Focus 2001.tif 220 Peeus on Germall Swdies Das "schwule Moment" in der deutschen Lyrik 22 1 INTERVIEW MIT HANS STEMPEL UND MARl lN R1PKENS Hans Stempel und Martin Ripkens Jennen sich 1957 in Düsseldorf ken­ nen. Zu der Zeit WAr Hans Stempel Redakteur einer Wochenzeitung, und M.lI1.in Ripkins war Buchhändler. Über drei Jahrzehnte luben Sie in München gelebt, \\'0 sie als freie Filmjournaüsten gearbeitet haben. Auch haben sie gemeinsam Kinder- und Jugendbücher geschrieben und DoJ...-umentarfilme sowie den Spielfilm Eire Luh uie mdere allch gedreht. Im heurigen Jahr ist ihre Autobiographie Die LUh ist kem HaI/stier: Eut? Leb.ureise bei dtv erschienen. Wahrend eines Aufenthaltes in München lUlle David Pricken die Gelegenheit, das folgende Illlerview mit J-1errn Ripkins und Herrn Stempel zu füh ren. Das folgende Gespräch bezieht sich auf die imJahre 1998 erschienene drv-Sanunlw1g deutscher schwuler Dichnmg, A dJ Ked, idJ kneg Duh nid)( aus m.;iJ't?mKqJj FOCUS: Welche Idee hat Sie veranlaßt, das Buch A d) Knl.. herauszuge­ ben? Ripkins: Mein Freund und ich sammeln seit \~e1en Jahren Bücher dieses Jah rhundens, Schweqmnkt. deutsche LiterAtur. \Vir haben emdecb, daß es sehr viele deuLSche Gedichte mit schwuler Thematik gibt. die noch nie wuer dem Thema NIännerbeziehungen vorgestellt worden sind. Es gibt zwar mehrere Anthologien mit Gescllli:hten, die von BezieluUlgen zwischen Mannern enählen. aber nur einen Band mit entsprechenden Gedichten. Diese Anthologie, Mat:m;ensin:lder LieJx:SdJUlI7jJ!lJ, erschien 199-1 im Fr,mk­ f uner I nsel-Verlag, herausgegeben von Joachim Campe. Diese Anthologie umfaßt aber homose:\"Ueile Poesie von der Antike bis zur Gegemvan und erlaubt sich zugleid1 einen internationalen Überblick. Stempe l: \'lir dagegen h.ielten es für sehr aufschlußreich, weml wir WlS nur auf deutsche Lyrik und dieses Jahrhunden beschränken würden. \'iftr entdeckten sogar, daß durch diese Beschränkung die literarische FOOiS (ßj Germall Sludies Vohunc S (lOCH) FCDts on Germall Studies Entwicklung klarer sichtba r werden konnte, indire kt sogar die gesellschaftliche Veranderung. Wir haben festgeste ll t, daß in den 70er Jahren, speziell in den 70er, 80er, 90er Jahren sich sehr viel getan hal, und in den SOer Jahren bemerkenswenerweise auch im Rahmen der DDR, 'WO hier die schwule Lyrik einen Akzent bekomnlen hat, einige schwule Gedichte veröffentlicht worden. Im staatlichen Ostberliner Aufbau- Verlag konnten sogar Gedichte des Leipziger Autors Thomas Böhme erscheinen, die explizit die Liebe zu sehr jungen Minnem behandeln. Ripkins : Wenn es heute in vielen deutschen Großstädten inl $onuner Ouistopher-Street-Paraden gibt, so hat sich doch unabhängig von der Rebellion in der Ülristopher Screet in Deutschland eine eigene Oppositi­ on entwickelt. Ausgelöst durch die Studentenproteste 1968 haben zunehmend auch die Lesben und Schwulen mehr Rechte gefordert . ·!vhn darf nicht vergessen, daß der von den Naz.is verschärfte § 175 erst in den 70er Jahren gelockert und erst 1994 abgeschafh wurde. Genau hundert Jahre zuvor haue Magnus Hirschfeld in einer Petilion die Abschaffung dieses menschenverachtenden Paragraphen geforden. Noch in den 70er Jahren war die AngSt vor schwulen Thenlen so stark, daß der I-Lnsa-Verlag in München die Gedichte von Ahm Ginsberg nur in einer Ausw.,hl, das heißt auf hochdeutsch, zensien ve röffentlichte. Und Helmut Schmidt, damals Bundeskaru.ler der Deutschen, erklärte, er sei Kanzler der Deut­ schen lUld nicht der Schwulen. Es gab also viel zu tun. Und nicht nur im Bereich des Films- ich erwähne nur Rainer Wemer Fassbi.nder, Rosa von Pr.aunheim und Werner Schröter- hat sich einiges getan. auch in der Literatur, nicht zuletzt in der Lyrik. FOCUS: Sie haben aber trOlZ Ihrer historischen und politischen Überle­ gungen die Anthologie nicht chronologisch geordnet. Stempe l: \ '(Tlf 'WOllten ja keinen Geschichtsunterricht liefern, -wenngleich viele der Gedichte zum kritischen Denken animieren. Nicht zufällig w.ihlten wir für das erste Kapitel den Titel TOP SECRET. Mt geheimnisvollen Verschleienlllgen begann das Jahrhundert, und trotz aller Emanzipation gibt es selbst in den Großstädten noch viele Menschen, die ihre sexuellen Präferenzen verleugnen. Das gilt vor allem für Politiker und Geistliche. [NadJ Komiuur eiJ'i!lZtf!-· E /11 grr:f?er Fansdma, daß jetzt Paris lOri !3eI//1I u:n Biirg?mristern ro;;jerr 'l1errlen, die wh cffon 21/ ibrernSdnudseilllx:kerorn J Interview mit Hans Stempel und Manin Ripkens 223 Ripki ns: Uns wa r es sehr wichtig, eine idea lisierung oder gar eine Idyllisierung von Männerheziehungen zu ~.ermeiden. So haben wir unter dem Titel DIE ZÄRTIJOiKEIT DER WOLFE tUld KLAPPENrEXTE Ged ichte zusammengefasst, die von wilden, oft rabi.uen Begegnungen sprechen. Entsprechend direkt und rauh ist .luch die Spmche. lvIanche Hinweise sind vieUeicht nur für Leservemändlich, die sich in der schwulen Subl'l.drur etwas auskennen. So hat unsere Leh1.orin, durchaus vorurteilslos und hilfsbereit, den Titel KLAPPENTEXT bereits nicht verstanden. Sie dachte zunächst es seien Texte, wie sie auf den Klappen der Buchum­ schläge stehen. Wlf lllußten ihr erklären, dass es sich t\ITI Te},.1.~ handelt, wie sie auf den Wanden der Mannenoiletten stehen könnten, hIer aber III eine r destillienen Form. Bemerkenswert, daß eines dieser Gedichte, "Wenn du rot siehst-," ein Gedicht, das einige Leser vielleicln schon zur Porno­ graphie zählen, von Karl Krolow geschrieben \vl.lf(le, der bis zu seinem Tod 1998 NestOr der deutschen Lyrik \\>""3.r. FOCUS: Haben Sie nur schwule Dichter aufgenonunen? S(e mpel : Keineswegs. So wie schwule AUloren dur~ h al~s auch .übe l heterosexuelle Beziehungen schreiben, oft sogar ausschliesslich, so gIbt es auch heterose}""l.lelle Autoren, die Mannerbez.iehungen .Ils Thema wählen. Zu ihnen zählt ve rmutlich Karl Krolow. So haben wir Gedichte aufgenomnlen, die von Frauen geschrieben wurden, VOll Else Lasker­ Schüler und Annemarie Zornack. FOCUS: Nicht nur als Kapirelüberscluifr, auch im N achwon fälll die Formulierung "Eine Liebe wie andere auch." flipki ns: D iese Formulierung ist Teil eines Satzes, den wir sehr lieben, ~in Satz von Klaus lvlann, den ich vielleicht ganz zitieren sollte: "NIan begrelfe doch endlich: Es ist eine Liebe wie eine andere auch. Nicht besser, nicht schlechter, mit ebenso viel Möglichkeiten zum Großartigen, Rührenden, Melancholischen, Grotesken, Schönen oder Trivia.len wie die Liebe zwischen Mann und Frau." So haben wir delm in dem entsprechenden Kapitel Ge­ dichte zusammengefaßt. die Alltägliches, scheinbar B.males behandeln, prosaische Poesie, wenn man will. In diesem Kapitel steht auch d~ Gedidu, das unserer Anthologie den Titelliefene, ein Gedicht des ostbe rliner Arztes 22-1 Fa:lIs Oll GermOll Studies Thomas LUlhardt. Er hat zwei oder drei Bändchen veröffentlicht, und er hat ein Gedicht geschrieben, in dem die besagte Zeik vorkommt. Es wurde dann sozusagen das Prognunm für den ganzen Band. FOCUS: Ein Kapitel bezieht sich auf ein berühmtes Gedicht vonjohann WoUgang von Goethe, ERLKÖNIGS ERBEN S[empel: Der Erlkönig ist nach mythischer Überlieferung ein Naturteist, der aus dem Nebel auftaucht, aus dem Untergrund sozusagen, und gelegentlich sogar K inder raubt. Da einige der Gedichte, die wir gesammelt hauen, durchaus einem pädophilen Eros hu ldigen, haben wir diese Überschrift gew.ihll. In unserem NachVIOn sprechen wir von dem lolita­ Syndrom, der Neigung helerosex·ueUer Mälmer zu sehr jungen Mädchen; ~ir sehen da durchaus Parallelen. FOCUS: Wenn auch die AlDS-Epedemie in Südafrika die meisten Opfer findet, so sind doch .-lUch in Deutschland schon einige tausend Menschen an AIDS gestorben. Wird diese Thema in der Literatur, vieUeicill sog,ir in der Lyrik aufgenommen? Ste m pel: Vor zehn Jahren wurde mehr über AIDS gesprochen und geschrieben. Da fürdie Aufklärung Ilurwenig Geld zur Verfügtmg steht­ auch bei W1S 'Wird die Rüstungsinduslrie grosszügiger mit Steuerteldem bedacht als d4S Gesundheits\'\'eSen- besteht sogar die Gefahr, d3ß die Zahl der Infektionen "Wieder zunimmt. Vor zehn Jahren Wd.r es denn auch, daß in der uteratur das -rnema NOS gelegentlich aufgegriffen wurde. Vor allem der Berliner Mario \'(I"lr.l, der seine HI V-Infektion nicht verschweigt, hat in Geschichten und Gedichten einige Erfahrungen verarbeitet. In dem Kapitel LES ADiEUX haben wir ein.ige seiner Gedichte a\lfgenommen. Für Glück wie für Schmer.l ist lyrik eine sehr angemessene Form, aber das wissen wir seit Menschengedenken. F QCUS: \'(flfd von den Lyrikern, -wenn sie über Mannerbeziehungen schreiben, eine bestimmte Irrische Form bevorzugt? Ripkins: Auf diesem Gebiet gibt es keinerlei Präferenzen. Unsere kleine Anthologie bietet sogar eine An Quersdmin durch den Fonnenkatalog. Geort Trd.kl, den man vielleicht zu den frühen Expressionisten zählen Interview mit H.ll1S Stempel und MartinRipkens 225 kann, hat seine Neigun g zu Männern und Knaben in ei~er sehr symbol reichen Sprache paraphrasiert. Franz Fühmann, emer der unabhängigen Köpfe in der DDR, hat diese S)mbole erstmals gedeutet. Zu den Expressionisten zählte z.unächst auch johaJme5 R. Becher, der spätere Kulturminister der DDR. Von ihm haben wir das Gediclll .. :,-n einen Jüngling, genannt ElIl aufgenommen. Später hat Becher se.l.ne schwulen Neigungen ebenso verleugnet wie sein Unv.uhlsein in der Ara des Stalinismus. Jedoch im jahre seines Todes, 1958, erschien das Gedicht .. Minen im Gewitter," das seine politische wie auch erotische Zerrissenheit indirekt offenbart. Dieses Gedicht. mit Endreim geschrieben, lehnt sich unliberhörbar an Verse des Pietisten Matthias a.lUdius an. Der Lyriker Ulrich Berkes bevorzugt dagegen das Prosagedicht, eine Form, wi~ sie oft von Baude!aire, Rimballd oder Saint-John Perse gew.ihlt wurde. Die Form der Ballade, vertreten durch Börries von Münchhausen fehlt aber ebenso wenig wie ein satiJischer Kniuelvers, wenn sich Rainer \'(ferner Passbinder über die Ledermänner unter den Schwulen lustig macht. Auch die bei uns berühmten Pop-Sänger Udo Lindenbert und Konstantin \'(fecker bringen eine sehr persönliche Allsdrucksform mit. \Xrenn ich mir einen gewagten Vertleich erlauben darf, so sind die Ausdrucksformen der Lyrik ebenso vielfältig wie das erolische Begehren. Der Reichtum der Kuilur lebt von der Vielfalt der Forn~n und Gefühle. MiörlXJJ, 29. jlOlJ /999.