Focus Fall 1994.tif IOU r oClls on L.tlerarllr Literatu rverz'cic h nis Achermann, Erika. "[ine Einzelne in clef Menschenmasse. Ein Gespriich mit der deulschcn Auto ri n Brigitle Kro naucr tiber 'D ie Fra u in den Kissen.'" Tages.AnUlgcr Zii rtch) O kt. 1990. Baumgart, Rei nhard. ~Laudat io zur Verlei hung des 'Heinrich-Boll-Preises' der Stadt Kil ln ,- Kllmtprm Berlm Red. Manfred Sc hl osser. Be rlin : Akademie def Wissenschaften, \985.7·10. Cramer, Sibyl Ie. "Flussige Mat hemat ik," Frankfurter R,mdschau 1 Oklo 1986. Kronauer, Brigitte. "Auftritt 2m Horizon!. Zur Prosa ROf Wolfs," A ll/sitze ZlIr Lltera/lfY Stuttgart: Klcn -CollJ., 1987. -. Benrtener 8ogenschiitzc. Stuttg;ut: Klett-Cotta, 1989. -. Frail :\flih/mbtck 1m CehiillJ. Stuttgart: Klett-Cotta, 1980. -. "Literalur und Umstandlichkeit." kmlkm Heft 3 {l99 I}: 54. -. "N:atur und Umst:indlichkeit.-Ironkret lIeft 7 (199O): 59. -. "Die Revolution der Nachahmung (Zwei K1appentexte).~ Tnt + Kntlk Nc 112 (199 1), J·5. -. Rita }.f,imt". StuHg;lIt: Klett-Cona, 1983. Robbe-Grillet, Alain: Nou1:eau roman ct autob,ograehle. Neuer Roma'l wla AlIlohlQgraph1e, Konstanzer UmvermafSrMtll , dt. Ubers. yon I lans Rudolf Picard. Konstan7.; Unive~itQts\'erlag, 1987. n. Vorm weg. Heinrich. -Laudatio fiir Brigitte Kronauer zur Fonlallep reis' verleihu ng. ~ Siiddellt-sche Zel/ ll llg 14· 16 Aug. 1987. Wall mann , Jurgen I). "Die AutQri n als K ritikeri n .~ Mannhell1ur Morgen 18 Man 1988 . Zacharias, Carna. ~Dreiei:k von Gefiihlszustanden." Abrndzeltlmg, Munchm 19-20 Jan. 199 1. -. "lch vermute. ebB der 'Zeitgeist ' mich nicht beso nders mag (und umge· kehrt). ~ BOmmblatt fiir den dtll t.Jchtll Bllchhandtf 16 Feb. 199 1: 636·638. Der Stand des Experiments und der A vamgarde in der deutschsprachigen Literatur am Beispiel des O sterreichischen Literaturmagazins perspektive Anke Finger l'Q eil einigell Jahren tummelt sich ein T ei l des experimentellen Dol Schri ftslellerpotem ia ls der deutschsprachigen Lileratu r nicht mcll r nur in dcn bekannten Literaturmagaz.inen numuskrlple (Gra7.) und wespennm (Wien), sondern auch in der bewuBl unclablienen, da­ fur um so kritik· und risi ko freudigeren Zeitschrift perspektlVf'. Dieses Magazin, gegrundct vor circa 7wolf Jahren, leitell heute run f Autor­ Innen, (Helmut Schran z und Dieter Sperl in Graz, Silvia Egger und Ralf Korte in Berl in und Robert Steinle in Salz.burg), die sieh, basiere nd auf individuell organi sienen Kom akten und dem Int eresse an einer spezifiseh provoz.ierenden Lilc ratu rlandschah, fli r die Fixierung ei ner literarischen A vantga rde ei nsetzcn. Aile funf sind beteiJ igt an den ein· zelnelli leftell und bringen ilIre unt erschiedLichenlnteressen und Stand· punk te zu experimentelle n T eXlen bzw. avamgardistischcn T exlen, mil cin, Die Fertigstellung cines jeden Heftes wird sodann begleitet vo n Autorenlesun gen il11 Li teraturcafe "Theatro" in Graz, neuerdill gs aueh in Berlin , wo sich d ie Au torlnnen personlich vorstcllen. Ralf Ko n e, 3 1, Schriftsteller in Berlin , hal zuletzl das Heft 26, "spraehlos" (eine Bestandsaufnahl11e der Autorlnnen illl Prenzlauer Berg) , bet reut und so Kontakte z.u einigen der ehema1igell DDR Schrift­ Steller und Kunstler geschaffen , VO II denen gerade in djeser Szene sich einige neu fo rmieren und das Literaturexperiment neu form uLieren. Er ist seil un gd ahr vier his Cunf J ahren bei perspeklive und arbeitete an Proje kicil tiber neueste osterreichische Litcratur. Ich selbst lernte Ralf Korte in einem Lilcraturkolloqium an def Focus on Liltratur Vol. 1, No.2 (199-4) J>V t'QCI/S onJ ... ueracur t,.iteraturveneichnis Ache.rmann, Erika. "Eine .einzelne in der Mensc.hen~. Ein Gespräch mit der deutschen AumJio, .Brigiue K.tona~e.r über 'Die Frau .in den Kissen.'- 14ges-A1JZeW' ZiJricb J Okt .. 1990. &umgan. Rcinhard. -Laudatio zur Verleihung des 'Heinrich-ßöll-Preises' der Stadt Köln,- Kttnstpreu Berlin Red. Manfred Schlösser. Berlin: Akademie der WISSenschaften, 1985. 7·10. Cnmer. Sibylle. '1'IiIsoiie Mlllheatatik." Fnm/cforter RWlliscbas 1 Qkt. 1986. Krorta\:let, Brigitte. "Auftritt lltn Horizont. Zur P.ro:sa Ror Wol1$.-- AKj'sJtze ur LiumtttrSnattßart: Klen..coaa. 1981. -. &ritum:r ~ Stu"ll'"'' Kl ... 'CO .... 1989. -. Ertu4 MNhlenberlc im Chhäus. Stuttgart: ~let-l--Cotta,. 1980. -. "LUern,u' und tlm>tindlichkeit." konkmH.ft J (1991), 5,. -. "Natur und U"",iod[ichktit."lwnk ... 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Nichtsdestot rotz gibt es ein Zerbrechen der literarischen Avant­ garde und man kann sich fragen, ob das, was übrigbleibt, nämlicb das Nachahmen der amerikanischen Rap-Bewegung und das Texten von Rap-Texten, überhaupt noch in irgendeiner Weise Avantgarde ist oder ob es nicht schon ein Hinterherlaufen von eigentlich ganz anderen T reods ist, in dje man noch versucht, I iterarische Aspekte einzubringen. Finger: losofern hebt sich die Avantgarde, als sie heute noch existiert oder sich umbge rt, stark von der (politischen) in den Sechzigern ab. Dort zeigte sich eine Motivation, die großen Zulauf fand, die allerdings mit heutigen Beweggründen wenig gemein hat. Oder gibt es schon neue Avantgard~Fangemeinden? Karte: Man muß auch da ganz klar trennen zwischen dem, was wie­ derum im Westen DeutSChlands geschehen ist, wo es eine starke Anbin­ dung des Experiments an die PoliLik gab und wo solche -konkreten poesien" ,vie "sau" "aus" "usa" [von Hansjörg Maye r, 1965] sozusagen den Gipfel der Avantgarde Bewegung darstellten. Das war aber wie­ derum in Österreich anders. Die Leute der Wiener Gruppe sind bei der Studentenrevolte, die auch eher eine nach Berliner und F rank­ furter Muster ausschließlich in Wien nachgemachte war, aJs enfa'lls terribles aufgetreten . Oswald Wiener [Dit> Vt>Tbt>ssemng vo" Milleleuropa], z.B. , hat sich damit hervorget:m, in Wien bei einem Auf­ tritt vor dem Wiener Asta [Allgemeiner Studentenausscbuß] auf ein Manifest des Asta vo r aller Leute Augen zu scheißen; das ist vieUeicht Ausdruck genug für die Verwicklung zwischen Literarischer Avantgarde und politischer A v:mtgarde, wenn mall es so nennen will. Wobei aller­ dings zu sagen ist, daß die Wiener Gruppe die einzige Gruppe in ganz Österreich war, die gegen dje Wiedereinführung des Bundesheeres, des Militärs in Österreich, angetreten ist. Sie haben damals tatsächlich eine Unterschri ftenliste mit sieben(!) Unterschriften und einem Umz.ug zu dritt durch die Wiener Su-aßen, natürlich mit ze.hnfacbem Polizeiauf­ gebot, organisiert. uer .:n anu u~r t'\ VOI UlgOlI uc Ln der Bundesrepublik selbst hat sich ein Kater eingestellt. Sehr viele der Autoren, z.B., Peter Schneider und andere, die mit der 68er Bewegung verknüpft waren und dort auch ihre Leserschah gefunden haben, haben nun im Zuge des Äherwerdens und im Zuge des Zer· brechens der Muner.ldeologien selbst auch damit Probleme bekonunen und z.T ., der angesprochene Peter Schneider ist vieUeicht das beste Beispiel dafür, auch eine Kehrtwende vollzogen. Peter Schneider, der in seinem neuesten Buch von der Milieutheorie sich wieder abkehrt und, vielleicht weil er selber Vater geworden ist, nun wieder die Gen· Hypothese vertritt. Damit ist natürlich auch ein großes Mißtrauen der Folgegeneration an einer weiteren Ideologisierung der Literatur verknüpft. Es gibt einerseits die Leute, die weit erhin Beat betreiben, die weiterhin interessie rt sind an der Rolle von Drogen. Und es gibt eine Hinwendung zum Cyberpunk, zu diesen "virtual reality" Ge­ schichten. Finger: Das heißt, du würdest punktuell eine Avantgarde finden, aber es ist kein Netz oder eine Art Zweckzusammenschluß, der sie als Gruppe legitimiert. Karte: Ja. Es gibt so etwas wie die Frankfurter Szene, es gibt solche Leute wie Marcel Be)'er [Das MenschenJltjsch, Suhrkamp 199 1, Mit­ herausgeber der Zeitschrift "KONZEPTE" in Köln] die etwas tun , die aber auch wieder sehr individuell sind und letztendlich in ihrer Verlagsbindung und der Kenntnis bestimmter anderer Autoren, die auch bereits in gewisser Weise erfolgre.ich sind. ihr Glück suchen. Aber es gibt keine Gemeinsamkeit mehr, es ist durchaus nicht so, daß man sich in fremde Städte begeben könnte und sagen könnte, heh wir ziehen am seihen Strang und Aufnahme fände, wie das wohl in den sechziger Jahren so war. Also Wolfgang Bauer hat mi r erzählt, daß man, leicht üben rieben, durchaus durch USA bis I-I ooolulu reisen konnte und überall auf dem Flughafen auch schon empfangen wurde. Es gab eine internationale Szene, die einen gewissen Zusammenhalt geboten hat. Das ist zerbrochen. Man darf hier nicht vergessen, daß es tatsächlich nur vielleicht zehn, fünrzehn Jahre waren, in denen aufgrund des Zu· sammenkommens eines experimentellen Arbeitens mit politischen Moti vationen es so etwas wie ei n, -Massen publikum" ist vieUeicht das zu große Won , aber, gemessen an dem heutigen Publikum war es ein Massenpubtikum, existiert hat. Heute gibt es einen Rückzug ins Pri· 160 Focus on Uteratur vale oder eine starke Binclung an die einzelnen Verlage lind sehr wenig Zusammenhall. Wir sind cine cler wenigen Literaturzeitschriften im delilschsprachigen Raum, die noch dieses dialogische Prin'l.ip. das Zu­ sammenkommen von Lemen, die aus Berlin, Salzburg, und aus Graz kommen, praktizien. Man trifft sich irgendwo, mal in Salzburg, mal 10 Berlin, und macht die Zeirung, debaniert eine Woche lang tiber literatur. Leute, die von anderen osterreichischen Gruppen zu um stoBen. sind vollig verbli.ifft dariiber, daB sich hier ooeh 50 intensiv auseinandergesetzl wird tiber die Sache. Finger: Ihr arbeitet also gegen die Vereinnahmung cler Veri age? Korte: Nun, es gibt in cler BRD gerade cineo voJ\igen Verfall cler Sta3rsforderung. das Winschaftssystem und die Staatskasse sind in einer Krise und man versucht diese Probleme damit zu losen, dJ.fi man das wenige Geld erst einmal einspart. In Osterreich herrscht eine vi:illig andere Situalion. Dart hat man eine Staatsforderung der literatur. Osterreich als das Land von Mozart his Beethoven, den sie zuweilen auch schon einen Osterreicher !lennen, hat diese traditionel le Abstiitzung: T ourismus - Berge + Kulturj und deshalb gibt es eine Menge von kleinen Kommunenforderungen und Slipendien. Diese sind nicill, eben im Gegellsatz zur BRD, nur an groGe Namen gebunden. In del' BRD werden miulerweile Preise, die es noch gibt, nahezu nur noch an renommierte AU10ren vergeben, weil der Preis sich mil dem AllIor schmiickt und umgekehrt. Die Au­ torelliassen sich von den Verlagen sehr stark vorgeben, was man aueh zu schreiben hat, man wird rhematisch zugespitzt, die Verlage haben ihre eigenen Programme, usw. Der Druek ist sehr stark. In Osterreich gibt es einen ganz anders geanelen Druck_ Die Stipen­ dien, fiirdie man zum Teil nur den Pafi eines besolrumen Bundeslandes haben muB, urn sieh um einen Preis mit irgendeinem Text zu bewerben, haben Bewerbungskriterien, d.ie sieh manehmal wirklieh nur auf "bin ich Steirer, bin ieh Salzburger, bin ich Wiener" beschranken.lch selbst kenne einige junge osrerreichische Autorlnnen, die versuchen, Yom Schreiben zu leben lind die eigendich rUchts anderes tun, als von einem Preisgeld wm nachsten zu hupfen. Man oriemiert sich unglaublich stark an den Vorgaben der einzelnen Preise. DUll sind die Bedingungen, die5e ganzen Dinge mitgenommen zu haben, eine Liste zu haben, wo liberal! man veroCfentlicin wurde, sehr wicinig, und m.m kann je nach Ocr Stand der Avantgarde 161 Nahe zum Zelllrum, in Osrerreich natlirlieh Wien, cine sehr vie! Feiner ausgebildete Kenntnis im Ergreifen von Litcrawrstipcndicn feStsleilen. Dagegen arbeitct perspekuve. M.m kann sagen, d.1B dls gesaillte I lerausgeberko ilektiv der perspekllve bis jelzl keine eigene Buchverof­ fentlichung vorzuweisen hat, d iese aber niclll anstcuert, sondern in dem dialogischen, diskursiven Prinzip eine lilerlturzeitsehrift hal, in derauch Versuche, auch Fragmeme vorgelegt werden konnen. Dieses zueinander sich verhahen konnen auf der Planform einer Einzelzeir­ schrift, betraChlen wirals eine sehr vlel wiehtigere Form von Liler.uur, als das Herstellen von Buchkonserven: jetzt muB ieh eine 110 Seiten lange Ert.:ahlung schreiben, d.unil ich mein Jahrespensum abliefere. Fur die A valllgarde iSI das Medium Literaturzeitschrifllll1d die Abstiil­ :lung auf ein vergangliches Medium wichtig, d.h., ein standiges Neu­ dokumentieren, wie d.l5 Arbeitell an einem bestimmten Einzehexl oder einem bestimmten Textkompendiulll vorangeht. Verschiedene Fassungen zu verschiedenen Zellen vorlegen zu konnen, das iSI uns sehr wichtig und hal fUr uns mehr zu lun mit lebendiger Lllcr:nur als diese Buchpublikationsbezogenheit. Aber gerade desh.llb sitzen wir natOrlich sehr weit im AbseilS. Finger: Denkst du, daB es im Zeitaher einer Postmodernc, cineI' schon verschwindenden Postmoderne, iiberhaupt noeh eme Avantgarde gebcn kann? Korte: lch glaube, daB die Postllloderne oicht so lange leben wlrd wie die A vantgarde, dieses Gebilde ist ja eine zeidang sowas gcwese[] wie die Avan lgarde. Insbesondere in Frankreich konnte man d::mn aber sehr hubsch beobachten, wie JUS den postmodernen Rcvohnionaren Reaktionare mit Pariser Professorentiteln wurdcn. DJS iSl cine Weile sehr rruchtbar gewesen, aber man iiberschatzt meines Eracinens den Komplex der POSlmodeme in seinem Einflufi auf die AvaOlgarde dahin­ geheod, daB die AvanlgJ.rdc, die literarische Avanlgarde, viele von den Dingen, die die Postmoderne fUr sich behauptct hat schon immer odeI' schon sei [ langer Zeit gemachl hat. Das Sprechen iiber Posunoderne wird in kur.ler Zeit Yom M.ukl, um das auch bewufh so zynisch zu formulieren, versehwinden, und mall wird wahrscheinlich das cinfach in den Diskurs der r.. loderne wieder mit einfiigen. Was die A vantgarde geradc ooeh lun k.mn, also das von dir angesproehene llllernationalismus-Problem, iSl folgendes: 160 FOCHS on Literatllr v:ne oder eine starke Bindung an die einzelnen Verlage und sehr wenig Zusamm enhalt. Wir sind eine der wenigen Literatu rzeitschriften im deutschsprachigen Raum, die noch dieses dialogische Prinz.ip, das Zu­ sammen kommen von Leuten, die aus 8erlio, Salzburg, und aus Gral. kommen, praktiziert. Man trifft sich irgendwo, mal in Salzburg, mal in Berlin, und macht die Zeirung, debattiert eine Woche lang über Liter.l.tur. Leute, die von anderen österreichischen Gruppen zu uns stoßen, sind völlig verblüfft darüber, daß sich hier noch 50 intensiv auseinandergeseu.t wird über die Sache. Finger: Ihr arbeitet also gegen die Ve rein nahmung der VerJage? Karte: Nun, es gibt in de r BRD gerade einen völligen Verfall der Staa[$förderung. das Winschaftssystem und die Staatskasse sind in einer Krise und man versucht diese Probleme damit zu lösen, daß man das wenige Geld em einmal einspart. In Österreich herrscht eine völlig andere Situation. Dort hat man eine Staatsförderung der Literatur. Österreich als das Land von Mozan bis Beethoven, den sie zuweilen auch schon einen Österreicher nennen, hat d iese t raditionelle Abstützung: T ourismus _ Berge + Kultur; und deshalb gibt es eine Menge von kleinen Kommunenförderungen und Stipendien. Diese sind nicht, eben im Gegensatz zur BRD, nur an große Namen gebunden. In der BRD werden mitt lerweile Preise, die es noch gibt, nahezu nur noch an renommierte Autoren vergeben , weil der Preis sich mit dem Autor schmückt und umgekehrt. Die Au­ toren lassen sich von den Verlage n sehr stark vorgeben, was man auch 2.u schreiben hat, man wird thematisch zugespitzt, die Verlage haben ihre eigenen Programme, usw. Der Druck ist sehr stark . In Österreich gibt es einen ganz anders gearteten Druck_ Die Stipen­ dien, für die man zum Teil nur den Paß eines bestimmten Bundeslandes haben muß, um sich um einen Preis mit irgendeinem Text zu bewerben, haben Bewerbungskriterien, die sich manchmal wirklich nur auf "bin ich Steirer, bin ich Salzburger, bin ich Wiener" beschränken. Ich selbst kenne einige junge österreichische Auto rlnnen, die versuchen, vom Schreiben zu leben und die eigentlich nichts anderes tun, als von einem Preisgeld zum nächsten zu hüpfen. Man orientiert sich unglaublich stark an den Vorgaben der einzelnen Preise. Dazu sind die Bedingungen, diese ganzen Dinge mitgenommen zu haben, eine Liste zu haben, wo überall man veröffentlicht wurde, sehr wichtig, und man kann je nach Der Stand der A vamgarde 161 Nähe zum Zentrum. in Österreich natürlich Wien, eine sehr viel feiner ausgebildete Kenntn is im Ergreifen von Literaturstipendien feststellen . Dagegen arbeitet perspektive. Man kann sagen, daß das gesamte Herausgeberkollekt iv der perspeklive bis jetzt keine eigene Buchve röf­ fentlichung vorzuweisen hat, d iese aber nicht ansteuert, sondern in dem dialogischen, diskursiven Prinzip eine Lite raturzeitschrih hat, in der auch Versuche, auch Fragmente vorgelegt werden können . Dieses zueinander sich ve rhalten kö nnen auf der Plattform einer Einzelzeit· schrift, betrachten wir als eine sehr viel wichtigere Form von Literatur, als das Herstellen von Buchkonserven: jetzt muß ich eine 120 Seiten lange Enählung schre iben, damit ich mein Jahrespensum abliefere. Für die Avantgarde ist das Medium Literarurzeitsehrift und die Abstüt­ zung auf ein vergängliches Medium wichtig, d.h., ein Ständiges Neu­ dokumentieren, wie das Arbeiten an einem bestimmten Einzeltext oder einem bestimmten Textkompendium vorangeht. Verschiedene Fassungen zu verschiedenen Zeiten vorlegen zu können, das ist uns sehr wichtig und hat füf uns mehr zu tun mit lebendiger Literatur als d iese Buchpublikationsbezogenheit. Aber gerade deshalb sitzen wi r natürlich sehr weit im Abseits. Finger: Denkst du, daß es im Zeitalter einer P.ostmoderne , einer schon verschwindenden Postmoderne, überhaupt noch eine Avantgarde geben kann? Korte: Ich glaube, daß die Postmoderne nicht so lange leben wird wie die Avantgarde, dieses Gebilde ist ja ei ne zeitlang sowas gewesen wie die Avantgarde. Insbesondere in Frankreich konnte man dann aber sehr hübsch beobachten, wie aus den postmodernen Revolutionären Reaktionäre mit Pariser Professorentiteln wurden. Das ist f iue Weile se hr fruchtbar gewesen, aber man überschätzt meines Erachtens den Komplex der Postmoderne in seinem Einnuß auf die A vaOlgarde dahin· gehend , daß die Avantgarde, die literarische AvaOlgarde, viele von den Dingen, die die Postmoderne für sich behauptet hat sc hon imm er oder schon seit langer Zeit gemacht hat. Das Sprechen über Postmoderne wird in ku rzer Zeit vom Markt , um das auch bewußt so zynisch zu fo rmulieren, verschwinden, und man wifd wahrsch einlich das einfach in den Diskurs der Moderne wieder mit einfügen . Was die Avantgarde gerade noch tun kann, also das von dir angesprochene Internationalismus-Problem, ist fo lgendes: 162 Focus on Literatllr man weit1 vermutlich insbesondere in den USA weniger, wie sehr be­ stimmte der USA zugehorige Auwren, die im eigenen Land nidn dieses MaR an Bekannlheit erz.ielt hOlben, innerhalb derdeulschen Litcratur­ szene sehr becleulSam geworden sind. Es gibt a\lein :1In Bodensee l.wei 3merikanische LilerarurnlJ.g.tzine rim Isele Verlag z.B. die Zeitschrift CH£LSEA HOTEL], Autaren wie Kath y Acker oder [Raymond] Federman oder auch bestimmte Cyberpunk Repraseololoten sind am Bodensee in zwei versch iedenen Liter:nurmagazinen vertreten, und die Buchhandlungen stehen voll von diesen ame rikanischen Autoren. Also einige von UIlS, die wir hier arbeilcn, spiel ten schon mil clem Ge­ danken, sich cine Scheinbiographie mil Geburt in New York und mit Weiterleben an der Westkusce zu erstellen, urn d.1nn doch endlich wahrgenommen zu werden. Letztendlich gLlUbt man der experimen­ tellen A v3.ntgarde nicht mehr, aber das, was sie noch verbiirgt ist eine Biographic, die etwas mit Extenoritat ZUlUn hal, die etwa~ mit Exotis­ mus zu tun hat, und cine Konzemr.nion auf diese International be­ kanrttell Autoren ist. Ph:lsen~eise gibt es d.mn, in ~lagJ2men wie Leare International, die in Europa sehr hedeutend ist, Dokumentationen afrikanischer Auto ren oder Ostblock AUloren. Man h:ll das Gefuhl, daG im wesem lichen mehr getan wird fiir die Avalllga.rde fremder Linder als fUr die eigene, und daB auch die Leser sich mehr darauf konzentrieren, eben wei l das Lesen von experimentellen T exten aUein nicht mehr geniigt , man muB auch noch teilnchmen an "Fremde," illl wi rklicher F remde. Es 1St so etwas wie das nicht-Wahrnehmen-konnen­ des~Fremden-i m-eigenen-Horjzont, und das Aufsuchen des Fremden tatsachlich dann eben mit benlmmlen Flugsrunden dazwischen. Finger: D ie Avantgarde ist oder war hislOrisch gesehen e ine Manner­ domane. H at sich da etwas geandert und inw iefern haben FeminiSl11US­ thea ric und "gender studies" einen EinnuB bzw. theoretische Vorraus­ setzungen fiir eucb? Ko rte: Innerhalb der Avamgarde gab es in der H ier.r.rchie eine Manner­ lastigkeit, aber es gab sehr viele AULOrinne n und Klinstle rinnen, die nur natiirlich in dem affemlichen Fokus nicht so wahrgenommen wur­ den. Da standen dann immerdie Namen der Manner vornedran. Aber meines Erachlens war nun gerade die Avamgarde eine Geschichte, die immer scho n cine Beteiligung beider Geschlechter halle. D,IB es heute im Zuge der Frauenbewegung und auch einer Bewcgung hin zu dem Der Stand der Av:mtgarde 163 Schaffen der Frauen cinen Fokus gibt Zll den AULOrinnen, 1St ein sehr positiver Umstand. Aber es hal nati.i.r1ich 2m Folge, daB von cinem gaol. bestimmten Anteil von Frauen d.1I1n nur n. lenschen vor.lOwer­ fen, er sci elirac Brandeis U'llvers,ty \64 Focus on Literatur Ist das eine Hinderung oder was bedeutet es für euch? Bedeutet es überhaupt etwas für euch? Karte: Dieser Punkt taucht auch regelmäßig beim Zusammentreffen der Perspektivegntppe auf. Es gibt schon das Wissen darum, daß man mit dem, mit der Weise, wie man schreibt, kaum noch verstanden wird. Das treibt schon seltsame Blüten, daß man dann in Les-ungsbespre­ chungen nachlesen kann, daß es hier ein wenig erklärende Vorreden zu diesen Lesungen gegeben bäne, die es dem Publikum erlaubt, hätten. den furchtcinflößendeo Experimenten standzuhalten. Uürg1 Laederach hat zum Beispiel in seiner Grazer Poetiklesung nichl wenig zu diesem Punkt des Verstandenwerdens gesagt. Es ist eine ganz merkwürdige Differenz da zwischen der Bereitschaft von Menschen, elektronische Systeme zu verstehen und litenrische Texte zu verstehen. D.h., nie­ mand würde einen Computer, den er zum ersten mal anschaut, dessen Bedienungsanleitung er noch nicht vollständig gelesen hat und dessen Funktionen ihm nicht klar sind , aus diesem Grunde aus dem Fenster werfen und sagen, das ist ein Gent, das ich nicht brauchen kann, ich verstehe es nicht. Mit literarischen Texten geschieht das aber perma­ nent. Entweder weiß man schon, daß das sowas Komplexes ist und will dann auch nicht, oder man guckt es einmal an und sagt, das verstehe ich nicht und damit basta. Es 1st wirklich ein Problem, das nun auch an einem wichtigen Schnittpunkt der Avantgarde liegt. Mölon setzt sich kritisch mit etwas auseinander, weil man es ja überwinden will, und im Augenblick, wo man über etwas hinauswill, stellt man sich natürlich Widerstände ein. D .h ., man hat sozusagen ein emanzipatorisches Inte­ resse, nur muß man sich die Frage gefallen lassen: Emanzipation für wen? Für einen selbst, für die Sprache an sich oder für was? Und da stellt man eben fest, daß immer weniger Lesende bereit sind, das litera­ rische Experiment zu verstehen als das Überschreiten ihrer eigenen Grenzen und des eigenen Vermögens. Dieses Vermögen wird dem Autor zur LaSt gelegt, d.h., es gibt sehr viele Reaktionen dahingehend, zu sagen, dieser Mensch bläst sich mit unverständlichen Wörtern, die er natürlich auch nur aus dem Lexikon abschreibt, auLln Wirklichkeit denkt ja so kein Mensch, wie der da schreibt. Es gibt eine Sehnsucht danach, Sprache bitteschön nlcht mehr wahrzunehmen, so wie man auch den Film als Film nich t mehr wahrnehmen möchte, sondern man möchte hinausgehen, so als häne man jetzt kurz an einem anderen Leben teilgenommen, bei dessen Aufnahme es keine Widerstände gibt. Der Stand der Avantgarde \65 Das sollte uns nicht daran bindern, Texte zu schreiben, die umer Um­ ständen auch das Vermögen der Masse der Lesenden überschreiten. Finger: Ist das nicht eine relativ elitäre Auffassung oder ist das die Konsequenz deines Arbeitens? Korte: Es ist die Konsequenz einer bestimmten Vertiefung in eine be­ stimmte Arbeit hjnein . Man tritt ja nicht an, um Dinge zu schreiben, die keiner versteht, damit man derjenige ist, der von keinem verstanden wird. feh würde das einfach nur vergleichen wollen mit einem Natur­ wissenschahler, der sich in ein bestimmtes Problem weiter und weiler vertieft, sehr viel Zeit damit verbringt und dann sicherlich in Bahnen über diese Dinge nachdenkt, die kaum noch jemandem nachvollziehbar sind. Niemand käme auf den Gedanken , diesem Menschen vor.wwer­ fen , er sei elitär. Brandeis U,ziversity