Focus on German Studies 20 63 Mesmerismus Und Wahnsinn In E. T. A. Hoffmanns ErzÄhlung „Das GelÜbde“ Giulia Ferro Milone University of Verona, Italy 1. Fragestellung und kritische Einrahmung Der romantische Medizindiskurs beschäftigte E. T. A. Hoffmann besonders in- tensiv in den Jahren 1808-1813, die er in der süddeutschen Stadt Bamberg ver- brachte. Nach der Rückkehr nach Berlin verarbeitete er dann im literarischen Werk die zahlreichen medizinisch-naturwissenschaftlichen Impulse und Anregungen aus dieser Zeit. Das betrifft vor allem zwei eng miteinander zusammenhängende The- menkomplexe: Wahnsinn und animalischer Magnetismus. Sie spielen im Erzählzyklus Kreisleriana (1814-1815) und in der Erzählung „Der Magnetiseur“ (1814) eine wich- tige Rolle und sie treten bekanntlich auch in Hoffmanns zweiter Novellensammlung Nachtstücke (1817) auf. In der vorletzten Erzählung der Nachtstücke, „Das Gelübde,“ verschränken sich Magnetismus, seelische Störungen und Kurversuche sowohl thema- tisch als auch auf dem erzählerischen Niveau auf exemplarische Weise. Die Erzählung fand bei Hoffmanns Zeitgenossen ein geringes Echo (Steinecke, Zu Textgestalt 1022) und Interpreten haben sie bis zum heutigen Tag eher vernachlässigt. Eine Ausnahme stellt ein 2010 erschienener Beitrag von Stefanie Catani dar, der sich mit der Dialektik Vernunft/Wahnsinn befasst und der auf interessante Weise die meta-narrativischen Elemente in der Erzählung ins Blickfeld rückt, die auf die poetologischen Konzepte der Novellensammlung Die Serapions-Brüder (1819 bis 1821) hindeuten. Hoffmann scheint seiner Erzählung hingegen eine gewisse Wertschätzung entgegengebracht zu haben, da er sie dem Verleger Kunz in einem Brief vom 08.03.1818 zusammen mit „Das Majorat“ zur Lektüre empfahl (Hoffmann, „Briefe 1814-1822“ 137). In den Jahren um 1800 charakterisiert ein „dichtes Flechtwerk von Grenzübersch- reitungen“ (Jagow, Was treibt 9) den Dialog zwischen Medizin und Literatur, Wissen- schaft und Ästhetik.1 In dieser Zeit beginnt nämlich in Deutschland jenes Projekt der Moderne, das die Aufklärung dynamisiert und öffnet und zu dem „die Umordnung und Neuformulierung von Strukturen des Wissens“ (Brandstetter und Neumann 10) gehören, sowie ästhetische Fragen nach dem „Spiel von Wahrnehmung und Imagi- nation bei der Herstellung von ‚Wirklichkeit’“ (11). Durch persönliche Beziehungen und durch intensive Lektüre der medizinischen Literatur verschaffte sich Hoffmann ein tiefes fachspezifisches Wissen, das er dann im Prosawerk ausarbeitete. Dabei zeigte er „ein für seine Zeit ungewöhnliches Verständnis für psychische Phänomene und besaß die Fähigkeit, sie in eindringlicher Weise darzustellen“ (Steinecke, Zu Textgestalt 958). Eine besonders wichtige Phase war diesbezüglich seine Rezeption der mediz- inischen Szene, die sich in der süddeutschen Stadt Bamberg entwickelt hatte,2 so dass er sich in der kulturgeschichtlichen Umbruchsituation der Jahrzehnte vor und nach 1800 wie kein anderer als Schlüsselfigur „auf der Grenze zwischen wissenschaftlichen Mesmerismus Und Wahnsinn In „Das GelÜbde“64 und poetischen Argumentationsfeldern“ (Brandstetter und Neumann 11) position- iert. Zur Zeit seines Todes standen in Hoffmanns Bibliothek die Werke zeitgenös- sischer Wissenschaftler und Mediziner, u. a. Johann Christian Reils, Gotthilf Heinrich Schuberts und Karl Alexander Ferdinand Kluges.3 Der Beitrag zielt darauf ab, die Literarisierung medizinischer Diskurse um 1800 (Magnetismus, Neukonzepte um Psychiatrie und Physiologie des Nervensystems) in dieser von der Kritik vergessenen Erzählung genau zu verfolgen. Durch ihre seltsamen, krankheitsnahen Zustände erlebt die Protagonistin, Hermenegilda, das, was Susan Sontag „die Nachtseite des Lebens, eine eher lästige Staatsbürgerschaft“ (9) bezeichnet hat. Für die Romantiker ist die Krankheit nicht nur Epik des Leidens—so Sontag —sondern Gelegenheit, die Persönlichkeit zu vergeistigen und das Bewusstsein zu er- weitern (21). Das trifft sicherlich auf Hermengilda zu. Nur dass ihr nervöses Leiden zu keinem kollektiven Wissen führt. Ihr Festhalten an Empfindungen und Visionen stellt sie ihrer sozialen Umwelt schroff entgegen und setzt sie der Skepsis und der Missbilli- gung einer von Männern gesteuerten und symbolisch organisierten Gesellschaftsord- nung aus. Seelische Störung und Empfänglichkeit für Übertragungsenergien weisen in diesem Text eine weitgehend geschlechtlich codierte Prägung auf, insofern sie den weiblichen, leidenden Körper zu affizieren scheinen und die Wirkung der magne- tischen Energiezirkulation zur Inszenierung männlicher Gewaltmanipulationen dient. Als Heil- und Erkundungsprinzip, das die Ganzheit des Menschen und die Kom- munikation von Subjekt zu Subjekt befördern soll, steht außerdem der Magnetismus in dieser Erzählung zur Debatte: Die seltsamen Geschehnisse um die Protagonistin bewirken unterschiedliche, sich gegenseitig ausschließende Deutungen, wobei ihr Fes- thalten an Ahnungen und Visionen nicht zu einer kollektiven Wissenserweiterung wird, sondern als individuelle Erfahrung auf das Niveau des Einzelnen beschränkt bleibt. In diesem Sinne stellen „Das Gelübde,“ so wie auch die letzte Erzählung der Nachtstücke, „Das steinerne Herz,“ die ebenfalls eine untergeordnete Rolle in der wis- senschaftlichen Literatur spielt und die am Ende noch kurz ins Auge gefasst werden soll, einen entscheidenden Übergangspunkt zu Hoffmanns späteren Erzählproduk- tionen dar: Auch in seinem Spätwerk4 sind distanzierte Haltungen zum Magnetismus und zur Naturphilosophie (Segebrecht 282) sowie Darstellungsformen charakteris- tisch, wobei visuelle Erzählstrategien intensiv verwendet werden (Müller).5 2. Das Seelenorgan im Nervensystem Hoffmann hat die konsultierten wissenschaftlichen Quellen oft in seinen Texten zi- tiert, wie etwa in der Erzählung „Das öde Haus“—nur um ein bekanntes Beispiel zu erwähnen—in der Reils Abhandlung über die Geisteskrankheiten, Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen (1803), direkt erwähnt wird, als der Protagonist das zufällig zurückgelassene medizinische Buch findet und gi- erig zu lesen beginnt. Reils Buch wird als die erste systematische Veröffentlichung über die Geistesstörungen betrachtet. Die darin enthaltene Klassifizierung der Geisteskrank- heiten und der Entwurf einer psychologischen Kurmethode gelten als einer der frühesten Versuche, eine Form von Psychotherapie zu gründen. Wichtig für die romantische An- thropologie und Auffassung der Psyche ist in Reils Werk die neue Vorstellung von Körp- Focus on German Studies 20 65 er und Seele: Sie basiert auf einer fundamentalen, durch das Nervensystem zustande kommenden Vernetzung zwischen körperlichen und seelischen Prozessen, die die carte- sianische Trennung der Substanzen Materie/Geist auf empirischer Basis zu überwinden versucht. Krankheiten entstehen da, wo die Dynamik der Energiezirkulation zur Block- ade kommt: „Wird dieses Verhältnis [zwischen Körper und Seele] gestört; so entstehen Dissonanzen, Sprünge, abnorme Vorstellungen, ähnliche Associationen, fixe Ideenrei- hen, und ihnen entsprechende Triebe und Handlungen“ (46). In der sogenannten vis nervosa (Nervenkraft) sieht Reil eine Kraft, die Affinitäten zum Äther, Magnetismus, Galvanismus und zur Elektrizität aufweist. Die vis nervosa ist das dem Nervengeflecht innewohnende Prinzip und stellt das Seelenorgan im Nervensystem dar. Das durch die Nervenkraft belebte Nervennetz gewährleistet die Verbindung und die Kommunikation zwischen den Organen und koordiniert den ganzen Organis- mus. Das Seelenorgan ist allgegenwär- tig im Körper. Körper und Seele rücken somit näher zusammen. Der auf diese Weise neukonzipierte, durch das neurol- ogischen System vernetzte Organismus ist imstande Kommunikation zu stiften und Verknüpfungen entstehen zu lassen. Damit schließt sich Reil an das naturphil- osophische Systemdenken der Jahrzehnte um 1800 und an dessen Subjektkonzep- tionen an,6 denen er „ein medizinisches Fundament unterlegt“ (Koschorke, „Poi- esis des Leibes“ 267). Das hat unmittel- bare Folgen auf die anthropologische und psychologische Konzeption des roman- tischen Menschen und auf seine Auf- fassung der ästhetischen Vorstellung und der Kreativität. Die nervöse Reizbarkeit des Nervensystems ist die Matrix einer ungeheuren Produktion von inneren Bildern, die sich bis ins Unendliche vervielfältigen und modifizieren (269), sie stellt die „Poiesis des Leibes“ dar, seine poetische Fähigkeit im herkömmlichen Sinne. Ein so konzipierter Körper, von Nerven belebt, elektrifiziert, mag- netisiert, von ätherischer Atmosphäre umgeben, wird nach außen permeabel und kann in Austauschprozessen mit anderen Individuen treten. Genau das hat den Schelling-Schüler und Popularisator der Naturphilosophie Got- thilf Heinrich von Schubert am animalischen oder tierischen Magnetismus fasziniert: das Ferne und das Nahe zu verknüpfen. Als ‚Nachtseite’ der Naturwissenschaft, in der sich dunkle Potentiale der menschlichen Natur zeigen, verbindet der Magnetismus alle in magnetischem Rapport stehenden Wesen. In der „Dreizehnten Vorlesung“ sein- er 1808 erschienenen Abhandlung Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft weist er auf die Wirkungen des animalischen Magnetismus hin, „durch welche Eigen- schaften unserer Natur erweckt werden, welche sonst nie oder nur unbedeutend her- Ein so konzipierter Körper, von Nerven belebt, elektrifiziert, magnetisiert, von ätherischer Atmosphäre umgeben, wird nach außen permeabel und kann in Austauschproz- essen mit anderen Individuen treten. Mesmerismus Und Wahnsinn In „Das GelÜbde“66 vortreten“ (Schubert 207). Im sogenannten magnetischen „Doppelschlaf“ intensiviert sich das Verhältnis der Magnetisierten auf besondere Weise, so dass ein Mensch den höchsten Grad inniger Vereinigung mit einem ihm entfernten verwandten Wesen er- reichen kann. „Der Doppelschlaf“ ist eine Phase der „tiefen Sympathie der magnetisch Schlafenden mit dem ihr innig Befreundeten und mit dem Magnetiseur“ (216). Die beiden durch das magnetische Fluidum verbundenen Menschen wissen voneinander auch in der Distanz und können nicht nur zu Einem werden, sondern auch den Tod anderer geliebter Personen erschauen. Schubert schreibt: Wenn nun schon im thierischen Magnetismus … eine solche innige Vereinigung zweier menschlicher Wesen möglich ist, wo das eine an al- len Bewegungen und Gefühlen des anderen so Theil nimmt, als ob sie seine eignen wären …, so ist von hieraus nur noch ein Schritt zu dem wunderbaren Mitwissen eines Entfernten um die Schicksale, vornehm- lich aber um den Tod einer geliebten, nahe verwandten Person. (217) In seinem 1811 erschienenen Essay, Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel, versucht Karl Alexander Ferdinand Kluge, einerseits den Magnetismus oder Mesmerismus7 gegen die wiederholte Kritik der Scharlatanerie zu verteidigen, indem er ihm eine empirische Basis verleiht, andererseits die Prinzipien des animalischen Magnetismus und der magnetischen Kur zu systematisieren. Das Lebensfluidum stellt Kluge als ein interpersonales Mittlermedium dar, das für den intensiven psychischen Kontakt zwischen dem Magnetiseur und dem Magnetisiertem, dem Arzt und dem Patienten, verantwortlich ist. Diese seelisch-körperliche Verbind- ung, auf der die Wirkung der Kur beruht, entwickelt sich stufenweise von einer ersten Schläfrigkeitsphase bis zum sechsten Grad der sogenannten Clairvoyance (Hellsehen). Bei dieser letzten Phase ist der Patient am sensibelsten: Er „tritt in eine höhere Bes- chauung der gesammten Natur“—schreibt Kluge—und durchblickt „das Verborgene in der Vergangenheit, das Ferne und Unbekannte in der Gegenwart, und das in seinen Keimen noch schlummernde Zukünftige“ (125).8 Beim sechsten Grad des magne- tischen Schlafes—wie bei Schuberts „Doppelschlaf“—können die Hellsehenden sogar mit dem Tod anderer Person vertraut werden (Kluge 131). Es entsteht auf diese Weise ein Nervenmystizismus, der die alte Lehre der Humoralpathologie mit ihrem kon- tagiösen und miasmatischen Verkehr überwindet und die Kommunikation unter den Individualkörpern über „nervösere Frequenzen“ verlaufen lässt. Die Krankheit wird damit vergeistigt und verklärt (Koschorke, „Poiesis des Leibes“ 262).9 3. Wahnsinn und magnetische Phänomene in „Das Gelübde“ In der Erzählung „Das Gelübde“ verschränken sich magnetische Phänomene mit den seelenkranken Zuständen der Protagonistin. Reils bahnbrechende Kategorisierung der psychischen Zerrüttungen und die fachspezifische Sprache seiner Rhapsodieen kommen in der Narration fast wörtlich vor. Einige Beispiele hierfür: Hermenegilda—alias Cöles- tine, ihr Laienschwestername nach dem Eintritt in ein Cisterzensier Kloster—erleidet ihren ersten psychischen Zusammenbruch, nachdem sie auf harte und anscheinend un- Focus on German Studies 20 67 motivierte Weise den Geliebten Stanislaus zurückgewiesen hat. Aufgrund der Erken- ntnis, dass sie ihn aber auf das Innigste liebt und der darauf folgenden quälenden Schuldgefühle, entwickelt sie—so statuiert der auktoriale Erzähler —einen „wirklichen hellen Wahnsinns“ (Hoffmann, „DG“ 297),x in dem man den ersten Typ der von Reils beschriebenen Geisteszerrütungen unschwer erkennen kann. In den Rhapsodieen unter- scheidet Reil vier Arten psychischer Störungen: „Als Arten der Verrücktheit“—schreibt er im zwanzigsten Abschnitt—„setze ich vorerst den fixen Wahn, die Wuth, die Narrheit und den Blödsinn“ (305). Die erste Form des Wahnsinns (der „Fixe Wahn“) besteht— so Reils Erörterung—„in einer partiellen Verkehrtheit des Vorstellungsvermögens, die sich auf einen oder auf eine Reihe homogener Gegenstände bezieht, von deren Daseyn der Kranke nicht zu überzeugen ist“ (305). Die „fixen Ideen“ bestimmen das „Begeh- rungsvermögen“ des Patienten und beschränken seine Freiheit. Hermenegilda entwick- elt tatsächlich „fixe Ideen“ (Hoffmann, „DG“ 308), d.h. eine unsinnige, nicht auf Fak- ten basierende Treue zu dem entfernten Geliebten Stanislaus, und die Überzeugung, seine Witwe geworden zu sein. Dass sie seinen Tod in einer Vision erschaut, ist mit der von Kluge und Schubert vorgesehenen hellseherischen Fähigkeit der Clairvoyanten in Verbindung zu setzen, wie wir noch sehen werden. In ihrer „zerrütteten Gemütsstimmung“ (305) wechseln sich „Paroxysmen“ (298), „Bizarrerien“ (304) und Ohnmachtsanfälle mit relativer Ruhe und Besinnung ab. Ihre psychische Störung verwandelt sich dann am Ende in eine „Bewußtlosigkeit des stieren Wahnsinns“ (315), d.h. eine Form Katalepsie, die sie bald zum Tode führen wird und die wiederum der Kategorisierung von Reil fast wörtlich entspricht. Diesmal kommt der „dumpfe Wahnsinn“ in Frage, der für Reil eine der möglichen Konsequen- zen der fixen Ideen ist: „In dem dumpfen Wahnsinn“—schreibt er—„ist der Kranke unbeweglich wie eine Bildsäule. Er steht, sitzt oder liegt auf einer Stelle, rührt weder Hand noch Fuss, hat die Augen geschlossen, oder starrt kurz und ängstlich herum, ohne die Eindrücke in ihrer Verbindung wahrzunehmen“ (Reil 361). Auf ähnliche Weise wird der Zustand von Hermenegilda alias Cölestine im Text geschildert; nach der Episode des Raubes ihres Kindes findet sie die Hauswirtin „mitten im Zimmer gleich einer Statue mit herabhängenden Armen lautlos … Cölestine war in einen au- tomatähnlichen Zustand gesunken“ (Hoffmann, „DG“ 293). Der Arzt, der gerufen wird, um Hilfe zu leisten, schlägt eine Therapie vor, die der auktoriale Erzähler—Reils psychisches Heilverfahren direkt zitierend—als eine „mehr psychische als physische Kurmethode“ (Hoffmann, „DG“ 298) bezeichnet. Die in den Rhapsodieen dargestellte Therapie sieht sowohl physische als auch psy- chologische Mittel vor: „Seelenkrankheiten“—so argumentiert Reil—„müssen bald durch die psychische, bald durch die körperliche Curmethode, bald durch beide zugle- ich behandelt werden“ (137). Da es dem seelenkranken Patienten normalerweise an Selbstbestimmung und Besonnenheit mangelt, muss er durch sinnliche, zu gleichen Maßen mit auf die Psyche und den Körper wirkende Stimuli behandelt werden, die den Zweck haben, seine Aufmerksamkeit und sein Interesse für die Kur zu erwecken, seine Kooperationslust hervorzurufen und die Wiederkehr der Vernunft zu befördern. Die das Seelenorgan negativ affizierenden körperlichen Reize müssen entfernt, das Gemüt durch „zweckmäßige Zerstreuungsmittel, Reisen, Gesellschaften und Spiele“ (Reil 174) von den fixen Ideen abgeleitet werden. Auch Theodor, der Protagonist der Mesmerismus Und Wahnsinn In „Das GelÜbde“68 Erzählung „Das öde Haus,“ leidet an ohnmachtsähnlichen Zuständen und diagnosti- ziert sich selbst anhand der Lektüre von Reils Buch einen fixen Wahnsinn (Hoffmann, „Das öde Haus“ 181). Die Behandlung erfolgt hier ganz im Sinne Reils: Der von Theodor konsultierte Doktor K. verschreibt eine sofortige Entfernung des negativen Stimulus (des verhängnisvollen Taschenspiegels, der Theodors Geist verstört hat), Spa- ziergänge, Gesellschaft, gesundes Arbeiten und Essen. In der Erzählung „Das Gelüb- de“ werden dagegen keine spezifischen ärztlichen Vorschriften erwähnt. Der Text er- zählt nur, dass die Kur zwar richtig berechnet und unmittelbar auch erfolgreich, aber die Wirkung nicht von Dauer war,11 „da nach langer Stille sich ganz unerwartet wieder die seltsamsten Paroxismen einstellten“ (Hoffmann, „DG“ 298). Friedhelm Auhuber macht in seiner Studie über die Poetisierung der Medizin bei E. T. A. Hoffmann darauf aufmerksam, dass Hoffmann nicht viel von Reils psychische Kurmethode hielt und dass es keine einheitliche Arztfiguren in seinem Prosawerk gibt, denn „kluge Ärzte werden von Scharlatanen abgelöst und umgekehrt“ (16). Der Arzt ist hier zwar kein Scharlatan, aber doch eine blasse Figur. Viel mehr als dieser Arzt, der bald aus der Szene scheidet, ohne eine Spur zu hinterlassen, besitzt der auktoriale Er- zähler die Fachspezifik und Rhetorik der Mediziner, die um 1800 zur Literarisierung des animalischen Magnetismus beigetragen haben (Barkhoff „Darstellungsformen“). Die Darstellungsform der Narration weist in „Das Gelübde“ Ähnlichkeiten mit den Berichten von medizinischen Fallgeschichten auf. Durch eine protokollartige Prozedur rekonstruiert der auktoriale Erzähler die Lebensgeschichte von Hermenegilda und stiftet erzählerisch Sinn. Ohne zu kommentieren, zählt er Fakten auf und assoziiert Hypothesen über die psychologischen Züge der Protagonistin, die zum psychischen Zusammenbruch geführt haben. An diese Tatsachen soll kurz erinnert werden: Die Gräfin Hermenegilda ist ein tugendhaft kluges, feuriges, aber launisches Mädchen; bei den Zusammentreffen adliger polnischer Patrioten trifft sie Stanislaus und verliebt sich in ihn; die Protagonistin verstößt dann den Verlobten, als der Befreiungskrieg Polens verloren wird;12 Stanislaus marschiert in einen fremden Krieg in Italien; es folgen die Verzweiflung der Protagonistin über den tot geglaubten Verlobten und die verhäng- nisvolle Begegnung mit dem Vetter von Stanislaus, Xaver, der eine ganz wunderbare Ähnlichkeit mit Hermenegildas Geliebten aufweist. Obwohl in der Erzählung keine direkte Heilbehandlung mit dem animalischen Magnetismus vorkommt, werden die interaktiven Übertragungsenergien von den Hauptfiguren gewaltig erlebt. Xaver ist zwar kein Arzt, aber seine insistente Werbung um Hermenegilda und seine gestischen und sprachlichen Inszenierungen wirken wie eine Art Magnetisierung auf sie und konstituieren im performativen Sinne eine neue Wirklichkeit, die ihre alte umkonfiguriert. Als Xaver auf Nepomuks Landgut erscheint, täuscht seine Ähnlichkeit mit Stanislaus Hermenegilda. Sie fällt ohnmächtig in seine Arme. Der erste Kontakt zwischen den beiden erfolgt in der Form von „tau- send elektrischen Funken“ (Hoffmann, „DG“ 298). Der Menschenkörper ist—wie Kluge in seinem Versuch erinnert—ein guter Leiter der Elektrizität, sie „durchläuft ihn … Ihre Wirkung ist eine plötzliche Erschütterung“ (4). Die subtile Frequenz des ani- malischen Magnetismus ist der Elektrizität ähnlich. Die Elektrisierung spielt bei Hoff- manns Figuren als Übertragungsmittel von erotischen Emotionen eine entscheidende Rolle.13 Die Liebe gleicht einem elektrischen Ladungs- und Entladungsprozess, durch Focus on German Studies 20 69 den ein Verhältnis erotisch-magnetischer Art zustande kommt. Die magnetische Ener- gie der Frau verursacht ein Ungleichgewicht im Fluidum des Mannes, der durch ihren Kuss ‚elektrifiziert’ wird (Gaderer 61). Vom ohnmächtigen Zustand des Mädchens profitierend, küsst Xaver Hermenegilda auf die Lippen und wird von ihrem Körper elektrisch aufgeladen: [Xaver] drückte sie fest und fester an sich ... Der Offizier ganz entzündet vom Liebesfeuer, das in tausend elektrischen Funken der holden Ge- stalt, die er in seinen Armen hielt, entströmte, drückte glühende Küsse auf die süßen Lippen. (Hoffmann, „DG“ 298) In der Fortsetzung der Geschichte kippt aber der Prozess um. Mit geschickter Körpergestik, Stimme, verführerischem Reden und Schreiben übt Xaver seinen durch den Kuss aktivierten magnetischen Einfluss auf Hermenegilda aus. Die erzählten Räumlichkeiten und die Körpersprache erinnern dabei an das Setting einer Magnet- sitzung, bei der Xaver als eine Art negativer Magnetiseur agiert, der „von dem si- chern Takt fürs Böse im Innern geleitet“ wird (Hoffmann, „DG“ 303). Das männliche „Herrschaftsmodell“ (Barkhoff, Magnetische Fiktionen 200), das in der Erzählung „Der Magnetiseur“ am Beispiel des Protagonisten Alban präsentiert wird, lässt sich auch auf „Das Gelübde“ übertragen. Als manipulierender Magnetiseur zwingt Xaver Hermene- gilda unter die Gewalt seiner Suggestionen. Gestik und Worte wechseln in seiner Rede regelmäßig ab und lösen einen energetischen Übertragungsprozess aus, wobei die Frau zu einem entleerten passiven Gefäß wird, in das der Mann daraufhin seine eigenen Bilder hineinfließen läßt. Xaver nahte sich mit leisem schwankenden Schritt, er nahm Platz vor dem Sofa, auf dem sie saß … Nicht ihn, nein Stanislaus selbst habe sie in der Wonne des Wiedersehens umarmt. Er übergab den Brief, und fing an von Stanislaus zu erzählen … Da ergriff Xaver, ganz ermutigt, Hermenegildas Hand, die er heftig an seine Brust drückte. ‚Höre ihn selbst, deinen Stanislaus!’ so rief er, und nun strömten die Beteurungen der glühendsten Liebe, wie sie nur dem Wahnsinn der verzehrendsten Leidenschaft eigen, von seinen Lippen. (Hoffmann, „DG“ 300) Körper, Inszenierung und Sprache erscheinen in der zitierten Passage inniglich ver- flochten; sie defigurieren die Psyche von Hermenegilda und produzieren eine neue symbolische Welt, in der die Gestalten der beiden Männer sich überlappen und große Desorientierung verursachen, „so daß Hermenegilda in arger Verwirrung selbst nicht wußte, wie beide Bilder, das des abwesenden Stanislaus und das des gegenwär- tigen Xaver, trennen“ (303). Das animalische Fluidum fließt magnetisch-elektrisch zwischen Hermenegilda, Stanislaus und dem doppelgängerischen Xaver und stiftet magnetisch-erotische, trianguläre Interaktionen, die das Freundschaftsdreieck der Empfindsamkeit pervertieren. Dass der magnetische Rapport geschlechtliche Codierungen aufzeigt und, dass er Gelegenheit zur textuellen Produktion à deux bietet, haben genderorientierte Studien Mesmerismus Und Wahnsinn In „Das GelÜbde“70 erklärt. Mesmerismustheorien und Falldarstellungen—so Jürgen Barkhoff—stehen in enger Verbindung mit der um 1800 entwickelten Anthropologie der Geschlechter an („Geschlechteranthropologie“ 18). Die Magnetsitzungen mit ihren inszenierten Ritualen (Gesten, Blick, Stimme, Worte) besitzen einen performativen Charakter, d.h. die in der Sitzung zustande kommende Inszenierung wird zur Wirklichkeit. Der Körper der Pati- enten—es handelt sich hauptsächlich um Patientinnen (Ego)14—ist das privilegierte Me- dium der Manifestation performativer Effekte, wie Barkhoff am Beispiel der Erzählung „Das Sanctus“ zeigt, in der die Stimmlosigkeit der Protagonistin Bettina und die darauf folgende Heilung das Resultat der Rede der männlichen Hauptfigur sind (Barkhoff, „In- szenierung—Narration—his story“ 111). In den Gewaltaspekten des magnetischen Rapport zwischen Xaver und Hermenegilda spiegeln sich die entgegengesetzten Ges- chlechtercharakteristika und –rollen wider, die in den Debatten der Jahrzehnte um 1800 zum festen binären Denkmodell generalis- iert und hypostatisiert werden (Volker Hoff- mann 82): Xaver, der Mann, spielt eine ak- tive, kraftvolle und kreative Rolle, während die Frau als Rezipientin durch ihre Passivität gekennzeichnet wird. Das erotisch-magne- tische Verhältnis umkonfiguriert den Alltag der Frau: Während Xaver ihr immer unent- behrlicher wird, freut sich Nepomuk—Her- menegildas Vater, ein oberflächlicher an die Bedürfnisse des bürgerlichen Lebens geb- undener Mann, „keines Blickes in die Tiefe fähig“ (Hoffmann, „DB“ 303)—auf ihn als einen neuen Schwiegersohn; Hermenegildas körperliche Empfindungen werden in Frage gestellt, ihre Ahnungen und Visionen für Wahnsinnsanfälle gehalten. Das bilderschaffende Potential der som- nambulen Zustände—dessen physiolo- gische Grundlage die in Reils Rhapsodieen dargestellte Nervenlehre ist—hatten sowohl Kluge als auch Schubert anerkannt und an zahlreichen exemplarischen ärztlichen Fällen weitgehend dokumentiert. In der höchsten Stufe des magnetischen Schlafes gelangen die Nachtwandler zu einer besonderen inneren Klarheit, bei der sie nicht nur die ei- genen Körperzustände und Lebensbegebenheiten erkunden, sondern auch von Visionen befallen werden, bei denen sie die Schicksale entfernter Verwandter und sogar den Tod geliebter Personen erschauen können. Unter dem magnetischen Einfluss Xavers und der durch ihn erweckten Bilder erlebt Hermenegilda (darüber hinaus) zur gleichen Zeit Das bilderschaf- fende Potential der somnambulen Zustände—dessen physiologische Grundlage die in Reils Rhapsodieen dargestellte Nerven- lehre ist—hatten sowohl Kluge als auch Schubert an- erkannt und an zahlreichen exem- plarischen ärztlichen Fällen weitgehend dokumentiert. Focus on German Studies 20 71 in energetischer Fernverbindung mit Stanislaus („Alle meine Gedanken, mein ganzes Wesen dem Geliebten zugewendet,“ Hoffmann, „DG“ 305), in einer mächtigen Vision, zuerst ihre eigene Trauung mit dem Geliebten und gleich danach den Tod des letzteren. Im Pavillon in der Parkanlage, wo sie sich eines Abends befindet, scheint Hermenegil- da einen Magnetisierungsprozess durchzumachen, der sie stufenweise bis zum höchsten Grad des Hellsehens führt: Sie fühlt zuerst die Augen sich unwillkürlich schließen und dabei versinkt sie in einen halbschlafenden Zustand (zweiten und dritten Grad des mag- netischen Prozesses nach Kluge), den sie als „waches Träumen“ bezeichnet. Dann aber erlebt sie ein plötzliches inneres Erwachen (vierten Grades) und gleich danach beginnt der hellseherische Zustand (fünfter und sechster Grad des magnetischen Schlafes):15 [Ich] fühlt’ meine Augen sich unwillkürlich schließen, nicht in Schlaf, nein, in einen seltsamen Zustand versank ich, den ich nicht anders nen- nen kann, als waches Träumen. Aber bald schwirrte und dröhnte es um mich her… Ich fuhr auf, und war nicht wenig erstaunt mich in einer Feldhütte zu befinden. (Hoffmann 305) Es folgt die Vision der Vermählung („Der goldne Trauring blinkte an meinem Fin- ger“) und der Schlacht, bei der Stanislaus unter dem Schlag eines feindlichen Reiters fällt. Hermenegildas feste Überzeugung, von dem Gatten schwanger und gleich danach seine Witwe geworden zu sein, ist aus ihrer Perspektive völlig verständlich. Im Zustand des Hellsehens oder des magnetischen Doppelschlafes ist ja der geistige und körper- liche Kontakt mit dem Entfernten möglich. Der Pavillon steht hier als erzählerischer Bedeutungsträger für eine liminale Erfahrung, die sich an der Grenze zwischen rein Symbolischem und rein Materiellem positioniert. Interpretatorische Ansätze, die den Erzählraum der Narrationen ins Blickfeld rücken, haben gezeigt, dass literarische Räum- lichkeiten keine Kulissen oder keine bloßen Behälter vom Erzählten sind, sondern Orte, wo sich semiotische Prozesse aktivieren lassen.16 Im Pavillon, dem innersten entferntest- en Ort in der Parkanlage, findet die innigste Erfahrung der Lebensempfängnis statt. Der Pavillon ‚empfängt’ die geheimnisvolle körperlich-seelische Verbindung, er ‚empfängt’— nach einer Art von mise en abîme—die Empfängnis der Protagonistin. Die Tatsache, dass Hermenegilda auf ihre psychisch-physische Erfahrung und auf ihre Körperwahrnehmungen standhaft vertraut—sie ist „im Innersten der Seele über- zeugt,“ sie glaubt „mit voller Seele“ (Hoffmann, „DG“ 310)—lässt ihre Tante, die Fürstin Z., ausdrücklich auf ihre Seite treten. Die von den beiden Frauen als möglich angesehene, magnetische Version der Geschehnisse wird aber von den männlichen Figuren für den Anfall einer Wahnsinnigen oder aber für die Maskerade einer Heu- chlerin gehalten. Hermenegildas Erklärung kollidiert schließlich schroff mit Xavers Rekonstruktion der Fakten. Letzterer muss nämlich gestehen, dass er vom seltsam träumerischen Zustand Hermenegildas profitierend sie vergewaltigt hat: In dem Pavillon traf ich Hermenegilda in einem seltsamen Zustande, den ich nicht zu beschreiben vermag. Sie lag wie festschlafend und träu- mend auf dem Kanapee. Kaum war ich eingetreten, als sie sich erhob, auf mich zukam, mich bei der Hand ergriff und feierlichen Schritts Mesmerismus Und Wahnsinn In „Das GelÜbde“72 durch die Pavillon ging … Dann sank sie mit der inbrünstigsten Liebe in meine Arme—Als ich entfloh, lag sie in tiefem bewusstlosen Schlaf. (Hoffmann, „DG“ 314) Durch „Xavers Bekenntnisse“ wird der geheimnisvolle Zustand der Protagonistin erhellt. Es bleibt aber die Tatsache, dass man sich hier mit divergierenden, bis zum Schluss der Erzählung nicht übereinstimmenden, Versionen abfinden muss. Mit der unterschiedlichen Deutung von Hermenegildas Schwangerschaft weist Hoffmanns Erzählung auf die bürgerlich-sozialen Prozesse hin, die eine auf strenger Geschlechter- trennung basierte Ordnung konstituieren. Auf sprachlich-erzählerischem Niveau kom- mt der Trennungsprozess im oft wiederholten Ausdruck „die Männer“ zum Vorschein: „Die Männer voller Zorn schalten Hermenegilda eine Heuchlerin“ (Hoffmann, „DG“ 310); „Die Fürstin blutrot im ganzen Gesicht meinte, daß den rohen Männern der Sinn für dergleichen [Phänomene] abginge“ (311). Für Hermenegilda und ihre Tante erscheint die physisch-psychische Wechselwirkung, die körperliche Öffnung dem geis- tigen Einfluss gegenüber, als eine durchaus mögliche Erfahrung: „Wie wenn“—fragt die Fürstin—„eine geistige Zusammenkunft zwischen Stanislaus und Hermenegilda sie in den uns unerklärlichen Zustand versetzte?” (Hoffmann, „DG“ 311). „Die Män- ner“ Nepomuk und der Fürst Z. sehen es anders. Sie lachen laut, als die Fürstin auf die konkrete Möglichkeit paranormaler Wechselwirkungen hindeutet: Unerachtet alles Zorns, aller Bedrängnis des fatalen Augenblicks kon- nten sich der Fürst und Graf Nepomuk doch des lauten Lachens nicht enthalten, als die Fürstin diesen Gedanken äußerte, den die Männer den sublimsten nannten, der je das Menschliche ätherisiert habe. (311) Hoffmann zeigt sich hier nicht nur als kühner Erkunder psychologischer Phänomene, sondern auch als feiner und kritischer Darsteller der bürgerlichen, für Männer und Frauen unterschiedlich festgelegten Verhaltensweisen. Der magnetische Rapport ist eine geschlechtsbedingte „symbolische Anordnung“ (Barkhoff, „Ges- chlechteranthropologie“ 22), wobei die Geschlechterrollen fest zugeschrieben sind. Die unterschiedliche Interpretation der Begebnisse erweist sich in der Erzählung „Das Gelübde“ als ein geschlechtlich codierter Deutungsprozess, der sich an dem weibli- chen Körper der Protagonistin abspielt und bei dem die weibliche, magnetisch-fluidale Version keine Durchsetzungschance hat. Die Normalisierung des Paranormalen, die Reduzierung der weiblichen Empfindungen, Gefühle und Gedanken auf das rein Konkrete rücken die sozialen, bürgerlichen Dispos- itive ins Blickfeld, die zur Aufzeigung und Festigung der Machtverhältnisse dienen. Die Sexualität außerhalb der Ehe bedeutet Ehrverlust für die Frau und Schande für die patri- archalische Familie; die Frau kann ihre Ehre nur durch den Mann erlangen, „indem sie, wie es das Landrecht bekräftigt, als seine Gattin, „‚an den Rechten seines Standes’ [teiln- immt]“ (Frevert 189). Das lässt sich an den Worten Xavers zeigen, als er voller Zorn zu Hermenegilda sagt: „Das Kind, das du unter dem Herzen trägst, mein Kind ist es, mich umarmtest du hier an dieser Stelle—meine Buhlschaft warst du und bleibst du, wenn ich dich nicht erhebe zu meiner Gattin“(Hoffmann, „DG“ 314). Xavers Tat ist verzeihlich Focus on German Studies 20 73 und die Ehe rettet die Ehre der Familie: „Die Männer [fanden] Xavers frevelige Tat sehr verzeihlich und durch seine Verbindung mit Hermenegilda gesühnt“ (Hoffmann, „DG“ 315). Die kirchliche Macht in der Figur des Beichtvaters Cyprianus besiegelt dann den Normalisierungsprozess; Hermenegilda wird den Rest ihres Lebens als Cölestine in Reue und Trauer mit verschleiertem Gesicht verbringen und somit akzeptiert sie die kirchliche Version ihres Zustandes: „Nie wird die Welt mehr das Antlitz schauen, dessen Schönheit den Teufel anlockte“ (Hoffmann, „DG“ 316). Die Entscheidung der Protagonistin, ihr ganzes Leben mit verschleiertem Gesicht zu verbringen, deutet nicht nur auf die Reak- tion auf den Verlust ihrer weiblichen Ehre, sondern auch auf die Nichtmitteilbarkeit ihrer Erfahrung. Schubert hatte den animalischen Magnetismus als „einen überall gegenwärti- gen höheren Einfluß“ (234), als Flutmaterie, die die Einheitlichkeit und Harmonie eines von einer Weltseele belebten Kosmos gewährleisten sollte, dargestellt. Als solcher erlebt der Magnetismus in dieser Erzählung einen Zusammenbruch. Die Empfänglichkeit für seine Macht bleibt auf das Individuum— hier eine Frau—beschränkt, d.h. sie führt zu keiner kollektiven Erkundung und bleibt im Grunde kaum kommunizierbar. In der letzten Erzählung der Novellensam- mlung, „Das Steinerne Herz,“ wird der ani- malische Magnetismus noch tiefer hinter- fragt. Hier sind magnetische Phänomene nicht mehr Motor der Diegese—wie es noch in „Das Gelübde“ war—sondern sie werden einfach nur zitiert, wie in einer Atmosphäre des ‚Es war einmal.’ Die Schaulust entfaltet sich in „Das Steinerne Herz“ als zentrale Er- zählstrategie und nimmt die voyeuristische Inszenierung Hoffmanns letzter Erzählung „Des Vetters Eckfensters“ (1822) vorweg. Der visuelle Erzählmechanismus besteht in der Abwechslung von Blick und Worten, d.h., in sukzessiven, verbalen Schilderungen, die vom Erblickten bzw. Erschauten veranlasst werden. Auf einem Maskenfest gehen die beiden Freunde Willibald und Ernst durch die Parkanlage des Landhauses spazieren. Während sie langsam fort schreiten, lenken sie ihre Aufmerksamkeit bald auf eine, bald auf eine andere Szene, die sich ihrer Schaulust anbietet. Schauen und Kommentieren, Blick und Worte wechseln ständig und ordnungsgemäß für mehr als ein Drittel der Erzählung ab und codieren die Wirklichkeit um die beiden Figuren. Die Schaulust fasst die Gegenstände an,17 setzt sie in Worte um und lässt sie dann in Vergessenheit geraten, indem die Figuren weiter schreiten. Innerhalb dieser visuellen Erzählstrategie wird die Begeisterung für die Übertragungsenergien der beiden Hauptfiguren, Hofrat Reutlinger und Baron von Exter, einfach nur zitiert und kommentiert. Für Hofrat Reutlinger ist der Magnetismus ein Er- lebnis, das nunmehr seiner Vergangenheit angehört. Die Macht seiner paranormalen „Vi- sionen,“ „Ahnungen“ und „Warnungen“ hat in seiner Jugend nicht zu einer Erkundung der Welt und zu keiner Clairvoyance geführt, sondern die familiären und interpersonel- len Beziehungen zerrüttet. In diesem Sinne kann „Das steinerne Herz“ mit dem langen Die Schaulust fasst die Gegenstände an, setzt sie in Worte um und lässt sie dann in Ver- gessenheit geraten, indem die Figuren weiter schreiten. Mesmerismus Und Wahnsinn In „Das GelÜbde“74 Gespräch über den Magnetismus am Anfang des zweiten Bandes der 1819 erschienenen Novellensammlung Die Serapions-Brüder in Zusammenhang gebracht werden. Aus erken- ntnistheoretischer Perspektive sind hier die „Serapionsbrüder“ über die Gefahren des Mag- netismus einig; Es handelt sich um „einen Abgrund, in den ich [Theodor] mit tiefem Schauer hinabblickte“ (Hoffmann, Die Serapions-Brüder 330). Vom poetologischen Stand- punkt aus, erkennen die sechs Freunde aber im Magnetismus einen „tüchtigen Hebel“ (330) für brillante, im echten „serapiontischen“ Geist verfasste Narrationen. Die Endepisode des „Steinernen Herzes,“ die sich auch in einem Pavillon abspielt, ist der Höhepunkt einer lächerlichen Inszenierung, deren Regisseur und zugleich Op- fer Hofrat Reutlinger ist: Die paranormalen Phänomene werden als Effekt einer bana- len Maskierung entlarvt. Mit den „Mesmerianern“ (Hoffmann, „Das steinerne Herz“ 327) Reutlinger und von Exter scheint der animalische Magnetismus, seinen perfor- mativen und erkenntnistheoretischen Charakter verloren zu haben. Die theatralischen Gesten, durch die Baron von Exter den Freund Reutlinger aus einer magnetischen Ohnmacht erweckt, sind Karikatur, parodierte Nachahmung der Körpermanipula- tionen der Magnetiseure. Und die letzten Worte, die man am Grabe des Hofrates Reutlinger lesen kann—„Es ruht!“ (345)—können als Metapher der Distanzierung Hoffmanns vom animalischen Magnetismus betrachtet werden. So scheint auch des- sen Existenz als Erkundungsmöglichkeit der Nachtseite der Natur, der menschlichen Seele und als Heilmethode unter diesem Stein zu ruhen. End Notes 1. Zur Interaktionen zwischen Literatur und Medizin vgl. auch das von Bettina von Jagow und Florian Steger herausgegebene, umfangreiche Lexikon Literatur und Medizin. 2. Bamberg als bahnbrechendes Zentrum medizinischer Wissenschaft und als Vorbild für die Krankenversorgung hat Wulf Segebrecht detailliert rekonstruiert. 3. Der Bestand von Hoffmanns Bibliothek ist 2008 von Hartmut Steinecke anhand eines neulich wieder gefundenen Auktionsverzeichnisses rekonstruiert worden. 4. Zum Jahr 1819 als „Einschnitt“ in Hoffmanns Lebenssituation und Produktion vgl. Steinecke, Die Kunst der Fantasie 349. 5. Maik M. Müller hat die Dimension des Visuellen am Anfang von Meister Floh rekonstruiert und sie interessanterweise als eine nach der Logik der Camera obscura konstituierte Eingang- skonstellation erläutert. 6. Die Interaktionen zwischen Naturphilosophie und Wissenschaft hat H. A. M. Snelders präzise dokumentiert. 7. Der Magnetismus wird nach dem Namen des deutschen Mediziners Franz Anton Mesmer (1734-1815), der die Lehre des animalischen Magnetismus entwickelte, auch Mesmeris- mus genannt. In seinem 1779 in französischer Sprache erschienenen Werk Mémoire sur la découverte du magnétisme animal (Abhandlung über die Entdeckung des thierischen Mag- netismus, Karlsruhe, 1781) verkündete er die Entdeckung des animalischen Fluidums und dessen medizinische Anwendung als Heilmethode. 8. Eine detaillierte Erörterung von Kluges Werk aus medizinischer Sicht befindet sich in der Dissertation von Susanne Mielich. Focus on German Studies 20 75 9. Zur Neukonzeption des menschlichen Körpers und zur Herausbildung der modernen Sub- jektivität vgl. auch Albrecht Koschorke „Physiological Self-Regulation.“ 10. Der Titel von Hoffmanns Erzählung „Das Gelübde“ wird auf „DG“ verkürzt. 11. Hingegen wird Theodor in „Das öde Haus“ geheilt. Bei der Genesung spielt Doktor K. eine entscheidende Rolle, indem er den Faden der Geschichte zu Ende führt und die Rolle The- odors bei den unheimlichen Geschehnissen um die Gräfin Angelika und um ihre jüngere Schwester Gabriela erklärt. 12. Der geschichtliche Hintergrund der Erzählung ist die Teilung Polens in den Jahren 1772 bis 1775. Historische Fakten werden im Text direkt zitiert und sind mit der Diegese innig verflochten. 13. Die umfangreiche Studie von Rupert Gaderer dokumentiert ausführlich Hoffmanns Aus- einandersetzung mit elektrotechnischen und optischen Innovationen und deren Literaris- ierung. 14. Die umfangreiche Studie von Anneliese Ego rückt die Entwicklung und die Verbreitung des animalischen Magnetismus aus soziologischer Perspektive in den Blick. Ego verfolgt dessen Popularisierung um 1800 in Deutschland durch die Debatten in der Presse und in den Fachzeitschriften; sie erwähnt detaillierte Daten über die Anzahl der magnetisch behan- delten Patienten nach Geschlecht verteilt. 15. Nach der interessanten Studie der US-Forscherin Liane Bryson sind Kluges sechs Grade des magnetischen Schlafes die Grundlage der Erlebnisse des Studenten Anselmus mit dem Schlänglein und dem Archivarius Lindhorst im Märchen „Der goldne Topf“ (1814); hier vertritt die Figur Lindhorts die Rolle eines weisen positiven Magnetiseurs. 16. Es wird hier auf die Neubewertung des Raumes hingewiesen, die in die transdisziplinär stark geprägte Forschung des sogenannten spacial turn eingeflossen ist. Eine vollständige, nützli- che Einführung zur Theorie und Praxis des spacial turn bieten Fisher, Jaimey und Mennel (Hg.), Spacial Turns. Space, Place, and Mobility in German Literary and Visual Culture. Am- sterdam/New York, NY: Rodopi, 2010, 9-23. 17. Die Schausequenzen und die darauf folgenden Beschreibungen werden durch Ausdrücke wie „Sieh’ nur wie,“ „Und merkst du nicht,“ „Siehst du wohl,“ „Doch laß’ uns sehen“ sp- rachlich eingeführt. Literaturverzeichnis Auhuber, Friedhelm. In einem fernen dunklen Spiegel. E. T. A. Hoffmanns Poetisierung der Mediz- in. Opladen: Westdt. Verlag, 1986. Druck. Barkhoff, Jürgen. „Gechlechteranthropologie und Mesmerismus. Literarische Magnetiseurin- nen bei und um E.T.A. Hoffmann.“ ‚Hoffmanneske Geschichte.’ Zu einer Literaturwissen- schaft als Kulturwissenschaft. Hg. Gerhard Neumann. Würzburg: Königshausen & Neu- mann, 2005. 15-42. Druck. ---. „Inszenierung–Narration–his story. Zur Wissenspoetik im Mesmerismus und in E.T.A. Hoffmanns Das Sanctus.“ Romantische Wissenspoetik. Die Künste und die Wissenschaften um 1800. Hg. Gabriele Brandstetter und Gerhard Neumann. Würzburg:Königshausen & Neu- mann, 2004. 91-122. Druck. ---. Magnetische Fiktionen. Literarisierung des Mesmerismus in der Romantik. Stuttgart: Metzler, 1995. Druck. Mesmerismus Und Wahnsinn In „Das GelÜbde“76 ---. „Darstellungsformen von Leib und Seele in Fallgeschichten des Animalischen Magnetis- mus.“ Der ganze Mensch. Anthropologie und Literatur im 18. Jahrhundert. DFG-Symposion 1992. Hg. Hans-Jürgen Schings. Stuttgart: Metzger, 1994. 214-241. Druck. Brandstetter, Gabriele, und Gerhard Neumann. Einleitung. Romantische Wissenspoetik. Die Künste und die Wissenschaften um 1800. Hg. Gabriele Brandstetter und Gerhard Neumann. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2004. Druck. Bryson, Liane. „Hoffmann’s Use of the Natural Sciences in ‚Der golden Topf.‘“ Monatshefte 91.2 (1999): 241-255. Web. 18 Juni. 2011. Catani, Stephanie. „Der Wahnsinn hat Methode. Das ‚Andere der Vernunft‘ in E.T.A. Hoff- manns Erzählung ‚Das Gelübde.‘“ Zeitschrift für Deutsche Philologie 129.2 (2010): 173-184. Web. 18 Juni. 2011. Ego, Anneliese. Animalischer Magnetismus oder Aufklärung. Eine mentalitätsgeschichtliche Studie zum Konflikt um ein Heilkonzept im 18. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neu- mann, 1991. Druck. Frevert, Ute. „Mann und Weib, und Weib und Mann.“ Geschlechter-Differenzen in der Moderne. München: Beck, 1995. Druck. Gaderer, Rupert. 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Was treibt die Literatur zur Medizin? Ein kulturwissenschaftlicher Dialog. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2009. Druck. ---, und Florian Steger, Hg. Literatur und Medizin. Ein Lexikon. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2005. Druck. Kluge, Carl Alexander Ferdinand. Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel. Berlin: Realschulbuchhandlung, 1818. Druck. Koschorke, Albrecht. „Physiological Self-Regulation: The Eighteenth-Century Modernisation of The Human Body.“ German issue of MLN 123.3 (April 2008): 469-484. Web. 12 Aug. 2011. ---. „Poiesis des Leibes. Johann Christian Reils romantische Medizin.“ Romantische Wissenspo- etik. Die Künste und die Wissenschaften um 1800. Hg. Gabriele Brandstetter und Gerhard Neumann. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2004. 259-286. Druck. Müller, Maik M. „Phantasmagorien und bewaffnete Blicke. Zur Funktion optischer Apparate in E.T.A. Hoffmanns Meister Floh.“ E. T. A. Hoffmann-Jahrbuch 11 (2003): 104-121. Druck. 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