Focus Fall 1996.tif Wir möchten schöne, gehaltvolle Bücher für geistvolle Köpfe herausgeben GESPRÄCH MIT DEM VERLEGER A LBERT VÖ LKMANN Albert Völkmann,geboren 1939, leitet seit /989 in Miincbell den licerarl$ch ambitionierten A 1 Verlag, der neben den Werken zahlreicher deutscher AUlOrinnen lind Aufm"en auch intemalionale Literatur verlege. Eine tuwi ,ische Geschichte 'VOu Galsan 75chiflag, Adel Karasholis Also sprach Abdu ll a lind auch Remhard Willmanns Auf genickten Straßen: Literarischer Neubegin n in München 1945· 1949 Sind einige der Biicher alls dcm !-{eTbsl-Programm von 1995. Das Gespräch mit Völkmann führte Alexander GroS! von der Ludwtg­ Maxlnllhans-Univenitäl in Miinchen. Gross: Kann es sich ein kleiner Verlag heule überhaupl noch leisten, anspruchsvolle Literatur zu publizieren? Völk mann: Wir gehen als Verlag ins ominöse siebte Jahr und haben uns beim Biichermac:hen bisher mehr von literarisch-inhaltlichen und ästhetischen Absichten, denn vom knlden Kam mer, lei ten lassen. Der mit dieser Einstellung verbundene Seibstausbeullll1gs-lledonismus hat uns zwar viele gel iebte literarische Kinder und Anerkennung beschert, aber auch wir gelangen zuwe ilen zu der Erkenntnis, daß Ehre ohne Geld sich zu einer bedroh lichen Krankheit auswachsen kann. Wir müssen uns deshal b in Zukunft verstärkt dem Umsatz widmen und uns auf die Suche nach der durchaus no..:h vorhandenen klugen Leserschaft begeben. Dabei aber wollen wir unseren eigenen Kopf behahen, ca man ja einen fremden nicht zu leihen bekommt. G rass: Wie schätzen Sie die heutige Si tuation deutsche r Autorinnen und AulOren auf dem Buchmarkt ein? Völkman n: Diese ist so miserabel wie der derLeitige geistige Zustand der gesamten Republik, in der viele ihren Kohl mit mehr Sorgfah ziehen als ihren Verstand. Leider - auch schriftstell erische Menschen Focm on Ultra/ur Vol. 3, No. 2 (1996) 198 FOCltS on Literallir si nd Teil der Gesellschaft, in der sie leben - passe n sich viele diesem Klima an und verwechsel n dabei ihren eigenen inneren Zustand mit dem de~ Well. Da~ dien~ nic~t der Aufklärung. Die Konzern-Verlage versch limmern diese SIlUal lOn, indem sie mit nPferdenüsterern," "Geliebten Lügnern" und "Mondphasen;' den so mnambulen Markt bedienen und mit spe ktakulären Lizenzgebühren Rechle an schlaffer Software erwerben, um sie mit weiteren Werbemillionen zu Seilern zu machen. Sie nutzen die Illusionsbereitschaft der Mer.schen. Literatur aber entsteht, wie jede neue Energieform, nur im Widerpart, beim Zusa~nmenslOß mit der Wirkl ichkeit und kann d:lnn Kunst, Mythos, Poesie, neue Realität werden. G rass : In diesem Frühjahr ist in Ihrem Verlag der Roman Mltllerkom erschienen . Was hat Sie bei Karlheinz Barwassers Text Zur Aufna hme in Ihr Programm bewogen? Völkmann : In unserem Verlag entscheide ich ni cht allein übe r das Progra~m, aber wir waren uns einig. Es ist d ie literarisch überzeugende Form, III der Barwasse r das Un.h ema einer kunstvoll spinnenhaft verwobe~en, sinnli~h ~ ufgeladenen rvl utter-Sohn-Beziehung ,\ufgeschneben hat, mIt emer fast assoziativen Sprache, die semem Gedankenstrom folgt. !Huuerkom ist ein wirklich bemerkenswertes ein fantastisches Stück Lüeratur, dessen Qualität hoffentl ich von de; Kritik, auf die ein Buch als Millier doch angewiesen ist, erkannt wird. Kritiker verstehen sich zuweilen ja leider als verhinderte Poeten. Sie sollten im Idealfall jedoch Geburtshelfer der Poesie sei n und als Totengräber nur dann auftreten, wenn es sich beim zu Beurteilenden wirklich um vertrocknete Buchstaben und Wort-Asche handelt. G ross: Woraus resultiert das Übergewicht ausländischer, vor all em anglo-amerikanische r Literatur auf dem deutschen Buchmarkt? Völkm ann: Ein ~eites ~e1d, und deshalb vielleicht nur ein Aspekt dazu. Jeder Autor," und Jedem Autor stehen als Ausdrucksmittel nur Buchstabe~, also die Sprache zur Verfügung, mit der Welt angee ignet und v enlllttelt werden kann . Nun umrundet. se it j ahrze hnten funkt.ions~üchti~, uniforme Konsumkuhur, deren Idiom das Anglo­ amerikanIsche Ist . den G lobus und best immt die Lei tlini en und Gespräch mit Albe rt Völkmann 199 ästhetischen Wenvorstellungen eines Großteils der Menschen. Diesem Lebensgefühl vennögen am ehesten diejenigen Ausdruck zu verleihen, die unbefangen und selbstbewußt di e Mittel des Marktes einsetzen. Ih re Vorgehensweise verleiht ihren Produkten den Anschein von Kraft lind Authentizität , die Mensc hen können sich in dIesen Büchern wiedererkennen. G ross: Welche Perspektiven sehen Sie nach dem hier Ausgeführten für die Zu kunft Ihres Verl ages? Völk m :lIlll: Lichtenberg hat einmal geschrieben, daß, wenn ein Buch und ein Kopf aufeinanderstoßen und es hohl kl ingt, dieses ni cht un bedingt am Buch liegen müsse. Wir möchtcn auch weiterhin schöne, gehaltvolle Bücher für geistvolle Köpfe herausgeben und hoffen, um auf Ihre Eingangsfrage zurüchukommen, uns di eses noch lange leisten zu können. denn es gibt sie n och , we nn auc h im Sc hatten hochglanzpoli erter Besrsel1ertürme, die guten Bücher, über die man! frau den eigenen H orizont orten und auswciten kann . Zuweilen ist eines von uns danlilter, da bin ich ganz sicher. München, Mai 1996