Focus Spring 1997.tif VIII graduate students-wha are abaut to enter the "real professional" world- to have scholarly forums such as journals and conferences dedi­ cated to their needs, where ideas can be exehanged and discussed among peers. I am cenain that this year's Second Annual Graduate Student Conference organized by Focus on L iteratu r, to be held on Oetober 10-11, 1997, in the newly opened Max Kade German Cultural Cen­ ter, will be a great succeS$. Ir is open to the public and I would like to encourage graduate students from a11 ove r the country and in Ger­ man-speaking countries to panicipate in such conferences. Britta Kallin "Mauern haben sich überlebt" : Die Unmöglichkeit der Identitätsbi ldung durch Andere in Grass' Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus! Silke R. Falkner O n Orientalism zeigt Edward Said, daß "the development and maintenance of every culture require the existence of another, different and competing alter ego . The consuuction of identilY . involves the canstruction of opposites and 'adlers' whose actuality is al ways subject to the continuous interpretation and re-interpretation of their d ifferences from ' us'" (A fterword 33 1-332) . Mit dem leitmotivischen Satz. "Asien ist anders" (169) setzt Günter Grass' 1980 erschienenes Kap/geburten eine Konstruktion des Eige-aerl anhand des Anderen in Szene. Doch inwiefern gelingt diese Konstruktion? Kann hier durch diesen Mechanismus Identität geschaffen we rden? Diese Frage so ll im Zentrum der Diskussion des einer Vorlage zu einem Filmmanuskript ähnlich konzipierten Textes stehen. Ähnl ich wie bei dem vo n Jürgen Rothenberg mü: "Nichts scheint hoffnungsloser als der Versuch, den Inhalt des 'Tagebuchs' referieren zu woBen" (113) kommentierte Aus dem Tagebuch einer Schnecke, lassen sich die versch iedenen Hand!ungsebenen von Kap/geburten, das wir auch als Reflexion über ei nen möglichen Roman bezeichnen können , kaum zusammenfassen. Es geht unter anderem um Döne und Harm Peters, Lehrerehepaar aus Itzehoe, die sich im Sommer 1980 auf eine Stud ienreise nach Indien (Bombay und Manori), Thailand (Bangkok) und Tndonesien (Java, Bali) begeben. Von der Übernachtung bei einer zwölfköpfigen Slum-Familie in Bombay bis zu Dörtes Annahme naturreligiöser Fruchtbarkeüsriten au f Bali befindet sich im Reisegepäck der beiden sowohl die Sorge um den bevorstehenden Wahlkampf u m die Kanz lerschaft in der Bundesrepublik, als auch die Frage nach einer Entscheidung für oder gegen ein Kind . Politische und persönliche Diskussionen verknüpfen FOCII> on Literatur Vol. 4, No. 1 (1997) 2 Foem on Lilerallir sich mit der Erfahrung des F1'emden. Während Saids Oriencafism sich hauptsächlich auf di e vom \'('esten ausgehende Konstruktion des Arabers konzentriert lind unter "Orient" die Länder Vorderasiens ei nschli eßlich Ägypten und im wei teren Sinn das Gebiet der islamischen Kultur versteht , bieten Indien, Thailand und Indonesien Grass' Text die Anderen, die zur Konstmklion des Eigenen benötigt werden. Sogar Afrika, schlägt Harm zu Abschluß der Reise vor, könne sich dazu eignen; "vielleicht klappte es [die Entscheidung für oder gegen ein Kind] beim nächsten Trip. Durch Zentral-Afrika oder SOH (235) . Ein Anderes kann durch ein anderes Anderes substituiert werden. Da im Text auch "die Frau" Andere ist und sich hier drei kaum voneinander trennbare Gedankengänge verk nüp fen, soll der Saidsche Ansatz. mit einem femin istischen Blick ergänzt werden. Sigrid Weigel se t z t ihre eigen en Bemiihun ge n um ei n e femin isti sche Literaturwissenschaft von Theorieb ildungen ab, die sich auf ande re Andere beziehen. Das betrifft sowohl die "Kategorie des' Außenseiters'" (" Blick" 86), die Untersuchungen über Subkulturen, die marxistischen Erkenntnisse über die Relat ion zwischen Proletariat und der ihm entgegengesetzten Klasse, als auch das Verhältnis zwischen Kolonialisierten und KolonisatOre n . Aufgrund der spezifi schen Position der Frau im Patriarchat - "nämlich innerhalb der bestehenden Kultur als Teilhaberin dennoch ausgegrenzt und umerdriickr zu se in" - seien die genannten Theorien nicht übertragbar (" Blick" 87). Das heißt jedoch nicht, daß eine Übe rlage rung von den sogenannten uWilden" und "Frauen" nicht stattfindet. Weigel selber untersuch t dieses Ve rhältnis im gleichnamigen Kap itel von Topographie'J der Geschiech,er. So ergibt sich , daß , erstens, die fremden mit sogenanmen "weiblichen" Eigenschaften belegt werden können . Zweitens fungiert die "Frau" selbst als A ndere zum Mann/Menschen. Driltens nimmt sie gleichzeiti g, rezeptiv und konstitutiv, teil an der Tradition, die nicht nur sie selbst, sondern - in diesem Falle Asiaten als - Andere konstruiert. Da alle drei Vorgänge in Grass' Kop!gebltrten thematisiert werden, sind sie für eine Analyse bezüglich der Konstruktion von Identität zu beleuchten. Tm Text entsteht ei n Bild der Dritten Welt als "weiblich" - mit den Konnotationen von Schwäche, EmOlionalität und SinnlichkeiL Der durchgehend diskutierte Bevölkerungszuwachs weist auf eine Andere in Grass' KopfgebltYlerl J "zügellose Sexualilätn hin, die sich von der bewußten FJmilienplanung D örtes und Harms unterscheidet. D ieser Gegensatz zwischen Ost und West entspricht genau dem tradi tionellen binären Gege nsatz von weiblicher Zuchtl osigkeit und männlic her Ordnun g. Die weibliche Hauptfigur identifiziert sich mit de n Frllchtb.lrkeitsrilen der Naturreligion, zeigt also eine irrationale Einstellung, während der Mann ewe Abneigung dagegen entwickelt und Angst davor leidet; ja, sogar zum autokratischen H elden wird, um auf el11Cm Vulkan den "Geistern" und "Dämonen . .. den Kampf anzusagen!" Lind "[j]eglichen Aberglauben ... 3us[z.u]rouen!" (203). Dön e erschafft jedoch auch ihre Anderen, indem sie die Bewohner Balis als 'edle Wilde' zu SexuaJobjekten degradiert . worauf später zuriickgekoDUllen werden soll. Mit den Worten aus Mmitgeb rachter Distanz be tei li gt, bescheiden überlegen, aufmerksam, angest rengt frei von Ekel" (161) beschrei bt der Er.tähler seine eigene Verfassung beim Aufsuchen einer H ungerregion, lind ähnl ich sollen sich die Studienräte aus Ilzehoe auf ihrer Asienreise verhalten . Wie der Erzähler so ll en sie "fremd dazwischenstehen und schwitzend die Wirklich keil mit der Sutisli k vergleichen" (146). Harm interessiert udas Soziale: von jedermann will er den Stunden- oder Wochenlohn wissen; sie {Döne] möchte schulische Faklen in ihrem Tagebuch sammeln" (1 47). Der Er.tähler kritisiert Dörte, Harm lind sich selbst, wenn er dieses Ve rhall en iro nisch kommentiert: "Der neue Hochmut : Wir kommen , um .tu lernen . .. " (146). Bald schon gelingt es weder der Frau noch dem Mann, die "Fakten" als solche zu registri eren: "Der ganze Z,lUber hier" (175) erregt Hanll erotisch, die Natur, die Frauen, das Meer, "einheimische Frauen, die junge Kokosnüsse und Tee servieren. Ihr Tuchgewand haben sie zwischen den Beinen geknO(el .. " (ibid.). Döne wi ll plötzlich ei n Kind "mit dem Bauch, nicht nu r mit dem Kopf" (i bid.). Sie leistet dem ' Kreatürli chen,'2 dem Emolionalen Vorschub. I-Iarm, der eigentlich "den bundesdelllschen Polit-Streß" (215) hinter sich lassen wollte, kann und möchte jedoch auch hier "seinen Kopf nicht auf Urlaub schicken" (175) und entwirft eine schreckliche Zukunft für das Kind, die sich in D eutsChland abspielt. Zwischen dem Eindmck der Überbevölkerung, des H ungers, der Slums und de r Fischerdörfer l ndiens geht es Dörte und Harm um ihre "Kind Ja ... Kind Nein" 4 FOCl/S on Literatur (162) Entscheidung.) Sie benutzen ihre Eindrücke, um zu einem Emschluß zu kommen und scheitern. Wie das im Text ständig sich wiederholende "Einerseits - Andererseits,"" wie die Ansätze zu einem PIOl, die zu keiner geschlossenen Erzählung führen, so dreht sich auch die Kind-Diskussion im Kreis. Durch Vor- und Rückblenden des Erzählers wird deutlich, daß diese Diskussion bereits in Itzehoe stattgefunden hat und weiler in Itzehoe stattfinden wird. Das Paar kommt zu keiner Entscheidung, die sich aber doch als eine solche entpuppe Keine Entscheidung bedeUlel hier kein Kind, denn dieses soll nur gezeugt werden, wenn das Paar "voll" dahimerstehen kann; aus diesem Grunde wurde bereits früher eine Schwangerschaft im zweiten Monat abgebrochen (151) . Der Mann und die Frau verhalten sich in d ieser Diskussion unterschiedlich. Für die schwankende Döne bedeuret das Kind manchmal das "Kreatürliche". Dann stell t sich die Schwangerschaft so vor: "Schwanger, dick, rund lind kuhäugig will ich werden. Und Muh sagen. Hörst du! Muh sagen" (159). Bei dieser Überlagerung von Natur und Schwangerschaft erschei nen die "Asier" als "natürlich". Döne erweist sich dann auch als diejenige, die ihre distanziene Haltung aufgibt und sich de r Gaslkultur annähert, Auf "der Insel Bali kippt die eher sachliche und allenfalls fakten besessene Studienrätin ins Übersinnliche; sie fährt, mit Harms Wonen, 'auf ihrem religiösen Trip ab'" (182). Döne möchte jetzt ein Kind zur Welt bringen und trägt mit "balinesischen Frauen ... blumengeschmückte Reisschälchen zu Opfenempeln unter heiligen Bäumen, in denen jewei ls eine weiße, fruchtbringende Frau wohnen soll" (181) . Schließlich geht es noch zu ei ner Fledermaushöhle, in die Döne ihre Antibabypillen wirft: "Tn der H öhle, deren Schwärze sie unabsehbar macht, soll es eine Schlange oder die Göttin in Schlangengestalt geben" (184). Diese Schlange, die später um Dönes Bein geringelt erneut auftritt, ist bezeichnend, wei l sie die "Kopfgeburt" des Erzählers, Dörte, mit Athene gleichsetzt , der die Schlange ein heiliges Tier war. Döne "kennt ... die Riten und hält sich an Tabus" (183). Die Riten und Tabus sind die der Balineserinnen, die Dörre sich für ihre Zwecke aneignet. Dies wi rd deutl ich, als vor der Höh le ein St reit stattfindet. Harm, der kein "irrationales Kind" zeugen möchte (182), setzt sich von sowohl der Frau als auch den Anderen ab, indem er schreie "Ich will bewußt ein Kind machen. H örst du. Nicht auf die Andere in Grass' Kopfgebl/rtcll 5 hinduistische Tour!" (18S). Darauf Döne: Und ich krieg das nicht hin milullserer Scheiß-Vernunft! Ich muß mich lösen, muß mich fallenlassen. leh will d,lS andere, das mir von innen, ne in, von außen, jd, bch doch, das Übersinnliche, ich meine, ich muß sie spüren, die göttliche Kraft irgendwie (ibid.). In diesem Gestammel drückt sich das Bedürfnis nach einer sich nicht einzig durch Kopflastigkeit auszeichnenden Identität aus, aber auch die Un möglichkeit, eine solche Identität zu konstruieren. NdCh der Auseinandersetzung verweigert sich Harm sexuell lind al'gllmentien: "Es ist deine Filldn in die religiösen Muster, die mir auf den Schwanz schlägt ... Ich muß wohl mei n Soll erfüllen, Das ist LcisttLngszwang. Das, genau das, wenn ich nicht will ode r kann, ist Fremdbestimmung. Und zwa r aus religiösem \'<'alm. Das hat doch niclns mitillir zu tun. Das kannst du doch von sonst wem kriegen" (186). Er kann Döne, nachdem sie sich , wie er es bezeichnet, "rel igiös ausgeflippt" verhält und ihn als "Zuchtbulle" (223) braucht, nicht mehr lieben. Letztendlich überwiegt auch bei Dörte wieder der Kopf: "Entschuldige, ich finde das ja auch albern, mein Getue" (2 15). Der Rückkehr nach Deutschland folgend ist es H.IrI11, der mit erstaunlicher Gefühlskälte die während der Abwesenheit geborenen Kätzchen im Badez.immerertriinkt: "Den Rest besorgt Harm. Er macht das disk ret im Badezimmer der Ahbauwohnllng. Man hön nur das Wasser rauschen. Mit einem Plastik beutel kommt er z.u rück, den er in der Küche ., in einen Müllbeutel einsackt . 'Morgen,' ruft er, 'wird das Zeug abgeholt!'" (255-256). Dörte zieht sich mit ihren asiatischen Mitbringseln z.urück lind verbalisiert ihre Hilflosigkeit der Situalion gegenüber, in d ie sie nicht eingreift: '" Im Wohnzimmer sitzt Dörte im Sarong tränenlos. Sie hat eine Schallplaue im.l ischer Musik aufgelegt. Die graue Katze slreicht auf weißen Pfoten durchs Zimmer. Sie miaut. Döne sagt: 'Ich hab Angst, Harm. Vor uns, vor .lilcm'" (156). Dörre ist eine Konstruktion des Erzäh lers, der sich als Mann in ihr eineA/cerlrät schafft. Er selbst konstiwiert sich teilweise aufgnmd der Differenz zwischen ihr und ihm - und teilweise au fgrund einer Identifi kati on mit Döne, die im Kontrast zu Harm die gleiche 6 Focus on L ileralltr Reiselektüre liest wie er. Scin Wunsch nach Identifikation findet auch in der Bewunderung Ausdruck, die er im Zusammenhang mit dem häufig aufgenommenen Strickmotiv zeigt: "Gäbe es sie als mäch ti ge Organ isation, die Internationale strickender Frauen, häuen Männer bald das Zugucken nur" (259). Das Stricken benennt die "trad itionelle" Rolle der Frau, und in diesem Text erinnert es an die Nornen, die drei Schwestern des germanischen, oder die Moiren, die des griechischen Mythos, die das Schicksal weben, dem niemand entrinnen kann. Während der Erzähler die Zeit an sich thematisie n , die "Vergegenkunfr", entfaltet sich der Eindruck einer z.eitlichen Kontinuität sowohl am Beispiel seiner strickenden Frau, die "am Faden geblieben" war, während sich seine "Gedanken knäuel im sperrigen Gegenwartsmüll verliefen" (ibid .). als auch durch die dreifach wiederholte Aufnahme des Motivs im Zusammenhang mit weiteren Frauen. Neben ihrer Funktion als Andere themat isien der ErLähler die Position der kaukasischen Frau, die traditionell über andere Andere verfügt. In der Konfrontation mit dem Fremden zeigt nicht sie sich als Kolonisierte. sondern die Menschen der "unterlegenen" Kultur. Gerade hieran verdeutlicht sich die doppelte weibliche Perspektive: als außerhalb des patriarchalischen Systems und gleichze itig in ihm stehend. In Kopjgebl/rlen wird das am deutlicilSlen, als Döne mit dem Gedanken sp ielt. den sell:uell unkooperativen Harm mit einem Mann aus e.iner Gnlppe von Balinesen zu ersetzen. "womöglich geht sie m it nordische r Entschlosse nheit ganz na h ran an die Grup pe. sucht zwischen den Sanfräugigen den einen. den geeigneten. entscheidet sich sogar - wie anmutig er lächelt" (224-225). Sie will ihn. auf Anregung ihres Reisele iters Wenthien, als Sperma-Spender verwenden _ Der Plan wird jedoch nicht ausgefühn: Dörre "rollt ihren Wunsch ein" (225), nimmt ihn zurück. da der Erzähler festgestellt hat. daß er diese Plot­ Em wicklung ablehnt. Der" Autor als Romanfigur" , wie lrmgard Elsner Hunt ihn nen nt (148). thematis iert die Beziehung zu seinen "Kopfgebunen" Dörte und Harm Peters in se iner Kritik an der Perversität einer "Kopfgeburt," obgleich der Text weiter e ine solche bleibt. "Kopfgebunen" bezieht sich auch auf den Roman Der Bult, in dem de r Erzähler metaphysisch den Roman bzw. eine Einsicht oder Vorsehung über die Geschichte der Menschheit und ihre Zukunft Andere in Grass' Kopjgebtmen 7 gebiert, nachdem er von seiner Frau gesc hwängen wurde. Dies geschieht in Anlehnung an die griech ische Myd1010gie. wo die ewig jungfräuliche Pallas Arhene. Schutzgötlin der Helden. der Städte, des Ackerbaus. der Wissenschaften und Künste aus Zeus' Kopf geboren wird. Der Erzä hler bezeichnel dieses Konstmkt als einen "Widersinn. der männliche Köpfe heutzutage noch schwängen" (142). Er selbst geht also auch wieder schwanger - mit diesem Text Kopli!.eburwn. Wir erinnern uns der Schlange, die sich um Dönes "linkes Bein geringelt hat" und Athenes heiliges Tier heraufbeschwön. In Alhenes GebUlt durch den Kopf Zeus' manifestiert sich eine Inversio n pelasgisch er matriarchal ischer Religionen, die eine weibliche Gouhe il an den Anfang und in das Zentrum der Welt srell ren.s At hene wmcle Schutzgöttin von Athen durch ihre Funktion als Ziehmutter Ericlnh6n ios. dessen Vater HephaisLOs ihn durch Befruchten der Erde gezeugt hatte. Der weibliche Anteil an diesem Mann ist also in zwei Fun ktionen gespalten. eine geb:irende. Ge oder Gala. und eine aufziehende, Athene. die hier als Kriegsgöttin auftriu . Athene erwe ist sich nicht als der einzige Ausdruck dieser Aufspaituilg des Weiblichen in den Gründungsmythen, die auf eine Trennung des Weiblichen in das "Wilde." das "Ungeheuer" einerseits und die ent­ sexualisiene Gattin und Mutter in der Stadt ande rerseits hinausläu ft. Quasi als Voraussetzung für die Zivilisation verkörpert dabei die Stadtmauer die Grenze. Der Mann erfähn, so Weigel, beide O n e: "ln der Stadt herrschen seine Gesetze, während er sich draußen den Naturkräften ausgesetzt erlebt . Der Held fungien als Subjekt einer Zivi lisationsarbeit, bei der die Gründling der Stadt zum Ordnungsfakror wird. indem sie die wilden Anteile "weiblicher Natur" aus ihren Mauern verba n nt" (Topographien 159). In Kop/geburten entsteht in der Zukunftsvision Dr. Wenth iens, d es Reiseleiters. ebenfalls eine Mauer, die hjer jedoch die Grenze zwischen der Dritten Welt u nd den sogenannten "zivilisierten Ländern," den lnduslrie­ nationen, darstellt. Er beschreibt, wie Asiaten einen Massenein­ wanderu ngsstrom nach Europa bi lden: "allmählich, in Schüben. dann in Wellen. sch ließlich unaunlaltsam" (218) . Sie. die "'sich ordentlich und nicht mittels Kopfgebunen vermehren" (ibid.). werden sich mit den vom Aussterben bedrohten Deutschen mischen. Wemhien, der eine Abwehl'reaktion der Deutschen voraussieht. mokiert sich darüber: " Ihr wo lh euch n icht mischen? Ihr german isch-slavisch-kel tischen 8 Focus on Literatur Mischlinge wollt reinrassig, unvermischt bleiben? ... \Vir bleiben, wie wir sind! schreit ihr. Dichtmachen! schre it ihr. Den Laden zumachen! Abschotten! Einmauern!· Daß ich nicht lache. Als wenn Mauern noch Sinn geben könnten. Als wenn Mauern dieser braungelbschwarzen Flut gewachsen wären .... Mauern haben sich übe rlebt" (219). Die frö hlich sich fonpnanzenden, durch Wenthiens Repl"odukl io n der Dichotomie durcha us mit "femi n inen " Chanktereigenschaften wie "grazile[r] Lebhaftigkeit" und "Sanftmut" (218-219) belegten Asiaten sind durch eine Mauer, die Zivilisation von Natur trenlH, nicht mehr zu sLOppen, eine Situation, die Wenth ien zelebriert. Das positive Resultat der Min durch Mischung verfeinen er Ausgabe der Deutschen" (219) steht im Gegensatz zu der ebenfalls von Wenthien entworfenen Schreckensalternative, nämlich der gelungenen Abschonung und "Beschränkung" durch "'mehrere tiefgestaffelte Strahlenwälle, die ... ganz Europa sc hützen" (221). Auch der Erzähler selbst übt Kritik an einer von Deutschen gezeigten Tendenz, die er als "westliche[n] Hochmut" bezeichnet, nämlich Asien (in diesem Fall C hina) mil europäischen Maßsläben zu messen: "Stem- und Spiegel-Reponer zä hlen Mädchen in Röcken, Dauerwellenköpfe, Lippenstiftspuren, und ähn liche Attribute westlicher Liberalität, fotografieren sie ab, vertexten sie und lassen ihre vorgefaßte Meinung zur falschen Information gerinnen" (273). Nicht allein eine fragwürdige Pressepolitik, sondern auch die Internalisierung westlicher Standards von chinesischen Frauen wird problematisiert. Selbstkritik hören wir gleichfalls von Döne und Harm, die zeitweise ihre besserwisserischen "Erkenntnisse" k ritisieren: "ßeide sagen: 'Bevor wir hier Meinungsfreiheit fordern, sollten wir lieber zu Hause'" (174). Hier manifestiert sich eine Absage an einen Fortschritt, dessen Prozeß die Unterdrückung von Frau/Natur, die Abspaltung und Ausgrenzung des "'Wilden," "Barbarischen" beinhaltet. Grass wendel sich ab von dem noch im Tagebuch eineT Schnecke vorgebrachte n Plädoyer für den langsamen, risikogeri ngen Progreß. Stattdessen erschrickt der Erählerüher die Resultate des "Fortschritts," wie Nord· Süd-Gefälle und Bedro hung durch ökologisches Desaster, und korrigie rt sich in Kop/geburten selbst: "Es war mein Irrtum auf die Schnecke zu setzen. Vor ze hn ode r mehr Jah ren sagte ich: Der Fortschritt ist eine Schnecke. Die damals riefen: Zu langsam ! Das geht Andere in Grass' KOP!8ebm'ren 9 uns zu langsam! mögen (mit mir) erken nen, daß uns die Schnecke entglinen, davongeeilt ist. \'(fir holen sie nicht mehr ein. Wir sind im Rückstand" (241). Said stellt fest, daß "a very Iarge 1ll3SS of wrilers, :lmong whoi1l are poets, novelisls, philosophen;, ... luve ~l ccepled tbe basicdistinetion bct ween East and West as the stan ing point for elaborate theories, epics, novels, social descriptions, ami political accou nts concern ing t he Orient, ilS people, customs, "milld", dest iny, and so on" (Orientalism 2-3). Doch wird in KopjgebuTlen weder das Andere faßbar abgegrenzt, noch das Eigene erkenn ll ich - ''the basic dislinction" fällt also weg. Die Story fällt in sidl zusammen, sie wird so schlüpfrig wie die vergammel nde Leberwurst, die Harm einem alten Schulfreund nach Bali mitLlimmt. Der Text ist ein postmodernes Pastiche, in dem der Erzähler immer wieder kommentierend eingreift, fortwährend das Plot deko nstruiert und rekonstruie rt, den Schreibprozeß ausleuclnel lind demystifiziert, lind in dem er auch Dörte lind Harm nicht erlaubt, zu einer Entscheidung bezüglich des Kindes zu gelangen, sich zu entwickel n. D as "miueleuropä ische Gesellschaftsspiel 'Einerseits:lOdererseits,n (148) macht sie enlscheidungsunfähi g. Sie sind nach ihrer Reise ge nauso entfremdet sich selbst, einander und der Weil gegenüber wie vordem, sie haben i:1 Asien "nicllls und all es begriffen" (246) lind verlieren sogar ihre Sprache. Die Mög li chkeit der "Entwick lung" des Plots brich I zusammen. "\'(fie beim Slreit um die Kopfgebun Kind, wird abenmls die Zeit au fge hoben, schnurren Zeit un d O rt zusammen , ist alles gegen wä rti g; einzig die Leberwurst . .. ist fä hig, sich zu entwickeln, sich zu ve rändern : sie gammel t. All es übrige läßt sich von Itzchoe nach Asien und zurück schleppen" (216-217). Wiederholungen wie die dreimal erwähnte "Kaiser-Karl·Schule, kurz KKS genannt" (145, 217,270) verstärken den Eindruck der ewigen Wiederkeh r des Gleichen bei den LeserI nnen. Der Zeitablauf verwirn sich, was nicht nur durch die gebrochene Abfolge der Geschehnisse deutlich wird, sondern auch vom Erzähler thematisiert: "Es soll nämlich (wie in meinem Kopf, so auf dem Papier) alles gleichzeitig stattfinden"(21-1}. D iese H altung lind ihre Folgen werden zelebriert: "Wir haben das so in der Schule geierni: nach der Vergangenheit kommt die Gegenwart , de r die Zukunft fo lgt. Mir abe r ist eine vierte Zeit, die Vergegenkunft geläufig. Deshalb halte ich auch die Form nicht meh r rein lich. Aur meinem Papier ist mehr 10 FocllS on Literatur möglich. Hier stiftet einzig das Chaos Ordnung. Sogar Löcher sind Inhalt hier. Und nicht verzufrteFäden sind Fäden, die gri..indlich nicht verzurrt wurden. Hier muß nicht alles auf den Punkt gebracht werden" (233). Diese Form entspricht dem Inhalt der Identirätsve rwil'nmg, was durch den Erzähler folgendermaßen unterstrichen wird: "Wir können über die Inhalt gewordene Form reden: wie die Vorblende die Rückblende aufhebt und alles Gegenwart wird" (196). Das Anbieten von Lösungen wird verweigert, wie sich der Erzähler traditionellem Erzählen verweigert; die Konstruktion eigener ldentität unter Zuhi lfenahme der Konstruktion desAnderen scheitert. Harm und Dörte sind weiterhin "nicht einmalig, sondern zum Verwechseln" (246-247). So hat das Eigene, das s ich anhand des Fremden, des Anderen konstituieren wollte, eine Zerriittung erfahren: nicht nur Dörre und Harm, sondern auch den Erzähler betreffend, der sich in Dörre nur eine instabile Alterilät schaffen konnte. Vridhagiri Ganeshan stellt in dem Aufsatz "Giinter Grass und Indien - ein Katz­ und-Maus-5piel,n vor aUem bezüglich Zunge zeigen fest: " Indien als das andersartige Fremde ist für Grass ungewollt zu einem Mittel zur Verunsicherung des Eigenen geworden n (243). Diese Interpretation trifft auch auf Kopfgeburten ausgedehnt zu, wobei das "'ungewollt" dahingestellt werden sollte. Eine Epiphanie löst: den Schreibprozeß aus; Sprachlosigkeit als Symptom der Zerrüttung des Ez-ge7le7l, Manifestation der Verunsicherung, schließt den Text ab: Nachdem Dörre und Harm beinahe einen Türkenjungen überfahren hätten, der ihnen vor das Auto gelaufen ist, "komm en aus Nebenstraßen lind Hinterhöfen, von überall her immer mehr Kinder, die alle fremdländisch si nd . Indische, chinesische, afrikanische, heitere Kinder. Sie beleben die Straßen , winken aus Fenstern, springen von Mauern, werden zahllos. Alle feiern den kleinen Türken, der nochmal Glück gehabt hat. Sie umdrängen, betasten ihn. Sie klopfen den gut erhaltenen V\Y/ ab, in dem unser kinderloses Lehrerpaar sitzt und nicht weiß, was sagen auf delilsch" (270). McGill University Andere in Grass' Kap/geburten 1 1 Anmerkungen I Einige der hier angesprochenen Ideen wurden bei der IVG-Tagung 1995 an der University of British Columbia, Vancouver, unter dem Titel ~Die Anderen in: GünterGrass' Kop/geburten oder: Die Dellts(hen sterben 411S" vorgetragen. ~'Mauern haben sich überlebt': Die Unmöglichkeit der Identitätsfindung durch Andere in Grass' Kopfgebltrlm- wurJe bei der FoClls on LITERATUR Conference in Cincinnati 1996 geh.llten. Ich danke Adrian Hsia und Karin Bauer für ihre hilfreichen Kommentare und Ermutigung bezüglich dieses Projekles. l Vgl. Kopfgeburtm, 175 f. I Vgl. Kopfgebllrcen, 166, 171, 190, 197,224,228,233,246,258. • Vgl. Kop/geburtell, 147, 148, 157, 194,204,216,245. j Nachzulesen bei Robert Gravcs, Tbe Greek Myths: / (London: Penguin, 1960) bzw. in der Übersetzung: Roben von Ranke-Graves, Gnechische !dythologie: Quellen und Deutung (Reinbek: Rowohh, [960), sowie in neueren Arbeiten wie beispielsweise Elinor W. Gadon, The Onceand Flllllre GoddflS: A Sweepmg VimaJ ChronlcJeo//he Sacred Fem31eand her Reemergence In rhe Cll/lllre o/Our Time (San Francisco: Harper :md Row, 1989). Literatu rverzeichn is Elsner H unt, Irmgard. MVom Märchenwald zum toten Wald: ökologische Bewußtmachung aus global-ökonomischer Bewußtheit: Eine Ubersicht aus global-ökonomischer iiber das Grass-Werk der siebziger und achz.iger Jahre.- Ciincer Gr3SS: Ein e"rop3lScher A lUoT? Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik. 35. Hg. von Gerd Labroisse und Dick V.ln Stekenburg. Anmerdam: Rodophi, [992. 1 ~ 1-168. Gadon, Elinor \Y/. Tbe Onceand FlltlIre Goddess: A Sweeplllg VlSlu,J Chreliiele o/che Sacred Femaleand her Remlergence In du CI/fillreo/Ollr 7i·me. San Francisco: Huper and Row, 1989. Ganeshan, Vridhagiri. "Günter Grass und Indien -ein Katz-und-Maus-Spiel." Ciinter Grass: Em tl/ropiiucher AI/IOr? Amsterdamer Beitrage zur neueren Germanistik. 35. Hg. von Gerd Labroiss~ und Dick van Stekenburg. Amsterdam: Rodophi, 1992. 229 - 244. Grass, GÜnter. Kop/geburten oder: Die DeI/ISchen sterbe" 3/1S. Werkallsgabe /Tl zehn Bänden. Bd. VI. Hg. von Volker Neuhaus. Darmstadt: Luchterhand, 1987. 139-270. Der Bill/. Werkamgabe m zehn Bindeli. Bd. V. H g. von Volker Neuhaus. Darmstadt: Luchterhand, 1987. 11 Focus on Literatur Graves, Roben. The Creek Myths: I. London: Penguin, 1960. Ranke-Graves, Robert von. GYlechiJche Mythologie: Quellen und Deutung. Reinbek: Rowohtt, 1960. Rothenberg, Jürgen. Giinur Grass. Das Chaos In verbeS5erte~ Ausführung: leI/geschichte als Thema lind Allfgabedes Prosawerks. H eldelberg: Carl Winter, 1976. Said, Edward W. Aherword. Orienlalism. New York: Vimage, 1994.329- 352. _ . Omlllalism. New York: Vimage, 1979. Weige!, Sigrid. MDer schielende Blick: Thesen zur ,G:nese weibliche~ Schreibpraxis." Die verborgme Frau. Sechs Beitrage zu. ewer feml' Tlistischen LiteraturwISSenschaft. H amburg: Argument, 1988 . 83-137. Topographien der Geschlechter: KlIlwrgeschlChl/iche Studun zur Luera­ wr. Reinbek: Rowohlt, 1990. Life under the Table: An Investigation into the Themes and Insecurity in Günter Grass's Die Blechtrommel Jennifer Marston William ümer Grass's linguistic masterpiece Die B/echlyommei is a com­ plex labyrinth of intertwining motifs. An individual analysis of the various Lhemes present in the work should there fore preccde any holistic concJusions drawn. This seemingly overwhelming t3sk can be facilit3ted through an in-depth examination o f the usage of certain lexemes which support (he primary textual themes. As Noel L. Thomas remarks about the novel's protagonist, "Osbr speaks the language o f da llbt; the metaphorical language, despite Oskar and as it were unbeknown to Oskar, sornetimes reveals more than the narra­ tor himself" (59-60) . Ralph Frcedman asserts similarl y that "Grass's linguistic universe, which rdies so much on descriptive wards, point­ ing to thin gs or impressions, conforms precisel y lO a narrative world in which the surface of external events-their ch ronology, lheir his­ tory-conceals an inner dimension" (56). It is c1ear that (he ulilization of language in Die Blechtrommel must be scrupulously considered in any produetive analysis of the work. Thi5 investigation will foeus speeificall y on (he lexeme unler, in its function as apreposition as weil as a prefixoid, as it is employed in association with the lhemes of fear and insecurity in the novel. Güllter Grass utili zes tenns of spat ial reference in Die Blechtrommel to indicate om ooly concrete physical dimensions in the narration, but also to express Oskar Matzerath's longing for secu­ rity. The spatial preposition /Inter is an essential starting po int for an analysis of the extent to which Grass's language enha nces the theme of insecurity and fear in D ie Blechtrommel. Physical1y being lInder something implies, at least partially, t hat one i5 protected from dan­ ger and less vu lnerable. H ence, the frequeney of characters in the FOC/lSon Liuratur Vol. .. , No. 1 (1997)