Focus Spring 1997.tif 92 Foct/s 01! Literalltr Ein knallroter U mschlag wäre mir für Ruth Klügers Buch unpassend ersch ienen .. . INT ERVIEW MIT DEM VERLEGER T HEDEL VON WALLMODEN 71;edel von Wal/moden ist einer der Gründer des Wal/stein- Verlags, der RUlh Klugen B~lch weiler lehen: ei ne Jugend 1992 veröffenthchte. Von \Val/moden äußert. Hch im folgenden lnlerutew zu Ybemen W I e Entstehen des Verlags, Auswahl des Buches und wie es dazl/ kam, daß weiler lehen ein Bestseller wurde. Von \'(Ial/moden wurde im Apn/ 1997 zum Koordinatordes Suhrkamp Verlags bestelle. Das Gespräch mit Herrn von Wal/moden führten Michael Riee, jlthe Rape lind BTwa Kal/m am 7. November 1996 in Cincinnatl, OblO. F O C US: Seil wan n gibt es den Wallstein Verlag? von Wallmoden: Die Fi rma gibt es in diesem H erbst gen.ltl zehn Jahre, ich habe die Fil-ma 1986 als Gm bH gegrü ndet. 1988 sind die ersten Bücher erschienen. FOC US: Hau en Sie zu dem Zeitpunkt schon eine Vorstel lung davon, welche An von Literatur Sie herausgeben wollten ? von Wal l moden: N ur vage. Wir hatten ange fangen , an dem Programm zu arbeilen . Wir haben zwei Jahre gebraucht, um die ersten Büc her inhalrlich vor.lUbereiten und auch die Strukture n zu organisieren. Von meinen In t eressen u nd meiner Kompete nz her war k lar, daß Literaturwissenschaft ei n Schwerpu nkl sein würde. Es lag nahe, daß wir et was mit dem 18. Jahrhunden und der Aufk läl'lmgs forschu ng machen, weil sie in Göttingen sehr stark si nd . Göttingen wa r d ie wichtigste U nive rsität in der Zeit de r Au fk läru ng. D ie Göu inger Bib liothek ist d ie wichtigste für diese Zeit in Deutschland. \'(fir haben dan n allS diesem Bereich die ersten Bücher produzien. Focus 011 Liurll/J.r Vol. -I, No. 1 (1997) 94 Focus on LiteralJtr FOCUS: Hatten die ersten Bücher denn einen wissenschaftlichen Inhalt? von Wall moden: Nein, wir haben im Herbst 1986 die ersten drei Bücher herausgebracht. Man kann nicht mit einem Buch starten, sondern es müssen ein paar Bücher sein, die für die Buchhändler und für das Publikum so etwas wie ein Programmzusammenhang erkennen lassen. Das erste von diesen drei war der Briefwechsel von Goltfried August Bürger. FOCUS: Sind Sie an die Briefe durch Kontakte :w Professoren herangekommen? von WalJmoden: Ja, Professoren und meine wissenschaftl ichen Kollegen aus dem DoklOrandenkreis. Einer von ihnen ist ein Spezialist für Lichtenberg, der in Göuingen Professor war. Lichtenberg war eng mit Bürger befreundet. Der hat mir von diesem Projekt erzählt und hat mir direkt vorgeschlagen, Bürgers Briefe mit seinem Verleger herauszubringen. Diese Briefe waren zum größten Teil ungedmckt. Das sind über hundert Briefe, und davon waren die Hälfte Anfang dieses Jahrhunderts in einem Buch gedruckt worden von nur 50 Exemplaren. Im 19. Jahrhundert hat man das nicht gedmckr, weil es auch um Ehegeschichten geht. Bürger hat mit seiner Frau und der Schwester seiner Frau in einer menage-a-tl"ois gelebt. Darüber durft e man damals nicht reden. Wir haben diese Briefe nach der Handschrift herausgegeben und mit einem Kommentar versehen. Dann hat es nicht lange gedauert, und nach ein paar Wochen waren in allen großen deutschen Zeitungen positive Rezensionen. D as führte dazu, daß die Leute schon bei den ersten Büchern sahen, daß sich der Verlag in die Nische des 18. Jahrhundert begab. Wir dmckten interessante Texte, die in großen Klassikerausgaben nicht enthalten sind und dennoch wichtig sind. Von da an hatten wir einen ganz kontinuierlichen Zustrom von Manuskripten, die uns von Germanisten und Historikern vorgeschlagen wurden. FOCUS: Die Konzentration des Wallstein Verlags liegt stärker auf akademischer Literatur als auf Belletristi k? Interview mit Thedel von WaJlmodcll 95 von Wallmoden : Eindeutig. Belletristi k im Mark t zu plazieren ist sehr viel spekulati ver. Für ein gutes Buch mit einem PrimiirteXl des 18. Jahrhunderts gibt es vielleicht 3.000 Leute in Deutschland, die sich dafü r interessieren . Wenn man es an 1.000 verkaufen kann, hat man einen guten Erfolg_ Wenn Sie einen neuen Roman herausbringen, kann es se in, daß 100.000 Leute ihn lesen wollen. Es kann aber auch sein, daß nicht einmal 500 davo n ve rkauft werden. Die Pub likation von Belletristik ist viel spekulativer. Man muß viel Glück haben, daß das Buch in der Presse rezipiert wird. Daß Goufried August Bürger ein wichtiger D ichter ist, darüber muß man unter Spezialisten nicht diskutieren. Die Gegenwarlslite ratur ist sehr viel st ärker von Markrschwankungen abhängig. FOCUS: War das mit Ruth Klligers Buch das erste Mal, d.Iß Sie in die Belletristik gegangen sind? vo n Wall moden: Ja. Wir wußten, daß wir langfristig gesehen Bell etristik machen wollten. Wir haben ei n e Reihe mit Gegenwartsessays zusammengestellt, die Göttingener Sude/blätter heißt. Wir hatten Kontakt zu Friedrich Dürrenmatt, der d.lI1uls noch lebte. Er veröffentlichte sein letztes Buch zu Lebze iten in meinem Ve rlag. Es heißt Abschied vom Thealer und wurde se in Abschied vom We!nheater. Diese Kontakte entstanden durch den Kritiker Hans Ludw ig Arnold, der in Göninger lebt und die Zeitsch rift Text lind Kritik und Das kritische Lexikon zur deulschsprachigen Gegenwarlslilerawr herausgibt. Er hat sehr viel KOlllakt zu deutSchen Autoren und war mit Diirrenmatt sehr eng befreundet. 1990 haben wir mit diese r Essayreihe begonnen, in der jedes Ja hr dre i Essays veröffentlicht wurden. Mit dieser Reihe hauen wir das Sigm.! setzen wollen, daß wir vielleicht in vier, fünf Jahren, wenn der Verlag bekannter ist, mit deutscher Gegenwartsliteratur anfange n . Die bekannten GegenwansaUloren haben meistens schon ihre Verleger. Wenn unbekannte Autoren ihre Bücher in einem unbekannten Verlag veröffentlichen, kann man das Geld gleich in den Kamin werfen. Das ist auch für die Autoren nicht gut. Man tut jungen, unbekannten Autoren keinen Gefallen damit. Die freuen sich zwar im ersten Moment, wenn ihr Buch gednlckt wird, aber nach einem halben Jahr merken sie, daß niemand sie zur Kenntnis nimmt, wei l kei n!!r den 96 FoCl/s on Literatur Verlag kennt, und es keine Beziehungen zur Presse gibt. FOCU S: Was hat Sie denn doch dazu bewogen, das Buch von Ruch Klüger - einer unbekannten Autorin - anzunehmen? von W allmoden: leh kannte Ruth Klüger schon länger. Sie war von 1985 bis 1987 in Göttingen, wo es ein kali fornisches Studienzentrum gibt. Das ist ein dauernder Austausch zwischen den kalifornischen Universitäten und Göttingen, und ein Professor oder eine Professorin leiten den Austausch für jeweils zwei Jahre. Klüger sprichl in dem Buch weiter leben - eine Jugend von den Kollegen aus dem Doktorandenkreis von Albreehr Schöne. Es gibt eine Stelle, die sich auf ein Gespräch mit mir bezieht. Es handelt sich um ein Gespräch über Klaustrophobie, und Klüger schildert, wie sie mit dem Transport im Viehwagen nach Auschwitz fuhr. Dann endet das Gespräch am Tisch abrupt, weil niemand mehr was sagen kann . Ich erinnere mich sehr genau, wie wir da gesessen haben und darüber gesprochen haben. Das Buch von Ruth Klüger sollte eigentlich in einem anderen Verlag erscheinen, nämlich bei Suhrkamp. Ruth Klüger ist seit Kriegsende mit Martin Walser befreundet, der auch in dem Buch vorkommt. Nicht unter seinem Namen, sondern als Christoph . Das ist dieser etwas arrogante Student in Regensburg, der George liest und dann ein Gedicht schreibt. Da Walser einer der wichtigsten Autoren des Verlags ist, dachten wir, daß er seinem Verleger und Freund das Buch empfiehlt, und der es nimmt. Es kam aber ein Brief von dem Verleger, daß es seinen literarischen Ansprüchen nicht genügen wü rde. Es hätte ihn zwar sehr erschüttert , aber er würde es nicht herausbri ngen. Tm November 1991 rief Ruth aus Irvine an und fragte, ob ich ihr Buch veröffentlichen wolle. Dann ist es im Sommer 1992 in meinem Verlag erschienen. FOCU S: Gab es vor dem Erscheinen des Buches Gespräche über den Inhalt? von Wallmoden : Ja einige. Aber dieses Buch ist sehr stark im Gespräch mit anderen Freunden in Deutschland entstanden. Sie hatte das Buch, bevor ich es überhaupt gelesen habe, German isten, Freunden und Kollegen gegeben . Das ursprüngliche Manuskript , das ich selbst nicht Interview mit Thedel von Wall moden 97 kenne, war ungefähr ein Drittel umfangreicher. F OCUS: Haben Sie Änderungen vorgeschlagen? vo n W all m oden: Wenige . Wir haben über ein paar S