Focus Spring 1996.tif Bekenntnis zum Einzelgängertum: H ans Sahls Exilroman D ie Wenigen und die Vielen N icole Zöllner i1I'i ans Sah ls autobiographischer Roman Die Wenigen tmddie Vielen W wird, obwohl er auch nach d rei Auflagen wen ig Beachtu ng gefunden hat, gelegentlich als der Roman des Ex ils bez.eichnet. Als das Buch 1959 erStmals der deutschen Öffentlichkeit vorgestellt wurde, prophezeite Fritz' J. Raddatz: "Aus solchem Stoff wird gewoben, was schließlich eine Nationalliteratur genannt werden wird" (Skwara 169), und Kurt Pint hus em p fah l: "Sahls Buch müßte P fli ch tlektü re in D eutschlands höheren Schulen werden" (10). Etwas vo rsichtiger formu lierte Wolfgang Koeppen in der Süddeutsche Zeiwng: "Ein wichtiges Buch , eine ergreifend still e Stimme aus dem C haos , ein Bericht voll h inerer Ko nsequenz." (70). Anläßlich der Zweitauflage im Jahr 1977 wu rde der Roman erneut besprochen. Auch diesmal fiel die Kriti k positiv aus, wenngleich eine gewisse Oberflächlichkeit bei der Begutachtu ng nicht abgestritten werden ka nn. Die Wenigen lind die Vielen wurde dem Genre der Exilliteratur zugeordnet, als bemerkenswerter Roman bezeichnet und dam it hatte es sich für die meisten R.eze nsenten. Voller Superlative sch reibt Erieh Wolfgang Skwa ra zwar in seiner 1986 erschienenen Auseinandersetzung mit Sahls Werk: "Er gilt Ein geweihten als der wicht igste, tiefgreifend ste, erhell endste, eh rl ich ste , gelunge nst e, unen tbehrlichste Roman über das deutschsprachige Exil im Dritten Reich" (Skwara 170). Die Betonung all erdings liegt auf dem W Ort "Eingeweilllc." Viele Leser fand der Roman nicht, geschwe ige denn , daß er zur Pfl ichtlektü re in Deutschlands Schulen erhoben wurde. Fast scheint es, als sei d as Buch weggelobt worden , zumal sich auch in wissenschaftlichen Abhandlun gen Zur Ex ill it eratur seilen e in H inweis auf H ans Sahls W erk findet. All ein G isela Berglund widmete FOCUJ on Literatlfr Vol. 3, No. 1 (1996) , FoClls on Literatur dem Roman in ihrer Darstellung Deulsche Opposition gegen Hit/er in Presse lind Roman des Exils (1972) ein eigenes Kapitel. Erwähnenswert ist außerdem eine Analyse von Sigrid Kellenter. die sich mit dem Buch uoter der Übe rsc h rift "Der Roman des Exils iiberhaupt?" auseinande rsetzt . ! H ans Sahl, 1902 in Dresden geboren, gehön zu der Gruppe von Schrlftstellern, die Deutschland zu einem Zeitpunkt verlassen mußten, als ihre berufliche Karriere gerade begonnen hatte. Er promovierte 1924 in Kunst- und Literaturgeschichte lind gehörte bis 1933 Zu den jüngsten Film-, Theater- und Buchkritikern Berlins. Sein erstes literarisches Werk, das szenische Oratorium Jemand, erschien 1933 im Züricher Exilverlag Emil Oprecht-also schon nicht mehr in Deutschland, denn Sah I emigrierte nach dem Reichstagsbrand in die tschechoslowakische H auptstadt Prag und wäre innerhalb deutscher Grenzen nicht verlegt worden. Von Prag gelangte er über Zürich nach Paris. Bis Kriegsausbruch arbeitete Sahl als Autor für das von Erika Mann gegründete Kabarett "Die Pfeffermiihle" und das ebenfalls in Zürich beheimatete "Cornichon." Wegen feh lender Aufemha!{s~ erlaubnisse konnte er jedoch nur in Abständen nach Zürich reisen. Die meiste Zeit verbrachte Sah! in Paris. \Wie viele deutsche und österreich ische Flüchrlinge wurde er 1939 als "feindlicher Ausländer" verhaftet und im Internierungslager "Le Ruchard" festgehalten. Gemeinsam mil den französischen Wachmann~ schaften flohen die Intemierten im Juni 1940 vor der deutscllen Wehrmacht Richtung Siidfrankreich. Sah I erreichte Marseil!e und arbeitete dort für den Amerikaner Vari an Frey, der im Auftrag des "Emergency Rescue Comminee" versuchte, politisch Verfolgte (meist illegal) aus der "Mausefal!e Marseille" über die französische Grenze nach Lissa bon zu schleusen, von wo aus sie, ausgestattet mit echten oder falschen Visa, ein Sch iff in die sogenannte Neue Welt e rreichen konnten.2 Im Apri l 194 1, nach achtjähriger Flucht, überquerte auch Hans SahJ den Atlantik Richtung New York. Hier setzte er seine Mitarbeit an Exil~Zeitschri ften wie Die neue \flehbiihne, D:lS Neue Tagebuch und Das Wort fort . Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Sahl New Yorker Kultur­ korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und der Suddeutschen Zeitung, erlangte im Nachkriegsdeutschland aber auch als Übersetzer von Thornton Wilde r, T ennesse \X'i lliams, John Os borne und Arthur Miller einen gewissen Bekanntheitsgrad . Seine eigenen Werke, so der Hans Sahls Exilroman Die Wenigen lind die Vielen 3 1942 in New York herausgegebene Gedichtband Die hellen Nächte, seine Erzählungen, Essays und Erinnerungsbände Memoiren eines Moralisten (1976) sowie Exli im Exil (1990) fanden jedoch nicht genug Leser, um eine größere Öffentlichkeit herzustell en . 1hm erging es wie vielen, die die Nationalsozialisten im Exil überlebt hanen und ihre Erfahrungen literarisch verarbeiteten. Sie paßten weder in das Bild des westlichen noch des ösd ichen Teils Deutschlands. Man wollte sich nicht erin nern lassen. Statt Auseinande rsetzung mit der eigenen Gescllich te, vollbrachten die Deutschen eine enorme Verdränguogs­ leistung. "I-l ider hane erreicht," wie Jürgen Serke schre ibt, "was er 1933 mit der Bücherverbrennung halle erreichen wollen: eine ganze Generation mißlieb iger Schr iftsteller aus dem Gedächtnis der Deutschen zu streichen" (396) . D ies wirkte nachhaltig und über den Zusammenbruch des Dritten Reic hes hinaus, denn die Wieder­ entdeckung dieser Literaturperiode blieb auch nach 1945 aus. Die Verlagsgeschichte von Hans Sahls Roman DIe Wenigen und die Vielen ist ein Beispiel für d iese Verdrängungsleistung. Geschrieben in der Zeit von 1933 bis 1946, fand Sahl erst elf Jahre nach Fertig­ stellung des Manuskripts einen Verleger. Das Verl agshaus H ouglnon Mifflin in Boston, das ihm 1942 eine Veröffendichung zllgesagt hane, zeigte nach Beendigung des Krieges kein Interesse mehr an einem deutschsprachigen Roman über die Exilzeit. In der Hoffnung, das Manuskript in Deutschland unterzubringen, wandte sich Sahl an verschiedene deUlsche Verlage. Insgesamt zehn Verlags häuser, S. Fischer anfangs mit eingeschlossen, schickten den R.oman zurück . Die Begründu ng für die Ablehnung wa r fast immer die gleiche: für dieses Thema sei es noch zu früh oder schon zu spät. Fischer nahm das Manuskript erst 1957 an und brachrees 1959 auf den Markt. Doch offensichtlich war es auch im Jahr 1959 noch zu früh für den ei nzigen Roman des Übersetzers und Lyrikers Hans Sah!. Auf dem H öhepunkt der Adenauer-Ära, milten im Wirtschaftswunder und der "Wir sind wieder wer"-Stimmung, nützten se lbst di e h ervorragende n Besprechungen namhafter Rezensenten wie FritzJ . Raddatz, Wolfgang Koeppe n, H ans Ego n Holthusen, Wolfdietrich Sch nurre und Kurt Pinthus nichts . Ganze neunhundert Exemplare ve rkaurte der S. Fischer-Verlag, und bald galt das Buch im H andel als vergriffen. Unter dem Titel The Fewand TheMany wurde der Roman 1962 ins Engl ische übersetzt. Die französische Ausgabe Le troupeall perdu folgte 1964, bl ieb aber auch in Frankreich nicht m ehr als ein 4 FoChs on Literatur Achtungserfolg. Doch H ans Sahl gab nicht auf. Er kämpfte für eine Neuaunage, die diesmal siebzehn Jahre auf sich wanen ließ. Schließlich veröffendichte der Goverts-Verlag den Roman 1977 ein zweites Mal, auch o hne nennenswerten Erfolg. Weder die Buchhändler noch das Lesep ubl ikum nahmen das Buch zur Kennrn is und es wurde erneut verramscht. We itere vierzehn Jahre später, im November 199 1, ersch ien der Roman in dritter Auflage be im Luchterhand Literaturverlag, der neben den Memoiren, einer Gedicht- und einer Essaysammlung in der Zwischenzeit auch die Rechte an diesem Manuskript erworben hane. . Roman einer Zeit untertitelte Sahl seine Erzählung Die Il7enlgen lind die Vielen. In ihr beschreibt er das Leben im Exil von 1933 bis 1945 und wagt eine Zeitdiagnose, die an den Erleb nissen eines zwar betont distam.ienen, aber doch involv ierten Ichs fest gemacht wird. Die Rahmen handlung setzt 194 1 ein. Der Erzähler Georg Kobbe befind et sich be reits in New York, se ine r letzten Exilstation. Von hier aus berichtet er, blickt zurück, erinnert sich , läßt Tagebuch­ aufzeichnungen fü r sich sprechen, findet zurück in seine Gegenwart, und begibt sich erneut auf die Irrfahn durch das Europa der dreißiger Jahre. Zahlreiche Erzählebenen und häufiger Perspektivenwechsel verhindern eine einheitlich durchlaufende Handlung. Bewußt setzt Sahl das Fragmentarische als die einer zersplitterten, zusammen­ hanglosen Zeit gemäße Form ein. "Ich hielt die Fonn des Fragments für die einzig mögliche, um eine Zeit des Fragments darLusLellen," schrieb er kurz nach Erscheinen de r zweiten Auflage des Romans.J Doch schon se inen Erzähler Kobbe, Schri ftsteller wie er selbst, ließ Sah! eine ähn liche Aussage treffen. "Gleich werde ich wieder au fstehen und in den Papieren blättern, die ich von drüben mitgeb rach t habe­ Not izen aus dem Lager, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe-dies alles ohne Zusammenhang, fragmentarisch wie das Leben, das ich geführt habe" (66), berichtet dieser, während er sich müht, den Roman seiner Zeit zu schreiben. Einen Roman, der "keinen Anfang und kein Ende" hat und von dem Kobbe glaubt, er könne nichts sein als "ein Wurf ins U ngewisse, aus dem N ichts komme nd und wieder ins NichlS mündend, ein Ausruf der Verwundenmg, zwischen zwei F ragezeichen gesetzt" (272). Der fragmentarische Ch arakter läßt Die \\7enigen und die Vielen jedoch formal nicht auseinanderfallen. Zur Geschlossenhei t tragen die verschiedenen rahmenartigen Elemente, Wiederholunge n und Hans Stl hls Ex ilroman Die H1enige11 und die Vielen 5 Leitmolive bei, die den Leser durch die Schilderung der Jugend­ erinnerungen, des Berl iner Lebens kurz vor und kurz nach der Machtergreifung, der Flucht über Prag, Anmerdam, Paris, Marseille und Madrid sowie des problematischen New Yorker Asyls begleiten. Der Roman endet vier Jahre später-dort, wo er begonnen hat. Der Krieg ist vorbei, fast all e geflohe nen Emigranten kehren zurück nach Deutsch land, Kobbe abe r bleibt in New York:' Im Roman Die Wenigen lind die Vielen wird der E rzähler Georg Ko bbe zum Verwalter einer Zeit, die ihn nich t los läßt. Er ist Überlebender und Berichterstatter zugleich, ein "Trödler des Unbe~ greiflichen," der bereit ist, Zeugnis abzulegen über eine mit mensch~ lichen Katastrophen angefüllte Zeit. Dieses Selbst verständnis teilt er mit dem Erfinder der Romangestalt. Noch in dem 1973 gescllriebenen Gedicht "Die Letzten," das dem Lyrikband Wirsind die Letzten seinen T ite l gab, läßt sich dies deutlich ablesen: Wir sind die Lemen. Fragt uns aus. Wir sind zuständig. Wir tragen den Zeuelkasten mit den Steckbriefen unserer Freunde wie einen Bauchladen vor uns her. Forschungsinstitute bewerben sich um Wäscherechnungen Verschollener, Museen bewahren die Stichworte unserer Agonie wie Reliquien unter Glas auf. Wir, die wir unsere Zeit vertrödelten, aus begreifl ichen Gründen, sind zu Trödlern des Unbegreiflichen geworden. Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz. Unser bester Kunde ist das schle<:hte Gewissen der Nachwelt. Greift zu, bedient euch, Wir sind die Letzten. Fragt uns aus. Wir sind zuständig. (7) Mit den exemplarisch herausgegriffenen Ereign issen aus de m Leben des En~:ählers Georg Kobbe versuch t Sah I Ein bl ick in die Almosp häre jener Zeit zu geben und den Einnuß des Exi ls au f die Persönlichkeit und das Verhalten der zumeist aus politischen Gründen genohenen Emigranten aufzuzeigen. Thema ist die Machtlosigkeit der Exilierten, 6 Focus on LileraWr ihre Reaktion auf d iese Erfahrung, ihr Selbstverständnis, ihre Selbst­ täuschungen, ihre politische und geistige Entwicklung, betrachtet aus der Sicht eines Menschen, dem das Exil zum geisti gen Zustand wurde. Der Roman hat somit einen durch und durch politischen Anspruch. Sah I selbst möchte ihn als ein Stück literarisch verarbeiteter Weltgeschichte. aber auch als "Satire auf die linken politischen Ideologien von gestern und ein Bekenntnis zum militanten Einze\­ gängertum-ja. zur Ratlosigkeit als dem Ansatzpunkt zu einer neuen Philosophie" verstanden wissen (Skwara 171). Interessant ist deshalb, wie er seine Leser an dieses Bekenntis heran führt und von seiner Bot­ schaft zu überzeugen versucht. Um eine Antwort auf diese Frage zu erhalten, muß zunächst di e Darstellung der äußeren Exilsituation betrachtet werden. Als mit Hitlers Machtergreifung und dem kurz darauf folgenden Reichst agsb rand der Massenexodus der intellektuellen Elite aus Deutschland einsetzt, scheint sich kaum einer der Exilanten über den Ernst der Lage bewußt zu sei n, In seinem Buch Exil und Literatur schrei.bt Mallhias Wegener: "AllS allen Berichten der emigrierten Schriftsteller, die in den ersten sec hs Monaten nach det" Macht­ ergreifung flüchteten, geht hervor, daß nur wenige glaubten, es werde sich um einen längeren Auslands-Aufenthalt handeln" (44). Diesen Eindruck bestätigt Hans Sah I über se inen Berichterstatter Georg Kobbe. Phrasen wie "In sechs Monaten ist alles vorüber" oder "Es wird nichtS so heiß gegessen, wie es gekocht wird" werden dem Leser förmlich aufgedrängt.) Äußerungen wie" Außerdem war die letzte Patrone noc h nicht verschossen. .. Es gab noch immer eine H offnung. Da war die Polizei, Da war die Reichswehr. Da war dieses und jenes, das eine Änderung herbeiführen konnte ... n (85). belegen, in welchem Ausmaß Hider unterschätzt wird. Die Verstiegenheit der kommunistischen Partei, Hider als einen Betriebsunfall der Geschichte zu begreifen, "der dazu beitragen würde, den revolutionären Prozeß zu beschleunigen" (87), akzentuiert diese Haltung noch.' Einen sichtbaren Niedersch lag finden derartige Einschätzungen in der Wahl des Asyllandes, nämlich möglichst nahe an der deutschen Grenze. Nur langsam setzt sich die Erkennt nis durch, daß die Rückkehr nach Deutsch land auf Jahre hinaus nicht möglich ist. Das Unvorstellbare wird Wirklichkeit und das Exil zum Dauerzustand. Ganz. gleich, ob Kobbe aus Prag, Amsterdam, Paris oder Marseille berichtet, die einzelnen Stationen des Exils ähneln sich. Der Kampf Hans Sahls Exilroman Die Wenigen Imd die Vielen 7 ums Überleben wird zur alltäglichen Lebenserfahrung. Man lebt VOll einem Tag zum anderen, in einem nicht enden wollenden Schwebe­ zustand. Ständig bedroht von Ausweisung und Ausliefenmg, hängen viele Exi lanten vom Wohlwollen des Staates ab, in dem sie sich gerade befinden. Die lebensgrundlage ist ihnen entzogen. Sie sind auf Gelegenheitsarbeiten angewiesen, auf Unterstützungskommitees und Verwandte im Ausland. Nur wenigen geling[ es, der ursprünglichen Tätigkeit nachzugehen und sich damit selbst zu ernähren. Mit Ausbruch des Krieges versch limmert sich die lage der Vertriebenen noch. Sie werden als Anhänger der Fünften Kolonne inhaftien und in lager gesteckt. Es folgen tagelange Gewaltmärsche durch Frankreich auf der Flucht vor der Wehrmacht. Im freien Teil Frankreichs angelangt, beginnt die verzweifelte Jagd nach Ausreise, Einrcise- und Durchreisevisa. Wem es schließlich gelingt, einen Schiffs­ platz nach Übersee zu erst reiten, kann seine physische Existenz zumindest fHr dieses Mal in Sicherheit bringen . H ans Sah I geht es bei se ine r d irekt aktuaJilälshezogenen Schilderung der damaligen Gegenwart nich t um Schuldzuweisungen. Vielmehr in er um ei ne ungeschönte, möglichst get reue Wiedergabe der Exilsituation bemüht. Dies gelingt, obwohl die Erlebnisse des Er.t.ählers, der durch die Vorgänge in Deutschland aus einem bis dahin normal verl aufene n D asein herausgerissen wird, zunächst ein einmaliges, persönliches Ereignis darstellen. Die faktischen Flucht­ erIebnisse wurden jedoch von tausenden Anderen-mit geringfiigigen Abweichungen-älll1lich erfahren und gewinnen somit all geme ine Bedeutung. Auf dieser Massenfl ucht verliert das Schicksal des einzelnen zu nehmend an Wen. "Man lebte, man war da-das genügte. Wer nicht da war, hane Pech gehabt"läßt Sah I seinen Erzähler Kobbe nüchtern feststellen und verdeutlicht damit den ve rständlichen Verl ust an mensch licher Anteilnahme angesichts der akuten Bedrohung der äußeren Existenz, der sich jeder als Einzelwesen ausgesetzt sieht (20). Abh:ingig von Mächten, die außerhalb ih res Ein fl ußbereichs liegen, um Se!bstbehauptung und einen Rest menschlicher Würde kämpfend, sind die Exilanten in zunehmenden Maße mit ihren Gefühlen der Angst, der VerzweiOung, des Mißtrauens und des Hasses konfrontiert. Über das faktische Erleben hinaus ergeben sich auS der ExtremsiluaLion des Exils so spezifische Reaktionsweisen und Verhaltensmuster, di e Sah I aufzuzeigen sucht. Dadurch wiedenIm erlangt der Roman eine 8 Foem on L iteralztr überzeidiche Dimension, denn die Erfahrungen des Alleinseins, des Ausgesetztseins in die Welt, der Vereinsamung und der daraus resultier­ enden Angst vor dem Alleinsein sind allgemein menschliche, existenti­ elle Erfahrungen, die an keine Zeit gebunden sind.] Das Exil offenbart diese jedoch in ihrer ganzen Tragweile. Die Wegbegleiter Kobbes stehen jeweils für eine mögliche, wenn auch nicht immer geglückte Strategie zur Bewältigung dieser Erfahr­ ungen. Da rauf macht Sah I den Leser gleich zu Anfang des Romans aufmerksam. Auf den ersten Seiten stellt er die Leidensgenossen des Erzählers vor als ... die Narren und Propheten, die Deuter und Schrihgelehrten, alt und grau geworden im Parteidienst der Humanität, verfolgt, mißhandeh, um die halbe Erde gejagt, aber immer noch eifernd, deutend, protestierend, jeder von ihnen ein geschlagener Feldherr, der nachzuweisen versucht, daß seine Strategie die richtige gewesen ist. (25) Die Figuren des Romans sind als Ideenträger zu verstehen und leiden deshalb an einer karikaturhahen Überzeichnung. Für diese Einschätzung sprechen unter anderem die den Figuren zugedachten, assoziationsträchtigen Namen wie Ei nsiedei, Hartmann, Krana, Hackenschmidt, Grützbach, Wachtel, Ash, Kleinpogge, Scharf oder Thora. Dariiber hinaus benutzt Sah l, wie Sigrid Kell ellle r in ihrem Aufsatz "Hans Sahls Roman Die Wenigen und die Vielen" richt ig bemerkt, das von "Thomas Mann so kunstvoll zur Charak terisierung bestimmter Personen angew:lI1dt e Leirmot iv als strukturierendes EI­ ement H (32). Die beschriebenen Figuren sind, gleich, wo man ihnen begegnet, leicht wiederzuerkennen: Der Arbeiter H ackenschmidt verrät sich, indem er nach jedem Auftritt die "Internationale" pfeift. Minna H anmann vom Bund entschiedener Schulreforme r zeichnet sich durch den häufigen Gebrauch des Adjektivs "entsch ieden" aus. Dr. Thora blickt beständig aus "güt igen , verängstigten" Augen, während er den Stummel seines kleinen Finge rs in seiner Rocktasche zu verbergen sucht. Ignazio Mo n on sticht durch einen schreiend­ bunten Kleidungssli l ins Auge, Luise aufgr und ve r rutschter Strumpfnähte und einer bizarren Hutmode. Mergenthin ist gekenn­ zeichnet durch eine klaffende Narbe am Schädel, wohingegen Jerobeam Kulp durch abstehende Ohren und ein Säuglingsgesicht hervorsticht. Hans Sahls Exi lroman Die Wenigen lind die Vielen 9 Grundsätz.l ich fehlt es den Figuren an T iefe. Anders als bei der Besch reibung der Eltern, be i de r Sahl einen Einbl ick in die MOlive und Gedankenwelt seiner Figuren zuläßt, erscheint die Darslellung de r Freunde und Wegbegleiter Kobbes verflacht. Sie sind zu Typen stilisie rt. So porträtiert Sahl die Figur des Ignazio Marlan als Zyniker, als ewigen Protestante n und ve rschämten Morali sten, der se inen Ideale n abschwor und in ei n politisches Niemandsland fl üchtete (24). Nathalie Ash wird zu einer Frau reduzie rt, die unerbitdich zu ihren Grundsätzen steht und ih ren privaten Kampf um di e "Seele des Arbeiters" fortsetzt. "Sie ist die Konspiration selbst" (24), wie Sahl seinen Erzähler feststellen läßt. Krana verkörpert den unbeirrbaren Doktrinär der Kommunistischen PalTe i. Als Soh n aus bürgerlichem Haus schloß er sich , überzeugt vom Untergang seiner Klasse, einer Bewegung an, die bereit war, "mit Tanks und Ka.nonen gegen das sozia le Unrecht" vorzugehen (29) . EinsiedeI wird als anarchischer Sonderl ing eti kettiert, als Pessimisl, der, ausgestaltet mit einem "fast flagellantischen Trieb zur Wahrheit, zum 'Bekennen' um des Bekennens wi llen" (28), dem riefen ge isti ge n Ge nuß des Neinsagens frönt. Der Antiquar Borinski hingegen nimmt d ie Position des Indivi­ dualisten , des militante n Einze lgängers ein. Er wird als "seltsame Mischung von Feinschmecker und Weltfeind, VOn Leidendem und Genießendem" beschrieben (163), der sich keiner der herrschenden Ideen und Wertvorstellungen anschl ießen kann und es stattdessen vorzie ht, in seinem Elfenbeinturm zu verweilen. Sah l verhindert, daß die Charakterisierungen mehr Jls eine Skizze reißen. Sie bleiben karikatu rhaft und ohernäch lich . Das Bild, ddS sich der Leser von den figu re n machen kann, ersteht JUS den H andlungen und Äußerungen, die diese in besti lnlmen Si tuationen Iluchen. Durch diese Reduktion auf Typen und Ideenträger, erreicht Sah I allerdings, daß der Bl ick des Lesers auf das Verhahen der Figuren gelenkt wird. \'(Iie schon angedeutet, ist es ein zelH rales An liegen des Romans, die Wirkung existentieller Erfa hnmgen wie Vereinsamung, Verlassen­ heit und AlJeinsein auf das Verhalten der Emigranten darzustellen. Diese Erfahnmgen, immer begleitet von der Angst vor dem Alleinsein, werden bei Sah I zum Auslöser oftmals negativer Handlungen. Vielen Exilanten bleibt als letzte Bastion gegen die al lzu häufig empfunden e Demütigung nur der Rückzug au f politische Überlcug­ ungen, die sie aus Deutsch la nd mitgebracht ha ben. Kobbc spricht zu Recht von einem in die Polit ik verirrten H eimweh (20). Dieses 10 FOCII5 on. Literatl/r Heimweh bezieht sich nicht allein auf das Land, sondern auch auf die Sehnsucht nach der gesellschaftli chen Position, die man einmal innehatte, nach dem Einfluß, den man einmal besaß und der Bedeutung, die man sich zuschreiben konnte. So ermöglichen die politischen Organisationen und lockeren Verbindungen den Verfolg­ ten, die Illusion von der eigenen Gewichtigkeit aufreclltzuerhalten. Sie dienen als FOnJm zur Darstellung der eigenen Person und trÖSten über die Tatsache hinweg, daß man am Tage Damenhandtaschen in einer Fabrik zuschne iden muß, Kunstblumen verkauft oder selbst­ gebackene Kekse an den Mann bringt. Die Versammlungen und Organisationen verm itteln ein Gefühl der Geborgenheit. Man weiß sich aufgehoben und akzeptiert in der Gemeinschaft. Auf dieses Motiv stößt Sahl den Leser durch Verwendung von teilweise konstruiert wirkenden Zusätzen. So beschreibt er Kranas Treue zur Partei als Angst vor dem Alleinsein, seinen H aß auf die Demokratie als Haß gegen die Vereinsamung (29). Das Erscheinen von Nathalie Ash bei der Versammlung im New Yorker Exil läßt Kobbe darauf schließen, daß auch sie, trotz Bruchs mit der K.P, in der "einsamsten aller Städte nicht ganz ohne Menschen auskommen konO(e" (24). Und der Arbeiter Hackenschmidt gesteht Kobbe, kurz bevor er die NachricIn vom Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalill erfährt, daß er ohne G lauben nicht leben könne: "Ich muß etwas haben, wora n ich mich halten kann" (201) . Die sc hlimmste Strafe, die einen Exilamen folg lich treffen kann, ist der Ausschluß aus der Gruppe-das Exil im Exil. Dies wird eindrucksvoll an der Person des Dr. Blank demonstriert. AusgestOßen aus der Kommun istischen Partei, mit Sprechverbot und Nicht~ beachtung gestraft, arbeitet er bis zu seinem T od an einer Rechtferti~ gungschrift. unaufhaltsam von einer Zukunft träumend "in der er wieder mit ihnen an einem Tisch sitzen wird, geliebt und geachtet, eingehüllt in den warmen Dunst, in die Stallwärme einer großen menschlichen Gemeinschaft, die über die ganze Erde geht" (169). Die Beweggründe für das Verbleiben in den politischen Verbänden sind vemändlich . Tragisch werden sie in dem Augenblick, in dem die Angst vor dem Verlust der Gruppe zur Kritiklosigkeit gegenüber der G ruppe und den von ihr vertretenen Ideen führt. Bis au f wenige Ausnahmen scheinen die Figuren nicht mehr in der Lage, ihre ins Exi l gereueten, aber ebe n auch durch diese Erfahrung fragwürdig gewordenen Gesinnungen zu überprüfen, geschweige denn die Hans Sahls Exilroman Die Wenigen und die VIelen 11 Positionen Andersdenkender zu akzeptieren. Eher unbewußt verfallen sie der polit ischen Orthodoxie. Die Ideologie, die Idee an sich, wird zum höchsten Gut. das es um jeden Preis zu wahren gilt. Anstelle eines ausbalancierten Bilds tritt Schwarz~Weiß~Malerei. Die politische Wirk lichkeit wird auf eingängige Parolen reduziert. G rützbach zum Beispiel wird nicht müde. seinen unerschlitterlichen Glauben aJ1 die Massen und ihre hlstorische Missio n zu beschwören (25), Hacken~ schmidt erk lärt, daß die Grundlage jeder neuen Moral ein/ai' accompfi sei, da vor jedem Recht ein Unrecht stehe (201). Kr:lIla verein facht di e Komplexität menschlichen Zusammenlebens gar auf die Formel "M it Feinden kann man sich versöhnen-mit Preunden nie" (178): ei ne erweiterte Aus1egung der von Lenin gepriiblen wohlbekannten Parole "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns." So ist es nachzuvollziehen, daß Kobbe im Pariser Exil anläßlich eines Abe nds im Literaturverein von einem "Pandämonium mensch~ licher und geistiger Verelendung" spriclu. Diese Ansicht begründet er mit einer Vielzahl von Argumenten: Die ewige Frage des Menschen "Woher komme ich, wohin gehe ich?" werde vo n den verhinderten Verschwörern mit dem Hinweis auf die bevorstehende Wehrevolution und unter Bezugnahme auf die letzten Verfügungen des Zcntral­ kommitees erled igt. Das Verlassensein der Kre,uur, ih re Angst vor dem T od seien bürgerliche Vorurteile und die Religion nicllls als Opium fürs Volk. Selbst bei harmlosen Kunstvol1rägen, klagt Kobbe, müsse der Wahnsi nn Hölderlins als ei n Produkt "kleinbürge rli cher Ausweglos igkeit" und "der Aufstand der Farben in der modernen Kunst als ein Symbol fü r d ie Widersprüche innerhalb der kapita­ li stischen Gesellschaft" erklärt werden (169). Die menschliche und geistige Verelendung, die Sah! durch seinen ErL.ähler Kobbe zum Ausdruck bringt, offen ban sich noch in weiteren Versammlungen. Dieser Eind ruck wird dem Leser nicht nur über die Inhalte der vorgeb rach ten Reden verminclt. sondern wiederum unter Zuhi lfenahme formaler Mittel. Das Stilm ittel ist auch hier die Wiederholung. Dies zeigt sich deutlich beim Vergleich der Kund~ gebung für die "Opfer der Unterdriickung" im Pariser Exil mit der Versammlung der "Neuen Warte" im New Yorker Exil: Malhilde Schwaninger eröffnet die Pariser Versammlung mit eine r musika­ lischen Darb ietung, begleitet vonJulian Wachtel am Klavier. Es folgt ein Vo n rag, gehaiLen von Dr. Grützbach. Darauf trägt Einsiedei seine Einwände vor und wird niedergeschrieen. Nathalie Ash versucht sich 12 Focus on Literatur Gehör zu verschaffen und wird kurzerhand von Kranas Leuten aus dem Saal emfernL Nachdem wi eder Ruhe eingekehrt ist, kündigt Krana die "Stimme von drübe n" an, die die kurz bevorstehende Befreiung meldet. Und z um Abschluß tragen Wachte l und Schwaninger ein Rebellenlied des Dichters Jochen Scharf vo r (166). Die Ve rsammlung der "Neuen Warte" in New York, z.u der all e noch lebenden Wcgbegleiter Kobbes erschein en, um über das Thema "Die deutsche Revolution" zu diskutieren, verläuft etwas gesitteter. Obwohl mehr als sieben Jahre zwischen den heiden Veranstaltungen liegen, ist der Ablauf an sich jedoch erschreckend ähnlich. A uch in New York eröffnet Mathilde Schwallinger den Abend mit Gesang. Daraufhin hält Dr. Grützbach eine Rede. EinsiedeI meldet Protest über den geistigen Bankrott der Linken an. Er wird unterstützt von Nathalie Ash. Bei passender Gelegenheit fäll t Krana den Rednern ins WOrt, um die Komrolle über die Versammlung zurückzugewinnen , während sich die einstmals gefeie rte Operndiva Mathilde Schwaninger nervös auf ihren absch ließenden Auhritt vorberei tet (2 1-31). Fast scheim es, als wären die Erfahrungen des Exi ls spurlos an den Menschen vorübergegange n , al s hätten sie sich im Kern nicht geändert. Dem Leser o ffenba rt sich ein Bild sinn losen Widerstreits der Meinungen . Unfähig, aus diesem Kreis lauf auszubrechen, verharren die Figu ren auf Positionen, die mit dem Grundgehalt der Ideen, die sie vertreten, nicht mehr v iel gemein haben . Kobbe geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er schreibl: "Die Ansichten, d ie sie vortragen, waren schon vor 1933 veraltet. Abersie leben davon, s ie zu wiederholen, wie ein Schauspieler, der immer in derselben Rolle auftritt" (20). Ungeachtet ihrer inneren Verfassung, die tief geprägt ist von den Erlebnissen der Verfolgung, der H eimatlosigkeit und Einsamkeit, haben die Exi lanten ihre Gesinnun gen und ihre Urtei le nicht hinterfragt. so ndern vielmehr konserviert . Die meisten haben sich vor die Alternative stell e n lassen, entweder po liti sch oder menschlich fühlende Wesen zu sein und ih re geistige Freiheit freiwill ig, ohne es selbst wahrzunehmen, zugunsten linksradikaler H eilslehren geopfert. In diesem Zusammenhan g lohn t es, ein paar Seiten zurlick­ zublättern. Dort findet man Ignazio Morton, der auf dem rettenden Dampfer nach Amerika di e provokante These in die Weite des Atlantiks schreit: "Alle Ethiker sind Verbrecher! .. . Ebenso alle \'V'eltverbesserer, Humanisten , Radiokomentatoren, Paz ifisten et cetera et cetera .... Was haben sie der Menschheit eingebracht? Nichts Hans Sahls Exil roman Die l\7enigen und die Vielen 13 als Kriege . Bürge rk riege, Hungersnöte und Inquisit ionen! " (15). Und tatsächlich scheint die sich anschließende Schildcl-ung der New Yorker Versammlung diese These bekriihigen zu wollen. Auch Kobbe kommt zu der Erkenntnis, daß er derartiges nun zur Genüge erl ebt häue, "hier und drüben und überall, diese rauch igen Versammlungen, diesen Tumult der Meinungen und Begriffe, dieses 'Du sollst' un d 'Du mußt' lind 'Du darfst nich t, ' dieses Fli r-und-w ider.Etwas! d ,lS mit den Menschenrechten begann und mit der Gu illo ti ne aufhöne" (30). Da der Roman praktisch mit der New Yorker Versa mmlung beginnt. njmmt Sah l zu An fang ein Ergebnis vorweg, das am Ende der Betrachtungen des Erzählers Kobhe über seine Weggefährten stehr. So bleibt letztlich z u klären, wie die Entwicklung des Erzählers, der sich so offensich tlich vom T reiben sei ner Begleiter abwendet, verläuft und was am Ende von Kobbes Weg nelu. Auch Kobbe zählt sich zu den Venretern der kommunistischen Idee. Er beschreibt sich einer Generation zugehörig, die sich gelobt hatte, dem Bestehenden den Kampf anzusagen, neue Formen des Ausdrucks zu finden, sowo hl im gesellschaftlichen als auch im kul turellen Bereich (49-50). Doch die U nversöhnlichkeit, mi t der es vielen sei ner Genossen gelingt, auch nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zu ihren ideologisc hen Prinzipien zu stehen, ist Kobbe nicht vergön nt. Er kann sich l!i n er Mitsc hul d an den Entwicklungen, die zur Machtergreifung und DeJ1l0 nLl~e der gesell ­ sc haftlichen Ordnung führten , ni c ht entz iehen. Kurz bevo r er Deutschland verläßt, zieht er ei ne erSte Bilanz und erkennt, daß auch seine Partei bereit ist , Tausende für eine Idee zu o pfern: "Wir sprachen von Gerechtigkeit und meinten: Gerec htigkeit für einen, nicht flir alle und jeden. WiI glaubten an die Gewah der 'guten Sache,' aber eine Gewalt ist so schlimm wie die andere, lind wir müssen wieder ganz von vorn anfa ngen" (120-121) . Die Pluralfo rm bestärkt die Vermutung, daß Kobbe diese n Ncuanfang zunächst im Einklang mit der Ko mmunistischen Partei vollziehen zu können glaubt. Er sieht seine Aufgabe darin, das Aus­ land, insbesondere das französisch e Vo lk, über Hitler aufzuklären (156). D ie benötigte Unterstützung mei nt er in der Partei und in der Vereinigung mit Menschen ähn licher Gesin nu ng zu finden. Deshalb ist er bereit, die Widerspruche, die ih m während der Versammlungen vor allem bezüglich der Parteilinie bewußt werden, als notwendi ge Übel zu akzeptieren. Nur so läßt sich erk lären, warum er, nachdem 14 Focm on Literatur er die Abende des Literaturvereins überzeugend als "Pandämonium menschlicher und geistiger Verelendung" entlarvt hat. die Ansicht äußert: "Ich bin jedoch emschlossen, mich nicht an Kleinigkeiten zu stoßen" (170). Doch sind es gerade diese "Kleinigkeiten," die Kobbe in einen ständigen Konflikt mit sich und der Umwelt bringen. Er gehört zu den wenigen, die sich nicht zum Sprachrohr einer Paneidoktrin machen lassen und darüber das Menschse in vergessen. Ob es sich um Dr. Blank, Dr. Thora, Gilda Langer oder "die Baronin" handel t, er bezeugt menschliche Anteilnahme und Betroffenheit, versucht zu helfen, wo er helfen kann. Es sind immer moralische Beweggründe, die Kobbe gegen die Ideologie und deren Vertreter antreten lassen. So bleibt nicht aus, daß Kobbe angesichts der Moskauer Prozesse zu der ketze rischen Vermutung gelangt, das Scheitern des "Experiments" sei nicht die Schuld des einzelnen Menschen, sondern in der Idee selbst begründet (176). Er muß sich eingeste hen, daß er die Art der pol i­ cischen Auseinandersetzung, zu der er sich im Umfeld der Kommu­ nistischen Partei genötigt sieht, nicht länger vor sich verantworten kann . Diese Erkenn tn is bewegt Kobbe schließl ich zum Parteiaustritt. He rausgelöst aus se ine n alten Zusammenhängen, werden in ih m Ahnungen wach von dem fast vergessenen "Recht zu zweifeln,' das am Anfang jeder Ph ilosophie steht, und von dem Glück, all ein zu sein in einer Zeit, in der es besser ist, wenn auch vielleicht gefährlicher, zu den wenigen zu gehöre n als zu den vielen" (l79). Die zweite Bilanz, die Kobbe an läßlich dieses entscheidenden Einschnitts in sein Leben zieht, wirkt konkreter als die erste vor der Flucht aus DeutSchland. Auch hier benutzt Sah I wieder das Stilmittel der W iederholung: Kobbe erk län seine MitSchuld"an jenem geistigen Verrat, der aus der menschlichen Verzweiflung Kapital schlug, um einer fragwürdige n Theorie zur Macht zu verhelfen" und verlangt, man müsse wieder "ganz vo n vorn anfangen." Der postu lien e Neuanfang ist jetzt jedoch keine bloß verbale Forderung mehr. Kobbe sieht ihn darin, "im eigenen Bereich das Nützliche und Notwendi ge zu tun, an die 'Zukunft' de r nächsten Stunde, des nächsten Augen­ bl icks zu denken" (179). Als Einsiedel im New Yorke r Exil feststellt, daß auch die Ameri­ kaner nicht wüßten , worum es in diesem Krieg ginge, taucht das Motiv des Neuanfangs ein weiteres Mal auf. Ei nsiedeis Äußerung veranlaßt Kobbe, dariiber zu reflekt ieren , ob sie, die Emigranten einschli eßlich H ans Sahls Exil roman Die Wenigen lind die Vielen 15 seiner eigenen Person, denn wüßten , worum es ginge. "Um Freiheit? Menschenwürde? Um den Kampf zwischen den 'hellen' und 'dunklen' Mächten? Wissen wir denn so genau, woru m es geht? Können wir es denen erklären, die es noch nicht wissen?" in den Begriffen "Freiheit," "Menschenwürde," "Verfolgung," "'Unterdrückung," und "Kampf gegen das Böse," findet Kobbe nur noch Wone unbestimmten Inhahs und bekennt, man müsse wieder von vorn anfangen. "Erzählen. Darstellen. Die verschütteten Begriffe abklopfen . Beispiele geben" (224). Vor allem aber, nichts voraussetzen. Das letzte Postulat unter der \'(fendung "von vorn anfangen" äußert Kobbe nach der Beendigung des Krieges gegenüber dem Sohn seiner Schwester Katari na, Kar! Mergenthin. Auf dessen Frage: .. Aber was soll denn nun geschehen?" antwortet Kob bc: All es noch einmal überprüfen . N ichts für gegeben hinnehmen. Wachsam sein, ohne Voru rteile, gescheit und gütig zugleich und nie das eine ohne das andere, der Mehrheit mißtrauen und der Minderheit d:lzu verhelfen, gehärt zu werden, die Schwachen und Kranken beschützen und den Starken ein unbequemer Panner sein, immer wieder fragen und immer von neuem wissen, daß es nichl eine Antwort gibt, sondern viele, und daß nichts beständig ist in diesem Meer der Ungewißheit. (283) Dies liest sich wie ein Vermächtn is an die nächste Generation, scheint die Lösung in sich zu bergen, die Kobbe gesuch l hat. Um so erstaunlicher wirkt sein Entschluß, nun, nach Ende des Krieges, nicht nach Deulschland zurückzukehren. Doch bei genauem H insehen ist di eser SchriLL folgerichtig. Am Ende des Krieges, auf das die Emigran­ len solange gewartet haben, stehen keine neuen Prop heten. Aus dem Leiden sind ke ine neuen Lehren hervorgegangen (275). Die alten Irrtümer bleiben bestehen. Die Überlebenden kehren zurück, bereit, dort wieder anzuknüpfen, wo sie zwölf Jahre zuvor aufgehört hanen. Kobbe ist der einzige Überlebende,9 der-wahrhaft heimatlos-keinem Land, ke iner Nation, keine r Klasse, keiner Partei und keiner Ideologie verhaftet ist. Ihm ist das Ex il "zu einem geistigen Zustand, einer Lebensform geworden, eine[r] Art von passive[m] Widerstand gegen eine Welt, die nur noch in Kräften und Gegen kräften , in Bewegungen und Gegenbewegun gen dachte" (285). An dieser letzten Fo rm~l l ierung wird deutl ich, daß Kobbe sein Verbleiben im Exil nicht als Abke hr von der Gesellschaft ve rstanden wissen möchte, sondern als polilische 16 FoCtls 011 Literalltr Handlung. Es ist seine Form des Protests, um darauf aufmerksam zu machen, daß der Krieg nicht geendet hatte. Für ihn wurden nicht die Fein de besiegt, sondern "die Machtlosen aller Länder, die Wortfü hrer der Wortlosigkeit" (274). Der Kampf wurde zwischen Verbündeten gefühn, die, trotz aller Leiden, ihre Meinung apodiktisch als die einzig mögliche Wahrheit hinstellten und so versäumten, den Grundstein für eine bessere Weh zu legen eine Welt, die sich auf Toleranz gründet. Abschließend läßt sich sagen, daß Kobbes Entwicklung im Gegensa tz zu der seiner Wegbegleirer stein. Er verkörpen die Ausnahme, den Einzelgänger zwischen den Fromen, der bemüht ist, z.u sich selbst zu finden, seine sehr humanistisch geprägten Wertvorstel­ lungen in einen Zusam menhang mit den geschiclulic hen Abläufen zu setzen, Anknüpfungspunkte zu finden und Lösungsmöglich keiten, die sich nicht in radikalen Positionen erschöpfen. Am vorläufigen Wegende des Erzähle rs Kobbe steht die Einsicht, nichts zu wissen. Er bekeruu sich zu seiner Ratlosigkeit, die ihn angesichts der Ereignisse befällt lind Ausdruck se ines Glaubens is(, ein Objekt fremde n Handeins zu sein, das erst im nachhine in versteht, was m it ihm geschehen ist (283) . Kobbes Bekenntnis zur Ratlosigkeit, das immer wieder zum Überprüfen des einmal Gedachten zwingt, iSl im eigentlichen Sinn die Voraussetz.ung für eine Lösu ng, auf deren Suche sich der Erähler befindet. Aus dieser Überlegung heraus wird die Distanz verständl ich, mit de r Hans Sah I sei nen Erzähler berichten läßt . Immer wieder nimmt Kobbe Abstand von den H andlungen lind Ereignissen, die er schildert. Er kommentiert, reflektiert, beobachtet, beleuchtet und versucht, seine Erlebnisse in Zusammenhang mit allgemein menschlichen Fragestellungen zu setzen. Hieraus ergibt sich ein minut iöses Bild seiner Zeit. Der Schluß jedoch ble ibt offen. Die Nachze ichnung dessen, wie Kobbe seine politische Situation erlebt, führt den Leser zu keinem Ergebnis. So entsteh t der Eindruck bedruckender Ausweglosigkei t , die als Alternative zu einer Welt, die sich aus starre n, politischen Blöcken zusammensetzt, das Dasein des Schi ffbrüchigen bietet get reu des von Ortega y Gasset verfaßren Satzes "'Die ein zigen wahren Gedanken sind d ie Gedan ken de r Schiff­ brüchigen," mit dem Sahl sein erstes Kapitel überschreibt. Im Bl ickfeld steht der Weg eines Menschen, dem am Ende nur die Verwunderung bleibt. Universität Hambllrg Hans Sahls Exilroman Die Wenigen und die Vielen 17 Anmerku ngen I Im Nachwort zu Sahls Gedichtband Wir sind dIe Letzlen bezeichnet Fri tz Martini das Buch Dit IVtlllgen ulld die Vielen als "den Roman des Exils übe rhaupt.- Diese Aussage greift Sigrid Kellen rer zunächst als Frage formuliert auf, um sie am Schluß ihres Aufsatzes zu bestätigen. 1 Einzelheiten über diese Rettungsaktioßt:n und die Situation in Frank­ reich finden sich unter anderem bei von zur Mühlen. Beachtenswert ist auch der von Frey selbst verfaßte Bericht JBrief vom 24.4 .1977 an Skwara (Skwara 171-2). • Auch dies ist ein Enrschluß, der im Einklang mit Hans Sahls eigener Lebensgeschichte steht. Sahliebte fast fünfzigjah re in New York, mit einer Unterbrechung vo n fünf Jahren (1953· 1958), in denen er versuch te, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen. Erst 1989, vier Jahre vor seinclllTod, kehrte er endgült ig nach Deutschland zurück. S Diese Formulierungen tauchen im Text des Romans an meh reren Stellen auf. Sie werden in der Hauptsache von Griitzbach vorgebracht (74, 75, 161). 'Diese Darstel lu ng des Sel bstverständn isses der Exilierten findet sich in vielen Selbstzeugnissen und Dokumentationen über die Exilzei t bestätigt. Nachzulesen zum Beispiel bei Berg. Dort heißt es: "Die These von der Kurzle­ bigkeit des faschistischen Regimes wurde von Autoren mit unterschiedlichem politischen Profi l aus unterschiedlichen politischen Motiven mit eine r Reihe wiederkeh render Argumente vertreten: Sollte das Regime nic ht binnen kurotem an seiner eigenen Unfähigkeit oder der Uneinigkeit seiner Führer zugru nde gehe n, so wiirde es durc h 1I1Iervention des demok ratischen Auslandes oder die Revolution der deutschen Arbeiter gestürzt werden, die -so die insbesondere von Kommunisten vertretene These-durch die Macht­ übergabe ohnehin nu r vorübergehend abgewendet wo rden war~ (423). } Tm Allgeme inen werde n die unt er Ex ilbedingungen zus tande· gekommenen literarischen Auseinandersetzu ngen mit dem Fasc bismus in zwei Gatt ungen unterschieden: den Zeitroman und den historischen Ra· man. In den ersten Jahren des Exils nahm der Zeitroman eine zentrale Stel lung ei n, also die direkte Schildcrung der Gegenwart und hier insbesondere die Schilderung des nationalsozialistischen Alltags in Deutschland. Kennzeichen der Literatur in der zweiten Phase des Exils ist das Nebeneinander von zeitge­ sch idnlichen und historischen Stoffen. Mit fondauerndem Exil wuchsen die Schwierigkeiten, die Verhältnisse in einem totalitären System glaubwürdig darzustellen, da man nicht mehr auf das eigene Erleben, sondern auf Gehörtes und Gelesenes w rückgreifen mußte. Eine immer größer werdende Zahl von Auto ren wandte sich darum historischen Stoffen zu, um Aussagen über die Gegenwan zu machen. Hierzu zählen an prominemester Stelle Heinrich 18 FOCU5 on Literatur Manns l-lenri Quarre, Thomas Manns TetralogieJoseph und seine Briiderund Lion Feuchtwangers josephw- Trilogie. Beim Zeitroman wurden ab der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre in zunehmendem Umfang die Exil­ erfahrungen thematisiert. Das bekannteste Buch dieses als Exilliteratur bezeichneten Genres ist Anna Seghers' Roman Transit. Siehe dazu Berg (419- 466). Ausgehend von der üblichen Zweiteilung in direkte Schilderungen der Gegenwart (Zeitroman) und indirekte, historisch oder geographisch verschobene Darste ll ungen der Problematik (historischer Roman), entwickelte joseph P. Strelka eine Vierenypologie. Er unterteilte in direkt oder indirekt aktualitätsbezogene Darstellung und in aktualitätsentrückte Darstellung mit indirekten oder direkten Gegenwartsbezügen. Siehe dazu Strelka (95-106) . In Anlehnung an diese Terminologie ordnet Sigrid Kellenter Sahls Roman dem Typus 1, der direkt aktualitätsbezogenen Darstellung zu. Durch die Betonung allgemein menschlicher, überzeitlicher Erfahrungen und Reaktionsweisen reicht er, nach Kel1enter, jedoch in den Typus 2 hinein, also die indirekt aktualitätsbezogene Darstellung. Siehe dazu Kellenter (29). IW'enn Kobbe von dem fast vergessenen "Recht zu zweifeln" spricht, das er sich nach Austritt aus der Kommunistischen Partei wieder zugesteht, so wird hier noch einmal verschlüsselt auf die durch das Klammern an starre Parteidoktrinen entstandenen Verdrehungen und Verirrungen innerhalb der Partei hingewiesen. 9Die Formulierung "einziger Überlebender" wurde gewählt, da die Figuren Morton und Borinski, die wie Kobbe darum bemüht waren, jeder Form der politischen Instrumentalisierung auszuweichen, vor Ende des Krieges Selbstmord begingen. Li teratu rverzei chn is Berg, Jan u.a. Sozialgeschichu der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main: Fischer, 198 1. Berglund, Gisela. Deutsche Opposition gegen Hitler in Presse lind Roman des Exil>. Eine Darstelfung und ein Vergleich mit der historischen Wirklichkeit. Stockholm: Almquist und Wiksell, 1972. Frey, Varian. Ausliefenmg auf Verlangen . Die Rettung deutscher Emigranten in Maneille 1940/41. München: Hanser, 1986. 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