Microsoft Word - Van Hertbruggen for vol 21.docx   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 24       Methodische Annäherungen an die politische Theologie als Interpretationsansatz für nationalsozialistische Propagandadichtung Anneleen Van Hertbruggen Assistent für Forschung des Fonds für Wissenschaftliche Forschung – Flandern (FWO) Universiteit Antwerpen laus Vondung behauptete bereits im Jahre 1997, dass Literaturwissen- schaftler, wenn sie sich mit der Interpretation nationalsozialistischer Propaganda- dichtung beschäftigen, eher die Rolle der Theologen einnehmen und die Literatur- wissenschaft eher als Literaturtheologie erscheine. Der religiöse Diskurs in Gedichten von NS-Autoren wie Gerhard Schumann, Baldur von Schirach, Heinrich Anacker und anderen lasse die gängige Interpretationsmethode der Literaturwissenschaft eher als theologische Hermeneutik denn als Hermeneutik erscheinen (Vondung, “Literatur- wissenschaft als Literaturtheologie” 39). Dieser Beitrag möchte an diese Idee anknüpfen und setzt sich zum Ziel, die politische Theologie als einen möglichen Interpretationsansatz für national- sozialistische Propagandadichtung zu präsentieren. Zunächst wird auf die Theorie der politischen Religion und ihre nationalsozialistische Erscheinungsform eingegangen. Dann wird die Problematik der politischen Theologie in Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie näher beleuchtet. Zum Schluss versucht der Beitrag nachzuweisen, dass national- sozialistische Poesie nicht nur aus säkularer Sicht betrachtet werden kann, sondern auch eine religiöse, theologische Ebene in sich trägt. In diesem Fall reichen die üblichen literatur- wissenschaftlichen Methoden nicht für die Interpretation nationalsozialistischer Texte aus und es soll sich für eine theologische Herangehensweise entschieden werden, nämlich die der politischen Theologie. Politische Religion und Nationalsozialismus Über das Phänomen der politischen Religion wird schon seit Jahrzehnten geschrieben und geforscht. Im Jahre 2005 veröffentlichte Emilio Gentile den Artikel Political Religion: A concept and its critics – A critical survey, in dem er eine klare Übersicht der Forschung über das Thema der politischen Religion gibt. Dabei geht er außerdem auf die Vermischung mit dem Begriff ‚civil religion‘ ein, denn „the term ‚political religion‘ is often used as a synonym for civil religion, secular religion, public religion, politicised religion, religious politics and so on“ (Gentile, “Political Religion” 19). Auch Hans Maier hat sich mit dieser Begriffsproblematik beschäftigt: Er stellt die Frage, inwiefern man politische Phänomene mit religiösen Kategorien beschreiben darf. Er diskutiert in seinem Beitrag, ob es nicht besser sei, K   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 25       von ‚Anti-Religion‘, von ‚Pseudo-Religion‘, von ‚Religionsersatz‘ oder von ‚Ersatzreligionen‘ zu sprechen. Einer der wichtigsten Gründe für diese Überlegung sei, dass Lenin, Mussolini und Hitler – die Führer der drei großen sogenannten politischen Religionen des 20. Jahrhunderts – keine Religions- stifter waren. Ihr Verhältnis zur Religion war auf unterschiedliche Weise fremd, feindlich oder kühl. Die Stilisierungen dieser totalitären Ideologien in der Gestalt einer religiösen Politik und die Darstellung der Führer als heilandsähnlicher Gestalten kamen nach Maier vor allem von außen, nämlich von den Untertanen. Solche Darstellungen waren also nicht unbedingt eigene Selbstdarstellungen der Herrschenden (“Politische Religion” 306-308). Gentile schildert in seinem Artikel nicht nur dieses begriffliche Problem, sondern auch den Werdegang der Forschung bis zum damaligen Zeitpunkt. Vor allem ab den 1990er Jahren stand dieses Thema im wissenschaftlichen Fokus. Dank der ausführlichen Bearbeitung des Themas durch Hans Maier1 und der von ihm zwischen 1992 und 2000 organisierten Konferenzen über Totalitarismus und politische Religion entstand ein breit angelegtes Forschungs- projekt. Das wachsende Interesse an diesem Themenkomplex beweist zudem die Veröffentlichung der Zeitschrift Totalitarian Movements and Political Religions ab dem Jahre 2000. Seit 2011 erscheint die Zeitschrift vierjährlich unter dem neuen Titel Politics, Religion & Ideology und behandelt dabei auch andere religiös-politische Phänomene, wie zum Beispiel das Verhältnis zwischen Islam und Staat. Obwohl Gentile betont, dass der Unterschied zwischen politischer und ziviler Religion nicht immer klar zu sehen sei, beendet er seinen Artikel trotzdem mit einer Art Definition, mit der er die konzeptuellen Unterschiede zwischen den beiden ‚Religionstypen‘ bezüglich ihres Verhältnisses traditionellen Religionen und anderen politischen Strömungen gegenüber verdeutlicht. Was den Begriff der politischen Religion betrifft, formuliert er folgende Definition: Political religion is a form of sacralisation of politics of an exclusive and integralist character. It rejects coexistence with other political ideologies and movements, denies the autonomy of the individual with respect to the collective, prescribes the obligatory observance of its commandments and participation in its political cult, and sanctifies violence as a legitimate arm of the struggle against enemies, and as an instrument of regeneration. It adopts a hostile attitude toward traditional institutionalised religions, seeking to eliminate them, or seeking to establish with them a relationship of symbiotic coexistence, in the sense that the political religion seeks to incorporate traditional religion within its own system of beliefs and myths, assigning it a subordinate and auxiliary role. (Gentile, “Political Religion” 30) Auch die Frage, ob man den Nationalsozialismus als eine politische Religion beschreiben darf, wurde schon ausführlich diskutiert. Klaus Vondung versucht in seinem Artikel National Socialism as a Political Religion: Potentials and Limits of an Analytical Concept (2005) den analytischen Wert und die Relevanz des Konzeptes der politischen Religion in Bezug auf den Nationalsozialismus zu testen. Vondung bemerkt mit Recht, dass das Konzept einige Begrenzungen in sich trage. So könne das Konzept nie alle Aspekte des Nationalsozialismus erklären. Außerdem führe der Begriff ‚Religion‘ zur Gefahr, dass die nationalsozialistische Religion als eine Variante der christlichen Religion erscheine, während es fundamentale Unterschiede zwischen den beiden ‚Religionen‘ gebe. Er verteidigt trotzdem den Gebrauch dieses Konzeptes, weil es, trotz dieser fundamentalen Unterschiede, auch strukturelle,   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 26       formelle und symbolische Ähnlichkeiten gebe: „We use the term ‚religion‘ because of these similarities, and as long as we do not have a better concept we need it in order to point out the meaning and function of these similarities and, above all, the equivalences of the existential core of these modern phenomena“. (Vondung, “National Socialism as a Political Religion” 94) Nicht nur anhand der Rechtfertigung des Begriffes durch Vondung, sondern auch mittels der von Gentile formulierten Definition können wir den Nationalsozialismus als eine politische Religion beschreiben. Auch der Nationalsozialismus ist eine „form of sacralisation of politics of an exclusive and integralist character“ (Gentile, “Political Religion” 30). Ein totalitäres System wie der Nationalsozialismus versucht seinen Einfluss auch in der Privatsphäre des Menschen geltend zu machen. Maier weist in diesem Zusammenhang auf die Ähnlichkeit mit Religionen hin, die auch dazu neigen, den Menschen detaillierte Vorschriften zu machen. Zum Beispiel an den Wendepunkten des Lebens – Geburt, Hochzeit, Tod – sei die Religion mit besonderen Riten gegenwärtig. Auch der Totalitarismus liebe das Ritual (Maier, “Totalitarismus und Politische Religionen” 124). Schon Hannah Arendt hat auf die Bedeutung des Rituals in totalitären Bewegungen hingewiesen. In ihrem Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1955) vergleicht Arendt den totalen Herrschafts- apparat mit Geheimgesellschaften. Laut Arendt haben totalitäre Bewegungen verschiedene Charakteristiken der Geheimgesellschaften übernommen, unter anderem sei die Rolle des Rituals in den Bewegungen für ihre Affinität mit Geheimgesellschaften bezeichnend: Die Umzüge auf dem Roten Platz in Moskau sind nicht weniger charakteristisch als die pompösen Feierlichkeiten der Nürnberger Parteitage. Im Zentrum des bolschewistischen Rituals ist die mumifizierte Leiche Lenins, wie im Zentrum des nazistischen Rituals die „Blutfahne“ war. Diese Idole sind jedoch keine eigentlichen Götzen und die Rituale kein Götzendienst im Sinne einer pseudoreligiösen oder heretischen Bewegung. Sie sind nichts als organisatorische Attrappen gleich den furchteinflößenden Symbolen und Handlungen, mit denen Geheimgesellschaften seit eh und je ihre Mitglieder in Geheimhaltung und Treue hineinzuängstigen pflegten. Was produziert wird, ist das Erlebnis einer mysteriösen Handlung, das offenbar als solches Menschen besser und sicherer aneinander kettet als das nüchterne Bewusstsein, ein Geheimnis miteinander zu teilen. Darum ändert auch die Tatsache, dass das „Geheimnis“ der totalitären Bewegungen in Wort und Schrift tausendfach publiziert und propagiert wird, nichts an der Qualität des Erlebnisses einerseits und an seinem organisatorischen Nutzen andererseits. (600) Die Tatsache, dass der Nationalsozialismus von Autoren wie Arendt als ein totalitäres System beschrieben wird, bestätigt gleichzeitig den zweiten Aspekt der Definition von Gentile: „It rejects coexistence with other political ideologies and movements.“ (“Political Religion” 30) Laut Arendt ist das Prinzip, „dass ausgeschlossen ist, wer nicht ausdrücklich eingeschlossen ist“ (Arendt 599), eine andere Charakteristik, die totalitäre Systeme mit Geheimgesellschaften teilen. Auch die folgenden Elemente der Definition von Gentile kann man einfach auf die nationalsozialistische Ideologie übertragen. So kann man die bekannten Massenveranstaltungen und die kollektive ‚deutsche‘ Identität einfach einer „autonomy of the individual“ (Gentile, “Political Religion” 30) gegenübersetzen. Unter anderem der Führerkult und der Blut-und- Boden-Kult sind wichtige Aspekte des von Gentile   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 27       genannten ‚political cult‘. „Der Nationalsozialismus,“ sagt Vondung, „besaß einen Kult, wie ihn die Religionen aufweisen, nämlich öffentlich sanktionierte Feste und Feiern mit regelrechten Liturgien und festgelegten Ritualen“ (Magie und Manipulation 8). Dass die Nazis Gewalt (‚violence‘) benutzten, um ihre Gegner zu bekämpfen, muss nicht weiter erklärt werden. Auch der letzte Aspekt, nämlich die „hostile attitude toward traditional institutionalised religions“ (Gentile, “Political Religion” 30), gehört zu den Charakteristiken des nationalsozialistischen Regimes. Laut Vondung habe die NSDAP in den ersten Jahren des Dritten Reichs noch versucht, aus der evangelischen Kirche eine regimetreue ‚Reichskirche‘ zu entwickeln. Später habe das Regime aber wegen des Totalitätsanspruches des Nationalsozialismus auf die ganze Gesellschaft und den ganzen Menschen jede andere politische, weltanschauliche und selbst religiöse Organisation neben der NSDAP verboten (Magie und Manipulation 46-47). Laut Uriel Tal war es gerade diese Kombination von Politischem und Religiösem innerhalb der eigenen politischen Ideologie, die das Potential für große historische Ereignisse und Taten barg. „Neither faith without politics, nor politics without faith – the magic that inflames the masses – would be useful to Nazism. Hitler’s policy, as was laid down already in Mein Kampf, is based on this very interrelationship“ (Tal 19). Kritiker des Konzeptes der politischen Religion bemerken, dass all diese Aspekte bloß formellen Charakters seien und nur der Propaganda dienten. Auch Vondung stimmt zu, dass die Massenveranstaltungen, Zeremonien, Riten, Uniformen und Flaggen vor allem propagandistischen Zwecks waren. Trotzdem meint er, dass dies nicht im Widerspruch zur symbolischen Funktion der Zeremonien und Riten stehe. Seiner Meinung nach solle man die ‚Form‘ als symbolischen Ausdruck einer sogenannten ‚politischen Religion‘ Ernst nehmen. Denn „behind the forms there was faith“ (Vondung, “National Socialism as a Political Religion” 2-3). Um diese ‚Form‘ als symbolischen Ausdruck des Nationalsozialismus angemessen analysieren und interpretieren zu können, darf man den religiösen Aspekt des Regimes nicht außer Acht lassen. Im Folgenden wird die Theorie der politischen Theologie als mögliche Interpretationsfolie beim wissen- schaftlichen Umgang mit dem Nationalsozialismus in Gestalt einer politischen Religion angeboten. Politische Theologie und Nationalsozialismus Nicht nur der politischen Religion sondern auch der politischen Theologie wurde in der Literatur bereits viel Aufmerksamkeit gewidmet. Aber was ist politische Theologie? Das Konzept der politischen Theologien umfasst zwei Begrifflichkeiten: ‚politisch‘ und ‚Theologie‘. Obwohl beide aus der Alltagsprache bekannt sind, ist es schwierig, sie genau zu definieren. Da es im Rahmen dieses Beitrags nicht möglich ist, sehr detailliert auf die Ursprünge, Entwicklungen und Bedeutung beider Begriffe einzugehen, werde ich mich auf einen kurzen Überblick und eine Arbeitsdefinition beschränken. Das Wort ‚Theologie‘ wird in erster Linie mit dem Christentum verbunden, deswegen sei in diesem Zusammenhang auf das Buch Christian Theology An Introduction (1997) von Alister McGrath verwiesen. Der Autor stellt eine überzeugende Übersicht über die Geschichte, die Bedeutung, die Quellen und den Inhalt der christlichen Theologie dar. In seiner Arbeitsdefinition umschreibt er die Theologie zunächst als „reflection upon the God whom   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 28       Christians worship and adore“ (McGrath 141). Daraufhin schildert er präzise die Evolution dieser ‚reflection‘. Während die Theologie der ersten Christen eher eine ‚Gotteslehre‘ war, die versuchte, eine Antwort auf die Frage nach der Identität Gottes zu formulieren, entwickelte sich die Theologie im Mittelalter immer mehr zu einer „systematic analysis of the nature, purposes, and activity of God“ (McGrath 142). Die Theologie war nicht mehr nur eine ‚Gotteslehre‘, sondern eine ‚religiöse Wissen- schaft‘, die nicht nur eine Lehre über Gott, sondern die Studie über alle christlichen Dogmen umfasste. Seit der Aufklärung hat sich das Interesse der Theologie, teilweise auch wegen des Aufschwungs der Soziologie und der Anthropologie, noch weiter verändert; es entstanden Studiengänge wie ‚soziokulturelle Theologie‘ oder ‚Religionswissen- schaften‘. Die Theologie befasst sich immer mehr mit Religion in Gestalt einer kulturellen Erscheinung. McGrath erklärt, dass sich wegen dieser Entwicklung die Bedeutung des Wortes Theologie verschoben habe, denn nicht alle Religionen glauben an einen Gott. „So where theology was once thought of as discourse about God, it now becomes analysis of religious beliefs - even if these beliefs make reference to no god at all, or to a cluster of gods” (McGrath 142). ‚Politisch‘ wird vom Duden online als „die Politik betreffend“2 definiert. Allerdings sagt diese Definition nicht viel über das Wesen der Politik aus. Lorenz Engi behauptet, dass immer ein großer Klärungsbedarf bestehe, wo gründlich und genau über Politik gesprochen werde. Leider kann der Begriff oftmals nicht komplett gedeckt werden. In seinem Artikel Was heißt Politik? (2006) geht er ausführlich auf die Definitionsproblematik des Begriffes ‚Politik‘ bzw. ‚politisch‘ ein. Er nimmt diese beiden Begriffe zusammen, weil es seiner Meinung nach wenig sinnvoll sei, ‚Politik‘ vom ‚politischen‘ abzugrenzen. Er beschreibt mehrere Definitionsversuche, wobei er bei der ursprünglichen Bedeutung des Stammwortes der ganzen Wortfamilie, nämlich des altgriechischen pólis anfängt. Dieses pólis könnte man am ehesten mit ‚Stadt‘ oder ‚Bürgerschaft‘ übersetzen. Da, so Engi, die Bedeutung der pólis doch nicht komplett dem abstrakten Charakter von ‚Stadt‘ oder ‚Staat‘ übereinstimme, erscheine ihm die Übersetzung als ‚Bürgerschaft‘ tauglicher. Allerdings sei diese Übersetzung wenig anschaulich und es scheint ihm besser, den altgriechischen Begriff pólis einfach einzudeutschen. Manche Wissenschaftler wie Johann Caspar Bluntschli, Georg Jellinek und Herbert Krüger haben den Begriff ‚Politik‘ einfach dem Begriff ‚Staat‘ oder ‚Staatliches‘ gleichgesetzt, während Autoren wie Hermann Heller, Carl Schmitt und Dolf Sternberger sich gegen die Identifizierung des Politischen mit dem Staatlichen wandten (Engi 237-239). Engi beschreibt, dass schon im Griechischen das Politische (pólis) dem Privaten (oíkos; Haus) gegenübergestellt wurde. Diese Gegenüberstellung zum Bereich des Häuslichen und Privaten treffe nach Engi auch heute noch auf den Kerngehalt der Begriffe ‚Politik‘ und ‚politisch‘ zu: Politik bezieht sich auf das Gemeinsame, das alle Bürger Betreffende. Sie handelt vom Allgemeinen, vom alle Verbindenden und für alle Geltenden. Nicht der einzelne Bürger in seinen je besonderen Umständen und Eigenschaften ist das politisch Interessierende, sondern die Gemeinschaft der Menschen. Wer im Modus des Politischen denkt und spricht, der sucht Regelungen und Lösungen für prinzipiell: alle. (238) Der zusammengesetzte Begriff ‚politische Theologie‘ ist in erster Linie mit dem Namen Carl   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 29       Schmitts verbunden. Mit seiner Veröffentlichung Politische Theologie: Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität im Jahre 1922 introduzierte er den Begriff nicht nur in die Literatur, sondern hat ihm „über Fächer- und Ländergrenzen, über politische und theologische Trennungslinien hinweg zu einer veritablen Weltkarriere verholfen“ (Meier 3). Im ersten Satz des dritten Kapitels, das die Überschrift politische Theologie trägt, erklärt er die Notwendigkeit des Konzeptes: Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe. Nicht nur ihrer historischen Entwicklung nach, weil sie aus der Theologie auf die Staatslehre übertragen wurden, indem zum Beispiel der allmächtige Gott zum omnipotenten Gesetzgeber wurde, sondern auch in ihrer systematischen Struktur, deren Erkenntnis notwendig ist für eine soziologische Betrachtung dieser Begriffe. (Schmitt 43) Obwohl er den Begriff ‚politische Theologie‘ im obigen Zitat nicht nennt, können wir die beiden Teilbegriffe identifizieren. Es ist die Rede von einer modernen Staatslehre (cf. ‚Politik‘/‚politisch‘) und von säkularisierten theologischen Begriffen (cf. Theologie). György Geréby weist auf die Ambiguität des Begriffes hin: „The expression political theology is systematically ambiguous, since it can mean the political pretensions of theology, a „politics from theology”, or a politics analogical to theology. Schmitt had the latter meaning in mind“ (9-10). Auch Phillip W. Gray interpretiert Schmitts politische Religion auf diese Weise. Er betont außerdem die Bedeutung des Souveräns in Schmitts Theorie. For Schmitt, political theology is the structure of political concepts as related to their origin in theological concepts. Within Schmitt’s view of the political, the theological notion of God transfers to the political sovereign a final and total authority in the person of a main decision-maker in extreme emergencies, an “exception-bearer” with whom the power of the state ultimately lies. The notion of the Absolute in religion is used in conceptualizing the Absolute in the state, starting with the “divine right of kings” and extending to the crisis of Schmitt’s own time. (Gray 176) Wie die Zitate von Gray und Geréby zeigen, geht es in der Theorie der politischen Theologie um politische Systeme, die religiösen Systemen ähneln oder sich auf theologische Konzepte stützen. Allerdings muss man hier beachten, dass sich die politische Theologie, genauso wie die Theologie, im Laufe der Zeit durchaus verändert hat. Zuerst bemerkt Dorothee Sölle in ihrem Buch Politische Theologie (1982), dass ‚politische Theologie‘ nicht dasselbe wie eine theologisch begründete Politik sei. Außerdem verweist sie mehrfach auf Hans Maier, der in seiner Forschung bereits darauf hingewiesen hatte, dass der Begriff ‚politische Theologie‘ durch seine Geschichte sehr belastet sei, wie sich vor allem in der Deutung von Carl Schmitt zeigt (Sölle 62): Politische Theologie ist in seinem Verständnis, das sich aus der abendländischen Geschichte speist, wesentlich bestätigende, affirmative Theologie, nämlich die „Identifikation christlicher Verheißung mit zeitlich- politischen Formen“ gewesen, während sie heute wesentlich kritische Theologie ist, wobei die Verheißungen nicht eine Überhöhungsfunktion haben, sondern als Maßstab dienen, an dem die gesellschaftlichen Strukturen sich messen lassen müssen. (Sölle 62-63) Auch in dieser Erklärung lassen sich die zwei Teilkonzepte einfach identifizieren. Einerseits geht es um ein politisches System, in dem ‚theologische‘ Konzepte, wie die christliche Verheißung, inkorporiert werden. Andererseits ist das religions- ähnliche System tatsächlich ‚politisch‘, da es die gesellschaftlichen Strukturen beeinflusst und sich   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 30       daher auf ‚alle‘, auf ‚das Gemeinsame‘, auf ‚das alle Bürger Betreffende‘ bezieht. Sölle fügt hinzu, dass die politische Theologie nicht nur eine zusätzliche theologische Disziplin sei, die sich mit politischen und sozial-ethischen Fragen beschäftige. Sie betont, dass das Adjektiv ‚politisch‘ in der Zusammensetzung mit Theologie nicht bedeute, dass das Thema der Theologie auf einmal mit dem der Politikwissenschaft getauscht werde. Es gehe auch nicht darum, aus dem Glauben ein neues konkretes politisches Programm zu entwickeln (Sölle 64). Vielmehr definiert Sölle den Begriff folgenderweise: Politische Theologie ist vielmehr theologische Hermeneutik, die in Abgrenzung von einer ontologischen oder einer existenzial interpretierenden Theologie einen Interpretationshorizont offenhält, in dem Politik als der umfassende und entscheidende Raum, in dem die christliche Wahrheit zur Praxis werden soll, verstanden wird. (65) Wie oben schon erklärt kann auch der Nationalsozialismus als eine politische Religion beschrieben werden und man könnte anhand einer politischen Theologie ihre Ideologie, ihren nationalsozialistischen ‚Glauben‘ erforschen. Schon McGrath definierte Theologie als eine Wissenschaft, die jede Form religiösen Glaubens erforscht, auch wenn ihre Gläubigen nicht an einen Gott glauben. Die politische Theologie könnte als theologische Hermeneutik, also eine Interpretationsperspektive für den Nationalsozialismus dargestellt werden. In diesem Fall bleibt die Politik immer noch „der umfassende und entscheidende Raum“ (Sölle 65), wie von Sölle definiert. Der einzige Unterschied ist bloß, dass in diesem Rahmen nicht die christliche Wahrheit Praxis werden sollte, sondern die Wahrheit des nationalsozialistischen ‚Glaubens‘. Denn auch den Nationalsozialismus könnte man als eine Art ‚Glaube‘, ihre Anhänger als ‚Gläubige‘ und den Führer als den politischen Souverän betrachten. Faith, or belief (Glaube), was a central and frequently used notion in the discourse of National Socialists. Hitler himself again and again spoke about his faith in Germany and in the German people and about the importance of this faith. Other leading National Socialists referred to Hitler’s faith and demanded of the Germans, especially of the party members, unity in this faith. The Nazi festivals and ceremonies were not only solemn demonstrations of the power and the glory of Hitler, his party and his regime, but provided ritual forms for confessions of faith. If one wants to analyse ‘faith’ under religious aspects, one has to do this in relation to its object. Otherwise one cannot grasp its particular character in comparison with attitudes of ‘faith’ in other religions. If one views National Socialism as a political religion, it is important to identify its articles of faith, its creed. (Vondung, „National Socialism as a Political Religion“ 3) Vondung identifiziert sechs ‚articles of faith‘ (Glaubensartikel) in der nationalsozialistischen Ideologie: Blut, Volk, Boden, Reich, Führer und Fahne. Er behauptet, dass es nicht wichtig war, dass diese sechs ‚Artikel‘ weder originell noch intellektuell anspruchsvoll waren. Schon sehr wichtig war die Glaubwürdigkeit dieser Glaubensartikel: Einerseits waren sie wegen ihrer symbolischen Konsistenz glaubwürdig, andererseits wegen ihres rituellen Ausdrucks während der NS-Feiern auch überzeugend (Vondung, “National Socialism as a Political Religion” 5). Die Anwesenheit einer Art ‚national- sozialistische(n) Glaubensartikel(s)‘ und die Verehrung eines politischen, absoluten, gottähnlichen Souveräns bestätigen abermals die Annahme, dass man den Nationalsozialismus als eine politische Religion beschreiben kann. Wenn man die Definition von   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 31       McGrath auf die nationalsozialistische – eine religionsähnliche – Ideologie überträgt, kann man schließen, dass man die Theologie – in diesem Fall die politische Theologie – anwenden kann, um dieses religionsähnliche System zu erforschen.3 Die politische Theologie und nationalsozialistische Poesie McGrath erklärt, dass die Theologie ein kompliziertes Fachgebiet sei, das unterschiedliche verwandte Disziplinen zusammenbringe. Er nennt unter anderem die Religionsphilosophie und die systematische, praktische und historische Theologie. Auch die Bibelwissenschaft gehöre zu den Disziplinen der Theologie, denn die Bibel gelte als erste und wichtigste Quelle der christlichen Theologie. Die Bibel vermittele Informationen über die Geschichte des Christentums und von Israel und das Leben, den Tod und die Wiedergeburt Jesu Christi (McGrath 140). Historically, we know virtually nothing about Jesus Christ, except what we learn from the New Testament. In trying to wrestle with the identity and significance of Jesus Christ, Christian theology is thus obliged to wrestle with the text which transmits knowledge of him. This has the result that Christian theology is intimately linked with the science of biblical criticism and interpretation - in other words, with the attempt to appreciate the distinctive literary and historical nature of the biblical texts, and to make sense of them. (147) Auch die nationalsozialistische Ideologie wurde in ‚heiligen Texten‘ verschriftlicht. Marie-Claude Fusco schreibt, „rien d’étonnant à ce que le Nazisme ait été ‘pris par beaucoup de gens pour l’Evangile, puisqu’il se servait de la langue de l’Evangile’, que Mein Kampf ait été appelé ‘La Bible du National- Socialisme’ et que le mot Reich bien au-delà de sa signification politique, terrestre, s’élevait à des hauteurs, celles de ‘l’au-delà chrétien, le Himmelreich, le Royaume des cieux’“ (131). Das Wort Reich taucht nicht nur in Hitlers Mein Kampf auf. Zusammen mit den anderen ‚Glaubensartikeln‘ Fahne, Führer, Blut, Boden und Volk wurde Reich oft als Thema für nationalsozialistische Propagandadichtung benutzt. Die Nationalsozialisten haben aber nicht nur profane Konzepte wie die eben genannten ‚theologisiert‘, sondern auch religiöse Isotopien wie Himmel, Stern, heilig, der Eine, ewig, Heiland, Sünder, Kreuz, Gott, auferstehen, segnen, beten und so weiter übernommen. Auch Tal betont die doppelte Struktur des nationalsozialistischen Systems: einerseits die „sacralization of politics“, andererseits die „secularization of religion“ (18). Außerdem wurde die Darstellung von Hitler als Heilandsgestalt, als Auserwählten, oft von unterschiedlichen Autoren betrachtet. So entstanden ab 1935 allmählich die sogenannten ‚Bekenntnislieder‘, Lieder, die eigens für den Gebrauch in Feiern bestimmt waren (Vondung, Magie und Manipulation 118). Mit diesen Bekenntnisl- iedern drückte man zum Beispiel den Glauben an den Führer oder die Fahne aus. Diese Lieder oder Gedichte sind also mehr als bloße Propagandadichtung, oder zumindest für die Analyse betrachtenswerter. Ein Beispiel solcher Propaganda- dichtung ist das Gedicht Dem Führer von Baldur von Schirach, nationalsozialistischem Politiker und Reichsjugendführer der NSDAP: Das ist die Wahrheit, die mich dir verband: Ich suchte dich und fand mein Vaterland. Ich war ein Blatt im unbegrenzten Raum, nun bist du Heimat mir und du bist mein Baum.   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 32       Wie weit verweht, verginge ich im Wind, wärst du nicht Kraft, die von der Wurzel rinnt. Ich glaube an dich, denn du bist die Nation, ich glaube an Deutschland, weil du Deutschlands Sohn (Zit. in Das deutsche Hausbuch 25) In diesem Gedicht stechen zwei Aspekte gleich ins Auge: das Wort Wahrheit in der ersten Verszeile und die Formel glauben an in der letzten Strophe. Anhand der Definition der politischen Theologie von Dorothee Sölle wurde schon erklärt, dass die Politik ‚der umfassende und entscheidende Raum‘ ist, in dem nicht länger die christliche Wahrheit, sondern die Wahrheit des nationalsozialistischen ‚Glaubens‘ Praxis werden sollte. Auf diese Wahrheit wird in diesem Gedicht hingewiesen. Was die Wahrheit genau umfasst, wird in der letzten Strophe verdeutlicht. Mit der Formel ich glaube an wird ein eindeutiges Glaubensbekenntnis ausgesprochen. Dieses glauben an ist eine Formel, die dem Leser in erster Linie aus Glaubensbekenntnissen in religiösem Kontext bekannt ist, meistens in Zusammenhang mit Konzepten wie ‚Gott‘, ‚Jesus Christus‘, dem ‚Heiligen Geist‘, der ‚Heiligen Kirche‘. Hier verbindet von Schirach diese Formel mit ‚dich‘, mit der ‚Nation‘, mit einem profanen Konzept. Man glaubt weder an den Vater, den Schöpfer des Himmels noch an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, man glaubt an die deutsche Nation und Deutschlands Sohn. Wenn man dieses Gedicht genau interpretiert, kann man ‚Nation‘ und ‚Deutschland‘ nicht als einfache profane Konzepte analysieren, man muss sie in Verbindung mit der Formel glauben an als religionsähnliche Konzepte innerhalb eines Glaubensbekenntnisses betrachten. Peter Hasubek erklärt, dass der Begriff ‚Deutschland‘ in zahlreichen Texten wiederkehre und so den Rang eines Höchstwertes gewinne. Denn die Bedeutung und Wirksamkeit dieses ideologischen Leitbegriffes werden dadurch gesteigert, da er mit Attributen und Sinnbildern aus der christlich- religiösen Sphäre ausgestattet wird (Hasubek 39), wie im obigen Gedicht mittels der Formel ich glaube an. Wie oben schon beschrieben wurde, identifiziert Vondung sechs nationalsozialistische Glaubensartikel. Obwohl sie in diesem Gedicht nicht wörtlich genannt werden, können wir trotzdem drei Glaubensartikel wiederfinden: (1) Reich - Deutschland, (2) Volk - deutsche Nation und (3) Führer - Deutschlands Sohn. Es scheint also unmöglich zu sein, die Gedichte aus der NS-Zeit adäquat zu analysieren und interpretieren, wenn man nicht berücksichtigt, dass sich diese im Grunde religionsfeindliche Ideologie doch einer religionsähnlichen Bildersprache bediente. Mit diesen Texten und den verwendeten religiösen Isotopien und theologisierten, profanen Konzepten wollten die Propagandadichter das Volk, die Anhänger, die ‚Gläubigen‘ des Nationalsozialismus der eigenen Ideologie überzeugen. In diesem Zusammenhang ist die Theorie der politischen Theologie also von Bedeutung. Wie McGrath schon verdeutlichte, erforschte die Theologie jede Art religiösen Glaubens, zudem sei die Bibelwissenschaft ein wichtiger Zweig der theologischen Wissenschaft. Auch Vondung behauptete schon im Jahre 1997, dass man die Literaturwissenschaft in Bezug auf den religiösen Diskurs der Germanistik im Dritten Reich eher als eine Literaturtheologie betrachten solle. Auf die Tatsache, dass sich die Propagandadichter einer religiösen Sprache in ihrer Dichtung bedienten, möchte ich hier nicht detailliert eingehen, da ich dieses Thema in meiner Masterarbeit4 (2010) ausführlich erforscht habe. Diese Forschungsarbeit hat   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 33       gezeigt, dass man eine Menge an religiöser Metaphorik in affirmativer NS-Dichtung identifizieren kann: die Übernahme des religiösen Vokabulars (Himmel, segnen, Sünder, heilig, ewig, ...) und christlicher Bilder (Brückenmetaphorik, Licht-Dunkel-Symbolik, Thema der Wiedergeburt), die Umdeutung des Heilsbegriffs, die Darstellung des Führers als neuen ‚Messias‘ und die Umdeutung christlicher Feiern. Vondung beschreibt, dass diese christliche Metaphorik nicht nur von den Propagandadichtern selber übernommen wurde. Auch Germanisten und Literaturwissenschaftler aus der Zeit des Dritten Reichs übernahmen bei der Beschreibung der zeitgenössischen Propagandadichtung den religiösen Diskurs. Autoren wie Heinz Kindermann, Herbert Cysarz oder Erich Tunz beschrieben die damalige Dichtung unter anderem als ‚letzte Sinngebung‘ oder als ‚Offenbarung‘ (Vondung, “Literaturwissenschaft als Literaturtheologie” 38). Vondung behauptet, dass man an solche Sprache in der Literaturwissenschaft nicht gewöhnt sei. Denn die Texte, die er in seinem Artikel zitiert, verwenden „für ihre Interpretationen keine eigentlich literaturwissenschaftlichen Kategorien, sondern benutzen einen Diskurs von offenkundig religiösem Charakter“ (Vondung, “Literaturwissenschaft als Literaturtheologie” 38). Vondung bietet unterschiedliche Textbeispiele an, mit denen er den Zweck dieses religiösen Diskurses, nämlich der ‚artgemäßen deutschen Dichtung‘ eine religiöse Qualität zuzuschreiben, belegen möchte. Zu diesem Zweck zitiert er Hans Neumann, der in seiner Rede zur Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Bonn folgendes forderte: „Wir wollen ein Schrifttum, dem Familie und Heimat, Volk und Blut, das ganze Dasein der frommen Bindungen wieder heilig ist“ (Zit. in Vondung, “Literaturwissenschaft als Literatur- theologie” 38). Vondung formuliert verschiedene Gründe, anhand denen er erklärt, warum man die Literaturwissenschaft bei der Interpretation von NS- Dichtung als Literaturtheologie betrachten solle. Zunächst beschreibt er, dass dieser religiöse Diskurs die Literatur von der profanen Ebene in einen geheiligten Bereich erhebe. Ihre Inhalte – Familie und Heimat, Volk und Blut – werden als heilig erklärt, deswegen erscheinen die Texte als ‚heilige Texte‘. Wenn, so Vondung, die Texte als heilig und ihre Schöpfer als geheiligte Personen gelten, dann müssen die Literaturwissenschaftler die Rolle der Theologen einnehmen. Auch weist er auf die Ähnlichkeiten zwischen den Vorgehensweisen der Theologie und der nationalsozialistischen Literaturtheologie hin. Denn „die Theologie interpretiert, bewertet und klassifiziert religiöse Erlebnisse und deren Artikulationsmodus. Die nationalsozialistische Literaturtheologie mache etwas sehr Ähnliches“ (Vondung, “Literatur- wissenschaft als Literaturtheologie” 40). Beide Theologien beschäftigen sich mit religiösen/religions- ähnlichen Erlebnissen. Die höchste Form des religiösen Erlebnisses sei die Offenbarung. Im Christentum gehe es um die Offenbarung Gottes, im Nationalsozialismus wurde das Symbol der Offenbarung, so Vondung, gebraucht, um den Dichter als jemanden, dem eine heilige Vision zuteil geworden sei, zu proklamieren. Vondung erklärt, dass solche religiösen Erfahrungen und Offenbarungen üblicherweise in Texten verschriftlicht werden und genau diese Texte seien Gegenstand der Theologie (“Literaturwissenschaft als Literaturtheologie” 40). Genauso wie die Bibelwissenschaft die schriftliche Quelle der christlichen Theologie – nämlich die Bibel – untersucht, könnte man die politische Theologie zur Forschung der Quellen der nationalsozialistischen   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 34       ‚Theologie‘, nämlich die Propagandadichtung, anwenden. Fazit Der vorliegende Beitrag hat sich zum Ziel gesetzt zu erforschen, ob man die Theorie der politischen Theologie als Interpretationsansatz bei der Analyse nationalsozialistischer Gedichte benutzen kann. Warum sollte man sich bei einer nicht-biblischen Textinterpretation aber schon für eine theologische Methodologie entscheiden? Obwohl national- sozialistische Propagandatexte keine biblischen oder heiligen Texte im christlichen Sinne sind, tragen sie doch eine gewisse ‚religiöse‘ Ebene in sich. Die nationalsozialistischen Propagandadichter bedienten sich häufig einer religiösen Sprache, während sie Texte für die anti-religiöse nationalsozialistische Ideologie schrieben. Auf der einen Seite übernahmen sie religiöse Isotopien (heilig, segnen, ewig, Sünder, ...) oder theologische Konzepte (Gott, Himmel, Heiland, ...) für die Beschreibung der eigenen, profanen Ideologie. Auf der anderen Seite theologisierten sie den Wert profaner Gegebenheiten (Volk, Blut, Boden, Reich, Fahne, Führer), wodurch diese als etwas Religiöses und Überweltliches erschienen. Klaus Vondung beschreibt diese letzten sechs profanen Begriffe sogar als die ‚Glaubensartikel‘ des nationalsozialistischen ‚Glaubens‘. Gerade weil dieser Sprachgebrauch vielerorts in Nazi-Propagandadichtung auftaucht, wie z.B. im Gedicht Dem Führer von Baldur von Schirach, scheinen die üblichen literaturwissenschaftlichen Methoden für die Interpretation dieser Dichtung nicht mehr auszureichen. Dieser Beitrag hat gezeigt, dass der Nationalsozialismus nicht nur auf der Ebene der Propagandadichtung, sondern auch auf der Ebene der politischen Organisation schon oft als eine ‚politische Religion‘ beschrieben wurde. Denn bereits seit Jahrzehnten wird erforscht, inwiefern man totalitäre Systeme wie den Nationalsozialismus als eine politische Religion betrachten darf. Die Massen- veranstaltungen, der Personenkult um Hitler, die Bekenntnislieder als ‚liturgische Texte‘, der Einsatz von Gewalt, der religiöse Diskurs in Reden von Mitgliedern der NSDAP sind bloß ein Paar der Aspekte, die zur Einstufung des Nationalsozialismus als politischer Religion angeboten werden. Wenn man den Nationalsozialismus als eine politische Religion oder ein religionsähnliches System beschreiben möchte, kann man dies versuchen, indem man die moderne Beschreibung der Theologie berücksichtigt. Da die Theologie heutzutage nicht mehr als eine Wissenschaft erscheint, die nur reine Gotteslehre, sondern das ganze Wesen einer ‚Religion‘ zum Thema hat, kann man eine Form der Theologie, in diesem Fall die politische Theologie, zur Auslegung des Nationalsozialismus benutzen. Auch die politische Theologie hat sich im Laufe der Zeit bedeutend verändert. Am wichtigsten erscheint die Auslegung von Dorothee Sölle, die die politische Theologie als eine politische Hermeneutik und eine neue Interpretationsperspektive darstellt. Dieser Beitrag möchte folglich an der Auffassung Vondungs, die Literaturwissenschaft im Rahmen national- sozialistischer Propagandatexte eher als eine Literaturtheologie zu betrachten, anknüpfen. Da die Propagandatexte oft einen religiösen beziehungsweise religionsähnlichen Inhalt aufweisen, die Autoren dieser Texte als ‚Offenbarer‘ der national- sozialistischen Ideologie und die Leser der Texte als gläubige Anhänger der Ideologie betrachtet werden, kann man schließen, dass die Literaturwissenschaftler eher als Theologen oder vielleicht einer Art profaner   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 35       Bibelwissenschaftler erscheinen. Kurz: Bei der Interpretation national- sozialistischer Propagandatexte soll man nie den politisch-religiösen Rahmen vergessen. Wenn man in diesen Texten auf säkularisierte religiöse Isotopien oder theologisierte profane Konzepte stößt, werden die gängigen Methoden der Literaturwissenschaft für das komplette Textverständnis nicht ausreichen. Eine Kombination mit einer (politisch) theologischen Interpretation der Texte scheint dabei eine angemessenere Methodologie zu sein. 1 Herausgeber von: „Totalitarismus“ und „Politische Religionen“. Band I (1996); Band II (mit Michael Schäfer, 1997); Band III (2003). 2 „politisch.“ In: Duden online. URL: http://www.duden.de/rechtschreibung/politisch [letzter Zugriff: 19.12.2013] 3 Obwohl das Interesse dieses Beitrags in erster Linie der nationalsozialistischen Propagandapoesie gilt, soll hier bemerkt werden, dass die politische Theologie auch für die Erfoschung anderer Aspekte der NS-Propaganda von Bedeutung sein kann. Auch auf Plakaten und in Filmen aus der NS-Zeit kann man religiöse Symbole identifizieren. Auch in diesen Medien wurde das Religiöse für die Propagandazwecke des Nationalsozialismus ausgenützt. 4 Van Hertbruggen, Anneleen, Der Nationalsozialismus als politische Religion. Eine literaturwissenschaftliche Analyse religiöser Metaphorik und ritueller Symbolik affirmativer NS- Dichtung. 2010. [Antwerpen: Universiteit Antwerpen, nicht veröffentlicht]   Focus on German Studies 21           Van Hertbruggen 36       Arendt, Hannah. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt, 2005. Das deutsche Hausbuch. Berlin: Zentralverlag der NSDAP, 1943. Duden online. URL : http://www.duden.de/rechtschreibung/politisch [Letzter Zugriff: 19.12.2013] Engi, Lorenz. “Was heißt Politik?” Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 92.2 (2006): 237-259. Fusco, Marie-Claude. “Langue totalitaire. Langue du religieux”. Topique 96.3 (2006): 125-133. 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