buesch-2000FocusSample-001.tif 88 FoCHS on Literatur Um alles, was in der Zeit ist, an Spracherscheinungen wahrzunehmen, aufzunehmen, zu verarbeiten ... INTERVIEW MIT MICHAEL SPEIER Michael Speier ist als Lyriker, Übersetzer und Literaturwissenschafiler in Berlin tätig. Seit 1993 ist er Leiter der Literaturwerkstatt im Künstlerhaus Berlin. Er hat mehrere Gedichtbände sowie Übertragungen zeitgenössischer Poesie aus dem Französischen, Englischen und Italienischen {Zanzotto, Deguy, Noel, Waldrop, Furuta, Roubaud, Redgrove, Mead u.a.} veröffentlicht. Professor Speier ist seit 1976 Herausgeber der internationalen LyrikzeilschriJt Park, seit 1987 Herausgeber des Celan­ Jahrbuchs und ist seit 1995 Redakteur der Zeitschriften POE&SIE (Paris) und Das Gedicht (München). Das Gespäch mit Speier führten Monika Hohbein-Deegen und Jeff Packer für Focus on Literatur im April 2000 in Cincinnati, Ohio. FOCUS: Professor Speier, wir freuen uns, daß wir mit Ihnen sprechen können. Sie haben über verschiedene Schriftsteller geforscht und veröffentlicht, so zum Beispiel über Jean Paul, Paul Celan und Hugo von HofmannsthaI. Warum interessieren Sie sich für diese Autoren? Speier: Vielleicht, weil das alles Autoren sind, die in einer bestimmten Tradition stehen. Man könnte vielleicht sagen, Autoren, die sich in ihrer Kunstauffassung stärker der Sprache zuwenden als der Darstellung von Wirklichkeit. Tatsächlich waren in meiner Arbeit Autoren wie Jean Paul, Hofmannsthai, George, Celan wichtige Stationen, und erst hinterher habe ich bemerkt, daß die auch untereinander in Kontakt standen, zum Beispiel als Stefan George Jean Paul wiederentdeckte Anfang des 20. Jahrhunderts und Paul Celan bei seiner Flucht aus Rumänien nichts anderes dabei hatte als eine Gesamtausgabe von Jean PauI. Das macht einen natürlich stutzig und weist aber auch auf FOCU5 on Literatur Volume 7 (2000) 90 Focus on Literatur Interessen dieser Autoren untereinander hin. Man könnte sagen, daß es eine unterirdische Verbindung über Jahrhunderte zwischen ihnen gibt, eine innere Nähe, weil sie sich auf die Arbeit an der Sprache und weniger auf die Darstellung von äußerer Wirklichkeit konzentrieren. Es läßt sich bei ihnen ein anti naturalistischer Impuls erkennen. In diese Linie gehören die französischen Symbolisten und in der Moderne Autoren wie Celan und Bachmann. FOCUS: Gibt es auch eine thematische Verbindung zwischen diesen Autoren? Speier: Es gibt natürlich Themen wie Tod, Existenz, Nachdenken über den Begriff des Lebens und weniger, um das vielleicht mal so kontrastiv zu sagen, das Nachdenken über gesellschaftliche Prozesse, über Tendenzen der Aufklärung - dafür scheinen eher andere in der Literatur zuständig. Es sind Autoren, die mehr introspektiv gearbeitet haben, vor allen Dingen mit der Sprache selber, das ist wirklich der entscheidende Punkt. FOCUS: Hat das auch einen Einfluß aufIhre eigene Dichtung gehabt? Sind Sie von diesen oder anderen Autoren beeinflußt in Ihrer eigenen Lyrik? Speier: Der Einfluß ist unterschiedlich, unterschiedlich in den verschiedenen Lebensphasen. Es gab eine Zeit, wo ich mich sehr für das französische 19. Jahrhundert interessierte, für Nerval, Mallarme. Später waren das eben durchaus andere Autoren wie in Frankreich meinetwegen Rene Char, Deguy, Dupin, oder auch zeitgenössische Autoren aus Italien und Rußland wie Andrea Zanzotto oder Gennadij Ajgi, aber doch relativ wenig deutsche Autoren. FOCUS: Sie selbst nehmen eine interessante Stellung ein: Sie sind sowohl Lyriker als auch Literaturwissenschaftler. Was betrachten Sie als die Rolle eines Dichters in der jetzigen Zeit, und was ist die Rolle eines Literaturwissenschaftlers? Speier: Die Rolle des Schriftstellers - die ist natürlich auch gesellschaftlich determiniert und da auch wieder nach Ländern Interview mit Michael Speier 91 verschieden. Wenn Sie nach Frankreich gehen, dann werden Sie b:m~rken, daß ?er Autor. einen .gesellschaftlich sehr hohen Rang eUllllmmt, wobeI er auch ellle gewIsse politische Macht hat. Autoren schreiben auch für Zeitungen, beeinflussen das politische Leben sowie politische Diskussionen. Das heißt, selbst wenn Sie sagen, Sie sind von Beruf Dichter, dann wird Ihnen das niemand als lächerlich antragel~. In Deutschland ist das ganz anders. Hier sind die Sphären von GeIst und Politik so weit auseinander, daß da überhaupt keine Berührung besteht. Und in den angelsächsischen Ländern ist das .verhältnis auch viel entspannter. In Deutschland ist es sehr schwierig, Jemandem klar zu machen, daß man zugleich an der Universität im Wissenschaftsbereich arbeitet und als Dichter, als Autor. Das wird sofort negativ. gewertet. Und das ist immer ein bißchen gefährlich, wenn I~1an s:lllen Kollegen bekennt, daß man auch Lyrik schreibt. Das heißt mit anderen Worten: Im angelsächsischen Bereich ist diese Kombination Autor - Wissenschaftler viel gebräuchlicher. Da bestehen Be~ührungsängste gar nicht. Es gibt in Oxford Altphilo­ logieprofessoren, die Krimis schreiben, und in den USA ist es zum Beispiel sehr häufig der Fall, daß Autoren an den Universitäten angestellt sind und dort ihr Wissen über Literatur einbringen. Wer ~ollte es denn sonst machen? Das ist ja eine sehr kluge Form, die ich Immer sehr bewundert habe - die Integration von Autoren in den Literaturwissenschaftsbetrieben. In Deutschland ist das immer noch s~hr verschieden. Das heißt also, die Rollen, die dem Autor zukommen, sl11d nach Ländern verschieden. Was das Verhältnis von Lite:aturwis~ensch~fder und Autor in mir selbst betrifft: Es ist ja in geWIsser Welse so ellle Doppelrolle, die man spielt, zum einen, weil es ja zwei verschiedene Arbeitsrichtungen sind. Das eine ist, um das mal etwas holzschnittartig zu formulieren, eine analytische, das andere eine synthetische, das eine mehr eine einordnende, rückblickende, und das andere eben mehr eine kreative, hervorbringenwollende. Und diese verschiedenen Aktionsrichtungen der Arbeit färben auch auf den Lebensstil ab. Also räumlich gesehen etwas Offenes, was jetzt die Kunst betrifft, um alles, was in der Zeit ist, an Spracherscheinungen wahrzunehmen, aufzunehmen, zu verarbeiten. Die Wissenschaft ist ja eher eine Tätigkeit, wobei man sich konzentriert und die Dinge analysiert. Das sind zwei verschiedene Lebensformen, die verschiedene Lebensrhythmen, sogar verschiedene Tagesrhythmen nachsichziehen. 92 Focus on Literatur FOCUS: Sie arbeiten auch als Übcrsetzer, wobei Sie vor der Aufgabe stehen, Inhalt und Form zu transformieren. Wie gelingt Ihnen das? Speier: Die Scheidung von Inhalt und Form ist sicher bei einem Gedicht schwierig, weil es ja wesentlich aus Form besteht ... ~OCUS: ... Manche behaupten, daß das überhaupt nicht möglich 1st. Speier: Ja, wenn man mit Benn das Gedicht definiert - "Das Gedicht sei das Unübersetzbare" - aber das trifft natürlich nur bis zu einem gewissen Grad zu. Gedichte werden übersetzt und müssen auch übersetzt werden, denn man spricht ja nur eine begrenzte Zahl von Sprachen. Das Problem ist natürlich, wie man es macht. Da gibt es ja viele hundert Theorien. Schlegel hat einmal von einer "poetischen Transkription" gesprochen. Man könnte auch sagen, es ist wie die Kopie eines Gemäldes aus einer anderen Zeit, oder der Grundriß, die Architekturzeichnung eines Gebäudes, das nur einen Eindruck von der Sache vermittelt. Und dann gibt es natürlich die andere Form der Nachdichtung, bei der man versucht, aus dem Geist eines Gedichtes ein anderes zu schaffen, natürlich unter möglichster Wortnähe und auch Verständnis der Sprache. Also das gehört zu allererst einmal zu ~~nem Grundverständnis von Sprachstrukturen dazu, um überhaupt Ubersetzungen zu machen, aber gerade um Poesie zu übersetzen. Narrative Texte lassen sich ja an dem Handlungsstrang entlang übersetzen und sind häufig auch sprachlich nicht so kompliziert, also auch nicht so komponiert, weil sie eben auch aus dem Dargestellten einen Sinn ziehen lassen, während das Gedicht seinen Sinn in der Musikalität seiner Form hat. Und die kann man - das beginnt schon bei den Reimen oder Enjambements - selten in eine andere Sprache holen. Oft wurde gesagt, Übersetzen sei die genauste Form des Lesens, und man entdeckt dabei ebensoviel in einem Text, als wenn man es übersetzt. Und das endet dann natürlich bei Entscheidungen, die man treffen muß, wenn ein Wort in einer Sprache, in der anderen aber nicht, oder umgekehrt, existiert, wobei das noch die einfachsten Fälle sind, von der Musikalität her nicht zu reden, vom Rhythmus, von den Feinheiten, die nur der native speaker hört. Interview mit Michael Speier 93 F.OC.US:. Inter~r~tation ist auch eine Form von Übersetzung. Würdcn Sie VIelleicln el1l1ge Worte zu Ihrem eigenen Gedicht AUF DAUER AUS sagen? AUF DAUER AUS kein paar durch ein andres getrennt der gekrümmte raum, poros und eben im jade-moment, leicht wie die freigeschliffne heinecken-scherbe zu münzen und marken gelegt auf den sims des kamins, deines tausch bar in der bitteren laune des staubs den zahlreiche nahmen und wahren Speier: ~~h. sage. gern e~was, glaube aber, daß Selbstinterpretationcn fast u1l1~lOglIch sl~d. Em deutscher Autor hat mal gesagt: "Wcr als Autor Sich selbst mterpretiert, geht unter sein Niveau". Das heißt, daß das, was im Text formuliert ist, eigentlich gar nicht mehr einholbar ist durch den Kommentar des Autors. Und es besteht natürlich die S~hwierigk~it, daß man sich selbst, wenn man professioneller Lneraturwlssenschaftler ist, auch nicht interpretieren kann genausoweni~ wie ei.n Psychoanalytiker sich selbst analysieren kann. Man hat da emen blInden Fleck. Was man tun kann, ist Hinweise zu geben, aber man muß aufpassen, daß man die privaten Anlässe nicht vornan stellt ... FOCUS: ... man will das Gedicht nicht einschränken ... Speier: Ja genau! Man schränkt damit ein Gedicht ein, man zieht ihm sozusagen ein ~orsett ein, indem man durch Interpretationen vorgibt. Wenn das möglIch wäre, da brauchten wir heute gar nicht mehr Goethe zu lesen, da wäre ja bei einem Gedicht schon alles klar. Zu meinem Gedicht: Der Titel ist ja ein doppeldeutiger. "AUF DAUER AUS" kann sein, "jemand ist auf Dauer aus", oder "etwas ist ein für alle Mal 94 Focus on Literatur vorbei". Und daran liegt diese merkwürdige Situation mit den Paaren ... das ist natürlich auch so ein Kommunikationsgedicht. Wenn man mit jemandem zusammen ist, hält das oder nicht, oder ist das alles Staub, vergeht es. Und da kann man natürlich von einer Person sagen, so ist es bei mir, was bleibt ist die Erinnerung, das Wahren, das Aufbewahren von diesen Erinnerungssplittern, diese Scherbe einer dummen Bierflasche zum Beispiel ... Und man kann das alles da irgendwo hinlegen und sich erinnern. Aber im Grunde ist das natürlich auch eine gewisse Leere. So aus diesem Gefühl heraus habe ich dieses Gedicht geschrieben. Aber was wirklich da, was der Anlaß ist, ist eigentlich völlig uninteressant. Ich finde es eigentlich viel schöner, wenn dann jemand sagt, was er selbst dabei empfindet. FOCUS: Man bringt ja selbst auch Erfahrungen ein, wenn man so etwas liest. Ein Gedicht kann für Personen Unterschiedliches bedeuten. Speier: Und je besser ein Gedicht ist, desto mehr Personen spricht es an durch die Jahrhunderte, sonst könnten wir alte Gedichte gar nicht mehr schön finden. FOCUS: Neben Ihrer Tätigkeit als Autor und Literaturwissenschaftier würde uns auch das Technische an Ihrer Arbeit interessieren. Sie sind Leiter der Literaturwerkstatt im Künstlerhaus Berlin, Herausgeber der Lyrikzeitschrift Park und des Celan-Jahrbuches, Redakteur der Zeitschriften POE&SIE und Das Gedicht. Würden Sie uns etwas über diese Tätigkeiten berichten? Speier: Sie spielen darauf an, daß das sehr verschiedene Betätigungen sind. Die Wissenschaft ist meinetwegen eine forschende. Schreiben ist etwas Kreatives. Dies sind ja eher sammelnde und steuernde Tätigkeiten. Man muß Leute zusammenbringen und die Dinge dann irgendwie auf eine Schiene setzen. Ich habe vor über zwanzig Jahren die Zeitschrift Park gegründet. Inzwischen sind darin über zweihundert Autoren publiziert worden, auch einige sehr bekannte Weltpreisträger. Ich habe das irgendwann auch als Last empfunden, diese Zeitschrift nicht nur zu leiten, sondern auch zu produzieren und zu vertreiben als einen Verlag, der nur diese Zeitschrift beinhaltet; und ich habe mich dann mit der ganzen Rezeptionsgeschichte befaßt - also Interview mit Michael Speier 95 Rezensionen, Lesungen, Veranstaltungen organisieren und natürlich auch Kontakte mit den Autoren pflegen. Das habe ich dann irgendwanl1 ein bißchen als Belastung empfunden, wobei die Autoren natürlich immer aus egoistischen Gründen sagten: "Mach weiter, das ist großartig, hör bloß nicht auf". Dann habe ich aber bemerkt, daß ich diese Tätigkeit brauche als wirklichen Atemhauch, als etwas, wo ich weder Autor bin noch Wissenschaftler, und wo ich mich geradezu erholen kann. Diese verschiedenen Tätigkeiten sind wechselseitige Erholungsräume, die machen mir alle Spaß. Oft hat man von einer genug, und wenn man dann etwas anderes macht, ist es auch belebend. Man kann natürlich auch die Erfahrung der einen Tätigkeit mit­ einfließen lassen. In Park gibt es zum Beispiel regelmäßig Essays und Rezensionen, und da kann ich Personen aus dem Wissenschaftsbereich ansprechen, und für die ist es dann wieder eine Publikationsanlaß. FOCUS: Wenn Sie Lyriker in Ihrer Zeitschrift veröffentlichen, steht das unter einer bestimmten Thematik, oder sind das moderne junge Lyriker, oder ist es offen für alle Themenkreise? Nach welchen Einordnungskriterien wählen Sie Veröffentlichungen aus? Speier: Es gibt eine Beschränkung, die vielleicht ein bißchen primitiv ist, aber die besteht darin - das sagt auch der Untertitel der Zeitschrift Park, Zeitschrift für neue Literatur - das sollten lebende Autoren sein, und das betrifft die deutschsprachigen Autoren. Da bin ich immer bestrebt, die neuen Tendenzen, Strömungen vorzustellen. Das ist ja gerade int~ressant für die Leser. Aber es betrifft auch Übersetzungen, und bei Ubersetzungen sollte es eben nicht so sein, daß man zum Beispiel zum hundertsten Mal die Shakespeare-Sonette übersetzt, sondern es sollten zeitgenössische Texte sein, die übersetzt werden. Das Konzept der Zeitschrift sieht vor, nur Erstdrucke zu bringen, nur Erstübersetzungen. Das heißt, es ist eine reine - wenn man so will - Gegenwartsanthologie. Seit zwanzig Jahren haben Sie immer den neusten Text. Keiner ist vorher gedruckt worden, und das ist auch so eine Mini-Lyrik-Geschichte des letzten Viertels des letzten Jahrhunderts, in der also auch viele inzwischen bekannte Namen ihre Texte veröffentlicht haben, aber auch natürlich wichtige Autoren, die zum ersten Mal übersetzt sind. Vielleicht noch abschließend zu den übersetzten Autoren: Das gliedere ich ein bißchen nach Ländern. 96 Focus on Literatur Es hat wenig Sinn, einen Autor, der so vom Himmel fällt, dort vorzustellen, man will einen gewissen Zusammenhang für den Leser schaffen. Da bemüh ich mich dann also um einen Sprachraum, vielleicht manchmal auch um eine Generation. Natürlich erscheinen öfters französische Lyriker mit verschiedenen Tendenzen, aber auch Lyriker aus Irland, aus Griechenland, aus Finland. Der nächste Druck wird zum Beispiel irische Lyrikerinnen als Schwerpunkt haben. Man muß es ein bißchen eingrenzen, damit es auch eine gewisse Plausibilität hat. FOCUS: Unsere nächste Frage beschäftigt sich mit Ihrer Lyrik, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurde, in acht Sprachen, stimmt das? Speier: Ja, das stimmt. Jedoch das hört sich so gr~ßartig an, das si.nd ja nur einzelne Gedichte. Ich habe gerade vor em paa.r Tage~ eme spanische Übersetzung aus Kolumbien ~ekommen. Da glb.t es die sehr gute Poesie-Zeitschrift Prometeo, dl~ auch .maßgebllch an. der Ausrichtung des jährlichen, sehr großen mternatlonalen Lynkfestlvals in Medellin, zu dem hunderttausende kommen, beteiligt ist. Ich werde da im nächsten Jahr lesen, und die haben Texte von mir vorabgedruckt. Vor ein paar Wochen sind einige Texte in Spanien. erschienen. I?as sind aber, wie gesagt, immer nur einzelne Gedichte, al~o kelf~e Riesensammlungen. Es ist ein kleiner Gedichtband mal zweisprachig in Paris erschienen in den achtziger Jahren, die Hauptschwerpunkte sind natürlich Frankreich, auch die USA. Es gibt sogar einen Text, der auf bengalisch erschienen ist. FOCUS: Gerade auf solchen Lesungen, in diesen verschiedenen Ländern, in diesen unterschiedlichen kulturellen Bereichen - was fasziniert Sie dabei? Speier: Meine erste Lesung hatte ich 1974, das weiß ich noch ganz genau, und das war natürlich sehr .auf~egen~. Man stellt. etwas .. von seinem Inneren dar, was man sonst Vielleicht memandem zeigen w.urde. Ob der das nun begreift oder nicht, ist ja eine zweite Sache. Mit ~er Zeit gewöhnt man sich natürlich an diese Les~ngen, man freut Sich dann über Einladungen. Ich habe an sehr verschiedenen Orten ?ele:en, in Deutschland auch an sehr charakteristischen, die unterschledhche Interview mit Michael Speier 97 Qualitäten haben, also in der Kirche, in Literaturhäusern, aber auch in Schulen. Eine sehr aufregende Sache war eine Lesung in dem T1.mn, in dem Hölderlin dreißig Jahre lang gelebt hatte - das ist heute eine Gedenkstätte, die sehr schön, auch modern ausgebaut ist - in diesem 'Iunn gibt es ein Turmzimmer, das für Lesungen reserviert ist und eine Lesereihe, in der jeden Monat ein Lyriker vorgestellt wird. Da sollte ich also auftreten mit Diskussion usw. Ich war da furchtbar aufgeregt, wobei man sich natürlich vorstellt, daß das wieder ein Mo­ ment der Inspiration ist oder sein muß, und Inspiration kann man natürlich nicht kommandieren. Also es sind dann doch noch zwei Texte hinterher entstanden. Das war eine sehr aufregende Sache, und es gab dann auch sehr hübsche Begegnungen, die sich aus solchen Lesungen ergeben haben. Ich habe eine Lesung in Dublin gehabt, da las man zusammen mit irischen und gälischen Sprachen, wobei es bei der letzteren interessant ist, daß diese Sprache wieder eine Lyriksprache geworden ist. Vielleicht noch zur Lesung als literarischer Institution: Selbst ein "hermetischer" Dichter weiß um die Notwendigkeit, sein Publikum auch zu sehen, denn ohne dies wäre es wie im Dunkeln zu tanzen. FOCUS: Sehen Sie sich dann als einen hermetischen Dichter an? Speier: Da kann ich nur Celan zitieren, er schrieb an seinen Übersetzer Michael Hamburger in ein Exemplar, das er ihm als Widmung gab: "Ganz und gar nicht hermetisch. Herzlich, Paul Celan". Hermetisch ist doch auch ein polemischer Begriff. Das bedeutet ja, das ist einer, der sich hermetisch abschließt von der Außenwelt. Das ist aber gar nicht der Fall. Das ist eher eine andere Sicht auf die Welt und auf die Wirklichkeit. Ich kann in mich sehen - da habe ich auch Wirklichkeit. Ich kann durch diese Wirklichkeit auch etwas anderes erkennen, also platonische Modelle. Von daher ist das vielleicht ein anderes Verfahren, die Wirklichkeit zu sehen, aber auch kein schlechteres oder zu diskretierendes. Das hat also mit dem Wort Hermetismus - das ist ja auch eine aus der Mystik und aus der Geistesgeschichte hervorgegangene genaue zuordnende Strömung - nicht unbedingt etwas zu tun. FOCUS: Sie leben in Berlin, das nach dem Fall der Mauer 1989 wieder zum Mittelpunkt Deutschlands sowohl in politischer als auch ' 98 Focus on Literatur kultureller Hinsicht geworden ist. Als Literaturwissenschaftler und Lyriker, wie beurteilen Sie den Prozeß des sich vereinigenden Berlins? Speier: Es ist in letzter Zeit sehr viel die Rede von Berlin als Literaturhauptstadt. Und dann ist natürlich auch die Rede von Hauptstadtliteratur. Man muß dabei natürlich fragen, was ist das, Literaturhauptstadt und Hauptstadtliteratur? Hat die Literatur überhaupt eine Hauptstadt? Oder ist sie überhaupt an einen Ort gebunden? Dieser Wahrnehmungsprozeß hat zunächst einmal bewirkt, daß sich die Zahl der Autoren verdoppelt hat. Es hat in beiden Stadtteilen ja nicht nur sehr verschiedene Schreibrichtungen gegeben, sondern auch verschiedene Modelle, wie die Autoren lebten, in welchen Abhängigkeitsverhältnissen sie standen, auch ökonomische Probleme, die existierten, die jeweils einander konfrontierten. Das hat sich alles jetzt irgendwie aufgelöst, und man hatte gehofft, daß nach der Wiedervereinigung so ein Boom einsetzte, also viele Autoren nach Berlin strömten. Das ist dann auch der Fall gewesen; es sind aber auch viele Autoren abgewandert, weil sich herausgestellt hat, daß Berlin in Kultur immer weniger investiert. Die Stadt ist ja praktisch doppelt so groß, hat aber sehr viel weniger Geld für Kultur und für Literatur noch weniger. Man muß sich mal vorstellen, daß die große Stadt Ber­ lin für Literatur etwa ein Prozent des Kulturbudgets ausgibt, das auch nur wieder ein Bestandteil des Gesamtbudgets ist. Insofern gibt es zwar Literaturhäuser sowohl im Westen als im Osten, die machen einiges, aber in der Literaturförderung könnte noch einiges getan werden. Der letzte Stand ist also, daß doch der Wunsch des deutschen Feuilletons nach dem Hauptstadtroman, nach möglichst vielen Ber­ lin-Romanen willig erfüllt wird von jungen Autorinnen und Autoren, die in den letzten zwei, drei Jahren eine Fülle von Berlin-Romanen verfaßten. Man wird sehen, was davon bleibt, sicher einige, die sehr interessant sind. Aber es beginnt sich erst ein neues literarisches Mi­ lieu zu bilden. FOCUS: Was sind Ihre nächsten Pläne? Speier: Ich mache das, wonach Sie am Anfang gefragt haben. Ich arbeite auf diesen verschiedenen Gebieten der Literatur weiter. Ich lehre, ich schreibe an einem neuen Gedichtband. Dann bereite ich ----- --------- ---------- Interview mit Michael Speier 99 zw~i wisse~lscha~tliche Bücher vor, hoffe im Herbst eine neue Ausgabe melller Zeitschnft Park auf den Weg bringen und bin an einem Projekt der Deutschen Forsc~ungsgemeinschafi beteiligt. Ich bin also ausgelastet, aber das macht mIr großen Spaß. Das ist es, was ich mir immer gewünscht habe von einem Beruf. F?CUS: Wir bedank:n uns recht herzlich für dieses Gespräch und wunschen Ihnen VIel Erfolg und Spaß bei Ihren weiteren Unternehmungen. Speier: Ich danke Ihnen.