Focus Spring 1998.tif 50 FoczLS onI..iI.e1yllu ,. Ich schreibe Bücher, die ich auch selber gerne lesen würde INTERVIEW MIT DEM AUTOR THOMAS BRUSSIG 51 Der in Berlin lebende Autor 1110mas Bnlssig besuchte im April 1998 die Universiry ofCincinna t i, wo er aus seinem 1995 veröffentlichten Roman Helden wiewir las. Helden wiewiriSI Brussigs zweiler Roman, sein Erslli ngswerk \'(Iasse'farbenerschien 1991 unter Pseudonym. Das folgende Interview führten Timothy Sltaubel, Angela Szabo und Dirk Wendlorf am Tag der Lesung in Cincinnati, Ohio. FOCUS: Wie und wann 'WUrde die Idee zu Ihrem Buch geboren? Brussig: Das war Ende 1991 , Anfang 92. Nach der Wende habe ich mich geärgert, w ie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stangefunden bzw. nicht stangefuoden hat. So wie ich die DDR erlebt habe, war das ein Riesenstall von Anpassem und OpfX>I1\1oisten, wobei ich mich da auch nicht ausnehme. Es waren viel zu viele , die vie l zu wenig dagegen getan haben. Nach der Wende hat das gar keine Rolle mehr gespielt, alle haben sich nur ihre Heldentaten erzählt. Ich aber hatte andere Erinnerungen an die DDR. Da habe ich aus Wut und Enttäuschung darüber angefangen, dieses Buch zu schreiben . Idl habe mir gedacht , daß das auch etwas mit Scham zu tun hat, sich mit dem eigenen Versagen auseinanderlAlSelZen, zu bekennen, daß man feige , verblendet oder einfach nur dumm gewesen ist. Darum dachte ich mir, daß es wichtig sei, eine literarische Figu r ins Leben zu rufen , die feiger, dümmer und verblendeter als alle anderen gewesen ist, die aber dazu steht. Ich habe gehofft, daß dann e in Funke überspringt, daß der, der dieses Buch liest und 1m Osten gelebt hat , sagt, wenn der Romanheld darüber reden kann, dann kann ich das auch! .0\.150, das Buch iSl, obwohl es provozierend 151, im Kern ein moralisches Buch. FOCUS: Hauen Sie Probleme, einen Verlag zu finden? FOCI4.50nl.ileral.llr Vol. S, No. I ( 1998) -, ,- FoctIS m lliteratu.,. ßrussig: Ich habe es vier Verlagen angeboten, und drei wollten es machen. FOCUS: Warum haben Sie den Volk u nd Weh-Verlag gewählt? Bruss ig : Volk und Welt hatte mir das beste Angebot gemacht. Das ist ein kleiner Verlag, und die wollten eine hohe erste Auflage drucken. Ich hatte die Wahl, ob ich bei einem kleinen Verlag eine hohe erste Auflage, oder bei einem größeren Verlag, der stärker am J\'larkt ist, eine kleinere erste Auflage e rhalten wollte. Ich dachte mir, wenn e in kleiner Verlag eine große Auflage verkaufen will, dann muß er etwas dafür run . Damit sie nicht auf den Büchern silZen bleiben, müssen sie mit aUcr Macht Mpowern." Ich habe gehofft, daß, wenn eine große Re ihe von Büchern e rSt einmal unterm Volk ist, die Leser sie sich dann auch gegenseitig empfehlen. Ich habe auf einen Sdmeeballeffek1. gesetzt, und das ~var auch gut so. Ich habe diese EnLsd1eidung nicht bereut, und ich werde auch bei diesem Verlag bleiben. FOCUS: Welche intention haben Sie mit der Publikation Ihres Buches verfolgt? 1st dieses W e rk ei n e Fo rm der persönlichen Vergangenheitsbewältigung? Brussig: Die persönliche Auseinandersetzung ist nicht unmittelbarer Gegensr:and dieses Buches, obwohl ich schon das Bedürfnis habe, mich mit meinem persönlichen Versagen auseinandersetzen. Das ist mir mit diesem Buch nicht gelungen, das war auch nicht meine Absicht. FQCUS: Also handelt es sich be i Ihrer schriftsteUerischen Täligkeil weniger um ein Freischreiben im herkömmlichen Sinne?! Brussig : Natürlich hat das Ding auch e inen "Hier-bin-ich-Effekl." Mein Buch hebt sich von dem Image bzw. Kanon der deurschen üteratur ab. Gerade im Hinbl ick auf die DDR-Literatur kann man es als Fre ischreiben bezeichnen. FOCUS; Welchen Einfluß hat Gümer Grass auf die Emstehung des Werkes ausgeübt' Interview mit Thomas Brussig 53 Brussig: Gar keinen. Wie kommen Sie auf d ie Frage? FOCUS: Der Kommentar auf dem Einband lhres Buches so\vie die Masrurbationsszene in Ihrem Buch, d ie der in Grass' Katz und MallS ähnelt, lassen diesen Schlu ß zu. Kennen Sie Grass persönlidl, oder haben Sie viele seine r Werke gelesen? Bruss ig: Ich habe Gr'dSS erst getrOffen, nad1dem der Roman 'raus war. Der Kommentar ist von Dietrich Simon, dem Verlagsdireklors von Volk und Welt. Er ist mil Grass befreundet und hat ihn gebeten, meine Geschichte zu lesen . Grass hai es gelesen und fand es gut, und dann haben wir uns e in paar Wochen später auf der Buchmesse getroffen. Direkte Einflüsse hat es nicht gegeben. Mir ist zwar aufgefallen , daß es eine ganze Reihe von Parallelen zwischen Helden wie lVirund Die Blecb/rommel gibt. Allein die Tatsache , daß, wenn man versuchte, kU r"".l d ie Geschidlte der heiden Bücher zu er"".tählen, sich jeder an den Ko pf fassen und sagen würde: "Das kann doch nicht wahr sein!" In b e iden ist es e ine Bilanzsiruatjon, aus der heraus erzählt wird. ßeide Bücher sind in der Ich-Form geschrieben. Es gibt auch eine große Anzahl VOl1 anderen Parallele n, wie z.B., daß in beiden Romanen kurz vor Ende des TOlalita rismus der Vate r stirbL Als ich mit HeideIl wie wir zu Ende wa r, ist mir ganz komisch geworden, w e il ich merkte, daß mir das alles schon bekannt vorkam. Ich habe jedoch nicht versucht abzuschreiben oder Die B!ecbtromme/auf die DDR zu übersetzen. Ich habe die Venl1urung, und das ist eine Frage, die ich auch gerne an die Literarurw isse nsc hafl weitergeben möchte , daß das Toralitarismuslhema bestimmle Stilminel nahelegt, auf die Grass und ich unabhängig voneinander gestoßen sind, b zw. eine bestimmte literarische Antwort geradezu erzwingt. leh glaube, daß Helden wie wir e ine Art "DDR-Blecbtrommef' sein kann. Das Problem der WachsrulllSSlörung, das für beide Helden typisch ist, ist mit dem Ende d es TOlalitarismus auch über..vunden. Beide Helden haben e ine Obsession. Grass dadue auch an Katz und MallSals er mein Buch las, das jhn an seine Anfange erinnerte. Dieser Vergleich hat mich natürlich unheimlich stolz gemacht, denn was sind die Anfange von Günter Grass: das ist Die BlechlrommeJ. Wahrscheinlich wird NeIden wie wir mein größte r Erfo lg bleiben. Ich werde mich wohl als Autor 54 Focus onLileral'llr weiterentwickeln, aber so einen großen Erfolg werde ich wahrscheinlich nicht mehr haben. Damit kann ich aber auch leben. FOCUS: Bis zu welchem Maße waren Sie in den Organisationen der DDR involviel1? Bruss ig : Wenn Sie so einfach fragen, dann kann ich das auch einfach beantwonen. Ich war wie fast aUe bei den Jungen Pionieren, das war die kommunistische Jugendorganisation. Dann war ich auch in der Gewerkschaft, und eine ZeiLlang, bis ich 16 oder 17 war, wollte ich auch in der Partei sein, wenn ich einmal groß bin. Als ich dann 18 Jahre alt war und in die Partei häne eintreten können, da woll te ich dann nicht mehr. Ich möchte sagen, mü 16 hat 50 ein Umdenken eingesem, mit 19 bzw. 20 habe ich die Seile gewechselt, da wußte ich, daß mich von diesem Staat wirklich etwas lrenm. Die ÄngsLlichkeit uieb mich dazu, kein wirklicher Gegner des Staates zu sein. Als Gegner reicht Abstand nicht, man muß s ich in Gefahr bringen und dafür bezahlen. Und das habe ich nicht getan. FOCUS: Waren Sie irgendwelchen Repressalien von Seiten des SED­ Regimes ausgesetzt? Bruss ig: Repressalien v.'