Focus Spring 1995.tif Spieglein, Spieglein an der Wand Wedekinds Lulu: Femme fatale par excellence? Heike Hofmann 11 ulu ist eine der interessantesten Frauenfiguren im deutschsp ra~ ehigen D mma der Jahrhundertwende. Sie ist die vom Mann ge­ schaffene Kunsrfigu r par excellence. deren paradoxer Auhrag es ist, die "Urgestalt des Weibes" darzustellen (Wedeki nd 3: 10). Sie ist ein Paradigma "inszenien er Weiblichkeit,"1 da sie nicht nur ein Konstrukt ih res männlichen AutOrs ist, sondern auf der Bühne selbst von ih ren männl ichen Gegenspielern immer wieder neu konstruiert wird. Ziel dieser Arbeit ist nun eine U ntersuchung der Darstellung der Lulu in Frank Wedekinds Erdgeist und Die Büchse der Pandora . Zu Begin n steht dabei die Frage. ob Lulu nur eine Projektio n männlicher Phanta­ sien, oder aber eine eigenständige, individuelle Pe rson ist. Meine T hese ist, daß sie zwar die ih r zugewiesenen Rollen spielt. aber daß sie auch ih rerseits mit diesen Rollen spielt. Gerade durch eine Übererfüllung der an sie gestellten Erwartun gen negien sie d ie auf sie projizierten Phantasien. Lu lus N arziß mus verweist auf Wedekinds Ko nstruktion der Frau als Schauspiel und Ware. als SlUmmes. den män nlichen Blick ei nla­ dendes O bjekt sexue ller Begierde. Dies wiederum läßt Rückschlüsse auf Wedekinds Einsl ellung zur Frau im allgemeine n und zur Emanzi­ pation der Frau im Besonderen zu. O ffensichtl ich betrachtet Wedekind die Frau ausschließlich als Sexual wesen. Sein Modell idealer Weiblich­ keit kann als arti fizieJle Natü rlichkeit umschrieben werden. Lulus Dar­ stellung als Femme fatale sc hließ lich um faßt das Spannungsfe ld zwischen Eros und Machl , in dem die Lulu-Stücke angesiedelt ~i nd. Als dämonische Verfü hrerin wird sie letztendl ich du rch das se lbe Sys­ tem ze rstört, deren Instrument sie ist. Fo(.uson Liuratur Vol. 2, No. 1 (1995) 2 FoCl/S on Literatur Lulu: eine Projektion männlicher Phantasien? Erster, offensichtlicher Beleg dafür, daß es sich bei Lulu um eine Projek­ tion mä nnlicher Phantasien handelt, ist ihre ständige Umbenennung durch ihre jewei ligen Ehemänner. A lle Männer des Stückes haben ein Bi.ld, das sie LuJu wie eine Maske überstülpen, und dann be nennen sie das fertige "Produkt," ih ren "Besitz, n nach ihrem Geschmac k. Jeder macht sich ein anderes Bildnis von ihr und gibt ihr demem sprechend einen anderen Namen. Ih r selbst wird keinerlei Substanz zugebilligt. Jeder sucht und fi ndet in ihr, was er will oder braucht. Fü r den Medizi­ nalr'at D r. Goll ist sie di e Ki nd frau Nelli, deren Körper er dressiert und als O bjekt der Lust ab richtet . Fürden jungen Kunstmaler SchwarL: ist Lulu die Verführerin und Muse Eva.1 Er liebt nicht die Person Lulu, sondern seine allgemeine Vorstellung von der idealen Weiblich­ keit. Der Maler ist von seiner Frau, deren reale Existenz er negiert und durch bloße romantische Liebesillusion ersetzt, sowohl finanziell als auch künstlerisch völl ig abhängig. Für den reichen Zeimngsverleger Dr. Schön und dessen Sohn Alwa schließlich ist Lulu die Kunstfigur Mignon.} Sie st ilisieren Lulu zum Inbegri ff eines sinnlichen und künst· lerischen Wesens. So unterschiedlich diese auf Lulu projizierten Phancasien perfekter Weiblichkeit auch sind, keiner der Liebhaber und Ehemänner gesteht ihr eine eigenständ ige Identität zu. Alle nehmen sie in Lulu lediglich die Spiegelbilder ihrer eigenen Weiblichkeitsvorstell ungen wahr, ihrer eigen en Wahrnehmungen und Projektionen. Und alle hoffen, durch den Vorgang des Benennens Macht über Lulu zu erlangen und sie als ihre n Besitz zu etablieren. Elizabeth Boa hat auf d ie Ähnlichkeit zu Märchen hingewiesen, in denen der Vorgang des Benennens auch Macht verleiht; Rumpelsti lzchen ist wohl das bekannteste Beispiel (60). Daß diese Macht jedoch nur eine scheinbare ist, wird spätestens bei dem T od der Ehemänner klar. Die Männer sind wie Lulu selbst Opfe r des Systems von Eros und Gewalt. Sie glauben Lulu zu bes itzen und be­ sitzen doch nur die Illusion, die sie von ihr haben . Dies ist nicht nur eine Bestätigung der rein imaginitiven Substanz Lulus, sondern hiermit wird auch die Fixierung der bürgerlichen Gesellschah auf bloßes Besitz­ denken und Wahrung des äuße ren Scheins entlarvt. Lulu ist die Hauptfigur des Stückes, aber die meiste Zeit über wi rkt sie recht passiv. Dem entspricht ihre Ei nführung als Bild in di e H and­ lung des Dramas: sie iSt ein stummes, den männlichen Blick einladendes Wedekinds Lulu: Femme fatale par excellence? 3 O bjekt. Der passive C ha rakter dieses ersten ... Auhr! ns" vo n Lulu wird noch verstärkt durch das Assoziationen an ellle Manonette erweckende Pierrot-Kostüm, das sie trägt. Lulu denkt nicht, sondern handelt i ,~­ slinkliv, ih ren T rieben gehorchend-wie die Männerdes Stück.es übn­ gens auch. Sie ist ei n Sex-Symbol in einer amo ralischen Weh, Ihr Sex- Appeal ist ih re einzige Yalson-d'etre. . _ . . Lulus C harakter erscheint chamäleongielch, sie paßt sich an Jede neue Situation ohne größere Probleme an. Ihre erste Rea~rion nach einer Katastrophe, spri ch nach dem von ihr zumindest . mll-ve:SC~~I I ­ delen T od ihrer Ehemä nner, ist das Wechseln ih re r Kleider. D ies laßt sie als O berfläche ohne Substanz erscheinen, verstärkt durch ihre mehr­ fach ausgedriickte Liebe zu Kostümen sowie ihre~ Exhib.itionismus und Narzißmus. Die T atsache, daß nicht bekannt Ist , wer Ihre Eltern sind unterstreicht ihr Auftreten als bloße Projektio n männlicher Phan­ tasi: n: Lulu wurde nicht geboren, sondern gemacht. Sie ist der Mythos dessen was die männlichen Figuren in ihr sehen- und da sämtliche Männ~rdes Stückes nur an ih r als Sexualwesen interessiert sind, perfek­ tioniert sie d iese Rolle. Lutus Spiel mit den Rollen W ie ich im let:l.len Abschnitt. dargelegt habe, erscheint Lulu als Verkör­ pe rung männlicher Weibl ich keit smY1:h: I~ : Sie ist : in. Konstrukt cl:r Wedekindschen Idee von der Substanual1t3l des Welbhchen, oder, wie Bovenschen es fo rmuliel1 , eine "T rigerfigur hir verschiedene Weiblich­ keitseinschätzun ge n" (48). Ich denke jedoch , daß ihre Rolle ~arii~e r hinausgeht. Sie spielt zwar die ihr zugewiesenen Rollen, aber Sie sple~ l auch mit ihnen. So w ird Lulu einerseits zum Mythos desse n, was d lt:: männlichen Figuren in ihr sehen, andererseits ist sie konstruiert als eine Gestalt die diese Bilder immer wiederzerstö l1 . Um zu überleben , läßt sie sich' in den Besitz von Männern zwingen, gegen die sie sich dann in verhängnisvoller Weise zu behaupten sucht. D ie v ie lle j~hl egalitärste Beziehun g finden wir zwisc::.hen i1~ r und Or. S~h~n . Belde sind einander verfalle n, und Lulu bezeichnet ihn als den elllzigen, den sie je geliebt habe (3: 95). Zuerst scheint die Macht au f ~eile ll Scl~ öns zu liegen, der sie zwi ngt , Goll und später Schwarz zu heiraten . ~leseS Verhältnis kehrt sich jedoch im Laufe des Stiickes um. Lulu seUl Ih ren W unsch , Schön zu heiraten, gege n dessen W illen durch . Damit übe~­ schreitet sie d ie ihr von Schön auferlegte Defini tion ihrer Rolle. D ie 4 Focus on LiteralIIr ideale Geliebte, der Schön verfallen war und mit der er Lulus jeweilige Ehemänner betrogen hat, wird als sei ne Ehefrau notwendig zur nun ihn betrügenden Gattin. . L~lus Spie~ mit den auf sie projizienen WeibljchkeitsVorstellungen hegt Jedoch meht nur in einem eigenständigen Handeln gegen die Rollene~anung, wie :un Beispiel Schön demonStriert, so ndern auch in einer Ubererfüllung der an sie gestellren Erwarrungen. Die Männer reduzieren sie in ih ren Projektio nen auf ein reines Sexualwesen; konse­ quemerweise wird sie zum männerverschlingenden. triebbesessenen Vamp. Dies zeigt sehroffensichdich, daß die männlichen Weiblichkeits­ phantasien nicht nur glücksverheißend, sondern auch bedrohlich für ~en Mann sind. Da ihr als Frau keine Humanität zugestanden wird, ISt Lulu selbst beim Anblick ihrer toten Ehemänner keiner humanen Gefühle fäh ig. Sie ve rkö rpert die ihr zugedachten Rollen so absolut, daß die Adaptation der männlichen Projektionen in deren Negation umschlägt. D ie Fr au als Sch ausp iel und W are Die von Lulu wohl am häufigsten geäußenen Fragen lauten "Wie sehe ich aus?H und "Wie findest du mich?" Sie ist n icht nur eitel und ex hibi­ ti~n.istisch, sondern auch narzißtisch. Gail Finney hat dalduf hinge­ wiesen, daß Lulus Exhibitionismus und NarLißmus grund legend für ihre weibliche Funktion als Bild visuell er Perfektion sind: "Lulu's exhi­ bitionist fascination with dress and sty le is crucia1 {O her feminine funcuon as an image of visual perfection, inviting the male gazeH (90). I~mer wieder sieht man sie vor einer spiegelnden Oberfläche posiert, sich .selbst bewundernd. Im vierten Aufzug des Erdgeist äußert sie sogar. "Als ich mich im Spiegel sah, hätte ich ein Mann sein wollen ... mein Ma_lln" (3: 88). Nach Freud ist Narzißmus die Bezeichnung jenes Verha1tens, bei welchem ein Individuum den eigenen Leib in ähnlicher Weise behandelt wie sonst ein Sexualobjekt (138). Katzen, große Tiere und Frauen sind für ihn di e narzißtischen Wesen par excellence. Ihr mangelndes Selbst­ bild kehrt sich in sein Gegemeil um, in Selbstliebe. Dies trifft sicherlich auf Lulu zu. Im Rahmen der Lulu-Stücke ist Lulus Nanißmus grund­ legend für die Rolle, für die sie erzogen wurde und die sie laut Wedeki nd als Frau zu spielen hat: ein den männlichen Blick einladendes Bild Schauspiel und Ware. Jud ith K.egan Gardiner hat darau f hingewiesen: Wedekinds Lulu: Femme fatale par excellence? 5 daß in Film , Literatur und Leben Frauen daran gew~hnt si.nd,. sich selbst als Objekt, als Gesehen-werdende zu sehen: "ln film , aS.1I1 hlem­ ture and life, warnen ar e accuslomed to seeing themselves b~lOg seen, to valuing themselves according to other's evaluations of lhel( appear· anee" (128). . . Von Anfang an ist Lulus Konstnlktion als Schauspiel , als Objekt des männlichen Blicks 2uch mit ihrem Wen als Ware verbunden. Noch in ihrer frühesten Jugend wird Lulu von Schigolsch in das Gewer~e der Prostitution eingeführt. Hiermit sind die G nlodlagen geleg~ fur die Rolle die sie auch weiterhin spielen wird. Besonders während Ihres sozialen Abstiegs in Die Biichseder Pmldora ko.mmt.dieser Aspek~, die Frau als Ware immer deull icher zum Vorschein. Die o ffene Z uhah er­ moral hat das ~omanti sche Liebesideal ersetzt. Doch schon im zweiten Akt des Erdgeist, wenn Dr. Schön dem Ma1er Schwarz vo~ Lulus l!n­ treue berichtet, erin nert er ihn zugleich daran, daß er mit Lulu eine halbe Mill ion geheiratet habe. Diese Aussage wird sogar meh rf~ch wiederholt (3: 48-49). Offensichtlich existiert die F~u für W.edekll1d und die von ihm geschaffenen männlichen Figuren mein an Sich, son­ dern kann nur als Schauspiel und/oder Ware wahrgenommen werden. Art ifiziell e N atü rli chkeit : Wedekinds Modell id eale r Weiblichkeit? Laut Wedekind ist es Lulus Aunldg, die "Urge51alt des Weibes" darzu­ stellen. Der T ierbändiger des Prologs erinnert sie damn, daß sie "natiir· lich" und nicht "gekünstelt" sprechen solle (3: 9). Dies wird vom A l~tor in seinen Aufsätzen wiederholt: "Selbstverständlichkeit, Ursprüngbch­ keit Kindlichkeit hatte n mir bei der Zeichnung der weiblichen Haupt­ [iguJr als maßgebliche Begriffe vorgesc~we~t" ~9: 440). L~ l u soll ein Gegenbild zur domestizierten Ehefrau sem, sie Wird gegen die Vergesell­ scha ftung der Frau in bürgerlicher Zeit gestellt . Oe. "'Gebrauchst~pus der Hausfrau" (Bovenschen 55) wird von Wedekind .als "H austiere, die so wohlgesittet fühlen" (3: 8) verspottet. Durch ~lfle Darstellung der Lulu kritisiert und negiert er die repressive bürgerliche Sexualmoral seiner Zeit. Lulu ist jedoch nicht Ausdruck einer ersten Natur, sondern sie verkörpen eine über Kunstfenigkeit und Training wiedergewon­ nene Natürlichkeit. Das Motiv der ErLiehung zur "Nalürl ichkeit" taucht in den We~e­ kindschen Arbeiten immer wieder auf. Bereits in dem 1895 ersclHe­ ne nen Romanfragment Mine Haha oder Über die körperliche Erzielmng 6 FoClts on Literatur der junge? Mädche~ beschreibt Wedekind ein E~iehungsprogramm, das auf dl~ Em~nZJpati on des Körpers zielt. Alles Geistige, jedes auf ErkenntniS genchtete Streben wird bei der Ausbildung der Mädchen beWußt vernachlässigt. Erziehung soll "Veredlung" sein mit den Mineln des Tanzes, der Artistik, der Körperbeherrschung. Ziel dieses Pro­ gramms ist eine artifizielle Natürlichkeit, angestrebt wird das fdeal einer animalisch-natürlichen Bewegungsschänheit. Versagen wird mir körperlicher Züchtigung bestraft. Dieses Erziehungsmodell erinnen seh r an Dr. GoUs Dressurakt. Er bildet L~lu mit der Peitsche zur Tänzerin heran. Eine andere offen­ sichtliche Ahnlichkeit findet sich am Ende der Büchse der Pandom: Wie das ~esen der M~dchen in Mine Haha angeblich am Gang zu er­ kennen sei, so beurteilt der Lustmörder Jack the Ripper Lulu nach d~r Art, ,;ie sie geht. Auch Lulus Ausbildung ist eine rein körperliche. SIe h~t kemerlei geistige oder intellektuelle Bildung, und nad1 Meinung der sie umgebenden Männer soll sie auch keine solche bekommen. D~~se Einstellung scheint nicht nur für die männlichen Figuren im S~uc~., s?nd~rn auch fürden Autor selbst typisch zu sein. Bestes Beispiel hIerfür ISt dIe Darstellung der Gräfin Geschwitz. Sie wird sowohl als L.esb~eri? wie auch in ihrem St reben nach Bildung verhöh nt. Sie ist ~]e emz]ge selbstlose Person im Stück, die einzige, die Lu!u wirklich bebt und sich ihr bedingungslos h ingibt. Trotz ihrer gesel1sch aftlichen Stellung als Aris[Qkrarin steht sie außerhaJb der Gesellschaft. Sowohl ihre L iebe zu Lulu wie auch ihr Ausruf am Ende des Stückes, daß sie hir Frauenrechte kämpfen und Jurisprudenz studieren müsse, wird absolut lächerlich gemacht (3: 192). Dies ist bezeichnend für Wedekinds Einstellung Zur Frauenbewe_ gung der Jahrhundenwende. Er kämpfte Zwar für die sexuelle Freiheit ~er Fr~u \solange.diese sich in Bezug auf den Mann defin iert-die Mög­ bchkelt emer gbchgesch !echtlichen Liebe schließt Wedekind gnmd­ sätzlich als "unnatürlich" aus), aber er haßte die Frauenbewegung, die er. als eine "Vereinig.ung. frigider Weiber" bezeichnete (prokap 190). Die sexuelle EmanZipation konnte den Frauen aus offensich rlichen Gründen eher zugestanden werden als die geistige und bemAiche. Ex ku rs: D ie Femme fatale Die Femme fatale, auch "dämonische Verfüh rerin" oder "belle dame saus merci" genannt, ist so alt wie die Literatur selbst. Ihr Motto lautet: I I Wedekinds Lulu: Femme fa tale par excellence? 7 "Wenn du mich liebst, bist du erledigt." Sie repräsem iert eine ambiva­ lenr besetzte Sexualität, mit der das Weibliche gl~ich~ese~zt wurde und oft immer noch wird. Wie kaum eine andere F]gur ISt dIe Femm~ fatale aufV isual isierung angewiesen. Die In terdepende~z von Malerei und Literatur ist für sie von besonderer Bedeutung-el~ As.pek~ , ~er in Bezug auf die Darstellung der Lulu durc~la~l s :00 Wu;:htlgkelt Ist. Carola H i!mes entwirft fo lgenden "Steckbnef dIeses Phantoms: Die Fernme fatale lockt, verspricht und entzieht sich. Zurück b~eibt ein toter Mann. Im Spannungsfeld von E~os u.nd Macht ?edeJilen Wollust und Grausamkeit, entstehen bluuge ß]lder de~ L]e~e. Die Fernme fatale fasziniert du rch ihre Schönheit undd~s]n Ihr l]e~ende Versprechen auf Glück, einen \'('unsch nach lel?enschafliECher Liebe. Gleichzeitig wird sie jedoc? auc~ als bedroh!Jch emp.~unden. [ ... } Die Fernrne fatale reprä~entJe.~t dIe per.manel~~.e ~erfuhrung, die ebensosehr gewünscht wie gefurchtet wIrd. (XIII.X]V) Bez.eichnend für die Femme fatale ist die ih r inhärente. Ambivale~z. Sie hat Macht über die ihr verfallenen Männer, aber d ,~se Mach t Ist auf den Bereich der Eroti k und Sexualität begrenzt. Ell1e genauere Untersuchu ng der Geschichte der Femme fatale in der .nachr?man­ t ischen Literatur zeigt zudem, daß selbst diese Macht nur ell1~ gehehene ist. Am Ende des Dramas oder Ro mans wird die "dämolllscl.le Ver­ rührerin" für die ih r unrerschobene Wollust und Grausamke]t abge­ urteilt, wodurch die alten patriarchalischen Machtverh äl~n i sse wieder hergestellt we rden (H ilmes xiv). Die F~I~l1e fala1~ markiert zv:ar das An dere der Vernunft, damit sprengt sIe Jedoch n Icht den pal n archa­ lischen Disku rs sondern bleibt ihm immer noch verhaftet. T rotz der ihr innewohn e'nd en Macht über Män ner konstitu iert sie sich im Kontext einer allgem einen Frauenfei ndschaft un~ Sexualu~~erd~k­ kun g. Die dämonisc he Verfüh rerin entp~ ppt. sIch als mannh~~e Wu nschphantasie, in der die Angst vo r der sll1n lJchen F rau denunZia­ torisch gegen sie gewendet wird (Hilmes 159). Lulus Darstellung a ls Femme fatale Lu lu ist eine der bekanntesten Neuprägungen des Motivs der "dän~o­ nischen Verführerin ." H ilmes Steckbrief der Femme fatale ersGheLnl als eine nahezu exakte Beschreibung Lulus. Sie repräsentiert den Eros­ HOrsl Glaser nennt sie gar eine Allegorie der Lust (170), ~arc Muyl ae~ eine "Incarnation de l'Eros" (222)-aber sie repräsentiert auch d]( 8 FoClts on Literatur Gewalt. Sämtliche ih re r Ehemänner sterben einen gewaltsamen T od: Goll erleidet einen H erzinfarkt, als er sie mit Schwarz sieht, Schwarz vetiibt Selbstmord, und Schön schließlich wird von ihr erschossen. Eros erweist sich als untrennbar mit der Gewalt verbunden, oder, wie Muylaert es formuliert: "par Lu!u, Eros s'affirme camme un die" de­ structeur" (221-222). Bezeichnenderweise geht die Gewalt jedoch nicht nur von ihr aus, sondern kehn sich besonders in Die Büchse der Pandora auch gegen sie. Lulu wird durch das sclbe System von Eros und Gewalt zerstört, deren InSlrument sie ist. Nun sind es nicht mehr die Männer, die Lul" verfall en, sondern sie verfä llt ihnen. Lulll erweist sich als eine wahre Fernme fatale: so fatal, wie sie für ihre Ehemänner war, ist sie schließlich auch fü r sich selbst. Das Ende der Doppeltragödie, der an Lulu verübte Lustmord, wurde oh im Sinne einer Warnung interpretiert: D as hem­ mungslose Weib wird mit dem Tode bestraft. Hans Mayer hat auf den ambiva1enten C harakter dieser "Warnliteratur" hingewiesen: "'Man liest sie erschreckt und entzückt" (135). Doch sogar der Lustmord ist kein Abschluß des Zirkels von Lust und Gewalt. Er ist gleichzeitig die Vernichtung der Lust und dessen radikalste Realisierung. Wenn auch die Personen sterben, das Prinzip wird fortgeführt und bestäti gt sich immer wieder aufs Neue. Absch ließende Bemerkungen Wedekind entwirh mit Lulu e ine Figur, die in ihrer ungebändigten, doch künstlichen Natürlichkeit ein Gegenbild zur dom estizierten Hausfrau darstellen solL Das in ihr realisierte Bi1d der Femme fata le ist gleichzeitig eine Wunsch- und Angstphantasie des Autors. Lulu spiegel t die Weiblichkeitsvorstellungen sowohl ihrer männli chen Gegenspieler wie auch des Autors, der sie erschaffen hat, wieder. Sie verkörpert die auf sie projizierte imaginierte Weiblichkeit. Niemand nimmt sie als autonomes Subjekt wahr, sie ist immer als Schauspiel und Ware konstruiert, in veränderlicher Gewichtung. Die Frau selbst ist an dieser Bildproduktion nicht beteiligt. sie kann lediglich bestim­ men, in wie weit sie die an sie gestellten Rollenerwartungen erfüllt. Lulu spielt die ihr zugewiesenen Rollen-aber sie spielt auch mit ihnen. Gerade die Ühererfüllung der auf sie proj izierten Rollenerwartung erweist sich als deren Negation. aJs Gefahr für die Männer. Im Spiegel Wedekinds Lulu: Femme fatale par exceJlence? 9 der Kunstfigur Lulu wird das Weibliche ausgelegt und letztlich aufge· löst. Das muß notwendigerweise tödlich enden. Uwversiry 0/ Califomia, Da'UlS Anmerkungen I Ich verwende diesen Begriff in Anlehnung an und im Sinne von Silvia Bovenschen, Die imaginurte lYIeibbchkelt. . .. : Der Name Eva steht im allgemeinen für die Frau schlechthm und laßt sich kaum von Gedanken an die Erbsü nde trennen. . . .. ) Oie bekannteste Kunstfigur mit dem Namen Mignon fmdet SIch natur­ lich in Goet hes \'(I,lhelm Meister. In diesem Werk ist Migno~ eine rätSel ~lafte Zwitterfigur, die wegen ihrer aussichtslosen Liebe für Wllhelm zu einem tragischen Ende komm!. . ' . 4 Dieses Motiv finden wir schon In Lessmgs EmdUJ Ga/Ot/!: auch hier ist die als Bild eingefühne Hauptfigu r Opfer män nlicher Intrigen. S Ausspruch von GO