Focus Spring 1997.tif 76 Focus on Literatur L Die besten Ideen und die 'unverhofften Bekannten ' kommen beim Schreiben INTERVIEW MIT DEM AUTOREN KLAUS MODICK Der in Wie/elstede {Niedersachsen} lebende Autor Klaus Modick beSlichte im Oktober 1996 die University olCmcinnallll1Z Rahmen der Focus on Litera t ur .Konferenz, Bei seiner Lesung am A henci des ersten KOllJerenztages las er eine't Auszug alls eitlem Ma'lIIsknpt mit dem Titel "Behelf, Ersatz & Prickelpit" vor. Klaus Madiek hat neben Artikein in großen deutschen Zeitungen bereits viele BiicheT veröffentlicht, darumer Ins Blaue {1985}, Das G rau der Karo linen (1986), Weg war weg (1988), Privat vorstellung (1989), Der Flügel (199-1) und Das Kliff (1995). Modick ist außerdem als Überseturengtischsprachiger Literatur talig und hat als Gaslprofessoran verschiedenen U'llversitäcen geIeInt. Er LSL unler anderem mit dem Preis der Villa /lfasSlmo(1990/91) und dem Beltina-von-Amlm­ Preis (1994) ausgezeichnel worden. Das folgende Interview führte Sriu« KaI/in VOll Focus on Literatur «m Tag nach der Lesung in Cincmnali, OhlO. FOCUS: Was sind Ihrer Meinu ng nach die neuCsten Trends in der deutschsprachigen Prosa in der ßn ndesrepublik? Modick: Seit Mitte der siebziger Jahre gi b t es eige ndich keine dominierenden T rends mehr, sondern ei ne hochgradig diversifizierte Vielfalt. Ich sage Mitte der lOer Jahre, weil in dem Zeitraum se hr stark als Trend die durch 1968 po litisierte Literatur und auch ei ne literarische Aufarbeitung der Politisierung fes tzustellen war. Und danach, also in den 80er Jahren und jetzt in den 90crn, ist eine - was ich als sehr positiv empfi nde. "anything goes" -Situation eingen·eren, d ie auch etwas mit dem Schlagwon. Postmoderne zu mn hat. Wirklich alles ist möglich, und es gibt keine Ismen und keine dominanten Erscheinungen mehr. Ic h empfinde das persönlich als sehr angenehm. Es gibt keine Vorschriften, wie man Literatur zu machen hat oder FoC//s on Litera/ur Vol. 4, No. 1 (1997) 78 Fows on Literatur wie man sich zu verhalten hat. Man könnte natürlich jetzt innerhalb dieser hochentwickelten Vielfalt verschiedene Richtungen festmachen. Aber da gibt es alles. Es gibt nichts, was es nicht gibt. FOCUS: Meinen Sie, daß durch die Wiedervereinigung andere T reods entstanden sind? Modick: leh sehe nur, daß sich durch die Wiedervereinigung für einige Autoren Themen ergeben haben, die vorher nicht möglich waren, weil die historische Situation sich nicht gestellt hat. Sei t der Verein igung, ich rede da ungern von Wiederve reinigung, gibt es natürl ich eine ganze Menge von literarischen Werken, die sich genau mit diesem Stoff beschäftigen. Das ist aber ein SlofOicher Trend, der gewissermaßen vom Sujet geprägt wird und nicht von bestimmten Schreibweisen. FOCUS: H aben Sie auch versucht, nach der Wiedervereinigung mLt der Situat ion schriftstellerisch fert ig zu werden? Modick: Für mich hat sich gar nichts veränden, denn ich bin von meiner gesamten Sozialisation her, und damit meine ich meine lebenspraktische aber auch meine geistige, ein Kind der alten Bundesrepublik. Für mich war die DDR Ausland, und zwar ein ganz. exotisches Ausland, exotischer als Amerika, weil es eben ein anderes System war. Ich harre nie das Bedürfnis, mir das besonders intensiv anz.usehen. Es war auch nicht die sozialistische Utopie für mich, die es für viele andere war. Insofern hat mich also die deutsche Frage als Thema überhaupt nie interessiert, höchstens - so wie ich es gestern abend in meinem Text ironi sch angedeutet habe - daß in meiner Kindheit die berühmten KerLen für die Brüder und Schwestern vo n 'drüben' in die Fenster gestellt wurden . Das war ein sentimentales Gedenken. Aber die Zweistaatlichkeit war für mich eigentl ich ze it meines Lebens eine Realität , die mich überhaupt nie bedrückr hal. Für meine Eltern war es anders, weil meine Eltern noch di e Einslaadichkeit erfahren hatten, und wir auch Verwandte in der DDR hanen. Aber mir war das relativ gleichgühig. Die Vereinigung war mir im Grunde auch egal. Es ist vielleicht etwas komplizierter, aber man kann das vereinfacht so sagen: Es hat mich nicht berührt, und Interview mit Klaus Modick 79 damit bin ich für eine gan ze Menge Leute ziemlich repräsentJtiv, denn es gibt - gerade im Westen - sehr viele Leute, die ebenso denken. Oie sagten, ' naja gut, das muß eben jetzt wohl so sein , dann wird es eben gemach t, gefragt werden wir ja eh Dicht.' Ku rz und gut, für mich hat sich dadurch nichts verändert. Ganz allgemein nicht und auch nicht für meine Situation als Schriftsteller. FOCUS: Was für einen Eindruck macht die jel:aige Gene r:lIion von Jugendlichen auf Sie? Handelt es sich bei den jüngeren Leuten ihrer Meinung nach um Nachahmer der 68er Gener.nion, oder sind die Ideale der 68er aus der demschen Jugend ve rschwunden? Modick: Ich selber bin k ein 68er . Ich bi n 195 1 geboren und war 1968 siebzehn Jahre alt und Gymnasiast. Ich habe dann nur noch in den 70er Jahre n an der Un ive rsität die Nachwehen oder die Errungen sc haften - in der H ochsc hu lreform waren es ja ErnLngenschaften - sozusagen geschen kt bekommen. Die Ideale, glaube ich, spielen keine Roll e mehr. Es gibt aber, und das ist viel wichtiger als Idea le, bestimmte Lebensformen und Ausd rucksformen, die ohne '68 nicht denkbar gewesen wären, die heute selbstverständlich sind. Sie si nd so sehr Allgemeingut oder KollekLivbewußtsein geworden, daß da doch eine Wirkung ist . N ur, daß man das jetzt nicht mehr auf das 68cr Ereignis bezieht, sondern es ist jetzt ein fach da. Ich meine dam it ganz konkret d ie Veränderu ng - weniger des po litischen Bewußtseins, obwohl das auch eine große Rolle gespielt h.tt , denn politisie n er als 68 war Deutschland noch nie - ich meine damit Dinge des alltäglichen Lebens, daß sich zum Be ispiel die An lind \'(leise geändert hat, wie Leute ihre Wohnungen einrichten oder wie Leute sich kleiden. Ein al lgem eineres, freieres Lebensgefüh l hat sich da Bahn gebrochen. In diesem Fall hat DeUlschland, genauer ge~.lgt die alle Bundesrepllblik, erst durch 68 di e Befrei ung von diesem ganzen restaurativen "Adenauer-Ära"-Murf geschafft. D.lS war eine große Befreiung, ein großes Durchatmen in vielen Bereichen, lind d.1S ist immer noch da. Aber als politischer Impuls ist es völlig weg, und sp ätestens durc h den Zusamm enb ruc h des "ca lexisticre nd cn Sozialismus ist nichts mehr davo n da, gleichwohl es die Grünen als Partei gibl , und sie ohne '68 nicht denkbar sind. Insofern man die Grünen als illegitime oder legitime Kinder von '68 sie ht , hat das doch 80 FoCJtS on Literatur einen beträchtlichen Einfluß im Grunde erst heute bekommen. Die 68er haben damals immer das Schlagwort benutzt "Langer Marsch durch die InstitUlionen." Das Mao-Zitat haben sie verändert. Den Grünen ist es dann wirklich gelungen , und sie sind ja jetz.t auch mit an der Macht. FOCUS: Sie haben in Hamburg studiert und promoviert und dem­ entsprechend einige Jahre do n gelebt. Inwiefern hat Sie die Stadt geprägt, und wie sc hlägt sich das in Ihren Werken nieder? Mod ick: Ich habe siebzehn Jahre in Hamburg gewohm, bin zum Studium 1971 dorthin gezogen und habe auch noch nach meinem Studium don gelebt. Die Stadt hat mir sehr gut ge fallen, und daß ich aus Hamburg weggegangen bin , hieß nicht , daß mir die Stadt nicht mehr gefiel. Es gab äußere Grü nde, schlicht und einfach: ich habe woande rs ein Haus geerbt. Meine Frau und ich bekamen zwei Kinder, und dann kam der Gedanke auf, daß wir mal lieber aufs Land gehen. Die Stadt hat mir außerordentlich gut gefallen und gefällt mir immer noch. Wenn ich je wieder innerhalb Deutschlands in eine Großstadt ziehen sollte, würde ich wieder nach Hamburg zurückge hen . Ham­ burg spielt auch in einigen me iner Bücher eine Roll e, jedenfalls 31s Schaup latz. FOCUS: In der Geschichte "Karneval" aus der Sammlung Privat· vorstellung läuft ein Mann auf dem Campus der H amburger Un i herum, raucht einen Joint bei dem kleinen Teich im Von-Meile-Park \Illd geht dann in die Mensa zur Faschingsparty. Ist das ein typischer O rt fü r Ihre Bücher~ Modick: In meinem Roman Das Grau der Karoline" spielt die ganze Stadt eine sehr wichtige Rolle. Da wird die Bombardierung H amburgs 1944 , der ~ogenannte Feuersw rm, sehr ausführlich geschildert. Auch andere Texte von mir, wie zum Beispiel Ins BItme, spielen in H am­ burg. Die Stadt ist als Schauplatz für meine Arbeit wichtig geworden . FOCUS: Ihrem Lebenslau f kann ich entnehmen, daß sie in ve rschiedenen Lände rn unterrichtet haben. Was habe n Sie dort Interview mit Klaus Modick 8 1 unterrichtet? Und inwiefern ist das Unterri chten vo n deutsc her Literatur in Deutschland anders als in Japan oder in den Ve reinigten Staaten? Modick: Ich habe entweder Krea ti ves Schreiben oder de utsche Literatur an Universitäten unterrichtet. Deshalb bin ich zur Zeit auch wieder in Amerika. Das Kreative Schreiben, das ich im Moment hier mit amerikanischen Studenten in Allegheny mache, ist natürli ch sch wieriger als mit deutschen SlUdenten, weil di e Amerika ner ja noch gewisse rmaßen Sprachunterricht brauchen. Sie soUen aber nun schon gleich kre,niv schreiben. Das ll1.lcln die S3chc sehr sc hwierig, aber es macht sie auch se hr interessanl. Man mu ß natürlich das Anspruchs­ denken ganz auf N ull bringen . Was den Literatu runterriclll ange ht, ist es ähnlich. Ich habe in Japan un d Nordamerika unterrichtet, und man muß ein fach bei ausländischen SlUdenten davon ausgehen, daß deutsche Literatur große, böhmische Dörfer si nd . Sie wissen nichts darüber. Deutsche Studenten wissen auch oft leider nicht sehr viel mehr, aber ausl ändi~ch e noch weni ger, was mall ihnen auch nicht übelnehmen kann. Woher sollen sie es denn auch w issen? M,lll muß also im Grunde bei NuU anfange n und darf nielns vo raussetze n. Den besten Zuga ng gewinnt mall , we nn man gan z konk ret lind intensiv mit T ex ten arbe itet und ein fa ch e t was vo rste llt . Denn große Vorlesungen oder Vorträge zu hallen, die literaturgeschic htl iehe oder literatu rtheoretische T hemen behandeln , hat keinen Sin n. Die Studenten müssen erst einmal den Stoff kennen. Sie müssen erst einmal wissen , wo rum es geht, und das ist sehr o fr eine dank bare Aufg'lbe . Das schönste Kompliment höre ich von ausländisch en SlUdenten nach Beendigun g eines Seminars, wenn sie sagen, 'ja, jetzt habe ich wirklich auch mal Lusl bekommen, ein deutsches Buch zu lesen,' oder sie si nd dann schon dabei. Mehr kan n man nicht verl angen , und mehr kann man auch nicht vermitteln. FOCUS: Ich habe gehört, daß eine Ihrer Geschid n en gerade auf englisch in der Anthologie Nighldnve erschienen ist. \X' ie sehen Sie di e Zukunft für deutschsprachige Literatur in den Vereini ~len Staaten im O riginal und in der Übersetzung? Modick: Ganz schlecht, was beides bet rifft. Ganz schwierig. Ich habe 82 Foeus on Literatur überdas Problem, also das Mißverhältnis der Rezeption amerikanischer Literatur in Deutschland und deutscher Literaturrezeption in Amerika, vor ungefähr einem halben Jahr einen Aufsatz in der Siiddelll5chen Zellung veröffentlicht. Ich habe Statistiken zu Rate gezogen, aus denen hervorgeht, daß das Verhältnis eines übersetzten deutschen Titels zu - umgekehrt. eines übersetzten amerikanischen Titels 1: 1000 ist. Also auf einen deutschen Titel kommen tausend amerikanische. Ich rede jetZt nur von Belletr istik, nicht von Sachbüchern. Das ist eine Katastrophe, eine völlige Einbahnstraße, für die es Gründe gibt. Der Hau ptgrund ist meiner Meinung nach der, daß es seil M itte der dreißiger Jahre keine Migrationsbewegungen mehr aus Deutschland nach Amerik:a gibt. Es gibt hier keine ethnisch-motivierte lnteressen­ bge für diese literarische Identität mehr. Solange es die Generation gegeben hat, die jetzt ausstirbt, also der letzte Migrationsschub aus Deutschland, das war der unfreiwillige der Nazi-Verfolgten, die hier übrigens gerade auch im Verlagsbereich und im Zeitungswesen viele Schlüsselpositionen hanen, solange hat es einen ziemlich krisensicheren l\larkt für deutsche Literatur auch in der Übersetzung gegeben. Aber diese Generation stirbt aus, und die Nachkommen dieser Generation sind voll assimiliert, sind Amerikaner. Für die ist Deutschland im Grunde so interessant oder unimeressant wie Timbuktu, wenn sie nicht don geschäftlich etwas zu tun haben. Man könnte darauf auch die Gegenthese machen, denn was an amerikanischer Li teratur noch funktio niert, ist vor allen Dingen spanische und siidamerikanische Literatur. Das hängt wiederum damit zusammen, daß es noch Migrationsströme aus diesen Bereichen gibt. Mir hat einmal ein Lektor von einem amerikanischen Verlag gesagt, wenn Amerikaner übersetzte ausländische Literatur sehen, meist dann noch mit einem Namen darauf, den sie nicht richtig aussprechen können oder noch nie gesehen haben, dann denken sie, daß sei so ähnlich wie ein ausländischer Fil m mit Unteniteln, und das bedeutet automatisch: schwierig, schwierig, lieber nicht. Das gilt nicht nur für deutsche Literatur, sondern auch für französische und iulienische Literatur. Britische literatur ist natürl ich ein Sonderfall, denn das gehört mit zum eigenen Sprachraum, aber mitteleuropä ische und südeuropäische Literatur ist in den USA so gut wie tal. Es gibt dann immer mal eine Ausnahme wie Umberto Eco oder Patrick Süskind als deutscher Autor. Ich weiß nicht, ob es das letzte übersetzte Buch von Günrer Grass war, Zunge zeigen, ein Interview mit Klaus Modick 83 Buch über Kalkuna. Davon hat man in Amerib keine tausend Exemplare \·erkauft, das muß man sich mal vorstellen. Günter Grass ist kein unbekannter Deutscher, sondern wohl eher der bekannteste deutsche Autor. Wenn ein amerikanischer Verleger ..-on Güllter Grass keine tausend Exemplare verkauft, überlegt er es sich sehr genau, ob er andere, d ie nicht diesen Namen haben, überh:.upt noch .lUf den Markt bri ngt. Denn d.lS kann finanz iell eine Kat