Focus 2001.tif 198 FoolS Oll Germa1/ Soulies "Huch- was Inachste hier eigentlich?" EIN GESPRÄCH MIT TI-IOMAS C BREUER Thomas C Breuer- Kabarettist, Scluifmeller, Reisender- ist nach einigen Kritikern "anregend lind bekömmlich wie eine Tasse EspTesso" (P/crzheuJl.:-r lelllmg 1.3.1997) und "virtuos, witzig und blitzgescheit" (AarylllerZetlung, 5.3.1999). Neben seiner Q) Q~1lSd), IJJ f/l,itü e/?lil (1998) hat er mehrere Bücher veröffentlicht. Das neueste-Scadr Land Bille; (Augsbu rg: Maro­ Vedag, 2000)- bietet ,,[ ... ] die Momentaufnahme eines merkwürdigen L'\1ldcs"- nämlich die der ßundesrepublik (Breuer). Nach seinem ~wcilcn enolgreichen Kabarenabend im Max Kade Zemrum an der Universit:it Gncinnati führte Mon.ika ];ohbein-Oeegen d.\s folgende I nterview mit Herrn ßreuer bei einer Tas:>e Ka ffee in seinem Lieblillgscafe: Starbucks. FOCUS: Wie wird m.m zu einem Kabarettisten? ß rc ucr: Rel,lliv unbe,mtwonb.tr die Frage, weil man SICh das schlecht vornelunen kann. Es gibt ja kei.ne Ausbildungsgänge, Studien- es gibt mittlerweile einen Studiengang Kabaren irgendv.'O in Berli.n. Ich bez\VCiIle aber, daß man das lernen kaJUl. Das bat man entweder, ode r nun b,n es nicbt. Ich bin es eher zufällig geworden. Ich sehe mich auch nicht als KabJreilislcn im strengen Sinne. Also, ich mJch das ja nicht wie Kollegen, ich komme weder vom Schauspiel her, noch mach ich so'n Kab.lreu, das auf theaterstückähnlichen Geschichten basien, wo einer yolles Ensemble, volle Geschichte abliefert. Sondern ich stehe als ich selbst auf der Bühne, also ich schicke nielTunden VOr. Bei mir war es einfach so, daß ich halt vom Schreiben konmle, lmd das ist das \X'idnigste. Dann habe ich gemerkt, ich bin der beste fnterpret nleiner Texte. lrgendw.mn hatte ich Glück und ein Freund von mir, der damals in DeutscWand Ul den späten siebziger Jahren Liedermacher war, der hat gesagt: "Du gehst jetzt mit nur auf Tournee, machst in meinen Konzenen für eine halbe Snmde P rogrJ.null." Und so geschah es. Der hat mich überall mit hingeschleift, und irgendwann IlJ.be ich mir gedacht, im lmeresse dieser Freundsclurl muß ich mich jetzlllul FoolS an Gumall Sflldies Volume S (2001) 200 FootS on Germall Sludies selbständig machen. 50 geschah es, und dann habe ich angefangen, selber meine .twftrine zu buchen, ich hane ja nun auch Komme und Erfahrungen. Und irgendwann b~ckt man um sich und denkt: Huch- was macrute hier eigentlich? Und so hat sich das dann entwickelt. Also, ich würde mich aber nicht als klassischen Kab.ueuisten bezeichnen. Ich habe mit der Szene auch nur mitunter Beriihrungspunt...1:e. D.s hat auch Nachteile, nämlich daß einen keiner in der Szene so richtig ernst nimnu und daß man irgendwie versuchen muß, seme eigenen Lider aufwnuchen. FOCUS: Sie sind auch Autor. \X1ie bringen Sie heide Beschäftigungen zusanunen, W.lS umer,;cheidet beide voneinander? B re ue r. Unterschiede gibt es in der Herangehensweise an Te}'1e. \Xfenn man denkt, es könnte ein Te}."t für die Bühne werden, schreibt man viel mehr akustisch. Man denk .. dar.m, wie es klingt, wie es tÖnt, was man daraus machen kann, wo man damit hingehen kann, wie man mit Dialekten, Tonfällen, verschiedenen Personen jonglieren k.mn. .Man muß Poimen bauen, man muß Bögen bauen, mit bestimmten Rhythmen arbeiten. \'(-erul man Bücherschreibt, Romane, Kuageschichten- kann man sich mit solchen M:itzchen nicht renen. Da muß nun denken, wie bau idl das auf und 'welche Technik versuche ich anzuwenden, v.'Obei ich sagen muß, ich bin \"ölLger Autodid.lhliker, ich habe also nie studjen. Ich finde, in DeulSchland kommen die meisten Schriftsteller ja von der Uni und das merhl nun deutlich. Ich finde, daß denen oft die I\tahe am Leben fehlt daß es denen an echten Erfahrungen rrungelt lUld wß alles konstruien is; und sehr viel \'(Jen auf Form.alien gelegt wird. Und ich habe da eine völlig andere, nai've Her.mgehensv.-eise. Aber wie gesagt, \\'enn ich für die Bühne schreibe, ist es komplett anders, und da gibt es auch bestimmte Limits, die man einhalten k.HUl, zeitlich- wie lang kann ITLln so ein Stück machen, während man bei Kurz.geschichten oder Rom.1nen eine ganz. andere Rhythmik hat. Das ist auch schwer, von einem zum anderen zu gehen, also es ist nicht leicht, aus einem Ronun in einen kurzen Text zu gehen und umgekehn, wenn man jahrelang keine längeren Te:-'le geschrieben hat, sich überhaupt mal wieder einem ganz anderen Denkrhythmus zu unterwerfen, mal das Tempo rauszunehmen. Es forden 01ardhler. Es hill alles Vor- und Nachteile. leh hab mir das so ausgesucht und d.ls ist zufällig so gekorrunen. Interview mit Thomas Breuer 201 FOCUS: \Xlaren Sie zuerst Autor oder. .. Breuer. Schreiben ist immer das Wichtigste bei mir. Ich Will" zuerst Autor, also in der Schule war das mein Überlebensmiuel. Ich habe mir alles von der Seele geschrieben, was mich bedriidn hat, und es Wdr auch das, mit dem ich auffallen konnte in der Schule, weil ich nut Sport und Naturwissenschaften nicht angeben konnte, und irgendwas muß der Mensch haben zum Angeben, sonst geht er unter. Und bei mir w.lr es Schreiben. Ich habe für Schüleneitschriften geschrieben, wie das viele halt machen, und es war mir immer das Wichtigste. Alles andere k.ml d.mach. FOCUS: \Xlie chardkrerisieren Sie die Funktion, die das Kaba rett in der DDR inne haue? Gab es da Unterschiede ztlm \\"estdelltschen Kabarett? ß rc uc r: Mit Sicherheit. Also ich weiß so wenig dariiher, obwohl ich f,iiher mal ei.ne Sendung IIIcxleiiell habe im \'kstdeUlschen Rundfunk, die inmler DDR-Kabareu isten zu Gast hane, also auch lange vor der Wende, schon Anfang der achtziger J.thre waren Kabarettisten aus der DDR da. Es ist kJar, daß es in einem anderen Gesellschaftssystem eine gdnz andere Funktion haue. Ich glaube auch, daß die Zuhörer in der DDR v,..oesentlich besser zuhören konnten, weil sie darauf angewiesen waren, auf Zwischentöne zu achten, zwischen den Zeilen zu lesen. D ie \'(~LIer rrrußten nie diese Gabe entwickeln. Es ist komplett unterscruedlidl. Mittlerv.>eile ist es so. daß man bei Ensembles aus der DDR, dUS OstdeuLSchland, aus den !leuen Bundesländern, wie man so schön sagt, deUllich merh.-t, daß die immer noch mit der Sprache besser umgehen, d.lß sie aber formal riihrend, umständlich bis altmodisch sind. Es ist auch ein großes P roblem für die-entweder sind sie ganz av.tntga rdist isch und machen völlig abgehobenes Zeug, oder aber sie sind wie die Ensembles steckengeblieben in den siebziger Jahren. Viele Veranstalter schlagen die l-tinde übern Kopf zusanunen und sagen:"O je- da kommen die wieder, die Duste1 . . :' ooerso. Es gab aber mal ein Duo Senrm;dxul zum Beispiel, völlig abgedrehtes Zeug, auch literarisch hochstehend und wongewdndt und aU dJs. Teh glJube, daß diese Kultur sehr gut gepflegt wurde. Das ist im \Xli!sten nicht so, also da gibl es nur ganz. "Wellige, die auch so langsam aus- oder wegsterben. Ich gehöre daher einer aussterbenden ZlUlft an. , 202 FrXI/S (TI German Studies Das geht immer schneUer- Comedy, schnelle \Xlitze, unlerde r Gürtellinie auch gern, und die Medien spielen da auch eine große Rolle, weil sie das einkaufen und fordern. FOCUS: Sie bezeichnen das Kabarett als Kleinbühnemheater. Könnten Sie uns das etwas genauer erklären? Breue r. Der Namesagt's eigentlich. Es ist ein relativ kleinerüberschaubarer Kreis von sowohl Künstlern als auch Veranstaltern als auch Besuchern. Und es wird nicht unbedingt mehr. Das Kabarett lunum ab. Es gibt mittlerweile im Comedy-Bereich Leute, die sind Hallenfüller, also da gehen 3000 bis 4000 Leute in die Halle- auf so einer E bene verbraucht sich das auch relativ rasch. Unsereins wird selten über die 100 bis 200 Zuschauergrenze hinwegkommen. Es gibt viele Theater, die einfach auch so aus technischen, feuerpolizeilichen, steuerlichen Gründen so konzipiert sind, daß sie nur 99 Plätze haben, die wollen 99, \'\'>eil, denn für alles, was darüber liegt, muß man einen f-euerwehrmarm einstellen us",~ Das kostet alles Geld. Das Geld ist nicht mehr so locker- wenn ich das gewußt häne ... Vor I; Jahren haben Stadrverwaltungen illten Kulcuretat nur so rausgeblasen, tmd man hat Gagen gekriegt, wo es einem heute das Wasser in die Augen treibt. Viele müssen sich selber tragen, Zuschüsse sind gestrichen worden, viele Bühnen wurden zuge macht, entweder aus finanziellen Gründen oder weil es nicht rrehr so zeitgemäß ist. E s ist eine radikale !vfinderheit, die ins Kabarett geht- Minelschicht meistens, sehr oft Lehrer, Apotheker, diese Abteilung. Mittlerweile machen auch viele Klubs so eine An Erlebnis·Evem, Funchara\..-ter, wo man also irgendwie das Glas Sekt. mit dem Einuinsgeld mitkauft, und \VO man sich abends mal so ein bi.ßchen zeigen kann. Es gibt viele Bühnen, auch auf dem Land, die das min.lerweile machen, weil sie gemerkt haben, daß sonst die Leute überhaupt nicht meh r kommen. Also, wenn die sich nicht selber ein bißchen feiern können, da bleiben sie lieber zu Hause. FQCUS: Woher erhalten Sie für Ihre Themen die Tnspiralionen? Breuer. Augen auf, Augen auf, Ohren auf, oft durch ZeillUlgsartikel aus ZeitlUlgen und "Magazinen, wo man de.n1.i.- das ist doch irgendwie ein gesellschaftliches TIlema, ein Trend, der sich da abzeichnet. Man spinnt es alleine los im Kopf. Ich kann mich auch oft gar nicht retten. leh habe Interview mit Thomas Breuer 203 so~eso sofort viele Assoziationen beim Reisen, beim Schreiben, was aber auch vielleicht damit zusammenhängt, daß ich viel unterwegs bin, das kam1 schon der Grund sein, es hört nie auf. FOCUS: Sie tou ren hauptsächlich in Deutschland, in der Sch"weiz und in Nordamerika. \Xlie unterscheidet sich das jeweilige Publibun? \'(1'0 treten Sie besonders gem auf? Breue r: Es gibt keine Umerschiede. Man kann fünf Tage im selben Laden spielen, und man hat jeden Tag ein anderes Publikum. Von dercher:mschen Zusanm1Cnsetzung her, von der Reaktion he r, von allem. Man 1St at~ch nicht fünf Tage hintereinander in derselbel1 bestech~l1(~el1 Form, was SICh da auf sublimer Ebene übertrigt. Welill man zum Beispiel schlechte Laune hat oder krank iS1- es iibel,ragen sich unglaublich viele BOlscluften auf der BülUle, nicht nur, was man sagt, sondern wie JTI.lIl steht, wie man sich verhält, wie ffi1.n sich bewegt usw. Das ist der berühmte Funke?, der enrwederüberspringl oder nicht. Es isl eine Vielza~1 von ~Ilfornu.u0nen. Ich bin zur Zeit sehr gern in der SchweiZ, weil das em sehr aufmerksames Publikulll ist, da Deutsch flir die eine Fremdsprad:e ist und sie daher sehr genau hinhören. Ich habe ein ganz spez~elles Schweizprogramm. Ich finde, man muß den Leuten schon was anbleten, wo sie andoggen kÖIUlen. l ch habe hier in Atl'\erika .al~ch e~l paar Sachen, die ich spez.iell nur hier mache, sonst lllrgends, weil Ich fmde, v.'Cnn d~e Leute Vergleichs möglichkeiten haben, da können s ie sich rttlSredUlen, Wie die anderen Te;.",e sind, wie die fun1."tionieren. Das amerikanische Publikum is t natürlich etw.lS ZUliickgenomn~ner, \veil es halt oft Schüler sind, die nicht so viel ~ersle~.en, die dich dann mit großen runden Augen angucken tUld denken: ,,\\fas. el7.ahl, der uns da eigentlich?" Einige sind da etwas überfordert, aber es tst egal, wenn sie soden Grundton der Botschaft mitkriegen- d;lS reicht oft schOll. FOCUS: Könnten Sie vielleicht etwas über Ihr Programm QHtsdJ, idJ/ll!1II es emst erLählen? Möchten Sie damit etwas erreichen? BI'C ue r. Das habe ich mir abgewölmc Ich glaube niclu, d.1ß man mit K abarett etwas erreichen kann, SOllSt wäres verhoten. Was nun erreichen kann ist, daß die Leute lachen, daß es ihnen gUI geht, daß sie vielleicht die eine oder andere [dee aufgreifen, oder daß sie vielleicht denken, wenn 111.1.11 204 FootS Ul Germa1/ Sludies genauer zuhört, kriegt man ja mehr mit~das kann sein. Ma.n darf aber die Erwanungen nicht so hoch schrauben, sonst wird man fürchterlich f rustrien. Und das hat ktinen \X'en, und das tue ich mir auch nicht mehr an. Bei diesem Qta!SdJ, Kh nWI es ernst geht es halt schon darum- ich habe immer mehrere Sachen, nie ein Generalthenu, sondern es ist, wie der Name schon sagt, daß ich eigentlich gar keine lustigen Sachen schreibe, wenn man mal genau hinguckt. Mir hat neulich ein KoUege eine Email geschickt und darin gesagt: "Dein Buch, na ja, lustig ist es ja [ .. . 1'. Da hab ich mich zurückgemeldet und hab gesagt: "Das siehst Du falsch. Es mag zwar lustig sein, ist es aber nicht, ist nur so als Tarnung." Ich habe als Generalthema inuller, daß die Leute zu wenig hinhören, daß sie, 9.leil sie sich mit Sprache nicht mehr ausemmdersetzen, auch mißbraucht werden können, mit sich machen lassen, was andere \VOllen. Es handelt auch von Humor, wie Humor funktioniert, wie \V!rz fWlbioniert, lmd wozu das gut sein kann, wozu es auch nicht gut sein kann. Es geht ViellUl1 Humor, ums Lachen an sich. Ich spiele auch ein blßchen mit Klischees rum, die es über die Deutschen gibt, 9.ei1 die Deutschen doch 9.~rklich. und das ist .tuch eine BotschAft hier für's Ausl.md, gAr nicht so verbohrt sind, sonst köruue ich nicht von dem Beruf leben, wld es gibt Hunderte von Kab.trettisten in DeutschLmd. Wenn die Deutschen keinen Hmnor hätten, würden die nicht dahingehen, 'Weil sie es nicht begreifen würden. FOCUS: \'(flt unterscheiden Sie sich vom Kabarenisten im klAssischen Sinn? Breuer. Erstens nuchen die ihre Sachen auswendig. Zweitens schieben die oh Personen vor, also Rollen, die sie darstellen. Es gibt da auch leider oft nur ein sehr eingeschränktes Repertoire, oft Hausmeister, oft Putz.frauen-schrecklich, ganz schrecklich, da krieg ich die Krise, v.'enn jch das nu!' sehe. M,lOche erzählen Geschichten, die kommen vom Schauspielen her, die lassen auch andere fü r sich schreiben. Fiir mich z.u schreiben ist das Wichtigste, alles andere ist nur Zugabe. Mir ist es nicht wichtig, einen TeXl ausv,..'endig zu lernen, ich hasse es sogar gerade. Deshalb mache ich es auch nicht. DJ.S ist halt schwierig für andere Leute, mich einzuoronen- wo steck ich den Kerl hin? Das ist aber nicht mein Prob­ lem. Manchmal schon- deswegen habe ich auch noch keinen Kleinh-unstpreis gekriegt, 'Weil sie nicht wissen, ist das nWl K.lbJren oder Interview mit Thomas ßreuer 205 eine Lesung? Nun, das ist doch scheißegal, denke ich mir. . Kabarenisten haben oft eine andere HermgehenswelSe an Texte, es sind ja auch oft Ensembles. Bis die Leute dann merken, daß sie einzeln eigentlich mehr Geld verdienen können. leh hane auch mal ein Ensemble, da war viel Musik dabei, eine Dreierprojelu mit meinen besten Freunden. Ich habe immer gesagt: "Wir machen das so lange, bis die Freundschaft gefährdet ist." Bei der leuten, der fünhen Toun.lee wurde sie es, ~n~ da hab ich gesagt: ,Jetzt lassen wir's bleiben. Mir ist dIe Frelmdschaft Wlchuger als dieser Bühnentanz." 0.1 hab ich's sein lassen. Und diese Fretuldschaften gibt es heute noch- GOlt sei Dank. OIxilll11ll, den 14. Cktd:er 2000.