Focus Fall 1994.tif 218 Focus on Literalllr ei ne apodiktjsche WirkUJl g zur Folge. Die Leseau rakti vität Kronauerscher Texte liegt in einer stark for­ ma lisie rten und segmentierten Beschreibu ng von Realität. Diese r schwerzubewältigende Anspruch ihrer Literatur, der Wirklichkeit eme fremde Bewu ßtsei nsstru ktur gegenüberzustell en , fi ndet in den Kurzgeschichten eine dem Leser zugänglichere und dam it entgegen­ kommende Form. Unlvemt1, I-Iambll yg Dagmar Schlitz Ein Zirkel, der sich schließt INTERVIEW MIT G ÜNTER K UNERT J. Gregory Reddmg (Umvermy o!Cim:illn:lll) sprl- darüber ge­ sprochen-ich h3be das erste lllal überhaupt darüber gesprochen--daß Träume, also Träume der Nacht, für mich von großer Bedeutung sind. Ich träume jede Nacht, und wache auf unu weiß alles. Fast immer. Und manchmal gehen diese Träume mit mir du rch den gallLen TAg, mAnchmal über Tage hinweg, und ich erinnere mich heute noch 311 Träume, die ich vor zehn oder zwanzig Jahren geträumt habe, die von großer Bedeuwng für mich sind. Das heißt, die Grenze zwischen Tag. tr3umen, Meditationen, und den Nachnräumen ist manchmal schwim· mend. Und insofern ist hier der Tagtraum ein doch eber indi\-Idudles Ergebnis. Redding: Man könnte also sagen, Sie haben diese Tagträume in eine Prosagattung umgewandelt, die selbst in leicht umgewandeher Form die Sammlungen Kramen In Fächem, DIe gebel1ne Bibltolhek, Camem obsCl/ra, Verspalele Monologe, lind vor kurl.em /m loten Winkel bildet. Sie reisen gern und sind immer unterwegs-sind Träumen und Kramen in Fächern für Sie Reisen ähnlich-Reisen, ohlle das Haus zu verlassen? Ku nert : Ich träume häufig von Berlin und häufig von London, zum Beisp iel. Wenn ich vo n Berl in träume, sind es immer umersc hiedliche Zustände, in denen sich die Stadt hefindel. Manchmal ist es der Krieg, manchmal die Nachkriegszeit, die ersten Jahre, dlso die Trümmer· landschaft, dann wieder ist es das geteilte Berlin mit der Grenze. Lon· don ist eigentlich immer eine Stadt, die sich vor mir erstreckt wie ein riesen Teppich. Ich habe stets-was in London unmöglich ist-einen Hügelst:lndpunkt und kann dann weil liber die Sradt sehen, und es bereitet mir großes Vergnügen und auch ein angene hmes Empfinden, diese Stadt so vor mir ausgebreitet zu sehen. Aber ich träume audl >I- Von dem 24. bu zum 26. Mirz.{and elll GÜmer·Kuflerc·SymposlJfm al/f dem Campl/s der Pemu)'lv.lIu3 Stare UniwmIy stolle. 224 Facns on Literalltr von Landschaften, ganz merkwürdig, und manchmal wirken diese Landschaften, als wären sie auf der Innenseite einer Hohlkugel. Es gab in 20er Jahren eine sogenannte "Holismus-Theorie," ein etwas ver­ rückter Naturwissenschaftler halle. die Theorie aufgestellt, wir befänden uns nichl außerhalb der Kugel, der Erde, sondern innerhalb. Unsere ganzen Daten seien alle falsch, d.h. auf der Innenseite der Kugel befän­ den sich die Kontinente lind wir sähen in ein Zentrum, in dem der Kosmos eine mjkroskopische Gräße hat, und aJles andere wäre ein Irrtum. Ich habe das gelesen und es hat mich auch verblüfh, und manch­ mal, wie gesagt, in djesen Träumen hat die Landschaft den Anschein, als würde sie nicht hinter dem Horizont verschwinden, sondern als würde der lloriz.olll sich immer weiter heben, als könne ich dann im­ mer weitere Landschaft sehen, aJs bebe sie sich eben innerhalb dieser Kugel empor. Ich wt:iß nicht, ob das einen Zusammenhang mit dieser Lektüre hat, oder ob das ursächlich bedingt ist, aber es ist ganz eigenar­ tig und die Landschaft wird dann auch weit und unerhört übersichtlich. Redding: Schreiben Sie Ihre Träume auf? Kune rt: Manche. Ich habe auch natürlich schlechte Träume, Alp­ träume, schreckliche, Gott sei dank relativ wenige, die meisten sind ganz interessant, und sie haben fast Filmcharakter. Ich stehe oft außer­ halb des Geschehens und erlebe es wie einen Film. bin relativ selten Mitbeteiligter, und schreibe dann nur die Träume auf, die von einer besonderen Bedeutung für mich sind und von denen ich auch glaube, daß ich sie als Material gebrauchen kann. Redding: Man könnte behaupten, daß Sie in Tagtrallme Ihre effektivste Prosaform gefunden haben, und dann erst in dem nächsten Prosa werk, dem Roman Im Namen der /-/üte, einen individuel1en, unverkennbaren Prosastil entwickelten. Haben Sie bewußt versucht in den drei Jahren zwischen Erscheinen der beiden Werken, einen eigenen ProsastiJ zu erfinden, oder ist das eher organjsch oder instinktiv geschehen? Kunert: Die Dinge entwickeln sich. Ich glaube nicht, d.lß man sagen kann, so jetzt will ich mal stilistisch etwas ganz Neues machen . Für mich bestand das Problem bei diesem Roman darin, daß ich nicht auf tradit ionelle Weise diese Geschichte häue schreiben können. W ir waren Interview mit Günter Kunen 225 im Urlaub in Polen auf der Frischen Nehrung drei Kilometer von der damaligen sowjetischen Grenze-also am Ende der Welt. Und don war 1965 der Krieg noch nicht zu Ende, das heißt die Schützengräben waren noch da, weggeworfene Sekttl.lSChen, abgenagte Plerueknochen, Patronenhülscn-die Po len I,auen überhaupt nicht .lUfgeräumt! Und ddS hat mich so beeindnackt, dAß diese ganze Kriegs- und Nachkricgs-.teit zu mir zurückkam, und ich habe dort bei Kerzenschein angefangen, diesen Roman zu schreiben. Später habe ich da.s erste Kapitel sieben mal umgeschrieben, und habe dann-und das bildet vielleicht .lUch die Komplikation des Romans-zwei schon vorhandenen t.,·lelhoJen kombiniert und .mgew .. ndt. Die eine ist das stark optisch Filmische, die Geschichte ISt ja kompanien wie ein Film, und die .mdere erzJ:hh von den Gegenständen her. Das Gegenständliche ist den Figuren gleich­ berechtigt. Die Dinge sprechen über die Menschen. An Jen Dingen wird ihr Agieren und Reagieren retlektien. Das war das Millel, auch für mich ei nziges Mittel, um die Geschich te zu erzählen. Und das muß ich auch noch hinzufiigen, ich bin ein ganz optisch bCSlimnuer Mensch, ein Augenmensch-ohne Ohren, ich bin ganz unmusIkalisch­ und dds Gegenständliche. Dingliche sagt mir eben sehr viel, und-Sie kennen ja viele Texle-die Gegenstände, die Dinge, sind für mich An­ lässe zur Reflexion, also versuche ich sie denn zum Sprechen zu bringen. Ich verleihe ihnen Stimme. Reddillg: Aber wanam diese Faszin,nion durch Dinge? Hat es etwJ.s damit z.u lUn, daß sie permanenter sind als Menschen? KUller't: Sie sil~d das, was von uns bleibt. Und sie sind das, was unsere Spuren trägt. Wir prägen uns den Dingen ein. Es gibt in den Dingen keine Zufäll igkeiten. Was UI11 uns herum ist, hat historische, gesell­ schaftliche und individuelle Züge, und spricht eben damm von unserer Gauungsexislenz, von unserer gesel1schahlichen und auch von unserer individuellen. Darum sind mir Dinge so wichlig. Redd ing: Diese Er.l.ählmethoJe in Im Namen der Hille und auch in anderen Texten wird manchmal damit erklän, daß Sie "die DlIlgc fLir sich reden lassen." Ich glaube, Sie haben mal erwähnt, daß diese Anord­ nung VOn Waller Benjamin stammt. Stimmt das, oder ist Jas ursprüng­ lich Ih re Idee? 226 Focus on Literatur Kunert: Ich habe Benjamin mit großem Gewinn und großer Lust gelesen, insbesondere "Kindheit um 1900," weil auch für Benjamin die Dinge von großer Wichtigkeit sind, und für ihn eben auch Anlaß zum Philosophieren. Redding: Hatte Benjamin einen größeren Einfluß auf Sie 31s Schrift­ ste ller, oder war das beschränkt auf diesen Beitrag zu Ihrem Prosastil? KUllert: Nein, später hat Benjamin schon einen Einfluß gehabt, und zwar ehen in seine r Hinneigung zu den Dingen und durch die Kurz­ form, durch die Denkbilder. Spuren-nein "Einbahnstraße" heißt es bei Benjamin, Spuren ist ja Bloch-"Einbahnstraße," die Denkbilder, eben die "Kindheit um 1900," diese kleinen Prosastiicke über seine Kindheit, dies aUes hat mich sehr beeindruckt und, ich habe das zwar nicht fortgesetzt, ich bin ja n icht Walter Benjamin, aber es war don ein Ton angesch lagen, mit dem ich mitschwingen konnte. Redding: Sie sagten, Sie haben das erste Kapitel des Romans siebenmal umgeschrieben. Warum haben Sie so schwer daran gearbeitet, diesen neuen Stil zu schaffen? War das eine An Replik auf die Kritiker, die meinten ... Kunert: Überhaupt nicht! Die Kritik ist bedeutungslos. Wen n man etwas schreibt, einen Prosatext oder Gedichte, versuc ht man, diesen Text so gut wie möglich mit der eigenen Intention zur Deckung zu bringen. Das ist ein Vorgang, der teils rational und teils emotional ist, und er ist erst dann beender, wenn das Gefühl einem sagt, das ist das Maximale, was man darstellen kann. Und rational, in dem man es kontrolliert und sagt, Ja, formal stimmt die Komposition und damit scheint es doch mehr oder minder gelungen zu sein . Aber das kann man nicht ad hoc machen, sondern in einem langen Entwicklungs­ prozeß, von dem man selber anfänglich sehr wenig weiß, der einem erSt im Laufe von Jahrzehnten des Schreibens bewußt wird. Zuerst schreibt man naiv, wenn man anfängt. 1\-lan hat viel gelesen, manches hat einem gefallen-ich habe gestern auch dariiber gesprochen, über Masters und Sandburg-und dann schreibt man. Aber das ist eben wie gesagt wenig rational kontrolliert. Und erst mir der Zeit entdeckt man beim Schreiben fremde Ele.mente, und man merkt dann, wo man immer Interview mit Giinter Kunen 227 mehr die eigenen Bestandteile, das Eigene einbringt. Soweit der psychische Prozeß des Schreibens. Redding; Sie haben also nie bewußt gedacht, Sie wollten irgendwie Verdinglichung und Entfremdung damelien? KUllert: Ich glaube nicht, daß ein Schriftsteller dJS machen kann, weil man nichts anderes tun kann, als sich selber auszudriicken. Und da man im Besitz einer etwas merkwürdigen Psyche ist, erreicht man erst die Befriedigung beim Schreiben lind nach dem Schreiben, wenn man diese Psyche mehr oder minder maskiert dargestellt hat. Redding: Die Geschichten in den nächsten Ve röffentlichungen, die Sammlungen Die Beerdlgmlgfir!det m aller Stille stalt und Krumen Ir! Fiichern sind fast Klassiker der Nachkriegslit eratur geworden. Sie sind vielleicht die perfekte Verbindung der kürzeren Form der Tagträl4me mit dem Stil Ihres Romans. H,lben Sie je einen Punkt erreicht, wo Sie dachten, "Das ist es. Ich habe meine Sache gefunden." Oder bleiben Sie eher experimentell oder auf der Suche nach neuen Ausdrucks­ mitteln? KUllert: Ja, weil nun dergestah nicht weiter schreiben kann. Es tritt o hnehin bei einem Autor, sagen wir mal so ab 50, eine gewisse Erstar­ rung ein-es läßt sich gar nicht verh indern. Sie wissen, Benn hJ.t gesagt , man schreibt immer die fünf gleichen Gedichte. Ich könnte nicht sagen, ich "besitze" jetzt meine Schreibweise lind die wende ich permanent an. Einerseits würde-wenn ich dabei jetzlunent wegt bliebe-ein Zu­ stand des Ausgelaugtseins eintreten, lind ich glaube, dann stünde am Schluß ein Mißlingen. Ich schreibe jJ. fast jeden Tag und merke wie sich dabei auch Verändenmgen innerhalb der Texte ergeben, Ver­ schiebungen, daß bestinllme Dinge hervortreten, andere wieder ve r­ schwinden und daß auf dieser Weise zwar etwas Wiedererkennbares entsleht, nicht gänzlich Neues, aber etwas, das J.flders ist. Gerade in den neuen Gediclnen--die habe ich leider nicht mitgebracht, eine ganze Reihe neuer Gedichte--die zum Teil anders sind. \eh habe einen Zyklus verfaßt, Elegien, fast winzige Gebilde, und zugleich Gedichte längerer An, fast wie Erz.ählgedichte. Da hat sich durch das Schreiben etwas bewegt und verändert. Und ich habe auch in letzter Zeit wieder aoge- 228 Focus on Literawr fangen, Geschichten zu schreiben, und habe auch einige schon veröf­ fentljcht. Die sehen ;Ulch wieder anders aus, das heißt, diese Geschicillen z.iehen sich wieder In emem stärkeren to.laße von den Dingen zuriick. und haben dafür-vielleicht ist das ein Zirkel, der sich schheßt­ ironische und satirische Züge. Redding: Ja, d.l5 wollle ich gerade frJgen: das 1984 erschienene Buch ZI/rück inS Paradies ist Ihr letzter Band ganz neuer erzählerischer Pros •. Seitdem haben sie meistens renektive KUrl.prosa und Ess.tys veröf· fentlicht. Können wir also neue GeschiclHen wie die in Par,alles oder Beercllglmg erw.lnen? Kunert: Ja, in diesem B,md ist ja em großer Teil der alten Geschichten, und es sind wenige neue. Die letzte, also die in diesem Band neueste. ist ja die Geschichte von diesen heiden Ehepaaren, die auf Wanderung gehen-wie heißt die Geschichte ... aus diesem Sammelband, VerIrrungetl ... Redding: "Auf Abwegen?- Kunert: "Auf Abwegen," p. die Geschichte "Auf Ab ...... egen ... Das Ist die damals zu dieser Zeit geschriebene neueSle gewesen. Und et wa in diese Richtung gehen die neuen Geschich ten. Redding: Eine letzte Frage: Sie haben 1979 unter Druck von der Stasi die ~DR verlassen. In den letZten Jahren haben einige Dich[er Zugang zu Ihren alten Sl~I-Akten gehabt und Bücher daraus gemJeln-ich denke zum Beispiel an das Buch von Reiner Kunze, De,kname LYrik. I laben Sie Ihre Akten gesehen und planen Sie ein solches Buch? Kunert: Ich habe sogar alle meinen Akten kopien zu Hause. Man kann sie sich kopieren lassen, aber ich werde damit kein Buch machen. Ich habe einen Text geschrieben, und zwar war in den Akten ein Gutachten über den Gedichtband Unterwegs nach Utopia von I.M. Uwe, einem Kollegen, einem Lyriker, der nebenbei als Stasi Spitzel rungierte. Diesen Text habe ich d.olI1n kritisch reßekLiert und in der Ntutm Dtuuchtn Llltratur veröffentlicht, weil ich annahm, er würde als Ost-Berliner wenigstens diese NDL noch lesen, und &1.1111 wissen, Interview mit Günter KUllert 229 daß ich weiß, daß er es war. In der H,lUptSaL.hc wJrcn di: S~iLZei Lektoren, Verleger und Kollegen, und mcUl Deckllame--dJe Uber· wOIchlen hallen ja auch Decknamen-und mein Deckn.Jme WH "Zyniker," ich war Oper.JtLver Vorg,1J1g Zyniker. Wir hatlen 37 Spitzel, die sich um uns gekümmel1 bolben. Mc:=ine Akten hc:=glllnen 1957. Dd w.u ich O. V. Benjamin, der Jiing!ote, und em Ln den 60er Ja.hren bek.J11l ich dann den Decknamen O. V. Zyniker. ~ !ollld zehn Bande, so 150, 300 Seiten, also eine gant. Sl..:hön umfangreiche Lektüre. CmCl1tllafl, dell I. April 1994