Focus Spring 1995.tif 10 Focus on Literatur McCombs, Nancy. Earch Spmt, Viel/rn 01' Whore? Thc Proslwue In German LiteratffTe 1880-1925. New York: Petel' Lang, 1986. Muylaert, Mare. L 'Image de la !ennne dan! !'oellvre de Frank Wedekind. Stuttgan: Hans-Dieter Heinz Akademischer Verlag, 1985. Prokop, Ulrike. ~Elemenle der Moderne. Bilder des Weiblichen bei St rind­ berg und Weclekind." Phams r. Kem Funke mehr, kem SteY71 aus [ruh'rer Welt. Frank Wedekind. Texte, fnteruiews. Stl/dien. Hg. E!ke Austermühl el ~L Darmstadt: Verlag der Georg Büchner Buchhandlung, 1989. Sknne, Pe[er. Haltptmann, Wedekmd and SchnitzleI'. Landon: Macmillan In~ . Wedekind, Frank. Gesammelte ~Verke. 9 Bände. München: Georg Müller, 1912-21. Grenzenlos und lustvoll. Über das Politische und das Private III Gabriele Stötzer-Kacholds Lyrik in Zeiten der Wende ThomasJung l'iI ekan nt geworden ist Gabriele Stötzer-Kachold 1989 mit der Ver­ l!.I öffentlichung ihres ersten Buches zügellos beim Ost-Berliner Aufbau Verlag. Im selhen Jahr war auf lniti ative von Gerhard Wolf in diesem Verlag eine neue Buch-Reihe gegründet worden, die sich bis dahin unbekannten, jüngeren Autoren zumeist aus der Ost-Berliner Prenzlauer-Berg-Szene widmete. 1 Deren Titel, "Außer der Reihe," kü n· dete programmatisch von der Suche nach neuen, noch nicht in Kultur­ betrieb und Verlagshäusern etablierten Talenten einer Generation, die bis dato "unterdrückt , geleugnet , oder einfach verschwiegen worden is<" (Woll }) . Vo r dieser erSten Buc h-Veröffentl ichu ng hatte sich Gabriele Kachold2 allerdings schon du rch Einzelveräffentlichungen in einer of­ fiziellen (TemperameTlte) sowie in verschiedenen U mergnmd.Literatu r­ zeitschriften (wie ariadnefobrik, mikado u.a.}}, durch Auftritte mit ib rer Performance-Gruppe in ihrer Heimatstadt Erfurt und in Ber/in sowie durch (privat)Galerien einen Namen als Lyrikerin und Multi-Media­ Kü nstlerin gemacht. Ihre Bekanntheit als Autori.n wurde auch durch das zwar ni cht-namentl ich, aber den meisten Lesern aus den Anspie­ lungen vertraute Genanntwerden in Christa Wolfs Enählu ng von 1990 \Vas bleibt verstärkt.' Nach ihrem literarischen Erstling veröffentl ichte Stötzer-Kachold 1992, wieder unter der Herausgeberschaft Gerhard Wolfs Getzt bei dem neu gegründeten VerlagJanus Press), einen zweiten Band mit vorwiegend lyrischen Texten unter dem Titel grenzen los fremd gehen. Fows on Literatur Vol. 2, No. 1 (1995) 12 Focus on Literatur Diese Publikation enthält neben "Stücken aus einem umfangreichen Tagebuch" (222) und einer Vielz.ah l von Traum-Texten aus dem Zeit­ raum 1988 bis 1992 nun auch Graphiken der Künstlerin $tötzer­ Kachold. Diese Illustrationen, wie Glossen an den Texträndern oder -enden angeordnet , begleiten oder kontrastieren den Text und ver­ stärken damit dessen optische (sinnl iche) Wirkung. Im Prozeß des Zu­ sammenstellens dieser Ausgabe durch Autorin und H erausgeber sind Texte, die vor der \';:istenz der DDR ein Ende gesetzt wurde-vermittelte ihr das Selbstbewußtse in einer Außen- 18 Focus on Literatur seit erin. Das Wissen, mit dieser Erfahrung nicht allein gewesen zu sein , reflektierte der gleichfa lls frühere Text "an die vierL igjährigen"; wi r haben nichts, w ir können nichts, wir wollen nichts, wi r brau­ chen nichts. wir sind roh, ungebildet, ungepflegt, unkultiviert. wir halten uns nicht an eure abmac hungen, eure geselZ.e besitzt ihr ohne uns, ihr habt uns nicht gefragt, ( .. . ] wir haben keine zukunft, wir haben keinen platz, wir haben keine hoffnung, wir h1l.ben kein ziel. (zügellos 80) Das kollektive "wir," die Generation der "hineingeborenen" Zwanzig­ und Dre ißigjährige n, der sich die Auto rin zugehörig weiß, stand dem kollektiven, besitzanzeigenden "eure" der älteren, herrsch enden und den statusqllo veneidigenden Generation gegenüber. Eine Versöhnung oder Annäh erung schien nicht mehr möglich, also auch kein Engage­ ment für das dem Ich entfremdete Land DDR. Was sich in "zügellos" noch als Verweigerung gegen das reglementierende KoUekci v verstand, das "'euch" ist ruer als Metapher für die Mächtigen des Landes zu lesen, tritt nach 1990, so in "grenzen los fremd gehen ," als o ffenkundige Ab­ rechnung mit dem System zu T age. Die "'abrechnung" (siehe folgendes Z itat) vollzog sich als konkrete Auflistung der persönlich erliuenen Repressionen, wie in dem Text "eingelöste auslösun g" erkenntlich: in diesem staat meine ganze jugend entlang exmat rik ulat ion verhaftung galeriesch I ießung ordnu ngsstrafverfa hren plenai rverbot gruppen die auseinandugingen und die idee zenerl1en freundin nen die mich betrogen liebe die sich nie erfüllte I und wie ernst mir mei ne abrechnung (gr~rlZtn los 187) Neben diese Artikulation des persönlichen Betro ffense ins stellt das lyrische Ich seine Anklage des Regimes aus einem überi ndividuell en rnteresse; SO ist es in der folgenden Zeile aus dem Text "' ich kann di eses kleine grenzla nd nicht mehr e rnst nehmen" zu lesen: "meinen eltern z.uliebe klage ich diese frührentner machenden [Q[alitär regi erenden an" (grenzen los 105). Die im Schreibprozeß durch das Ich gewonnene Erk enn tnis der Notwendigkeü , das (in der Ö ffentlichkeit der DDR) allgegenwänige Schweigen über Ungerechtigkeiten und Widerspriiche wie das Verschweigen eigener T riebe zu brechen, wird deutlich im Akt des häufigen Schreibens (Redens) über eben diesen Topos: "ich begrj{f des schweigens macht hatte meine triebe verschluckt / ... / daß das innen mit dem außen ermordet wird" (grenzen los 79). Jene "triebe," bisher An-T riebe zum KunStp roduzieren und Schreiben sind zugleich oftmals (wenn nicht immer) auch als Sexual-Triebe zu lesen . Gabride Stötzer-Kacholds Lyrik 19 An anderer Stelle stellt das Ich seinen Trotz gegen die Allmacht des Sch weigens aus, es behauptet, schon damals nicht geschworen zu haben, "ruhigzuhah en mitzulügen mitzubetrügen oder zu schweigen /. .. / ich war schon immer für die beschleunigung der worte" (143). Erst in und durch Kommumkation öffnete sich dem Ich die Möglich­ keit, Erfahrung zu artikulieren und auszutauschen, das heißt diese mög­ licherweise zu verarbe iten- und sich dariiber zu erheben : "ich traf verleLZtere als mich / a ls wir redeten konn ten wir Jli~gen" (219). Mit der "abrechnung," das heißt hier Artikulation der Erfahrung von drei JahrLehnten Leben in der D DR, gela ng es dem schreibenden Subjekt zugleich, sich vo n der Vergangenheit abzut rennen und sich­ im Kontext der politischen Ereignisse von 1989 und 1990-nac11 vo rne auf einen neuen Anfang hin zu orientieren. Dies wird in einem weiteren Text , "' ich bin schon längst verkohlt" (204) e rkennbar, wenn das lyrische Ich davon spricht, mit "'dem ende ei nen se lbstanfang" machen zu können. Derungewöhntiche Neologismus "selbstanfan g," in unmit­ telbare O pposition zu m "ende" gesetzt , ve rweist auf die Absicht des Subjekt, sich für diesen "anfang" zunächst ganz und gar auf sich "'selbst" zurückzuziehen und zu verlassen . Die Verbform "verko hlt" aus dem Titel assoziiert "Verko hlung." Damit wird in D oppeldeutigkeit auf das Verbrennen bzw. Zerstören des Subjekts referiert (das Motiv des Phönix-aus-der-Asche schimmert durch), wie auch auf das N icht-ernst­ genommen-worden.sein des SubjektS durch die/den ungenannt bleiben­ den Anderen (die Regiere nden oder die Männer des Prenzlauer-Berg­ Kreises). Im weiteren spricht de r Text vo n d em "endpunkt der zerknirschung," und davon, daß nach dem endgültigen "zerfall" dem Ich die "neue ricluung" kenntl ich werde (204) . Oie "neue richtu ng" wird an anderer Slelle in den Kontext der O pposition von Schmerz- und Lusterfahnmg gese[zl. D ie Vergangen­ heit war für die Autor in in meh reren Belangen schmerz-vo ll und lust­ los. Jetzt scheint die Möglichkeit auf, sich zum Lustprinz.ip zu beken­ nen und damit endlich au fz.uh ören, in den alten Wunden zu wüten: "ich habe keine lust mehr die gründe meines schmerzes zu ergrü nden / sondern den keimen der lust zu folgen / ... / schmerz zeugt schmerL / lust zeugt lust " (grenze,z los 166). Die Abkeh r von der vormals dominierenden Schmerzveräußerung im Schreibp rozeß und die A in­ wendung zu den "keimen der lust" muß sich jedoch bereits vor den politischen Ereignissen der Wende vollzogen haben. Darauf weisen nicht nur Texte und Ti[el des ersten Bandes hin sondern auch ein Text 20 Foeus on Literatur des zweiten Bandes, der expliz.it vor 1989 datiert ist. Unter dem ambi­ valentem Titel "über den lästigen lustgedanken" wird das "Lustprinzip" expli zit als treibende Kraft im Produk tionsprozeß (und Leben) thematisiert; in vollem Wortlaut heißt es im ersten Abschnitt: in den letzten jahren hatte ich die gelegenheit männer und frauen kennenzulernen deren einzige motivatio n für handlung und leben 'lust' ist [ .. . ] lust ist die motivation für gehen sitzen sprechen [uo lust als straßen wort kaffeehauswon al s essenswort ganz harmlos ein synonym in unserer äußerlich so abgeklärten und reglemen­ tierten außenwelt / lust also ei n schußwort gegen alllilg und SIe­ reot ype abfolge ... (grenzen los 164) Hierin wird der "lust" nun sowohl Harmlosigkeit in der "so abge­ klärten und reglementierten außenwelt" wie aber auch die Veränderung (oder Vern ichtung) bewirkende Qualität ei nes "schußwortes" zu­ gesprochen. Stammt aus dieser Janusgesichtigkeit der Lust die Lästig­ keit des "lustgedankens" -aus einer offenkundigen Unenlschieclenheil des Ich zwischen Hingezogen- und Abgestoßensein zu sclbigem Trieb! Gedanken? DAS LUSTPRINZIP, 'POESIE SUCHT EROS' Nicht nur im vo rab genannten Text, sondern in einer Vielzahl von Texten beider Bände, spielt das WOrt "Lust" eine zentrale Rolle. Dabei wird dem Begriff ei ne zumindest zweifache Bedeutung zugeordnet: zum einen ist es die Lust (im Sinne von 'Spaß') am unmittelbaren , sinnlichen Umgang mit den Dingen ("'motivation für gehen sitzen sprechen tun ... essenswort, " 164) sowie an der Sprache ("zauberworte blinken," 219); zum anderen ist es die ursprüngliche Bedeutung im Sinne von "Wollust, Begie rde." D ie Verquickung der beiden Won­ Bedeutungen zu einem ästhetischen Prinzip macht einen vielbeachteten Aspekt der Kunstproduktio n von Stötzer-Kacbold aus. t l Es 'sinnliche Lust am Text{produzieren)' zu nennen, ist nur eine Variante, das lust­ betonende Ve rhalten des schreibenden Subjekts zu inte rpretieren; eine andere wäre es, die offenkundige Zurschaustellung der eigenen Sexualität/ Körperl ichkeit der Autorin nach der Intention zu befragen. Auf jeden Fall ist es in seiner Singularität für die DDR-Literatur heraus­ zustellen: keine andere DDR-Lyrikerin dieser Generation bat meines Wissens nach dies in solcher Konsequenz zum Zentral thema der eigenen lyrischen (wie künstlerischen) Produktion gemacht. Gabriele Stötz.er-Kacholds Lyrik 21 Das "Lustprinzip" in Gabriele Stötzer-Kacholds Lyrik möchte ich zusammenfassend ve rstehen als die ungehemmte Artikulation der eigenen sexuellen Triebe, als das Beharren auf Ausleben eben dieser Bedürfnisse in einer implizit gefordert liebe-vollen sozialen Um­ gebung-in toto also als das Öffentlichmachen des höchst Privaten. D em liegt, in der Tradition des Feminismus, die Intention zugrunde, für das Autor-Ich, wi.e für die LeserInnen, die in der Sexualität oder im Sexualverhalten beider Geschlechter manifestierten Macht- (oder gar Gewalt-)strukturen der Gesellschaft bewußt zu mache n und in Frage zu neUen. Dies geschieht bei Gabriele Stötzer-Kachold weniger aus der Position des ex pliziten Männerhasses heraus als vielmehr aus der P rojektion eines haßfreien Miteinanders der GeschleclHcr . Daß dabei von der Amarin einmal mehr gesellschaftliche Konventionen (von Moral, Anstand und sprachlichem Ausdruck) in Frage gestellt werden, ist nur folgerichtige Konsequenz. sex Iod und sprache sind möglichkeiten zur ekstase aus dem jam­ mertal der alltägl ichkeit / wenn ekstase nicht negativ verfolgt wird wen n wir frei ficken frei gehen frei sprechen / können ohne opfer zu sein ... (grenzeIl los 198) Das gleichzeitige Einfordern von Freiheit der Rede und Freiheit der Sexualität ist nur eine weitere Spielart der Stötzer-Kacholdscher Radikalität, die aus den physischen Verletzungen und künstlerischen Bevo rmundungen der Vergangenheit erwachsen ist. Aus der Nega­ tion der eigenen Person durch die DDR-Gesellschaft: wie durch den exklusiv-männli chen Kreis der Prenzlauer-Berg-Szene leitete die Autorin für sich die Notwendigkeit des Riich:ug in das eigene Ge­ schlecht ab. Hier schienen Lebens- und Kommunikaüonsräume, die frei von männlicher D ominanz und Prägung waren, zu existieren: "Es war für mich eine Lebensnotwendigkeit, in mein Geschlecht unter­ zutauchen, denn nu r don war der geheimste und der einzige On, mich- nur z.wischenmenschlichen Problemen ausgesetZl-ZU en t­ wickeln. [ ... ] Der heimliche Krieg der Männer ließ uns unsere Räume neu definieren und sie auch fordern" ("Frauenszene," 137). Das Unter­ und Eintauchen in das eigene Geschlecht vollzog sich als Sozialisations­ prozeß: in der Realisierung einer ex klusiv weiblichen Gegenszene in Errun, dem oben benannten Frauen-Kunst-und-Kult-ur-Projekt. Neben der bewußten Abgrenzung zur mä.ilnlichen Prenzlauer-Berg-Szene LI kann man auch die Selbst-Erkundung der weiblichen Sexualität und Körperlichkeit in der Kunstproduktion als Untertauchen im eigenen 22 Foeus on Literatur Geschlecht verstehen: "wieso taucht das abgeschlossene ind ividuum unter [ ... ] um sich seiner individualität bewußt zu werden / unter· tauchen um aufzutauchen- (grenzen los 136). Somit scha ttete sich d ie Autorin (und die mit ih r zusammenarbeitende Künstlergruppe) von der männlichen Gewaltherrschah ab. I' In diese r sozialen wie kiinst· lerischen Abgrenzung soll te eine jede Beteiligte ih r Selbst in seiner Wei bl ichkeit- un d Orgasmusfähi gkeit---erkunden . Texte w ie "in sich blicken" (137), "als ich auszog meine einsamkeit zu beenden" (40) sowie die Mehrzahl der T raum-T exte (unter anderem " fick traum," 141) ver­ suchen sich an einer Definierung des Weiblichen der Autorin . In der Artikulation d ieses spezifi sch sexuell definierten Weibl ichen wird dem Kö rper die Trägerschaft von Sprache, Kreativität und Wahrheit zuge­ o rdnet.20 Der Körper war (ist) der On de r sinnlichen Erfahrung von Positivem wie N egativem , vo n Leid wie l iebe; ersl in ihm und aus ihm heraus lassen sich Schmerz und Lust, Einsamkeit und Befriedigung, Angst und H offnung artikulieren. Davon zeugen auc;:h die Körpermal-, Photo- und Videoarbe iten von Stö tzer-Kacho ld mit ihrer Erfurte r Frauengruppe. Insbesondere di e Ann äherung an den weibli chen Körper durch die Körperbem alungen ö ffneten "das persönliche" über bis dahin unbekannte G renzen hinaus. Einen Eindruc;:k davo n mag der T ext "die verletzte Frau" (169- 170) vermineln. Ich will dies a ber hier an einem Auszug aus dem Text "ich streiche am abhang der won e herunter" exemplifizieren: die sprache ist eine frau / ich streiche an den beinen der frau lang / ich geh in der fnu rein die spnche ist / sage ich zu der frau die ge­ spahen ist / sage ich zu der sprache die fühlt daß alles tre~nende z.u / bi nden ist / ... / in dieser mei ner ichfnu sprache geht dl(~ spal­ tung voran / ... / ich war eine frau die den blicken standhieh die bilder wie archetypen aus der gossen zog (grenze" los 140) D as lyrische Ich, der weibliche Körper und die Sprach e gehen hier eine Symbiose ein , welche die Fähigkeiten zu sinnlicher (und rationaler) Wahrnehmung des Selbst (und darin vermittelt der Umwelt) sowie zur Artikulat ion derselben potenziert. Erst der Rückzug auf bz w. in den eigenen Körper (damit auf das eigene Geschlecht, w ie oben auf­ gezeigt) ermöglicht dem Subjek t die Erkundung, Erkenntnis und Erwe ite rung du eigenen Person, damit die Bestätigung einer ind ivi­ duellen (d.h. aus dem latein ischen) "n icht-teilbaren" Identität. D ie Suche nach "fraueneigenen inhalten und energien," also nach von Männern Gabriele Stötzer-Kacho lds Lyri k 23 noch nicht okkupierten "kommunikationsformen" wird scheinbar erst in diesem "Raum" der eigenen Geschlechtlichkeil möglich: "aber das in sich bl icken der fra u iSl auch ei ne bewältigung / erst der rau m in uns muß erweitert werden l um in den außenr.aum aktiv eintreten zu können" (138). Der Akt des "in sic h bl ickens," beschrieben im gleichnamigen Text (137- 138), ist explizit und exklusiv als Erkundung des weiblichen Kör­ pers und der eigenen Orgasmusbhigkeil (" mein kampf um den o rgas­ mus ist ein kampf um m ein wesens·ich ") repräsenLiert. U nd erst in der Verständigung über die Erfa hrun gen dieses Erkundungsprozesses mit anderen Frauen eröffnet sich dem Subjekt d ieser neue Raum, in dem das Ich sich so "erweitern" kann, daß es sich auf die Aktivität im "außen­ raum,» das heißt auf die po lit ische Domäne, vorbereiten kann. Mit der Betonung und Ausstellung der Körperl ichke it , einmalig für d ie DDR-Literatur in dieser Rad ikalität , die notwendig auf der Verbindung von Schreiben und Sexualität beruht ("das schreiben ist w ie mein sexueller trieb" 157), ho fft die A utorin sich einen W eg in die politische Ö ffen tlichkeit , zumindest in einen gesellschaft lich relevanten Diskurs bahnen zu können . Während die frühen T exte, ähnl ic;:h wie d ie Mehrzahl der im Um kreis des Prenzlauer Berges entstandenen Werke. sich in der Ver­ weigerungshaltung aus einem politisierenden Diskurs bewußt ausklam­ merten bzw. diesen negierten, versucht Stö tzer-Kachold zumindest seit 1989 sich in den öffentl ichen Diskurs w ieder einzubringen. D ie Zielsetzungen der Aumrin, o bwohl an keiner Stelle als solche bekannt gemac ht. schließen ne ben der Dekonst rukt io n vOn Sprach e-der (ehemaligen) G egenwartSprache der DDR sowie der des neuen vereinig­ ten Deutschlands-nu n nicht nur die Konst ruktion einer selbstbe­ wußten weiblichen Identität , sondern auch ein e indeuü g po litisch­ soziales Engagement mit ein. FRAUEN, POLITIK & UTOPI E Der zentrale politische T ex t, der in seiner Eigenschaft als ö ffentl ich gehaltene Rede ly rischer Q ual itäten ent behrt, ist die '"'rede gegen.die führungsro lle des m annes" (IOI-103).zl In seine r mo bli sierend en Diktion ist der T ext eindeutig als po litisches Programm zu lesen und erinnert an Büchn ers Pamphlet "'Friede den Hünen , Krieg den Paläs- 24 Focus on Literatur ten." Neben die Absage an m ännliche Führungsansp rüche und tra~ dierte, gleichfa lls miinner-zentristische "familienbilder" und ei ner Ab­ rechnung mit vier Jahrzehnten "sozialistischer ära" forden die Au[orin vo n den Frauen, sich öffentl ich einzumischen. Die von Büclwer vor mehr als einhundenfünfzig Jahren erstellten revolutio nären Au f­ forderungen an den dritten Stand werden- in der Feststellung der A utorin im Jahre 1989, daß die F rau aus dem bürgerlichen Humani­ sierungs- und Emanzipationsproz.eß ausgelassen wurde-zuallererst für die Fl