Focus Fall 1996.tif Die Suche nach der schrecklichen Poesie. Zur literarischen Programmatik und Sprach thematik in Ingeborg Bachman ns Der Fall Franza Ralf E. Werner O ngeborg Bachmann postuliene in ihrem "Gedicht :m den Leser' den Wunsch, mit dem Leser in einen Dialog zu treten: Was hat uns voneinander entfernt? Seh ich mi ch in dem Spiegel und I rage, so seh ich mich verkehrt, eine eins.ul1e Schrift und begreife mich selbst nicht mehr. In dieser großen Kälte 5011[eo wir uns kalt vonei nander abgewJ.ndl haben, trotz der lUlSti Ubaren Liebe zueinander? Ich wad Ji r wohl rauchende Worte hin, verbrannte, mit bösem Gesc h mack, schneidende Sätze oder stumpfe, ohne Glanz.. Als wol h ich dein Elend vergrößer n und dich mit meinem VersTand auswe isen alls meinen Landen. Du kamst ja so vertraulich. manchmal plump, nach einem schönfärbenden Won verlangend; auch getröstet wolltest du sein. und ich wußte keinen Trost für dich. Auch Tiefsinn ist nich t mein Aml. Aber ei ne unstillbare Li ebe zu dir ha[ mich nie verl assen, und ich stiche Jetzt unter Tnimlliern und in den Liifiell, im Eiswind lind III der SOl/ne die IVorte Fir dich, die mich wIeder in deine A rme werfen sollen. Denn ic h verge he na c h dir. (Bac hmann . Werke. Bd . -I, 307.) [Hervorhebungen REW]. Das sprechende Ich erscheint in der Selbstbelr:lclilung als 'einsame Sch rift,' das di e sc lbst bez.ogene Sp iegels t ruktur gege n eine Dialogstrukw r ei ntauschen möchte, um ein gegenseitiges Verstehen zu sc haffen . In diesem Ged icht wird nicht nur der Wunsch geäußert, den Leser zu erreichen, sondern auch der, durch den Leser erkannt ZU werden. "Damit aber formulierte Ingeborg Bachmann für ihr Schreiben Focm 0>1 Liurallfr Vol. 3, No. 2 (1996) 91 FoCl/s on LiteralIIr den Ansprm;h emes Dialogs mit dem Leser" (Gmjahr, Fragmente 27). B.lchmann will eine Sprache finden, durch die eine \'ermntlung des eigenen leidens und Erlebens möglich würde. Durch das VermIllein persönlicher Elemente und Erfahrungen will sie die Distanz zum Leser abbuen. Während der Arbeit am Fragment Der Fall Fr.mza \'ersuchte Bachmann eine Sprache zu schaffen, in tier dem Leser die WJhrheil, also d.u innere Drama l vermitteh werden kann und in der gleichzeitig die 'Liebe zum Leser' Ausdruck findet. Diese von Bachmann gesuchte schrecklIChe Poesle,l wie es in einem Em wurf heißt, soll in den Todesarten geschaffen werden. Im Jahr 1961 ersch ienen Erzäh lungen, die d:lS Gef~U1genseit1 in menschlichen Beziehungen und die den t>.!ännern eigene 'andere An' zu lieben thematis ieren. Diese Ert.ählungen waren der Beginn einer Weiterentwicklung des Themas, an deren 'Ende' der gep lante Romanzyklus TodesaYlen l stand. Ihm sind der 1971 erschienene Ro­ mall Ma/ma und das, obwohl schon Anfang der sechziger J.lhre begonnen, erSt 1978 po~t mortem herausgegebene Romanfragmelll Der Fall Franza zuzurechnen. Dieses erste Buch des Zyklus~ macht em adäqu.nes Verständnis desselben und des Bachmannsehen Spätwerks besonders dadurch möglich, daß durch die literarische Programmatik das Suchen nach der neuen Schreibweise, der schreckltchell PoeSie in den Blick rückt. Durch die schreckliche Poesie re:tlisiert sich im Fall Franza der \'(' unsch, W:thrheit, d .. s Erleben zw ischenmenschlicher Graus~mkeiten , zu übermitteln und die Trennung der Auwrin vom leser aufzuheben. In diesem Artikel soll gezeigt werden, daß im Fall FmIlZ(/ für die Realis:uion des Dialogs mit dem Leser und für das Sichtbann:lchcl1 des inlleren Dramas (der Autorin) - also für die schyeckhche PoesIe, von Bachmann eine Programm .. tik entwickelt wird und daß diese Programmatik im T ext realisiert wird. Die Übermittlung des inneren Dr:tmas, der Grausamkeiten geschieht, durch das Verfahren der literarischen Subjektentgrenzung. NOIchdeOl diese Programmatik und damit auch das Verfahren ocr Subjektemgrenzung anhand der Vorrede dargestellt und erläutert ist, soll das Romanfragment weiter interpretativ durch schrincn werden. Dieses interpretative Durchschreiten folgt der Suche nach der magischen Sprache der Protagonistin und wird Indizien für das Verf.lhren der Subjeklemgrenwng in den Blick bringen, sowie die Ingeborg Bachmans D.:y Fall Fr:mz.'l 93 Suche nach der magischen Spf3che verfolgen und den Beweis führen, daß diese schließlich erreicht wird. Außerdem liegt dem interpretativen Durchschreiten die These zugrunde. daß d .. s Verfahren der literarischen Subjektentgrcllzung im SLhrcibprozeß seine Spiegelung auf der (sichtbaren) H andlungsebene erfährt . Schließlich wird das Vorgehen Bachounns kri tisch diskutiert werden. Die Programmatik zur Wahrheibfindllng wird in der Votrede begonnen. Was als Handlung im Buch gcschielH, sei ni cht der eigentl iche Inhalt: thematisiert werden sollen die Verbrechen, die den Geist ansprechen lind Geist erfordern, um ausgeführt zu werden. Sie bleiben im Verborgenen, können lI111erhalb der Gc:>cllscllJft stanfinden, weil sie durch die T,lIsache, daß sie nICht beweisbar sind, auc h nicht mit den Strafgesetzen in Berührung kommen. Ein weitcrer Grund ist, daß in der Gesellschaft Österreichs und der Bundesrepublik mind~'~lL:n.> bis in die achtzige r Jahre die J-I errschaftsstellung J c.> Mannes Konsens und RauOIulismus flir' Erfolg' determinierend sind. Das zu inszenierende DrJIllJ findet im Inneren (der Psyche) statt und zwar "kran. der Dimension, Jie wir oder imagin Ierte Per.>onen diesem Leidenmachen und Erleiden verschaffen können" (10).511ier wird auf eine Dimension abgehoben, die da~ erlittene und das fortdauernde Leiden im Inneren des ~Ienschen aufzeigen. inszenieren soll. Die Schwierigkeit für eUle solche Inszelllcrung liegt darin, daß die Schauplätze in "dem Denken, d.ls zum Verbrc-chen führt. und [ ... ) in dem, d.lS zum Sterben fühn" (ibid .) begen. Was im Denken slaufinclet, also zunäc hst nicht materiell greifbar ist, soll in ei ner neuen Form (he)grcifbar werden. Bachm.Hln ste llL hier programmatisch d.ls Sichtbarmachen überdeckter Den kweisen als Zie l ,\Uf und weist ,lUf die Doppelfunktion ihrer Schreibstruklllr hin: "Die Sdl.luplätze ~ind Wien, das Dorf Galicien und Kärnten, die Wüste, die Mabische, lybische, die 'iudanesische. Die wirklichen Schauplätze, die inwendigen, von den äußeren müh.>am überdeckt, finden woanders sratt" (ibid.). Es muß dem Leser gelingen, die imaginierten Personen, sowie den geograp hischen, geschichtlichen und kulturellen Raum· die Handlungsräume ., in dem sie agieren, so zu konstellieren, daß die Dimension der inneren Schauplätze sidllbJf wird. Die dann offenbar werdenden Verbrechen seien die Fortführung der Verbrechen, die im Faschismus "ausgez.eichnet, 94 FoClls on Literatur verlangt, mit Orden bedacht und unterstützt" (9) wu rden und den heutigen Verbrechen strukturell glichen, durch welche die Menschen "nicht sterben, sondern ermordet werden"(10). Bachmann insistiert, daß Geschlechterbeziehungen der 'neue' Schauplatz der st rukturell bekannten Verbrechen sind , in denen Frauen die OpferroJle zukommt. Die im ersten Kapitel des Buches stattfindende Fahrt der Hauptperson Fr.lnza durch de n Semmering-Tunn el iSt als metapoetische ReOexion lesbar, in der Bachmann die Programmatik der Vorrede aufgreift und ausdeutet. Wie Spannungsfelder entstehen, wie das Erschließen des verdeckten, wirklichen Geschehens für den Autor beim Schreiben geschiehl, wird durch die 'Tunnelfahn' expliziert: D.iS Papier aber will durch den Tunnel, und eh es einfolm (aber da ist es schon eingefahren!), eh es, cl .. l$l es noch Imbedeckt mit Worten, und wenn es herauskommt, Ist ei bedeckt lind beziffert und eingeteilt, dIe Worfe !oYnlJeren sich, lind magebrachc alts der FinstenllS der Durch/ahrt ( ... ) rollen dIe Einbtldungen und Nachbild.mgen, ehe Wahnbildlingen lind Wlahrhildllllgen ans Licht, rollen heraus alls einem Kopf, kommen fiber einen Mund, der von ihnen spricht und behauptet und es verläßlich tut wegen des Tunnels im Kopf, aber auch dieser Tunnel ist ja nicht da, ein Bild nl/T, von Zeit zu Zeit umeT emer bemmmren Schädeldecke, die aufz.uklappen auch wenig Sinn hätte, denn da wäre noch einmal nichl~, keiner der beide n Tunnel [ ... ] und m,n kann der Zllg llnserlhalben fahren, indem von ihm geschriebe n, gesprochen wird, er wird jetz.t fahren, weil altflhm bescanden wml, Denn die Tatsachen, die die Welt ausmachen - sie brauchen das Nichttatsiichhche, ltm von ihm alls erkannt zu werden (14). [H ervorhebungen RE\XI]. Bachmann zeigt mit dieser Tenpassage, aus welchen Zielsetzungen der Text en tstanden ist, vor welchem Hintergrund er erscheint. De r T ext setzt sich aus realen Dingen und aus der Fiktion zusam men; letztere ist notwendig, um die Verbrechen (im Inneren) in Erschei nung treten zu lassen. Du rch die Verdichtung des Textes aus realen sowie fiktiven Dingen und Gegebenheiten wird er mehr als die Realität, es konstituiert In geborg Bachmans Der Fall FranLI 95 sich ein neuer Sinnz.usammenhang, ~ die psychische \Y/alll"heit. Durch das hier von Bachmann beschriebene Vorgehen is t also ein Spannungsfeld entstanden, durch welches die im,lginären Geschehnisse der Tex tebene auf die Wirklichkei! rückwirken, und \X' .lilrheit vom Leser erkan nt w ird, D iesem kommt d.1bei die Rolle eines Vermittle rs zwischen F iktion und Rea l it ät zu. Die dem Autor eigene Wahrnehmung der Dinge wird bei diesem Vorgehen in die reale Weh gesetzt , es werden in der realen Weh vorll.1nde ne Strukturen durch Selektion dekomponiert, damit die andere, neue Struktur z.ur Geltung komlllt. D::LS heißt, die Selektion nimmt Realitätselemente aus ihren ursprünglichen \'Qirkungs· und Bedeutungszllsammenhängen heraus, dekomponiert sie zu neuen Formen in Verbindu ng mit den fiktiven Elementen. Des weite ren expliziert Bachmann in der TunnelLtlut ein Verfahren, durch welches auf dem Papier nach dem H erauskommen aus dem Tunnel, der Dunkelheit, dem Versteckten, die Ein-, Nach-, Wahn- und Wahrbildungen sichtbar gemacht sind. Im Schreibp rozeß entste hen durch die Ein-, Nach-, Wahn- und \X'ahrbildungen die verdeck ten Strukturen im Text, alls denen d,lIlll letztlich die inneren Schauplätze, die nicht offenliegende Zerstörung im Menschen für den Leser erkennbar wird. Die Analogie zum Vorgehen Sigl11und Freuds wird hier augenfällig. Auch er hat au f der Suche nach dem Unbewußten das Verfahren der Rekonstruktion aus Erinnerungen, Träumen und Assoz.i.uionen - ein archäologisches Prinzip - venvandl.6 ln emem Text aus dem Nachlaß zum Franza-Fragment verweist Bachmann dJ.rüber hinaus direkt auf Frelld? D urch dieses archäologische Verfahren bestimmt, findet das Erzäh len chrono logisch von der Zerstörung aus in Richlling auf die Ursachen statt. Aus der Zerstörung wird oll rc h Erinnern versucht, den Prozf!ß der Zerstörung zu reko nst ruieren, - nur so ist eine Ortung der Ursachen möglich. Der H andlungsablauf ist also diesem Verfahren gemäß im Sinne einer negativen Ontologie der Franza angelegt, - eine Reise durch ihre Krankh eit und ein Selbstversuc..h: während dieser R eise versuch t Franza eine Sp rache zu finden, die ihrem Leiden Ausdruck verschafft. Es kann aufgru nd der Metapoetik der Tunnelfahnangenommen werden, dJ.ß zu der von Ingeborg B ... clul1alln gewo lh en Sichtbarmachung der inneren Schauplätze die im Schreibprozeß statt findende Subje kt encgrc nzu ng8 führt. D,lbei 96 FoClts on Literatur versucht die Autorin als schreibendes Subjekt, sich dem Teil des eigenen Selbst zu nähern, der auch zerstöre risch ist, um ihre Zerstörung und deren Entwicklung beschreiben zu können . Diese unbewußte Entgrenzung, das nochmalige Erleben des Indi vidU:ll io nsdram3s,9 gleicht einem Rückschritt auf frühe Ent wicklungssladien. in denen sich die Subjektgrenzen des Einzelnen durch Zerstörung und Bewiiltigung herausgebildet haben. Die Verdringungen und ausgegrenzten Wünsche, die zum Abstecken der Selbs lgrenzen erforderlich waren, werden rekonstruiert. Will die Autorin die schreckliche PoeSIe erreichen, so muß sie den eigenen Ausgrenzungen auf die Spur kommen. Diese Ausgrenzungen sind in früher Kindheit geschehen: die Sprache des Kindes hat ursprünglich die Funktion, seine \'(hinsche und Bedürfnisse (im primärprozeßhaften EI-leben) zu anikulieren. Im weiteren Ve rlauf der Entwicklung wird die Sprache zum Verdrängen von Befriedigungswünschen gebraucht (im sekundärprozeßhaften Erleben). 10 Das gilt daher für die Alltagssprache und die 'normale' poetische Sprache. Bei der Subjeklenlgrenzung im Schreibprozeß wird das Urstadium der Kindersprache wieder in d ie poetische Sprache integriert. Die so entstandene schreckliche Poesie ist die um die verdrängten Elemente erweiterte Alhags- und poetische Sprache und stein in klarem Gegensatz zur normalen Alltagssprnche und Poesie, welche zwar durch Wünsche und Bedü rfnisse unbew ußt mitbeeinflußt si nd, in de nen jedoch vorwiegend der manifeste Sinn des Sprechens wahrgenommen wird. Erst durch das Wiederfinden der frühen Ausgrenzungen kann die unbewußte, ve rdrängte Zerstömng in der Alltorin zur Sprache gebracht werden. [n dieser, der gesuchten poetischen Sprache, der schrecklichen Poesie, können nun Wunsch, Bedürfnis und Verdrängung ausgedrückt werden, indem der manifeste Gehalt durch einen zusätz li ch latem vorhanden Sinn gedoppelt wird. Damit aber die Inhalte inters ubjekt iv vermittelbar bleiben, si nd ästhetische Form lind Aussage eng aneinander gebunden. Es soll eine dialogische Beziehung zwischen der inneren (psychischen) und der äußeren Realität hergestellt werden. Beim Schreiben des poetischen Textes wird primär- und sekundärprozeßhaftes Erleben bearbeitel. Die vorgestellten Figuren sind zugleich Ich lind Nicht-Ich der AULOrin. Ihre Subjektgrenzen werden aufgehoben, umgeslaltet, ihr Subjekt wird entgrenzt. Die Vorausselzung für poetisches Sprechen ist der Leser, durch den die lngeborg Bachmans Der Fall Franza 97 realen und fikti ven Elemen te verdichtet werden und der bei der Rezeption des T extes ebenfalls entgrenzt wird, weil er sich in der dargestellten Welt des Textes bewegt und sich in der Lek türe teilweise selbst vergißl. Er ist so für die latenten Si nngehahe des Textes, die sein Unbewußles ansprechen, aufnahmefähig. Dadurch ist die vo n Bachmann gewolhe Aufhebung der Distanz zwi~chen Amorin lind Leser, ein D ialog mit dem Leser, möglich geworden. Im fo lgenden sei aufgezeigt, wie das von der Autorin im Verfahren der literarischen Subjektentgrenzung mctapoetisch reflektierte Suchen nach der schrecklIchen PoeSIe \ion der HaUplptTSOn Franza unternommen wird, daß sich dieses Verfah ren also in der H andlung spiegelt und somil die in der H andl ung \'on Fr;tnzJ. ge~lJchte magische Sprache ikonisch für die gesuchte schreckliche Poesie steht. Die ROll1anfigur Franz;l macht einen Entgrenzungsversuch wähn·11l1 rler Reise durch ihre Krankheit, der wiederum dJS Äqulv,llent zur SubJektelllgrellzung im Schreibprozeß ist, weil auch bei der Subjek len lgrenzungcin Selbstversuch unlernommen wird. Die Reise erstreck t sich über drei Kapitel und beginnt mit der I-Ielmkebr nach Ca!inen. Ort der Handlung ist zunächst die Gegend der Kindheit Franzas, in die sie zurückkehrt und don ihren Bruder Manin trifft, den sie um Hilfe gebeten hat; von hier wird aus dem Zustand der Zerstönheil vorsichtig die urspri.ingliche SprJche FrJllz.lS re komtn.lien und ihre Verände r ung durch Spracht ilgung lind Spnren zwischenmenschlicher Gewalt sichtbar gemacht. Die von Freud angenommene uillerschied liche Kon:.titulion der Psyche beider Geschlechter ist eine wic htige Vorausse[zung für das (die)Verbrechen im zwische nmenschlic hen Bereich. Nach Freud wird die Frau bei der Herausbil dung ihrer sexuenen Identität in früher Kindheit stärker durch Verdrängung in Anspmch gcnommc:n als der Man n, daher ist das Über-Ich der Frau nidH so ullabhingig VOll affektiven Ursprüngen wie das des Mannes, al 50 nicht so stJ.rk lind rationaL 11 Die Unabhängigkeit von affektiven Ursprüngen erscheint als der posit ive Wen, weil Frcud aus männlicher Sicht geschrieben hat. Bachmann weis t jedoch iiber Freud hinaus, denn von ihr wird gerade für dieses Affektive als positiver Wert Anerkennung verl.mgt! \'(fenn auch bei der erwachsenen Frau die Affektleislungen höher smd als be im Mann, so si nd d iese doch bei Männern ebenfalls vorl1.lnden und können allch in überwi ege nder Z,lhl auru-etcn; Bachmann greift 98 FoCtls on Literatur jedoch den Regelfall auf, bei dem das männliche Denken überwiegend rational bestimmt ist. Franza steht für das Weibliche, die Betonung der Emot ionalität. Sie sagt über sich "für mich hat alles Bedeutung" (81), als Chiffre für diese Grundhaltung stein "magisch leben" (ib id.). Die größte dieser Bedeutungen ist Frnnzas Kindheit in Galicien und die Sprache, die sie dort gesprochen halo Galicien ist ein Ort, an dem mit "Siegel[n] und Namen [ ... ] alles verschlüsselt war" (27). Sie erinnen diese Zeil als den "schönsten Frühling" (45), in dem sie ihre erste Liebe z.u einem englischen Captain erlebte. Dahei ist weibliche Affektivität erkennbar, die eine Radikalität im Erleben und Umsetzen dieses Erlehens bei Franza bedingt. Sie reduziert: das Gesanugeschehen nicht rational zum Beispiel auf den gerade stattfindenden Krieg als Lebensbedrohung. Es stehen bei ihr trotZ der objektiv erkennbaren Bedrohung für Leib und Lehen die Gefühle im Vordergmnd. 12 Die bei der Lektüre auffallenden Vokabeln eines privalsemamischen Wortfeldes in der Sprache Franzas verdichten den Text durch über die Alltagssprache hinausgehende Bedeutungen, die mit diesen Begriffen konnotiert werden. Die Verdichtung geschieht durch die dem Wortfeld e igenen semantischen Verslrickungen und Querverbindungen. Zu dem Wortfeld gehären beispielsweise Frieden, Sire [der englische CaptainJ und Wunder. Hier wird umgesetzt, was als die (programmatische) VerdichlUng des Textes durch fi k tive und nichtfiklive Texneile formuliert worden isl. Die imaginären Personen und Erlebnisse (durch den Emgrenzungsversuch determiniert) werden in reale Orte gesetzt und dekomponieren die Realität , verdichten den Text. Ein Element des privatsemantischen Wortfeldes sind die enghschen Küsse. Es sind die Abschiedskiisse des englischen Captains für F ra !lZa, die leitmotivisch sind lind von Bachmann als Zugangsvokabe! für das gesamte Erleben gesetzt werden. Die erSte Ebene der Zerstörung Franzas wird in diesem ersten Kapitel aufgezeigt: Franzas Mann Professor Leopold Jordan, ein Psychotherapeut, steht für den Anderen, das zum weiblichen polare männliche, von der Vernunft (Logos) bestimmte Denken. D ieses veranlaßt Jordan VOll übergeordneter Instanz aus zu einem Anlegen von Bedeurungsrasterll an die Aussagen Franzas, denn ein 'unvernünftiges ' Signifikat wird sofort als solches erkan nt und auf e in 'sinnvolles' Signifika t hinausgedeuret. Ob sinnvoll oder nicht, wird von Jordan in der Pos i- Ingeborg Bachmans Der Fall Franu 99 tion des sinngebenden Subjekts entschieden, sein Logos macht so .lI1dere Sinngehahe kaputt. Alles, was sich, wie englISche Ki,sse, in keiner Sinnidemität artikulie rt , hat emweder keine Bedeutung oder wird als FehlleIStung wieder in eine (andere) Sinn identität überführt.!J [n beiden Fällen aber ist Jordans Ü berblick und M.lchlpOsition n icht gefährdet. Der vom Si nn- und Zweckral ionalismus bcherrschlc Jordan unterstellt der Pri vatse manrik Franzas eine Bedeutung, d ie sie nicht hat. Er konstituiert einen Sinn, der ursprünglich nicht existent war. Jordan filten aus den sprachlichen Äußerungen Franzas die Bruche in der Sinn konstitution heraus, begr:ldigt Unebenheiten, verunsichernde Elemente. So ve rhinden er in jedem Fall, die An.ikulalion Franzas zur Geltung kommen zu lassen. Symbolisch stellt Jord.ln .llles unter das Wissen, die t ... IJcht des Wissens, die er bat. Seine \Y/ .l.hrnehmung ist durch die zu einer Diagnose an seiner Frau führenden Bedeutungs­ raster slJrk eingeschränkt . Jordan, der ohne Interpretation keinen Satz durchgehen ließ, unterbrach sie, das ist lllerdings illle ressanl, WlS du da sagst, englische Küsse, das ist eine FehllelSlllng, denn du wirst gemem! haben angelisehe, und sie sagte hehig, nein, .1ber nein [ ... } und Frieden und Sire fielen nun endgültig unter den T isch, unbrauchbar (52). [l-Iervorhebungen REW]. Mit dieser Bedeulungs löschung der Zugangsvokabel wird auch das dahinter liegende Wortfeld und damit das Erleben Franzas gelöscht. I-Iier spiegelr sich also die Geschlechtertren nung in der Sprache, und es wird eine ZersLörung durch "Bedeulungswahn" (75) manifest. Es zeigt sich schrittweise das Ausmaß der Zerstörung JIl Franza. Als ein Beispiel der im Verfahren der Subjektentgrenzung wiederaktu'llisienen Ausgrenzungen und Verdrängungen in der Alllorin sei die Ausein.lIldersetzung Franzas damit genannt, was ~ie sich in Galicien unter Vergewaltigung vorstellte. "Und Vergewaltigen, das war ein andcl'es WOrt, unter dem Franza sich friihlingszeitr.1ubende Dinge vorstellte, und d.1 sie mit ni emand ~ prechen konnte, w urd en Vergewaltigung und Streitmächte zu erseh nten Idolen und den Ereignissen, die im Kommen waren" (44); an andaer Stelle heißt es: "ein Mann [ ... ] der [ ... ] aber sie nicht wollte und ;llIch ni c ht vergewalrigen, daran war gar ni cht mehr zu denk en" (50). 100 Foms on Literalltr Der \\;'echsel nach Wien zum Studium ist für Franz.a mit Sprach. und Idemitätsverlusl \-erbunden. Der Leser erfährt die Wiener Zeit zunächSt allS den Erinnerungen ~,Ian..ins: Franza hat sich ihrer Hei.mat Gallcien entfremdet, sich den sprachlichen Erfordernissen ihrer neuen \'('eh Wien· und der des berühmten LeopoldJordan, den sie in \'('ien heiratet - angepaßl. Sie hat sich durch die neue Umgebung lind ihren Umgang mir anderen Menschen auch ihrem Bruder ldartin entfremdet. Sie verliert durch die Änderung ihrer Sprache den Bezug zu den Signifikaten der allen Sprache, weil diese in der neuen nicht vorha nden sind. Es ist also zu einem Bruch mit der Sprache lind dem Leben in Galicien gekomme n. ~Iartin wirk t in der Schilderung Bachmanns m it seiner Vorliebe für das WOrt CltscheH als ursprüngliche Bezeichnung für Franza fehl am Platze, fast lächerlich; Gil5che )teh l in heimlicher Konkurrenz Zu Franziska, . so wird sie von ihren Kommilitonen genannt. Doch dieser Wechsel des Namens ist von entscheidender Bedeutung. Der Wechsel des Vornamens von Franza Zu Franziska symbolisiert den Identitätswandel, genauer den Verlll51 von identität. Denn der Name ist eine .In sich bedeutsame Realität des ICH und nicht als arbiträr instrumentelle Bezeichnung einfach gesetzt.]6 Der sprachliche Ausdruck bezeichnet hier direkt einen Gegenstand, beziehungsweise eine Person: Franza. Die Zeichenform Franza in ausschließlich durch sie bestimmt, so ist der Zeicheninhah (FRA NZA) aus der Form herleitbar. Die Grußformel "Deine alte Franziska" (15) ist ein PtlYadoxon, denn der Name Franziska iS[ neu, bezeichnet eine andere Persönlichkeit als der Name der (alten) Franza. Ihr selbst ist diese Entfremdung niclll verborge n geb lieben , denn durch ei nen ~amel!swechsel in ihrem Paß ve rsucht sie nun, ihre alte Identität symbol isch zurückzubekommen. Der Identitätswechsel el'weilen sic h um den Nachnamen; .lus Frn nziska Jordan ist auf dem Papier Franza Ranner (ihr Mädchenname) geworden. Doch es kann keine vo llständige Identifikation F ranzas mit dem (alten) Namen mehr stattfinden. Dennoch versucht sie, Martin durch die Sch lußsätze in ihren Briefen zu suggerieren, sie sei immer noch die Alte. Daß dies nicht stimmt, bemerkte ihr Bruder auf einem der \Xf iener Gesellschaftsabende, auf dem jordan und hohe Gäste eingeladen waren: Martin fand Franza zur "defektgewordene{n] Registriermaschine" (18) heruntergekommen. Ingeborg Bachmans Der Fall Franza 101 Die Rekonstruktion des Verbreche ns, das zur seelischen Zerstörung Franzas geführt hat, ist aber in Gillicien noch stark behindert. Sie hat für ihren Zustand zunächst keine Worte. So bleibt nur der Körperausdruck als Artikulation des Leidens und die Sudle nach einer neuen Sprache: [ ... ] sie kam wieJer nicht weiter, und sie weime niclH nur, es war noch etwas andres, das von dem Weinen nur die Tränen hane, sie zitterte und ihr Körper tat etW.lS mit ihr, was er [M ani n] nicht niederhalten konllle mit den Armen, in einer Konvulsion, in immer stärke ren Zuck un gen, sie sc hlotte rt e lind wolhe ihn wegstoßen und krampfte !>ich dann wieder.lll ;hn [ ... ) (29). An dit'~\'!l1 Punkt wird der Einsatz einer Sprache möglich, die al lerd ings nur .lld Jie Situa t ion bezogen .lngemessen und daher ein Zwischenstadium ist. Diese Sprache soll die Artikulationen durch Jen Körper wahrnehmen und in eille spr.lchliche Form bringen. Die Alltagssprache ist unb~lIchbar, weil sie Sich an Sigmfikaten orientiert. Diese körperlichen Außerungen Franzas sind aber durch keine Sinnidcmität zu fassen. Die gesuchte, beschreibende Sprache muß die nicht 111 einer Sinnidentität zu f.lssenden Äußerungen trotzdem wahrnehmen, anerkennen können. Der in diese Situation hineingerutschle Geologe Martin vcrfiigt über eine geeignete Spr.lche, muß diese nur noch anwenden. Er hat mit Erinnerung nicht viel im Sinn, ist bhig, eine andere Position als die des sinn gebenden Subjekts einzunehmen. Er fü rclnel Bedeuwngsiiberladungen und haI darüber hinaus eine Vorliebe für eine nicht sign ifikatsoriellliene Sprache, die geologuche Fachsprache. Er begin nt . uiller Alkoholcinfluß die geologische Fachspr:lche in Zusammenhang mit Jordan zu benutzen, dem cr distanziert gegenübersteh t, und überführt d Iesen symbolisch als einen Stellvertreter des Wissenschaftsd iskur~es durch hinterher angefügte, nicht auf Sinnidemitälen referierende Wörte r in ei ne Bedet/ll/ngsleere. Martin renektien im Folgenden .lUf einer ~ t (;taebene die Bedeutung der Geologischen Sprache in diesem Zusanunen hang: [ ... ] er [Martin] fJtrstand nlcJJlS tl(m den geschlossenen Augen seiner Scbweszer ,md wIe verdächcig d~e waren lind worauf 102 Focm on Literalur verddchtig. Schliff NT. 33/, das hätte er dem Professor Uordan] gern erklärt, aber hier wurde seine Schwester geschliffen von Schmer"L.en und irgendwas, was er in se inem Gebier nicht erforschen hane können, und der Schliff seiner Schwester, die aus der Neuzeit war und nicht aus dem Mesozoikum, den vermochte er nicht zu beschretben lind ZI/ beSllmmerl, rillT das Gestein gab einen Hall, halle S!Tl/kwr, Textur, Fllndpunkle (35). [Hervorhebungen REW]. Die Differenz zwischen geologischer Fachsprache und dem Referenz­ bereich der Krankheit bedingt auch einen Untersch ied in der Beschreibung, so daß ein Teil immer unversunden und unbeschrieben bleibt. In der geo logischen Sprache wird nicht ein /eh oder der Sinn der Aussagen des Ich thematisiert, sondern auf Strukturen und Körper referiert. So ist es in dieser Situation Franzas möglich, mit der geologischen Sprache Körperarlikulalionen sprechen zu !.tssen, in Sprache zu fassen, ohne durch ein DarüberL.iehen von Sinnidemi{;iten diese Artikulat ionen zu zerstören. Die Artikulationen Fra.nzas werden also nicht durch Sinn, sondern durch Sprechen lind Schwelgen als Abfolge wahrgenommen, es wird auch das Nichtvorhandensein von Sprechen durch seine Notwe ndigkeit für das Vo rhandense in ei ner Abfolge wichtig. Schweigen wird als Anikulation, sowie Veränderungen li nd Überlagerungen ,verden in der Strukwf wahrgenommen. Im Vergleich zu Jo rdans Sprachgebrauch werden in der Geologensprache kein Sinn und keine SubJeklidemiläcen transpartien . Wenn Franza aus dem Sch laf, ihrer "T otens tar re" (-l-2) .lUfwacht, verfäll t sie in Redephasen, die aber nicht die Ursache n der Zerstörung themat isieren (können). Franzas Sprache zu diesem Zeit punkt bleibt oberflächlich. ist neben der Körpersprache mit der Aussparung des Wesentlichen Ausdnlck ihrer Zerstönlng. Weil das Sprechen über die Ursachen der Zerstörung noch nicht möglich ist, Franza sich über den Hergang des Verbrechens, dessen Ursachen und ihren Mörder nicht im klaren ist, muß es ein "Darüberhinwegreden" (58) sein. Dieser Sprachzustand dient eine rseits dazu, eine sprachliche Kommunikation zu Martin aufrecht zu erhalten, andererseits gibt dieser Sprachzusrand Fraßza die Möglichkeit de r Rückbesinnung. Sie arbeitet sich durch Erinnemng in die Sprache ihre r Kindheit zurück. Ausdruck des g~brochenen Verhältnisses zu ihrer Jugendsprache ist Ingeborg Bachmans Der Fall Fmnza 103 die nur zögernde Antwort auf eine Fr'lge Martins nach dem Kuh· Satz l ) ihrer Kin dhei l , der leitmOlivische Furtkrion für Fr.tllzas Kindheitswahrnehmung und Sprache hat. 1m zweiten Kapitel, das bezeichnenderweiseJoTdanzsche Zell heißt, gelingt Franza zunehmend die Rekonstruktion des Verbrechens, d.ts an ihr begangen worden ist. Leopold Jordan ist ihr Mörder, der sie "mit den Foherwerkzeugen der Intelligenz" (72), vorwiegend mit sprachlichen Mitteln mordet. Dies geschieht auf mehreren Ebenen: Jordan zerstört, wie schon beschrieben, durch sich als sinngebenJes Subjekt die Sichtweise und so die Person FI-anzas. Auf der semJntischen Ebene erfolgt BedeUlungsterror. Desweiteren benutzt JordJIl Schriftsprache, sprach liche Ze ichen, um Franza zu hetzen. f\ lartin findet in dem Haus der Jordans Briefe Fr:lllzJs an ihren l\.1.t1l1l, in denen dieser stenographische Randno lizen gelTI.ldn hat, wie ein Wissenschaftler Zu einem VersltchseTgebn/S Randnolizen schreibt. Jor­ (!:ln läßt FranZJ hin und wieder solche Blätter m It Notizen finden. Die Abstände zwischen den beabsichtigten Funden verringern sich stetig, und letztere haben beispielsweise folgenden Inhalt: F.s Vorliebe für Zungen kuß stop, Gier niclu Sinnlichkeit stop, ich gla ube, ich ersticke noc h vor Lachen, F . bei Telefongespräch beobachlel. F. vermudich lesbisch [ ... 1 F.zur Rede gestellt . F. birtet um VerL.eihung. hätte E. nie getan. Insofern Umcrsc hied. stop (75/76). Durch die Gle ichsetzung mit ei ner 'E: ist zu erken nen, d,lß Jordan Fr;1I1za nur als Objekt sieht. An der Auslöschung Jes N.unens durch das KürL.e1 'F: (Zeichen form) und mit ih r auch der des Zeichcninhahs (Franza), wird der Vernich tu ngswillc Jordans in den Blick gebrachl. Diese Auslöschung ist, was Bachmann als den r.. lo rd mit den Folte rwe rkzeugen der Intell igenz angekündigt hat. Jord.Ul zerlegt .tlle Menschen, bis nic hts außer (s)eincm Befund üb rigbleibt; Franzas aufkommende Angst durch das Finden der Zettel steigen er mit neuen Zen eln und dut·ch Psychoph.trmaka. Der Terror wird .tl so um die körperliche Ebene erweilert. Jordan verabreicht th r eine r.. l isLhung verschiedener Medikamente, durch die das Großhirn teilweise ausgeschaltet wird und es streckenweise zu Wl! lenlosigkeit kommt. Was Bachmann zwischenmenschlichen FaschISmus nennt, ist dieser 104 FoClts on Literatur Zerstärung:.versuch auf mehreren Ebenen. Franza ist bereits das dritte Opfer: Jordans erste Frau verläßt aus Angst ihr Haus nicht mehr, die Zweite hat den Freitod gewählt.. Das dritte Kapitel Die A"gyprische Finsternis ist eine Reise in die Wüste, welche Franzas H ei lanstalt und der Ort fü r ihren Selbstversuch werden soll. "Ein anderer Versuch fing an, und den würde sie selber an sich vornehmen" (89). Es geht zurück zu den ursprünglichen ßedeutsamkeiten des Lebens und zu Franzas Kindheit und Kindheitssprache, die für sie genau wie die gesuchte schreckliche Poesie primärprozeßhafte Erlebensillhalte hat. Auffallend zu Begin n der Reise ist die Betonung der Ursprünglichkeit und die Distanz zu der Welt der Weißen (ibid .), wie es jetzt als Sammelbegriff für den Wissenschahsdiskurs, die Sprecher einer mit Bedeutung überladenen Sprache heißt. Die Wüste steht in krassem Gegensatz zu dem der industriellen Weh angehörenden Wien. Sie wird von Menschen bevölken, die sich eine ursprünglichere Lebensweise erhahen haben , und sie ist ein Gebiet der Leere. D och ist für Franza hier mehr Inhalt als in der \'(feit der falschen Bedeutungen. Alles leer und vorhandener, als was sich hir vorhanden ausgibt. Nicht das Nichts, nei n die Wüste hat nichts zu tun mit dem erspekulien en Nichts der Lehrsruhlinhaber. Sie entzieht sich der Bestimmung (83). Hier wird der Gegensatz zu Jordans Bedeurungsterro r formulie rt. Franza erlebt, im Gegensatz zum Wien der eingebildeten Realitäten und BcJeutungen, Realität direkt. Es ist eine Rückbesinnung auf die zum Überleben wichtigen Dinge ~ sie empfindet Bedürfnisse wie Hunger und Durs t in intensiver, amplifizierter Form. Ein so ursprünglicher Akt wie das Trinken vo n Tee - in Wien mit nichtursprungl icher Bedeu tung aufgeladen , Bestandteil des gesell~ schaftlichen Lebens, des 'Sehen und Gesehenwerden' -, wird in der Wüste bewußt erl ebt, weil Tee nach einer langen ßus fahn die erste aus reichende Portion an Trinkbarem ist. Die Wüste wird so als Gegenstück zu der zerstörerischen europäischen Zivilisation gesetzt, die Kritik am Mörder erweitert sich auf die patriarchale europäische Zivili sat ion und den Euroze ntrismus; Martin sprichr in di ese m Ingeborg Bachmans Der Fall FranZtl l OS Zusammenhang von Franza als der "Europäeri n mit Scheintod" (60)­ der Satz impl izien deudich eine Kausalbeziehung. Durch die Erfahrungen in der Wüste ist in Franza das Wiederkommen der magischen Sprache aus der Kindheit festzustellen. Bei der weitgehend au ktorialen Enählhahung ist die Beschreibung dessen, was als Franzas Sprache zu bezeichnen ist, nicht einfach. Im dritten Kapi tel falle i) allerdings Stellen auf, die im GegensatZ :turn Präter itum a ls all gemeine Erzählzeit überwiegend im Präsens geschrieben sind. Diese teilweise in der Ich-Form gesc hriebenen Textpassagen so llen Gegenstand de r folgenden D.ll"Slellung sein. Es gibt sie ben solcher Mo nologe Franzas,)7 die th ematisiere n, was Franza in der Wüste will und macht und durch die sic h d.1S Zurüc kkehren der magischen Sprache belegen läßt. Im ersten Nlonolog Wird die Erfahrung der Ursprünglichkeit refleklin·t. Es is! ei n Wortfeld mit den Substantiven Becher, Wasser, Saiacbitiller, FISCh, Hu nger, DlIrst für di e Nahrungsaufnahme auszumachen. Diese Verdichtung der Sprache qUJlifizien ihren Gedich tcharakter, - e ine Poesie, in der das Erl ebe n Franzas du rc h Parallelsetzungen beschrieben wird. Die ersten Sätze fol ge n dem Schema Fragepronomen (im Nominativ), Verb (3. Person Singular Präsens), Objekt (im Akkusativ), Objekt mit Präposition. In der f..litte des erSten AbschniLLs wird d.tnn die Syntax beschnitten. Defini te Verben fallen heraus, es bleibt ein Subjekt (im Nominativ) und ein Verb (Partizip 11) . \'(fichtig ist, daß durch die syntaktische Kürzu ng die Emu/worte an Gewicht gewin nen! Die elementaren Dinge werden aufgewerte t " Hunger, Durst, wiederentdeckl, [ ... ] das Zie l wiedergewußt" (91), im Gegensatz zu den lap idaren Dingen: "Wer fürchtet hier die von den Weißen katalogisienen Bakterien" (i bid .). Durch die Aufwentlßg der Einze lwön-er zeigt sic h eine sprachliche Steigerung bei Franza. Im drillen Monolog wird das Wiederfinden der magis<..heil Sprache der Kindheit und die \V/iener Signifikatssprache them,nisiert. "Alle Stenze" (103) als Symbol für die Sprach fähigkeit im Sinne der Ursprünglichkeit sollen angeziindet werden, die Sprach fähigkei t ;llso wieder au fleh en . Diesem Z ustand w ird antithetisch mit den SchattenJahTen der alte Sprachzustand in W ien hinzllgesrelh. Das Wicderauneben der magisc hen Sp rache zeigt sich im vienen Mono­ log durch die bildli che Sprache im ersten Abschnitt. Im zweiten \06 Focus on Literatur Abschnitt des ~lonologs kehn mit der ~ I achl der Weißen die Zerstönmg in Franzas Sprache zurück, so daß die Unmöglichkeit einer remen WIederbelebung der alten Sprache sinnfällig wird. \'(las einmal zerstön ist, läßt sich auch mit myst ischer Erfahrung lind Selbstexperimenten nicht wieder zurückholen, besonders dann nicht, wenn, wie bei Franza, die Zerslörung in Form der gebliebenen Verfolgungsangstdie Wahrnehmung beeinOußt. In beiden Abschnitten des vierten Monologs herrscht ein 'semamisch angere ichertes' Vok.lbu\u \"or,1S beispielswei::.e Totenstadt, tausend Sphinxe, lausend lrIu/derschädel. Reinheit vor Augen im ersten, und Paragraphen, AlibI, Mmell Ihrer Intelligenz, Plänen und Machen$cha/ten im z.wellen Ahschllitt. Diese Wortfelder, die semantisch viel transponieren, und .lUch die lyrisch anmutende synta ktische Struktu riertheit im ersten Mono­ log belegen eine aufwendige 'Durchkonstr uierung,' die sich als W iederkehren der magIschen Spracbe, der Kindheitssprache Franzas qUJ lifiziert. Im fünften tl/lonotog, in dem bezeich l"ienderweise ein Weh sieg der Weißen apokalyptisch reflektiert wird, läßt die~e aufwendig konstruierte Prosa zugm1Slen einer weniger aufwendigen Prosa nach. Der wichtige sechste ~Ionolog beinhaltet Franzas Reflexionen über ihre Schmerzen und die Auswirkungen der Zerstörungen. Es wird hier der unvermeidliche Einbruch der übermächtigen Zerstörung offenbar. Der Zerstörung ist schon kein sprachliches Gegengewicht mehr gesetzt, so daß sie ohne Widerstand weiter auf Franza zugre ift. Die Körpersymp t omati k komm t amplifiziert wieder, we il die Sprachf:ih:gkeit nachläßt, der Schmerz nimmt sich den Körper. Am Ende kündigt sic h der Tod an. In der Nacht, in der Franza st irbt, ist im letzten fo. lonolog die magische Sprache noch einmal verringert vorhanden. Die Suche nach der magischen Sprache vollzieht sich also über die Stufen Zustand der Zerstörtheit - Korpersprache - geologISche FaclJSpr'1che - Ursachen der Zerscönmg - Kmdheussprache (- magISche Sprache) und ist, gemäß einer neg.uiven Ontologie Franz.as, Ergebnis der literarischen Subjt:k temgenzung im Schreibprozeß. Mit dem Erre ichen der magischen Sprache ist gleichzeitig der Prozeß der Rekonstruktion von Zerstöru ng abgeschlossen, weil der Urwsund erreicht bz.w. kurL wiederhergestellt ist. So spiegelt sich die Suche (der Autorin) nach der schreckl ichen Poesie im poetischen Text: Ingebarg Bachmans Der Fall Fr.mzd 107 Bachmann vollz.ieht also die Suche nac.:h JerschrcckJichen Poesie durch die Protagonisull und somit ist die von der PrOlagonistin gesuchte magische Sprache (auf der Handlungsebene) die (sichl~are) Ikone. zu der von der AUlOrin gesuchten (verborgenen) schrecklichen PoeSIe. Obwohl das Zurückholen der m.lgischen Sprache auf der sicillbaren Ebene nur kurL gelingt, weiSl diese Anno:hrung ikonisch au i die schreckl iche Poesie, d ie wiederum der Textstruktur imma· nent ist und zwar unabhängig davon, d,tß die SprJ.che Franzas fornul den Status von Monologen Int. Die DialogstruklUr des Textes fungIert me hr auf der Inhaltsebene und hier in bewg duf die l-.lonologe integrativ und nicht seperativ. Diese Annäherung an dLe gesudlle schrecklIche PO/!iile .lurch die literarische Subjektentgrenzung im Schreibprozeß hat ihren PreIs: FranzJ. kommt n:imlich nicht nur die Opferrolle :tu. Die Subjekt· clllgrcnzung iSl auch e in Gewallakt. Fr:lJlza will in Jer Wüste einen Ve'YSlIch mit sich durch führen, obwoh l sie gen:m dJ.s an Jord.tll vemneih. Des weiteren inStnllllent.lhsien Franz.a ihren Bmder ~lar­ tin, indem sie ihn zwingt, sie mit 111 die Wüste zu nehmen, thmit sie den Versuch machen kann. Und - BJc.:hmann nlJ.cht es in der Vorrede deutlich· Franl.3 zwingt fo.tanin eine neue Denk- und Lebensweise auf und hat letztlich aus ihrem Bruder einen anderen ~Ienschen gcmJclll, weil ~ l artin "sielt zulelz.t umentschlLeßen wird, dieZeitalter zugu nsten des Zeil;J.lters aufgibt llIul fhstonker Wird" (9). [Hervorhebungen REW]. Was hier :lls Willensakt fo rmuliert wird, geschie ht nicht ganz freiwil lig und ist auch Gewalt an ei nem Menschen. Fr