Focus Spring 1997.tif 20 FoClls on LiteralIIr As a symbol cf Scodand, the bagpipes exemplify the fusion of the spatial-dimensional and the metaphorical ramifications derived from the morpheme lInter. In the case of the Matzeraths and the other ch,ar­ acrerS of the novel, lhey are aB subordinates, and the power wilich fo rces them 10 remain opp ressed is simply their insecurity and their rear of the human condition. An analysis of Grass's utiliz3tion of unter in Die Blechrromme/ reveals the significance bestowed upan the molifs of fear and inse~u­ rity . The application of lhis approach cnn be extended t? ather 1,10- guistic-thematic relationships within the text. As J. Harns Fredenck rernarks, the linguistic realilY in Grass's texts is "more poweT~ul , c~r­ tainly more durable lhan lhe historical realityH (257). On thlS baSIS, an in-deplh examination of key lexical elements marks lhe init ial step in gaining insight into rhe distoned yel su rprisingly believable realilY von tinten portrayed in Die Blechrrommel. Ohio State Univrrsity Works C ited Frederick, J. Harris. "Linguistic Reality-llisLOrical Reality: Genet, CeJine, Grass. H Neohehcon i·tl (1987): 257·73. Freedman, Ralph. "The Poet's D ilemma: The Narrat.ive Wo~lds of Gün~er Grass. H A Giinter Grass Symposmm. Ed. Lesbe A. WIllson. Austtn: U ofTex3S, 1971. 46-59. Grass, Güllter. Die Blechtrommel. Werkallsgabe in zehn Bänden. Vol. 2. Ed. Volker Neuhaus. D:trmstadt: Luchlerhand, 1987. Thomas, Noel L. Grass: DIe Blechtrommel. London: Grant and Cmler, 1985. ~llmer." Duden. Das Bedeuumgswörterbuch: Wortbildung Imd \\VorUchalz. 1985 ,d. "Unterschlupf. '" Duden. Das &dellclIllgswOrterbllch: Wortbddll7lg lind Wort· schatz. 1985 ed. "F riederike, Martha, Hilde": Christoph H eins 'Kleinaufnahmen' aus der deutschen Geschichte Maria Kral eins Ause inandersetzung mit der Wechselwirkung von Gesch ichte, Geschichtsschreibung und Dichtung steht im Zentrum der Sekundärl iteratur über diesen Autor. Viele Aspekte des Problems, wie z.B. die Frage nach der Beziehung zwischen H eins Geschiclmauffassung, die in seinen 'chronikalischen Aufzeichnungen' besonders deutlich zu Tage trin, und dem offiziellen Geschichts­ entwurf der marxistischen Geschichtsphi losophie in der DDR, bl ieben jedoch bis jetzt weitgehend unerforscht. Meine Arbeil versucht, das Problem am Beispiel der Geschichte "Friederike, Marlha, HilJe" zu untersuchen. Ausgehen möchle ich von Heins Defin ition des Begriffs Chron ik. Unter Chronik versteht Hein ein Aneinanderreihen von 'Fakten ,' eine Bestandsaufnahme der 'Realität,' aufgezeichnet von einem sich zu ih r distanz iert verhaltenden AUlor. Sie soll einem Protokoll gle ichen und sachl ich-nüch tern über das Vorgefundene berichten. "Ich empfinde den Beruf eines Schriftstel lers als den eines Ber ichterstatters, e ines Chronisten. Ich bin ein Schreiber von Chroni ken, mit literarischen Mi ttel n natürlich" (H ein, StaLin 203).1 Die Chronik soillaur Hein keine persön liche lind mor,llische Wertung oder Sinndeutung des Autors enthallen. 1'l it e inem solchen Literaturkonzept protestiert Hein gegen eine der Hauptforderungen, die bis in die 80er Jahre an die DDR- Schriftstell er gestellt wu rden. Es ist die Forderung, der Autor müsse eine An moralische Instanz flir den Leser sein, ihm Lösungen der dargestellten Probleme anbieten und damit eine Literatur schaffen, die ein Wegweiser isl.! Im Gegensalz zu der DDR-Literaturkritik ven ritt Hein die Ansicht , die Litenl.lur müsse auf positive Beispiele verzichten. Der Prediger ist ihm zufolgc ge radezu ein Gegensatz zum Chronisten. FacHS 011 Literatur Vol.~, No. 1 (1997) 22 Foms on Lileralllr Ja, es gibt vielleicht solch einen prophetischen T yp des Sch riftstellers im Un terschied zu m Chronisten. D er Berichterstatter hat eigentl ich nu r etwas mitzuteilen und muß sich weitgehend der moralischen Wertung enthalten. Es reicht aus, von dieser schönen und grimmigen Welt z.u sprechen, da braucht man keinen moralischen und ideologischen Exkurs anzuhängen (Hein, Stalin 203). Hein betont oft, daß die Literawr unpa rteiisch sein so ll . In seinem Essay "Die Zeit die nicht vergehen kann" fo rmuliert er folgendermaßen die Aufgaben des Chronisten: Er hat nicht zu huldigen, vielmehr darf er den Blick nicht senken, muß alles wahrnehmen und aufzeichnen können. Und das ohne Hab und Eifer, also ge lassen und u nparteiisch. Das ist , seit es Geschich tsschreibung und Literatur überhaupt gibt , die Pflicht des Chronisten, des Historikers wie des Literaten . Eine Pflicht, d ie eingelöst zu haben, nur ein Narr oder Spitzbube für sich behaupten ka nn (Hein, Stalin 117). Wenn H ein sich als Chronist bezeichnet, stellt er sich in bewußten Gegensatz zu den marxistischen H istorikern der D DR, von denen keine ein fache Beschreibung de r Gesch ichte, sondern "eine Sinndeutung, hinsichtlich der übergreifenden Geselzmäßigkeiten" verl angt wurde (Glaessner 578). Die Geschichtswissenschaft, die sich in der DDR als eine Gesellschaftswissenschaft verstand, im Unterschied zur traditionellen Bezeichnung "Geisteswissenschaft," erhielt don ein e wichtige politische Fun ktion. Sie wurde in den ideologischen Dienst am Aufbau des sozial istischen Systems gestellt. Die enge Verk nüpfung de r Gescbichlswissenscha f-t: mit der Polit ik in der DDR wurde mehrmals betont. Es war die marxistisch-leninistische Partei, von der die wicht igsten Direktiven für die gesch ichtswissenschafd iche Forschungsarbeit ausgingen: Die Geschichtswissenschaft ist aufs engste mit de r Pol itik verbunden. Im gewissen Sinne ist dabei die Politik das Primäre; sie stellt dem H istoriker die Aufgaben und zeigt ihm die Fragen, auf die er mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft Christoph H eins 'Kleinaufnahmen' 23 zu antwonen hat: es sind d ie groben Lebensfragen der Me nsc hheit und der N ati on, die Gru ndfragen des Klassen kam pfes und des gesellschaftlichen Lebens in all seiner Vielschichtigkeit (Eckermann 88). In der Nachkriegszeit stand die marxistisch-leninistische GeschichlS­ wissenschah der DDR vor der Aufgabe, ein neucs wissenschaftliches Geschichtsbi ld zu erstellen. Wie jede gesellschahswissenschaftliche Diszip lin in der DDR sollte auch sie sich in ihrer wissenschaftlichcn Arbeit an den Grundthesen des historischen M:uerialismus orientieren. Immer wieder wurde auf die Bedeutung der engen Zusammenarbeit zwischen der marxistischen Partei und der Gesch ichtsw issenschaft hingewiesen.] Die Idee der Totalität des historischen Gesamtprozesses und de r Begriff der ökonomischen Gescl lschansform:llion wurden als die Basis der histo ri schen Umersuchung betrachtet. Die Dialektik von Wesen und Erscheinung wurde als eine der wichtigsten Grundlagen der gesch ichtlichen Darstellung angesehen. Die DDR-Geschichtsforschung mach te es sich zur Aufgabe, ei n positives, identitätsst iftendes Geschichtsbild zu erstellen. Sie sollte sich zwecks der Legitimienlllg des sozialistischen Staates der DDR best immten "progress iven" Epochen der deutschen Geschichte zuwenden , um so "die bis ins ho he Mittelalter :wriick reichenden Freiheits- und Kampf traditio nell des deu tsc h en Volkes kla r herauszust ellen" (Stern 15). Es folgte eine fast ausschließliche Konzentnnion auf die Freiheits- und Kampf t raditionen des demschen Volkes: Reformat ion, Bauernkrieg, Mainzer Konvent, Befreiu ngskriege , Revolu ti on von 1848/49, Arbe iterbewegung, Widerstand der KPD, die "eine patrioti sche, auf die deutsche Nation ger ichtete Perspektive" präsent ie ren sol lt e. Die deutschen Revo lutionen wu rden als einzelne Euppen eines groben revolut ionären Prozesses betrachter, an dessen Ende die Entstehung des sozialist ischen Arbeiter· und Bauernstaates, der DDR, stand. Besondere Betonung wurde auf die Untersuchung und D arstellung der Geschichte de r deutschen Arbeiterbewegung gelegt. Die DDR wurde als Krönung und Verkörperung des poliusch-historischen Wirkens der Arbeiterk lasse angesehen. Hei n widersetzt sich der These vom progressiven C harakter der deutschen Geschichte, die in einer aufsteigenden Linie zu ihrem 24 Focus on Literalur H öhepunkt - dem soz.iallstischen Staat der DDR - führen sollte, die als "Sieger der Geschichte" zu betrachten sei. In Schule und Uni versität, in unseren täglichen ZeilUngen wurde und wird uns Geschichte nie anders verminelt: Alles Vorhergehende war ein notwendiger und zielgerichteter Weg des historischen Weltgeistes, um zu diesem Stau und zu dieser Gesellschaft zu führen, zu uns. Wir sind, das war das Ziel der langjährigen Unterrichtung, di e Siege r der Geschichte. Das damit ve rbundene Sieges- und Glücksge hihl wird nicht allei n du rch ein paar Widrigke iten des Alltags konterkariert; ve r wunderlich ist die fehlende Dial ektik di ese r Gesc hichtsschreibung, die sich überdies auf die Dialektik beruft (Hein, Sraiin 147-48) . H eins detaillierten 'chronikalischen Auheichnungen' aus dem Alltag der DDR dekonstruieren gez.ielt diese Auff4Ssung. Oie Chronik erfüllt dabei eine gesellsc haftli ch w ichtige Funktion , indem sie in ihrer ' r ealistischen Darstellung' auf den Unterschied zw ischen den ideo logisch propagierten Wunschbildern und den wirklich existierenden Verhältnissen hinweist. Heins Chronik begnügt sich mit der Präsentation kleiner Ausschniue aus dem Alhagsleben , erhebt keinen Anspruch auf TOlalitätsbilder, bleibt dagegen dem Detail getreu. Statt ei nes 'Kolossalgemäldes' präsentiert sie viele Klei naufnahmen von anekdotischem Charakter. • Die Wahl einer chro nikalischen DarsteHungsweise, die sich nur auf Ausschnitte aus der geschichtl ichen 'Realität' konzentriert, bedeutete für H ei n einen bewußten Verstoß gegen die Fordenmgen des Sozialistischen Reali smus wie auch gege n den Grunds3.lZ. der marxistischen Historiographie, daß man die Geschichte immer in ihrer T otalität zu betrachten habe.~ Die Betrachtung der Geschichte in ihren Einzelereignissen war eine der 3m schärfsten von den DDR-Marxistcn kritisierten Methoden der bürgerlichen Geschichtsschreibung des Historismus.' H ein ist sich der Gefahren einer solchen Da rstellungs­ weise bewußt, die mitunter zur Tendenzliteratur führen kann und die die DDR-Kritiker als ' naturalistisch' abgestempelt und kritisiert haben. Andererse its betrachtet e r sie jedoch als produkti ve Gegenkonzeprion in seiner Kritik sowohl an den Methoden der C hristoph Hei ns ' Kleinaufnahmen' 25 marxistischen Historiker, die, Slart sich am empirischen Material zu orientieren , die Geschichte anhand vo rangestellter theoretischer Annahmen interpretiel1en, als auch an manchen DDR-Schriftstellern, die den Fo rderun ge n des Soziali stischen Reali.smus folgend die \Y/irklichkeit nach gewü nschtem Modell präsentierten. Während die marxistische HiSloriogrJ.phie die Geschichte Jls einen Kalender präsenliert, in dem die Daten durch siegreiche Revolutionen und durch Erfolge der Arbeiterbewegung markiert si nd, schildert Hein di e Geschichte aus der 'unheroischcn' PerspekLive der Durchschnittsdcurschcn, die am Geschichtsprozeß nicht als siegreiche Subjekte teilnehmen, sondern Geschichte eher als etwJ.5, was ihnen widerfährt. erleben. I lei n ist nicht an den ' Helden der Geschi chte' interessiert, er schiebt das Pathos beiseite lind weist nach, daß die DDR nicht von Helden, sondern von Durchschnittsmenschen bevölkert war. Er widersetzt sich der in der DDR propagienen These, daß die DDR aus dem antifaschistischen WiderstanJ der d eutschen Bevölkerung, oder zumindest der Bevölkerung, die hellte in der DDR wohnt, em standen sei. Er weist darauf hin , daß viele Menschen in der DDR den Soziali smus nicht aus freiem EJ1lschluß gewä hlt h,lben. 1945 bei Kriegsende hJ.l die Mehrheit der Deutschen sicher keinen sozialistisc hen SlaJt gewü nschl. Die deutsche sozialist ische Revolution nach dem Ersten Weltkrieg scheiterte. Sie scheiterte so gründ lich, daß wenige Jahre später ei n Hitler gewah ll werden konnte. Jede sozialistische Bewegung wurde verteu felt, ,he n,lI lonale Bewegung von der Mehrheit der Deutschen gew ünscht lind gewählt. Der Krieg, genauer gesagt, der verlo rene Krieg, hat gewiß ein Umdenken erzeugt. Aber ein soz ialist isch er Staat , ei n Staat wie die D DR, ist damal s tatsächlich nur durch die Kriegse rgeb nisse enlSlanclen. lcI\ wiederhole: Hitler wa r ebe n ein gewählter Regienlllgschef, ke in Usurpator. Und der antifaschistische \'(Iiderstand, den ich hier ni cht geringschätzen will , .. . ist als Erklärung fürdie Entstehung der DDR nicht ausreichend (Baier 6 1-62) . Auch die These, daß mit der Einführung des Sozialismus der Mensch sich plötzlich als 'Subjekt der Geschichte' begreift, entspringt seiner Ansicht nach politischem Wunschdenken. Er weist nach, cI.Iß die negJ.liven Seiten der deUlschen Geschicht e durch die Etablierung der sozia listischen Gesell sc haft ni cht aufgehoben wurden. Die Mentalität der heutigen Deutschen ist immer noch von alten h lustern 26 Focus on Li,eralJlr gep rägt. ' In seinen Geschichten folgt Hein dem benjamins ehen Prinzip der Montage, indem er geschichtliche Entwicklungen in einer An von Momentaufnahmen, also Beschreibung von einzelnen Ereignissen, welche die gröbere Wirklichkeit widersp iegeln , zeigt.' Mit diesem Verfahren weist Hein zugleich auf bestimmte Methoden der geschichtlichen Untersuchung hin, welche schon seil langem in der westlichen Historiographie benutzt, durch die DDR -Historiographie aber aus ideologischen Gründen abgelehnt wurden. H ell1 scheint zu behaupten, daß ein anthropologischer Ansatz, der sich auf die Mikrosrrukturen der Gesellschaft konzentriert, eine bessere Antwort auf die Frage "Wie sind wir ange langt, wo wir sind in unserer Gesellschaft?" als die Analyse der Makrostrukturen liefern kann. Seine schriftstellerische Methode der "chronikalischen Aufzeichnungen" kleiner Ausschnitte aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit scheint ähnlichen Grundsätze n zu folgen, wie etwa die Untersuch ungs­ methoden der Alilagsgeschichrc.' H eins Chroniken konzentrieren sich, ähnlich wie die Alltagsgeschichte, auf alltägliche Erfahrungen, Erlebnisse einfacher Leute (statt auf unpersönliche gesellschaftliche Strukturen). Hein zeigt in den Mikrostrukturen der Gesellschaft, sei es einer Stadt, einer Familie, oder im Leben einer einzelnen Person das, was sich auf der Makroebene der Gesellschaft abspiell. Die von mir zur Untersuchung ausgewählte Geschicht e "'Friederike, Manha, Hilde" (aus "Ein Album Berliner Stadtansichten") beschreibt die Erfahrungen einzelner Mitglieder einer Familie über mehrere Generationen und bildet somit eine Art Familienchronik. In der Mikroslruktur e iner Familie wird am Beispiel mehrerer Generationen die Formung bestimmter Verhaltensmuster gezeigt, d ie auf der Makroskala der Gesellschaft zur Verbreitung des Faschismus beitragen konmen. Die Erzählung fängt mit der Darstellung der Ereignisse um 1874 an und hört mir dem Jahr 1976 auf. Es werden also das Bismarcksche Reich, der 1. Weltkrieg, die Zwischenkriegsperiode, der 2. Weltkrieg und die DDR bis in die 70er Jahre dargestellt. Die Geschjchte besteht fast nur allS sch lichten biographischen Daten. Es werden hier im Schicksal dreier Frauen hundert Jahre deutscher Geschichte eingefangen. Der Kalender der persönlichen Geschichte Christoph Heins 'Kleinaufnahmen' 27 der Frauen spiegett den Kalender der groben politischen Ereignisse wider. Im Leben der Frauen sehen wir wiederkehrende Musler. Weder Friederike noch ihre Enketin, Hilde, heiraten aus Liebe, sie folgen sozialen Zwängen, die Ehe ist eine soziale NOlwendigkeit, wenn es Zeit ist, das Elternhaus zu verlassen. Nachdem die Mutter Hildes, Manha, stirbt, wird das Mädchen von seiner Tante und dem Onkel aufgezogen. Hildes Pfl egeeltern, die das Kind ,lUf autoritäre, beinahe faschistische Weise erziehen, sind Arbeiter. Sie ist Putzfrau, lind er ist Schaffner. Gute Erziehung für das Mädchen heißt bei ihnen, daß man HiIde jeden Samstag für die schlechten Ergebnisse in der Schule mi t Prügeln bestraft, wobei der Onkel ihr freund lich und ruhig die Angemessenheit der Strafe erk lärt. Man zwingt Hilde auch, die Pflegeeltern mit Mama und Papa anzureden, wogegen sich das Mädchen unter Weinkrämpfen sträubt. Entgegen den Behauptungen der DDR-Faschismusrheorie'o zeigt Hein, daß die Venreter der Arbeiterklasse genauso empßnglich für die faschistische Ideologie wie das Kleinbürgertum waren. Im Lichte der DDR-Gescllichtstheorie war Faschismus nur mit der Oberschicht zu assoziieren, die Arbeiter waren das unzerstörbare Subjekt lind das Kleinbürgertum die verführte Schicht. 1932 tritt Hildes Onkel in die NSDAP ein , und 1935 wird seine Pflegetochter in das Intern,l[ ei ner H aushaltsschule des Bundes Deutscher Mädchen geschickl. Diese Delegierung sollle als Auszeichnung verstanden werden. In der Schule zeig t sic h , wie ihre bisherige Erziehung Hilde im Resultat widerstandslos gegenüber der faschistischen Ideologie oder sogar besonders empfänglich für sie gemachl halo Bisheriger Zwang, Prügel, moralischer T adel und ständiger psycho logische r Druck haben sich sehr negativ auf Hildes psychische Ent wicklung ausgewirkt. Sie haben sie derelememaren Selbstsicherheit beraubt, sie zu ständigem Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten gebrachl und die Ausbildung einer normalen, starken Persö nlichkeit, die eine eigene Meinung und ein festes \'(fertsystem vertreten könnte, das der faschistischen Ideologie entgegenzusetzen wäre, verhi nden. Hilde findet vielmehr in dieser Ideologie d ie lang erseh nte Selbslsicherheitund ei lle Identifikations· möglichkeit. 28 Foet/s on Literatur D as Überm aß ideo lo gi scher U nte rri chtung st ö rte di e H albwüchsige nicht, v ielmehr gab ihr das widerspruchsfreie und leicht erfaßbare Weltbild eine nicht gekannte Sicherheit, so daß sich die verlegene und unbeholfene Hilde bereits nach einem Jahr zu eine r der besten SchLilerinnen enlwickelte. Mit verständnisvoUem Lächeln mußten ihre Lehrerin nen häufig das schnell sich ereife rnde Mädchen besänftigen, das eine fanatische Hüterin deutscher Sraarstreue und unnachsichtig gege nübe r den eige ne n Schwächen und den Fehlern der Kameradinnen, erbann ungslos jegliches Versäumnis geahndet wissen wollte (Hein, Nachifahrl 90-9 1). Indem Hei n bestimme Mentali tätsmuster, welche die Verbre itung der faschisti schen Ideologie begünstigten, aufzeigt , stimmt er mit den Ergebnissen der soziopsychologischen Untersuchung über Faschismus überein .1I Die Erklärung gewisse r sozio- po lit ischer Phänomene, wie etwa das Aufkommen des Faschismus in DCUlscbland , kann seiner A n sic ht n ac h , ni c ht all e in durc h di e U nters u chun g soz io­ ökonom ischer Strukturen erfo lgen. Die marxistische Historiographie der DDR erklärte de n Faschismus als eine Erscheinun g, di e direkt mit den sozio-ökonomischen Strukruren des Kapitalismus verbunden war. Da diese du rch die Einfühnmg des sozialistischen Systems in der DDR beseitigt se ien, war, ih r zufo lge, die Gefahr für das Aufk ommen des Neo-Faschismus in der D DR verhindert. H ein argumentiert , daß die sozio-ökonomischen Strukturen ni cht di e ei nz ige G rund lage des Fasc hi s mus waren . Die nationalsozialistische Ideologie konnte Akzeptanz und Verbreitung dank bestimmter vorgeprägter Denkmuster der durchschnittlichen Deutschen finden . H ein zeigt , wie die deutsche Familie, Schule und andere soziale In st itut io n en d ie H e rausb il dun g so lch e r Verhaltensmuster wie Anpassungsbereitschaft, Untero rdnung unter die Autorit:iten, blinder Gehorsam, Pnichtbewußtsein, Unselbständig­ keit im Denken und Verneinung audlCllti scher Gefühle gefördert haben . Er entblößt in seine n Geschichten sozial e Deformat ions­ mechanismen in verschiedenen Zeitperioden der deutsChen Geschichte, welche eine freie Persönlichkeitsentwicklung verhi nderten. Er deutet darauf hin, daß Leute, die solchermaßen geprägt wu rden , leicht der Ideologie des Faschismus zum Opfer fielen. Chrisroph Heins ' Kleinaufnahmen ' 29 Auch der deutsche Antisemitismus wird in der Erzählun g in Ansätzen schon in der Bismarckzeit sichtbar, beispiel haft gezeigt in dem Verhälmis zwischen Friederikes Vater und seinem Schwiegersohn . Der Vater bezeich net sei nen Schwiegersohn, der In ha ber einer kleinen Werkstatt ist , stets abwe rtend als "'jidd isc hen Pos.lJnente r" und desse n Arbeit als "schnakische Weiberbeschäfti gung" (Hein. Nacht/ahn 83). Der w irtsc haftli che Au fsch wu ng des Deutsc hen Reic hes Unler Bismarck verhilft Friederike und ihrem Mann zu sozialem Aufstieg. All erdings geht die Werkstatt nach dem T ode des Mannes pleite, teils verschuldet durch die U nfähigkeit Friederikes, Geschähe zu füh ren, teils du rch die Feindseligkeit seitens anderer jüdischer Geschäftsleute, die dem Mann nicht verL.eihen könn en, daß er FI'iederikes Fam ilie zu li ebe zum Katholizismus konvert iert. Friederike schreibt den Juden die Sch uld an ihrem w irtschaftli che n Ruin zu . In so lch eine r antisemitischen Atmosphäre wird auch Hilde erzogen, was ihr später ennöglicht, die faschist ische Ideologie vorbehaltloser zu akzeptie ren. Ein dumpfer , gefühlsmäßiger Ant isemit ismus, den ihr di e G roßmutter Friederike , gleich wo hl sie selbst in erster Ehe mit einem Juden verheiratet war, in ih rer letzten Lebenszeit mit wütenden Ve rdammun gen jüdischen G eschäftsgebarens vermittelt hau e, gab Hilde zusätzlich eine schon sinnlich zu nennende Übereinstimmung mit der herrschenden Leh re und führte sie zu sch wä rmerischer Anh änglichkeit an die staatl ich auserwäh lten Lehreri nnen (Hein , Nachfahrl9 1). Hier t ritt aber die Ironi e des Schicksals an den Tag, denn H ilde wi rd gerade alls dem G ru nd, weil sie einen jüd ischen G robvater hatte, aus der Schule des Mädchenbundes entferm. Ih r O nkel begegnet ihr seitdem mit höchster Vorsicht, da er ve rsucht "' den J uden in ihr au fzuspüren und auszutreiben" (ibid.). Er zwingt sie, ih re Verlobu ng mit einem jungen Mann zu lösen, m it der D rohung, fal ls sie sich ihm nicht fügt , staatliche H ilfe z.u benutz.en, "d ie man einem verd ienten Parteigenossen gegenüber einer Vien eljüd in gewä hren würde," um sie "'aus rassischen G runden zum Ehevenicht zu zwi ngen" (Hein, Nach fahr/ 92). H ild e wird durc h d iese Dro h u ng zur U nte r o rdnung gezwungen, ihr Verlobte r meldet sich freiwilli g an di e russische Front , 30 Focus on Literatur wo er während einer Attacke au f ein russisches Dorf umkommt. Hilde erleidet ei nen Nervenzusammenbruch. Sie heiratet schließlich einen Kriegsinvaliden und gcbiert ein behindertes Kind. Verlassen von ihrem Ma nn, da sie sich entscheidet, das Kind anzunehmen, lebt sie allein mit ihre m Sohn , der ständiger Betreuung bedarf. Sie arbeitet nach dem Krieg als T rümmerfrau, später als BriefzusteJlerin . Ihr Leben ist voller Erniedrigung, Zwang lind persönlicher Entsagung. Entgegen de r Prinzipien der DDR-Histo rike r wird die geschichtliche Epoche der DDR in di eser Geschichte ni cht als wese ntl ich anders als die vorherge henden dargestellt. Der Emhlw n in "Friederike, Manha, Hilde" verändert sich nicht, wenn der Auror über Hildes persönliche Erfahrungen in der Vorkriegsze it, während des Krieges oder in der DDR sp richt. Kein qualit:l.li ver Sprung ist da sichtbar, Hildes Persönlichkeit erfahrt auch in der Zeil des Soz.ialismus keine besondere Entfalrun g, jedenfalls wird dies nicht vo m Autor ver Leichnet. Wie Bemhard Spies richtig bemerkt, "bes[ reiten diese Geschichten die o ffizielle Lehre, daß dje sozialistische Gesellschah den entscheidenden histOrischen Gegensau. z.ur bürgerlichen, vor allem aber zur faschistischen Gesellschaft, bilde" (Spies 11 5). M it di eser G esc hi cht e, wi e au c h mit se in e n ande ren 'chro nikal isc he n Aufzeichnunge n ' l iefert H ein nac h me ine m Ve rständnis, einen wichti gen Beitrag zur KorrekLU r des offiz.iellen Bi ldes der deutsc hen Gesc hic hte, das in den DDR (und BRD)­ Geschichtsbüchern existierte. Damit bf:weist er zugleich , daß nicht nu r die Histo riker, sondern auch die Schrifmelle r sic h für die wahrha ft ige D arste llung der G esc hi c h te ihres Landes mit ver­ antwortlich fühlen sollten. University 01 Piusbu rgb Anmerkun gen ! Hein betont oft den chronikal ischen Chanlkter seiner Werke. Im fo lgenden seien stellvertretend nur einige seiner Aussagen dazu angeführt: ;oDer AutOr ... [ist] ja . uch ein H istoriker, ... ein Schreiber von Geschichten mit ei ner vergleichbaren Zielstel lung, nämlich ein Chronist der Zeit zu sein, allerdings mit anderen, nicht·wissenschaftlichen Miue!n" (H ei n, Stalm 116). "Denn Schriftsteller sind, denke ich, Chronisten. Schreiben ist nach meinem C hristo ph Heim 'Kleinaufnahmen ' 3 1 Verständnis dem Bericht·Erstatten verpflichtet" (Hein, Stalm 100), "Chron ist ist für mich ein Homer wie ein Shakespeare wie ein Kafka. Ich benutze dJS WOrt weniger im Sinn des Buch halters als des wirklichen Chro nikschreibers etwa des H . und IS. JahrhundertS, wo die klei nen Fürsten einen Schreiber hatten, der wirkl ich u gtäglich aufzeichnete, WJS d.t passiert e und dies ;Juch mit ein bißchen Rück,ru m.chte. Er berichtete .uch über Dinge, die nicht berichtet werden sollten ... Das war die eingetragene Berufsbezeichnung Chronist, in diesem Si nne also Chronist" (Hammer ]2. 13). Im weiteren sei auf Heins Aussagen zur Chron ik in den folgenden zwei Ess.ys verwiesen: "Wir werden es lernen mussen mit unserer Verg.ngenhen zu leben" (Baier 45·67), "Worüber man nicht reden kann, davon bnn die Ku nst ein Lied singen" (Hein, Olfent/:rh arbeuen 43·56) . 2 In einem Jmerview mit Krzysztof Jachimczak (1986) äußerte sich I lein über die DDR-Literaturkri tik der 80er Jahre fo lgendermaßen: ~ Die Litenlten und die Bücher haben sich verändert · die Krit ik ist da noch au f dem Wege, sie hai noch Viel zu lernen. Sie hat immer noch vertraute Muster, vertnlute patterns, wie etw.t den positiven Helden. Sie meint, der Schri ftStel ler muß wirklich alles SOlIgen und ist die große Instanz ..... (Baier 53). ) Vgl. etw