Focus on German Studies 20 79 Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen? Macht Und MÜnze In Schillers Wallenstein-Trilogie Nina Peter Freie Universität Berlin Schon seit dem 7. Jh. v. Chr. kommen Münzen als Geld zum Einsatz; fast ebenso lang ist die Geschichte bildlicher Darstellungen auf Münzen. Geldstücke dienen nicht nur als Zahlungsmittel, sondern haben einen Symbolcharakter, der häufig in nicht-ökonomische Gesellschaftsbereiche hineinreicht (Eckhart). Seit der Antike ist die Tradition verbreitet, Herrscherbildnisse auf Münzen zu prägen (Manders). Nicht nur dienen die monetären Darstellungen der Könige, Kaiser und Machthaber als Ga- rant für den Wert der Münze, umgekehrt legitimiert und veranschaulicht die greifbare Münze—zumindest auf den ersten Blick—deren Herrschaftsanspruch: Kopf und Zahl: die Psychologie des klassischen Münz- (und auch des Papier) Geldes ist eher schlicht. Kopf und Zahl ergänzen einander zum Inbegriff des Geltenden, sie runden sich zum Inbegriff des Wertvollen— kurzum: Die beiden Seiten einer Münze gehören und halten ersichtlich zusammen. Sie decken einander. (Hörisch 13) In dieser symbolischen Funktion taucht die Münze im ersten Teil von Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie auf: Sie wird von einer der Figuren als (vermeintlicher) Beleg für die Macht des Feldherren Wallenstein angeführt. Schillers 1798 in Weimar uraufgeführtes Drama Wallensteins Lager thematisiert die „herrschaftsstiftende Bedeu- tung des Münzbildes“ (Fried 22). Die Wallenstein-Münze ist hier—so soll im Fol- genden veranschaulicht werden—nicht nur historisches Requisit, das auf der Bühne Geschichte anschaulich werden lässt, sondern wird darüber hinaus zum poetischen Symbol, in dem sich unterschiedliche Themen und Konflikte der Trilogie verdichten. Der Aufsatz wird zunächst die ökonomiegeschichtliche Grundlage für den Verweis auf die Münze im literarischen Text rekonstruieren, bevor vor diesem Hintergrund ihre Bedeutung als poetisches Symbol im Drama analysiert werden soll. Die Münze in Wallensteins Lager In einer der wenigen Passagen, die zu ihrem Verständnis auf einen deiktischen Verweis angewiesen ist—im Dramentext in Form einer Regieanweisung realisiert: „(Eine Münze zei- gend)“ (Wallensteins Lager 871)2—lässt Schiller einen der Soldaten eine Wallenstein-Münze vorweisen. Die Münze wird von dem Soldaten eingesetzt, um die von ihm behauptete Unabhängigkeit Wallensteins von den kaiserlichen Befehlen zu belegen. Steht am Ende Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?80 von Wallensteins Lager zwar ein Bekenntnis der Soldaten zu Wallenstein (Wallensteins Lager 1029–1034),3 so erweisen sich Wallensteins Befehlsbefugnisse und seine Macht dennoch bereits im Auftaktstück der Trilogie als problematisch (Kaiser 325). Wallensteins Stellung ist innerhalb seiner im Winter 1633/34 in Pilsen stationierten Armee umstritten, seine Absichten und Pläne sind unklar. Der erste Teil der Trilogie, in dem der Feldherr selbst— mit Ausnahme seiner Repräsentation auf der Münze—nicht auftritt, lässt die Armeeange- hörigen verschiedene Wallenstein-Bilder und divergierende Einschätzungen des Feldherren entwerfen. Die Frage nach der Legitimität und den Grenzen seiner Befehlsgewalt wird zum Anlass von Diskussionen und Streit unter den Soldaten. Zwischen dem Arkebusier aus Octavio Piccolominis Regiment und dem Wachtmeister aus dem Regiment Terzkys kommt es zu „Zank und Zwist“ (Wallensteins Lager 888) hinsichtlich der Frage, ob die Soldaten im Falle des sich anbahnenden Konfliktes4 der Befehlsgewalt Wallensteins oder der des Kaisers unterstehen. Während der Arkebusier die Armee als Streitkraft des Kaisers versteht, die diesem—nicht anders als Wallenstein selbst—Gehorsam zu leisten habe („Der Herzog ist gewaltig und hochverständig; / Aber er bleibt doch, schlecht und recht, / Wie wir alle des Kaisers Knecht,“ Wallensteins Lager 855–857), behauptet der Wachtmeister, Wallenstein könne unabhängig vom Kaiser über die Armee verfügen. Er bekräftigt das unter den Soldaten verbreitete Gerücht von Wallensteins uneingeschränkter Macht über die Armee („Ja, ja, ich hörts immer so erzählen, / Der Friedländer hab hier allein zu befe- hlen,“ Wallensteins Lager 845–846) durch eine Aufzählung der Wallenstein angeblich von Ferdinand II. schriftlich zugebilligten militärischen, politischen und richterlichen Kom- petenzen: „Absolute Gewalt hat er, müsst ihr wissen, / Krieg zu führen und Frieden zu schließen, / Geld und Gut kann er konfiszieren, / Kann henken lassen und pardonieren, / Offiziere kann er und Obersten machen“ (Wallensteins Lager 848–852). Da der Arkebusier der Behauptung der ‚absoluten Gewalt‘ Wallensteins keinen Glauben schenkt, greift der Wachtmeister schließlich—buchstäblich—auf die Münze zurück und bringt sie als an- schauliches und doch problematisches machtpolitisches Argument zum Einsatz, das seinen Worten mehr ‚Gewicht‘ verleihen soll: „Wollt ihr mein Wort nicht gelten lassen, / Sollt ihrs mit Händen greifen und fassen. / (Eine Münze zeigend) Wes ist das Bild und Gepräg?“ (Wallensteins Lager 869–871, Hervorhebung im Original). Die Antwort kommt von der Marketenderin, die das Bildnis des Feldherren auf der Münze erkennt: „Ei, das ist ja ein Wallensteiner!“ (Wallensteins Lager 872). Die Wallenstein-Münze mit dem Abbild des Her- zogs und Feldherrn, seine Befugnis zur Münzprägung, legitimiert—so die Argumentation des Wachtmeisters—eine Verweigerung der militärischen Befehle des Kaisers: „Na, da habt ihrs, was wollt ihr mehr? / Ist er nicht Fürst so gut als einer? / Schlägt er nicht Geld, wie der Ferdinand? / Hat er nicht eigenes Volk und Land? / Eine Durchlauchtigkeit lässt er sich nennen! / Drum muss er Soldaten halten können“ (Wallensteins Lager 873–878). Gleich auf mehrfache Art und Weise ist dieser vermeintliche Machtbeleg jedoch prekär und nur bedingt belastbar. Zunächst weist der Wachtmeister der Wallen- stein-Münze eine weit höhere Aussagekraft zu, als dieser tatsächlich zukommt: Aus dem ordnungspolitischen Recht zur Münzprägung lassen sich keineswegs Schlüsse über Walleinsteins militärische und politische Befugnisse als General der kaiserlichen Armee ziehen, wie der folgende ökonomiegeschichtliche Überblick über Wallensteins Münzprägungen zeigen wird. Inwiefern das Medium der Münze darüber hinaus weni- ger die glaubhafte Legitimierung von Macht leistet, als vielmehr deren ‚Prekär-Werden‘ veranschaulicht, steht anschließend im Mittelpunkt der Untersuchung. Focus on German Studies 20 81 Wallensteins Münzen Albrecht von Wallenstein, einer der wichtigsten Feldherren des Dreißigjährigen Krieges und Vorbild für Schillers Wallenstein-Trilogie, war nicht nur „der erfolgreichste Kriegsunternehmer“ (G. Schmidt 37) und Wirtschafter seiner Zeit (Mann 260),5 er war sich auch des machtsymbolischen Potentials der Münze bewusst. Wallenstein setzte Münzen gezielt zur Repräsentation und Stabilisierung seiner Herrschaft ein. Explizit brachte er seine Absicht zur Nutzung der Münzen als „Medien politischer Herrschafts- umsetzung“ (Fried 23) zum Ausdruck: In einem Brief aus dem Dezember 1628 erklärte Wallenstein (wie zuvor schon 1626, Meyer 31), er wolle—anders als im 17. Jh. üblich— aus der Münzprägung keinen ökonomischem Nutzen ziehen, sondern sie solle ihm al- lein zur Ausweitung seiner Bekanntheit und der Stabilisierung seiner Herrschaft dienen. Wallenstein betonte, „ich wolle nicht, daß die Groschen- und Kreuzerstücke mit dem kaiserlichen Adler geprägt werden, obzwar es mir einen viel größeren Nutzen verschaf- fen würde. Ich thue es aber nicht des Nutzens, sondern der Reputation wegen“ (zitiert nach Förster 385). Damit handelte Wallenstein „von dem Grundsatze ausgehend, dass ein Fürst durch sein Bild auf circulierenden Münzen dem gemeinen Manne näher tritt und bekannter wird“ (Meyer 27). In Briefen gab er ab 1626 immer wieder genaue An- weisungen für die Gestaltung der Münzen, achtete auf die Wiedererkennbarkeit seines Bildnisses und die richtige Nennung seiner Titel (Meyer 31; Förster 386). Wallenstein begann mit der Münzprägung unmittelbar nachdem der Kaiser eines seiner nach dem böhmischen Aufstand erworbenen Territorien 1624 zum Fürstentum Friedland erhoben hatte (Meyer 28). Ein Jahr später ernannte Ferdinand II. Wallenstein zum Herzog von Friedland. Für Wallenstein, der 1583 als böhmischer Landadliger geboren wurde, war der Aufstieg in den Reichsfürstenstand eine bedeutende Standeserhöhung, die er auf seinen Münzen „in Szene“ (Fried 22) setzte: Prägte er zunächst noch Münzen mit dem Abbild des Kaisers (Meyer 28), so zeigen die ab 1626 geprägten Münzen ein Bildnis Wallensteins auf der Vorderseite und das Wappen Wallensteins—den friedländischen Adler und die vier Löwen seines Familienwappens—auf der Rückseite (Abb. 1 und 2).6 Abb. 1: Groschen aus der Prägestätte Gitschin (Jičín) aus dem Jahr 1628. Die Vorderseite zeigt ein Bildnis Wallensteins; die Inschrift (ALBER D G DVX FRIDLAN) weist ihn als Herzog von Friedland aus (Albertus Dei Gratia Dux Frid- landiae). Die Sonne ist das Münzmeisterzeichen von Georg Reick, der in Gitschin tätig war (Münzkabinett). (Bildrechte: Münzenhandlung Manfred Olding, Osnabrück). Abb. 2: Die Rückseite des Groschens zeigt den friedländischen Adler, der die vier Löwen der Herren von Waldstein auf der Brust trägt. Die Inschrift (SAC RO IM PRIN) weist Wal- lenstein als Reichsfürsten des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation (Sacri Romani Imperii Princeps) aus (Lenz, Bredehorn und Winiarczyk 204). (Bildrechte: Münzenhand- lung Manfred Olding, Osnabrück). Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?82 Wallenstein, der zugleich als oberster Heerführer, Kriegs- und Rüstungsun- ternehmer und Finanzier der kaiserlichen Armee fungierte (Rebitsch 143), er- warb im Laufe der Zeit zahlreiche Territorien und wurde vom Kaiser mit weit- eren landesherrlichen und militärischen Titel bedacht—einer der wichtigsten war seine Ernennung zum Herzog von Mecklenburg 1628—die er ebenfalls auf seinen Münzen prägen ließ.7 An dem Wandel des Aussehens der von Wallenstein emit- tierten Münzen lassen sich sein Aufstieg und die zunehmende Ausweitung seiner Herrschaft ablesen: Zeigten die frühen Wallenstein-Münzen zunächst lediglich das Friedländische Wappen kombiniert mit Wallensteins Familienwappen, so ist Wallensteins Wappen auf den Münzen, die ab 1629 geprägt wurden, meist um die heraldischen Zeichen seiner neuen Territorien erweitert. Da Wallensteins Lager im Winter 1633/1634 spielt, könnte der Wachtmeister gut eine solche spätere Münze in der Hand halten, beispielsweise den hier abgebildeten Groschen aus dem Jahr 1630 (Abb. 3 und 4).8 Besonders deutlich wird Wallensteins Einsatz der Münzen als Herrschaftssymbol am abgebildeten zehn Dukaten-Stück aus dem Jahr 1630 (Abb. 5 und 6). Nach wie vor zeigt die Vorderseite der Dukaten-Münze ein Bildnis Wallensteins (Abb. 5). Inzwischen hat der Feldherr so viele Titel, dass Vorderseite und Rückseite zu ihrer Aufzählung nötig sind: Die Inschrift auf der Vorderseite („ALBERT D G DVX ME GA FRID ET SA PR VA“, eine Abkürzung für ‚Albertus dei gratia dux Megapol- itanus Fridlandiae et Sagani princeps Vandalorum‘) nennt Wallensteins Titel als Her- zog von Mecklenburg, Friedland und Sagan und als Fürst von Wenden. Die Inschrift auf der Rückseite (Abb. 6) („COM SVER DO ROS ET STARGAR“ als Abkürzung für ‚comes Suerini dominus Rostochii et Stargardiae‘) setzt die Aufzählung fort und weist Wallenstein als Graf zu Schwerin sowie als Herr zu Rostock und Stargard aus (Münzkabinett; Deutsche Bundesbank, „Glanzstücke“). Abb. 3: Groschen aus der Prägestätte Sagan von 1630. Die Vorderseite zeigt Wallensteins Bildnis und benennt ihn als Herzog (DVX) von Mecklenburg (MEG), Friedland (FRI) und Sagan (SA). (Bildrechte: Münzenhandlung Manfred Olding, Osnabrück). Abb. 4: Die Rückseite des Groschens aus dem Jahr 1630 ergänzt die Aufzählung von Wallensteins Titeln und benennt ihn als Graf (COM) von Schwerin (SVER) und Herr (DO) zu Rostock (ROS) und Stargard (ST). Außerdem sind hier die Wappen von Mecklenburg (Büffelkopf ), Friedland (Ad- ler) und Sagan/Flinsberg (Engel und Löwe) zu sehen. (Bil- drechte: Münzenhandlung Manfred Olding, Osnabrück). Focus on German Studies 20 83 Während auf dem Groschen—vermutlich aus Platzgründen—lediglich die Wappen der drei Herzogtümer Wallensteins zu sehen sind (Abb. 4), zeigt die Du- katenmünze ein erweitertes Wappen, bestehend aus acht Feldern (Abb. 6). Das obere mittlere Feld ist dem Friedländischen Adler vorbehalten, darunter steht an zentraler Stelle Wallensteins Familienwappen mit den vier Löwen der Herren von Waldstein. Diese bereits von den ersten Münzen Wallensteins bekannten Wappen werden durch die heraldischen Zeichen der neu erworbenen Güter und verliehenen Titel ergänzt: Oben links steht ein gekrönter Büffelkopf mit Visier und Nasenring für das Herzogtum Mecklenburg. Der Engel im oberen rechten Feld steht für das 1627 erworbene und 1628 als Erblehen übertragene Herzogtum Sagan, darunt- er sieht man einen kleinen Löwen für die Herrschaft Flinsberg, die Wallenstein etwa zeitgleich mit Sagan erwarb. Der Büffelkopf mit herausgestreckter Zunge im linken mittleren Feld repräsentiert das Fürstentum der Wenden; im mittleren rechten Feld ist der quer geteilte Schild der Grafschaft Schwerin zu sehen. Links unten steht ein Greif, der Wallensteins Herrschaft in Rostock anzeigt; rechts unten wird das Wappen durch einen geharnischten Arm mit Diamantring abgeschlossen, der für die Herrschaft Stargard steht. Umgeben wird das Wappen von der Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, dem Wallenstein ab 1628 angehörte (Fried 27);9 bedeckt wird es vom Fürstenhut.10 Auf diese Weise repräsentiert die Münze mit Ausnahme der militärischen Ränge alle Titel und Territorien Wallensteins. Sie di- ente Wallenstein als Zeichen seiner Landesherrschaft und bezeugt als Artefakt, bildlich und schriftlich, seinen Aufstieg zum reichen und einflussreichen Herzog und Landesherren. Das monetäre (Massen-)Medium wird zum Kommunikation- smittel der Macht und der Herrschaft Wallensteins (Deutsche Bundesbank, „Das besondere Objekt“). Abb. 6: Die Rückseite der Zehn-Dukaten-Münze setzt die Aufzählung von Wallensteins Titeln fort. Sie weist Wallen- stein als Graf zu Schwerin sowie als Herr zu Rostock und Stargard aus und zeigt Wallensteins erweitertes Wappen. (Bildrechte: Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Ber- lin, Objekt-Nr. 18201936. Fotograf: Lutz-Jürgen Lübke). Abb. 5: Zehn Dukaten aus der Prägestätte Gitschin (Jičín) aus dem Jahr 1630. Die Inschrift um Wallensteins Bildnis weist ihn als Herzog von Mecklenburg, Friedland und Sa- gan sowie als Fürst von Wenden aus. (Bildrechte: Münz- kabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Objekt-Nr. 18201936. Fotograf: Lutz-Jürgen Lübke). Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?84 Die Münze als Machtsymbol: Rhetorische Verhandlung prekärer Machtverhältnisse Anstatt sie einer ähnlich genauen Lektüre zu unterziehen, (über-)interpretiert der Wachtmeister die Wallenstein-Münze und ihre Machtsymbolik. Er deutet sie zwar richtig als Statussymbol und Herrschaftszeichen, schreibt ihr jedoch eine weit größere Aussagekraft zu, als ihr tatsächlich zukommt. In der Argumentation des Wachtmeis- ters gibt die Münze Wallenstein auch jenseits der rein ordnungspolitischen Befugnis des Münzprägens und des symbolischen Verweises auf seinen Status als Landesherr einen machtpolitischen ‚Kredit‘. Er wertet den Symbolgehalt der Münze auf, indem er aus ihr eine Vergleichbarkeit von Wallenstein und dem Kaiser abzuleiten versucht: „Schlägt er nicht Geld wie der Ferdinand?“ (Wallensteins Lager 875). Mittels der rhetorischen Frage—die faktisch zu bejahen ist—versucht der Wachtmeister, seinem Gegenüber zugleich die Zustimmung zur militärischen Gleichwertigkeit von Wallen- stein und Kaiser zu entlocken (Wallensteins Lager 878). Die Münze lässt Wallenstein— zumindest in den Augen des Wachtmeisters—mächtig und dem Kaiser ebenbürtig erscheinen, wenn sie auch diese Ebenbürtigkeit keineswegs belegt, sondern durch das ‚gewachsene Wappen‘ lediglich Zeugnis von Wallensteins Aufstieg, von seinen durch militärische Verdienste und ökonomische Transaktionen erlangten Territorien und Titeln ablegt. Die Münze generiert „symbolisches Kapital.“11 Damit dient der rhetorische Verweis auf die Münze keineswegs einer tatsächlichen Klärung der Machtverhältnisse zwischen Kaiser und Feldherren, vielmehr führt er vor Augen, dass Macht sich in der historischen Situation von Wallensteins Lager nicht zuletzt auch in einem Zuschreibungs- und Aushandlungsprozess konstituiert. Legit- imation ergibt sich nicht mehr automatisch aus einem traditionell etablierten Ord- nungsgefüge, vielmehr herrscht eine fundamentale Unklarheit und Unsicherheit hin- sichtlich der Frage, auf welcher Grundlage Macht und Herrschaft beruht: „one of the specifically modern aspects of the play is that there is no longer a universally accepted basis of legitimacy“ (Sharpe 248). Das Undenkbare, die Infragestellung der Macht und Befehlshoheit des Kaisers durch einen einzelnen Untertanen, seinen Feldherren, wird durch Wallenstein in der historischen Situation des Dreißigjährigen Krieges denkbar und möglich: Wallensteins Aufstieg erschüttert die etablierte politische Ord- nung des Reiches. War das Heilige Römische Reich deutscher Nation im 16. und 17. Jh. zwar ein föderatives Gebilde, in dem der Kaiser keineswegs mit absolutistischen Herrschaftsbefugnissen ausgestattet war,12 so verfügte er doch über weitreichenden Einfluss und sah seine Stellung zu keinem Zeitpunkt ähnlich bedroht und heraus- gefordert wie durch seinen Feldherren Wallenstein (Hartmann 58). Historisch lässt sich das ‚Prekär-Werden‘ der Macht, das zu den Diskussionen unter den Soldaten in Wallensteins Lager führt, auf die sogenannten Göllersdorfer Vereinba- rungen zurückführen. Die vom Wachtmeister behaupteten Rechte Wallensteins—die Befehlshoheit über die Armee ohne Einspruchsrecht des Kaisers sowie die Befugnisse, Besitztümer der eroberten Gebiete zu konfiszieren, innerhalb der Armee Recht zu sprechen, Offiziere zu ernennen und eigenständig diplomatische Verhandlungen zu führen—sind als Forderungen Wallensteins historisch überliefert: Nur unter Zubilli- gung dieser Vollmachten, so erklärte Wallenstein 1631, sei er bereit, erneut die Leitung des kaiserlichen Heeres zu übernehmen (Polišenský und Kollmann 236; Diwald 482). Focus on German Studies 20 85 Es gibt Indizien dafür, dass Ferdinand II. ein Jahr später angesichts der verzweifelten Kriegslage—die schwedische Armee war im Mai 1631 in München einmarschiert und damit nur noch wenige hundert Kilometer von Wien entfernt—bereit war, Wallen- steins umfassende Forderungen zu akzeptieren und ihn mit der vom Wachtmeister behaupteten absoluten Gewalt auszustatten (Diwald 487; Rebitsch 40). Am 13. April 1632 kam es zu einer Einigung zwischen dem kaiserlichen Repräsentanten Eggen- brecht und Wallenstein in Göllersdorf: Wallenstein übernahm erneut das Generalat über die kaiserlichen Truppen. Die sogenannten Göllersdorfer Vereinbarungen sind jedoch in keinem Dokument überliefert, so dass unklar bleibt, mit welchen Befehls- und Verhandlungskompetenzen Wallenstein tatsächlich während seines zweiten Gen- eralats ausgestattet war (Mortimer 145; Rebitsch 40; Polišenský und Kollmann 238). Selbst wenn man von der Existenz eines Vertrages zwischen Kaiser und Feldherren aus- geht, der Wallenstein die genannten Rechte einräumt,13 so ergibt sich dennoch ein un- lösbarer Konflikt zwischen den „Eidespflichten“ (Die Piccolomini 1307), die Wallen- steins Regimentsführer an den Kaiser binden, und dem Anspruch Wallensteins „[d]ass alle Kaiserheere mir gehorchen“ (Die Piccolomini 1248). Bleiben die Machtbefugnisse Wallensteins also—ob mit oder ohne Vertrag—rechtlich ungeklärt, so entsteht eine Lücke, in der Gerüchte, Intrigen, persönliche Überzeugungen und symbolische Op- erationen wie der Verweis des Wachtmeisters auf die Münze ihre Wirkung entfalten können. Die Wallenstein-Trilogie thematisiert eine historische Situation, in der die politische Ordnung und die klar gestaffelte gesellschaftliche Hierarchie in Auflösung begriffen—aber zugleich auch: keineswegs bereits aufgelöst sind—sind. Die Basis der Macht: Armee und Söldnertum Das kursierende Gerücht von Wallensteins absoluter Macht kann in dieser un- geklärten Situation eine performative Dimension gewinnen. Die „Wallensteiner“ (Wallensteins Lager 872)—so die im Drama verwendete Bezeichnung für Wallensteins Münzen—erzeugen „Wallensteiner“ (Wallensteins Lager 756), also Soldaten, die für Wallenstein Partei ergreifen. Dass die Soldaten und die Münzen im Auftaktstück mit demselben Begriff bezeichnet werden, ist wohl kaum ein Zufall, stehen doch beide im Zentrum der im Auftaktstück entfalteten und für die weitere Handlung der Trilo- gie konstitutiven Machtproblematik. Nicht wer Macht ‚hat‘—eine, wie oben gezeigt, nicht zu beantwortende Frage—erweist sich als entscheidend, sondern wer Macht überzeugend behaupten kann. Wer die Armee von seiner Befehlshoheit überzeugt und wem es gelingt, sich die Heerführer zu verpflichten, der ist tatsächlich mächtig. Die Münze verweist gleich zweifach auf diese Hervorbringung der Macht. Einerseits leistet sie, wie am Wachtmeister abzulesen ist, als politisches Massenmedium Überze- ugungsarbeit unter den Soldaten; andererseits macht sie als Zahlungsmittel auf eine weitere wichtige Konstituente der Macht aufmerksam: die Kriegsökonomie und das Söldnertum. Sie verweist auf Besitz, Unternehmertum und Zahlungsfähigkeit als eine neuzeitliche Konstituente der Macht, die konkurrierend neben die traditionelle Ord- nung tritt.14 Ferdinand II. war finanziell von seinem Feldherrn abhängig und auf des- sen Darlehen und die Vorfinanzierung der Armee angewiesen. Wird der Kaiser zum „größte[n] Schuldner“ (Rebitsch 143) eines seiner Untertanen, so ergibt sich auch auf Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?86 ökonomischer Basis eine prekäre Machtverschiebung, die den (un-)besoldeten Soldat- en in der Armee nicht verborgen bleibt und die „Stimmung“ (Die Piccolomini 873) im Heerlager beeinflusst. Wiederholt ist im Drama von der Geldnot des Kaisers und dem ausstehendem Sold die Rede. In der Diskussion zwischen Wachtmeister und Arkebus- ier stellt der Trompeter klar: „Wer uns nicht zahlt, das ist der Kaiser! / Hat man uns nicht seit vierzig Wochen / Die Löhnung immer umsonst versprochen?“ (Wallensteins Lager 883–885, Hervorhebung im Original). Demgegenüber erscheint Wallenstein als verlässlicher Versorger der Soldaten (Wallensteins Lager 882–885; 703 und 748–756). Es ist wiederum der Wachtmeister, der die ökonomischen Interessen der Soldaten besonders prägnant als Argument für die Parteinahme für Wallenstein anführt: „So nehmen sie uns auch noch den Feldhauptmann - / Sie sind ihm am Hofe so nicht grün, / Nun da fällt eben alles hin! / Wer hilft uns dann wohl zu unserm Geld? / Sorgt, dass man uns die Kontrakte hält?“ (Wallensteins Lager 775–779). Der Argumentation des Wachtmeisters zufolge hätte eine Absetzung Wallensteins eine allumfassende Zah- lungsunfähigkeit zur Folge: „Es wird alles bankerott“ (Wallensteins Lager 816).15 Dennoch ergibt sich auch durch die Besoldung kein klares Bild, wer ‚eigentlicher‘ Befehlshaber der Armee ist: Verweist der Wachtmeister zwar auf Wallenstein als Zah- lungsgarant, so betont der Arkebusier, dass trotz der Mittlerfunktion Wallensteins eben doch der Kaiser ‚Arbeitgeber‘ und damit rechtmäßiges Befehlsoberhaupt der Soldaten ist: „wer uns bezahlt, das ist der Kaiser“ (Wallensteins Lager 881).16 Auch die ökono- mische Seite des Krieges und des Machtkampfes, auf die die Münze verweist, ist von Unsicherheiten und heterogenen Deutungen bestimmt. Dass auch die Kriegsökono- mie kein klares Bild der Machtverhältnisse zeichnet, führt auch auf dieser Ebene vor Augen, dass Schillers Trilogie eine Umbruchsituation (Krobb 101) zum Thema macht, in der Macht zwar nicht mehr getrennt von wirtschaftlicher Zahlungsfähigkeit zu den- ken ist,17 aber zugleich die traditionelle Loyalitätslogik, die Kaisertreue als unbedingte Verpflichtung vorsieht, nicht außer Kraft gesetzt ist: ausdrücklich weigert sich Octavio Piccolomini, sich Wallenstein „zu verkaufen“ (Die Piccolomini 2385) und beharrt auf seiner Verpflichtung dem Kaiser gegenüber („Hier gilts, mein Sohn, dem Kaiser wohl zu dienen,“ Die Piccolomini 2459). Münze versus Zepter: Zwei Herrschaftsmodelle Die in der Münze zum Ausdruck kommende Infragestellung der „alten, engen Ordnung …“ (Die Piccolomini 463), die den Kaiser an der Spitze des Reiches sie- ht, wird umso deutlicher, wenn man den Umgang des Wachtmeisters mit einem der traditionellen Herrschaftszeichen einer näheren Betrachtung unterzieht. Unternimmt der Wachtmeister einerseits eine Aufwertung der Münze als Machtsymbol, so beraubt er andererseits in einer gegenläufigen rhetorischen Operation eines der traditionellen Herrschaftsinsignien, das Zepter des Kaisers, seiner symbolischen Bedeutung. Er liest es nicht, wie allgemein üblich, als Zeichen (‚Insignie‘) der Macht, sondern reduziert es auf einen Alltagsgegenstand ohne übertragene Bedeutung: „Und das Zepter in des Königs Hand / Ist ein Stock nur, das ist bekannt“ (Wallensteins Lager 433–434). Indem der Wachtmeister das Zepter mit dem militärischen Korporalstock gleichsetzt (Wal- lensteins Lager 430; Krobb 14), leugnet er nicht nur seine symbolische Aussagekraft, Focus on German Studies 20 87 sondern nimmt zugleich eine radikale Umdeutung vor. Das Zepter ist nicht länger Zeichen des Monarchen, sondern es wird im Gegenteil zum Zeichen für eine neue gesellschaftliche „Offenheit“ und „Fluidität“ (Krobb 15), die selbst einfachen Soldaten bisher undenkbare Aufstiegsmöglichkeiten ermöglicht, deutet der Wachtmeister doch an, dass in der historischen Situation des Dreißigjährigen Krieges selbst ein Korporal zum Kaiser werden oder zumindest dessen Macht erlangen könne (Krobb 14): „Und wers zum Korporal erst gebracht, / Der steht auf der Leiter der höchsten Macht“ (Wal- lensteins Lager 435–436). Insofern die Münze, wie oben veranschaulicht, Wallensteins Aufstieg ausweist, kann sie zwar nicht Wallensteins Befehlsautonomie beweisen, wohl aber dem Wachtmeister und den anderen Soldaten als anschaulicher und greifbarer Beleg für die erhofften neuen Aufstiegsmöglichkeiten dienen, die es auch einfachen Soldaten unabhängig von ihrem Stand und ihrer Geburt ermöglichen sollen, durch „Verdienst“ (Wallensteins Lager 447) „groß“ (Wallensteins Lager 457) zu werden.18 Die Aufwertung der Münze als Machtsymbol basiert damit nicht zuletzt auf der Vorstel- lung, dass Wallensteins bislang schon vollzogener und in der Münze dokumentierter Aufstieg eine neue gesellschaftliche ‚Durchlässigkeit‘ be- und erzeugt, die selbst die Macht des Kaisers nicht länger unantastbar erscheinen lässt: Ja, und der Friedländer selbst, sieht Er, Unser Hauptmann und hochgebietender Herr, Der jetzt alles vermag und kann, War erst nur ein schlichter Edelmann, Und weil er der Kriegsgöttin sich vertraut, Hat er sich diese Größ erbaut, Ist nach dem Kaiser der nächste Mann, Und wer weiß, was er noch erreicht und ermisst, (pfiffig) Denn noch nicht aller Tage Abend ist. (Wallensteins Lager 448–456, Hervorhebung im Original) Paradigmatisch verkörpert der vom Wachtmeister ebenfalls als „Exempel“ (Wal- lensteins Lager 439) aufgeführte Buttler das Prinzip einer nicht-ständischen, meri- tokratischen Gesellschaftsordnung, die die traditionelle Ordnung herausfordert und einen Aufstieg unabhängig von der ererbten Standeszugehörigkeit ermöglicht (Kro- bb 24). Auch Buttler referiert in der Beschreibung der Aufstiegsmöglichkeiten in der Kriegssituation auf eine Münze: „Es ist ein großer Augenblick der Zeit, / Dem Tap- fern, dem Entschlossenen ist sie günstig. / Wie Scheidemünze geht von Hand zu Hand, / Tauscht Stadt und Schloss den eilenden Besitzer. / Uralter Häuser Enkel wandern aus, / Ganz neue Wappen kommen auf und Namen“ (Die Piccolomini 2013–2018, meine Hervorhebung). Dieses zweite Auftauchen des Münzmotivs innerhalb der Wallenstein-Dramen spielt auf eine grundlegende Unwägbarkeit des Monetären an: Als Scheidemünze bezeichnet man Münzen, deren Nominalwert und Materialwert voneinander abweichen, also Münzen deren Metallgehalt nicht mit der aufgeprägten Angabe übereinstimmt. Steht die Münzmetapher hier für das schnelle ‚Zirkulieren‘ von Besitz und Titeln, das an Wallenstein deutlich wird, der sich tatsächlich neue Wappen erwirbt und einen neuen Namen in die Gruppe der Reichsfürsten einführt, Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?88 so evoziert sie zugleich eine dem Münz-Geld inhärente Unsicherheit und Instabil- ität, die die historische Situation wiederspiegelt: Weder die ‚alte‘, ständische Ordnung, noch die ‚neue‘ Ordnung, die Verdienst mit aufstieg honoriert, scheinen verlässlich Gültigkeit beanspruchen zu können; welches der beiden Herrschaftszeichen gilt, bleibt umstritten.19 Schillers Wallenstein scheint der Grundlage seiner Macht—und der Münze als ihrer Basis und ihrem Symbol—weit weniger zu vertrauen als der Wachtmeister, würde er doch am liebsten sofort Münze gegen Zepter tauschen: Wallenstein beschreibt im letzten Stück der Trilogie nicht nur seinen Aufstieg in wirtschaftlichen Kategorien als Investition, sondern fasst auch seine Tochter metaphorisch im ökonomischen Bild der Münze, die er durch die Verheiratung mit einem König gegen ein Zepter einzutaus- chen hofft. Er verweigert sein Einverständnis zur Ehe zwischen Max und Thekla aus machtpolitischen Gründen, die er wirtschaftlich formuliert: Ließ ich mir’s so viel kosten in die Höh’ Zu kommen, über die gemeinen Häupter Der Menschen weg zu ragen, um zuletzt Die große Lebensrolle mit gemeiner Verwandtschaft zu beschließen? […] Nein, sie [Thekla] ist mir ein langgespartes Kleinod Die höchste, die letzte Münze meines Schatzes, Nicht niedriger fürwahr gedenk ich sie Als um ein Königszepter loszuschlagen. (Wallensteins Tod 1516–1520 und 1531–1534, meine Hervorhebungen) Zwei verschiedene Herrschaftsmodelle stehen einander hier gegenüber: auf der ein- en Seite die traditionelle monarchische Macht—symbolisiert durch das Zepter—auf der anderen Seite die Macht des Aufsteigers Wallenstein, dessen im Lauf der Zeit stark gewachsener Einfluss sich auf militärische und ökonomische Erfolge gründet und sein- en symbolischen Ausdruck in der Münze findet. Dass Wallenstein seinen Aufstieg mit einer „Krone“ (Wallensteins Tod 1522) und eben nicht „fein bürgerlich“ (Wallensteins Tod 1528) abrunden möchte, zeigt, dass er selbst—obwohl der Wachtmeister und Buttler ihn als Vorbild für einen nicht-ständischen Aufstieg durch eigenen Verdienst betrachten (Krobb 14)—nicht auf die Anerkennung und Akzeptanz seiner selbster- worbenen Macht vertraut, sondern sie im traditionellen Ordnungsgefüge durch die Verheiratung seiner Tochter mit einem königlichen Repräsentanten der ‚alten Ord- nung‘ verankern und legitimieren möchte. Die historische Situation Wallensteins ist, so wird durch die politischen Symbole der Münze und des Zepters deutlich, geprägt von einer grundlegenden Unsicherheit hinsichtlich der Frage nach der Legitimation für die Ausübung von Macht. Die Münze und ihre Deckung: Unsicherheit und Unwägbarkeit Das Moment der Unsicherheit und Unwägbarkeit ist mit dem Zahlungsmittel der Münze eng verknüpft: Geltung, Deckung und Wert der Münze bleiben in der Focus on German Studies 20 89 Regel ohne letzte Garantie. Auch unabhängig von der bereits beschriebenen konk- reten ‚Überbelastung‘ der machtpolitischen Aussagekraft der historischen Wallen- stein-Münze wählt der Wachtmeister mit dem Geldstück als Argument für Wallen- steins Macht ein Medium von prekärer Aussagekraft und Belastbarkeit, gewinnt das Geld doch selbst erst durch seinen—der Sprache, für die die Münze dem Wachtmeis- ter zufolge ja eintreten soll, durchaus analogen20—Zeichencharakter seinen spezifisch- en Wert. Geld ist abhängig vom Vertrauen in seine Geltung, es beinhaltet keinen Wert an sich, sondern repräsentiert und behauptet Wert (Schnaas 12). Es wird geschöpft auf Grundlage der kollektiv ‚beglaubigten‘ „Behauptung: Dies Geld sei Geld“ (Schnaas 16, Hervorhebung im Original). „Deckung, Geltung und Autorität des Geldes“ sind also „fragwürdig“ (Hörisch 16) und immer abhängig von externen Beglaubigungs- und Legitimierungsinstanzen. Die Legitimierung eines Herrschaftsanspruchs durch das Medium des Geldes ist somit in der Regel ein zirkulärer Argumentations- und Deckungskreislauf mit durchaus fragiler Aussagekraft: Ein Herrscher verschafft sich nicht zuletzt dadurch Kredit, daß er eine gültige Währung schafft und autorisiert. Der Kopf (ver)leiht der Zahl auf der anderen Seite die Autorität und Geltung, die diese an den Kopf zurückreicht. Und die Zahl auf der Münze verschafft sich Geltung und Anerkennung nicht zuletzt durch die Autorität dessen, der sie emittiert. […] Der Herrscher-Kopf deckt die Geltung der Münz-Zahl, die Münz- Zahl deckt die Autorität des Kopfes. (Hörisch 13)21 Die beschriebene semiotische Fragilität des Geldes gilt umso mehr für die his- torische Situation des Dreißigjährigen Krieges: Vor und während des Krieges wurde das Münzwesen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation immer wieder von Krisen heimgesucht, die ein gründliches Misstrauen in Geltung und Wertstabilität von Münzen ausgelöst haben dürften (Ilisch). Besonders ist hier die sogenannte Kipper- und Wipperzeit zu nennen, eine drastische Münzverschlechterung in den Jahren 1618 bis 1623, die die größte Inflation zur Folge hatte, die das Reich in der Zeit seines Bestehens erlebte, und an deren letzter Phase auch Wallenstein beteiligt war. Da die einzelnen Re- ichsterritorien und Teilstaaten überlassene Prägung von Kleinmünzen bei Beibehaltung des vorgesehenen Silbergehalts nur unter Verlusten zu bewerkstelligen war, kam es ab 1618 zunehmend zu minderwertigen Prägungen von Münzen durch die Erhöhung ihres Kupferanteils zuungunsten des Silbergehalts. Noch im Umlauf befindliche Münzen mit hohem Silbergehalt wurden durch Wiegen (‚Wippen‘) ausfindig gemacht, aussortiert (‚Kippen‘) und zu minderwertigen Münzen eingeschmolzen. Auch das 1622 durch Fer- dinand II. gegründete Münzkonsortium, das seine steigenden Kriegsausgaben decken sollte und dem auch Wallenstein und sein späterer Bankier Hans de Witte angehörten, bediente sich der Praxis der minderwertigen Geldschöpfung (Rebitsch 143). In welchem Umfang Wallenstein ökonomischen Nutzen aus seiner Beteiligung am Münzkonsor- tium zog, ist umstritten (Rebitsch 146; Mortimer 39), sicher lässt sich jedoch sagen, dass die Prägung minderwertiger Münzen durch das Konsortium wesentlich zum Entstehen der Inflation beitrug. In den Jahren 1623 und 1624 wurde das ‚Kippergeld‘ eingezogen und eine Rückkehr zu einer stabileren Prägeordnung vollzogen (North 100). Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?90 Als Beglaubigungsinstanz für Machtansprüche erweist sich Geld somit als problema- tisch. Das Münzgeld wurde (und wird) zwar immer wieder als symbolische Repräsenta- tion von Herrschaft eingesetzt und kann als solche großen Einfluss entwickeln, ist aber grundsätzlich—und besonders in der Kriegsökonomie des 17. Jh.—alles andere als ein vertrauenswürdiges Medium und somit als Legitimationsinstanz durchaus fragwürdig. Der Wachtmeister wählt zur Unterstützung seiner Aussage über Wallensteins Macht also—angesichts der ungeklärten Machtverhältnisse passenderweise—ein Medium, das sich einem grundlegenden Zweifel hinsichtlich seiner Deckung und Belastbarkeit ausgesetzt sieht und das grundsätzlich nur per Konvention, durch den kollektiven Glauben gilt. Auch wenn Wallenstein sehr darauf achtete, dass an der Legierung der von ihm emittierten Münzen nie etwas auszusetzen war (Mann 265)—wohl weil er wusste, welche fatalen Konsequenzen ein minderwertiger Silbergehalt für seine ‚Repu- tation‘ haben würde—so gab es doch, gerade vor dem Hintergrund seiner Involviert- heit in das Münzkonsortium, keinerlei Garantie für die Wertstabilität seiner Münzen. Im Anschluss an Georg Simmels Philosophie des Geldes (1900) beschreibt Fulda den Zweifel an der Existenz von Substanzwerten, der sich in der Moderne durchgesetzt hat und sich im Medium des Geldes paradigmatisch geltend macht: Sich auf Werte zu beziehen heißt, eine inkontingente Substanz zu be- mühen, sie für eine bestimmte Position geltend zu machen oder, anders formuliert, den Wert dieser Position zu enthüllen. Wechselndes Han- deln und vorauszusetzenden Wert hält dieses Modell streng auseinander; wären Werte verhandelbar, so ginge ihre Orientierungsleistung verloren. Derartige Substanzwerte sieht die moderne Kulturtheorie hingegen nicht mehr vor. … Dies ist die philosophische Bedeutung des Geldes: daß es innerhalb der praktischen Welt die entschiedenste Sichtbarkeit, die deutlichste Wirklichkeit der Formel des allgemeinen Seins ist, nach der die Dinge ihren Sinn aneinander finden und die Gegenseitigkeit der Verhältnisse, in denen sie schweben, ihr Sein und Sosein ausmacht. (22) In Bezug auf die in der Wallenstein-Trilogie dargestellte historische Situation lässt sich diese Überlegung auf die Machtthematik übertragen: Macht ist nicht ‚substantiell‘ gege- ben, sie geht nicht mehr bedingungslos mit einem bestimmten Titel oder einer bestim- mten Stellung in der politischen Ordnung einher, sondern sie muss in einem Aushan- dlungsprozess, im Handeln, erst konstituiert werden. Wallensteins Macht und Einfluss stehen auf vergleichbar (un-)sicheren Füßen wie Geld und Münze, die diese garantieren sollen, sie sind abhängig von Beglaubigung und Legitimierung durch Armee, Bündnispart- ner oder Kaiser. Sie basieren auf der „Stimmung“ (Die Piccolomini 873) unter Heerführern und Soldaten, die Wallenstein einerseits durch Geschenke und finanzielle Unterstützun- gen, andererseits durch persönlichen Appell zu seinen Gunsten zu beeinflussen sucht; auch Wallensteins Drängen auf eine „Verschreibung“ (Die Piccolomini 914) der Generale, das verbindliche „Wort“ (Die Piccolomini 907), unter allen Bedingungen auch gegen den Kai- ser zu ihm zu stehen, ist Teil seiner Strategie der Machterhaltung und -ausweitung—und wirkt zugleich wie ein utopisches Paradox: dass ausgerechnet das Wort nicht bindend ist, führt Wallenstein mit seiner undurchsichtigen Verhandlungspraxis selbst vor. Die Frage Focus on German Studies 20 91 nach der Glaubwürdigkeit Wallensteins und seiner Heerführer verdichtet sich im Drama ähnlich leitmotivisch wie die Frage nach der Legitimation von Macht. Wie die Münze, so sind in Schillers Trilogie auch die Zusicherungen von Unterstützung, das an den Tag gelegte Bündnisverhalten alles andere als belastbar. Dem „Wort“ „Kredit“ (Wallensteins Lager 710) zu geben, erweist sich im Umfeld Wallensteins als gefährlich und unbedacht. Schein, Täuschung und Doppeldeutigkeit bestimmen das politische Agieren fast aller Ak- teure; äußeres Verhalten und innere Absichten treten auseinander, das Wort wird mehr- deutig, verweigert oder gebrochen—in ökonomischen Termini gefasst: der Nominalwert, die öffentlich vertretene Haltung und Position verliert jegliche Deckung auf der Seite der Absichten und Intentionen: „Das Heerlager, der Ort der Handlung ist eine einzige Werk- stätte von Verrat und Gegenverrat“ (Fuhrmann 98). Dies gilt beispielsweise für Octavio Piccolomini, in dem Wallenstein seinen eng- sten Vertrauten sieht, der jedoch tatsächlich im Auftrag des Kaisers an dessen Absetzung arbeitet („meine innerste / Gesinnung hab ich tief versteckt“, Die Piccolomini 2437) oder für Buttler, der—nachdem er erfahren hat, dass Wallenstein ihm (wiederum: angeblich) falsche Tatsachen vorgespiegelt hat, um ihn auf seine Seite zu bringen—insgeheim die Seiten wechselt und, von Wallenstein noch immer für einen treuen Anhänger gehalten, dessen Ermordung vorbereitet. Auch der von Terzky und Illo entworfene Plan, den Gen- eralen eine Unterschrift zu entlocken, die sie zur Unterstützung Wallensteins gegen den Kaiser verpflichtet, basiert auf „Betrug“ (Die Piccolomini 1957) und „Gaukelkunst“ (Die Piccolomini 1320), da sie die Betrunkenen ein „verfälschte[s] Blatt“ (Die Piccolomini 2398) unterzeichnen lassen, in dem eine bei der vorherigen Lektüre noch enthaltene Klau- sel—die Wahrung der Eidespflicht gegenüber dem Kaiser—fehlt. Wallenstein schließlich übertrifft alle anderen in seiner ‚Unlesbarkeit‘ und Unwägbarkeit, in der Verschleierung seiner Absichten und Intentionen; weist sogar selbst auf seine Unkalkulierbarkeit hin, in- dem er jede seiner Äußerungen als potentielles Täuschungsmanöver markiert: „Und woher weißt du,“ fragt Wallenstein Terzky, „dass ich ihn [den Feind: Schweden und Sachsen] nicht wirklich / Zum Besten habe? Dass ich nicht euch alle / Zum Besten habe? Kennst du mich so gut?“ (Die Piccolomini 861–863). Wallensteins „krumme Wege“ (Die Piccolo- mini 847), seine „Masken“ (Die Piccolomini 848), sind nicht kartier- oder durchschaubar; dass auf sein „Wort“ tatsächlich eine „Tat“ (Die Piccolomini 856) folgt, wird durch nichts garantiert: seinen Worten fehlt jede Deckung und Verlässlichkeit. Werden die „Ränke“ (Die Piccolomini 2344) und „Lügenkünste“ (Die Piccolomini 2345) aller anderen Figuren zumindest für den Zuschauer oder Leser evident und durchschaubar, so bleiben Wallen- steins Intentionen und Vorhaben auch diesem häufig verborgen bzw. sind so „uneindeutig“ Die Frage nach der Glaubwürdigkeit Wallensteins und seiner Heerführer verdichtet sich im Drama ähnlich leitmotivisch wie die Frage nach der Legitimation von Macht. Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?92 (Oellers 210), dass sie sich nicht klar benennen lassen. Wallenstein erscheint als Spieler— und Falschspieler—der sich selbst wiederum am Ende als ‚Spielball‘ des unkalkulierbar ein- tretenden und auch mithilfe astrologischer Berechnungen nicht antizipierbaren Schicksals erfahren muss (Guthke). Versteht man die Münze als Symbol für Schein und Täuschung, für die Tücken der Repräsentation ohne sichere ‚Substanz‘ und ‚Deckung‘, so sind die Worte und Taten der Protagonisten der Wallenstein-Trilogie tatsächlich für ‚bare Münze‘ zu nehmen, allerdings in einer Umkehrung des gemeinhin angenommenen Sinns der Redewend- ung. Die Worte als Münze zu nehmen hieße in diesem Zusammenhang, ihnen ihre Geltung nicht ‚abzukaufen‘, ihrer Gültigkeit und Bedeutungsstabilität zu misstrauen. Eine Ausnahme bildet innerhalb der Trilogie lediglich das—fiktive—Pärchen Max Piccolomini und Thekla von Wallenstein. Max verweigert sich der sowohl von seinem Vater als auch von seinem Feldherrn praktizierten Verstellung und Täuschung; er geht ‚den geraden Weg‘ (Die Piccolomini 2603) und beschreibt sein Verhalten metaphorisch als ehrliche ökonomische Transaktion: „Wofür mich einer kauft, das muss ich sein“ (Die Piccolomini 2609). ‚Nennwert‘ (äußeres Verhalten und Sprechen) und ‚Realwert‘ (innere Absichten, Intentionen und Positionen) haben für Max identisch zu sein— eine Haltung, die ihn allerdings in den Tod führt. In der Welt des machtpolitischen Kalküls, in der Betrug und Täuschung an der Tagesordnung sind, scheint eine Hal- tung, die auf das „Herz“ (Die Piccolomini 1725) und die „Wahrheit“ (Die Piccolomini 1727) als leitende Prinzipien setzt, nicht überlebensfähig zu sein. Die Münze als ‚Verdichtung‘ Die in der Wallenstein-Trilogie präsentierte „moderne Anatomie der Macht“ (Alt 92), innerhalb derer eine Vielzahl von Faktoren „das politische Geschehen in einer für die Akteure schwer durchschaubaren Weise“ (Alt 92) beeinflussen, kommt in der Münze kondensiert zum Ausdruck. Ihr Einsatz als machtpolitisches Symbol durch den Wachtmeister veranschaulicht ein Prekär-Werden der Macht, das sich durch die Gegenüberstellung der konkurrierenden Machtsymbole der Münze und des Zepters genauer als ein Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Herrschaftsmodelle bes- timmen lässt. Als monetäres Zahlungsmittel verweist die Münze auf die Wichtigkeit der neuzeitlichen Kriegsökonomie als Machtbasis. Als Medium, das nur durch kollek- tive Beglaubigung Wert erlangt und dem damit grundsätzlich sowohl eine Deck- ungsproblematik, als auch ein Täuschungspotential inhärent ist, verweist die Münze schließlich auf die Thematik der Täuschung und Unwägbarkeit innerhalb der Aus- handlungen der Macht unter den Heerführern und deutet voraus auf Wallensteins Rolle als unlesbare und unwägbare Figur. Die Münze führt damit unterschiedliche As- pekte des machtpolitischen Kräfteverhältnisses vor Augen, dessen Darstellung Schiller während des Verfassens der Wallenstein-Dramen große Schwierigkeiten bereitete. Am 18. November 1796 schrieb er an Körner: Die Base, worauf Wallenstein seine Unternehmung gründet, ist die Ar- mee, mithin eine für mich endlose Fläche, die ich nicht vors Auge und nur mit unsäglicher Kunst vor die Phantasie bringen kann; ich kann Focus on German Studies 20 93 also, das Object, worauf er ruht, nicht zeigen, und ebenso wenig das, wodurch er fällt, das ist ebenfalls die Stimmung der Armee, der Hof, der Kaiser. (zitiert nach Alt 89) Die hier angesprochene Herausforderung des Wallenstein-Stoffes lag für Schiller wesentlich darin, dass die Ereignisse der Jahre 1633/34, die schließlich zur Ermor- dung Wallensteins führten, als komplexes historisches (Kriegs-)Geschehen nicht auf einige wenige Dramenfiguren oder einen unmittelbar anschaulichen Konflikt zu re- duzieren sind. Die Entwicklung der Geschehnisse wird vielmehr durch eine Vielzahl unterschiedlicher Einflüsse konstituiert, die nicht im Handeln einzelner dramatischer Figuren manifest werden, sondern vielmehr als ‚endlose Fläche‘ einen entscheidenden und handlungsrelevanten Hintergrund der Geschehnisse bilden, ohne in konkreten dramatischen Szenen zu konvergieren: noch immer liegt das unglückselige Werk formlos und endlos vor mir da. … Es ist im Grunde eine Staatsaction und hat, in Rücksicht auf den poetischen Gebrauch, alle Unarten an sich, die eine politische Hand- lung nur haben kann. (Schiller am 28.11.1796 an Körner, zitiert nach Feger 256) Dieser Darstellungsschwierigkeit begegnet Schiller nicht nur durch die Entschei- dung, Wallensteins Lager zu einem eigenständigen Stück zu machen, das der eigen- tlichen Handlung von Wallensteins Absetzung und Ermordung als „Vorspiel“ (Fuhr- mann 94) vorgelagert ist, sondern auch durch den Einsatz von Leitmotiven (Alt 90). Die Integration der Wallenstein-Münze lässt sich in diesem Zusammenhang als weit- ere Reaktion auf die Schwierigkeit der dramatischen Darstellung der Wallenstein-The- matik verstehen. Sie bildet ein Textelement, in dem sich verschiedene der ‚flächigen‘ Determinanten und Einflussfaktoren der Wallenstein-Handlung ‚verdichten.‘ In der Münze kondensiert sich die ‚Fläche‘ der komplexen historischen Situation; von ihr ausgehend lassen sich die Bedingungen und Hintergründe des schon im Prolog an- gekündigten ‚Ringens um Macht‘ (Prolog 63–66) entfalten. En miniature liefert die Münze eine Problemexposition, die sich unter Rückgriff auf ökonomiegeschichtliches Wissen, durch die Kontrastierung mit dem Machtsymbol des Zepters, die Analyse weiterer Erwähnungen von Münzen in den Dramen und schließlich durch eine Deu- tung des symbolischen Gehalts der Münze entschlüsseln lässt. Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?94 End Notes 1. Danken möchte ich den Reviewern des Aufsatzes für ihre sehr ausführlichen und hilfreichen Kommentare und Anmerkungen; Joachim Krüger, Torsten Fried und Peter Ilisch danke ich für Informationen zum Münzwesen. Bei Barbara Peter und Sven Ismer bedanke ich mich für inhaltliche Hinweise und Diskussionen. Für die freundliche Genehmigung des Abdrucks der Abbildungen der Wallenstein-Münzen danke ich dem Münzkabinett der Sta- atlichen Museen Berlin und der Münzenhandlung Olding in Osnabrück. 2. Alle Zitate aus Wallenstein sind im Text durch Angabe des Titels des jeweiligen Teils der Trilogie und die Versangabe nachgewiesen. Die Verweise beziehen sich auf: Schiller 2004. 3. Der Arkebusier bekennt sich nicht zu Wallenstein; er verstummt im letzten Teil des 11. Auftritts des Dramas (siehe besonders: Wallensteins Lager 1043), so dass sich hier nur auf den ersten Blick der Eindruck ergibt, Wallenstein sei der Unterstützung seiner Armee sicher. Tatsächlich kommt es bereits im Auftaktstück der Trilogie zu einer ersten Aufspaltung in verschiedene Parteien, auch sind die Motivationen, die die Vertreter der einzelnen Regi- menter dazu bewegen, die Partei Wallensteins zu ergreifen, sehr heterogen. 4. Unter den Soldaten der verschiedenen Regimenter verbreitet sich das Gerücht, der Kaiser habe befohlen, einen Teil der Soldaten Wallensteins zur Unterstützung der spanischen Ar- mee in die Niederlande zu schicken (Wallensteins Lager 685–701). 5. Für eine Darstellung von Wallensteins wirtschaftlichen Aktivitäten vgl. die Kapitel „Der Kriegsun- ternehmer“ und „Der Kapitaljongleur“ in Rebitschs Wallenstein-Biographie (127–155). 6. Laut Mann wurde Wallenstein das Münzprivileg offiziell erst 1628 vom Kaiser verliehen (265); das entsprechende Dokument zitiert Meyer (30), möglich ist aber auch, dass ein früheres Doku- ment nicht überliefert ist (Meyer 30) oder dass Wallenstein zuvor ein an das Territorium gekop- peltes Münzrecht für sich in Anspruch nahm, das entweder auf einem älteren Münzregal beruhte, oder aber „von alters her“ (Hartmann 46)—also als Gewohnheitsrecht—galt, und mit Wallen- steins Ernennung zum Herzog auf ihn überging. Letzteres legt Förster in seinem Kapitel über die Münzprägung und Finanzen Wallensteins nahe (384f.). Den Landesherren stand keineswegs automatisch das Recht zur Münzprägung zu, vielmehr war die Münz- und Geldordnung des Re- iches höchst unübersichtlich und seit seiner Entstehung geprägt von der Existenz einer Vielzahl unterschiedlicher Prägestätten und Münzen (Veit 18, 64). Karl der Große, der die Münze selbst gezielt als religiöses und politisches Propagandamittel einsetzte, beschränkte zwar die Münzprä- gung auf die königlichen Pfalzen, diese kurzzeitige Zentralisierung der Münzprägung musste aber schon wenig später wieder aufgegeben werden (Veit 22). Durch die kaiserliche Vergabe von Münzprivilegien an Städte oder geistliche und weltliche Herrscher, aber auch durch die Usurpa- tion des Münzrechts durch Landesherren ohne ausdrückliche kaiserliche Genehmigung entstan- den zahlreiche konkurrierende Prägestätten, die im 15. Jh. zunehmend auch unter den Einfluss von Kaufleuten gerieten oder an Münzherren verpachtet wurden (Veit 22, 62). Im 16. Jh. er- ließen die Kaiser mehrere Reichsmünzordnungen (1524, 1551 und 1559, ergänzt 1566) um das Geldsystem des Reiches zu vereinheitlichen. Die Münzordnungen legten unter anderem Größe, Feingehalt und Aussehen der Münzen, sowie das Wertverhältnis verschiedener Nominalien fest. Auch sollten die Reichsstände, die ab 1555 für die Münzordnung verantwortlich waren (Hart- mann 81), regelmäßige Münzprobationstage, eine Art früher „Währungskonferenzen“ (Veit 64), abhalten. Die Reform des Geldwesens scheiterte jedoch am Widerstand der Landesfürsten, so dass Anfang des 17. Jh. eine Vielzahl verschiedener Gold- und Silbermünzen—darunter viele minderwertige oder gefälschte Münzen—im Umlauf war, Feingehalt und Wert der Münzen ständigen Schwankungen unterworfen waren und die Herstellung der Münzen auf viele einzelne Staaten oder Teilstaaten des Reiches verstreut war (Veit 91; Ilisch). Schiller, der Gottlieb von Focus on German Studies 20 95 Murrs Beyträge zur Geschichte des dreyßigjährigen Krieges für seine Arbeit nutzte (Rothmann 143), dürfte durch das hierin enthaltene „Verzeichnis aller Münzen Albrechts, Herzogs von Friedland, Sagan und Mecklenburg“ (Murr, 378–387) über Existenz und Aussehen der von Wallenstein geprägten Münzen informiert gewesen sein. 7. 1625 bis 1630 war Wallenstein General der kaiserlichen Armee, bevor er 1630 auf Druck der Reichsfürsten, die die weitreichende Macht des „Aufsteiger[s]“ (Rebitsch 8) als bed- rohlich empfanden, als Feldherr abgesetzt wurde. Sein zweites Generalat begann 1632 und dauerte bis zu seiner Ermordung 1634. Für eine genaue Übersicht über Wallensteins Güter- erwerb, die Belehnung der Güter und die Verleihung von Titeln durch den Kaiser siehe z.B. Rebitsch 33–40. 8. Schrötter geht davon aus, dass es sich bei dem von Schiller erwähnten Münzstück um ein Dreikreuzerstück oder einen Groschen handelt (733). 9. Die Zugehörigkeit zu dem im 15. Jh. gegründeten Ritterorden, war zu Wallensteins Zeit die höchste kaiserliche Auszeichnung für besondere Verdienste (Rebitsch 40). Auch in Schillers Wallenstein-Bearbeitung wird die Ordenskette erwähnt: Wallenstein stellt Max vor die Wahl zwischen der emotionalen Bindung zu seinem Ziehvater („Du bist an mich / Geknüpft mit jedem zarten Seelenbande, / Mit jeder heil’gen Fessel der Natur, / Die Menschen aneinander- ketten kann“, Wallensteins Tod 2167–2170) und der ganz anderen ‚Kette‘ der kaiserlichen Auszeichnung („Geh hin, verlaß mich, diene deinem Kaiser, / Laß dich mit einem goldnen Gnadenkettlein, / Mit seinem Widderfell dafür belohnen“, Wallensteins Tod 2171–2173). Auch Questenberg wird durch das Tragen einer „guldenen Gnadenkette“ (Wallensteins Lager 73) als Kaiserlicher kenntlich. Für diesen Hinweis danke ich Torsten Fried. 10. Für die Deutung des Wappens und der Gestaltung der Münze vgl. Münzkabinett; Deutsche Bundesbank, „Glanzstücke“; Meyer 23–26. 11. Bourdieu geht davon aus, dass jede für soziales Handeln erforderliche Ressource als Kapital beschrieben werden kann. Er unterscheidet ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. Die verschiedenen Kapitalsorten können Bourdieu zufolge ineinander konvertiert und zur symbolischen Durchsetzung von Machtansprüchen eingesetzt werden, außerdem können sie die Grundlage für Wertschätzung und Akzeptanz bilden. In dieser Funktion werden sie zu symbolischem Kapital (Rehbein 111–113). Die Münze, die als Zahlungsmittel (ökono- misches Kapital) Wallensteins Status als Landesherr ausweist (soziales Kapital) und symbolisch seine Ebenbürtigkeit mit dem Kaiser belegen soll, ist ein höchst anschauliches Beispiel für Bourdieus Überlegungen zu den verschiedenen Kapitalformen und ihrer Konvertierbarkeit. 12. Der von den Kurfürsten gewählte Kaiser konnte im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation nicht unabhängig von den Reichsständen regieren und entscheiden, dem Reich- soberhaupt standen „relativ starke Partikulargewalten“ gegenüber (Hartmann 16). Krobb stellt zwar analytisch sehr überzeugend die in der Wallenstein-Trilogie aufeinander treffen- den gegensätzlichen Gesellschafts- und Herrschaftskonzepte der rational-meritokratischen, auf Verdienst basierenden Ordnung einerseits und der hierarchisch-traditionellen, auf Geb- urt und Stand basierenden Ordnung andererseits gegenüber (24), charakterisiert den Kai- sers aber stellenweise etwas vereinfachend als „Halter aller weltlichen Macht“ (44) und wird damit der komplexeren Regierungs- und Entscheidungsordnung des Reiches nicht ganz gerecht. Hartmann weist auf die Schwierigkeiten der Einordnung des „staatstheoretische[n] Verfassungs- und Souveränitätsschema“ des Reiches hin und konstatiert, dass sich das „stark föderative Gebilde mit schwacher Zentralgewalt und gewähltem monarchischem Ober- haupt“ am besten „als eine Art Rechtsgemeinschaft“ oder auch in der Formulierung Mitteis‘ (1988) als „‚Aristokratie mit monarchischer Spitze‘“ charakterisieren lasse (Hartmann 38). 13. Der Wachtmeister in Schillers Drama nimmt die Existenz eines solchen Vertrages an (er spricht vom „Beding und Pakt“ Wallensteins und betont für die behaupteten Befugnisse: „Das hat er vom Kaiser eigenhändig“, Wallensteins Lager 847 und 854). Auch Schillers Wallenstein spricht im Drama mehrfach von seinem „Vertrag“ (Die Piccolomini 1247) Worte FÜr Bare MÜnze Nehmen?96 und „Paktum“ (Die Piccolomini 1257) mit dem Kaiser. Auch als Historiker geht Schiller in seiner Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs von der Existenz eines Vertrags mit dem Kaiser aus, formuliert jedoch grundlegende Zweifel daran, ob ein—so Schiller—unter Erpressung entstandener Vertrag für gültig gehalten werden kann (Rothmann 177). Dass Legitimität lediglich ein Problem von Schillers Zeit, aber nicht der historischen Situation Wallensteins sei, wie Schulz vermutet (127), erscheint wenig plausibel. 14. Ein wichtiger Teil dieser Entwicklung ist die schon ab dem 14. Jh. in Europa einsetzende Ablösung des Gefolgschaftsheeres durch Söldnerheere (Krobb 55). 15. Wallenstein gilt dem Wachtmeister auch als Garant für die Begleichung der Schulden, die der Kaiser durch die Praxis der Vorfinanzierung des Heeres (Rebitsch 128) bei seinen Hauptleuten hat (Wallensteins Lager 816–825). Dies wiederum hätte Auswirkungen auf andere ‚Wirtschaftszweige‘ der Kriegsökonomie, sind die Heerführer doch wiederum bei der Marketenderin verschuldet (Wallensteins Lager 827). 16. Für die Jäger wiederum, die schon bei unterschiedlichen Regimentern und Kriegsparteien im Sold standen, ist weniger das Geld als vielmehr die Gewährung von Freiheit der Grund für eine—eigennützige—Loyalität gegenüber Wallenstein (Wallensteins Lager 304–324 und 710–713); und der Trompeter führt schließlich an, er habe zwar sein „Blut“ (Wallensteins Lager 708) dem Kaiser verkauft, leitet paradoxerweise jedoch genau daraus sein Recht zur Verweigerung des kaiserlichen Befehls ab, für die Spanier zu kämpfen (Wallensteins Lager 709). 17. „Der Fürst zahlt besser“ (Wallensteins Tod 3253)—mit diesem Argument lehnt der von Buttler für die Ermordung Wallensteins vorgesehene Deveroux zunächst den Auftrag ab. Die kaiserliche Belohnung für den Mord („So eine guldne Gnadenkett‘ etwa, / Ein krum- mes Ross, ein Pergament und so was“, Wallensteins Tod 3251) erscheint ihm nicht lukrativ genug. Erst Buttlers Eröffnung von Wallensteins Zahlungsunfähigkeit („Er ist so arm wie wir“, Wallensteins Tod 3257) kann Deveroux überzeugen. 18. Anhand einer Analyse der Figur Buttlers zeigt Krobb sehr überzeugend die Verhandlung der beiden verschiedenen Gesellschafts- und Herrschaftsmodelle in Schillers Wallenstein-Trilo- gie auf. Für diesen Hinweis danke ich den Reviewern des Artikels. 19. Die beschriebene Unsicherheit, die sich hinsichtlich der politischen Ordnung und ihrer Symbole einstellt, trägt wesentlich zu dem Eindruck bei, dass sich Geschichte in Schillers Wallenstein-Trilogie nicht als sinnhaft (re)konstruierbaren Ordnung, sondern vielmehr ein bedrohlich kontingentes Geschehen entfaltet: „Als Chaos führt die Geschichte zu einem Orientierungsverlust, der die Menschen existentiell verunsichert“ (J. Schmidt 103). Die Ereignisfolge der Dramen ergibt sich „als konsequente Folge der Verflechtung von egoistisch verfolgten Einzelinteressen“ (Greis 120). Schillers dramatische Wallenstein-Bearbeitung gewinnt damit einen von seiner historiographischen Wallenstein-Darstellung stark abwe- ichenden Deutungsrahmen (Mannigel). Zeugen auch Schillers historiographische Arbeiten von einem Interesse an „politisch handelnde[n] Individuen in Extremsituationen an den Nervenpunkten geschichtlicher Umbrüche und sozialer Erosionen“ (Alt 62), so konzipierte er diese doch auf Grundlage eines „universalhistorische[n] Systemdenken[s], das Geschichte als Ordnungsgeflecht im Rahmen einer teleologischen Struktur zu konstruieren sucht“ (Alt 61). Die Wallenstein-Trilogie lässt sich als ein Gegenentwurf oder zumindest eine Heraus- forderung für das idealistische Geschichtsdenken Schillers lesen (J. Schmidt 103). 20. Zum Vergleich von Sprache und Geld siehe z.B. de Saussure 137; Barthes 47; Shell, Economy of Literature. 21. Vgl. für das Verhältnis von Material der Münze und ihren Einschreibungen und Repräsenta- tion auch: „The shift from substance to inscription in the monetary sphere began early, with the first appearance of coins. Coins as such were fiduciary ingots that passed for the values inscribed—values to which the metallic purity and weight of the coins themselves might be inadequate—thank to a general forbearance and acceptance of the issuing authority on the part of the buyers and sellers“ (Shell, „Issue of Representation“ 54). Focus on German Studies 20 97 Literaturverzeichnis Alt, Peter-André. Friedrich Schiller. München: Beck, 2004. Druck. Barthes, Roland. Elemente der Semiologie. Üb. Eva Moldenhauer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1983. Druck. Diwald, Hellmut. Wallenstein. Eine Biographie. Frankfurt a. M., Berlin: Ullstein, 1975. Druck. Deutsche Bundesbank. „Glanzstücke. 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