buesch-2000FocusSample-001.tif 100 Focus on Literatur Am Anfang eines Neubeginns INTERVIEW MIT GUY STERN Guy Stern besuchte die University of Cincinnati im Rahmen der 100- Jahr-Feier der Deutschabteilung an der Universität. Stern war 1963-1976 an der Universtiy ofCincinnati tätig, danach an der Wayne State Uni­ versity. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Arbeiten zu Lessing, Brecht, Weimarer Literatur und Exilliteratur. Das folgende Interview entstand während Sterns Cincinnati­ Aufenthalts im April 2000. David Prickelt, Mike Rice und Tonya Hamp­ ton von Focus on Literatur stellten die Fragen. FOCUS: Wie hat es sich eigentlich ergeben, daß Sie nach Cincinnati gekommen sind? Stern: Ich war Associate Professor an der Denison University in Ohio und habe dann die Nachricht bekommen, daß ich zum Full Professor befördert sei, und da kam die Annonce, daß eine Stelle als Abteilungschef an der University of Cincinnati frei geworden sei, weil der Chef nach Yale übersiedelte. Daraufhin habe ich mich beworben. Es gab mehrere Bewerber, aber ich wurde zu einem Interview eingeladen. Die Abteilung hatte ziemlich freie Hand, wen sie einstellen wollten. Dann saß ich in der McMicken Hall in einem Konferenzzimmer, und sie begannen, mich auszufragen. Ich hatte das große Glück, daß ich ungefähr das sagte, was sie von mir erwarteten. Ich war von der Uni sofort begeistert. Meine damalige Frau meinte, ich hätte mich gleich in die University of Cincinnati verliebt, und das war die Wahrheit. FOCUS: Wurden Sie hier als Exil-Experte oder als Lessing-Experte angestellt? Stern: Natürlich hatte ich während meiner Ausbildung an der Focus on Literatur Volume 7 (2000) 102 Focus on Literatur Columbia University mehrere Seminare über Aufklärung und Lessing belegt. Mit der Exil-Forschung hatte ich gerade er.st begon~en. Allerdings hatte ich ein Projekt über den späteren EXIlanten. Fn~ch und seine Zeitung Der neue Merkur in Arbeit, und das war zle~h~h weit fortgesch ritten. Mehrere Aufsätze daraus w~ren bereits 111 angesehenen Zeitschriften erschienen. Ich ~önnte ke111eswegs sagen, daß ich ausgewiesener Exil-Experte oder Less111g-Experte war. Ich hatte über das 18. Jahrhundert geschrieben und hatte auch über Brech~. Ich war außerdem an der Kurt Weil-Stiftung beteiligt, zusammen mit meiner Freundin Latte Lenie. Dies waren die Gründe, warum ich eingestellt wurde. FOCUS: Wann kam Ihre Interesse an Exilliteratur? Stern: Ich war einer der Jüngeren unter den Exilanten, und ich war in New York. Nach meiner Entlassung aus der amerikanischen Armee --ich hatte am zweiten Weltkrieg teilgenommen--kam ich durch einen Kriegskameraden mit den Exil-Kreisen in New York in '.'erbindung, besonders mit Hertha Pauli, Walter Mehring, Oskar Mana Graf. FOCUS: Wie fühlen Sie sich dabei, als Deutscher und Exilant als Gastprofessor in Deutschland zu arbeiten? Stern: Das ist eine komplizierte Frage. Ich hatte eigentlich gar nicht vor Germanist zu werden. Ich hatte an der Hofstra University, damals H;fstra College, meinen Bachelor bekommen und. zwar in de~ Hauptfach "Romance Languages." . Und da~n hatte Ich vor, an die Columbia University zu gehen, memen Magister zu machen und als Komparatist--Spanisch, Französisch, Deutsch-weiter zu ~achen. ~~n sagten meine Professoren, daß ich ~in.iges ~alent für die Germamstl~ hätte, und daß ich bei der Germamstlk bleiben sollte. Es wurd~ mir klar, daß dadurch eine Berührung mit deutschen Kol1~gen, mit der deutschen Bevölkerung, nicht zu vermeiden sei. Meine Uberlegun~en waren die folgenden: Hitler hat mich des Landes ven:rieben und mel~e Familie umgebracht. Wenn ich jetzt nein sage zu ~Iese~ Gelegenheit, die mir meine Professoren eröffneten, dann vollbnnge Ich. etwas, .was die an mir vollziehen wollten, nähmlich eine AmputatlOn me111er geistigen Fähigkeiten. Ich habe es nie bereut. Ich bin mit den deutschen Interview mit Guy Stern 103 Studenten immer gut ausgekommen, zum Beispiel in München als Gastprofessor, und sie arbeiten mit mir mit Feuer und Flamme. Es gibt wirklich keinerlei Kluft zwischen ihnen und mir, weder mit den Kollegen noch mit den Studenten oder Studentinnen. Ich sage mir heute, daß ich als deutsch-jüdischer Exilant die richtige Entscheidung getroffen habe, und daß ich mit dieser neuen Generation von Kollegen, Kolleginnen, Studenten und Studentinnen wirklich oft ein Herz und eine Seele bin. FOCUS: Was Sind Ihre Forschungsinteressen heute? Stern: Ich werde weiterhin über das Exil arbeiten. Jetzt hat komischerweise ein deutscher Verlag Interesse bekundet, meine ganze Dissertation, aus der ich schon einige Aufsätze veröffentlicht habe, herauszubringen. Ich werde ein Vorwort schreiben, das von Dekonstruktion, Strukturalismus und Derrida handelt. Ich könnte auch wieder zum Roman zurückkehren. Das wäre mir eigentlich ganz lieb. Ich habe auch ab und zu immer wieder über das 18. Jahrhundert, über Klinger, Wieland und Lessing geschrieben, so daß ich zwei Möglichkeiten habe. FOCUS: Was sind die aktuellen Tendenzen der Exilliteratur oder auch der Holocaust-Literatur, und wie stehen Sie dazu? Stern: Ich glaube, der erste Gesichtspunkt ist, daß sich die Exil­ erscheinungen, Exilfilme und Topoi, die von nicht-deutschsprachigen Autoren verfaßt worden sind, gar nicht so sehr von den Exil­ vorstellungen der deutschsprachigen Autoren unterscheiden. Die zweite Tendenz, an der ich mich beteiligt habe, ist die Resonanz des Exils auf die Exilanten. Ich habe das für Amerika festgestellt, ein wenig für die südamerikanischen Länder. Ich könnte mir vorstellen, daß das ein erweitertes Thema der Exilforschung in der Zukunft sein wird: komparatistisch, synchron und diachron vorgehend und mit Schwerpunkt auf die Reaktion von Exilanten. Ich habe gerade eine Dissertation in Auftrag gegeben, über ein Thema, das noch nie behandelt worden ist: eine Studentin aus Indien wird über Exil in Südostasien schreiben. Da sind einige namhafte Schriftsteller dabei. Ein weiteres Thema ist der Nachklang des Exils auf die heutige Gene- 104 Focus on Literatur ration deutscher Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Sie kennen diesen neuen Roman von Bernhard Schlink, Der Vorleser. Er ist in Deutschland ein Bestseller. Also, wie sehe ich die Exilforschung heute? Sie ist am Anfang eines Neubeginns. Foeus: Und das finden Sie positiv? Stern: Sehr. Foeus: Warum veröffentlichen Sie keine Erzählungen und begrenzen sich nur auf das Akademische? Stern: Das habe ich ab und zu gemacht, aber nur als Fingerübung, wie beim Piano. Man kann ja nicht nur akademische Sachen schreiben. Deshalb schreibe ich ab und zu eine Vignette. Ich habe auch eine Erzählung im American Jewish Monthly publiziert. Und ich habe ein paar Gedichte in ähnlichen Zeitschriften veröffentlicht. Kollegen warten jetzt auf meine Autobiographie. Ich habe aber im Augenblick noch Angst vor den Sachen, über die es mir schwer fällt zu schreiben, besonders die Erlebnisse während der Nazi-Zeit. Darüber werde ich erst zu allerletzt schreiben. Zweitens habe ich das Gefühl, daß, wenn man seine Autobiographie schreibt, man langsam nicht mehr als Wissenschaftler, sondern nur museal geschätzt wird. Foeus: Vielen Dank für dieses Interview. Stern: Ich danke Ihnen. 105