Focus Fall 1997.tif "Mesch'schurs, ihr macht ja verteufelt wenig Federlesens!" Rassendiskurse im Wilden Westen? Wilfried Wilms ..:I in Blick auf die in Deutschland betriebene Karl May Forschung I.d der letzten zwei Jahrzehnte offenbart, daß ein Großteil der Publikationen dazu tendiert, die Texte Mays mit seinem schillernden Leben zu verbinden. Die Enge seiner tatsächlichen Lebensverhähnisse, so könnte man ein typisches Interpretationsmodell charakterisieren, fühn ihn in die phantastischen und abenteuerlichen Weilen des Orients oder des Wilden Westens. Hier schreibt sich May dann aus seiner Lebenswirklichkeit förmlich hinaus. Allerdings, so heißt es wiederholt, ist dies kein Maysches Privatvergnügen, welches in bloß ästhetischer Erfüllung letztlich unrealisierbarer Träume und Wünsche mü nde. Vielmehr schaffe May durch seine ReiseerJ!ä hlungen bewußt eine utop ische Alternative zu den wilhelminischen Zuständen, kritisiere diese und präsentiere in seinem Superhelden Old Shanerhand ein moralisch integres Vorbild für kommende Generationen. Friede auf Erden, Toleranz und Verständigung unter den Völkern, so liest man oh, seien die Ideale in den Abenteuern der Mayschen Helden. Unterstützung findet O ld Shauerhand bei seinen Aufräumarbeiten im Wilden Westen zumeist von Winmeou, dem Häuptling der Mescalero-Apatschen - dem Inbegriff eines gu ten Roten, der schließlich am Ende der Winnetou-Trilogie als Christ in die ewigen Jagdgrunde eingeht. Stellvertretend für diesen Interpreutionstenor liest sich z.B. Lowskys Position: "Wie die Forschung zeigen konnte und im fo lgenden darzustellen sein wird," schreibt er Mine der 80er Jahre in seinem Metzler-Einführungsband zu Karl May, "sind Mays klassische Reise- und Jugendenählungen ethnographisch fundierte [ ... ] exotische Abenteuergeschichten ( ... l, die in mythisch-märchenhahen Bildern [ ... ) Wünsche und Traumata des Autors und der Leser vorführen [ ... ) und dabei der Realität eine utopische Anti-Weh entgegenhalten" (56). F/xuJ 011 Liuratur Vol. 4, No. 2 (1997) 110 Focus on Literautr Eine solche Generalisierung erweist sich bei näherem Hinsehen, das heißt bei einer gründlichen und kritischen Lektüre eines Textes wie des Halbblut l , als unhaltbar oder doch zumindest als sehr fragwürdig. In der sich anschließenden Imerpretarion werden vorhandene Forschungs-ergebnisse auf ihre Stichhaltigkeit überprüft, wobei im wesentlichen die Aspekte Toleranz und Dominanz im Vordergrund stehen sollen - hier aber keineswegs verstanden als Antonyme. Im Gegenteil giIr es dar.lusteJlen, inwiefern die sogenannte T oleranz, die May (oder seinen Romanhelden) 50 oft von wohlmeinenden Kritikern attestiert wird, als eine Form von Dominanz verstanden werden kann, die den eigentlichen Herrschaftsdiskurs in Mays Text vernebelt, aber nie durchbricht:. Anhand des Beisptels Halbblut sollen Teilaspekte der Mayschen Reiseerzählungen angesprochen werden, die vornehmlich in jüngerer Zeil entweder b loß als Widersprüche abgetan und heruntergespielt bzw. schlich tweg geleugnet werden. Es geht dabei besonders um essentiell rassiStische und diskriminierende Positionen, die gerade von den so vorbildlichen Deutschen im Wilden Westen in kulturimperialistischer Art und Weise vorexerziert werden. Die Analyse wird daher versuchen zu zeige n, wie eine 'exotische Abenteuergeschichte' wie das Halbblul als Produkt seiner Zeit rass ist ische (und damit indirekt imperialistische) Diskurse des ausklingenden 19. Jahrhundens spiegelt oder doch zumindest Spuren davon aufweisen kann. Vielleicht I:aßt sich auf gen-au diesem Hintergrund die enorme Popularität der Mayschen Erz:ahlungen, insbesondere in der Blütezeit des Imperiali smus und des sich entwickelnden Nationalsozialismus, erklären. ... Die Beschäftigung mit Kar! Mays Texten ist leider allzu oft der Kampf zweier unversöhnlicher Positionen. Heftige K.ritik an den Werken Mays ist so alt wie die ihm erbrachte ehrerbietige Huldigung - und oft ermangeln die erreichten (Schein)Result:ne beider Lager Überzeugungskraft aufgrund der in die eigene 'Forschung' eingebrachten, persönlich motivierten Präferenzen. Klaus Mann ist eine der ersten Summen, die sich im amerikanischen Exil regen und auf die angebliche Gefährlichkeit der Mayschen Erzählungen hinweisen. Für ihn präsentieren die Abenteuergeschichten des Sachsen im Hinblick auf den Nationalsozialismus mchts als eine "Mischung Rassendiskurse im Wilden Westen 111 von Brutalität und Scheinheiligkeit," und es ist für ihn "kaum eine Übertre ibung zu behaupten, daß Kar! Mays kindische und kriminelle Phantasiegebilde tatsächlich - wenn auch nicht auf direktem Wege _ den Gang der Weltgeschichte beeinflußt haben."l MEine. gan.ze Generation in Deutschland venierte und drehte durch - teilweise durch den teuflischen Einfluß Kar! Mays. [ ... ] Er vergiftete ihre Herzen und Seelen mit heuchlerischer Moralität und einer unheimlichen d k . "1 Verherrl ichung er Grausam elt. Deutl icher kann man es nicht aussprechen. Kar! May ist für Klaus Mann einer der indirekten, geistigen Wegbereiter des Faschismus. Allerdings, und dies nimmt dem überaus polemischen Essay des verbitterten Exilschriftstellers einen Großteil sein~r Überzeugungskraft, ist es nicht damit getan, wortgewa~d[ ~uf dIe May.Lektüre des Führers zu verweisen. Auch Albert Emstem war begeisterter Leser der Mayschen Erzählungen, deswegen aber weder ein Vorbereiter der Naziideologie, noch ein Verherrlicher von Gewalt. Was dem Argument Manns fehlt, ist das Argument, d.h. die gründliche Textanalyse. die Schritt für Schritt seziert und Anknüpfungspunkte mit potentiell rassistischem Gedankengut herzusteJ.len sucht. Da dies im Rahmen dieser polemischen AuseInandersetzungen oftmals nicht geschieht, fällt es dem anderen Lager leicht, in eben dieser polemischen Manier auf die Vorwürfe zu reagieren. Ein Beispiel (unter vielen) der extremen und unkritischen Inschutzna.h,me Mayscher Produktion ist, neben der oben angefühnen Posltlon lowskys und der weiter umen folgenden von Augscein, ein jü~gerer Beitrag von Hamerski. Gehört May zu den Vordenkern ~es Rassl.sm~s und Antisemitismus? Hamersk i wundert sich, "erstaunlIcherwelse Ist gerade Kar! May in den Strudel solc hen Verdachts geraten!" (1~8) . Auf die Beschuldigungen reagierend mokiert er zurecht, daß es mcht genügt, auf Hitlers Lesevorlieben zu verweisen. Die wi~en~cha~lich mehr als fragwürdige Art und Weise aber, wie Hamerskl seine e~gene Position präsentiert, zeugt von einer mindestens ebenso erstaunlichen Parteilichkeit. Anläßlich eines 1992 in der Wiener Neue Kronen­ Zeiwng publizierten Artikels des Journalisten Sichrovs~y, der ~ay dort des Chauvinismus bezichtigt, schreibt Hamerskl, daß "Ihn [Sichrovsky] doch jede wirklich aufmerksame Lektüre May'sch~r Erzählungen und Romane ( ... ] [belehrt1, daß Unterstellungen wie "Chauvinist," "Rassist" und ähnliches gröbliche und unentschuldbare 112 Focus on Literatur Entstellungen sind" (226). Der aufmerksamen Lektüre scheint sich allerdings auch Hamerski enthalten zu haben. Ein Streifzug durch die Publikationen der letzten Jahre offenbart dieses Dilemma in zunehmendem Maße. Die sozial geschichtlich orientierten und ideologiekritischen Studien vornehmlich der 70er Jahre, die - wenn auch mit der ihnen eigenen Färbung - zumindest ansatzweise das gefährliche Potential der Mayschen Erzählungen und Romane herausarbeiteten, sind scheinbar auf dem Rückmarsch. Das Interesse an Karl May indes ist nach wie vor ungebrochen. Lange Zeit als Trivialautor von den professionellen Literarurkritikern oder -wissenschaftlern ignoriert und verpönt, fand das Werk Mays seine Fans auch ohne die Unterstützung der Wächter eines nun wohl antiquiert zu nennenden Literaturverständnisses_ Schätzungen hinsichtlich der verkauften Exemplare erreichen Zahlen von bis zu 100 Millionen in 28 verschiedenen Sprachen (Augenstein 130).~ Diese verkaufszahlen machen die Texte Mays zu den quantitativ erfolgreichsten in deutscher Sprache. Erst vor etwas mehr als einem Jahr brachte es May auf das Titelblatt des Spiegel, während etwa zur gleichen Zeit eine renommierte deU(sche Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, Die Horen, fast einen ganzen Band mit Material über May zu füllen wußte.' Wie nun wird May, vielleicht besonders im wiedervereinigten Deutschland der 90er Jahre, gelesen? Bleiben wir zunächst bei Rudolf Augsrein und seinem Beitrag im Spiegel. Im Jahre 1908, so erinnert Augstein den Leser, sch iffte sich May in Bremen ein, um seine erste und einzige Amerikareise zu machen. In Massachusetts hielt May einen Vortrag vor Deutschamerikanern. Und was machte May? Anstart in der Blütezeit des Imperialismus eine glühend nationale Rede an seine Landsleute zu halten, so Augstein, "kricisiene der Sachse May seine Regierung" und appelliene an sein Publikum, daß "gerade die Deutschamerikaner [ ... ] einen humanen Staat" schaffen sollten. Augstein schließt daraus allerdings etwas vorschnell, daß sich in diesem Moment "Karl Mays politische Gesinnung, vielleicht sogar die mancher seiner Zuhörer [zeigte]. Tatsächlich stand er gegen Rassismus, Kolonialismus, Imperialismus, war auf seine verschwörerische Art Paz ifist, gelegentlich auch projüdisch" {Augstein 133}. In einem im Grunde eher komischen Lapsus wiederholt Rassendiskurse im Wilden Westen 113 Augstein hie r ein in allen Werken Mays sichtbares Motiv: die Sonderrolle der Deutschstämmigen. In diesem Fall sieht Augstein ironischerweise etwas Positives darin, daß May gerade von den Deutschamerikanern erwartet, daß sie an einer gerechteren Zukunft arbeiten. Auch in den Texten Mays ist es der Deutsche, an dessen Wesen die Welt genesen soll. Und diese Position, die o ft einem überladenen Sendungsbewußtsein nahe kommt, wird von Augstein unkritisch übernommen, ja unverständlicherweise sogar als Indiz der verschwiirerischen Friedensliebe Mays angeführt. Mit breitem Kreuz schiebt sich Augstein dann vor die Vorwürfe, denen sich May in der Vergangenheit gelegentlich ausgesetzt sah. In einem Aufwasch wird jedwede Kritik barsch zurückgewiesen, die May in Verbindung mit den nationalistischen Krankheiten der imperialistischen, besonders der wilhelminischen Ära bringt. May ist Pazifist, ja er ist sogar "projüdisch" und alles andere als ein "gefährlicher Scharlatan" - schließlich hatte sogar Kardinal Frings bei der Lektüre nichts bemerkt (Augstein 138). Augstein stehL keineswegs allein mit dieser Deutung. So spricht Z.S. Mosse von einer "erstaunlichen Toleranz," die Kar! May den Indianern gegenüber zeige. Diese "wahre, christliche Haltung," die May einnimmt, führt für Masse zu der Einsicht, daß "in den meisten dieser Werke [ ... ] ausdrücklich auf Toleranz gepocht [wird]" (109). Auf das wilhelminische Deutschland (und damit im Grunde auf ein fast gesamteuropäisches Phänomen der Zeit) bezugnehmend schreibt Mosse, daß die "Trivialliteratur dieser Ära [ ... ] überhaupt Ausdruck eines unveränderten Liberalismus [ist], und zwar nicht nur in ihrer Arbeitsethik, sondern auch in ihrem Eintreten für Toleranz und Menschenwürde" (113). Die nähere Analyse des Halbblut wird daran jedoch erhebliche Zweifel aufkommen lassen, bzw. wird das an May so oft gepriesene Toleranzideal einer eingehenderen Problematisierung standzuhalten haben. Das Halbblut als eines der zahlreichen Wildwest-Abenteuer stellt weder, wie Lowsky behauptet, "die Überlebenskämpfe der von der Ausrottung bedrohten Indianer dar," (59) noch wirkt es dank seiner "geschickten Didaktik angenehm belehrend."6 Ganz im Gegenteil. Und von "popularisierte[ml Humanismus" (Geyer-Ryan 256) im Mayschen Gesamtwerk kann, muß aber nicht (nur) die Rede sein. Ein kritisches Bewußtsein ist bei der Lektüre der Reiseerzählungen nicht zuletzt deswegen angebracht, 114 FonlS on Literatur weil die in Jugendbüchern und Trivialliteratu r vermittelten Wertvorstell ungen durchaus eine Erziehungsfunktion beinhalten.' Die Erzählung Das Handlungsgerüst des Halbblut ist simpel. Die z.wei deutschen Vettern Has und Kas, die sich um eine reiche Erbschaft betrogen fühlen, treffen bei dem Versuch, in den Besitz des ihnen zustehenden Geldes zu gelangen, in einem Eisenbahnercamp auf Shatterhand und Winnerou. Diese durchschauen einen von den Komanrschen geplanten Raubüberfall auf das Camp, von dem sich die Komantschen Waffen und Munition, vor allem aber die Skalpe der vielen chinesischen Arbeiter versprechen. Zentrales Glied im Plan der Komamschen ist ihr halbblütiger Scout lk Senanda, der sich von den Arbeitern des Camps umer falschem Namen anheuern ließ, um es zunächst in Sicherheit zu wiegen und dann zu verraten. Aber der Scharfsinn und Mut der beiden Blutsbrüder, die Unterstützung seitens ihrer Freunde (zu denen später noch Hobble-Frank und Tante Droll stoßen) und die Hilfe einer Anzahl von Arbeitern aus einem anderen Lager, vereiteln den Plan der Komantschen. Winnetou und Shanerhand stellen ihnen eine Falle, berauben sie ihrer Waffen und Pferde und entehren ihren Häuptling Tokvi Kava , indem sie ihm die Haare abschneiden, um sie mit einem Chinesenzopf zu ersetz.en. Voller Grimm sinnen dieser und seine Krieger auf Vergeltung und locken nun ihrerseits eine Gruppe goldgieriger Yankees in eine Falle. Auch hier funktioniert das Halbblut als Verräter - und wird gehängt, als die eingeschlossenen Westmänner die Falle durchschauen. Ihrem nun sicheren Untergang entgehen die auf Reichtum sinnenden Männer lediglich durch die unerwartete Hilfe Shatterhands und seiner Freunde, die zur Rettung eilen. Ll dem sich ergebenden Handgemenge findet T okvi Kava durch Shatterhand den T od. Einer der Westmänner ist Hum, den Kas und Has hinsichtlich ihrer Erbschaft als Betrüger in Verdacht haben. Es stellt sich allerdings heraus, daß Hurn keine Schuld trifft, denn der Erbschaftsbet rug ist ein grober Spaß feindseliger deutscher Verwandter. Einer kurzfristigen Enttäuschung folgt Kas' Einsicht, daß treue Freundschaft mehr wert ist als jeder materielle Reichrum. In pathetischen Worten wendet er sich am Ende Hum zu: "Du hast recht, Vetter; das Geld hätte uns ja vielleicht auch nicht glücklich gemacht. Wir stehen ja hier an der Bonanza of Hoaka, aus Rassendiskurse im Wilden Westen 115 deren Namen wir lernen sollen, daß es andere Schätze gibt, nach denen man trachten sollte. Wir wollen fortan gut zusammenhalten, so gut, daß man, um eine treue Freundschaft zu bezeichnen, einst sagen wird: Grad wie bei Timpes Erben'" (Halbblut 152). Und die Moral von der Geschicht' ist schwer zu verfehlen. Gut und Böse können problemlos auseinander gehalten werden. Böse sind die Komantsehen, die mit ihrem Überfall auf das Camp einen materialistischen Zweck verfolgen. Essentiell böse in besonderem Sinne ist der Mest ize, der es nicht einmal, nach gut indianischer Sitte, auf Skalpe, sondern auf "Gold und Geld" (73)1 abgesehen hat. Aufgrund ihrer Goldsucht geraten die Westmänner um ihren Führer "Majestät" in tödliche Bedrängnis - auch hier ist also materialistisches Interesse Ausgangspunkt und Keim des Verderbens. Und schließlich liegt der ganzen Erzählung die Erbschaftsgeschichte der Vener Has und Kas zugrunde, die nach Ausschaltung der Feinde in die oben angeführte Weisheil mündet, nach welcher es weit positivere Werte als Reichtum gibt.~ Gut sind selbstverständlich die für Recht und Ordnung sorgenden asketi schen Männer um Shauerhand, welche selbstlos ein ums andere Mal ihr Leben aufs Spiel setzen, um z.u retten. Robin Hood, Zorro, Old Shatterhand - alle gleichermaßen Rächer der Enterbten, Verteidiger moralischer Integrität und sublimer Werte? Innerhalb eines so ritterlich-erbaulichen Konzepts nun wirken rassistische und diskriminierende Elemente umso stärker. Und man ist erstaunt ob der Hartknäckigkeit und Unverblümtheit, mit der sie im Halbblut immer und immer wiederkehren. Diesen " Abweichungen vom humanistischen Ansatz," wie Lowsky diese Textpassagen verniedlichend bezeichnet (87)10, möchte ich mich nun in etwas detaillierterer Form im Halbblut zuwenden. Es handelt sich dabei meiner Ansicht nach ni cht nur um "e inige läche rli che Völkerklischees," (87) sondern um eine bewußt konstruierte Differenzierung der Charaktere auf der Grundlage ihrer Rassenzugehärigkeit, wobei die weißen \YIeslmänner um Shatterhand in vielerlei Hinsicht diskriminieren und dominieren. Weiß, ROlltnd Gelb Den gesamten Text durchzieht eine Farbkodierung, die prinzipiell auf Rassenunterschiede aufbaut. In den Abenteuern im 116 Fonts on Literalltr Halbblut treffen, vereinfacht ausgedrückt, Weiße auf nicht-Weiße. Die Anzahl der Farb:utribute, mit der innerhalb des Textes gut und böse, mutig und feige, ehren haft und unehrenhaft , eIe. auseinander­ und gegeneinander gehalten werden, ist auffällig. Man ist gemahnt , so scheint es, sich entlang dieses Codes zu o rientieren . Ohne Zweifel vermag der Leser schon nach kurzer Zeit eine bestimmte Farbe (und damit indirekt auc h Rasse) mit bestimmten Wesensmerkmalen in Verbindung zu setze n , sodaß das bloße Farbanribut zu einem essentiellen und das Wesen der Beze ichneten bestimmenden Signifikanten wird. Im Halbblut sind es Weiße, Rote und Gelbe, mit anderen Worten deulscllSlämmige Westmänner, Bahnarbeiter oder Yankees, Winnetou und die Krieger der Komantseh en und eine Anzahl chinesischer Bahnarbeiter, die sich gegenüberstehen. Eine Sonderrolle spielt de r "halbfarbige" Mestize (21), der einen weißen Vater und eine rote Muner hat. Auf ihn werde ich später noch genauer eingehen. Weiß ist in Mays Erzählung die durchweg dominierende Rassel!, und dies zeigt sich nicbt nur im eigentlichen H elden Shatterhand oder den anderen Westmännern, die das Geschehen vo n Anfan~ bis E~de. dominieren - und die alle Angeh~ri~e der weißen Rasse smd. BIS hinunter zu den Bahnarbeitern ist die Uberlegenheit der Weißen zu erkennen, die sich in besonderen intellektuellen moralischen oder physischen Eigenschaften kundtut. Stellvertretend für ei ne ganze Anzahl vergleichbarer Momente mächte ich ei nen kurzen Blick auf zwei Szenen werfen, die dies verdeutlichen werden. U Am Anfang der Geschichte erreichen Has und Kas nach langem Ritt das Firwood Camp und betreten eine Wirtsstube, in der "langzäpfige Burschen mit gelber Gesichtsfarbe" in einem Raum sitzen. Getrennt von ihnen, in einem separaten Raum, sitzen die anderen, weißen Arbeiter. 'Pfui Teufel! Chinesen! Das konnten wir uns denken, denn man roch es schon von draußen!' meinte der Dunkelhaarige [Has. W.W.]. ' Kommt schnell in den klein en Room, wo die Luft vielleicht genießbarer ist!' In dieser Abteilung gab es auch eine Anzahl von Brettertafeln, woran aber weiße Arbeiter rauchend und trinkend saßen, derbe, weuerharte Männer, von denen wohl so mancher eine bessere Vergangenheit hinter Rassendiskurse im Wilden Westen 117 sich hatte, mancher aber auch nur deshalb hierhergekommen war, weil er sich im zivilisienen Osten nicht mehr sehen lassen durhe. (9.10) Die Burschen mit gelber Gesichtsfarbe sti nken, sitzen sepaldt und werden von den vorbildlichen deutschen Weslmännern auch sogleich als minderwenig "erkannt." Diese ziehen die Gesellschaft der anderen, der weißen Bahnarbeiter vor, deren Qualität lind Überlegenheit sich offenbar ihrer Härte und Zähigkeit, mitunter gar ihrer kriminellen Vergangenheit im "zivilisierten Osten" verdankt. Der Schauplatz der Sze ne und das Hande ln der WeSlmänner erinnert an ein rassengerrenntes Amerika. Ohne zu zögern, lediglich auf dem Grunde der Rassenzugehärigkeit, urteilt Has - und Kas widerspricht nicht. Wenig später haben auch Winnetou und Sh:merhand das Camp erreicht und suchen ein Nachtlager. Die rassistische Distinktion zwischen weißen und gelben Bahnarbeitern wird hier noch einmal aufgegriffen. Der Engmeer klärt die beiden Helden über die Räumlichkeiten auf. 'Den beiden vor euch gekommenen Gentlemen (Has und Kas, W.W.] hat der Shop man ihr Lager bei sich angewiesen; da gibt es keine Plätze mehr. In der Nässe draußen werdet ihr doch nicht schlafen . Und hier im Schuppen, bei den schnarchenden, unreinlichen C hinamännern? Keineswegs! Wir haben uns C hinesen aus dem Westen. verschreiben müssen, weil wir keine weißen Arbeiter finden konnten und wei l sie bill iger und auch leichter in Zucht zu hahen sind als das Gesindel, auf das wir sonSt angewiesen gewesen wären.' (22) Die Anständigkeit der beiden Blutsbrüder geht nicht soweit, sieb mit einem Lager bei den Chinesen zufrieden Zll geben. Ohne Kommentar seitens der Helden lind in offenbarer Übereinkunft mit dem Urteil des Engineers, fo lgen sie diesem zu ihrer Unterkunft. Wie in der Szene mit Has und Kas liegt das eigentlich Abschätzige in einem einzigen kJeinen Won ~ im ersten Fall der Konjunktion aber und hier dem Modalverb müssen. Il Wenig später und noch immer im Firwood Camp decken 118 Foem on Literatur Winnetou und Shauerhand den geplanten Überfall der Raren auf. Zusammen mit dem donigen Engineer sinnen sie über mögliche Maßnahmen nach, und es ist der Engineer, der eine Idee hat. Sich an das in der Nähe befindliche andere Eisenbahnerlager erinnernd, ruh er aus: "Ja, wenn ich so viele Weiße hätte wie mein Kollege in Rocky­ Ground! Der hat weit über achtzig Mann, alle wohlbewaffnet; bei den dortigen Sprengarbeicen sind Chinesen nicht zu brauchenn (52). Die Betonung liegt Ilier eindeutig auf der Rassenzugehärigkeit der eventuell zu Hilfe eilenden Männer. Die Tatsache, daß es sich um Weiße handelt. spricht offenbar für sich. Kur.l darauf ist der Plan besch lossene Sache - und wieder findet sich der Hinweis des entzückten Engineers: "Alle Wetter, das ist ein köstlicher Gedanke! Die Weißen von dort zur Hilfe hierher! Da kann es uns ja gar nicht fehlen, denn dann schießen wir die roten Halunken vom ersten bis zum letzten Mann nieder!" (54). Zwar wird Shatterhand später dafür sorgen, daß man diesen "roten Ha lunken," gemeint sind die Komantschen, nicht "'einige Pfund Pulver auf die roten H äute knallen" wird, doch stellt sich Shatterhand nicht ein einziges Mal zumindest relativierend gegen die von verschiedenen Akteuren vorgenommene Diskriminierung oder Bevorzugung anhand der H aut fa rbe und Rassenzugehörigkeit. Für die ausbleibende Problematisierung dieser Positionen könnte es eine einfache Erklärung geben: sie sind common se?lse europäisch-imperialistischer Ideologie. Der Engineer des anderen Camps in Rocky-Ground, in welches die Westmänne r sich unterdes aufgemacht hatten, ist in Shatterhands Augen der Tüchtigere von beiden. u'Wieviel Arbeiter habt Ihr hier~''', fragt ihn Shatterhancl. IGegen neunzig, lauter Weiße, die gut dreinschlagen können und mit ihren Gewehren umzugehen verstehen.' [ ... 1 Shatterhand hegte die Überzeugu ng, in ihm einen tüchtigen Helfer zu finden" (61). Eine symbolische Verdichtung erhält die Farbkodierung in der relativ zusammenhanglos und eigentlich unmotivierten Präsentation einer wirklichen Legende des amerikanischen \X'ilden Westens, der des weißen Musumgs. Es ist eine der symbolträchtigsten und ausdruckskräftigsten Legenden des Fromier-ethos des 19. JahrhundertS und signalisiert im weißen Mustang - neben anderen Aspekcen - vornehmlich einen unbändigen Willen nach Freiheit, der so stark ist, daß der Tod dem eventuellen Verlust dieser Freiheit Rassendiskurse im Wilden Westen 119 vorgezogen würde. li Zu Beginn des zweiten Kapi tels nun findet sich diese merkwürdige kurze Episode, in der sowohl der weiße als auch der schwarze Mustang, das Pfe rd Tokvi Kavas, vorgestellt und charakterisiert werden. Die Episode ist merkwürdig insofern, als daß sie zum einen vom Kontext losgelöst, zu m anderen für die sich entwickelnde Handlung im Gnmde bedeutungslos ist. Und sie wird auch in der Erzäh lung nicht wieder aufgegriffen. U Obwohl isoliert vom Ganzen der H andl u ngsführung bleibt der symbolische Bezugspunkt der Legende vorhanden, ja wird im Grunde durch den fehlenden H andlungszusammenhang eher betont. Hier, wie in der oben angesprochenen Farbkodierung unter den Lagerarbeitern, erfährt die Überlegenheit des Weißen besondere Beachtung. Zudem wird diese Superiorität - und dies in hinsichtlich der sozialdarwi nistischen Diskurse des ausklingenden 19. Jahrhunderts von Bedeutung - als ein natürlicher Ausleseprozeß charakterisiert. Eine jede Herde, so erklärt der Text, wurde von einem solchen weißen Mustang angeführt. Diese leithengste waren klüger, bärter und kräftiger als alle anderen Pferde, und sie erkämp ften sich ihre Führungsrolle mil Gewa lt und List [ .. } Dazu kam, daß die hellen Mustangs von den Jägern geschont wurden; es fie l keine m Menschen ein, sich einen Schimmel zum Reiten zu f.lIlgen, weil ein solches T ier weithin sichtbar ist und den Reiter in Gefahr bringt. Diese Pferde konnten sich also zur vollen Kraft auswachsen . Ferner liegt oder lag es im Instinkt jedes heller gefärbten Pferdes, vorsichtige r zu sein als ein dunkleres. Sodann braucht eine Herde einen Anführer, der sich durch seine Färbung unterscheidet und mit dem Auge leicht zu finden ist. Je höher der Offi zier steht, desto glänzender die Abzeichen seiner Würde. (37) Der weiße Mustang ist von Natur aus mit einem sozialen Führungsinstinkt versehen und bringt darüber hinaus auch die physischen Eigenschaften mit, um einer solchen Rolle gerechl z.u werden. Alle Versuche, ihn zu fangen, mit anderen Worten alle Anläufe, ihn seiner Freiheit zu berauben, scheitern Jn seiner Schnelligkeit, Ausdauer oder Geschicklichkeit. Es ist zudem 120 Foeus on LiteralIIr interessant, daß zwei ni cht-Weiße, ein "Vaquero" (36) lind ein "Haziendero aus der Sierra," (37) versuchen, den weißen M ustang zu fangen. Nimmt man die Weiße des Mustangs nicht nur als Zeichen seiner Wildheit, sondern auch als Symbol der weißen Rasse generell (und damit ihrer Führereigenschaften), so ergibt sich auf einer subtileren Ebene eine interessante Konstellation: Der weiße Mustang, Sinnbild der Wildheit und Freiheit der anglo-ameri kanischen \Xlestmänner, verschwindet zusanunen mit diesen im Verlaufe der sich ausbreitenden Zivilisauon. Allerdings si nd es nicht Weiße, von denen diese Bedrohung ausgeht, sondern Personen nic ht-weißer Abstammung (mexikanischer oder anderer Minoritäte n). Der Verlust der Freiheit im Wilden Westen durch die andrängende, " unerbittl iche »Kultur.':' (37) - ablesbar am Verschwinden der Büffel und Mustangs - ist in dieser symbolischen Verdichtung , so scheint es, paradoxerweise herbeigeführt von nicht-Weißen. Erklären könnte man dies fo lgendermaßen: Die amizivilisatorische Weh des Wilden Westens wi rd von einer weißen Kerntmppe bereist, die dort Normen und Werte zu etablieren versucht. Es sind Normen, welche in der übrigen zivilisierten Welt entweder abhanden gekommen sind oder zumindest an Effektivität eingebüßt haben. Dieses Projekt wiederum erfährt seine Bedrohung sowohl von Weißen (geldgierigen Yankees) als auch von nicht-Weißen (im Falle des Halbblm von Komantschen, bzw. dem Mestizen) . Der Vaquero und der Haz.iendero bedrohen als nicht-Weiße die (mit christl ich-ethischen Normen angefüllte) Freiheit der Weißen - einer Freiheit, die auf Exklusion und Extinktion aufzubauen scheint und die im weißen Mustang symbolisiert wi rd. Diese in sich gebrochene Darstellung erfährt eine we ite re Verkomplizieru ng durch die Anwesenheit ei nes schwarzen Mustangs. "Zur Zeit W in netous und Old Shatterhands gab es auch einen »schwarzen Mustang«, mit dem es fast dieselbe und doch auch wieder eine andere Bewandtnis hatte. Er war kein wildes, so ndern ein geschuhs, ein sogar außerordentlich gut dressiertes Pferd, das sich im Besitz des Häuptlings der Naiini-Komantschen befa nd" (38). Der schwarze Must ang, seinerseits ebenfalls ein vortreffl iches Pferd, unterscheidet sich vo n seinem weißen Gegenstück durch ein zemrales Element: es ist unfrei. Es ist gefangen, geritten und dressiert, mit anderen Worten ein zivilisiertes Pferd. Schwarz ist damit symbolisch verknüpft mit Unfreiheit. Darüberhinaus ist der schwarze Mustang Rassendiskurse im Wilden Westen 121 das Pferd T okvi Kavas, des indianischen Gegne rs unserer tapferen, we ißen Westmänner - und dami t also auc h auf di eser Ebene fu nktio nal es E lement e iner auf Farbkod ieru ng beruhenden Werteskala, die z. wischen gut und böse unterscheidet:. Vollständig dl/reh Rasse bestimmt: Die gelben Hlmde Aus den weiter o ben angeführten Beispielen l6 wird bereits ersichdic h , wer eine d er unteren Rangstufe n der Mayschen Rassenhierarch ie einnimmt: die Chinesen . Sie sind, neben dem Mestizen se lbst, die einzige Gruppe im Halbblut, die ganz. und gar durch ihre Rassenzugehörigkeit gekennzeichnet ist, denn es gibt nicht einen positi ven Charakter umer ihnen ." Während besonders die weißen Westmänner, teil weise auch die Führer der Komantsehen, charakterliche Individuierung aufweisen, das heißt über ein bloßes Farbattribut wie rot, gelb oder u;eij.? hinaus personalisiert werden, fällt d ieses Mo ment bei d e n C hin ese n weg. Oie Fähigkeit zur Individualisiem ng ist, das wird deutlich, den Chinesen nicht gegeben. Dies darf ni cht unterbewertet werden. Wen n man sich vergegenwärtigt, daß sich der deutsche Mittelstand im Z uge der Kolonialisieru ng im wesentlichen von "Schwarzen" und "Gelben," das heißt afrikanischen und as iatischen Völkern abzugrenzen ve r su c hte, e rhält die vo ll ständige D et ermi nierung durch Rassenzugehörigkeit eine sign ifikante Bedeutung und spiegelt, ganz gleich ob bewußt oder unbewußt, rassistische Ideologiespliuer des lmperialismus im ausgehenden 19. Jahrhundert generell und für May des wilhelminischen Deutschland im besonderen . Es sind genau diese beiden Rassen, die in Mays Texten am negativsten vorgestellt werden. Die Komantschen fallen aus diesem Schema deutlich heraus, denn sie sind, das zeigen die Bemühungen O ld Shauerhancls, im weitesten Sinne lernfähig und damit potentiell dem Bildungsprozeß seitens der Weißen unterwerfbar . 18 Die Chinesen werden als materialistisch, von Grund auf feige, unrein und st inkend dargestellt, werden ve rplügelt und gedemütigt und ricin en ihre Fähnlein nach dem jeweil igen Wind, kurz: sie sind in vielerlei H insicht das Gegenteil der heldenh aften Asketen um Shalterhand, ja selbst der Komantsehen. Schon die zu Anfang der Erzählung eingeführte Distinktion 122 Focus on Literatur zwischen weißen und gelben Arbeitern ist ein deutlicher erster Schritt in diese Richtung. Sie findet ihre weitere Exemplifizierung in den beiden chinesischen Vorarbeitern, die die berühmten Gewehre Shatterhands und Winnetous entwenden. Nicht genug, daß sie Diebe sind, verdeutlicht der Text die Verächdichkeit dieser Tat in dem rein materiellen Interesse, welches die Chinesen zu dieser Tat veranlaßt. Ihren Plan ausarbeitend äußert einer der beiden: "Und später könnten wir sie [die Gewehre. \'(1.W.] in Frisco verkaufen. Wir bekämen viel, sehr viel Geld dafür; dann wären wir reiche Herren und könnten nach dem Reich der Mitte zurückkehren und all e Tage Schwalbennester essen" (24) . Die Bedeutung dieser von ihnen gestohlenen Waffen überhaupt nicht fassend, haben sie lediglich den materiellen Wert der Waffen im Sinn, der sich in dem luxuriösen (und bloß sinnlichen) Genuß von Schwalbennestern kristallisiert. Ihre Erregung hinsichtlich des bevorstehenden Diebstahls nicht im Griff, spiegelt sich auf ihren Gesichtern die blanke Gier. "Ihre dünnen Augenbrauen gingen auf und nieder; ihre Lippen zuckten, ihre Finger bewegten sich krampfhaft, sie rutschten auf ihren Sitzen hin und her" (24). Kaum haben sie die Waffen aus dem Haus des Engineers entwendet, treffen sie aufT okvi Kava, der ihnen ihre Beute abnimmt. Er, der Krieger, weiß sofort, daß die beiden "Wagare-Saritsches" (33) die Waffen gestohlen haben müssen. Den gelben Hunden, so erklärt die Übersetzung der Fußnote den Ausdruck der Indianersprache, würden Shatterhand und Winnetou ihre Waffen niemals anvertrauen. Die Chinesen flehen um ihr Leben, hauchen zutiefst verängstigt ihre Antworten und werden schließlich von T okvi Kava verschont . Zwischen dem Häuptling und den Chinesen entwickelt sich ein kurzer Handel. fhnen das Leben im Tausch für die Gewehre schenkend, bricht das unstillbare materialistische Verl angen der Ch inesen, ihr Trieb, durch - ein Verlangen, welches offenbar selbst in Lebensgefahr noch an die Oberfläche dringt . C: Wieviel gibst du uns dafür? T: Mehr, als jeder andere euch geben würde. C: Was? T: Euer Leben. Ein solcher Diebstahl wird mit dem Tod bestraft; ich schenke euch aber für die Flinten das Leben. Rassendiskurse im Wilden Westen 123 C: Das Leben? Nur das Leben? fragte der Zopfu äger zitternd und enttäuscht. T: Ist das nicht genug? zischte ihn der Rote an. Können solche Burschen, wie ihr seid, mehr bekommen als das Leben? Was wollt ihr noch? C Geld. (34) T okvi Kava versetzt jedem der beiden einen Fußtritt , bevor sie im Dunkel der Nacht verschwinden. Szenen wie diese sind zahlreich. Neben ihrem offenbar rein materialistischen und unehren haften Interesse betont der Text vor allem eines: die Feigheit der Chinesen. D ies stellt sie eindeutig unter die Komantsehen um To kvi Kava. 19 Eine Szene macht das besonders deutlich. Nachdem Shatterhand und seine Freunde, den Plan der Komantschen durchschauend, die Indianer in einer Schlucht festsetzen, kommen die Chinesen herbei und sinnen auf Rache. Sie haben erfah ren, daß sie nur knapp der Skalpierung seitens der Komantschen entkommen sind. Was sich nun am Rand der Schlucht entwickelt, ist eine chaotisch­ komische Szene, die den Leser an eine Episode aus Asterix und ObeLix erinnert. In der Absicht, die Komantschen vor dieser feigen Tat der Chinesen zu schütL.en, überholen Shatterhand und Winnetou die Chinesen auf dem Weg nach oben, weil diese, faul wie sie nun einmal sind, start der stei len Felswand "einen Umweg über die bequemere Lehne des Berges eingeschlagen hatten." Da sie die C hinesen nicht töten wollen, prügeln sie sie den Hang hinunter. Dieser SL.ene, so scheint es, wird ihre Ernsthaftigkeit dadurch genommen, daß man mit Nachdruck die Schwäche und Hilflosigkeit der Chinesen porträtiert . Wiederholt finden sich im Text abschätzige Bemerkungen hinsichtlich der Chinesen, über die nicht nur verächtlich gesprochen wird. Wie die obige Szene verdeutlicht, sind auch ihre Handlungen mora lisch verwerflich. Es sind nicht nur der Engineer oder Shatterhand, also Weiße, die so denken. Auch Tokvi Kava, ein Roter, ist sich der niedrigen Stellung der Chinesen bewußt und gibt ihr Ausdruck. "Wage es ja nicht, den Kopf eines Kriegshäupdings mit diesem Abfall gel ber H unde zu beleidigen !" ( lO2) herrscht er Shatrerhand an, als dieser sich anschickt, dem Häuptling die Zöpfe der Chinesen an den Kopf zu binden, um ihn zu demütigen. 124 FoClts on Literatur Der halbrou Judas Ik Senanda, die böse (oder falsche?) Schlange, ist der Enkel des KomanLSchenhäuptiings Tokvi Kava. Er fungiert als Scout unter falschem Namen in eben dem Eisenbahnercamp, in welchem sich die Westmänner um Shatterhand treffen. fk Senanda, alias Yato Inda, ist der Sohn eines Weißen und einer Komantschin und steht zwischen den rassischen Fronten im Halbblut. Nichrsdestotrotz ist er gerade von seiner 'Halbblürigkeit' her determiniert. Weder weiß noch rot wird er beschrieben als ein "nicht ganz dreißig j ahre zählender Mann, der wie ei n weißer Jäger gekleidet war, aber der kaukasischen Rasse nicht angehörte, was sich aus der Farbe seiner Haut und der Bildung des Gesichts schließen ließ" (10). Obwohl (tück ischerweise?) gekleidet wie die anderen Westmänner, ist er doch unsagbar weit von deren charakterlichen Vorzügen entfernt. Und dies, weil er ein Mischling ist. "Er war jedenfalls ein Mestize, einer jener Mischlinge, die zwar die körperlichen Vorzüge, aber dazu leider meist auch die moralischen Fehler ihrer verschiedenfarbigen Ehern .,ben" (10). Innerhalb der im Halbbbll vorgestellten einzelnen Akteure ist er am eindeutig negativsten gezeichnet. Sein wohl dominantester Charakterzug ist se ine fehlende Loyalität. Als durch und durch selbstsüchtiger Spion und Verräter wird er durch den Strick gerötet. Nicht nur verrä t er das Eisenbahnercamp an se ine roten Stammesgenossen, auch seinem eigenen Großvater Tokvi Kava fä llt er machtgierig in den Rücken, wenn er in dessen Auftrag seinen Stamm aufsucht, dort aber für sich und gegen seinen Großvater und H äuptling einrriu . Tokvi Kava "ahnte nicht, daß lk Senanda beim Rat der Alten tückisch gegen ihn aufgetreten war, denn es war der größte Wunsch des Mestizen, selbst Häuptling der Naüni zu werden" (124).!O Anhand der im Text vorgenommenen Charakterisierung müßte man dieses Verhalten Ik Senandas nahezu entschuldigen, denn es ist 'in seinem Blut' so angelegt. Er ist ein Mischling, "und wie fast alle Mischlinge [war er] kein vertrauenswürdiger Mensch , und wenn es sich um seinen Vorteil handelte, galt ihm sein Großvater auch nicht viel mehr, als jede andere Person" (124). Und um es dem Leser noch ein weiteres Mal ausdrücklich zu erklären, hören wir aus dem Mund des erfahrenen Westmannes mit Namen Majestät: "[D]iese Mischlinge sind noch viel schlimmer, verräterischer und treuloser als die reinblütigen Indianer" Rassendiskurse im W ilden Westen 125 (1J7). Ik Senanda ist der gefährlichste und hinterlist.igste von allen, "ein halbroter boy" (133/ 141) mit "halbindianischem Wigwam" (43). "Das kluge Halfbreed" (17) ist der "halbfarbige Bruder" (21) "Winnetous, ein halbblütiger Schurke" (79) oder "Schuft ," (145) gelegentlich auch ein "hell gefärbter Gentleman" (78), normalerweise aber ein "demimonschtrum," (110) also "H albmonster," und "schurkische r Mestize" (139). Die Beispiele sind zah lreich. Als verräterischer Judas entspricht sei n aussagekräftiger Tod durch Hängen (warum nicht erschießen?) schLeßlich seinem nichtswürdigen Leben, in welchem er vor aUem eines wollte: Geld und Macht. Die Person Ik Senanda versammelt damit interessanterweise zwei zentrale C haraktermerkmale, mit der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem Juden marginalisiert wurden. Ik Senanda als eine Wildwesrversion des rassistisch isolierten bzw. determinierten, verräterischen und geldgierigen Juden? Oder zumindest als das Echo typischer Ä ngste eines mit Rassenfragen beschä fti gten wilhelminischen Kleinbürgertums im Zeitalter der beginnenden Weltpolitik Deutschlands? Fragen solcher Art sin d berechtigt, wenn man sich vergegenwärtigt, daß May in einer von Rassendiskursen förmlich saturierten Zeit schreibt, von der her die rassistische Kodierung eines Textes wie das HaLbbiut verstanden werden kann . Um die Jahrhundertwende blüht der "wissenschaftliche" Rassismus. Seit der besonders in Deutschland vollzogenen Rezeptionll von Gobineau und dessen Essai sur l'in/ga/it/ des races humaines von 1853·55, überschwemmt eine hohe Anzahl von "rassen kundlichen" Schriften den Markt. In dieser aufgeladenen Atmosphäre bewegt sich auch May . und in seinen Erzählungen findet dieses geistige Allgemeingut seinen Niederschlag. Die Charakterisierung des Mestizen ist das offensichtlichste Moment und entspricht genau den angstvollen Vorstellungen von Rassenvermischung, die von Gobineau und dessen Nachfolgern geschürt wurden. Gobineau war bekanntermaßen besessen von der Idee, daß ei ne Vennischung der Rassen ihren siche ren Untergang, ihre Degeneration zur Folge hat. Reinerhaltung der Rasse, für ihn den Deutschen noch am besten gelungen, ist daher oberstes Gebot. "The word degenerale", schreibt Gobineau, "when applied to a people, 126 FoClts on Literatur means [ ... ] that the people has no langer the same intrinsic value as it had before, because it has no Ion ger the same blood in its veins, continual adulterations having grndually affected the quality of tbat blood" (25). Gobineaus Nachfolger in Deutschland wurde der Wahl deutsche H ouston Stewart Chamberlain. Dessen überaus einflußreiches Hauptwerk, die 1899 gedruckte Schrift Die Gmndlagen des 19. Jahrhunderts, faßt zahl reiche Strömungen seiner Zeit zusammen und bündelt sie in einem zentralen Gedanken: dem besonderen Status des Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur, der sich die Welt untertan machen muß. Zu Beginn des deutschen Kolonial ismus fand diese Botschaft Gehör. Trotz aller gedanklichen Differenzen zwischen Gobineau und Chamberlain ist auch für letzteren rassische Reinheit von zentraler Bedeutung, und genau hier läßt sich auch mit wünschenswerter D eutlichkeit erkennen, inwiefern die oben angeführte n Charakterisierungen des Mestizen einem imperialistischen common sense entsp rechen, einem Umstand, der die Unverblümtheit der Bemerkungen erklären könnte. "Entstehen die sogenannten 'edlen' Tierrassen," fragt Chamberlain , "durch Zufall und P romiskuität? Entstehen sie, indem man den Tieren Rechtsgleicbheit gewährt, ihnen das selbe Futter vorwirft und über sie die näm liche Rute schwingt? Nein, sie entstehen durch geschlechtliche Zuchtwahl und durch st renge Reinhaltung der Rasse." Ei nen Vergleich mi t der Hundezüchtung bemühend, führt Chamberlain aus: "[O]ie Pferde, namentlich aber die Hunde [bieten uns] jede Gelegenheit zu der Beo bachtung, dass die ge istigen Gaben Hand in Hand mit den physischen gehen; speziell gilt dies von den moralischen Anlagen." Und nun sp ringt der Vergleich mit dem halbblütigen Schurken Ik Senanda in die Augen. "[E]in Bastardhund ist nicht selten sehr klug, jedoch niemals zuverlässig, sittlich ist er stets ein Lump. Andauernde Promiskuität unter zwei hervorragenden Tierrassen führt ausnahmslos zur Vernichll/ng der heroorragenden Merkmale von heiden! Warum sollte die Menschheit eine Ausnahme bilden?" (311 f.). Man sollre sich nicht damit beruhigen, daß C hambe rlains Grundlagen zeitlich nach den meisten der Marschen Reiseerzählungen erschien. C hamberlain ist lediglich der Kulminationspunkt ei ner mit Rassenfragen förmlich getränkten zweilen Hälfredes 19. Jahrhunderts. Namen wie Gobineau, Spencer, Galton, Marr, Langbehn und viele Rassendiskurse im Wilden Westen 127 andere gehen ihm voraus. Was Chamberlain zum Ausdruck bringt ist Teil eines weiten ideologischen Bezugssystems.ll O/d Shallerband· ein nonnaliver Anker "May konstruiert zwischen den win:schaftlichen Interessen der Bourgeoisie und ihrer Ethik (dem Christentum) einen Gegensatz, dergestalt, daß die vernehmbare Botschaft nicht christliche Duldung der bestehenden Zustände ist, sondern die Konstruktion einer neuen Gemeinschaft, die frei ist von solchen Widersprüchen." Auf diese Weise, so erklärt H ohendahl weiter, "entsteht der herrschaftsfreie Raum, von dem der alte May träumt" (240). So richtig diese Beobachtung Hohendahls sein mag, so seh r vermiß( sie eine weitere, wie ich finde, entscheidende Komponente. Die Frage: Wer konstruiert diese Gemeinschaft wre und anhand welcher Normen? Und auf der Grundlage welcher Art von Exklusion? Erst mit dieser Frage öffnen sich Perspektiven im Marschen Text, die den Superhelden O ld Shatterhand als potentie ll en K.reu zzügler und Wildwest-Monarchen entlarven - und man müßte fragen, ob diese Vision eines herrschansfreien Raumes rucht selbst wiederum auf einer wie gearteten Dominanzaurbauen muß. Selbst wenn man der üblichen Lesart zustimmt und in den Westmännern ei ne Truppe antimaterialistischer Recken vo r sich sieht, die den Wilden Westen vo n H alunken befreien Il - und dies , so wurde deutl ich, ist im Halbbl,tl durchaus der Fall - so erübrigt sich damit doch keinesfalls, über deren elhische Grundlage zumindest zu reflektieren. Auf welcher Basis also nehmen sich die Män ner um Shalterhand, vor allem aber er selbst, das Recht heraus, "zu bestrafen" (9 4)? Es erklärt sich ja ke ineswegs von se lbst , daß ausgewa nderte Deutsche den Ureinwohnern des Wi lden Westens in imperialistischer Manier Verhaltenskodizes aufoktroyieren. Oder etwa doch? Shau erhand ist als Deutscher das weiße Zentrum und die Quelle der Ordnung. Der Text präsemiert ihn als denjenigen, der Arbeit delegiert, als Fü hre r entscheidet und bestraft. Er ve rletzt bewußt die Ehre sowohJ der Chinesen als auch Tokvi Kavas, tötet den Häuptling schl ieß lich. Eines liefert der Text hinsichd ich Shatterhand nie - eine Begründung oder Darlegung der Richtigkeit seiner Normen, Absichten oder H andlungen. Diese scheinen, so liegt es nahe zu vermuten, se lbs tverständlic h. Mit ungeheurer 128 Fams on LiteralIIr Selbstsicherheit und Überlegenheit erläßt er seine "Gesetze," untersucht Verstöße und richtet diejenigen, die seinen Normen zuwider handeln. Er ist, mit anderen \'(forten, Legislative und Exekutive in einem, ein absolutistischer Monarch.14 Die an Mays Superheld Shanerhand so oft bewunderte Toleranz scheint, zumindest im Halbblltc, eher eine subtile Weiterführung rassistischer Überlegenheitsdünkel zu sein, d.ie teils auf Hautfarbe, teils aber auch schlicht auf dem ungeheuren Wissen des Helden fußen. Unsere Sensibilität hinsichtl ich subtilerer Herrschaftsdiskurse, das heißt anderer Formen von Macht als bloßer Brutalität, ist spätestens durch die Arbeiten Foucaults geschärft worden. Shanerhand ist sich seiner Superiorität in den entscheidenden Momenten auch "stolz" (74) bewußt. Daran ändert selbst seine Bescheidenheit nichts, erweist sie sich doch in den geschilderten Abenteuern im Halbblta oft als bloße Theorie. "Wir si nd weder Beamte, noch bilden wir uns ein, über andere emporzuragen," (20) entgegnet Shanerhand dem Engineer - und doch wird Shanerhand genau das run. Es ist Tokvi Kava, Shanerhands ärgster Widersacher, der dessen Dominanz durchschaut, die fast wie ein unentrinnbares Schicksal die gesamte Erzählung beherrscht. Durch die List der Wesrmänner in der Schlucht gefangen, bleibt den Komantsehen nur ein einziger Weg in die Freiheit: Gehorsam gegenüber Shatterhand.ll "Ich sagte dir," erklärt Shatterhand dem gefangenen Häuptling, "daß ich meinen Einfluß geltend machen wolle. Jetzt, da du uns so gehorsam gewesen bist, gebe ich dir das fes te Versprechen, daß euch euer Leben und eure Freiheit sicher ist" (98). Shatterhand kann seinen Einfluß bei sich selbst geltend machen, denn es gibt ohnehin niemanden, der ihm zu widersprechen wagt. Auch Winnetou nicht, denn dieser und Shatterhand verstehen sich blind und haben, der Text weist mehrmals darauf hin, die gleichen Intentionen. Nur ein einziges Mal versucht einer der Wesrmänner , Hobble-F rank, sich über Shatterhand hinwegzusetzen, doch wird er barsch an seinen PlatZ erinnert. "'Hier kann nur von meiner Pflicht die Rede sein, nicht von der deinigen, lieber Frank,' unterbrach Old Shatterhand den Redefluß des kleinen Mannes. 'Überlasse es also mir, diesem roten Burschen auf seine Frechheiten zu antworten'" (lOO). Der Komantschenhäuptling erkennt klarsichtig die Kräfteverhältnisse und Konditionen, die ihm und seinen Männern Rassendiskurse im Wilden Westen 129 die Freiheit wiederbringen können . S: 'Nun, hat Tokvi Kava darüber nachgesonnen, ob es für ihn und seine Komantschen einen Weg zur Freiheit gibt?' T: 'Ja,' antwortete der Lndsman. 'Es gibt einen solchen Weg.' S: 'Ah! Welchen?' T: 'Deine Gerechtigkeit.' (94) Es ist nicht Gerechtigkeit per se, die den H äuptling retten kann_ Es ist eine kondensierte, spezielle Gerechtigkeit und Toleranz., näml ich die des christlichen Humanismus, welche sich in Old Shalterhand personifiziert! Dieser verlangt, daß seine Gerechtigkeit durchgesetzt wird, und nur solange man ihm pariert, wird man im Gegenzug von dem weißen Jäger "toleriert." "Uff, Old Shanerhand ist ein schrecklicher Mensch. Er spricht so sanft und ruhig, aber sein Wille ist hart wie ein Fels!" (95). Kar! Mays ordnungsstiftender Held konum mit seiner eigenen Werthierarchie in den Wilden Westen - und es nicht nur ei ne antimaterialistische, welche Hohendahl als Anhänger der Frankfurter Schule zu erkennen und favorisieren scheint. Ob dieser christlich­ reformatorische Normenkatalog mit der ansässigen Kultur der Indianer kompatibel ist, ist für Shatterhand ohne Belang_ Aufgnmd welcher Motivation wollen die Komantsehen das Eisenbahnercamp überfallen? Welches "Recht" haben sie zu einer solchen Tat? Oder zumindest, welche Veranlassung? Wer ist der eigentliche Eindringling im amerikanischen Westen des vorigen Jahrhunderts?16 Im Wilden Westen der deutschstämmigen Westmänner fallen zwar, wie H ohendahl richtig bemerkt, "(i]ndividuelle Freihei t und ihre ökonom ische Nutzung nicht (mehr) zusammen," (233) doch verschwindet individuelle Freiheit im Grunde dort vollständig, wo Shalterhand alleiniges Zentrum der Bestimmung von Recht und Unrecht wirdF Und dies ist er während der gesamten Erzäh lung. Die Bestrafungen sowohl an den Chinesen als auch an den Komantsehen , insbesondere an T okvi Kava, zeugen meiner Meinung nach keineswegs von der oft angesprochenen Milde oder Humanität Shatterhands. In beiden Fäll en ist sich Shatterhand bewußt, daß die pfiHige Strafe, die er sich ausgedacht hat, mit dem vollständigen Ehrverlust des Opfers gleichkommt. Und förden im wilhelminischen, 130 Foem on LiteralIIr ehrbesessenen Deutschland lebenden May, ist der Verlust der Ehre, das heißt die soziale VernichlUng, die wohl härteste Suafe. Im Haibblm hat dieses Vorgehen die direkte Konsequenz, daß T okvi Kava zu seiner Rache gezwungen wird. Der Text macht deutlich, daß die T radiuonen seines Stammes schlichtweg nicht erlauben, daß er zurückkehn, ohne seine Ehre wiede rhergestellt zu haben, Der einzige Ausweg ist die Wiederhersteilungselbigerdufch einen erneuten Ü berfall - in dessen Ausführung wird er dann von Shatterhand getötet. Daß unser Held gar der Folter nicht abhold ist, überras~ht den Leser aber dann doch. Mit Hobble-Frank umerhält er Sich hinsichtlich der noch ausstehenden Strafe an dem verräterischen Halbblut lk Senanda. 'Der Kerl schteckt doch im Brunnen,' erklärt Frank. 'Wir gießen so viel Wasser hinein, daß es ihm an die Lippen geht und er immer nur nach Luft zu schnappen hat. Das is doch wenigstens eene ehrliche Todesangst, obgleich er nich daran sehterben wird. \Y/ enn er die so eenige Stunden ausgeschtanden hat und durch und durch naß geworden is, dann ziehen wir ihn heraus und hahen mit de n Hieben nich eher, aber ja nich eher off, als bis er wieder trocken geworden iso Off diese Weise erkältet er sich nich und hat ooch schpälcr keenen Grund, uns vorzuwerfen, daß wir das, was sein Vater früher an ihm versäumt hat, nich tüchtig nachgeholt haben.' (1 10) H obble-Franks Vorschlag erinnert mehr an mittelalterliche Foltermethoden als an e inen herrschaftsfre ie n Raum, indem Gerechtigkeit und Frieden an der Tagesordnung sind. "'Ja, lieber Frank," (111) stimmt ibm Shauerhand gutmütig bei und heißt seinen Vorschlag damit gut. Als "Wegbereiter einer bürgerlich-liberalen Zukunft," ja der "Humanität" (Schulte-Sasse 120) selbst, reiten die Mayschen Helden durch den Wilden Westen - und machen dabei als Weiße "verteufelt wenig Federlesens," (8 4) wenn es um fremde Völker geht. lndiana University Rassendiskurse im Wilden Westen 131 Anmerkungen 1 Diese achte und letzte Jugenderzählung erschien 1896/97 unter dem Tilei Der schwarze Mustang im 11. Jahrgang der Zeitschrift "Der Gute Kamerad,~ einer Zeitschrift für vornehmlich "junge Knaben," zu deren Mitarbeit May schon in den 80er Jahren eingeladen wurde. Eine ganze Reihe seiner Jugenderzählungen, um er anderem auch Der Schatz im Silbersee, wurden in dieser Zeitschrift vorabgedruckt, bevor sie in Buchform auf den Markt kamen. Das Halbblut nun wurde 1916 vom Karl May Verlag als stark bearbeitete Version des Originals in die Gesamtausgabe aufgenommen und wird auch heute noch unter diesem Titel als Band 38 abgedruckt. Folgt man dem Hinweis von Tschapke, so wurden von den ursprünglichen 344 Seilen des Textes ca. 80 Seiten weggekürzt, dazu die Kapitelzahl um eines vermehrt, die Kapitel selbst umbenannt und neu angeordnet. Für die sich hier anschließende Interpretation einiger Teilaspekte der Er.lählung ist die Frage der Authentiziüit dieses Textes weniger von Bedeutung, da nicht die Person Kar! May im Vordergrund stehen sol l. Der heutige Leser so gU[ wie der der letzten Jahrzehnte bezieht seine eventuellen Vorbilder und Handlungsmaximen aus dem vorliegenden Text und nichl aus dem mitunter stark davon abweichenden Original. Von Bedeutung wären eher eventuelle Akzentverschiebungen, die durch diese Änderungen im Text als auch des Titels selber erreicht werden. Hierüber aber konnIe ich im folgenden nur spekul ieren, da der Originaltext nicht zur Verfügung stand. Vgl. zu den Änderungen den kurzen Beitrag von Reinhard Tschapke im Kar! May Handbuch, hrsg. v. Gell Ueding, 360-64. lMann. "Cowboy Mentor of the Führer." 218. "(MJixture of brutali ty and hypocrisy ... . It i$ hardly an exaggeration to say that Karl May's childish and criminal fantas ia has actually - though obliquely . influenced the history of the world." Vgl. darüberhinaus Klaus Mann, "Dream-America." Hier stellt Mann die real itä tsver fälschenden Amerikaphantasien Mays den von Mann positiv bewelleten Franz Kafkas gegenüber. ) Ebda. 222 ... A whole generation in Germany grew brutish and ran wild - partly through the evil inf1uence of Kar! May .... [H}e had poisoned their hearts and souls with hypocritical morality and the lurid glorification of cruelty. ~ .. Schulte-Sasse spricht Mitte der achtziger Jahre von ca. 175 Millionen Lesern allein im deutschsprachigen Raum seit dem Erscheinen des ersten "Bandes seiner Gesammelten Reiseernhlungen (101). S Siehe Der Spiegel 1_ t.hi. 1995 und Die HOTel! 40 (1995), Bd. 2, Ausgabe 1995. 132 FOClts on Literatur 6 So aber liest Wahher Urner die Jugenderzählungen, die in Der Gute Kamerad erschienen: (Ilmer 111). Auch für I1mer weckt Kar! May "jedermanns Sympathie für die rote Rasse" (11 4). Er bemerkt zwar das .. rüde Betragen üld Shanerhands" (139) im Schwarzen MI/5tang, doch geht er diesem nicht nach. 'Vgl. in diesem Sinne auch Gerhard Henningers kritische Rezension der May-Biographie Christian Heermanns in Weimarer Beilräge, 36 (1990): 1051-54. Ich halte es daher mit Colleen Cook: "While nearly everyone can find something endearing in Karl May, so can near!y everyone find something distasteful" (Cook 75). Siehe auch Bembeneks ~Der 'Marxist' Kar! May, Hitlers Lieblingsschriftsteller und vorbild der Jugend? Die Karl-May­ Rezeption im 'Dritten Reich.'" Bembenek liefert einen kurzen und interessanten Überblick hinsichtlich der Rezeption Kar! Mays im Dritten Reich. I Siehe auch Halbblut 32. 9 An zwei Stellen im Text (139 und 148) wird der Leset· dann noch einmal ganz ausdrücklich auf diese Norm gestoßen. Diese für May typische Kritik ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Gemeinplatz al l derer, die in der kulturellen Moderne vor allem ein unbarmherziges Profitstreben sehen und verachten. In diesem Zusammenhang reflektien das Halbblut (und zahlreiche andere Texte Mays) wilhelminische Zeitkritik. Vgl. dazu auch Schulte-Sasse. !ODiese "von seinen Quellen gesteuene[n] Voruneile," erklären sich nach Lowsky ~aus den Zwängen von Mays Abenteuergenre mit seinem dualistischen Prinzip, das die Existenz von Bösewichten und feste RoBenverteilung verlangt" (87). Es wäre von eminenter Wichtigkeit, diesen 'Quellen' Mays nachzugehen, woBte man selbige heranziehen, um die starke rassistische Kodierung einer Erzählung wie des Halbblut zu erklären oder gar, wie Lowsky, zu relativieren. An dieser Stelle kann dies leider nicht geschehen. !! Dies gilt auch noch für die Männer um Majestät, die ihrer Sucht nach Gold erliegen. Innerhalb der Hierarchie unter Weißen selbst rangieren sie selbstverSländlich weit unter Shatte rh and und seinen asketischen Freunden. Selbst Winnetou gehört im Grunde in das Lager der "guten Weißen" - worauf de r Text durch die angebliche gedankliche und gefühlsmäßige Übereinstimmung zwischen Shauerhand und Winnetou wiederholt hinweist. Doch hat Winnetou für die relative Gleichstellung seinen Preis bezahlt, nämlich den der Assimilation. Auf diese Weise läßt sich dann auch eine Parallele zwischen dem schwarzen, gezähmten Mustang des Komamschen- Häupdings Tokvi Kava und Winnetou ziehen. Es ließe sich zudem fragen, inwiefern die Idee eines noblen Wilden als Ausdruck rassistischer Vorstellungen gesehen werden kann. Rassendi skurse im Wilden Westen 133 12 Vgl. darüber hinaus im Halbblut, z.B., 34, 52, 54, 61, 68f., 78, 88, 102- 104, 124,133,137. !) Oel-Willenborg übersieht dieses h insichtlich der Chinesen indiffereme Verhalten O ld Shatterhands in seiner ansonsten weitgehend kritischen Studie ~Von deutschen Helden." Don heißt es über die Amerika­ Romane Mays: "Old Shatterhand predigt Vorurteilslosigkeit gegen Nicht­ Weiße. Er ist in dieser Beziehung so hellhörig, daß er sogar Nuancen in der sprachlichen Formulierungsanktioniert" (74). Die abwertenden Äußerungen gegenüber den Chinesen scheint Old Shauerh:md zu überhören - oder zu teilen? l~ Vgl. für einen informativen ersten Überblick den interessanten Beitrag von Elizabeth Lawrence, "The White Mustang of the Prairies." U Es wäre hier angebracht , einen Blick auf die ursprüngliche Textfassung von 1896/97 zu werfen, um zu überprüfen, ob die Legende des weißen Mustangs dort weitergeführt oder kontextualisiert wird. 16 Vgl. darüber hinaus z. B. 33f., 52, 79, 87, 96,102,113, 148. !1"Diese Burschen sind alle Halunken, vom erstell bis zum letzten," erklärt der Engineer Shatterhand. ~S ie stehlen nur dann nicht, wenn es nichts zu stehlen gibt, und ihr Hauptgrundsatz ist der, daß es keine Sünde und Schande, sondern vielmehr ein gutes Werk und eine Eh re ist, den Weißen so oft wie möglich zu übervorteilen" (48). Hier, wie an anderen Stellen, ist auch die Farbkodierung wieder am Werk, mit der der Text zwischen gut und böse unterscheidet. 11 Bemerkenswen hier ist, daß Tokvi Kava und Ik Senanda in der ursprünglichen Textfassung nicht sterben, sondern durchgeprügelt werden - und in diesem gut wilhelminischen Stil ihre Lektion lernen (sollen). In der späteren (rassistischeren?) Text fassung scheiden beide bezeichnenderweise als inkommensurable Elemente aus der Gesellschaft aus, finden den Tod. 19 Vgl. H albblut, 87f. 20 Und um dieses liel zu erreichen, scheut sich Ik Senanda auch nicht davor, "sem eigen Fleisch und Blut zu verleugnen" (77), wie Old Shauerhand bemerkt. 1! Vgl. zur Aufnahme und Verbreitung der Gobineauschen Ideen durch den Wagner-Kreis z.B. Young, Gobineau und der Rassismus. Vgl. darüber hinaus für einen allgemeinen Überblick Geiss, Geschichte des Ra55ismus. 12 Diesen Terminus benutzt Schulte-Sasse im Zusamrnenhangseiner Untersuchung, die sich auf den Zusammenhang von Geld und Gefahr im Mayschen Werk konzentriert. Für Rassendiskurse scheint mir dieser Begriff ebenso nützlich und anwendbar zu sein. llSchulte-Sasse nennt sie eine "ordnungsslifende, zur Identifikation einladende Kerntruppe" (119). 134 Foem on LiteralIIr 14 Vervollständigt wird der "Hof" um Shatterhand durch die Hofnarren Tante Droll und Hobble-Frank, die zur Belustigung der Anwesenden dienen. DGehorsam wird Shanerhand von allen Akteuren gezollt, so z.8. von den Bahnarbeitern, die die Waffen der gefangenen Komanuchen an sich nehmen wollen. Doch auch diese gehorchen "mit leisem Widerstreben" (IOol). Ausgenommen von diesem GehorSam sind Ik Senanda und Tokvi K.ava­ und bezeichnenderweise finden beide den Tod. l' Immerhin erklän Tokvi Kava: ~Wir sind es gewöhnt, daß die Bleichgesichter uns alles rauben; wir müssen vor ihnen weichen, denn sie sind mächtiger als wir; nun aber kommen auch diese Gelbhäute und bauen Brücken und Eisenwege auf dem Boden, der uns gehön" (32). In dieser Szene erhält die bekannte These Gewicht, die May als Sympathisanten der Indianer ausweist. Dennoch, Shatterhands Handlungen zeugen nicht von einem solchen Verständnis. v Oder es verschwindet don, wo der ~Reichstag~ sich um die Meinung des .Unterh;lusesM ohnehin nicht bekümmert. Vgl. dazu die ironischen Kommentare von I-Iobble-Frank, S. 106. Literaturverzeichnis Augstein, Rudolf. MWeiter Weg zu Winnelou." 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