Über den Einfluss des Hofs auf die unzähligen Feiern in ganz Europa ist sehr wenig bekannt. Klar ist, dass die Feier in der Augustinerhofkirche auf direkte Weisung des neuen Kaisers erfolgte, die Frage jedoch, wie und ob überhaupt andere Kirchen und Ausrichter mit dem Hof Rücksprache hielten, hat die Forschung bislang nicht beantwortet. Ephemere Trauerarchitektur bezieht sich hier vor allem auf die zahlreichen Castra doloris, welche verschiedene Auftraggeber für die von ihnen veranstalteten Exequienfeiern errichten ließen. Neben den fünf Wiener Trauergerüsten gab es auch in anderen Städten ganz Europas Trauerarchitektur für den verstorbenen Herrscher. Eine vollständige Auflistung aller Castra doloris für Leopold liegt nicht vor, doch zahlreiche Beispiele sind 66 Hawlik-van de Water, Der schöne Tod, 76. 67 Vgl. die Aktenauszüge bei Hawlik-van de Water, Der schöne Tod, 31-34. 68 Brix, “Trauergerüste,” 257. 69 Vgl. insg. Wiennerisches Diarium 194 (1705). 70 Sebastian Roser and Armin Ruhland, “Trauerfeierlichkeiten,” in Feste in Regensburg: Von der Reformation bis in die Gegenwart, ed. Karl Möseneder (Regensburg: Mittelbayrische Druckerei- und Verlags-Gesellschaft, 1986), 64-66. 71 Wiennerisches Diarium 199 (1705). 104 überliefert. Exemplarisch seien Regensburg,72 Würzburg73 und Düsseldorf74 genannt, auch aus Rom75 und sogar Konstantinopel76 sind Trauergerüste überliefert. Drei der Wiener Trauergerüste werden mit ihren jeweiligen Schwerpunkten im Folgenden exemplarisch betrachtet. Das einzige vom Hof in Auftrag gegebene Trauergerüst wurde von Johann Lucas von Hildebrandt in der Augustinerhofkirche gestaltet. (Fig. 2) Im Zentrum dieser theatralen Inszenierung stand unter einer übergroßen Hauskrone der Habsburger die Apotheose des verstorbenen Herrschers. Der Titan Chronos wird gestürzt, das ihm entrissene Medaillonportrait des Kaisers übergibt ein Adler einer Personifikation der Unsterblichkeit, die bereits mit einer Hand gen Himmel deutet. Der Unterbau des Ziboriums preist die Würden, Titel und Tugenden des Herrschers. Die monumentalen Dekorationssäulen neben dem Ziborium stellen die Siege Leopolds über Frankreich und das Osmanische Reich dar.77 Hildebrandt verließ aber nicht nur mit den Dekorationssäulen das eigentliche Castrum, sondern inszenierte den gesamten Kirchenraum mit seinen Wänden und Kapellen, die er mit Schauwänden, Gemälden und Wappenschmuck zur Verherrlichung des Verstorbenen und seines Hauses versah. Eine solche Inszenierung der ganzen Kirche blieb in Wien einmalig.78 Die Jesuiten Am Hof konzentrierten sich in ihrem Castrum doloris auf die Pietas der Habsburger als Fundament ihrer Herrschaft. Der Kaiser wird als frommer Christ gezeigt, dem sein Glaube den Weg ins Paradies ebnet.79 (Fig. 3) Das Trauergerüst korrespondiert direkt mit der dort gehaltenen Leichenpredigt,80 indem der Aufbau des Gerüsts in drei Stufen die Predigten der dreitägigen Exequien abbildet. Auf dem Dach des Ziboriums wird der Herrscher unter einem mit dem Orden zum goldenen Vlies geschmücktem Ölbaum von der personifizierten göttlichen Sanftmut empfangen. Auf einem Blatt in seiner Hand steht “Memento, Domine, David et omnis Mansuetudinis Eius”, “gedenke, Herr, Davids und all 72 Roser and Ruhland, “Trauerfeierlichkeiten,” 65 und Roser, “Die Trauerfeierlichkeiten für Kaiser Leopold I. 1705,” in Feste in Regensburg: Von der Reformation bis in die Gegenwart, ed. Karl Möseneder (Regensburg: Mittelbayrische Druckerei- und Verlags-Gesellschaft, 1986), 275-279. 73 Sabine Doering-Manteuffel, “‚Da sehet Ihr, welchen der HERR erwählet hat!‘: Religionspolitik im Spiegel von Dank- und Trauerpredigten über das Haus Habsburg,” in Religionspolitik in Deutschland: Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, eds. Anselm Doering-Manteuffel and Kurt Nowak (Stuttgart: Kohlhammer, 1999), 85. 74 Anja Buschow, “Castra doloris: Fürstliche Leidensfeierlichkeiten als Beispiele architektonischer Inszenierung im Bereich des Ephemeren,” in Festarchitektur: Der Architekt als Inszenierungskünstler, eds. Werner Oechslin and Anja Buschow (Stuttgart: Hatje, 1984), 135. 75 Pons, Herrschaftsrepräsentation, 147 nennt ein Trauergerüst in der deutschen Nationalkirche Santa Maria dell’Anima. 76 Liselotte Popelka, Castrum doloris oder „Trauriger Schauplatz“: Untersuchungen zu Entstehung und Wesen ephemerer Architektur (Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1994), 126. 77 Brix, “Trauergerüste,” 224. 78 Brix, “Trauergerüste,” 231. 79 Brix, “Trauergerüste,” 224. 80 Thomas Winter, Drey-mahl-seelige Sanfftmuth/ Ihro Römischen/ Kayserlichen/ auch zu Hungarn/ und Böhmen/ Königl. Majestät/ etc. etc. Leopodi I. deß Grossen/ Mild-seeligst-und Glorwürdigster Gedächtnuß… ([1705]), http://data.onb.ac.at/rep/1033DF4B (6.10.2020), dort auch eine großformatige Abbildung des Trauergerüsts. 105 seiner Sanftmut”. Er vergleicht Leopold mit dem biblischen König David und dessen Sanftmut, “mansuetudo”, nach der die gesamte Predigt benannt ist. Das Trauergerüst präsentiert Leopold nicht primär als großen Herrscher oder Eroberer, sondern vor allem als frommen Gläubigen.81 Fig. 2: Benjamin Kenckel, “Castrum doloris Kaysers Leopoldi I. aufgerichtet In der Augustiner Hoff-Kirchen bey der Loretten Capell in Wien den 7 Juny 1705,” [Falttafel in Johann Lucas von Hildebrandt, Aquilae In Felici Leopoldi I. Gloriosissimae memoriae Romanorum Imperatoris…, Wien [1705],] Österreichische Galerie Belvedere, Inv.-Nr. PE 122, https://sammlung.belvedere.at/objects/16873/trauergerust-fur-kaiser-leopold-i-in- der-augustinerkirche-i (02.08.2021). 81 Brix, “Trauergerüste,” 233-234. https://sammlung.belvedere.at/objects/16873/trauergerust-fur-kaiser-leopold-i-in-der-augustinerkirche-i https://sammlung.belvedere.at/objects/16873/trauergerust-fur-kaiser-leopold-i-in-der-augustinerkirche-i 106 Fig. 3: in Franz Ambros Dietel, [“Trauergerüst für Kaiser Leopold I. in der Kirche Am Hof,”] Falttafel in Thomas Winter, Drey-mahl-seelige Sanfftmuth, Ihro Römischen, Kayserlichen, auch zu Hungarn, vnd Böhmen, Königl. Majestät, … Leopoldi I…, Wien 1705, Österreichische Nationalbibliothek, MF 4680 NEU MIK, http://data.onb.ac.at/rep/1033DF4B (02.08.2021). Der Trauerapparat in der Jesuitenkirche fällt nicht durch seine Form, sondern das gewählte Medium völlig aus dem Rahmen der anderen Trauergerüste heraus: Andrea Pozzo malte das Trauergerüst als riesiges illusionistisches Gemälde.82 (Fig. 4) Pozzo gelang ein fließender Übergang vom Gemälde in die restliche Architektur des Gebäudes, so fügte er der Kirche in seinem Gemälde ein Querhaus und eine helle Kuppel hinzu. Auf der Spitze des Trauerapparats ringen Personifikationen des “Österreichischen Glücks” und der “Beständigen Herrschaft” mit der Figur des Todes um den Buchstaben L. Dieser zerbricht, und übrig bleibt ein I, die Initiale des Nachfolgers Iosephus, Josef. Die “Beständige 82 “auff besondere neue Arth sehr künstlich erfundenen Todten-Gerüst”, heißt es anerkennend im Wiennerisches Diarium 214 (1705). http://data.onb.ac.at/rep/1033DF4B 107 Herrschaft” befestigt das I auf dem Gipfel des Trauergerüsts unter einer Kaiserkrone. Ein Spruchband erklärt um das gekrönte I herum, dass Leopold in Josef fortlebt. Das Reiterstandbild unterhalb dieser Szenerie stellt Leopold als kapitolinischen Marc Aurel dar, umgeben von den antiken römischen und römisch-deutschen Kaisern Konstantin, Theodosius, Karl dem Großen und Otto dem Großen.83 Dieser Trauerapparat steht gänzlich im Dienste der dynastischen und kaiserlichen Tradition Leopolds, die gleichzeitig legitimitätsstiftend für Josef eingesetzt wird. Fig. 4: Christian Engelbrecht and Johann Andreas Pfeffel, “Cenotaphium Augustissimo Imperatore Leopoldo I…,” in Veneratio Posthuma Collegii Caesareo-Academici Societatis Jesu…, Wien 1705, Wienbibliothek im Rathaus https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/pageview/1876323 (02.08.2021). 83 Die Darstellungen werden im Exequienbuch [anonymus], Veneratio Posthuma Collegii Caesareo-Academici Societatis Jesu…, (Wien: 1705), http://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb11348064-1 (23.10.2020) erläutert. https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/pageview/1876323 108 Die Beispiele zeigen, wie die Trauergerüste zwar alle der Memoria des Herrschers dienten, aber jeweils eigene Schwerpunkte setzten. So kann der Fokus der Jesuiten Am Hof auf die Frömmigkeit des Kaisers ebenso als klassisches Herrscherlob in einem religiösen Register, wie auch als Demonstration der eigenen Herrschernähe als geistliche Institution gedeutet werden. Hof und Auftraggeber der Funeralarchitektur gingen eine Symbiose ein, die beiden Seiten Prestigegewinn versprach und vor allem den Ausrichtern die Möglichkeit bot, eigene Akzente und Botschaften zu artikulieren und über den Weg der Funeralpublizistik zu verbreiten. Die Funeralpublizistik Das für die Castra doloris bereits beschriebene Konzept symbiotischer Zusammenarbeit verschiedener (medialer) Akteure funktionierte genauso in Bezug auf Funeralpublizistik.84 Die verschiedenen Funeraldrucke entstanden so gut wie nie im Auftrag oder im direkten Umfeld des Hofes, dessen Rolle dabei bislang weitgehend unerforscht ist. Die Funeraldrucke übernahmen verschiedene Funktionen, die in unterschiedlichem Maße mit dem eigentlichen Zeremoniell in Verbindung standen. Neben Leichenpredigtdrucken entstanden auch Einblattdrucke, meist von Castra doloris, aber auch mit Abbildungen der Leichenparade Leopolds. Der einzige Druck, der sich gänzlich mit einer Trauerdekoration beschäftigt, ist die Beschreibung des Castrum doloris Hildebrandts in der Augustinerhofkirche.85 Andere erhaltene Abbildungen von Castra doloris entstanden für ganz unabhängige Gelegenheiten, zum Beispiel in Form von Nachstichen, die im Theatrum Europaeum erschienen.86 Der größte Teil der Funeraldrucke 1705 entfällt aber auf die zahlreichen Predigtdrucke aus ganz Europa, die zum Tode Leopolds erschienen. Ihre bibliographische Erfassung verbessert sich zwar stetig, in ihrer dabei zutage tretenden Fülle sind sie jedoch nicht ansatzweise untersucht.87 Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass keine vom Hof angestrengte zusammenhängende Festbeschreibung in Form eines bebilderten Prachtfolianten entstand, daher liegen keine Darstellungen einzelner zeremonieller Elemente der Trauerfeiern vor, unbelebte Abbildungen von Dekorationen dominieren die erhaltenen Drucke. 84 Jutta Schumann, Die andere Sonne: Kaiserbild und Medienstrategien im Zeitalter Leopolds I. (Berlin: Akademie Verlag, 2003), 36-38 bezeichnet diese Vorgehensweise als “multiplizierende Imagepflege”, die schon zu Leopolds Lebzeiten dessen mediale Repräsentation maßgeblich geprägt habe. 85 Johann Lucas von Hildebrandt, Aquilae In Felici Leopoldi I. Gloriosissimae memoriae Romanorum Imperatoris… (Wien: Andreas Heyinger, [1705]). 86 Theatrum Europaeum 17 (1704-1706), Teil 2, Tafeln 17 und 18. 87 Birgit Boge and Ralf Georg Bogner, Oratio funebris: Die katholische Leichenpredigt in der frühen Neuzeit (Amsterdam and New York: Rodopi, 1999), 336 erfassen elf gedruckte Leichenpredigten auf Leopold I. Eine Abfrage im GESA (Gesamtkatalog deutschsprachiger Leichenpredigten, http://www.personalschriften.de/ datenbanken/gesa.html) ergibt 92 Treffer mit Predigtdrucken auf “Leopold I. (gest. 1705)”, die bei weitem nicht nur im Reich erschienen, sondern auch westlich und vor allem östlich davon. Diese Diskrepanz offenbart die mit zunehmender Erschließung der erhaltenen Predigtdrucke immer weiter aufreißende Kluft zwischen dem Stand der Forschung und den Möglichkeiten, die dazu bereitstehen. 109 Das Kaiserbegräbnis in vergleichender Perspektive Der nächste Schritt der Untersuchung fürstlicher Begräbnisse in der Frühen Neuzeit geht zum Vergleich, denn nur so können die Erkenntnisse aus der Untersuchung einzelner höfischer Funeralkulturen einen weiterführenden Mehrwert für das Verständnis der höfischen Gesellschaft des Alten Reichs bieten. Ein mögliches Vergleichsbeispiel für den hier behandelten Leopold I. ist das Begräbnis des ‘Großen Kurfürsten’ Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1688.88 Kaiser und Kurfürst waren jeweils exponierte Repräsentanten ihrer Konfession und standen sich auch politisch zeitweise diametral entgegen.89 Indizien für das zeitgenössische Verständnis beider zeremonieller Großereignisse zu finden erscheint hier besonders vielversprechend, da Brandenburg-Preußen 1688 kurz vor einer gravierenden Rangerhöhung stand, im Zuge derer die Kurfürsten von Brandenburg zu Königen in Preußen wurden. Nun stellt sich die Frage, ob schon das Begräbnis Friedrich Wilhelms, das unter der Ägide des späteren Königs in Preußen, damals noch Kurfürst Friedrich III., stand, als Teil des “planvoll betriebenen Aufstiegs in den Kreis der Souveräne”90 betrachtet werden kann, wie Linda Brüggemann es in ihrer ausführlichen Untersuchung der preußischen Herrscherbegräbnisse ab dem ‘Großen Kurfürsten’ andeutet,91 und ob ein Vergleich ermöglicht, dies aus dem überlieferten Zeremoniell herauszulesen. Um diese Frage zu beantworten, liegt ein Vergleich mit dem kaiserlichen Begräbnis Leopolds I. nahe, da zu erwarten wäre, dass Leopolds Begräbnis seine Position an der Spitze des Reiches widerspiegelt. Um sein Begräbnis einzuordnen und Vergleichspunkte mit dem Begräbnis Friedrich Wilhelms zu umreißen, werden folgend einige Charakteristika des jeweiligen Zeremoniells näher betrachtet. Ein erster wesentlicher Unterschied liegt im Zeitpunkt der Bestattung. Während Leopold bereits kurz nach seinem Tod bestattet wurde, und die Leichenbegängnisse später ohne den Leichnam stattfanden, wurde Friedrich Wilhelm nach seinem Tod am 9. Mai 168892 zwar obduziert und präpariert, danach allerdings nicht gleich bestattet. Noch an seinem Todesort in Potsdam wurde der Leichnam 88 Linda Brüggemann hat das Begräbnis Friedrich Wilhelms in ihrer Dissertation Herrschaft und Tod ausführlich untersucht, vgl. zusammenfassend Linda Brüggemann, “‚Ich habe einen guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet‘. Sterben, Tod und feierliches Leichenbegängnis des ‚Großen Kurfürsten‘ 1688,” in Machtmensch – Familienmensch. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688), eds. Michael Kaiser, Jürgen Luh and Michael Rohrschneider (Münster: Aschendorff, 2020), 205-219. 89 Vgl. dazu ausführlich Michael Rohrschneider and Stefan Sienell, “Hohenzollern kontra Habsburg? Zu den kurbrandenburgisch-kaiserlichen Beziehungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts,” Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte NF 13 (2003): 61-81, die einem “grundsätzlichen Antagonismus”, wie er von der älteren historischen Forschung lange propagiert wurde, widersprechen. Vielmehr seien die Beziehungen von einem “wechselhaften und nie unproblematischen Mit- und Gegeneinander geprägt” gewesen. 90 Barbara Stollberg-Rilinger, “Höfische Öffentlichkeit: Zur zeremoniellen Selbstdarstellung des brandenburgischen Hofes vor dem europäischen Publikum,” Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte NF 7 (1997): 148. 91 Brüggemann, Herrschaft und Tod, 49. 92 Alle Daten werden im Folgenden im gregorianischen Kalender angegeben. 110 in den kurfürstlichen Ornat gekleidet und in einen Sarg gelegt. Dort verweilte er bis zur Überführung nach Berlin,93 die am darauffolgenden Sonntag, den 16. Mai, stattfand.94 In der Residenz angekommen, wurde der tote Körper kostbar eingekleidet und mit den Insignien seiner Herrschaft geschmückt.95 Diese befanden sich, anders als bei der Parade Leopolds, nicht am Fußende des Paradebetts, sondern so positioniert “wie selbige im Leben gebraucht worden”.96 (Fig. 5) Am 22. Mai, nach dem Ende der Parade im Schloss, wurde der tote Kurfürst in die schwarz verhängte Schlosskapelle getragen, wo er für die nächsten vier Monate bis zur Bestattung verblieb.97 Fig. 5: [Constantin Friedrich Blesendorf?,] [“Aufbahrung Kurfürst Friedrich Wilhelms im Berliner Schloss,”] in Christian Cochius, Davids Des Königs [Prachtausgabe], Cölln an der Spree [1688], Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Abteilung Historische Drucke, Signatur: gr.2" St 9556 : R, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001040C00000179 (02.08.2021). 93 Friedrich Wilhelm von Winterfeld, Teutsche und Ceremonial-Politica, an sich haltend Die Ceremonien und Gebräuche/ so bey Politischen und anderen Sachen vorzugehen pflegen…, vol. 2 (Frankfurt am Main and Leipzig: Carl Christian Neuenhahn, 1700), 610. 94 Christian Cochius, Davids Des Königs in Israel Heilige Fürbereitung zum Tode/ und kräfftige Ansprach an seinen Sohn und Nachfolger Salomo/ Betrachtet Bey dem höchstbetrübten Todes-Fall/ Des Weyland Durchlauchtigsten/ Großmächtigsten Fürsten und Herrn/ Herrn Friderich Wilhelmen… (Cölln an der Spree: Ulrich Liebpert, [1688]), https://doi.org/10.17192/eb2010.0415 (30.6.2020), [144]. Die Beschreibung des Trauerzeremoniells in Cochius‘ Funeralwerk ist nicht paginiert, der besseren Nachvollziehbarkeit halber wird sie hier fortgesetzt und in eckigen Klammern angegeben. Hier wird die schlichtere, unbebilderte Ausgabe des Bandes zitiert. 95 Cochius, Davids des Königs, [144-145]. 96 Diese Beschreibung formuliert Moser, Teutsches Hof-Recht, 413 als übliches Prinzip der Anordnung der Funeralinsignien, das Vorgehen bei Leopold war demnach die weniger übliche Variante. 97 Cochius, Davids des Königs, [145], vgl. auch Brüggemann, Herrschaft und Tod, 82. http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001040C00000179 111 Die Trennung von Begräbnis und Begängnis sowie die Mehrfachbestattung bei Leopold gingen auf die Tradition seiner Familie zurück. Das Begräbnis Friedrich Wilhelms dagegen war in vielerlei Hinsicht ein Novum. Die brandenburgischen Hohenzollern konnten insgesamt auf keine lange Tradition zurückblicken. Das Haus Hohenzollern wurde 1415 mit der Markgrafschaft Brandenburg belehnt. Erst 1499 ließ Kurfürst Johann Cicero die Grabstätte seines Hauses vom Stammsitz in Heilsbronn ins Kloster Lehnin verlegen. Damit knüpfte er an die Askanier, die mittelalterlichen Herrscher der Mark Brandenburg, an, die sich dort lange begraben ließen. 1545 etablierte Kurfürst Johann II. Bestattungen in Cölln an der Spree, ein prestigeträchtigerer Ort mit großer Öffentlichkeit, nahe dem neuen Residenzschloss.98 Dass die brandenburgischen Hohenzollern die Trennung von Körper und Eingeweiden 1713 gänzlich einstellten,99 beweist die dort im Gegensatz zu den habsburgischen Begräbnissen geringe Bedeutung dieses Schritts. Ein weiterer großer Unterschied liegt in den repräsentativen Mitteln und ihrer Gewichtung. An protestantischen Höfen war die Dekoration der Kirchen genauso schlicht wie die Gottesdienste, was wenig Spielraum für repräsentativen Pomp gab,100 wie ihn die Wiener Exequienfeiern für Leopold entfalteten. Zum protestantischen beziehungsweise reformierten Gegenstück wurden die Trauerzüge. Sie wurden dramaturgisch inszeniert und galten als besonderer Ehrbeweis.101 Um diese einmaligen Höhepunkte über Ort und Zeit hinaus wirken zu lassen, entstanden Funeralpublikationen, sogenannte Funeralwerke, die als Festbeschreibungen unter europäischen Höfen zirkulierten. An protestantischen Höfen konzentrierten sie sich auf das weltliche Zeremoniell, vor allem den Trauerzug.102 Für Friedrich Wilhelm entstand in Berlin ein Prachtband, der neben der Leichenpredigt des Hofpredigers Christian Cochius, einer kurzen Biographie des Verstorbenen und einer ausführlichen Beschreibung des Trauerzugs auch detaillierte Abbildungen des Trauerzugs mit einem Großteil der Teilnehmer enthält.103 Eine vergleichbare Publikation entstand in Wien nicht. Betrachtet man das Gesamtbild der beiden zeremoniellen Ereignisse, fällt auf, dass die von kirchlichen Feiern unabhängige herrscherliche Repräsentation in Berlin deutlich ausgeprägter und aufwändiger war als in Wien, wo Begräbnis und die Begängnisfeiern religiös strukturiert waren und zu einem großen Teil von Klerikern durchgeführt wurden. Lässt sich nun angesichts dieser Divergenzen ein Rangunterschied zwischen den Begräbnissen Leopolds und Friedrich Wilhelms entsprechend des Amtes der Verstorbenen ausmachen? Diese Frage muss nicht nur verneint werden, sondern auf den ersten Blick entsteht sogar ein gegenteiliger Eindruck. Anachronistisch formuliert, wirkt das Begräbnis Leopolds in der Rückschau wie ein kirchliches Fest, das mit Blick auf nachfolgende 98 Achim Beyer, Die kurbrandenburgische Residenzlandschaft im „langen 16. Jahrhundert“ (Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag, 2001), 73-74. 99 Brüggemann, Herrschaft und Tod, 79. 100 Bepler, “Das Trauerzeremoniell,” 250. 101 Craig M. Koslofsky, The Reformation of the dead: Death and ritual in early modern Germany, 1450-1700 (Basingstoke: Macmillan, 2000), 152. 102 Bepler, “Das Trauerzeremoniell,” 250-251. 103 Cochius, Davids des Königs, [Prachtausgabe], http://resolver.staatsbibliothek- berlin.de/SBB0001040C00000000 (3.11.2020). 112 Begräbnisse als Auslaufmodell erscheint. Das Begräbnis Friedrich Wilhelms dagegen hatte bereits große Ähnlichkeiten mit dem heutigen Verständnis eines Staatsbegräbnisses. Fig. 6: Constantin Friedrich Blesendorf, [“Ehrenpforte für Kurfürst Friedrich Wilhelm in Berlin,”] in Cochius, Davids Des Königs [Prachtausgabe], Cölln an der Spree [1688], Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Abteilung Historische Drucke, Signatur: gr.2" St 9556 : R, http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001040C00000253 (02.08.2021). Außerdem waren die Nachwirkungen des Berliner Begräbnisses viel ausgeprägter als in Wien. Die Ehrenpforte, die der Trauerzug für Friedrich Wilhelm auf der Breitestraße durchschritt, (Fig. 6) erlebte noch eine zweite Verwendung: Sie wurde entgegen ihrer Bestimmung als ephemere Festarchitektur nach Potsdam überführt, wo sie in der Nähe des Potsdamer Schlosses wieder aufgestellt wurde.104 Der Totenhelm, der im Rahmen des Begräbnisses den ritterlichen Stand des Kurfürsten anzeigte, wurde von 1688 bis 1918 als “Reichshelm” bei Begräbnissen männlicher Hohenzollern mitgeführt und bei den Kroninsignien aufbewahrt.105 Hier zeigt sich, wie das Begräbnis Friedrich Wilhelms zu einem Ausgangspunkt der Traditionsbildung des entstehenden brandenburgisch- preußischen Staates wurde. Vergleichbares gab es in Wien nicht, das Begräbnis Leopolds erzeugte keine langfristigen Bezugspunkte. Schon von der Fertigstellung des 104 Thomas H. von der Dunk, “Vom Fürstenkultbild zum Untertanendenkmal: Öffentliche Monumente in Brandenburg-Preußen im 17. und 18. Jahrhundert,” Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte NF 7 (1997): 190-191. 105 Brüggemann, Herrschaft und Tod, 94. http://resolver.staatsbibliothek-berlin.de/SBB0001040C00000253 113 Prunksarkophags für Leopold, einige Jahre nach dessen Tod, sind uns keine prägnanten Zeugnisse überliefert beziehungsweise bekannt. Warum die von seinen Zeitgenossen durchaus anerkannte “Größe” Leopolds sich in der Erinnerung an ihn nicht recht festsetzen konnte, bleibt auch in Bezug auf sein Begräbnis zu klären.106 Die vorangegangenen, schlaglichtartigen Vergleiche zeigen, dass das Begräbnis Leopolds von der bisherigen historischen Forschung noch kaum in all seinen Dimensionen erfasst wurde, weder als isoliertes Ereignis, noch im Vergleich mit anderen Begräbnissen im Alten Reich. Langfristig erstrebenswert wäre, eine Art von Nomenklatur der Funeralriten zu identifizieren, sofern es eine solche gab. Das Ziel sollte sein, einen Überblickt über die verschiedenen Formen in zeitlicher und geographischer Perspektive zu erhalten, um dann durch das daraus erwachsende Verständnis für konkrete Funeralzeremonien Rückschlüsse auf den ausrichtenden Hof und beteiligte Personen ziehen zu können. Die Vergleichsbeispiele zeigen jedoch auch, wie heterogen die Tradition und Funktion einzelner Aspekte sind, was eine Systematisierung erschwert. Für solche weiterführenden Untersuchungen bedarf es jedoch, das beweist nicht zuletzt die lückenhafte Forschungslage zum Begräbnis Leopolds I., weiterer grundlegender Forschung zum herrscherlichen Funeralzeremoniells im Alten Reich. 106 Vgl. zu Leopolds Titel “der Große” Stefan Benz, “Vergessene Größe: Kaiser Leopolds I. Epitheton ‚magnus‘,” in Friedrich und die historische Größe, eds. Michael Kaiser and Jürgen Luh (2009), https://perspectivia.net/publikationen/friedrich300-colloquien/friedrich-groesse/benz_groesse (2.10.2020) der allerdings die Begängnisfeiern und ihre Nachwirkungen nicht in seine Untersuchung einbezieht. Die Sterbe- und Begräbniskultur katholischer Herrscher bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts Begräbnis und Begängnis Kaiser Leopolds I. Die Vorbereitung auf den Tod des Kaisers Die Parade und die Vorbereitung von Trauer und Begräbnis Die Bestattungen und der Prunksarkophag Das feierliche Leichenbegängnis in den Exequienfeiern und die ephemere Trauerarchitektur Die Funeralpublizistik Das Kaiserbegräbnis in vergleichender Perspektive