Focus Fall 1998.tif l06 Focl/s on Literalllr Zwei unbekannte Gedichtwidmungen von Ricarda H uch. Vorstellung, Untersuchung und Deutung im zeitgeschichtlichen Kontext Ralf Erik Werner liJII icarda Huchs lyrisches Werk umfaßl neben den in der ll3 Werkausgabe ed ierten Widmungsgedichten 1 zwei weitere Gelegenheitsdichtungen zur Bucheinführun&, die bisher von de r Forschung unentdeckt und somit ungedruckt geblieben sind.2 Ln folgenden soUen diese vorgestellt, sowie im ze itgeschichtlichen Kontext untersucht und gedeutet werden. Die erSte Widmung befindet sich auf dem Vordervorsalz einer Ausgabe von H uchs Roman Der Fall Deruga. Das vierzeilige Gedicht mit dem Datum vom 31. März 1942 ist dem evangelischen Theologen Gerhard von Rad zugeschrieben.1 Die Transkription lautet: Räthsel des Daseins enthüllten in heiliger Vorz.eil Mysterien, Detektive lun's jetzt, Seher modern en Romans. Glimmt im neuzei tlichen Schmöker n och ein lebendiges Flämmchen, Sp richt er vielleicht auch zu dem , der der Mysterien gewohnt. Zur Erinnerung an das F riihlingsfest vom 3 1. Märl. 1942 Ricarda H uch Die Autorin bezieht sich in diesem Gedicht auf die H and lung ihres Kriminalromans Der Fall Demga (1910). Die Rahmenhandlung des Romans erzählt von einem GerichtSprozeß, in dem Or. Deruga des Mordes an seiner F rau überführt werden so ll. Er hat diese aber auf deren eigenen Wunsch flin getötet, um die schwerkranke Frau von ihrem Krebsleiden zu erlösen. Dieses "Räthsel des Dasei ns," das auch in der Person des Dr. D eruga manifest wird, enthüllt ein Rechtsanwalt im Verlauf des Romans durch sei ne "detektivische Tätigkeit" und Focusorl Literatur Vol. 5, No. 2 (1998) !O8 Foem on Literatur Ehrlichkeil. 1m weiteren bezieht sich Huch in der vierten Zeile auf den Widmungsempfänger von Rad persönlich. Der Theologe war in Jena Ordinarius für das Alte Testamem und daher ,.der Mysterien gewohnt," also mit ihnen vertraut." In diesem ersten Gedicht nennt Huch ein Friihlingsfest als Anlaß für die Widmung. Von diesem Fest im März 1942 berichtete von Rad in seinen .,Erinnerunge n an Ricarda Huch:" " ... und einmal wurde auf Anregung von Frau Ricarda der Zeit zum Trotz sogar ein richtiges Fest gefeiert" (16). Von Rad bewertet hier die Begegnung auf dem FrühJingsfest in seiner Erinnerung positiv. Gleichzeitig grenzt er diese positive Erfahrung vom alltägl ichen Leben in der Zeit des Nationalsoz.ialismus ab und distanziert sich somit vom Dritten Reich. Die zweite Widmung hatte ebenfalls das Fruhlingsfest zum Anlaß. Sie befindet sich auf dem Vordervorsatz einer Ausgabe des Buches Friihling in der Schweiz. }ugendennnerungen von Ricarda Hllcb. Das Gedicht ist ebenfall s vierzeilig und mit dem sei ben Datum versehen. Es ist dem Juristen H einrich Gerland zugeeignet.s Die Transkription lautet: Schön ist der Frühling, aber flüchtig. Preis Sei dir, du immergrüner Dienstags-Kreis, Wo dauernd bessere Gespriiche blühen Und Funken Geist selbst aus dem Bleche sprühen! Zur Erinnerung an das Frühüngsfest vom 31. Män 1942 für Herrn Gerland Ricarda Huch In der ersten ZeLle bezieht sich die Dichterin auf den T itel ihres Buches und auf das Frühlingsfest. tm weiteren lobt ~ie ;e.ne Treffen, die sie als .. Dienstags-Kreis" bezeichnet. Huch hane diese Zusammenkünfte, die über einen längeren Zeitraum hinweg jeweils Dienstags stattgefunden haben, in Jena selbst initiert.' Oie Erwähnung des Dienstags-Kreises läßt außerdem den Schluß zu, daß Huch beide Widmungen auch in Jena verfaßt hat, zumal der 31. März. 1942 auf einen Dienstag fieP Zu dem ursprünglich nur "Jour" (frz. - Tag) genannten akademischen Stammtisch trafen sich bis in das Jahr 1942 hinei n regelmäßig Lehrende der Universitäl Jena und deren Ehefrauen. So nahmen beispielsweise die Betriebswlrtschaftler Ernst Pape und Erieb Zwei unbekannte Gedichtwidmungen 109 Gutenherg, der Soziologe Franz Jerusalem, der VolkswirtSchaftler Erich Preiser, sowie der Jurist Hermann Schultze von Lasaulx und der Altphilologe Friedrich Zucker regelmäßig teiL Wahrscheinlich war auch der Leiter der Jenaer Universitätsbibliothek, Theodor Lockemann, bei dieser wöchentlichen Veranstaltung anzutreffen . Und schließlich gehönen die Wldmungsempfänger von Rad und Gerland und nicht zuletzt Huch zu dem Kreis (Bendr und Schmidgall 364). Die Treffen wurden an verschiedenen Onen der Stadt abgehalten. Ab 1939 traf sich die Runde im Ca/i Pljhlvers am Holzmarkt und im Mai 1940 im sogenannten Paradies all der Saale. Göhre ' $ Weinstuben am Markt, die Göhre, ist ohne Angabe einer Jahreszahl ebenfalls als Treffpunkt bekannt (Baum 369). Bezüglich des Zwecks dieser Zusammenkünhe schrieb Huch in einem Brief an Leo Merz vorn 9. Dezember 1939: Ich habe eine nene Einrichtung getroffen, damit wir in unserer entlegenen Wohnung njcht ganz vereinsamen: in jeder Woche an einem Nachmittag ist in einem Cafe im Zentrum der Stadt ein Slammtisch, wo sich alle Bekannte, die Lus[ haben , einfinden können. Die Sache fand allgemeinen Beifall; es fängt schon um drei an, weil man wegen der Dunkelheit nicht lange bleiben kann. (Briefe 227) Huchs Notiz vom 13. Mai 1941 "Jour mit Sensation H ess. Sehr amüsant" zeigt, daß politische Ereignisse, wie der Flug von Rudolf Hess nach England, Anlaß zu heiteren Gesprächen geben konnten. Huch machte es sich zur Gewohnheit zu notieren, wenn ein Treffen besonders gelungen war: "jour. Sehr hübsch" (Bendl und Schmidgall 364) . An der zweiten Widmung ist auffällig, daß Huch durch Inhalt und Formulierung deutliche D istanz zum Widmungsempfänger Gerland ausdriickt: Die Autonn nimmt in ihrem Gedicht nicht, wie in der W idmung für von Rad, auf Gerland selbst Bezug, sondern beschränkt sich auf den Anlaß der Widmung, das Frühlingsfest, und au f die Huldigung des Dienstags-Kreises. Ihre distanziene Haltung wird außerdem durch die Schlußformel "für Herrn Gerland," in der Verwendung der allgemeinen Anredeform nHerr," betOnt. Die Ursache hierfür scheint in der Biographie Gerlands zu liegen: Im Jahr 1933 110 Focus on Literatur hatte er in einer Rede zur Reichsgrundungsfeier an der Universität Jena wohlwollend eine "große Bewegung des Nationalsozialismus" anerkannt (33) . Darüber hi n aus hatte Gerland den Liberalismusgedanken Schillers mit dem Führer- und Volksgedanken verglichen und heide in Einklang zu bringen versucht. Er konstatierte in seiner Rede: "Man nehme die zweite Forderung nach der Zusammenfassung aller in einem Geist, um so alles Trennende im Volk, die Stände, Klassen usw. zu überwinden . Nichts anderes fordert Schiller" (33). Mit dem Schlußsatz. der Rede signalisiene Gerland Kamplbereitschaft und Konformität zum Nationalsozialismus: " \'{fir wollen frei sein, wie die Väter waren , Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben!" (34). indem er den Schwur der Eidgenossen gegen die Unterdriickung durch des Kaisers Vögte aus Schillers Wilhelm Tell zitiert (2 . Aufzug, 2. Szene), instrumentalisiert Gerland Schiller für den Nationalsozialismus.8 Die Instrumentalisierung Schillers war allerdings keine Erfindung Gerlands. Schon 1932 hane der N.5. Kultur­ Verlag ein Buch mit dem Tit el Schiller als Kamp/genosse Hitlers veröffentlicht, in dem der Jurist und Geschäftsführer der NSDAP­ Reichstagsfraktion, Hans Fabricius, Schiller und seine Werke vollständig für den Nationalsozialismus beanspruchte. In dem Schlußwort zu diesem Buch schrieb Fabricius unter dem Titel "Schiller und die Nationalsozialisten:'" SchiLLer als Nationalsozialist! Mit Stolz dürfen wir ihn als solchen grüßen .... Denn niemand weiß, ob und was wir ohne ihn wären.. .Der Nationalsozialismus schöpft aus den gleichen, ewigen Krahquellen deutscher Art, aus denen auch Schiller schöpfte. in semem Werke aber hat der Dichter dem erwachenden Deutschland eine weitere unversiegbare Kraftquelle hinterlassen .... Unaufhaltsam marschieren unsere Kampfkolonnen .... An der Spitze aber . . . schreiten Seite an Seit e mit den lebenden Führern die großen Geister, . . . stolz ragt unter ihnen die Lichtgestalt F riedrich Schillers hervor: den Kämpfern zum Vorbild .... (Zeller 1:143) Gerlands Rede vom 18. Januar 1933 muß daher als vorauseilender Gehorsam den neuen Machthabern gegenüber betrachtet werden, die wenige Tage später nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 Zwei unbekannte Gedichtwidmungen 111 begannen, die Instrumentalisierung Schillers und anderer Dichter in Universitäten, literarischen Gesellschaften und dem übrigen Kulturhetrieb durchzusetzen: Es war . das Bestreben der staatlichen Behörden wie der Organe der nationalsozialistischen Partei, auch auf alle kulturellen Einrichtungen innerhalb des Reiches und der Länder Einfluß zu nehmen, sie dem eigenen Machtgefüge einzuordenen. .Die Satzungen literarischer Vereinigungen wurden geändert, die führenden Postionen durch willfährige und linientreue Parte imi tglieder besetzt, die Veranstaltungen einseitig programmiert. (Zeller 2:56) So wurde beispielswe ise 1934 während der Eröffnung der Schillerfestwoche im Theater Stuttgart mit Schillers Wilhelm Tell im Vestibül eine Ehrenwache der S5 eingesetzt (Zeller 2:56). Die biographische Forschung zu Huch hat bisher gezeigt, daß die Autorin dem Nat ionalsozialismus ablehnend gegenüberstand. Daher mag auch ihre distanzierte H altung zu Gerland rühren. Als Beispiel für ihre ab leh nende Einstellung gegenüber dem Nationalsozialismus soll ein Zusammentreffen der Autorin mit dem SS H auptsturmführer Richard Kolb am 30. Mai 1937 angeführt werden . Im Verlauf ihrer Unterhaltung widersprach Huch dessen Behauptung, Juden könnten nicht organisch denken und seien nicht produktiv. Zum Schluß des so entstandenen Streits sagte die Autorin: "Ich habe d ie Deutschen sehr geliebt, bin allerdings sehr davon zurückgekommen, seit ich soviel Gemeinheit mitanzusehen habe" (Baum 379). Diese Formulierung bringt zwar deutlich ihre Ablehnung zum Ausdruck, vermittelt aber gleichzeitig auch eine gewisse Passivität. In seinen "Er innerungen" beschreibt von Rad die folgende Begebenhei~ im Dienstags-Kreis, die Huchs passive H altung bestätigt: "So harre die Tat der Geschwister Scholl in München uns alle aufgeregt, und unvergeßlich ist mir das WOrt von Frau H uch: ,Daß doch immer die die größten Opfer bringen, die im Leben am meisten zu verlieren haben'" (16). Huchs Kommentar suggeriert auch hier Duldsamkeit und Passivi t ät. Wenn Huch den Dienstags-Kreis zuvor als "Verschwörergesellschaft" bezeichnet hatte,9 so darf diese Bezeichnung also nicht im wörtlichen Sinne verstanden werden. Es muß eher 112 Focus on Literatur angenommen werden, daß es ak t iven Widerstand gegen den Nationalsozialismus von Seiten des DienStags-Kreises nicht gegeben hat und dieser von den Teilnehmern auch nicht intendiert war. Vielmehr kann festgestellt werden, daß der Dienstags-Kreis den Charakter einer Zweckgemeinschaft besaß mit dem Ziel ..... nicht ganz [zu] vereinsamen" (Huch, Briefe 227). Juna Bendt und Kann Schmi.dgall halten in ihrem Katalog zur Ricarda Huch-Ausstellung 1994 Im Deutschen Lituaturarchiv in Marbacb fest. daß sich die Besucher des Kreises "in der Ablehnung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" einig gewesen seien (364). Dies ist aber nur die Beschreibung eines MinimaJkonsenses. Wenn auch das Verhältnis Huchs zu von Rad, wie es sich in der Widmung ausdrüc kt, dafürspräche, so steht dieser Auffassungjedoch die distanzierte Haltung H uchs zu Gerland gegenüber. Vie lmehr erl auben die Gedichtwidmungen im historischen Kontext die FestStellung, daß sich das Bild des Dienstags-Kreises als eine in ihrer Regimegegnerschaft homogene Gruppe nicht aufrechterhalten läßt . Universität Hamburg A nme rkungen IVg!. allg. W"er.-U Bd. 5 und Bd. 11. ~eide handschriftlichen Widmungen befinden sich in PrivöHbesitz. 'Die Widmung erfolgt zwar nicht aprmlS vubis, ergibt sich aber aus dem Inhalt und c!.anus, daß von Rads Tochter das Buch von ih rem Vater geerbt hat. 'Professo r Or. Dr. h.c. Gerhard von Rad, gebo ren am 1901 in Nümberg, studierte Evangelische Theologie in Erlangen und Tübingen. Nach Promotion und Habil it:.ltion arbeitete er von 1930 bis 193-1- als Privatdozent in ~eipzig, später als Or~inarius für Altes Testament in Jena, Göttingen und Hel~e1berg. Vo~ 19~ biS 1961 war er als Gastprofessor am Theologischen Seminar der Umversltät Princeton, USA tätig. Er starb 1971 in H eidelberg. Von Rad veröffentlicht(: uhlreiche Bücher, u.a. zur alttestamentarischen Theologie. sProfessor Dr. jur. Heinrich Ger1and wurde 187-1- in Halle geboren. Von 1925 b is 1927 war er Rektor der Universität Jena. Er lehrte Straf- und Prozeßrecht und veröffentlichte mehrere Bücher zu diesem Thema. Gerland Zwei unbekannte Gedichtwidmungen 113 wurde 1939 emeritiert und starb 1944 in Jena. 'Huch lebte seit September 1936 mit ihrer Familie in jena. Ihr Schwiegersohn Franz Böhm hane im Män. 1936 eine VertrclUngsprofessur an der juristischen Fakultät der Universität Jena angetreten . Vgl. Bendl und Schmidglill J61. 7Vg!. Grotefend 179, Tafel XXX "Uebersicht " und Tafel III " Wochenuge." 'In den 20erJahren vrordeder Versailler Vertrag von einem Großteil der deutschen Bevölkerung a.ls Unterdrückung empfunden und gab Anlaß zu jährlichen Proteslveranstaltungen. Der Vertrag verpflichtete Deutschland zu umfangreichcn Gebietsab[retungen sowie hohen Reparationsleistungen. Die NSDAP wollte diesen Venrag revidieren und damit die "Unterdrücku ng" beenden. Vgl. Geiss 642. 'Ricarda Huch hat in einer "Notiz vom 14. Januar 1941" das T reffen als .. Verschwörergesellschaft" beschrieben. Bendl lind Schmidga1l364. Literaturverzeichnis Baum, Marie. Leuchtende Spwr. Das Ltben R,carda fluchs. Tübingen: Rainer Wunderlich,1950. Bendt, Jutta und Karin Schmidgall, Hg. Rlcarda fluch 1864·1947. Eme AI/ssullungcks Deutsche! LiteralurarchnJS Im Schiller· Nallona/museum, Marbacham Neckar. Marbach: DeutsChe Schillergesellschaft, 1994. Friedrich-Schiller-Universität. G~hlChteder Unl'tlnfltal Jena J >48158·J9j8. Festg~be zum tJlerhulldmjiihngen UnlverntalS}ubi/äum. Bei. I . Jena: VEB G. Fischer, 1958. Geiss. lmanue!. GeschIChte gri/JbertlL Dortmund: Harenberg, 1993. Gerland, Heinrich. Schiller und das Recht. Jena: G. Fischer. 193J. GrOlefend, Hermann: Zellrtchmmgdesdelllschen Mme/ahm ,md der Neuzeit. Bd. I. Aalen: Scient ia, 1970. Huch, Ricarda. Gesammelte lVerke. Hg. Wilhe1m Emrich. 11 Bde. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1966-74. -. Brie/ean die Frewuu. Ausgewiihlc lind eillgefiihrr von Mane &/1171. Tübingen: Wunderlich, 1955. -. Der Fall Deruga. 1910. Frankfurt a. M.: Insel, 1992. Rad, Gerhard von ... Erinnerungen an Ricarda Hucn. M Radio Bremen Hausbuch. 1964. Bremen: Schünemann, 1964. 16-18. Zeller, Bernhard, Friederike Bruggemann und Albrecht Bergold, Hg. Klanlker m finsteren Ze,ten, 1933· 194j. EITle A usstellullg des Dellilchen LUtralJl.rarchl1JS Im Schi/ler-Nallonalmuseum, Marbach am Neckßr. 2. Bde. Marbach: Deutsche Schillergesellschaft. 1983.