Focus Spring 1999.tif 83 8) Focus on Literatur "Doie andere Frau: ,l " Professorin fur Theater-und Film­ wissenschaft INTERVIEW MIT RENATE MOHRMANN Renale Mohrmann iSl als Professorin am inSlilulfur Thealer-, Film-, und Fernsehwissenschafi der Universilal zu Koln lalig. 5ie iJl AUlOrin und Herausgeberin zahlreicher, lileralurkrilischer A rbeilen, soWie A rbeiten zur Geschichte des Theaters. Zulerzl erschien ihre Paar-Biographie Ingrid Berg­ mann und Roberto Rosselini. Eine Lieb'es- und Beutegeschichte (Rowohlt 1999). Das folgende Gesprach mit Frau Mohrmann fuhrte Brina Kallin fur Focus on Literatur im Februar 1999 in Cincinnati, Ohio. FOCUS: Kannten Sie uns etwas uber Ihren akademischen Werde­ gang erzahlen? Was waren die Hoch- und die Tiefpunkte Ihrer Karrie­ re? Mohnnann: lch komme aus der Kuche und habe erst nach der Ge­ burt meiner Kinder richtig studiert. Die wichtigsten Impulsen kamen aus den Vereipigren Staaten. Ich bin mit meinem Mann und einer Green Card als Immigrantin hier angekommen und wollte mich eigendich der Kindererziehung, dem Haushalt und dem Kochen widmen. Aber meine amerikanischen N achbarinnen fanden, das sei zuwenig. "You don't do that here." Sie waren diejenigen, die mir den Ansto~ gab en, aufs College zu gehen und einen Magister zu machen. So Eng durch die Ermunterung der Nachbarinnen alles eigentlich recht zufallig an. Sehr fruhzeitig habe ich am Network der amerikanischen Frauen teil­ genommen, und so kam ich beim Queen's College, New York, an. Dort fehlte zufallig ein Lebor fur Deutsch. lch stellte mich vor, fing an zu reden und wurde gefragr, ob ich eine Klasse ubernehmen kan­ ne. Ich dachte mir, Deutsch kann ich und reden auch, dann mach ich das mal. N achdem ich meinen Magister bekommen hatte, wurde mir vorgeschlagen zu promovieren. Als ich dann gerade mit allem fertig Focus on Literatur Vol. 6, No. 1 (1999) 82 Focus on Literatur " "D ie andere Frau:" Professorin fur Theater-und F ilm­ wissenschaft INTERVIEW MIT RENATE MOHRMANN 83 Renate Mohrmann ist als Professorin am lnstitut fur Theater-, hlm-, und Fernsehwissenschafi der Universitdt zu Koln tdtig. 5ie i?t Autorin und Herausgeberin zahlreicher, literaturkritischer A rbeiten, soWie A rbeiten zur Geschichte des Theaters. Zuletzt erschien ihre Paar-Biographie Ingrid Berg­ mann und Roberto Rosselini. Eine Lieb'es- und Beutegeschichte (Rowohlt 1999)' Das folgende Gesprach mit Frau Mohrmann fuhrte Brilta Kallin fur Focus on Literatur im Februar 1999 in Cincinnati, Ohio. FOCUS: Konnten Sie uns etwas uber Ihren akademischen Werde­ gang erzahlen? Was waren die Hoch- und die Tiefpunkte Ihrer Karrie­ re? Mohnnann: Ich komme aus der Kuche und habe erst nach der Ge­ burt meiner Kinder richtig studiert. Die wichtigsten Impulsen kamen aus den Vereip.igten Staaten. Ich bin mit meinem Mann und einer Green Card ais Immigrantin hier angekommen und wollte mich eigendich der Kindererziehung, dem Haushalt und dem Kochen widmen. Aber meine amerikanischen Nachbarinnen fanden, das sei zuwenig. "You don't do that here." Sie waren diejenigen, die mir den Ansto~ gaben, aufs College zu gehen und einen Magister zu machen. So fing durch die Ermunterung der Nachbarinnen alles eigentlich recht zufallig an. Sehr friihzeitig habe ich am Network der amerikanischen Frauen teil­ genommen, und so kam ich beim Queen's College, New York, an . Dort fehite zufallig ein Lektor fur Deutsch. Ich stellte mich vor, fing an zu reden und wurde gefragt, ob ich eine Klasse ubernehmen kan­ ne. Ich dachte mir, Deutsch kann ich und reden auch, dann mach ich das mal. N achdem ich meinen Magister bekommen hatte, wurde mir vorgeschiagen zu promovieren. Ais ich dann gerade mit aHem fertig Focus on Literatur Vol. 6, No. 1 (1999) 82 Focus on Literatur " "D ie andere Frau:" Professorin für Theater-und F ilm­ wissenschaft INTERVIEW MIT RENATE MÖHRMANN 83 Renate Möhrmann ist als Professorin am Institut für Theater-, Film-, und Fernsehwissenschafi der Universität zu Köln tätig. Sie i?t Autorin und Herausgeberin zahlreicher, literaturkritischer Arbeiten, soWie Arbeiten zur Geschichte des Theaters. Zuletzt erschien ihre Paar-Biographie Ingrid Berg­ mann und Roberto Rosselini. Eine Lieb'es- und Beutegeschichte (Rowohlt 1999). Das folgende Gespräch mit Frau Möhrmann führte Britta Kallin für Focus on Literatur im Februar 1999 in Cincinnati, Ohio. FOCUS: Könnten Sie uns etwas über Ihren akademischen Werde­ gang erzählen? Was waren die Hoch- und die Tiefpunkte Ihrer Karrie­ re? Möhnnann: Ich komme aus der Küche und habe erst nach der Ge­ burt meiner Kinder richtig studiert. Die wichtigsten Impulsen kamen aus den Vereip.igten Staaten. Ich bin mit meinem Mann und einer Green Card als Immigrantin hier angekommen und wollte mich eigentlich der Kindererziehung, dem Haushalt und dem Kochen widmen. Aber meine amerikanischen Nachbarinnen fanden, das sei zuwenig. "You don't do that here." Sie waren diejenigen, die mir den Anstoß gaben, aufs College zu gehen und einen Magister zu machen. So fing durch die Ermunterung der Nachbarinnen alles eigentlich recht zufällig an. Sehr frühzeitig habe ich am Network der amerikanischen Frauen teil­ genommen, und so kam ich beim Queen's College, New York, an . Dort fehlte zufällig ein Lektor für Deutsch. Ich stellte mich vor, fing an zu reden und wurde gefragt, ob ich eine Klasse übernehmen kön­ ne. Ich dachte mir, Deutsch kann ich und reden auch, dann mach ich das mal. Nachdem ich meinen Magister bekommen hatte, wurde mir vorgeschlagen zu promovieren. Als ich dann gerade mit allem fertig Foeus on Literatur Val. 6, No. 1 (1999) 84 85 Focus on Literatur war, wurden wir nach Deutschland zuruckversetzt. Nun hatte ich aber soviel Zeit und Energie investiert, daG ich auch in Deutschland weiter­ arbeiten wollte. Ich habe mich dann bei den Universitaten im Um­ kreis von unserem Zuhause in Dusseldorf beworben. Weiter weg konnte ich nicht, denn ich muGte ja Uni und Haushalt miteinander verbin­ den. Ich schrieb also an funf Rektoren, und einer von denen hat mir eine Arbeitsstelle, und zwar als Akademische Ratin, angeboten. Mei­ ne Wege waren also etwas zufallig und ungerade. Die ersten Tiefpunkte kamen, als ich anfing, mich mit femini­ stischen Fragen zu beschaftigen. Goethe, Heine und Hesse durfte ich machen. Autoren und Autorinnen des Vormarz aber waren suspekt, und man riet mir abo Wenn ich schon Karriere machen wollte, dann nicht mit diesen Frauen, das interessiere niemanden. Ich lieG mich aber nicht beirren. Ich wollte wirklich nur das machen, was mich auch mteresslerte. FOCUS: Sie haben als eine der ersten Frauen in Deutschland eine Habilitation mit einer feministischen Fragestellung geschrieben. Wie ist es dazu gekommen? Mohrmann: Wahrend meines Studiums harre ich gemerkt, wie sehr sowohl amerikanische und deutsche Universitaten als auch Familien in patriarchalischen Strukturen verankert sind. Ich durfte alles ma­ chen, solange ich es zusatzlich z\) meinen hauslichen Pflichten tat. Von da an begann ich, mich fur die Frauenfrage zu interessieren. 1977 habe ich dann meine Habilitation Die andere Frau geschrieben. Das war mein drittes Buch. FOCUS: Auf welche wissenschaftlichen Projekte sind Sie besonders stOlz? Mohrmann: Besonders schwierig war Die andere Frau, wei! ich keine Ermutigung bekommen habe. Ich habe festgestellt, daG akademische Unterstutzung fur die Durchfuhrung von Projekten unglaublich wich­ tig ist. Es war eine depressive Zeit, weil ich immer wieder zu horen bekam, daG das, was ich machte, uninteressant sei. Es war auch sehr schwierig, an relevante Texte heranzukommen. AuGerdem gab es kei­ ne Frauen, mit denen ich uber mein Thema hatte reden konnen. Als Interview mit Renate Mohrmann die Habilitation Fertig war und der Metzler-Verlag sie sofort als Buch veroffentlichte, war die Erleichterung groG. Nach diesem Erfolg sind mir andere Projekte nicht mehr so schwer gefallen. FOCUS: Sie arbeiten in den Bereichen Theater, Film und Fernsehen. Welche Sparte finden Sie am interessantesten? Mohrmann: Das laGt sich schwer sagen, denn das Interessante liegt gerade auch in der Interdependenz, in der Bezuglichkeit der Medien umereinander. Ich beschaftige mich auch nicht nur mit Theater oder Film, sondern arbeite immer wieder uber Literatur und ver¢ffentliche literarische Untersuchungen. Ich finde es besonders interessant zu er­ forschen, inwiefern Medlen unterschiedlich ar::beite·n. Es interessiert mich zu untersuchen, wie z.B. die Virtuosinnen im Theater aussahen. Worin bestand der Unterschied, und was hat sich verandert? Beim Fernsehen finde ich die Analyse von Serien sehr spannend. Wie wir­ ken Serien auf die Zuschauer? Interessant sind die immer neuen An­ fange, die dazu fuhren, daG sich multiple Identifikationen ergeben . Was bedeutet das? Mich interessieren besonders vergleichende F ragen. FOCUS: Sie forschen, unterrichten, werden oft als Gastprofessorin und zu Vortragen eingeladen. Was gefallt Ihnen davon am besten, was unterrichten Sie am liebsten und wo? Mohrmann: Ich unterrichte am liebsten in Amerika Qacht!), weil der Kontakt mit den Kollegen und Studenten personlicher und intimer ist als in Deutschland, schon wegen der GroGe der Seminare. AuGerdem bin ich als Gastprofessorin nicht am Kleinkrieg und Schmuddelkram der Fachbereiche beteiligt. Davon abgesehen sind die Forschungs­ m oglichkeiten sehr viel besser hier als in Deutschland. In Los Angeles z.B. habe ich oft bis Mitternacht und auch sonntags in der Bibliothek gesesseri. In Deutschland ist das unmoglich. Aus meiner Forschungs­ arbeit ergeben sich dann Vortrage, die ich sehr gern halte. Es bereitet mir Freude, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten, und ich unter­ richte gerne. Gerade in Deutschland ist man sehr unabhangig, wenn man es erst einmal geschafft hat, ordentlicher Professor oder Professo­ rin zu werden. Das ist das Angenehme am deutschen System. rch habe auch Assistenten, die meine Arbeit unterstutzen. 'Xlenn erSt einmal 84 Focus on Literatur war, wurden wir nach Deutschland zuruckversetzt. Nun hane ich aber soviel Zeit und Energie investiert, daG ich auch in Deutschland weiter­ arbeiten wollte. Ich habe mich dann bei den Universitaten im Um­ kreis von unserem Zuhause in Dusseldorf beworben . Weiter weg konnte ich nicht, denn ich muGte ja Uni und Haushalt miteinander verbin­ den. Ich schrieb also an funf Rektoren, und einer von denen hat mir eine Arbeitsstelle, und zwar als Akademische Ratin, angeboten. Mei­ ne Wege waren also etwas zufallig und ungerade. Die ersten Tiefpunkte kamen, als ich anfing, mich mit femini­ stischen Fragen zu beschaftigen. Goethe, Heine und Hesse durfte ich machen. Autoren und Autorinnen des Vormarz aber waren suspekt, und man riet mir abo Wenn ich schon Karriere machen wollte, dann nicht mit diesen Frauen, das interessiere niemanden. Ich lieG mich aber nicht beirren. Ich wollte wirklich nur das machen, was mich auch lOteresslerte. FOCUS: Sie haben als eine der ersten Frauen in Deutschland eine Habilitation mit einer feministischen Fragestellung geschrieben. Wie ist es dazu gekornmen? Mohrmann: W ahrend meines Studiums harre ich gemerkt, wie sehr sowohl amerikanische und deutsche Universitaten als auch Familien in patriarchalischen Strukturen verankert sind. Ich durfte alles ma­ chen, solange ich es zusatzlich z\) meinen hauslichen Pflichten tat. Von da an begann ich, mich fur die Frauenfrage zu interessieren. 1977 habe ich dann meine Habilitation Die andere Frau geschrieben. Das war mein drittes Buch. FOCUS: Auf welche wissenschaftlichen Projekte sind Sie besonders stOlz? Mohrmann: Besonders schwierig war Die andere Frau, weil ich keine Ermutigung bekommen habe. Ich habe festgestellt, daG akademische Unterstutzung fur die Durchfuhrung von Projehen unglaublich wich­ tig iSL Es war eine depressive Zeit, weil ich immer wieder zu horen bekam, daG das, was ich machte, uninteressant sei . Es war auch sehr schwierig, an relevante Texte heranzukommen. AuGerdem gab es kei­ ne Frauen, mit denen ich uber mein Thema hatte reden konnen. Als Interview mit Renate Mohrmann 85 die Habilitation Fertig war und der Metzler-Verlag sie sofort als Buch veroffentlichte, war die Erleichterung groG. Nach diesem Erfolg sind mir andere Projekte nicht mehr so schwer gefallen . FOCUS: Sie arbeiten in den Bereichen Theater, Film und Fernsehen. Welche Sparte finden Sie am interessantesten? Mohrmann: Das laGt sich schwer sagen, denn das Interessante liegt gerade auch in der Interdependenz, in der Bezuglichkeit der Medien umereinander. Ich beschaftige mich auch nicht nur mit Theater oder Film, sondern arbeite immer w ieder uber Literatur und ver.offentliche literarische Untersuchungen. Ich finde es besonders interessant zu er­ forschen, inwiefern Medien unterschiedlich ar::beiten. Es interessiert mich zu untersuchen, wie z.B. die Virtuosinnen im Theater aussahen. Worin bestand der Unterschied, und was hat sich verandert? Beim Fernsehen finde ich die Analyse von Serien sehr spannend. Wie wir­ ken Serien auf die Zuschauer? Interessant sind die immer neuen An­ fange, die dazu fuhren, daG sich multiple Identifikationen ergeben. Was bedeutet das? Mich interessieren besonders vergleichende Fragen . FOCUS: Sie forschen, unterrichten, werden oft als Gastprofessorin und zu Vortragen eingeladen. Was gefallt Ihnen davon am besten, was unterrichten Sie am liebsten und wo? Mohrmann: Ich unterrichte am liebsten in Amerika 0acht!), weil der Kontah mit den Kollegen und Studenten personlicher und intimer ist als in Deutschland, schon wegen der GraGe der Seminare. AuGerdem bin ich als Gastprofessorin nicht am Kleinkrieg und Schmuddelkram der Fachbereiche beteiligt. Davon abgesehen sind die Forschungs­ moglichkeiten sehr viel besser hier als in Deutschland. In Los Angeles z .B. habe ich oft bis Mitternacht und auch sonntags in der Bibliothek gesesseri. In Deutschland ist das unmoglich. Aus meiner Forschungs­ arbeit ergeben sich dann Vortrage, die ich sehr gern halte. Es bereitet mir Freude, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten, und ich unter­ richte gerne. Gerade in Deutschland ist man sehr unabhangig, wenn man es erst einmal geschafft hat, ordentlicher Professor oder Professo­ rin zu werden . Das ist das Angenehme am deutschen System. Ich habe auch Assistenten, die meine Arbeit unterstutzen. \X1enn erSt einmal 84 POCltS on Literatur war, wurden wir nach Deutschland zurückversetzt. Nun hatte ich aber soviel Zeit und Energie investiert, daß ich auch in Deutschland weiter­ arbeiten wollte. Ich habe mich dann bei den Universitäten im Um­ kreis von unserem Zuhause in Düsseldorf beworben . Weiter weg konnte ich nicht, denn ich mußte ja Uni und Haushalt miteinander verbin­ den. Ich schrieb also an fünf Rektoren, und einer von denen hat mir eine Arbeitsstelle, und zwar als Akademische Rätin, angeboten. Mei­ ne Wege waren also etwas zufällig und ungerade. Die ersten Tiefpunkte kamen, als ich anfing, mich mit femini­ stischen Fragen zu beschäftigen. Goethe, Heine und Hesse durfte ich machen. Autoren und Autorinnen des Vormärz aber waren suspekt, und man riet mir ab. Wenn ich schon Karriere machen wollte, dann nicht mit diesen Frauen, das interessiere niemanden. Ich ließ mich aber nicht beirren. Ich wollte wirklich nur das machen, was mich auch lOteresslerte. FOCUS: Sie haben als eine der ersten Frauen in Deutschland eine Habilitation mit einer feministischen Fragestellung geschrieben. Wie ist es dazu gekommen? Möhrmann: W ährend meines Studiums hatte ich gemerkt, wie sehr sowohl amerikanische und deutsche Universitäten als auch Familien in patriarchalischen Strukturen verankert sind. Ich durfte alles ma­ chen, solange ich es zusätzlich z\) meinen häuslichen Pflichten tat. Von da an begann ich, mich für die Frauenfrage zu interessieren. 1977 habe ich dann meine Habilitation Die andere Prau geschrieben. Das war mein drittes Buch. FOCUS: Auf welche wissenschaftlichen Projekte sind Sie besonders stOlz? Möhrmann: Besonders schwierig war Die andere Prau, weil ich keine Ermutigung bekommen habe. Ich habe festgestellt, daß akademische Unterstützung für die Durchführung von Projekten unglaublich wich­ tig ist. Es war eine depressive Zeit, weil ich immer wieder zu hören bekam, daß das, was ich machte, uninteressant sei . Es war auch sehr schwierig, an relevante Texte heranzukommen. Außerdem gab es kei­ ne Frauen, mit denen ich über mein Thema hätte reden können. Als Interview mit Renate Möhrmann 85 die Habilitation fertig war und der Metzler-Verlag sie sofort als Buch veröffentlichte, war die Erleichterung groß. Nach diesem Erfolg sind mir andere Projekte nicht mehr so schwer gefallen . FOCUS: Sie arbeiten in den Bereichen Theater, Film und Fernsehen. Welche Sparte finden Sie am interessantesten? Möhrmann: Das läßt sich schwer sagen, denn das Interessante liegt gerade auch in der Interdependenz, in der Bezüglichkeit der Medien untereinander. Ich beschäftige mich auch nicht nur mit Theater oder Film, sondern arbeite immer w ieder über Literatur und ver.öffentliche literarische Untersuchungen. Ich finde es besonders interessant zu er­ forschen, inwiefern Medien unterschiedlich ar::beiten. Es interessiert mich zu untersuchen, wie z.B. die Virtuosinnen im Theater aussahen. Worin bestand der Unterschied, und was hat sich verändert? Beim Fernsehen finde ich die Analyse von Serien sehr spannend. Wie wir­ ken Serien auf die Zuschauer? Interessant sind die immer neuen An­ fänge, die dazu führen, daß sich multiple Identifikationen ergeben. Was bedeutet das? Mich interessieren besonders vergleichende Fragen . FOCUS: Sie forschen, unterrichten, werden oft als Gastprofessorin und zu Vorträgen eingeladen. Was gefällt Ihnen davon am besten, was unterrichten Sie am liebsten und wo? Möhrmann: Ich unterrichte am liebsten in Amerika 0acht!), weil der Kontakt mit den Kollegen und Studenten persönlicher und intimer ist als in Deutschland, schon wegen der Größe der Seminare. Außerdem bin ich als Gastprofessorin nicht am Kleinkrieg und Schmuddelkram der Fachbereiche beteiligt. Davon abgesehen sind die Forschungs­ möglichkeiten sehr viel besser hier als in Deutschland. In Los Angeles z .B. habe ich oft bis Mitternacht und auch sonntags in der Bibliothek gesesseri. In Deutschland ist das unmöglich. Aus meiner Forschungs­ arbeit ergeben sich dann Vorträge, die ich sehr gern halte. Es bereitet mir Freude, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten, und ich unter­ richte gerne. Gerade in Deutschland ist man sehr unabhängig, wenn man es erst einmal geschafft hat, ordentlicher Professor oder Professo­ rin zu werden . Das ist das Angenehme am deutschen System. Ich habe auch Assistenten, die meine Arbeit unterstützen. \X1enn erSt einmal 86 87 Focus on Literatur die Diskriminierungsphase vorbei ist, der Mittelbau durehsehritten, dann geht es einem gut. 1nsofern kann ieh nur raten: Frau mach schnell, damit du dureh das Tasehentragen fur den Ordinarius keine sehiefe Schulter bekommst. FOCUS: Sie begleiten eine Reihe von Dissertationen und anderen Projekten. Konnen Sie einige Forsehungsprojekte nennen, die Ihrer Ansieht naeh eine Veranderung in der Theater-, Film- und Medien­ wissensehaft herbeigefuhrt haben oder herbeifuhren werden? M ohrmann: Mein Bueh Die Schauspielerin ist N euland im Bereich der deutsehen Buhnen- und Kulturgesehiehte, weil es neue F ragen auf­ wirft. Man hat sieh bislang kaum mit Sehauspielern und noeh seltener mit Sehauspielerinnen befa~t. Mieh hat der Beruf der Sehauspielerin interessiert, weil er einer der ersten F rauenberufe war. Bei dem Projekt haben sieh fur mieh eine Reihe von F ragen ergeben, die die Theater­ wissensehaft bis dahin nieht gestellt hatte. Das Bueh hat viele Veran­ derungen in der feministisehen Theaterwissensehaft bewirkt, mehr noeh als in der Filmwissensehaft, denn die Sehauspielerin steht dort oft nieht im Mittelpunkt des Interesses. Au~erdem habe ieh eine sehr interessante Dissertation von Sabine Smith in Kalifornien betreut. Der Titellautet "Sexual Violence in German Culture." Smith ist die erste gewesen, die Vergewaltigun­ gen in der deutsehen Literatur untersueht hat. leh bin darauf aueh stolz, denn ieh habe die Arbeit betreut, publiziert und Gelder fur Smith besehaffen konnen. Es ist ein sehones Gefuhl, wenn man wei~, da~ man anderen Forseherinnen finanzielle Unterstutzung ermogliehen kann. Den Einflu~, den ieh heute in Aufsiehtsraten habe, wie z.B. der Bavaria und dem WDR, kann ieh so aueh fur die Unterstutzung von feministischen Arbeiten nutzen. Zu meiner Zeit gab es solche Art der Unterstutzung uberhaupt nieht. FOCUS: Konnten Sie noeh etwas uber Ihre Tatigkeit beim WDR­ Aufsiehtsrat erzahlen? Mohrmann: Sie wissen, da~ das Deutsche Fernsehen eine offendieh­ reehdiehe Anstalt ist. In Nordrhein-Westfalen hat der Westdeutsehe Rundfunk einen Aufsiehtsrat, narnlieh den Rundfunkrat. In dem sit- Interview mit Renate Mohrmann zen 42 Vertreter untersehiedlieher Disiiplinen und bestimmen das Programm. Seit vier Jahren gehore ieh dazu und bin fur die naehsten funf Jahre wiedergewahlt worden. In diesem Rat habe ieh Einflu~ und kann z.B. vorsehlagen, da~ eine Reihe von Frauenfilmen gezeigt wird. Als ieh in diesem Gremium anfing, sa~en seehs Frauen darin, jetzt sind es seehzehn. In der Bavaria bin ieh die einzige Frau. Das ist die gri::i~te Produktionsgesellsehaft, und da kann ieh wirklieh etwas be­ wirken. Das ist besonders dann sehr stimulierend, wenn man aus dem Elfenbeinturm herauskommt, und den Jungs mal sagen kann, wo es langgehen solI. 1m Bavaria-Komitee sitzen viele Politiker, so aueh der Finanzminister Bayerns, der oft gegen alles isL Da kann ieh aueh ru­ hig mal kritiseh werden, denn mir kann j~ niehts mehr passieren. leh habe ihn gefragt: "Herr Minister, wann waren Sie denn das letzte Mal im Kino?" Und dann antwortet der, "Aeh, da geh' ieh doeh nie hin." "Aber reden damber konnen Sie ... !" Mieh wundert wirklieh, da~ aueh Professoren oft nieht den Mund aufmaehen. Wenn man im Mittelbau sitzt und furehten mu~, seinen Job zu verlieren, geht das naturlieh nieht. Aber die deutsehen Professoren sind doeh so abgesiehert, da~ sie ihr Gehalt bekommen, bis sie sterben. Es ist unglaublieh, welche Sieherheit man in diesem Beruf hat, und trotzdem sind sehr viele nieht mutlg genug. FOCUS: Vor kurzem ist der Film Lola rennt herausgekommen. In­ wiefern haben Sie dazu beigetragen? Mohrmann: Lola rennt ist vcim WDR und der Bavaria koproduziert worden. leh war die Einzige, die dafur gestimmt hat, da~ wir den Film produzieren sollen. Die Anderen zeigten sieh erst mal widerwillig. Die Herren denken naturlieh nur an die Rendite und fragen sieh, wie in Amerika aueh, ob der Film die Ausgaben wieder einspielt. Meiner Ansieht naeh ist es aber aueh wiehtig, da~ eine deutsehe Filmkultur existiert. Die Herren seheinen blo~ dazu da zu sein, urn auf die Zah­ len aufzupassen. FOCUS: Inwiefern haben Sie 1hre Einstellung Ihrer wissensehaftli­ chen Arbeit gegenuber geandert, naehdem Sie funf Jahre lang als Mit­ glied des Landtags von Nordrhein-Westfalen tatig waren? 86 Focus on Literatur die Diskriminierungsphase vorbei ist, der Mittelbau durehsehritten, dann geht es einem gut. Insofern kann ieh nur raten: Frau mach schnell, damit du dureh das Tasehentragen fur den Ordinarius keine sehiefe Schulter bekommst. FOCUS: Sie begleiten eine Reihe von Dissertationen und anderen Projekten. Konnen Sie einige Forsehungsprojekte nennen, die Ihrer Ansieht naeh eine Veranderung in der Theater-, Film- und Medien­ wissensehaft herbeigefuhrt haben oder herbeifuhren werden? M ohrmann: Mein Bueh Die Schauspielerin ist N euland im Bereich der deutsehen Buhnen- und Kulturgesehiehte, weil es neue F ragen auf­ wirft. Man hat sieh bislang kaum mit Sehauspielern und noeh seltener mit Sehauspielerinnen befaik Mieh hat der Beruf der Sehauspielerin interessiert, weil er einer der ersten F rauenberufe war. Bei dem Projekt haben sieh fur mieh eine Reihe von Fragen ergeben, die die Theater­ wissensehaft bis dahin nieht gestellt hatte. Das Bueh hat viele Veran­ derungen in der feministisehen Theaterwissensehaft bewirkt, mehr noeh als in der Filmwissensehaft, denn die Sehauspielerin steht dort oft nieht im Mittelpunkt des Interesses . Au~erdem habe ieh eine sehr interessante Dissertation von Sabine Smith in Kalifornien betreut. Der Titellautet "Sexual Violence in German Culture." Smith ist die erste gewesen, die Vergewaltigun­ gen in der deutsehen Literatur untersueht hat. leh bin darauf aueh stolz, denn ieh habe die Arbeit betreut, publiziert und Gelder fur Smith besehaffen konnen. Es ist ein sehones Gefuhl, wenn man wei~, da~ man anderen Forseherinnen finanzielle Unterstutzung ermogliehen kann. Den Einflu~, den ieh heute in Aufsiehtsraten habe, wie z.B. der Bavaria und dem WDR, kann ieh so aueh fur die Unterstutzung von feministisehen Arbeiten nutzen. Zu meiner Zeit gab es solche Art der Unterstutzung uberhaupt nieht. FOCUS: Konnten Sie noeh etwas uber Ihre Tatigkeit beim WDR­ Aufsiehtsrat erzahlen? Mohrmann: Sie wissen, da~ das Deutsche Fernsehen eine offentlieh­ reehtliehe Anstalt ist. In Nordrhein-Westfalen hat der Westdeutsehe Rundfunk einen Aufsiehtsrat, namlieh den Rundfunkrat. In dem sit- Interview mit Renate Mohrmann 87 zen 42 Vertreter untersehiedlieher Disiiplinen und bestimmen das Programm. Seit vier Jahren gehore ien daw und bin fur die naehsten funf Jahre wiedergewahlt worden. In diesem Rat habe ieh Einflu~ und kann z.B. vorsehlagen, da~ eine Reihe von F rauenfilmen gezeigt wird. Als ieh in diesem Gremium anfing, sa~en seehs Frauen darin, jetzt sind es seehzehn. In der Bavaria bin ieh die einzige Frau. Das ist die gri:i~te Produktionsgesellsehaft, und da kann ieh wirklieh etwas be­ wirken. Das ist besonders dann sehr stimulierend, wenn man aus dem Elfenbeinturm herauskommt, und den Jungs mal sagen kann, wo es langgehen solI. 1m Bavaria-Komitee sitzen viele Politiker, so aueh der Finanzminister Bayerns, der oft gegen alles'ist.' Da kann ieh aueh ru­ hig mal kritiseh werden, denn mir kann j~ niehts mehr passieren. leh habe ihn gefragt: "Herr Minister, wann waren Sie denn das letzte Mal im Kino?" Und dann antwortet der, "Aeh, da geh' ieh doeh nie hin." "Aber reden damber konnen Sie .. . !" Mieh wundert wirklieh, da~ aueh Professoren oft nieht den Mund aufmaehen. Wenn man im Minelbau sitzt und furehten mu~, seinen Job zu verlieren, geht das naturlieh nieht. Aber die deutsehen Professoren sind doeh so abgesiehert , da~ sie ihr Gehalt bekommen, bis sie sterben. Es ist unglaublieh, welche Sieherheit man in diesem Beruf hat, und trotzdem sind sehr viele nieht mutlg genug. FOCUS: Vor kurzem 1st der Film Lola rennt herausgekommen. In­ wiefern haben Sie dazu beigetragen? Mohrmann: Lola rennt ist vom WDR und der Bavaria koproduziert worden. leh war die Einzige, die dafur gestimmt hat, da~ wir den Film produzieren sollen. Die Anderen zeigten sieh erst mal widerwillig. Die Herren denken naturlieh nur an die Rendite und fragen sieh, wie in Amerika aueh, ob der Film die Ausgaben wieder einspielt. Meiner Ansieht naeh ist es aber aueh wiehtig, da~ eine deutsehe Filmkultur existiert. Die Herren seheinen blo~ dazu da zu sein, urn auf die Zah­ len aufzupassen. FOCUS: Inwiefern haben Sie Ihre Einstellung Ihrer wissensehaftli­ chen Arbeit gegenuber geandert, naehdem Sie funf Jahre lang als Mit­ glied des Landtags von Nordrhein-Westfalen tatig waren? 86 Focus on Literatur die Diskriminierungsphase vorbei ist, der Mittelbau durchschritten, dann geht es einem gut. Insofern kann ich nur raten: Frau mach schnell, damit du durch das Taschentragen für den Ordinarius keine schiefe Schulter bekommst. FOCUS: Sie begleiten eine Reihe von Dissertationen und anderen Projekten. Können Sie einige Forschungsprojekte nennen, die Ihrer Ansicht nach eine Veränderung in der Theater-, Film- und Medien­ wissenschaft herbeigeführt haben oder herbeiführen werden? M öhrmann: Mein Buch Die Schauspielerin ist N euland im Bereich der deutschen Bühnen- und Kulturgeschichte, weil es neue Fragen auf­ wirft. Man hat sich bislang kaum mit Schauspielern und noch seltener mit Schauspielerinnen befaßt. Mich hat der Beruf der Schauspielerin interessiert, weil er einer der ersten Frauenberufe war. Bei dem Projekt haben sich für mich eine Reihe von F ragen ergeben, die die Theater­ wissenschaft bis dahin nicht gestellt hatte. Das Buch hat viele Verän­ derungen in der feministischen Theaterwissenschaft bewirkt, mehr noch als in der Filmwissenschaft, denn die Schauspielerin steht dort oft nicht im Mittelpunkt des Interesses . Außerdem habe ich eine sehr interessante Dissertation von Sabine Smith in Kalifornien betreut. Der Titel lautet "Sexual Violence in German Culture." Smith ist die erste gewesen, die Vergewaltigun­ gen in der deutschen Literatur untersucht hat. Ich bin darauf auch stolz, denn ich habe die Arbeit betreut, publiziert und Gelder für Smith beschaffen können. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man weiß, daß man anderen Forscherinnen finanzielle Unterstützung ermöglichen kann. Den Einfluß, den ich heute in Aufsichtsräten habe, wie z.B. der Bavaria und dem WDR, kann ich so auch für die Unterstützung von feministischen Arbeiten nutzen. Zu meiner Zeit gab es solche Art der Unterstützung überhaupt nicht. FOCUS: Könnten Sie noch etwas über Ihre Tätigkeit beim WDR­ Aufsichtsrat erzählen? Möhrmann: Sie wissen, daß das Deutsche Fernsehen eine öffentlich­ rechtliche Anstalt ist. In Nordrhein-Westfalen hat der Westdeutsche Rundfunk einen Aufsichtsrat, nämlich den Rundfunkrat. In dem sit- Interview mit Renate Möhrmann 87 zen 42 Vertreter unterschiedlicher Disiiplinen und bestimmen das Programm. Seit vier Jahren gehöre ich dazu und bin für die nächsten fünf Jahre wiedergewählt worden. In diesem Rat habe ich Einfluß und kann z.B. vorschlagen, daß eine Reihe von Frauenfilmen gezeigt wird. Als ich in diesem Gremium anfing, saßen sechs Frauen darin, jetzt sind es sechzehn. In der Bavaria bin ich die einzige Frau. Das ist die größte Produktionsgesellschaft, und da kann ich wirklich etwas be­ wirken. Das ist besonders dann sehr stimulierend, wenn man aus dem Elfenbeinturm herauskommt, und den Jungs mal sagen kann, wo es langgehen soll. Im Bavaria-Komitee sitzen viele Politiker, so auch der Finanzminister Bayerns, der oft gegen alles' ist.' Da kann ich auch ru­ hig mal kritisch werden, denn mir kann j~ nichts mehr passieren. Ich habe ihn gefragt: "Herr Minister, wann waren Sie denn das letzte Mal im Kino?" Und dann antwortet der, "Ach, da geh' ich doch nie hin." "Aber reden darüber können Sie .. . !" Mich wundert wirklich , daß auch Professoren oft nicht den Mund aufmachen. Wenn man im Mittelbau sitzt und fürchten muß, seinen Job zu verlieren, geht das natürlich nicht. Aber die deutschen Professoren sind doch so abgesichert , daß sie ihr Gehalt bekommen, bis sie sterben. Es ist unglaublich, welche Sicherheit man in diesem Beruf hat, und trotzdem sind sehr viele nicht mutig genug. FOCUS: Vor kurzem ist der Film Iola rennt herausgekommen. In­ wiefern haben Sie dazu beigetragen? Möhrmann: Iola rennt ist vom WDR und der Bavaria koproduziert worden. Ich war die Einzige, die dafür gestimmt hat, daß wir den Film produzieren sollen. Die Anderen zeigten sich erst mal widerwillig. Die Herren denken natürlich nur an die Rendite und fragen sich, wie in Amerika auch, ob der Film die Ausgaben wieder einspielt. Meiner Ansicht nach ist es aber auch wichtig, daß eine deutsche Filmkultur existiert. Die Herren scheinen bloß dazu da zu sein, um auf die Zah­ len aufzupassen. FOCUS: Inwiefern haben Sie Ihre Einstellung Ihrer wissenschaftli­ chen Arbeit gegenüber geändert, nachdem Sie fünf Jahre lang als Mit­ glied des Landtags von Nordrhein-Westfalen tätig waren? 88 89 Focus on Literatur Mohrmann: Ich bin sehr viel glucklicher in der Wissenschaft und habe gemerkt, da~ diese Aufgabe sehr viel befriedigender ist. In der Politik ist die Arbeit immer hektisch und oft ineffizient. Entweder mu~ alles schnell gehen, oder es gibt lange Phasen, in denen man sich in Gremien, Arbeitsgruppen und im Plenarsaal alles doppelt und drei­ fach anhoren muK Das gefallt mir nicht. Ich habe aber durch die Po­ litik die Moglichkeit gehabt, ganz andere Menschen kennenzulernen. An der Uni trifft man im Grunde nur die Studenten. In Deutschland kennt man seine Kollegen kaum, denn die Fakultaten sind so gro~, daiS man sich nur einmal im Semester sieht. Ich kannte also an der Uni nur junge Leute. Ich wu~te kaum, wie Menschen meines Alters denken. Bei meiner Tatigkeit als Politikerin hielt ich Vortrage und WeIrde in Krankenhauser und in Altenheime geschickt. Der Kontakt mit den Leuten ist schon sehr interessant. Aber als Politikerin durfte ich nicht unterrichten. Ich war Berufspolitikerin und beurlaubt. Den neuen Beruf zu lernen war schwierig genug. Ich lernte auch einen neuen Typus von Intrigen kennen. Ich wei~ noch immer nicht, wie man als Politiker sein solI. Steht man in der Zeitung und hat Ideen, sind aIle anderen neidisch, und man wird von hinten in die Pfanne gehauen. Halt man sich zuriick, ist man die graue Maus, dann wird man von vorne in die Pfanne gehauen. Wahrend ich in der Wissen­ schaft absolut frei war, gab es in der Politik viele Restriktionen. Ein­ mal z.B. kam Norbert Blum auf mich zu und meinte, da~ ich in einer Zeitung die falschen Antworten gegeben hatte. Auf meine Reaktion, da~ ich so antworte, wie ich es fur richtig halte, meinte er nur: "Das konnen Sie an der Uni, aber nicht in der Politik." Daher habe ich es sehr genossen, als ich an die Uni zuriickkarh. Das ist doch der schon­ ste Beruf. Ich verstehe auch gar nicht, warum meine Kollegen sich dauernd dariiber beklagen, wie iiberlastet sie seien. Soviel Freiheiren und Zeit wie in unserem Beruf gibt es sonst nirgends. Wir haben flinf Monate, in denen wir forschen konnen, wahrend man als Politiker vierzehn Tage Urlaub.llat:~Und dann wird man auch noch aus dem Urlaub zuriickgerufen, weil irgendwo ein Flugzeug abgestiirzt ist und man clas irgendwo erklaren muK Das Schone an der wissenschaftli­ chen Arbeit ist auch, daiS man dort so lange an einer Sache arbeiten . kann, bis sie Fertig ist . In der Politik gibt es immer Fristen, bis wann etwas entschieden oder ausgearbeitet sein muKPolitik kann gar nicht gut sein, weil man immer gejagt wird. An der U ni kann man sich mit Interview mit Renate Mohrmann anderen zusammensetzen und dariiber nilchdenken, wie der Schlu~ eines Textes zu verstehen ist. Da knobelt man daran solange herum, wie man will. Und wenn man nicht Fertig wird, dann knobelt man in der nachsten Sitzung weiter. So etwas gibt es sonst in keinem Beruf. FOCUS: Sie schreiben zur Zeit an einem Roman. Worum geht es darin, und wann wird er erscheinen? Mohrmann: Es geht urn drei Schwestern, und es ist ein sehr harter Roman. Der Titel ist: "Wer lebt, stort." Da mochte ich Erfahrungen aus der Politik, aus dem Privaten und von Studenten einweben und mal ohne den Zwang von Fu~noten schreiben. Ich nahere mich dieser Art zu schreiben schon durch meine BiDgraphie uber Ingrid Bergman, aber ich will nicht immer nur uber die Sprache anderer Leute reden, sondern selbst einmal ausprobieren, ob ich eine spannende Geschich­ te erzahlen kann . Das Erscheinungsdatum wei~ ich noch nicht, weil noch eine Menge von Gastprofessuren und Aufgaben auf mich war­ ten. Ich hoffe, da~ der Roman in etwa eineinhalb Jahren herauskommt. In der Regel brauche ich eineinhalb Jahre fur ein Buch. FOCUS: Haben Sie vor, eine Autobiographie zu schreiben? Mohrmann: Nein, das konnen die Anderen machen Ich mu~te dann so radikal ehrlich sein, und es wiirden derartige Scheiterhaufen zum Vorschein kommen, das ist mir zu riskant. FOCUS: Uns ist aufgefallen, da~ Sie haufig bei Frauennamen einen Artikel vor den Nachnamen setzen, wenn Sie sich auf Autorinnen oder Schauspielerinnen beziehen, wie z.B. die Duse, die Bergman, wahrend einige Feministinnen dies ablehnen. Wie stehen Sie dazu? Mohrmann: Dariiber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Es war damals Usus, daiS man die Duse "die Duse" nannte. Auch die Schreib­ weise mit dem gro~en "I," das sind in meinen Augen Marginalien. D a engagiere ich mich lieber woanders, fur Wichtigeres. FOCUS: Haben Sie die Poetikvorlesungen von Marlene Streeruwitz verfolgt, die sie in den letzten zwei Jahren an den Universitaten in 88 Focus on Literatur Mohrmann: Ich bin sehr viel glucklicher in der Wissenschaft und habe gemerkt, daG diese Aufgabe sehr viel befriedigender ist. In der Politik ist die Arbeit immer hektisch und oft ineffizient. Entweder muG alles schnell gehen, oder es gibt lange Phasen, in denen man sich in Gremien, Arbeitsgruppen und im Plenarsaal a11es doppelt und drei­ fach anhoren muG. Das gefallt mir nicht. Ich habe aber durch die Po­ litik die Moglichkeit gehabt, ganz andere Menschen kennenzulernen. An der Uni trifft man im Grunde nur die Studenten. In Deutschland kennt man seine Ko11egen kaum, denn die Fakultaten sind so groG, daG man sich nur einmal im Semester sieht. Ich kannte also an der Uni nur junge Leute. Ich wuGte kaum, wie Menschen meines Alters denken. Bei meiner Tatigkeit als Politikerin hielt ich Vortrage und wurde in Krankenhauser und in Altenheime geschickt. Der Kontakt mit den Leuten ist schon sehr interessant. Aber als Politikerin durfte ich nicht unterrichten. Ich war Berufspolitikerin und beurlaubt. Den neuen Beruf zu lernen war schwierig genug. Ich lernte auch einen neuen Typus von Intrigen kennen. Ich weiG noch immer nicht, wie man als Politiker sein sol1. Steht man in der Zeitung und hat Ideen, sind alle anderen neidisch, und man wird von hinten in die Pfanne gehauen. Halt man sich zuriick, ist man die graue Maus, dann wird man von vorne in die Pfanne gehauen. Wahrend ich in der Wissen­ schaft absolut frei war, gab es in der Politik viele Restriktionen. Ein­ mal z.B. kam Norbert Blum auf mich zu und meinte, daG ich in einer Zeitung die falschen Antworten gegeben hatte. Auf meine Reaktion, daG ich so antworte, wie ich es fur richtig halte, meinte er nur: "Das konnen Sie an der U ni, aber nicht in der Politik." Daher habe ich es sehr genossen, als ich an die Uni zuriickkarh. Das ist doch der schon­ ste Beruf. Ich verstehe auch gar nicht, warum meine Kollegen sich dauernd dariiber beklagen, wie iiberlastet sie seien. Soviel Freiheiten und Zeit wie in unserem Beruf gibt es sonst nirgends. Wir haben funf Monate, in denen wir forschen konnen, wahrend man als Politiker vierzehn Tage Urlaub.llat:=Und dann wird man auch noch aus dem Urlaub zuriickgerufen, weil irgendwo ein Flugzeug abgestiirzt ist und man clas irgendwo erkIaren muG. Das Schone an der wissenschaftli­ chen Arbeit ist auch, daG man dort so lange an einer Sache arbeiten . kann, bis sie fertig ist. In der Politik gibt es immer Fristen, bis wann etwas entschieden oder ausgearbeitet sein muG.Politik kann gar nicht gut sein, weil man immer gejagr wird. An der U ni kann man sich mit Interview mit Renate Mohrmann 89 anderen zusammensetzen und dariiber nathdenken, wie der SchluG eines Textes zu verstehen ist. Da knobelt man daran solange herum, wie man will. Und wenn man nicht fertig wird, dann knobelt man in der nachsten Sitzung weiter. So etwas gibt es sonst in keinem Beruf. FOCUS: Sie schreiben zur Zeit an einem Roman. Worum geht es darin, und wann wird er erscheinen? Mohrmann: Es geht urn drei Schwestern, und es ist ein sehr harter Roman . Der Titel ist: "Wer lebt, stOrt." Da mochte ich Erfahrungen aus der Politik, aus dem Privaten und von Studenten einweben und mal ohne den Zwang von FuGnoten schreiben . Ich ~ahere mich dieser Art zu schreiben schon durch meine Bi.ographie iiber Ingrid Bergman, aber ich will nicht immer nur uber die Sprache anderer Leute reden, sondern selbst einmal ausprobieren, ob ich eine spannende Geschich­ te erzahlen kann. Das Erscheinungsdatum weiG ich noch nicht, weil noch eine Menge von Gastprofessuren und Aufgaben auf mich war­ ten. Ich hoHe, daG der Roman in etwa eineinhalb Jahren herauskommt. In der Regel brauche ich eineinhalb Jahre fiir ein Buch. FOCUS: H aben Sie vor, eine Autobiographie zu schreiben? Mohrmann: Nein, das konnen die Anderen machen . Ich miiGte dann so radikal ehrlich sein, und es wiirden derartige Scheiterhaufen zum Vorschein kommen, das ist mir zu riskant. FOCUS: Uns ist aufgefallen, daG Sie haufig bei Frauennamen einen Artikel vor den Nachnamen setzen, wenn Sie sich auf Autorinnen oder Schauspielerinnen beziehen, wie z .B. die Duse, die Bergman, wahrend einige Feministinnen dies ablehnen. Wie stehen Sie dazu? Mohrmann: Dariiber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Es war damals Usus, daG man die Duse "die Duse" nannte. Auch die Schreib­ weise mit dem groGen "I," das sind in meinen Augen Marginalien. Da engagiere ich mich lieber woanders, fiir Wichtigeres. FOCUS: Haben Sie die Poetikvorlesungen von Marlene Streeruwitz verfolgr, die sie in den letzten zwei Jahren an den Universitaten in 88 Focus on Literatur Möhrmann: Ich bin sehr viel glücklicher in der Wissenschaft und habe gemerkt, daß diese Aufgabe sehr viel befriedigender ist. In der Politik ist die Arbeit immer hektisch und oft ineffizient. Entweder muß alles schnell gehen, oder es gibt lange Phasen, in denen man sich in Gremien, Arbeitsgruppen und im Plenarsaal alles doppelt und drei­ fach anhören muß. Das gefällt mir nicht. Ich habe aber durch die Po­ litik die Möglichkeit gehabt, ganz andere Menschen kennenzulernen. An der Uni trifft man im Grunde nur die Studenten. In Deutschland kennt man seine Kollegen kaum, denn die Fakultäten sind so groß, daß man sich nur einmal im Semester sieht. Ich kannte also an der Uni nur junge Leute. Ich wußte kaum, wie Menschen meines Alters denken. Bei meiner Tätigkeit als Politikerin hielt ich Vorträge und wurde in Krankenhäuser und in Altenheime geschickt. Der Kontakt mit den Leuten ist schon sehr interessant. Aber als Politikerin durfte ich nicht unterrichten. Ich war Berufspolitikerin und beurlaubt. Den neuen Beruf zu lernen war schwierig genug. Ich lernte auch einen neuen Typus von Intrigen kennen. Ich weiß noch immer nicht, wie man als Politiker sein soll. Steht man in der Zeitung und hat Ideen, sind alle anderen neidisch, und man wird von hinten in die Pfanne gehauen. Hält man sich zurück, ist man die graue Maus, dann wird man von vorne in die Pfanne gehauen. Während ich in der Wissen­ schaft absolut frei war, gab es in der Politik viele Restriktionen. Ein­ mal z.B. kam Norbert Blüm auf mich zu und meinte, daß ich in einer Zeitung die falschen Antworten gegeben hätte. Auf meine Reaktion, daß ich so antworte, wie ich es für richtig halte, meinte er nur: "Das können Sie an der Uni, aber nicht in der Politik." Daher habe ich es sehr genossen, als ich an die Uni zurückkam. Das ist doch der schön­ ste Beruf. Ich verstehe auch gar nicht, warum meine Kollegen sich dauernd darüber beklagen, wie überlastet sie seien. Soviel Freiheiten und Zeit wie in unserem Beruf gibt es sonst nirgends. Wir haben fünf Monate, in denen wir forschen können, während man als Politiker vierzehn Tage Urlaub.llat:=Und dann wird man auch noch aus dem Urlaub zurückgerufen, weil irgendwo ein Flugzeug abgestürzt ist und man das irgendwo erklären muß. Das Schöne an der wissenschaftli­ chen Arbeit ist auch, daß man dort so lange an einer Sache arbeiten ' kann, bis sie fertig ist. In der Politik gibt es immer Fristen, bis wann etwas entschieden oder ausgearbeitet sein muß. Politik kann gar nicht gut sein, weil man immer gejagt wird. An der Uni kann man sich mit Interview mit Renate Möhrmann 89 anderen zusammensetzen und darüber nathdenken, wie der Schluß eines Textes zu verstehen ist. Da knobelt man daran solange herum, wie man will. Und wenn man nicht fertig wird, dann knobelt man in der nächsten Sitzung weiter. So etwas gibt es sonst in keinem Beruf. FOCUS: Sie schreiben zur Zeit an einem Roman. Worum geht es darin, und wann wird er erscheinen? Möhrmann: Es geht um drei Schwestern, und es ist ein sehr harter Roman . Der Titel ist: "Wer lebt, stört." Da möchte ich Erfahrungen aus der Politik, aus dem Privaten und von Studenten einweben und mal ohne den Zwang von Fußnoten schreiben . Ich ~ähere mich dieser Art zu schreiben schon durch meine BiDgraphie über Ingrid Bergman, aber ich will nicht immer nur über die Sprache anderer Leute reden, sondern selbst einmal ausprobieren, ob ich eine spannende Geschich­ te erzählen kann. Das Erscheinungsdatum weiß ich noch nicht, weil noch eine Menge von Gastprofessuren und Aufgaben auf mich war­ ten. Ich hoffe, daß der Roman in etwa eineinhalb Jahren herauskommt. In der Regel brauche ich eineinhalb Jahre für ein Buch. FOCUS: H aben Sie vor, eine Autobiographie zu schreiben? Möhrmann: Nein, das können die Anderen machen . Ich müßte dann so radikal ehrlich sein, und es würden derartige Scheiterhaufen zum Vorschein kommen, das ist mir zu riskant. FOCUS: Uns ist aufgefallen, daß Sie häufig bei Frauennamen einen Artikel vor den Nachnamen setzen, wenn Sie sich auf Autorinnen oder Schauspielerinnen beziehen, wie z .B. die Duse, die Bergman, während einige Feministinnen dies ablehnen. Wie stehen Sie dazu? Möhrrnann: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Es war damals Usus, daß man die Duse "die Duse" nannte. Auch die Schreib­ weise mit dem großen "I," das sind in meinen Augen Marginalien. Da engagiere ich mich lieber woanders, für Wichtigeres. FOCUS: Haben Sie die Poetikvorlesungen von Marlene Streeruwitz verfolgt, die sie in den letzten zwei Jahren an den Universitäten in 90 91 Focus on Literatur Tubingen und Frankfurt gehalten hat? Was denken Sie damber? Mohrmann: Ich bin sehr gut mit Marlene Streeruwitz befreundet, und es hllt mir schwer, radikal zu sein. Aber ich bin der Meinung, daG die Vorlesungen nicht ihre Starke sind. Ihr Roman Verfuhrungen hin­ gegen, den ich auch besprochen habe, ist ein hervorragendes Werk. Alltagsbeschreibungen, die kann sie: direkt, intim, genau. Fur die hat sie die richtige Form gefunden. Die Poetikvorlesungen finde ich etwas aufgeblasen. Sie haben nicht die Prazision, die ihre literarische Prosa hat. Dabei meint Marlene, dill ihre Starke in diesen Vorlesungen lie­ ge. Ahnlich wie bei Heine, der immer glaubte, er musse ein Drama schreiben. Dabei war seine Starke die Lyrik. FOCUS: Sowohl Marlene Streeruwitz als auch Elfriede Jelinek schei­ nen einen dauernden Eindruck auf der Buhnenlandschaft in Deutsch­ land und Osterreich zu hinterlassen. Wie kommt es, daG deutsche und schweizerische Dramatikerinnen weniger sichtbar sind? Mohrmann: Da ist sicher auch Zufall mit im Spiel. Streeruwitz hat leider bisher kaum einen Eindruck in Osterreich hinterlassen. Sie wird dort wenig aufgefuhrt und teilweise auch geschnitten. Bei Jelinek ist das anders. DaG Streeruwitz in Deutschland aufgefuhrt v-curde, ist ge­ wiG auch eine Zufallsentscheidung gewesen, namlich die des Inten­ danten des Kolner Schauspielhauses, Peter Kramer. An der Jelinek dagegen kommt man nicht mehr vorbei, denn sie ist eine der wichtig­ sten Autorinnen der zweiten Halfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die muG man auffuhren. Streeruwitz hingegen ist nicht wieder nachge­ spielt worden. FOCUS: Sie haben 1999 schon wieder zwei neue Bucher auf den Markt gebracht. Das eine ist die zweite, uberarbeitete Auflage des feministi­ schen Standardwerks Frauen - Literatur - Geschichte, dessen Artikel­ breite die feministische Literaturwissenschaft in den letzten zehn Jah­ ren stark beeinfluGt hat, und das andere ist eine Biographie uber Ing­ rid Bergman und Roberto Rossellini. Konnen Sie uns etwas uber diese P roj ekte erzahlen? Mohrmann: Die Frauen - Literatur - Geschichte ist die uberarbeitete Interview mit Renate Mohrmann Auflage der ersten von 1985. Der Verlag Hat uns sehr gedrangt, eine zweite Auflage zu machen. Es hat sich in den letzten vierzehn Jahren enOrm viel getan. Frauen - Literatur - Geschzchte hat eine Fulle von neuen Themen gebracht, und es hat sich tiberdies herausgestellt, daG einige Genres fest in weiblicher Hand sind, wie z.B. der feministische Kriminalroman. Der ist von Frauen sehr stark weiterentwickelt wor­ den. Auch die Sparte Science Fiction und der utopische Roman sind sehr von Frauen gepragt. Ein vollig neuer Beitrag ist der von einer jungen Filmwissenschaftlerin, die tiber Frauen im Internet schreibt. Unsere jetzige Auflage ist durch neue Beitrage, neue Sichtweisen und neue Medien gekennzeichnet. Wir haben ebenfalls etwas tiber Perfor­ mance-Ktinstlerinnen aufgenommen, weil deren Wortcollagen und Bildcollagen eine Mischform zwischen Literatur und anderen Kun­ sten darstellen. Die Neuauflage war eine Auftragsarbeit, und es hat mir SpaG gemacht, wieder gemeinsam mit meiner Freundin Hiltrud Gntig zusammenzuarbeiten, auch wenn die Uberarbeitung mit sehr viel StreG verbunden war. Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht, in die besten Restaurants in Koln zu gehen und erst bei der Nachspei­ se uber die anfallenden Probleme zu sprechen. Das hat sich dann so eingespielt, daG wir oft im Restaurant saGen und unseren Arger, uber nicht eingehaltene Terminfristen z.B., so richtig eingefettet haben. Als das Buch erschienen war, gaben wir eine Party. Von den geladenen Gasten hat keiner etwas zu dem Buch gesagt. Das schone Abendessen wurde kommentiert, aber niemand auGerte sich zu dem Buch, das fur alle sichtbar auf dem Tisch lag. Das hat wohl mit der deutschen Trot­ teligkeit der Akademiker zu tun, damit, daG man bei uns nicht bereit ist, auch mal etwas zu loben. In Amerika hingegen wird viel mehr gelobt, teilweise auch zuviel. Aber grundsatzlich ist man hier eher bereit, gute Arbeit anzuerkennen. Zu dem anderen Buch laGt sich folgendes sagen: Ich habe vor einigen Jahren eine Paar-Biographie uber Tilla Durieux und Paul Cassirer geschrieben, was mir groGten SpaG gemacht hat. Die Heraus­ forderung dabei war, die Forschung und die Theorien tiber Schau­ spielkunst mit den Briefen der beiden zu verbinden. Mich hat daran interessiert, wie sich Forschungsergebnisse in eine Narration einbin­ den lassen. Wie erzahle ich eine Liebesgeschichte, die ich nicht miter­ lebt habe, und von der ich nichts weiG, auGer dem, was in den Briefen erzahlt wird? Wie kann ich anmhrend sein, ohne sentimental zu wer­ 90 Focus on Literatur Tubingen und Frankfurt gehalten hat? Was denken Sie damber? Mohrmann: Ich bin sehr gut mit Marlene Streeruwitz befreundet, und es hllt mir schwer, radikal zu sein. Aber ich bin der Meinung, daG die Vorlesungen nicht ihre Starke sind. Ihr Roman Verfuhrungen hin­ gegen, den ich auch besprochen habe, ist ein hervorragendes Werk. Alltagsbeschreibungen, die kann sie: direkt, intim, genau. Fur die hat sie die richtige Form gefunden. Die Poetikvorlesungen finde ich etwas aufgeblasen. Sie haben nicht die Prazision, die ihre literarische Prosa hat. Dabei meint Marlene, dill ihre Starke in diesen Vorlesungen lie­ ge. Ahnlich wie bei Heine, der immer glaubte, er musse ein Drama schreiben. Dabei war seine Starke die Lyrik. FOCUS: Sowohl Marlene Streeruwitz als auch Elfriede Jelinek schei­ nen einen dauernden Eindruck auf der Buhnenlandschaft in Deutsch­ land und Osterreich zu hinterlassen. Wie kommt es, daG deutsche und schweizerische Dramatikerinnen weniger sichtbar sind? Mohrmann: Da ist sicher auch Zufall mit im Spiel. Streeruwitz hat leider bisher kaum einen Eindruck in Osterreich hinterlassen. Sie wird dort wenig aufgefuhrt und teilweise auch geschnitten. Bei Jelinek ist das anders. DaG Streeruwitz in Deutschland aufgefuhrt v-curde, ist ge­ wiG auch eine Zufallsentscheidung gewesen, namlich die des Inten­ danten des Kolner Schauspielhauses, Peter Kramer. An der Jelinek dagegen kommt man nicht mehr vorbei, denn sie ist eine der wichtig­ sten Autorinnen der zweiten Halfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die muG man auffuhren. Streeruwitz hingegen ist nicht wieder nachge­ spielt worden. FOCUS: Sie haben 1999 schon wieder zwei neue Bucher auf den Markt gebracht. Das eine ist die zweite, uberarbeitete Auflage des feministi­ schen Standardwerks Frauen - Literatur - Geschichte, dessen Artikel­ breite die feministische Literaturwissenschaft in den letzten zehn Jah­ ren stark beeinfluGt hat, und das andere ist eine Biographie uber Ing­ rid Bergman und Roberto Rossellini. Konnen Sie uns etwas uber diese P roj ekte erzahlen? Mohrmann: Die Frauen - Literatur - Geschichte ist die uberarbeitete Interview mit Renate Mohrmann 91 Auflage der ersten von 1985. Der Verlag Hat uns sehr gedrangt, eine zweite Auflage zu machen. Es hat sich in den letzten vierzehn Jahren enOrm viel getan. Frauen - Literatur - Geschzchte hat eine Fulle von neuen Themen gebracht, und es hat sich tiberdies herausgestellt, daG einige Genres fest in weiblicher Hand sind, wie z.B. der feministische Kriminalroman. Der ist von Frauen sehr stark weiterentwickelt wor­ den. Auch die Sparte Science Fiction und der utopische Roman sind sehr von Frauen gepragt. Ein vollig neuer Beitrag ist der von einer jungen Filmwissenschaftlerin, die tiber Frauen im Internet schreibt. Unsere jetzige Auflage ist durch neue Beitrage, neue Sichtweisen und neue Medien gekennzeichnet. Wir haben ebenfalls etwas tiber Perfor­ mance-Ktinstlerinnen aufgenommen, weil deren Wortcollagen und Bildcollagen eine Mischform zwischen Literatur und anderen Kun­ sten darstellen. Die Neuauflage war eine Auftragsarbeit, und es hat mir SpaG gemacht, wieder gemeinsam mit meiner Freundin Hiltrud Gntig zusammenzuarbeiten, auch wenn die Uberarbeitung mit sehr viel StreG verbunden war. Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht, in die besten Restaurants in Koln zu gehen und erst bei der Nachspei­ se uber die anfallenden Probleme zu sprechen. Das hat sich dann so eingespielt, daG wir oft im Restaurant saGen und unseren Araer uber b , nicht eingehaltene Terminfristen z.B., so richtig eingefettet haben. Als das Buch erschienen war, gaben wir eine Party. Von den geladenen Gasten hat keiner etwas zu dem Buch gesagt. Das schone Abendessen wurde kommentiert, aber niemand auGerte sich zu dem Buch das fur alle sichtbar auf dem Tisch lag. Das hat wohl mit der deutsch~n Trot­ teligkeit der Akademiker zu tun, damit, daG man bei uns nicht bereit ist, auch mal etwas zu loben. In Amerika hingegen wird viel mehr gelobt, teilweise auch zuviel. Aber grundsatzlich ist man hier eher bereit, gute Arbeit anzuerkennen. Zu dem anderen Buch laGt sich folgendes sagen: Ich habe vor einigen Jahren eine Paar-Biographie uber Tilla Durieux und Paul Cassirer geschrieben, was mir groGten SpaG gemacht hat. Die Heraus­ forderung dabei war, die Forschung und die Theorien tiber Schau­ spielkunst mit den Briefen der beiden zu verbinden. Mich hat daran interessiert, wie sich Forschungsergebnisse in eine Narration einbin­ den lassen. Wie erzahle ich eine Liebesgeschichte, die ich nicht miter­ lebt habe, und von der ich nichts weiG, auGer dem, was in den Briefen erzahlt wird? Wie kann ich anmhrend sein, ohne sentimental zu wer- 90 Focus on Literatur Tübingen und Frankfurt gehalten hat? Was denken Sie darüber? Möhrmann: Ich bin sehr gut mit Marlene Streeruwitz befreundet, und es fällt mir schwer, radikal zu sein. Aber ich bin der Meinung, daß die Vorlesungen nicht ihre Stärke sind. Ihr Roman Verführungen hin­ gegen, den ich auch besprochen habe, ist ein hervorragendes Werk. Alltagsbeschreibungen, die kann sie: direkt, intim, genau. Für die hat sie die richtige Form gefunden. Die Poetikvorlesungen finde ich etwas aufgeblasen. Sie haben nicht die Präzision, die ihre literarische Prosa hat. Dabei meint Marlene, daß ihre Stärke in diesen Vorlesungen lie­ ge. Ähnlich wie bei Heine, der immer glaubte, er müsse ein Drama schreiben. Dabei war seine Stärke die Lyrik. FOCUS: Sowohl Marlene Streeruwitz als auch Elfriede Jelinek schei­ nen einen dauernden Eindruck auf der Bühnenlandschaft in Deutsch­ land und Österreich zu hinterlassen. Wie kommt es, daß deutsche und schweizerische Dramatikerinnen weniger sichtbar sind? Möhrmann: Da ist sicher auch Zufall mit im Spiel. Streeruwitz hat leider bisher kaum einen Eindruck in Österreich hinterlassen. Sie wird dort wenig aufgeführt und teilweise auch geschnitten. Bei Jelinek ist das anders. Daß Streeruwitz in Deutschland aufgeführt \\curde, ist ge­ wiß auch eine Zufallsentscheidung gewesen, nämlich die des Inten­ danten des Kölner Schauspielhauses, Peter Krämer. An der Jelinek dagegen kommt man nicht mehr vorbei, denn sie ist eine der wichtig­ sten Autorinnen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die muß man aufführen. Streeruwitz hingegen ist nicht wieder nachge­ spielt worden. FOCUS: Sie haben 1999 schon wieder zwei neue Bücher auf den Markt gebracht. Das eine ist die zweite, überarbeitete Auflage des feministi­ schen Standardwerks Frauen - Literatur - Geschichte, dessen Artikel­ breite die feministische Literaturwissenschaft in den letzten zehn Jah­ ren stark beeinflußt hat, und das andere ist eine Biographie über Ing­ rid Bergman und Roberto Rossellini. Können Sie uns etwas über diese P roj ekte erzählen? Möhrmann: Die Frauen - Literatur - Geschichte ist die überarbeitete Interview mit Renate Möhrmann 91 Auflage der ersten von 1985. Der Verlag Hat uns sehr gedrängt, eine zweite Auflage zu machen. Es hat sich in den letzten vierzehn Jahren enOrm viel getan. Frauen - Literatur - Geschzchte hat eine Fülle von neuen Themen gebracht, und es hat sich überdies herausgestellt, daß einige Genres fest in weiblicher Hand sind, wie z.B. der feministische Kriminalroman. Der ist von Frauen sehr stark weiterentwickelt wor­ den. Auch die Sparte Science Fiction und der utopische Roman sind sehr von Frauen geprägt. Ein völlig neuer Beitrag ist der von einer jungen FilmwissenschaftIerin, die über Frauen im Internet schreibt. Unsere jetzige Auflage ist durch neue Beiträge, neue Sichtweisen und neue Medien gekennzeichnet. Wir haben ebenfalls etwas über Perfor­ mance-Künstlerinnen aufgenommen, weil deren Wortcollagen und Bildcollagen eine Mischform zwischen Literatur und anderen Kün­ sten darstellen. Die Neuauflage war eine Auftragsarbeit, und es hat mir Spaß gemacht, wieder gemeinsam mit meiner Freundin Hiltrud Gnüg zusammenzuarbeiten, auch wenn die Überarbeitung mit sehr viel Streß verbunden war. Wir haben es uns zur Gewohnheit gemacht, in die besten Restaurants in Köln zu gehen und erst bei der Nachspei­ se über die anfallenden Probleme zu sprechen. Das hat sich dann so eingespielt, daß wir oft im Restaurant saßen und unseren Äraer über b , nicht eingehaltene Terminfristen z.B., so richtig eingefettet haben. Als das Buch erschienen war, gaben wir eine Party. Von den geladenen Gästen hat keiner etwas zu dem Buch gesagt. Das schöne Abendessen wurde kommentiert, aber niemand äußerte sich zu dem Buch das für alle sichtbar auf dem Tisch lag. Das hat wohl mit der deutsch~n Trot­ teligkeit der Akademiker zu tun, damit, daß man bei uns nicht bereit ist, auch mal etwas zu loben. In Amerika hingegen wird viel mehr gelobt, teilweise auch zuviel. Aber grundsätzlich ist man hier eher bereit, gute Arbeit anzuerkennen. Zu dem anderen Buch läßt sich folgendes sagen: Ich habe vor einigen Jahren eine Paar-Biographie über Tilla Durieux und Paul Cassirer geschrieben, was mir größten Spaß gemacht hat. Die Heraus­ forderung dabei war, die Forschung und die Theorien über Schau­ spielkunst mit den Briefen der beiden zu verbinden. Mich hat daran interessiert, wie sich Forschungsergebnisse in eine Narration einbin­ den lassen. Wie erzähle ich eine Liebesgeschichte, die ich nicht miter­ lebt habe, und von der ich nichts weiß, außer dem, was in den Briefen erzählt wird? Wie kann ich anrührend sein, ohne sentimental zu wer- 92 93 Focus on Literatur den? Diese Geschichte spiel! im Theaterbereich, und nun wollte ich das auch einmal fur die Filmgeschichre machen. Mir fiel das Paar Bergman und Rossellini auf, und es interessiene mich, eine Liebesge­ schichre zwischen zwei Kinodiskursen zu erzahlen: Hollywood-Kino und europaisches Kunstkino. Wie passen die zusammen? Ich wollte diese Alliance zwischen zwei Systemen erarbeiten. Es ging auch dar­ urn zu sehen, wie der filmwissenschaftliche Aspekt durch das Medi­ um zweier Menschen zu sehen ist. AuBerdem ist es die Gleichwenig­ keit der beiden Panner, die mich interessien. Der Verlag hat mich gebeten, eine ahnliche Paar-Biographie uber die Duse und den D'Annuzio zu schreiben. Die Frau ist aber so ausgebeutet worden, und den D'Annunzio kann ich nicht leiden. Das ist eine Geschichte zum Weinen. Die Duse war eine Frau, die in den Fangen des Machos D'Annunzio hing. Er hat offentlich geschrieben, daB er mit ihr ge­ schlafen hat, weil es ihn angeregt hat, daB sie viele Exzentrikerinnen und femmes fatales gespielt hat und er so das Gefuhl hatte, auch mit denen zu schlafen. So eine Geschichte mochte ich nicht erzahlen. Durieux und Cassirer hingegen waren Panner. Bei Bergman und Rossellini war das genauso. FOCUS: Uns ist bei der Paar-Biographie Tilla Durieux und Paul Cassirer aufgefallen, daB Sie im Buch auch einen theatergeschichtlichen Hintergrund liefern. Mohrmann: Mein Ziel war es, die Personen aus dem histo rischen Kontext zu entwickeln und auch Theaterwissen zu vermiueln. Bisher hat man nur sehr wenig uber Schauspielerinnen nachgedacht. Wie ist das, wenn eine Frau eine Hosenrolle spielt? Hat die Schauspielerin nur dann Erfolg, wenn sie durch das Beu des Agenten geht? Man weiB bisher nur sehr wenig uber diesen Beruf, bis auf das, was in den Medi­ en zu lesen ist. Es hat mich gereizt zu zeigen, wie Berlin Theater­ Metropole wurde und zu versuchen, auf eine populare An Wissen weiterzugeben. Ich bin ja schlieBlich auch Lehrerin. Es war mein Ziel darzustellen, wie der Kunsthandler Cassirer gelebt und gearbeitet haL Wie wurde Kunst vermittelt? Was gab es? Und wie entwickelte sich die Freundschaft mit Wedekind? Wie sah der damalige Burgerschreck aus, der auf der Machoebene genauso war wie die Mehrzahl der deut­ schen Familienvater. Interview mit Renate Mohrmann .j FOCUS: Zur Zeit arbeiten Sie an einem Projekt mit der Filmemache­ rin Juna Bruckner. Haben Sie vor, das Projekt Bergman-Rossellini mit ihr weiterzuentwickeln? Mohrmann: Mich interessien, warum die Rossellini-Filme mit der Bergman alle Flops waren. Die Filmgeschichte behandelt diese Filme eher marginal und uberdies als mi.Glungen. Es gibt ein paar franzosi­ sche Film-Freaks, die sie gut finden. kh wollte mir aber selber ein U rteil bilden und sehen, was hinter dies en Filmen stehL Ich habe dar­ uber als Gastprofessorin verschiedene Semi·nare. gemacht, sowohl in Wien, in Deutschland als auch in den USA. Sind die Filme wirklich so langweilig, oder was steht dahinter? Ich habe dann herausgefunden, daB diese Filme das kommerzielle "mainstream" Kinobedurfnis nicht befriedigen konnen. Teilweise sind die Filme nicht einmal gut gemacht. Aber die Frage bleibt: wie sind sie zu lesen? Vergegenwanigen wir uns: Die Filme stammen aus den 50er Jahren . Sie nehmen Erzahl­ weisen, wie das elliptische Erzahlen der nouvelle vague voraus. Es sind sehr personliche Filme, und Rossellini hat versucht, ein Hollywood­ Star-Gesicht, das jeder damals kanme, in den neorealistischen Kontext einzubenen. In Stromboli sieht man zum ersten Mal, wie die Bergman heult und ihr Gesicht ganz verschmiert iSL Sonst war ihre Trane im­ mer eine Kunsttrane. Sie weime perfekt, nur eine einzige Trane, die wie in Casablanca langsam, fast wie mit der Pinzette gezogen, die Wange herunterrollt. Rossellini hingegen versucht, die authentische Trane zu zeigen, die verschmien ist und das Gesicht entstellt. Das Publikum . aber wollte die Bergman unverschmiert. Leider hat er es dann doch nicht geschafft zu zeigen, daB dies sein Ziel ist. Man hat bei seinen Filmen das Gefuhl, die Bergman weint standig. Man kann seine Filme nicht generell, sondern nur punktuell interpretieren. Das ist so ahn­ lich wie bei vielen Dramen. Sie kennen ja auch Bell Hooks, die sagt, es . gibt verschiedene Texte in Dramen. So ist es auch bei Rossellinis Fil­ men, in denen einige sehr interessante, aber auch viele peinliche Stel­ len emhalten sind. Am Ende werden alle Probleme dadurch gelost, daB ein Wunder geschieht oder Gott auftrin oder plotzlich die Maria erscheint. Es gibt aber auch andere Szenen, in den en gezeigt wird, daB die Bergman auch nur eine ganz gewohnliche Frau der Mittelklasse ist, wie in Angst z.B. Man kann seine Filme nicht eindeutig beurteilen. 92 Focus on Literatur den? Diese Geschichte spiel! im Theaterbereich, und nun wollte ich das auch einmal fur die Filmgeschichte machen , Mir fiel das Paar Bergman und Rossellini auf, und es interessierte mich, eine Liebesge­ schichte zwischen zwei Kinodiskursen zu erzahlen: Hollywood-Kino und europaisches Kunstkino. Wie passen die zusammen? Ich wollte diese Alliance zwischen zwei Systemen erarbeiten. Es ging auch dar­ urn zu sehen, wie der filmwissenschaftliche Aspekt durch das Medi­ um zweier Menschen zu sehen ist. AuBerdem ist es die Gleichwertig­ keit der beiden Partner, die mich interessiert. Der Verlag hat mich gebeten, eine ahnliche Paar-Biographie uber die Duse und den D' Annuzio zu schreiben. Die Frau ist aber so ausgebeutet worden, und den D'Annunzio kann ich nicht leiden. Das ist eine Geschichte zum Weinen, Die Duse war eine Frau, die in den Fangen des Machos D'Annunzio hing. Er hat effentlich geschrieben, daiS er mit ihr ge­ schlafen hat, weil es ihn angeregt hat, daB sie viele Exzentrikerinnen und femmes fatalesgespielt hat und er so das Gefuhl hatte, auch mit denen zu schlafen. So eine Geschichte mochte ich nicht erzahlen. Durieux und Cassirer hingegen waren Partner. Bei Bergman und Rossellini war das genauso. FOCUS: Uns ist bei der Paar-Biographie Tilla Durieux und Paul Cassirer aufgefallen, daB Sie im Buch auch einen theatergeschichtlichen Hintergrund liefern. Mohrmann: Mein Ziel war es, die Personen aus dem historischen Kontext zu entwickeln und auch Theaterwissen zu vermitteln. Bisher hat man nur sehr wenig uber Schauspielerinnen nachgedacht. Wie ist das, wenn eine Frau eine Hosenrolle spielt? Hat die Schauspielerin nur dann Erfolg, wenn sie durch das Bett des Agenten geht? Man weiB bisher nur sehr wenig uber diesen Beruf, bis auf das, was in den Medi­ en zu lesen ist. Es hat mieh gereizt zu zeigen, wie Berlin Theater­ Metropole wurde und zu versuchen, auf eine populare Art \Xfissen weiterzugeben. Ich bin ja sehlieBlich auch Lehrerin. Es war mein Ziel darzustellen, wie der Kunsthandler Cassirer gelebt und gearbeitet hat. Wie wurde Kunst vermittelt? Was gab es? Und wie entwickelte sich die Freundschaft mit Wedekind? Wie sah der damalige Burgerschreck aus, der auf der Machoebene genauso war wie die Mehrzahl der deut­ schen Familienvater. Interview mit Renate Mohrmann 93 ,; FOCUS: Zur Zeit arbeiten Sie an einem Projekt mit der Filmemache­ rin Juna Bruckner. Haben Sie vor, das Projekt Bergman-Rossellini mit ihr weiterzuentwickeln? Mohrmann: Mich interessiert, warum die Rossellini-Filme mit der Bergman alle Flops waren. Die Filmgesehiehte behandelt diese Filme eher marginal und uberdies als mimungen. Es gibt ein paar franzosi­ sehe Film-Freaks, die sie gut finden . kh wollte mir aber selber ein Urteil bilden und sehen, was hinter dies en Filmen stehl. Ich habe dar­ uber als Gastprofessorin versehiedene Semi'nare. gemacht, sowohl in Wien, in Deutschland als auch in den USA. Sind die Filme wirklich so langweilig, oder was steht dahinter? Ich habe dann herausgefunden, daB diese Filme das kommerzielle "mainstream" Kinobedurfnis nicht befriedigen kennen. Teilweise sind die Filme nicht einmal gut gemachl. Aber die Frage bleibt: wie sind sie zu lesen? Vergegenwartigen wir uns: Die Filme stammen aus den 50er Jahren, Sie nehmen Erzahl­ weisen, wie das elliptisehe Erzahlen der nouvelle vague voraus. Es sind sehr personliche Filme, und Rossellini hat versuchl, ein Hollywood­ Star-Gesicht, das jeder damals kannte, in den neorealistischen Kontext einzubenen. In Stromboli sieht man zum ersten Mal, wie die Bergman heult und ihr Gesicht ganz verschmiert isl. Sonst war ihre Trane im­ mer eine Kunsttrane. Sie weinte perfekt, nur eine einzige Trane, die wie in Casablanca langsam, fast wie mit der Pinzeue gezogen, die Wange herunterrollt. Rossellini hingegen versucht, die authentische Trane zu zeigen, die verschmiert ist und das Gesicht entstellt. Das Publikum . aber wollte die Bergman unverschmiert. Leider hat er es dann doeh nicht geschafft zu zeigen, daB dies sein Zie1 ist. Man hat bei seinen Filmen das Gefuhl, die Bergman weint standig. Man kann seine Filme nicht generell, sondern nur punktuell interpretieren. Das ist so ahn­ lieh wie bei vielen Dramen. Sie kennen ja auch Bell Hooks, die sagt, es , gibt verschiedene Texte in Dramen. So ist es auch bei Rossellinis Fil­ men, in denen einige sehr interessante, aber auch viele peinliche Stel­ len enthalten sind. Am Ende werden alle Probleme dadurch aelost b , daB ein Wunder geschieht oder Gott auftrin oder plotzlich die Maria erscheint. Es gibt aber auch andere Szenen in denen o-ezeigt wird daB , '" , die Bergman auch nur eine ganz gewohnliehe Frau der Minelklasse ist, wie in Angst z.B. Man kann seine Filme nieht eindeutig beurteilen. 92 Focus on Literatur den? Diese Geschichte spielt im Theaterbereich, und nun wollte ich das auch einmal für die Filmgeschichte machen , Mir fiel das Paar Bergman und Rossellini auf, und es interessierte mich, eine Liebesge­ schichte zwischen zwei Kinodiskursen zu erzählen: Hollywood-Kino und europäisches Kunstkino. Wie passen die zusammen? Ich wollte diese Alliance zwischen zwei Systemen erarbeiten. Es ging auch dar­ um zu sehen, wie der filmwissenschaftliehe Aspekt durch das Medi­ um zweier Menschen zu sehen ist. Außerdem ist es die Gleichwertig­ keit der beiden Partner, die mich interessiert. Der Verlag hat mich gebeten, eine ähnliche Paar-Biographie über die Duse und den D' Annuzio zu schreiben. Die Frau ist aber so ausgebeutet worden, und den D'Annunzio kann ich nicht leiden. Das ist eine Geschichte zum Weinen, Die Duse war eine Frau, die in den Fängen des Machos D'Annunzio hing. Er hat öffentlich geschrieben, daß er mit ihr ge­ schlafen hat, weil es ihn angeregt hat, daß sie viele Exzentrikerinnen und femmes fatales gespielt hat und er so das Gefühl hatte, auch mit denen zu schlafen. So eine Geschichte möchte ich nicht erzählen. Durieux und Cassirer hingegen waren Partner. Bei Bergman und Rossellini war das genauso. FOCUS: Uns ist bei der Paar-Biographie Tilla Durieux und Paul Cassirer aufgefallen, daß Sie im Buch auch einen theatergeschichtlichen Hintergrund liefern. Möhnnann: Mein Ziel war es, die Personen aus dem historischen Kontext zu entwickeln und auch Theaterwissen zu vermitteln. Bisher hat man nur sehr wenig über Schauspielerinnen nachgedacht. Wie ist das, wenn eine Frau eine Hosenrolle spielt? Hat die Schauspielerin nur dann Erfolg, wenn sie durch das Bett des Agenten geht? Man weiß bisher nur sehr wenig über diesen Beruf, bis auf das, was in den Medi­ en zu lesen ist. Es hat mich gereizt zu zeigen, wie Berlin Theater­ Metropole wurde und zu versuchen, auf eine populäre Art \Xfissen weiterzugeben. Ich bin ja schließlich auch Lehrerin. Es war mein Ziel darzustellen, wie der Kunsthändler Cassirer gelebt und gearbeitet hat. Wie wurde Kunst vermittelt? Was gab es? Und wie entwickelte sich die Freundschaft mit Wedekind? Wie sah der damalige Bürgerschreck aus, der auf der Machoebene genauso war wie die Mehrzahl der deut­ schen Familienväter. Interview mit Renate Möhrmann 93 ,; FOCUS: Zur Zeit arbeiten Sie an einem Projekt mit der Filmemache­ rin Jutta Brückner. Haben Sie vor, das Projekt Bergman-Rossellini mit ihr weiterzuentwickeln? Möhrmann: Mich interessiert, warum die Rossellini-Filme mit der Bergman alle Flops waren. Die Filmgeschichte behandelt diese Filme eher marginal und überdies als mißlungen. Es gibt ein paar französi­ sche Film-Freaks, die sie gut finden . kh wollte mir aber selber ein Urteil bilden und sehen, was hinter diesen Filmen steht. Ich habe dar­ über als Gastprofessorin verschiedene Semi'nare. gemacht, sowohl in Wien, in Deutschland als auch in den USA. Sind die Filme wirklich so langweilig, oder was steht dahinter? Ich habe dann herausgefunden, daß diese Filme das kommerzielle "mainstream" Kinobedürfnis nicht befriedigen können. Teilweise sind die Filme nicht einmal gut gemacht. Aber die Frage bleibt: wie sind sie zu lesen? Vergegenwärtigen wir uns: Die Filme stammen aus den 50er Jahren, Sie nehmen Erzahl­ weisen, wie das elliptische Erzahlen der nouvelle vague voraus. Es sind sehr persönliche Filme, und Rossellini hat versucht, ein Hollywood­ Star-Gesicht, das jeder damals kannte, in den neo realistischen Kontext einzubetten. In Stromboli sieht man zum ersten Mal, wie die Bergman heult und ihr Gesicht ganz verschmiert ist. Sonst war ihre Träne im­ mer eine Kunstträne. Sie weinte perfekt, nur eine einzige Träne, die wie in Casablanca langsam, fast wie mit der Pinzette gezogen, die Wange herunterrollt. Rossellini hingegen versucht, die authentische Träne zu zeigen, die verschmiert ist und das Gesicht entstellt. Das Publikum ' aber wollte die Bergman unverschmiert_ Leider hat er es dann doch nicht geschafft zu zeigen, daß dies sein Ziel ist. Man hat bei seinen Filmen das Gefühl, die Bergman weint ständig. Man kann seine Filme nicht generell, sondern nur punktuell interpretieren. Das ist so ähn­ lich wie bei vielen Dramen. Sie kennen ja auch Bell Hooks, die sagt, es , gibt verschiedene Texte in Dramen. So ist es auch bei Rossellinis Fil­ men, in denen einige sehr interessante, aber auch viele peinliche Stel­ len enthalten sind. Am Ende werden alle Probleme dadurch o-elöst b , daß ein Wunder geschieht oder Gott auftritt oder plötzlich die Maria erscheint. Es gibt aber auch andere Szenen in denen o-ezeigt wird daß , '" , die Bergman auch nur eine ganz gewöhnliche Frau der Mittelklasse ist, wie in Angst z.B. Man kann seine Filme nicht eindeutig beurteilen. 94 Focus on Literatur Da die Zuschauer aber meistens eindeutige Urteile wollen, namlich ob es ein guter oder schlechter Film ist, fallt er durch dieses Maschen­ netz hindurch. FOCUS: Was passiert denn in der Zusammenarbeit mit Frau Bruckner? Mohrmann: Es ist mein Wunsch gewesen, uber die Bergman-Rossellini Beziehung einen Film zu machen. Da ich in vielen Filmgremien sitze, habe ich mal nachgefragt, ob ich uberhaupt eine Chance hatte, Gelder zu bekommen. Das ist schliel3lich die Voraussetzung. Ich wurde in meinen Planen ermutigt, und man fand den Stoff spannend. Dann wurde mir vorgeschlagen, daB ich den Film doch seiber machen solIe. Ich harte ja schon so viel Verschiedenes gemacht, warum nicht auch diesen Film. Das war gewiB Freundlich gemeint, kam aber nicht in F rage. Filmemachen ist ein so komplizierter Beruf. Ich wi.iBte gar nicht, wie ich ein Filmteam aufstellen sollte, wie die Finanzierung planen und was sonst noch alles. Ich habe dann zugesagt, das Drehbuch zu schreiben und mit einer Filmemacherin meiner Wahl zu arbeiten. ]ut­ ta Bruckner ist dann darauf angesprungen wie die Katze auf den fri­ schen Fisch, so daB wir jetzt zusammenarbeiten. Wir befinden uns noch in der ersten Phase der Beschaffung der Gelder. Es wird ein 2,5 Millionen Mark Projekt. Wir mochten nicht, wie es in Amerika ge­ macht wiirde, daB die Bergman durch eine Schauspielerin und Rossellini durch einen Schauspieler dargestellt wird. Wir wollen einen Film ma­ chen, in dem ihre Tochter Isabella Rossellini die beiden spielt. Die Eltem haben eine Synthese aus europaischem Kunstkino und Holly­ wood gewollt. Sie haben alles auf eine Karte gesetzt, und das ging schief. Sie haben aber dennoch eine Synthese in der Tochter Isabella geschaf­ fen. Der Sohn ist Immobilienmakler und Playboy in Cannes, die zweite Tochter ist Professorin fur Geschichte in Kalifomien, und Isabella war funfzehn Jahre lang Modell bei Lancome. Sie hat damit sehr viel Geld verdient. Sie hat aber auch als Schauspielerin gearbeitet und interes­ sante Filme wie Blue Velvet gemacht, aber immer nur sporadisch. Sie verkorpert die Seiten beider Eltemteile. Isabella sieht beiden sehr ahn­ lich und hat die Phantasie des Vaters und den praktischen, kommerzi­ ellen Sinn ihrer Mutter geerbt. Sie hat gem bei Lancome gearbeitet, obwohl ihr Vater dagegen war. Er meinte: "Du solltest mal lemen, dein Geld auf vemunftige Art und Weise zu verdienen, " wahrend ihre Interview mit Renate Mohrmann 9S Mutter der Auffassung war: "Eine Frau bnn nie genug Geld haben, man weiB schliel3lich nicht, was kommt." Momentan sind wir dabei, Isabella Rossellini fur unser Projekt zu gewinnen. Es geht dabei urn die Stargage, aber weiter sind wir noch nicht. FOCUS: Haben Sie denn schon vorher Drehbucher geschrieben? Mohrmann: ]a, und ich habe auch schon zwei Filme gemacht, einen davon uber die Neuberin furs ZDF. Ich probiere gem verschiedene Sachen aus, denn man sieht mehr, wenn man es selber macht. FOCUS: Gibt es noch andere Projekte, die Sie fur die Zukunft pla­ nen? Mohrmann: ]a, da sind einmal der Roman und der Film, und dann mochte ich geme noch ein wissenschaftliches Buch schreiben. Dabei solI es urn den Theaterskandal gehen und die Frage, was im 18. ]ahr­ hundert skandaltrachtig war, und was heute ein Skandal ist. Gibt es heute uberhaupt noch einen Theaterskandal? Mit der Debane urn FaBbinders Der Tad, der MiilL und die Stadt soll es dann enden. AuBer­ dem plane ich mit meiner F reundin Alice Schwarzer eine Konferenz uber Simone de Beauvoir. Wir wollen der Frage nachgehen, was Simo­ ne de Beauvoir heute noch bedeutet. Es gibt in Frankreich einen Streit zwischen den Egalitaristinnen und den Differenzialistinnen. Viele Leute lehnen Simone de Beauvoir mit der Begrundung ab, sie habe den pa­ triarchalischen Diskurs weitergewebt. Wir sind nicht dieser Meinung, denn unserer Ansicht nach hat sie grundsatzliche F ragen gestellt, die nicht veraltet sind. Man kann sie nicht einfach so zum alten Eisen werfen. DaB sich die feministische Forschung weiterentwickelt, ist ganz klar. Aber sie hat einen entscheidenden Grundstein gelegt. Es ist schon etwas besonderes, dill sie 1948 Das andere Geschlecht geschrieben hat. Ich finde es nicht richtig, daB Frauen, nur weil sie afro-amerikanische Frauen oder andere weibliche ethnische Minderheiten nicht mit be~ rucksichtigt hat, de Beauvoir vorwerfen, was sie alles vergessen hat. Die Idee von der Schwarzer war auch, daB wir Judith Butler einladen, damit unterschiedliche Positionen vertreten sind. Wir laden auch die Girlies ein, also ganz junge Frauen, die in Rockbands sind, und wollen denen etwas von Simone de Beauvoir vorlesen. Es geht uns darum, 94 Focus on Literatur Da die Zuschauer aber meistens eindeutige Urteile wollen, namlich ob es ein guter oder schlechter Film ist, hllt er durch dieses Maschen­ netz hindurch. FOCUS: Was passiert denn in der Zusammenarbeit mit Frau Bruckner? Mohrmann: Es ist mein Wunsch gewesen, uber die Bergman-Rossellini Beziehung einen Film zu machen. Da ich in vielen Filmgremien sitze, habe ich mal nachgefragt, ob ich uberhaupt eine Chance hatte, Gelder zu bekommen. Das ist schliel3lich die Voraussetzung. Ich wurde in me in en Planen ermutigt, und man fand den Stoff spannend. Dann -w-urde mir vorgeschlagen, daB ich den Film doch seIber machen solle. Ich harte ja schon so viel Verschiedenes gemacht, warum nicht auch diesen Film. Das war gewiB Freundlich gemeint, kam aber nicht in F rage. Filmemachen ist ein so komplizierter Beruf. Ich wi.iBte gar nicht, wie ich ein Filmteam aufstellen sollte, wie die Finanzierung planen und was sonst noch alles. Ich habe dann zugesagt, das Drehbuch zu schreiben und mit einer Filmemacherin meiner Wahl zu arbeiten. Jut­ ta Bruckner ist dann darauf angesprungen wie die Katze auf den fri­ schen Fisch, so daB wir jetzt zusammenarbeiten. Wir befinden uns noch in der ersten Phase der Beschaffung der Gelder. Es wird ein 2,5 Millionen Mark Projekt. Wir mochten nicht, wie es in Amerika ge­ macht wi.irde, daB die Bergman durch eine Schauspielerin und Rossellini durch einen Schauspieler dargestellt wird. Wir wollen einen Film ma­ chen, in dem ihre Tochter Isabella Rossellini die beiden spielt. Die Eltern haben eine Synthese aus europaischem Kunstkino und Holly­ wood gewollt. Sie haben alles auf eine Karte gesetzt, und das ging schief. Sie haben aber dennoch eine Synthese in der Tochter Isabella geschaf­ fen. Der Sohn ist Immobilienmakler und Playboy in Cannes, die zweite Tochter ist Professorin fur Geschichte in Kalifornien, und Isabella war funfzehn Jahre lang Modell bei Lancome. Sie hat damit sehr viel Geld verdient. Sie hat aber auch als Schauspielerin gearbeitet und interes­ sante Filme wie Blue Velvet gemacht, aber immer nur sporadisch. Sie verkorpert die Seiten beider Elternteile. Isabella sieht beiden sehr ahn­ lich und hat die Phantasie des Vaters und den praktischen, kommerzi­ ellen Sinn ihrer Mutter geerbt. Sie hat gem bei Lancome gearbeitet , obwohl ihr Vater dagegen war. Er meinte: "Du solltest mal lemen, dein Geld auf vemunftige Art und Weise zu verdienen," wahrend ihre Interview mit Renate Mohrmann 9S Mutter der Auffassung war: "Eine Frau bnn nie genug Geld haben, man weiB schliel3lich nicht, was kommt." Momentan sind wir dabei, Isabella Rossellini fur unser Projekt zu gewinnen. Es geht dabei urn die Stargage, aber weiter sind wir noch nicht. FO CUS: Haben Sie denn schon vorher Drehbucher geschrieben? Mohrmann: Ja, und ich habe auch schon zwei Filme gemacht, einen davon uber die Neuberin furs ZDF. Ich probiere gem verschiedene Sachen aus, denn man sieht mehr, wenn man es seIber macht. FOCUS: Gibe es noch andere Projekte, die Sie fur die Zukunft pla­ nen? Mohrmann: Ja, da sind einmal der Roman und der Film, und dann mochte ich geme noch ein wissenschaftliches Buch schreiben. Dabei so11 es urn den Theaterskandal gehen und die Frage, was im 18. Jahr­ hundert skandaltrachtig war, und was heute ein Skandal ist. Gibt es heute uberhaupt noch einen Theaterskandal? Mit der Debatte urn FaBbinders Der Tad, der MitLL und die Stadt solI es dann enden. AuBer­ dem plane ich mit meiner F reundin Alice Schwarzer eine Konferenz uber Simone de Beauvoir. Wir wollen der Frage nachgehen, was Simo­ ne de Beauvoir heme noch bedeutet. Es gibt in Frankreich einen Streit zwischen den Egalitaristinnen und den Differenzialistinnen. Viele Leute lehnen Simone de Beauvoir mit der Begriindung ab, sie habe den pa­ triarchalischen Diskurs weitergewebt. Wir sind nicht dieser Meinuna b' denn unserer Ansicht nach hat sie grundsatzliche F ragen gestellt, die nicht veraltet sind. Man kann sie nicht einfach so zum alten Eisen werfen. Dm sich die feministische Forschung weiterentwickelt, ist ganz klar. Aber sie hat einen entscheidenden Grundstein gelegt. Es ist schon etwas besonderes, dm sie 1948 Das andere Geschlecht geschrieben hat. Ich finde es nicht richtig, daB Frauen, nur weil sie afro-amerikanische Frauen oder andere weibliche ethnische Minderheiten nicht mit be­ rucksichtigt hat, de Beauvoir vorwerfen, was sie alles vergessen hat. Die Idee von der Schwarzer war auch, daB wir Judith Butler einladen, damit unterschiedliche Positionen vertreten sind. Wir laden auch die Girlies ein, also ganz junge Frauen, die in Rockbands sind, und wollen denen etwas von Simone de Beauvoir vorlesen. Es geht uns darum, 94 Focus on Literatur Da die Zuschauer aber meistens eindeutige Urteile wollen, nämlich ob es ein guter oder schlechter Film ist, fällt er durch dieses Maschen­ netz hindurch. FOCUS: Was passiert denn in der Zusammenarbeit mit Frau Brückner? Möhrmann: Es ist mein Wunsch gewesen, über die Bergman-Rossellini Beziehung einen Film zu machen. Da ich in vielen Filmgremien sitze, habe ich mal nachgefragt, ob ich überhaupt eine Chance hätte, Gelder zu bekommen. Das ist schließlich die Voraussetzung. Ich wurde in meinen Plänen ermutigt, und man fand den Stoff spannend. Dann -wurde mir vorgeschlagen, daß ich den Film doch selber machen solle. Ich hätte ja schon so viel Verschiedenes gemacht, warum nicht auch diesen Film. Das war gewiß freundlich gemeint, kam aber nicht in Frage. Filmemachen ist ein so komplizierter Beruf. Ich wüßte gar nicht, wie ich ein Filmteam aufstellen sollte, wie die Finanzierung planen und was sonst noch alles. Ich habe dann zugesagt, das Drehbuch zu schreiben und mit einer Filmemacherin meiner Wahl zu arbeiten. Jut­ ta Brückner ist dann darauf angesprungen wie die Katze auf den fri­ schen Fisch, so daß wir jetzt zusammenarbeiten. Wir befinden uns noch in der ersten Phase der Beschaffung der Gelder. Es wird ein 2,5 Millionen Mark Projekt. Wir möchten nicht, wie es in Amerika ge­ macht würde, daß die Bergman durch eine Schauspielerin und Rossellini durch einen Schauspieler dargestellt wird. Wir wollen einen Film ma­ chen, in dem ihre Tochter Isabella Rossellini die bei den spielt. Die Eltern haben eine Synthese aus europäischem Kunstkino und Holly­ wood gewollt. Sie haben alles auf eine Karte gesetzt, und das ging schief. Sie haben aber dennoch eine Synthese in der Tochter Isabella geschaf­ fen. Der Sohn ist Immobilienmakler und Playboy in Cannes, die zweite Tochter ist Professorin für Geschichte in Kalifornien, und Isabella war fünfzehn Jahre lang Modell bei Lancome. Sie hat damit sehr viel Geld verdient. Sie hat aber auch als Schauspielerin gearbeitet und interes­ sante Filme wie Blue Velvet gemacht, aber immer nur sporadisch . Sie verkörpert die Seiten beider Elternteile. Isabella sieht beiden sehr ähn­ lich und hat die Phantasie des Vaters und den praktischen, kommerzi­ ellen Sinn ihrer Mutter geerbt. Sie hat gern bei Lancome gearbeitet, obwohl ihr Vater dagegen war. Er meinte: "Du solltest mal lernen, dein Geld auf vernünftige Art und Weise zu verdienen," während ihre Interview mit Renate Möhrmann 9S Mutter der Auffassung war: "Eine Frau kann nie genug Geld haben, man weiß schließlich nicht, was kommt." Momentan sind wir dabei, Isabella Rossellini für unser Projekt zu gewinnen. Es geht dabei um die Stargage, aber weiter sind wi r noch nicht. FOCUS: Haben Sie denn schon vorher Drehbücher geschrieben? Möhrmann: Ja , und ich habe auch schon zwei Filme gemacht, einen davon über die Neuberin fürs ZDF. Ich probiere gern verschiedene Sachen aus, denn man sieht mehr, wenn man es selber macht. FOCUS: Gibr es noch andere Projekte, die Sie für die Zukunft pla­ nen? Möhrmann: Ja, da sind einmal der Roman und der Film, und dann möchte ich gerne noch ein wissenschaftliches Buch schreiben. Dabei soll es um den Theaterskandal gehen und die Frage, was im 18. Jahr­ hundert skandalträchtig war, und was heute ein Skandal ist. Gibt es heUle überhaupt noch einen Theaterskandal? Mit der Debatte um Faßbinders Der Tod, der MüLL und die Stadt soll es dann enden. Außer­ dem plane ich mit meiner Freundin Alice Schwarzer eine Konferenz über Simone de Beauvoir. Wir wollen der Frage nachgehen, was Simo­ ne de Beauvoir heute noch bedeutet. Es gibt in Frankreich einen Streit zwischen den Egalitaristinnen und den Differenzialistinnen. Viele LeUle lehnen Simone de Beauvoir mit der Begründung ab, sie habe den pa­ triarchalischen Diskurs weitergewebt. Wir sind nicht dieser Meinuna 0' denn unserer Ansicht nach hat sie grundsätzliche Fragen gestellt, die nicht veraltet sind. Man kann sie nicht einfach so zum alten Eisen werfen. Daß sich die feministische Forschung weiterentwickelt, ist ganz klar. Aber sie hat einen entscheidenden Grundstein gelegt. Es ist schon etwas besonderes, daß sie 1948 Das andere Geschlecht geschrieben hat. Ich finde es nicht richtig, daß Frauen, nur weil sie afro-amerikanische F rauen oder andere weibliche ethnische Minderheiten nicht mit be­ rücksichtigt hat, de Beauvoir vorwerfen, was sie alles vergessen hat. Die Idee von der Schwarzer war auch, daß wir Judith Butler einladen, damit unterschiedliche Positionen vertreten sind. Wir laden auch die Girlies ein, also ganz junge Frauen, die in Rockbands sind, und wollen denen etwas von Simone de Beauvoir vorlesen. Es geht uns darum, 96 Focus on Literatur einen Dialog zu entwickeln und zu horen, was die jungen Frauen von heute denken. Schwarzer wird die Girlie-Runde moderieren und ich die Politikerinnen-Runde. Wir werden die SuGmuth und von jeder Partei eine hihrende Frau einladen, darunter auch die neue Familien­ ministerin Fischer von den Gronen, mit der wir sehr auf KriegsfuG stehen, weil sie die neue Abtreibungspille in Deutschland verbieten will. AuGer diesen beiden Runden wird dann Marlene Streeruwitz noch eine Textmontage zwischen Simone de Beauvoir und Sartre schreiben, die dort aufgehihrt werden soll. FOCUS: Wie kommen Sie auf diese Ideen, und wie machen Sie es mit der Durchhihrung? Mohrmann: Das schwierigste ist, die Leute bei der Stange zu halten. Denn viele sagen erst einmal voller Begeisterung "ja," denn noch ist ja alles unverbindlich. Ich habe mit der Schwarzer von hier aus Cincin­ nati alle zwei Tage ein Fax ausgetauscht. Die Planung ist langwierig, aber die Arbeit lohnt sich. Der Empfang mit hinfzig Leuten findet bei mir in der Wohnung stan. Dazu gehort schon viel Vorbereitung. Ich werde kochen und lade eine Sangerin ein, die alte existentialistische Lieder aus den 50er ]ahren singt. Das bezahle ich, und das ist dann mein Beitrag. Die Konferenz als solche wird aber von anderer Seite finanziert. Wie man an Gelder hir Konferenzen und andere Veranstal­ tungen herankommt, habe ich in der Politik gelernt. Denn Gelder sind immer noch da, man muG es nur richtig anstellen, urn daranzu­ kommen. Man muG so eine Veranstaltung breit anlegen und interna­ tional einladen. Zu dieser Konferenz kommen drei Gaste aus den USA, hinf aus Sudamerika, eine aus Algerien, Madame ]ospin kommt, und alles solllive ubertragen werden. FOCUS: Vielen Dank fur dieses interessante Gesprach. Mohrmann: Ich danke Ihnen. 97 ..I 96 Focus on Literatur einen Dialog zu entwickeln und zu horen, was die jungen Frauen von heute denken. Schwarzer wird die Girlie-Runde moderieren und ich die Politikerinnen-Runde. Wir werden die SuGmuth und von jeder Partei eine hihrende Frau einladen, darunter auch die neue Familien­ ministerin Fischer von den Gronen, mit der wir sehr auf KriegsfuG stehen, weil sie die neue Abtreibungspille in Deutschland verbieten will. AuGer diesen beiden Runden wird dann Marlene Streeruwitz noch eine Textmontage zwischen Simone de Beauvoir und Sartre schreiben, die dort aufgehihrt werden soll. FOCUS: Wie kommen Sie auf diese Ideen, und wie mach en Sie es mit der Durchhihrung? Mohrmann: Das schwierigste ist, die Leute bei der Stange zu halten. Denn viele sagen erst einmal voller Begeisterung "ja," denn noch ist ja alles unverbindlich. Ich habe mit der Schwarzer von hier aus Cincin­ nati alle zwei Tage ein Fax ausgetauscht. Die Planung ist langwierig, aber die Arbeit lohnt sich. Der Empfang mit hinfzig Leuten findet bei mir in der Wohnung stan. Dazu gehort schon viel Vorbereitung. Ich werde kochen und lade eine Sangerin ein, die alte existentialistische Lieder aus den 50er ]ahren singt. Das bezahle ich, und das ist dann mein Beitrag. Die Konferenz als solche wird aber von anderer Seite finanziert. Wie man an Gelder hir Konferenzen und andere Veranstal­ tungen herankommt, habe ich in der Politik gelernt. Denn Gelder sind immer noch da, man muG es nur richtig anstellen, urn daranzu­ kommen. Man muG so eine Veranstaltung breit anlegen und interna­ tional einladen. Zu dieser Konferenz kommen drei Gaste aus den USA, hinf aus Sudamerika, eine aus Algerien, Madame ]ospin kommt, und alles solllive ubertragen werden. FOCUS: Vielen Dank fur dieses interessante Gesprach. Mohrmann: Ich danke Ihnen. 97 96 Focus on Literatur einen Dialog zu entwickeln und zu hören, was die jungen Frauen von heute denken. Schwarzer wird die Girlie-Runde moderieren und ich die Politikerinnen-Runde. Wir werden die Süßmuth und von jeder Partei eine führende Frau einladen, darunter auch die neue Familien­ ministerin Fischer von den Grünen, mit der wir sehr auf Kriegsfuß stehen, weil sie die neue Abtreibungspille in Deutschland verbieten will. Außer diesen beiden Runden wird dann Marlene Streeruwitz noch eine Textmontage zwischen Simone de Beauvoir und Sartre schreiben, die dort aufgeführt werden soll. FOCUS: Wie kommen Sie auf diese Ideen, und wie machen Sie es mit der Durchführung? Möhrmann: Das schwierigste ist, die Leute bei der Stange zu halten. Denn viele sagen erst einmal voller Begeisterung "ja," denn noch ist ja alles unverbindlich. Ich habe mit der Schwarzer von hier aus Cincin­ nati alle zwei Tage ein Fax ausgetauscht. Die Planung ist langwierig, aber die Arbeit lohnt sich. Der Empfang mit fünfzig Leuten findet bei mir in der Wohnung stau. Dazu gehört schon viel Vorbereitung. Ich werde kochen und lade eine Sängerin ein, die alte existentialistische Lieder aus den 50er Jahren singt. Das bezahle ich, und das ist dann mein Beitrag. Die Konferenz als solche wird aber von anderer Seite finanziert. Wie man an Gelder für Konferenzen und andere Veranstal­ tungen herankommt, habe ich in der Politik gelernt. Denn Gelder sind immer noch da, man muß es nur richtig anstellen, um daranzu­ kommen. Man muß so eine Veranstaltung breit anlegen und interna­ tional einladen. Zu dieser Konferenz kommen drei Gäste aus den USA, fünf aus Südamerika, eine aus Algerien, Madame Jospin kommt, und alles soll live übertragen werden. FOCUS: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch. Möhrmann: Ich danke Ihnen. 97