Microsoft Word - Article 3 Focus.docx focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 44 Issue 28 (2021) Annette Kolbs Die Schaukel und das subversive Potenzial von Literatur Charlotte Lenger Technische Universität Dortmund Abstract Der Beitrag stellt eine Untersuchung des Romans Die Schaukel (1934) von Annette Kolb hinsichtlich des emanzipatorischen Potenzials dar, Verschränkungen sozialer Ungleichheit subversiv zu unterlaufen. Es wird dabei angenommen, dass Literatur als kulturelles Produkt gesellschaftliche Strukturen sichtbar macht, reproduziert, aber auch infrage stellen kann. Die Analyse narratologischer Darstellungsweisen hinsichtlich der Konstruktion narrativer Identitäten deckt unter Einbezug intersektionaler Überlegungen subversive Strategien bezüglich gegebener Machtund Herrschaftsstrukturen auf. Es wird gezeigt, dass unter anderem anhand der beiden Figuren Herr und Frau Lautenschlag eine binär strukturierte Opposition von Männlichkeit und Weiblichkeit und eine damit einhergehende Verschränkung von Ungleichheit bezüglich der identitären Strukturkategorien Geschlecht und Ökonomie durch die Verortung innerhalb von geschlechtsspezifischen Räumen sowie durch erzähltextspezifische Zeitdarstellung erwirkt und gleichzeitig durch Ironie unterlaufen wird. Eine Bezugnahme auf gesellschaftliche Strukturen des extraliterarischen Raumes wird durch die Erzählinstanz als ‚engaging narrator‘ hergestellt, welche die Identitäten der bayrisch- katholischen Familie Lautenschlag und der preußisch-protestantischen Familie von Zwinger narrativ und affirmativ als sich gegenüberstehende Oppositionen innerhalb des Diskurses der deutschen Nationalgründung konstruiert. Diese Konstruktion äußert sich als geprägt von einer Verwobenheit der Kategorien Nation, Religion, Ökonomie und Klasse. Deutlich wird durch die Untersuchung, dass sich die Familie Lautenschlag besonders durch ihr kulturelles Kapital von den von Zwingers und ihrem Wertesystem emanzipiert. Der Übermut der Kinder Lautenschlag zeigt sich als Freifahrtschein gegenüber jeglichen Konventionen. Die allegorische Darstellung der Tochter der Lautenschlags Hespera im Sinne des ‚Friedens‘ zwischen unterschiedlichen focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 45 nationalen Identitäten und konfessioneller Zugehörigkeit stellt eine sich der eindeutigen Zuordnung verweigernde Figur dar. Ebenso vermittelt die narrative und besonders von Ironie disponierte Konstruktion der Tochter Mathias sowohl eine geschlechtliche Ambiguität als auch einen Widerstand gegenüber sozialer Assimilation. Keywords: Intersektionalität – Narratologie – Subversion – soziale Ungleichheit – Annette Kolb ORCID ID: https://orcid.org/0000-0003-0253-7306 How to cite: Lenger, Charlotte. “Annette Kolbs Die Schaukel und das subversive Potenzial von Literature“. focus on German Studies 28, no. 28, 2021, pp. 44–89. DOI: 10.34314/FOGS2021.00005 focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 46 Annette Kolbs Die Schaukel und das subversive Potenzial von Literatur Charlotte Lenger Die gendertheoretischen Ansa ̈tze der Geistes- und Sozialwissenschaften schaffen seit den 1990er Jahren im Zuge des performative turn auch für die Literaturwissenschaften eine Projektionsfla ̈che für das Performance-Modell, welches verdeutlicht, dass Pha ̈nomene, die dem Menschen bisher als genuin zugeschrieben wurden – wie Geschlecht oder Ethnizita ̈t – nicht durch Biologie oder Ontologie bestimmt sind, sondern dass kulturelle Prozesse diese Pha ̈nomene performativ hervorbringen (Stritzke 99). Es sind kulturelle Produkte, die “als Spiegel der gesellschaftlichen Zusta ̈nde gesehen werden” (Schaefer-Rolffs 215) ko ̈nnen und die als Untersuchungsgegenstand auch hinsichtlich sozialwissenschaftlicher Konzepte behandelt werden sollten. Sie zeigen einerseits Pha ̈nomene, die zu einer bestimmten Zeit in der Gesellschaft zu erkennen sind und geben andererseits Auskunft darüber, wie deren zu Grunde liegende Strukturen entstehen (ebd.). Kulturelle Produkte erza ̈hlen also von Strukturen innerhalb der Gesellschaft und produzieren sie gleichzeitig. Literarische Erza ̈hlungen als kulturelle Produkte und als Medien symbolischer Repra ̈sentation ko ̈nnen also als Abbilder von Gesellschaft betrachtet werden. Durch ihr fiktionales Potenzial ko ̈nnen sie Normen, Werte und Ideologien und somit die damit einhergehenden Herrschafts- und Machtverha ̈ltnisse stabilisieren oder als Verhandlungsraum angesehen werden, um diesen als widersta ̈ndig und kritisch entgegen treten zu ko ̈nnen. (Hoffarth 209). focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 47 Die Schriftstellerin Annette Kolb ist neben ihren biographischen Schriften über Mozart und Schubert bekannt für ihre Romane, Essays und Aufsa ̈tze, welche wie ihr Leben von “politischen, o ̈konomischen und soziokulturellen Umwa ̈lzungen gepra ̈gt war[en]” (Strohmeyr 11). Sie trat mit ihren Schriften als Pazifistin für ihre U ̈berzeugung ein und ging hierfür mehrere Male das Opfer ein, ins Exil flüchten zu müssen (Strohmeyr 12; Schmidt Annette Kolb). In der Forschung sind besonders biographische Ansa ̈tze in Bezug auf Annette Kolbs Romane wie zum Beispiel von Charlotte Marlo Werner (Annette Kolb – Biographie einer literarischen Stimme Europas), Irma Hildebrandt (Bin halt ein za ̈hes Luder – 15 Mu ̈nchner Frauenportraits) oder Heidy Margrit Müller (“»Mariclée«, «Flick« und »Mathias«. Verbindungen zwischen Privatleben und Romanfiguren bei Annette Kolb”) weit verbreitet. Daneben finden sich einige Untersuchungen aus Perspektive der Gender Studies unter anderem von Vivian Liska (‚Die Moderne – ein Weib‘ Am Beispiel von Romanen Ricarda Huchs und Annette Kolbs) oder Isabelle Stauffer (Weibliche Dandys, blickma ̈chtige Femmes fragiles. Ironische Inszenierungen des Geschlechts im Fin de Siécle). Exemplarisch soll in dieser Ausarbeitung eine Auseinandersetzung mit Kolbs 1934 erschienenem Roman Die Schaukel erfolgen. Er soll hinsichtlich des emanzipatorischen Potenzials, soziale Ungleichheiten und deren Entstehungsbedingungen und -strukturen aufzudecken, sie zu hinterfragen und letztendlich subversiv zu unterlaufen, analysiert werden und sich mithin weniger der Biographie der Schriftstellerin widmen. Im Folgenden werden für die Untersuchung intersektionale und narratologische Ansa ̈tze in Verbindung genutzt, wobei auch immer wieder gendertheoretische und postkoloniale Ansa ̈tze für die Analyse fruchtbar gemacht werden sollen. Der Fokus auf die Verhandlung von Geschlecht soll durch die intersektionale Betrachtung auf weitere Kategorien sozialer Ungleichheit ausgeweitet werden. Im Besonderen wird bei der Untersuchung ein Augenmerk auf die Konstruktion der Figuren gelegt werden, da focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 48 literarische Texte laut Sigrid Nieberle “Mo ̈glichkeitsgeneratoren” (564) sind und laut Eva Blome das Vermo ̈gen haben, “alternative Entwürfe von Identita ̈t” (60) zu konstruieren, die sich an literarischen Figuren sowie Figurenkonstellationen zeigen (ebd.).1 Um eine ganzheitliche erza ̈hltheoretische und intersektionale Analyse gewa ̈hrleisten zu ko ̈nnen, sollte das ‚Was‘ der story mit dem ‚Wie‘ des discours verbunden werden (ebd.). Handlung und narrativ konstruierte Identita ̈ten (Figuren) sollten daraufhin untersucht werden, wie sie durch die narratologischen Analysekategorien Raum, Zeit und erza ̈hlerische Vermittlung2 hervorgebracht werden und auf welche Weise soziale Strukturkategorien diese Konstruktionen strukturieren. Um das subversive Potential des Textes herauszustellen, werden die Vorschla ̈ge Thomas Ernsts genutzt, einen literarischen Text hinsichtlich seiner subversiven Strategien auf Ebene der Formen und Schreibweisen, der Inhalte sowie der Topografien, der Figuren und Sprachen der Subversion zu untersuchen (Literatur als Subversion. Politisches Schreiben in der Gegenwart 177). Außerdem soll auf politisch-institutionelle Diskurse eingegangen werden, um weiterhin mo ̈gliche subversive Darstellungsweisen innerhalb des Textes zu erkennen (ebd.). Ernst beschreibt Protest beziehungsweise Kritik anherrschenden Strukturen als abha ̈ngig und angewiesen auf einen Dialog. Subversion hingegen “such[e] [...] die Verweigerung” (“Subversion – eine kleine Diskursanalyse eines vielfa ̈ltigen Begriffes” 13). Der Begriff der Subversion ist laut Ernst jedoch schwer eindeutig zu definieren, da er selbst über das 20. Jahrhundert als Teil des politisch-institutionellen Diskurses (seit dem 19.Jahrhundert), eines künstlerisch-avantgardistischen Diskurses (seit Beginn des 20. Jahrhunderts), eines subkulturellen Diskurses (seit der zweiten Ha ̈lfte des 20. Jahrhunderts) und eines poststrukturalistischen Diskurses der Subversion (seit den 1980er Jahren) gesehen werden kann, dessen Grenzen allerdings durchla ̈ssig sind (Ernst “Literatur als Subversion. Ein kulturwissenschaftliches Modell zur Analyse riskanter Literaturen und ihrer Aporien” 548-549). focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 49 Literarische Texte ko ̈nnen sich selbst durch ihre Gestalt oder ihre Inhalte in diese Diskurse der Subversion einschreiben [...] und auf diese Weise ko ̈nnen sie selbst als Teil einer Postavantgarde3, als subkulturelle Distinktion oder als eine Form der Dekonstruktion beschrieben werden (Ernst “Literatur als Subversion. Ein kulturwissenschaftliches Modell zur Analyse riskanter Literaturen und ihrer Aporien” 549) Ausgehend von diesen benannten Diskursen nutzt Ernst die in den jeweiligen Diskursen entstandenen Ansa ̈tze, um Texte der Gegenwartsliteratur hinsichtlich ihres subversiven Potentials zu untersuchen (Literatur als Subversion. Politisches Schreiben in der Gegenwart 178). Es wird davon ausgegangen, dass sich der Ansatz Ernsts ebenso produktiv für Werke außerhalb der Gegenwartsliteratur erweist, da schon in Untersuchungen wie der von Isabelle Stauffer zur Ironisierung von weiblichen und ma ̈nnlichen Topoi in Annette Kolbs Werken subversive Strategien ermittelt werden (Stauffer 227). Die Schaukel Der Roman Die Schaukel handelt von der aus München stammenden und dort lebenden ro ̈misch- katholischen Familie Lautenschlag. Im Zentrum der Erza ̈hlung stehen besonders die Kinder der Familie Mathias, Otto, Gervaise und Hespera. Herr Lautenschlag ist Landschaftsga ̈rtner und Frau Lautenschlag eine Konzertpianistin, die einen künstlerisch- musischen Salon führt. Die Familie zeichnet sich ganz im Gegenteil zu ihrer Nachbarsfamilie sowohl durch ihre künstlerische Bildung als auch durch ihre Versto ̈ße gegen die gesellschaftliche Etikette in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen aus. Die Nachbarsfamilie Zwinger, wie auch die Lautenschlags zu den gehobenen Familien der Stadt geho ̈rend, zeichnen sich hingegen besonders durch ihren preußisch-protestantischen Lebensstil aus. Der Vater Doktor von Zwinger ist Arzt, die Mutter von Zwinger Hausfrau und Mutter und wa ̈hrend die Kinder focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 50 der Lautenschlags sich das Ausgeben des Geldes der Familie zur Aufgabe machen, ist es Aufgabe der Kinder von Zwinger, frühestmo ̈glich standesgema ̈ße Ehepartner zu finden (Kolb Die Schaukel). Der Beginn des Romans verweist sowohl auf ein extraliterarisches Ereignis als auch auf einen extraliterarischen, topografisch bestimmbaren Raum. Die Erwa ̈hnung des Brandes des Münchener Glaspalastes deutet darauf hin, dass sich das Ende der Erza ̈hlung 1931 in München, Deutschland, zutra ̈gt. Die Erza ̈hlung wird also schon mit Beginn sowohl zeitlich als auch topographisch durch den Verweis auf die Stadt München, also auf einen “genuin geographische[n] R[a]um[]” (Dennerlein 77), und den Glaspalast als topographisch zu verortendes Objekt in der realen Welt der LeserInnen verankert. Das neben dem Glaspalast stehende Haus der Lautenschlags ist der Ort, innerhalb dessen die Familie und die einzelnen Identita ̈ten eingeführt und mittels Raum- und Zeitdarstellungen sowie erza ̈hlerischer Vermittlung gro ̈ßtenteils konstruiert werden. Die ‚Geschlechtscharaktere‘ Laut Erza ̈hlinstanz seien die Lautenschlags “ohne arme Leute zu sein, arm” (Kolb 8). Herr Lautenschlag verfüge über eine “immer prall gefüllte Bo ̈rse” (ebd.), bis er sich “das Haushaltgeld entreißen” (ebd.) lasse. Frau Lautenschlag hingegen werde lediglich wegen der “Verschleppungen” (ebd.) seitens der Kinder “zum Trost in die Oper geladen” (Kolb 9). Es zeigt sich, dass die Mutter im Gegensatz zu dem Vater und den Kindern keine Handlungsmacht bezüglich der finanziellen Mittel der Familie hat und dass eine Disparita ̈t zwischen Herrn und Frau Lautenschlag bezüglich der Verteilung von Geld herrscht. Hier wird eine erste interdependente Verbindung ersichtlich, die auf den sozialen Strukturkategorien Geschlecht und O ̈konomie4 beruht. focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 51 In dem Kapitel Schaukel in Schwung wird analeptisch von der Situation erza ̈hlt, in der sich die Figuren Herr und Frau Lautenschlag befanden, bevor sie heirateten. Der Raum, innerhalb dessen die beiden Figuren dargestellt werden, ist Frankreich. Ebenso wie München stellt dies einen Raum dar, der die Vorstellung von einem topographisch bestimmbaren Land in der Welt der LeserInnen erweckt. Unter anderem deuten die Nominalphrasen “Soirée de contrat” (Kolb 13) und “Pariser Konservatorium” (ebd.) auf diesen Raum hin. Analeptisch wird von der Tatsache erza ̈hlt, dass ursprünglich von der Hochzeit zwischen den beiden Figuren abgeraten wurde. Durch die rhetorische Frage der Erza ̈hlinstanz “Denn was brachte die Braut schon in den Hausstand mit?” (ebd.) und die folgende Aufza ̈hlung eines “ersten Preises am Pariser Konservatorium” (ebd.), welcher eine erfolgreiche berufliche Ausbildung markiert, einer Aussteuer, die auf vorhandene finanzielle Mittel der Frau hinweist und auf ein “Mobiliar im Stil des zweiten Empire” (ebd.), wird die ironische Haltung der Erza ̈hlinstanz und somit der “[u]neigentliche Sprachgebrauch, bei dem das Gemeinte durch sein Gegenteil ausgedrückt wird” (Müller 185), deutlich. Der darauffolgend beschriebene Besitz des Bra ̈utigams, ein “für das Studium der franzo ̈sischen Ga ̈rten halb ausgegebenes Erbteil” (Kolb 13) und ein “mager besoldete[n] Posten” (ebd.) hingegen, zeigt, dass der Bra ̈utigam einen geringeren o ̈konomischen Status aufweist und die Frau, wie eine im weiteren Verlauf der Erza ̈hlung geta ̈tigte Bemerkung zeigt, “ungleich reicher gebildet” (Kolb 111) ist. Eine andere Strukturkategorie wird an dieser Stelle deutlich, die im Weiteren als Bildung bezeichnet wird. Die ironische Haltung wird durch die Verwendung des Abto ̈nungspartikels “schon” in der rhetorischen Fragestellung versta ̈rkt, da die LeserInnen dadurch über die Einstellung der Erza ̈hlinstanz dem Gesagten gegenüber informiert werden (Hoffmann 425). Die rhetorische Frage impliziert, die Frau sei eine ‚schlechte Partie‘ für den Mann, wohingegen der Mann jedoch derjenige ist, der bezüglich seiner Bildung und seiner finanziellen Stellung nicht mit der Frau gleichgestellt ist. Eine focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 52 weitere rhetorische Frage der Erza ̈hlinstanz, “Aber wozu ha ̈tte er sich in diesem Augenblick nicht bereit erkla ̈rt?” (Kolb 13), prononciert das zuvor erkla ̈rte bildungs-o ̈konomische Verha ̈ltnis von Herrn und Frau Lautenschlag vor der Ehe und deutet an, dass trotz der Unterschiede die Entscheidung für eine Hochzeit allein von Herrn Lautenschlag abha ̈ngig gewesen sei, wobei Frau Lautenschlag durch ihren finanziellen Status und ihre Bildung als privilegiert hinsichtlich einer mo ̈glichen Eheschließung distinguiert wird. Die Hochzeit jedoch scheint einen Zeitpunkt darzustellen, zu dem sich die Verha ̈ltnisse umkehren. Es wird beschrieben, dass Herr und Frau Lautenschlag aufgrund eines beruflichen Angebots mit “Aussicht auf Gehaltserho ̈hung, Holz, Licht und Wohnung” (ebd.) nach München ziehen. Herr Lautenschlag gilt mit dem Moment der Hochzeit als Erna ̈hrer und Verantwortlicher für die o ̈konomischen Mittel der Familie, wa ̈hrend Frau Lautenschlag “allein” (Kolb 24) blieb “mit dem Glauben, daß ihre Lieder und Klavierstücke den Wohlstand der Familie heben würden” (Kolb 34). Trotz ihrer guten musikalischen Ausbildung ist sie also als Frau nicht in der Position, zu den o ̈konomischen Verha ̈ltnissen beizutragen. Durch die bisher gezeigten Strukturen zwischen Herrn und Frau Lautenschlag hinsichtlich der Strukturkategorien sozialer Ungleichheit, Geschlecht, O ̈konomie und Bildung, wird auf einen Geschlechterdiskurs referiert, der mit dem 18. Jahrhundert entstand und bis in das 20. Jahrhundert Bestand hatte. Die Herausbildung eines Systems von Aussagen über ‚Geschlechtscharaktere‘ ging mit einer Bildung von bina ̈r strukturierten Oppositionen von Mann und Frau und dem sozialen Konsens über ‚natürliche‘ Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen einher (Hausen 363). So zeigt sich nach Hausens Analyse medizinischer, literarischer, pa ̈dagogischer und psychologischer Schriften hinsichtlich der Aussagen über ‚Geschlechtscharaktere‘, dass Ma ̈nner als Menschen des o ̈ffentlichen Lebens und als erwerbend angesehen wurden. Frauen hingegen wurden dem ha ̈uslichen Leben (Hausen 368) mit der Bestimmung, “Gattin, Hausfrau und Mutter” (Hausen 373) zu sein, zugeschrieben. In genannten focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 53 Jahrhunderten gilt also der Mann als Verdiener und Verwalter des Geldes und ist für den Wohlstand der Familie verantwortlich, wie auch Herr Lautenschlag Hauptverdiener der Familie ist. Allerdings verhindert die Erza ̈hlinstanz eine diese ‚Geschlechtscharaktere‘ ga ̈nzlich affirmierende Konstruktion des Herrn Lautenschlags, indem sie auf ironische Weise den “Mangel an Ernst einer so grimmigen Sache wie dem Gelde gegenüber” (Kolb 9) erwa ̈hnt, wenn seine Kinder ihm Geld raubten. An dieser Stelle wird das Konzept einer ironischen A ̈ußerung von Marika Müller angeführt, welches das Erreichen des kommunikativen Ziels der Ironie als abha ̈ngig von Kontextualisierungsbedingungen beschreibt. Das Verstehen ironischer A ̈ußerungen sei teils abha ̈ngig von der “Sprechsituation”, dem “sprachlichen Kontext” und dem “Vorwissen der Beteiligten” (Müller Einleitung). Bei der kulturthematischen Anspielung, so Müller, handele es sich um eine Form der Anspielungsironie, die sich auf aktuelle die Kultur bestimmende und bescha ̈ftigende Themen bezieht (198). Die genannten A ̈ußerungen des Romans Die Schaukel werden als solche erkannt, da das Erreichen des kommunikativen Ziels der ironischen A ̈ußerungen nur dann erreicht wird, wenn LeserInnen über das Vorwissen der gesellschaftlichen Geschlechterordnung zu gegebener Zeit zu verfügen. Hausens Ergebnisse machen deutlich, dass die beiden sozialen Strukturkategorien Geschlecht und O ̈konomie in dem zuvor genannten historischen Kontext untrennbar miteinander verwoben sind. Außerdem verdeutlicht sie, dass ‚Geschlechtscharaktere‘ “als Herrschaftsideologie entwickelt und benutzt wurden” (Hausen 377), um die Vormachtstellung der Ma ̈nner gegenüber Frauen zu sichern. Des Weiteren erkla ̈rt Hausen, dass Bildung von Ma ̈nnern und Frauen darauf abzielte, die ‚Geschlechtscharaktere‘ deutlicher herauszubilden. Ma ̈nner wurden in Berufen ausgebildet, die gewerblicher oder kaufma ̈nnischer Natur waren, wohingegen das Ziel der Bildung von Frauen war, sie zu “gesellschaftsfa ̈higen jungen Damen mit Talent und Geschmack” (Hausen 388) und ihre Qualita ̈ten als focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 54 Hausfrau und Mutter auszubilden (ebd.). Diesbezüglich zeigen sich die von Hausen untersuchten ‚Geschlechtscharaktere‘ exemplarisch und auf ironische Weise gezeichnet anhand von Herrn Lautenschlag als gewerblich ausgebildetem Verdiener der Familie und Frau Lautenschlag als musikalisch gebildete Dame der gesellschaftlich gehobenen Schicht sowie als Hausfrau und Mutter der vier Kinder. Auch Stauffer betont die Biologisierung von Geschlecht im Zuge der Aufkla ̈rung, um weiterhin für die gesellschaftliche ma ̈nnliche Vormachtstellung argumentieren zu ko ̈nnen (68-69). Die Erkla ̈rung, Ma ̈nner seien eher der Natur entfremdet als Frauen, diente dazu “ihre Einbindung in gesellschaftliche und historische Gegebenheiten zu negieren und ihr letztlich die Kulturfa ̈higkeit abzusprechen” (Stauffer 69). Nach Kilian, die sich mit der Erza ̈hltextkategorie Zeit in Verbindung mit Geschlecht bescha ̈ftigt hat, ko ̈nnen Zeiterfahrungen innerhalb von Erza ̈hltexten kontextspezifisch dargestellt werden, indem sie aus “der gesellschaftlich-kulturellen Lebenssituation von Frauen oder Ma ̈nnern” (89) resultieren. Anschließend an Ricœur geht sie von einer Permeabilita ̈t zwischen erza ̈hlter und extraliterarischer Welt aus, da Literatur, bei Ricœur die Fabelkomposition, durch die Sinnstrukturen, die symbolischen Ressourcen und den zeitlichen Charakter “in einem Vorversta ̈ndnis der Welt des Handelns verwurzelt” (Ricœur 90) ist. Herr Lautenschlags Tageszyklus ist dadurch gekennzeichnet ist, dass er “viel unterwegs” (Kolb 24) ist und sich nur “sorglos” (Kolb 56) fühlt, wenn er seinen Interessen, “seine[n] Ga ̈rten, sein[em] Alpinum, Sitzungen des Landwirtschaftlichen Vereins, Reisen, Ero ̈ffnungen von Blumenausstellungen” (Kolb 55) und der Politik nachgehen kann. Frau Lautenschlag hingegen füllt dieses Zeitraster mit dem Komponieren von Musik (Kolb 24), dem Haushalt, dem Organisieren und Halten von Salons und dem Empfang von Teegesellschaften (Kolb 24, 27). An dieser Stelle wird ersichtlich, dass die jeweilige Lebenssituation und die Zeiterfahrung von Herrn und Frau focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 55 Lautenschlag durch die wechselseitig wirkende Darstellung der Erza ̈hltextkategorien Zeit und Raum dargestellt wird. Betrachtet man die Lebenssituation der Figuren Herrn und Frau Lautenschlag, zeigt sich, dass Herr Lautenschlag, wie im Vorhinein dargelegt, als Erwerbsta ̈tiger der Familie dem o ̈ffentlichen Leben den tradierten ‚Geschlechtscharakteren‘ entsprechend, verpflichtet ist. Mit der Gegenüberstellung von Herrn Lautenschlag als Erwerbsta ̈tigem und Frau Lautenschlag als Mutter und Hausfrau, dessen konstruierte Identita ̈ten von der Interdependenz der Strukturkategorien Geschlecht und O ̈konomie gepra ̈gt sind, werden die bina ̈ren Oppositionen von außen und innen (Hausen 368) innerhalb des Erza ̈hltextes vermeintlich erkennbar. Herr Lautenschlag wird als “zimmerblind” (Kolb 51) beschrieben. Alles innerhalb von Ra ̈umen ist für ihn “amorph” (Kolb 17) und “er mag im Hause nicht warten” (Kolb54). Der Aspekt der künstlerisch-musischen Bildung der Frau Lautenschlag allerdings fungiert hier als ein Moment der Aushebelung der Opposition von Mann und Frau nach festen ‚Geschlechtscharakteren‘. Frau Lautenschlag, die “in vollendeter Weise” (Kolb 27) weiß, wie ein Salon zu halten ist und sich dabei fühlt “wie eine Dame aus dem Dix- huitiéme” (ebd.), wird zwar somit ra ̈umlich nur innerhalb des Hauses der Familie konstruiert, tritt jedoch durch das Führen der Salons in die O ̈ffentlichkeit. Ihre kulturelle Bildung ist also nicht mehr nur dazu da, eine standesgema ̈ße Ehe eingehen zu ko ̈nnen, sondern wird von ihr auch nach der Eheschließung genutzt, um sich als Frau im o ̈ffentlichen kulturellen Leben einen Raum zu verschaffen. Gezeigt wurde bisher, dass besonders Herr und Frau Lautenschlag durch die in verschra ̈nkendem Verha ̈ltnis stehenden identita ̈ren Kategorien Geschlecht, O ̈konomie und Bildung anhand der Erza ̈hltextkategorien Raum, Zeit und erza ̈hlerischer Vermittlung figurativ konstruiert werden. Deutlich wird, dass durch die bina ̈re Opposition von Mann und Frau und durch das damit einhergehende Verha ̈ltnis von sozialer Ungleichheit bezüglich der finanziellen Versorgung focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 56 eine Abha ̈ngigkeit von Mann und Frau entsteht. Frauen gelten dementsprechend als “abha ̈ngig” (Hausen 368), da sie an die finanzielle Versorgung durch einen Mann gebunden sind, wa ̈hrend Ma ̈nner “selbststa ̈ndig” seien (ebd.). Diese Abha ̈ngigkeit wird ebenso ersichtlich, wenn erza ̈hlt wird, dass auf den Tod Herrn Lautenschlags auch der Tod Frau Lautenschlags folgt, da ihre “Zusammengeho ̈rigkeit ultra vitae” (Kolb 59) darüber entschied. Die Abha ̈ngigkeit von Mann und Frau wird an weiteren Textstellen deutlich, wenn die Erza ̈hlinstanz erwa ̈hnt, dass “herzlich wenig Berufe [...] damals den Frauen offen” (Kolb 45) standen. Die narrative Konstruktion der beiden Figuren Herr und Frau Lautenschlag macht auf Basis der untersuchten Interdependenzen auf einen Spezialdiskurs aufmerksam, der die Gesellschaft als gepra ̈gt von einer hegemonialen Geschlechterordnung zeigt und die besonders durch das rhetorische Mittel der Ironie sowohl aufgedeckt als auch aufgebrochen wird. Diese kontinuierlich den Text bestimmende Ironie zeichnet sich als subversives Potenzial aus, wenn sich Subversion – an dieser Stelle auf Ebene des Inhalts und der Figuren Herr und Frau Lautenschlag – wie Ernst beschreibt, “immer in einem spezifischen Verha ̈ltnis zu einer ›Macht‹, einer ›Normalita ̈t‹ [befindet] gegen die sie sich bewegt” (177). Herr Lautenschlag entzieht sich diesbezüglich durch seinen “Mangel an Ernst [...] dem Geld gegenüber” (Kolb 9) in Teilen dem konventionell als ‚normal‘ angesehenen ‚Geschlechtscharakter‘ eines Mannes. Frau Lautenschlag scheint ebenso nicht ga ̈nzlich den Konventionen zu entsprechen, da sie ironisch als “eine so zerstreute Hausfrau [beschrieben wird], daß es schon besser war, sie komponierte.” (Kolb 24). Nichtsdestotrotz wird eine Abha ̈ngigkeit deutlich, die das ga ̈nzliche Aufbrechen der Oppositionen von Mann und Frau verhindert. focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 57 Zwei Familien als bina ̈re Opposition [...] wollen wir uns gleich nach einer zweiten umsehen: keine angestammte bayrische zwar, nur eine zugezogene, eine protestantische aus Preußen. (Kolb 9) Die Erza ̈hlinstanz führt die zweite, den Lautenschlags benachbarte Familie von Zwinger wertend mittels der Adverbien “zwar” und “nur” als eine in Bayern lebende, aber ursprünglich aus Preußen stammende und von ebenso großer Bedeutung, protestantische Familie ein. Durch die Adverbien wird eine Abgrenzung sowie Kontrastierung der Familien aufgrund der Differenzkategorien Nation und Religion erzeugt, die den Rückschluss zula ̈sst, dass Lautenschlags somit eine bayrisch angestammte Familie und vermutlich katholisch ist und dass dies mit einer Aufwertung des Eigenen gegenüber der preußischen protestantischen Familie, dem Fremden,5 verbunden ist. Die Kontrastierung von preußischer und bayrischer Herkunft sowie das Angeho ̈ren einer protestantischen oder katholischen Religionsgemeinschaft verweist auf einen historischen Diskurs, der auf die Zeit um die deutsche Nationalstaatgründung zurückgeht (Winkler 214-215). Explizit wird innerhalb der Erza ̈hlung die Notiz “>1870 war nicht no ̈tig. Wir verdanken es den Pr. Immer fester an sie gekettet. Leider.< – >Zum fünfundzwanstigsten Male im scho ̈nen Wien” (Kolb 55) in Herrn Lautenschlags Tagebuch erwa ̈hnt, die auf die Zusammenführung und Gründung des Nationalstaates Deutschland und auf die damaligen Bestrebungen Preußens verweist, “ein erneuertes und starkes Preußen [und] den Traum von Einheit und Freiheit zu verwirklichen” (Epkenhans 47). Die angestrebte deutsche Einheit implizierte seit Erfolg des Einigungskriegs “zwischen Preußen und den Kleinstaaten Norddeutschland einerseits, O ̈sterreich und den wichtigsten Staaten innerhalb des deutschen Bundes focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 58 (Bayern, Württemberg [...]) andererseits” (Epkenhans 50-51) im Jahr 1866 auch die Eingliederung des vorwiegend katholischen Ko ̈nigreich Bayerns in den sich 1970 gründenden und auf protestantisch preußischer Vormachtstellung beruhenden Nationalstaat (Winkler 202-204). Auf die Ablehnung Herrn Lautenschlags gegenüber der Einigung mit Preußen verweist die Erza ̈hlinstanz auch durch den Umstand, dass Herr Lautenschlag einem franzo ̈sischen Gescha ̈ftstra ̈ger seinen “Kummer” darüber ausspricht, “wieviel scho ̈ner alles gewesen sei im Bayerland, bevor es unter den protestantischen Stiefel geriet” (Kolb 50). Ein weiterer Verweis wird durch die wertende Kommentierung der Erza ̈hlinstanz in Kapitel Auf und Nieder deutlich, dass Mathias “sehr bayrisch” (Kolb 18) sei, woraufhin durch die Nullfokalisierung, welche eine Sicht auf die Wahrnehmung und die Gedanken von Mathias ermo ̈glicht (Wolf 191), auf Unterschiede der sprachlichen Varieta ̈t zwischen Preußen und Bayern aufmerksam gemacht wird. “Die Preußen, die sagten Blumenkohl statt Karfiol und Tüte statt Stranitzel [...]” (Kolb 18). Der bayrische Dialekt zeigt sich hier durch die Wertung der Erza ̈hlinstanz gegenüber dem Hochdeutschen als Sprache der Subversion (Ernst 180). Demgegenüber wird seitens Frau Lautenschlag “eine Hemmung gegenüber ihrem Sohn Otto” erwa ̈hnt, da er “immer deutsch” (Kolb 25) spreche, woran sich zeigt, dass Otto, nicht Bayrisch und nicht Franzo ̈sisch, sondern Deutsch sprechend, nicht der kulturellen Tradition der Familie Lautenschlag entspricht. Vor jenem historischen Hintergrund werden die figuralen Identita ̈ten der Familie von Zwinger in Abgrenzung zu der Familie Lautenschlag als eine den preußischen Tugenden entsprechende Familie dargestellt. Was genau als preußische Tugenden bezeichnet wird, ist innerhalb des Diskurses der deutschen Nationalstaatsgründung gepra ̈gt durch ein “preußisches Selbstversta ̈ndnis und ein außerpreußisches Versta ̈ndnis”. Hans Hillerbrand zeigt in seinem Artikel Staatliche Tugendlehre und Theologische Ethik im Preußen des 19.Jahrhunderts, wie verschra ̈nkt das nationale Selbstversta ̈ndnis der Preußen mit “moralischen Pflichten und sittlichen Tugenden” (Hillerbrand 8-9) war, die sich mit dem 17. Jahrhundert formten und von protestantischen Kalvinisten und Lutheranern gepredigt wurden. Zu den mythisch focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 59 aufgeladenen für das Preußentum ‚typischen‘ Tugenden geho ̈rten somit unter anderem sowohl “Treue, [...] Anspruchslosigkeit [und] Sparsamkeit”, als auch “Gehorsam und Autorita ̈tsgefühl” (Hillerbrand 8) und Fleiß (Hillerbrand 4). Eine Folge dieses Selbstversta ̈ndnisses von preußischen Tugenden war die Abgrenzung des ‚Anderen‘, derjenigen Staaten also, denen nach diesem Versta ̈ndnis diese Tugenden fehlten. Bayern war einer dieser Staaten, denen mitunter aufgrund des vorherrschenden Katholizismus die Tugendhaftigkeit abgesprochen wurde. Somit folgte eine “Abwertung katholischer Tugenden, sowohl was das Individuum als auch was die Gesellschaft anbelangt”, womit die Argumentation einherging, “dass katholische Staaten nicht den gleichen Wohlstand wie protestantische Staaten aufweisen konnten” (Hillerbrand 16). Im angelsa ̈chsischen Raum war eine der preußischen sehr a ̈hnliche Entwicklung im Gange, die ebenso auf bürgerliche Sitten und den Protestantismus als Staatsreligion zurückgeführt wurde (Hillerbrand 5). Die durch die deutsche Nationalstaatsgründung befeuerte Auseinandersetzung zeigte sich in Deutschland unter anderem durch den sogenannten “Kulturkampf” (Winkler 215-217), den Bismarck 1871 initiierte, “indem er die Rechte der Kirchen im Bildungs- und im Zivilstandswesen beschnitt [...], um die (die überwiegend protestantischen) Liberalen zufriedenzustellen” (Fisch 93). So bezeichnet Heinrich August Winkler dies als eine “historische Auseinandersetzung zwischen den Vorka ̈mpfern der weltlichen Moderne [u.a. Preußen, England] und den Bewahrern der kirchlichen Tradition [u.a. Frankreich, O ̈sterreich, Bayern]” (201). Durch die Einigung Deutschlands wurde die Kluft zwischen Nord- und Süddeutschland gro ̈ßer (Winkler 215). Der Roman reflektiert die kulturelle, religio ̈se und traditionelle Auseinandersetzung durch die Schilderung der von Zwingers als gepra ̈gt von einem “sehr von sich eingenommene[m] [...] Protestantismus“ (Kolb 15). Sparsamkeit und Anspruchslosigkeit werden auf ironische Weise durch die Erza ̈hlinstanz als Geiz gewertet. Es wird hyperbolisch auf den “akut[en]“ Protestantismus der Frau focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 60 Erlendicht, einer Verwandten der Familie von Zwinger, hingewiesen, die durch die Ra ̈umlichkeiten ihrer Wohnung, die “nüchtern, unverbindlich, [und] ausgeka ̈ltet” (Kolb 15) gewesen seien, dargestellt wird. Die geizige Frau Erlendicht ist der Ansicht, dass der Protestantismus dem Katholizismus “Ordnung und Sauberkeit” (Kolb 21) gebracht habe und ihre Wohnung selbst sei “von einer pedantischen Ordnung” (Kolb 16) gewesen. Der Geiz wird den von Zwingers auch an einer weiteren Stelle des Romans zugeschrieben. Das Haus der von Zwingers ist der Raum, in dem einerseits der Wohlstand der Familie und andererseits der Geiz dargestellt wird, der ihnen anhafte. So wird die Ausstattung mit einem zwanzigteiligen Londoner Porzellan und die ha ̈usliche Ausstattung mit Gas beschrieben, die auf den Wohlstand der Familie hindeutet. Dementgegen müssten geladene Ga ̈ste allerdings auf “schmucklosen Rohrstühlen” sitzen und durch die Gasflammen entsta ̈nde ein “unvorteilhaftes Licht” (Kolb 30). Außerdem werden die angebotenen Speisen bei von Frau von Zwingers gegebenen Teegesellschaften in Form von “Hart- und Streichwurst au choix, im ungefa ̈lligen Brotkorb geschichtet Semmeln, Butter im ausgiebigen Format, Marmelade Kilodosen [...]” nur “aus Gründen der Wohlfahrt” (Kolb 32) innerhalb des Speisezimmers angeboten. Den von Zwingern ist laut Erza ̈hlinstanz der “Genius des Geldes” im Gegensatz zu den Lautenschlags “gewogen”, da in dem Hause “Solidita ̈t, Sinn für Ordnung und System” (Kolb 28) herrsche. Der Sparsamkeit und Anspruchslosigkeit der Familie von Zwinger wird immer wieder der Gro ̈ßenwahn der Lautenschlags entgegengestellt. So wird im Hause Lautenschlag des Nachts laut Erza ̈hlinstanz von den Kindern um Geld in Ho ̈he von vierzig bis achtzigtausend Mark Karten gespielt. Diese mehrfach in dem Werk gea ̈ußerten hyperbolischen und ironischen A ̈ußerungen deuten die Pra ̈gnanz (s. Die ironische Übertreibung Müller 164) der Oppositionen der beiden Familien an und werden gleichsam wie im Vorhinein auch als kulturthematische Anspielungen erkannt. Herrn Lautenschlag fehle “eine zureichende Beziehung zum Gelde” (Kolb 53). Des Weiteren wird Mathias als eine Tochter der focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 61 Lautenschlags vorgestellt, für die “seitdem sie das Interieur bei Erlendichts kennengelernt hat, der Protestantismus gerichtet [ist]. Sie ha ̈lt nie Maß” (Kolb 18). Die Ablehnung des Protestantismus führt in Kolbs Werk allerdings nicht zur direkten Aufwertung des Katholizismus, wenn erkla ̈rt wird, dass Lautenschlags, auch hier hyperbolisch, “[a]uf eine derart stra ̈flich undeutsche Weise [...] Weihnachten feiern” (ebd.). Die Kinder gingen “in die Mitternachtsmesse. Denn dafür brauchen sie morgen nicht in die Kirche zu gehen” (Kolb 18). Im Gegensatz zu der Familie von Zwinger wird bei den Lautenschlags das Geld wie auch die Ausübung religio ̈ser Praktiken wenig ernst genommen. Die Untersuchung zeigt, dass sich die Ungleichheiten, die in dem Roman zwischen den beiden Familien dargestellt werden, neben den Differenzkategorien Nation und Religion auch in der Kategorie O ̈konomie niederschlagen und in dem zuvor geschilderten historischen Kontext und vor dem Hintergrund eines preußischen sowie außerpreußischen Selbstversta ̈ndnis erkennbar werden. Die ironische Erza ̈hlinstanz verdeutlicht allerdings, dass sich die Familie Lautenschlag immer wieder der Identita ̈tskonstruktion auf Grundlage der Strukturkategorien Religion und O ̈konomie durch den Mangel an Ernsthaftigkeit widersetzt. Der lieblosen Ausstattung des Buffets bei von Zwingers finde man im Speisezimmer der Lautenschlags ein Buffet bei ihren Teegesellschaften vor, dass “mit dunkelgrünem Samt” ausgeschlagen sei und eine geschenkte “Vitrine reich von inkrustierten Früchten und Girlanden überhangen” (Kolb 36). Die Ausstattung des Speisezimmers mit “alte[m] Kristall und Porzellan” (ebd.) ta ̈usche Luxus vor, wobei die Eisbecher aus Silber nie genutzt würden, da Lautenschlags sich keine Eismaschine leisten ko ̈nnten. Hier sind es die Ra ̈ume in Form von den beiden Ha ̈usern der Familien, welche die Opposition der Familien unterstreichen. Dem Geiz der von Zwingers entgegen sorgt Mathias, eine Tochter der Lautenschlags, wa ̈hrend einer Teegesellschaft für Marrons glaçes, woraufhin die Erza ̈hlinstanz die rhetorische Frage “Und wo hat sie mit einem Male die vielen Pralinen her?” (Kolb 37) stellt. Unter anderem focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 62 wird durch die Darstellung des Gro ̈ßenwahns der Kinder mittels solcher Textpassagen im Roman die Sympathie für die Lautenschlags erweckt, da sie im Kontrast zu den geizigen und kühlen von Zwingers als über ihre Verha ̈ltnisse lebende und charismatische Figuren dargestellt werden. Des Weiteren wird Herr von Zwinger, preußisch und protestantisch, im Laufe des Romans als Autorita ̈tsperson der Familie gezeichnet, der, wenn er dann zu Hause ist, “peremptorische Befehle erla ̈ßt” (Kolb 33) und seiner Frau hierarchisch als “protestantische[r] Gemahl” (Kolb 31) übergeordnet ist. U ̈ber ihm sta ̈nde “nur noch der protestantische Gott” (ebd.). Die Interdependenz der Differenzkategorien Nation und Religion hinsichtlich der narrativen Identita ̈tskonstruktionen wird durch die englische Sozialisierung der Frau von Zwinger verdeutlicht, indem an dieser Stelle auf die politischen und religio ̈s-gesellschaftlichen Parallelen Preußens und Englands hingewiesen wird (Hillbebrand 5). Frau von Zwinger wird von der Erza ̈hlinstanz als ungern lebende Frau beschrieben (Kolb 31). Auf die rhetorische Frage, ob die Wirkung ihres Mannes dazu beitragen würde, wird von der Erza ̈hlinstanz mokant betont, dass “Komplikationen im Eheleben [...] bei den von Zwingerschen Damen nicht einmal in Frage” (ebd.) ka ̈men. Diese Darstellungen lassen Herrn von Zwinger auf ironische Weise als milita ̈risch wirkendes Oberhaupt der Familie erscheinen, dem Frau von Zwinger durch ihre preußisch tugendhafte und ausnahmslose Treue ergeben ist, und der Gehorsamkeit seitens seiner Familie verlangt. Hier zeigt sich eine deutliche Referenz auf die schon genannte gesellschaftsstrukturierende Geschlechterordnung, die sich in exemplarischer Weise anhand des Ehepaars von Zwinger, nach Hausen den ‚Geschlechtscharakteren‘ entsprechend (Hausen 363), entfaltet. Bei Lautenschlags hingegen seien “Dinge wie Befehlen oder Verbieten [...] nicht an der Tagesordnung” (Kolb 24). Herr von Zwinger, der durch zuvor genannte milita ̈rische Lexeme beschrieben wird, wird Herrn Lautenschlag gegenübergestellt, dessen letztes Wort am Sterbebett „»Friede«“ (Kolb 58) gewesen sei. Die Rekurrenzen der milita ̈rischen Lexeme und der focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 63 Adelstitel der von Zwingers nehmen Bezug auf “die in Preußen etablierten Strukturen adelig- milita ̈rischer Dominanz”, die es in Bayern laut der Untersuchung Herrschaftspraxis in Bayern und Preußen im 19. Jahrhundert von Marita Krauss “erst gegen Jahrhundertende unter dem Einfluß des preußischen Vorbilds” (Krauss 386) gab. Der “Ordnung [und dem] System” (Kolb 28) der von Zwingers gegenüber werden die Kinder Lautenschlags in sympathischer Weise als sich selber überlassen dargestellt, da “Herr Lautenschlag [...] viel unterwegs” gewesen sei und Frau Lautenschlag als “zerstreute Hausfrau” beschrieben wird, die “erst recht nichts” (Kolb 24) merkte. So wa ̈re laut Erza ̈hlinstanz der “Unfug”, den Mathias anstellte, “in einer anderen Familie nicht mo ̈glich gewesen” (ebd.). Durch die wertende, kommentierende und ironische Erza ̈hlinstanz wird hier durchga ̈ngig die Sympathie für die Lautenschlags geweckt, die innerhalb des Wertesystems des deutschen Nationalstaates eine gesellschaftlich minorita ̈re Gruppe repra ̈sentiert. Der Roman reflektiert also auf Inhaltsebene neben dem Spezialdiskurs einer spezifischen Geschlechterordnung einen weiteren Diskurs, der die preußische Dominanzkultur innerhalb Deutschlands einer Kultur der Minorita ̈t gegenüberstellt und somit von Normalita ̈t und Alterita ̈t gekennzeichnet ist (Ernst Literatur als Subversion. Politisches Schreiben in der Gegenwart 179). Durch die bei LeserInnen besonders durch Ironie entstehende Sympathie für die Familie Lautenschlag wird das Machtgefüge allerdings umgekehrt, sodass die von Zwingers als von einer alterita ̈ren Andersartigkeit gepra ̈gt dargestellt werden und ihr von Rigorismus gekennzeichnetes Wertesystem kritisiert wird. Die ‚sonderbare Stellung‘ und das kulturelle Kapital focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 64 Auch die Differenzkategorie Klasse zeigt sich im Roman Die Schaukel als identita ̈tskonstruierend. Laut Erza ̈hlinstanz seien die Lautenschlags in einer “sonderbare[n] Lage”, ha ̈tten jedoch “keine sonderbare Stellung” (Kolb 40). Auf diese Lage wird im Roman dadurch hingewiesen, dass der Eindruck geweckt wird, die Teegesellschaften der Frau Lautenschlag seien hoch angesehen. Obwohl der Mangel an Geld bei diesen Gesellschaften keine Dienerschaft zulasse, das Haus der Lautenschlags Luxus nur vorta ̈usche und der Speisesaal keine Massen an Speisen vorzuweisen ha ̈tte, würde “ein ganzes Planetensystem [...] die Lautenschlagschen von den Zwingerschen Tees” (Kolb 28) trennen. Dies wird an der Erwa ̈hnung der Ga ̈ste verdeutlicht, die in großer Zahl bei Frau Lautenschlag erscheinen. Dem luxurio ̈sen Anblick des Hauses entsprechend geho ̈re zu den Besuchern der Salons und Teegesellschaften bei Lautenschlags unter anderem „eine abgesetzte Ko ̈nigin” (Kolb 35), ein Assessor, ein “weltberühmte[r] Dirigent” (Kolb 37) und ein “franzo ̈sische[r] Gesandte[r]” (Kolb 38). Besonders die Internationalita ̈t der Ga ̈ste fa ̈llt hier auf, da sich die Familie einmal mehr von dem Konzept der Nationalita ̈t als eine dem Menschen genuine Eigenschaft emanzipiert. Auch Herr Lautenschlag, dem grade seine bayrische Herkunft wichtig erscheint, “schüttete” “unter allen” nur einem “franzo ̈sischen Gescha ̈ftstra ̈ger [...] sein partikularistisches Herz aus” (Kolb 50). Ebendiese Widersta ̈ndigkeit ist auch in Bezug auf die Religion als eine genuine Eigenschaft zu erkennen, wenn weiterhin erza ̈hlt wird, dass Herr Lautenschlag auch “Frau James, eine jüdische Dame, weit gereist und von hoher Bildung” besucht, “der seine ganze Anha ̈nglichkeit geho ̈rte” (ebd.). Die Beschreibungen des Hauses der Lautenschlags sowie die Erwa ̈hnung der hochrangingen Umga ̈nge erwecken den Eindruck, als seien die Lautenschlags selbst, trotz der finanziellen Lage, von hohem sozialem Rang. Die oben genannte hyperbolische Verwendung des Begriffs “Planetensystem” (Kolb 28) sowie die unbestimmten Artikel der Ga ̈ste wie “eine” (Kolb 35) und die Namenslosigkeit der BesucherInnen wirken jedoch ironisch und verzerren diesen Eindruck. Hier wird aus preußischer Sicht eine gesellschaftliche Belanglosigkeit der Familie focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 65 innerhalb des deutschen Wertesystems ersichtlich. Es wird der Eindruck erweckt, dass aus dieser Sicht eine bayrisch-katholische Familie durch die fehlenden preußischen Tugenden nicht zu Wohlstand gelangen und damit einhergehend auch keine ho ̈heren Klassenpositionen einnehmen ko ̈nnten. Vor dem dargelegten historischen Hintergrund ergibt sich hier die Interdependenz der vier Strukturkategorien Nation, Religion, O ̈konomie und Klasse. Die Erza ̈hlinstanz erla ̈utert auf die Frage hin, “Wie aber, [...], kommen diese Leute, [...] in ihre sonderbare Lage?”, dass München “die individualistischste Stadt der Welt” (Kolb 40) gewesen sei und somit “der Boden [...] für das Ausgefallene weit aufnahmebereiter [war] als andernorts”. An dieser Stelle wird erkenntlich, dass die Stadt München aus Sicht der Lautenschlags als eine Stadt angesehen wird, in der mehr Freiheit hinsichtlich der zu vertretenden Wertesysteme herrscht, sodass sie sich auf Grundlage dessen von anderen Sta ̈dten unterscheiden würde. Hier zeichnet sich eine nach Natascha Würzbach erla ̈uterte subjektive Semantisierung von Ra ̈umen ab, wodurch der Raum München “mit perso ̈nlichen Gefühlen und Wahrnehmungsmodifikationen überformt” (62-63) wird. Das “Ausgefallene”, das die Lautenschlags zu ihrer “sonderbaren Lage” (Kolb 40) bringe, sei, laut nullfokalisierter Erza ̈hlinstanz, an dieser Stelle aus Sicht der Lautenschlags selber, der Dilettantismus der “meisten Leute” (Kolb 41). Den von Zwingers gegenüber ha ̈tten die Lautenschlags Wissen über Gegensta ̈nde der Kultur, wie der Kunst, der Musik und der Literatur. München wirkt also an dieser Stelle als ein für die Lautenschlags subversiver Ort, an dem sie nicht gezwungen sind, den hegemonialen Anforderungen des neuen Deutschlands zu entsprechen, um Ansehen innerhalb ihrer sozio-kulturellen Gesellschaft zu erlangen, sondern nach ihren eigenen Vorstellungen und Werten leben ko ̈nnen. Herr von Zwinger wird von der Erza ̈hlinstanz als “autorita ̈tsfreudige[r] Deutsche[r]” (Kolb 63) beschrieben, der “Berlin als den Sitz staatsma ̈nnischer Weißheit, staatsma ̈nnischen Weltblicks focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 66 und staatsma ̈nnischen Taktes erachtete” und der ohne Hinterfragen der Politik “der dort amtierenden Person [...] Vertrauen entgegenbrachte” (Kolb 64). Ersichtlich wird hier, dass durch die Erza ̈hlinstanz auch Herr von Zwinger als Dilettant dargestellt wird. Berlin, ebenso als subjektiv überformter Raum, verweist somit im Gegensatz zu München auf den gesellschaftlichen Konsens innerhalb des neu gegründeten Deutschlands, dessen Wertesystem auf den preußischen Tugenden beruht. Hier wird die Opposition der beiden Familien durch eine Darstellung von topografisch bestimmbarem und subjektiv aufgeladenem Raum deutlich. Wa ̈hrend die Lautenschlags aufgrund ihres kulturell und künstlerisch gepra ̈gten Umgangs und Wissens nur in einer “sonderbare[n] Lage” (Kolb 40) innerhalb der Gesellschaft der erza ̈hlten Welt seien, ist der Familie von Zwinger der hohe soziale Rang schon durch den Adelstitel gegeben. Erkenntlich wird zu Anfang des Romans schon die ironische Darstellung dieser Klassenzugeho ̈rigkeit aufgrund eines Adelstitels, wenn die Erza ̈hlinstanz erwa ̈hnt, dass “die Zwingers” “erst neuerdings” zum Adel za ̈hlten und dies “nur auf Grund eines hohen Ordens” (Kolb 10). Außerdem sei das “Vermo ̈gen [...] kein von Zwingersches” (Kolb 10) gewesen. Der Adelstitel, der schon zu Beginn der Einführung dieser Familie in die Erza ̈hlung erwa ̈hnt wird, wird des Weiteren von der Erza ̈hlinstanz nicht durchga ̈ngig verwendet, wenn Figuren der Familie beschrieben werden. An spa ̈terer Stelle wird Herr von Zwinger ironisch als “Professor Doktor Von” (Kolb 63) bezeichnet. Die wertende Beschreibung der feierlichen Blumenausstellung, die “das Werk des Herrn Lautenschlag” (Kolb 26) war, und im Folgenden “[m]ittelalterliche Klosterga ̈rten, ganz verwunschene, wunderscho ̈ne, [...] hingetra ̈umt nach Norden englische Parkanlagen” und “braune[] Sandwege an franzo ̈sisch gestutzten Hecken entlang” (ebd.) zeichnen ein Bild eines künstlerisch begabten Herrn Lautenschlags. Weiterhin würde Musik gespielt und das Milita ̈r sowie der Wittelsbacher Adel Bayerns, “Hofchargen [und] Diplomaten” (Kolb 27), würden mit an dem “monumentalen focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 67 Glasbau” ha ̈ngenden “[h]immellange[n] Fahnen“, “blauweiß” (ebd.) empfangen werden. Die Feierlichkeit ha ̈tte “etwas Urgemütliches und Ungezwungenes, sie ist so typisch bayrisch, daß es die heimischen Herzen erfreut” (Kolb 17). An dieser Stelle werden die kulturellen Traditionen Bayerns sowie die eigene Zugeho ̈rigkeit der Erza ̈hlinstanz durch die positiven Wertungen deutlich. Die Kommentare “Noch war man gerne in der Stadt“ und “Sie war noch scho ̈n im Gela ̈ute ihrer Glocken” (Kolb 26) im Zusammenhang mit der erza ̈hlten bayrischen Feierlichkeit lassen auf einen durch die deutsche Einigung zunehmend gefürchteten Traditions- und Kulturverlust durch preußischen Einfluss schließen. Der Familie von Zwinger wird im Gegensatz zu Familie Lautenschlag durch die ironische erza ̈hlerische Vermittlung und durch Einschübe wie: “Musik? Die brauchte man vor allem, wenn Besuch kam, um die leicht einschla ̈fernde Konversation zu beleben” (Kolb 29) das kulturelle Wissen über Musik, Literatur und Kunst abgesprochen. Außerdem wird Herr von Zwinger von der Erza ̈hlinstanz als “unmusisch und unangenehm” (Kolb 12) beschrieben. Wa ̈hrend für Frau Lautenschlag “die Welt, wie Balzac, Flaubert, Maupassant sie schildern, kein Buch mit sieben Siegeln” (Kolb 31) darstellt, so wurden die Romane der franzo ̈sischen Schriftsteller, auf die sich durch den intertextuellen Verweis bezogen wird, bei den von Zwingers nicht zur Kenntnis genommen (ebd.). Auf die Darstellung der Kultur- und Kunstlosigkeit beziehungsweise den Dilettantismus hinsichtlich kultureller Güter wird an weiteren Stellen des Romans rekurriert, wenn zum Beispiel der Garten der von Zwingers im Kapitel Mustergut als “kunstlos” (Kolb 61) beschrieben wird. Die Abwertung der Familie von Zwinger, welche durch die ironische Kommentierung der Erza ̈hlinstanz erfolgt, zeigt sich als eine Kritik an den Wertvorstellungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Versta ̈rkt wird dieser Eindruck durch Frau Lautenschlags “Hemmung gegenüber ihrem Sohn Otto”, der nicht nur “immer deutsch” spreche, sondern auch “das einzige unmusische ihrer Kinder” (Kolb 25) sei. Letztlich wird dieser Eindruck auch verdeutlicht, focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 68 indem die Erza ̈hlinstanz ironisch erza ̈hlt, dass Frau Lautenschlag nach ihrem Tod “durch ein Versehen ho ̈her als die anderen Leichen des Tages aufgebahrt” (Kolb 112) wird. Was also brachte die Lautenschlags in diese ‚sonderbare Lage‘? Wie die Untersuchung herausstellt, sind es aus Sicht der Lautenschlags das ihnen in München ermo ̈glichte kulturelle Kapital und ihre internationalen und nicht an Konfessionen gebundenen Kontakte, die sie in diese Lage brachten. Die figuralen Konstruktionen der beiden Familien zeichnen Bilder der gesellschaftlichen Konventionen, die innerhalb von Deutschland noch vor dem Nationalsozialismus erkennbar waren. Wa ̈hrend es die Funktion der Familie von Zwinger ist, den gesamtgesellschaftlichen Konsens des neu gegründeten Deutschlands unter preußischer Vormachtstellung durch überzeichnende und hyperbolische Verfahren der Ironie darzustellen, ist die Funktion der konstruierten Familie Lautenschlag das Infragestellen der rigorosen Festlegung von Subjektpositionen auf Grundlage starrer Identita ̈tskategorien und somit das Infragestellen der Argumentationsstrukturen der zu dieser Zeit herrschenden Machthierarchie und Gesellschaftsstruktur. So zeigt die Untersuchung, dass Annette Kolbs Roman nicht nur das Potenzial hat, Identita ̈tskonzepte hinsichtlich der Kategorie Geschlecht zu untergraben, wie Stauffer es auch anhand des Romans das Exemplar darlegt (229-230), sondern dass subversive Strategien auch hinsichtlich anderer identita ̈tsstiftender Kategorien der Gesellschaft zu betrachten sind. Die erza ̈hlerische Vermittlung als ‚engaging narrator‘ Robyn Warhol, die sich mit der englischen und amerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts bescha ̈ftigt hat, unterscheidet in ihrer Typologie in focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 69 eine Erza ̈hlinstanz als distancing oder engaging narrator. Diese Erza ̈hlinstanzen unterscheiden sich je nach Auspra ̈gung anhand der folgenden fünf Punkte: 1. The names by which the narratee is addressed. 2. The frequency of direct address to the narratee. 3. The degree of irony present in references to the narratee. 4. The narrator ́s stance toward the characters. 5. The narrator ́s implicit or explicit attitude toward the act of narration. (Warhol 813-815) Handelt es sich um einen engaged narrator, zeichnet sich die Erza ̈hlinstanz dadurch aus, dass sie es vermeidet, ihre LeserInnen mit Namen oder mittels bestimmter Klassifikationen anzusprechen. Damit gibt sie dem fiktiven Leser oder der fiktiven Leserin die Mo ̈glichkeit, sich mit den angesprochenen AdressatInnen zu identifizieren. Wa ̈hrend ein distancing narrator an vielen Stellen auf ‚mein Leser/meine Leserin‘ oder ‚der Leser/die Leserin‘ verweist, spricht ein enganging narrator seine LeserInnen hoch frequentiert mit ‚du‘ oder ‚wir‘ an. Dies hat zur Folge, dass, in Anbetracht von Punkt 3, die Erza ̈hlinstanz ihre LeserInnen im Falle eines engaged narrators dazu bewegt, sich selbst mit dem Pronomen ‚du‘ und der Gemeinschaft aus Erza ̈hlinstanz und AdressatIn, ‚wir‘, zu identifizieren. Des Weiteren unterscheiden sich die beiden Begriffe der Typologie nach Warhol darin, dass eine Erza ̈hlinstanz, die als engaged narrator bezeichnet werden kann, die Figuren der Erza ̈hlung als reale Personen darstellt, die teilweise auch durch Fehlbarkeit dargestellt werden, und durchbricht somit metaleptisch die diegetische Ebene, wohingegen der Begriff distancing narrator impliziert, dass fortwa ̈hrend Verweise darauf hindeuten, dass es sich lediglich um fiktive Figuren handelt. Schließlich, verbunden mit dem letztgenannten Kriterium, focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 70 ist die Erza ̈hlinstanz im Falle eines engaged narrators darauf bedacht, den LeserInnen die Vorkommnisse der fiktionalen Erza ̈hlung als Umsta ̈nde der realen Welt zu pra ̈sentieren, für die sie tatsa ̈chlich Verantwortung übernehmen ko ̈nnen und sollten (Warhol 813-815). Die hoch frequentierte Ansprache der Erza ̈hlinstanz an die LeserInnen als fiktive AdressatInnen, besonders durch das Pronomen “wir” (Kolb 8, 13, 15) und die Raumreferenzen innerhalb der erza ̈hlten Welt durch die Verwendung des Imperativs bzw. der Apostrophen wie “Seht ihn euch an. Betrachtet ihn wohl” (Kolb 54), weist innerhalb des Romans Die Schaukel auf einen engaged narrator hin und erwirkt eine fiktive gemeinsame Kommunikationssituation und einen gemeinsamen Wahrnehmungsraum. Versta ̈rkt wird dieser Eindruck durch die empathische und schwungvolle Sprache der Erza ̈hlinstanz, die geknüpft ist an eine Nullfokalisierung. Nach Genette hat diese Form der Fokalisierung zur Folge, dass die Erza ̈hlinstanz LeserInnen einen U ̈berblick über die gesamte Handlung sowie Einblick in die ideologischen, kognitiven und psychologischen Wahrnehmungsmuster der Figuren verschaffen kann (Wolf 191). Dies zeigt sich auch hinsichtlich der Erza ̈hltextkategorie Zeit deutlich durch Einschübe in Form einer Textdeixis (Fludernik 21) wie “Des o ̈fteren noch werden die Zeiten in diesem Buch in ›Unordnung‹ geraten” (Kolb 59), ebenso wie durch die Kategorie Raum, da sich die Erza ̈hlinstanz innerhalb der erza ̈hlten Welt frei im Raum bewegen kann und die U ̈bersicht über alle Geschehnisse zur selben Zeit hat6 sowie durch die oft wechselnde Einsicht in unterschiedliche Figuren, welche die jeweiligen Wertevorstellungen verdeutlicht. Die benannte Unordnung bezieht sich auf die durchbrochene Ordnung der Erza ̈hlung, deren Kapitel nicht synchron angeordnet, sondern durch Zeitsprünge in Form von Analepsen und Prolepsen gepra ̈gt sind. Empathie zeigt die Erza ̈hlinstanz im Besonderen für die Familienangeho ̈rigen der Familie Lautenschlag durch Kommentierung wie “Ach, es war das Schwanenlied der armen Madame Lautenschlag” (Kolb 25), “nichts focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 71 von Schwa ̈che und Unentschlossenheit in Hespera” (Kolb 14) oder durch einen Sprachgebrauch, der wie oben erwa ̈hnt, die Einstellung der Erza ̈hlinstanz beispielweise mittels wertender Adverbien zum Ausdruck bringt. Demgegenüber werden Familienangeho ̈rige der Familie von Zwinger in ironischer und hyperbolischer Weise als mit “dem ein wenig blo ̈den, aber forschenden Blick” (Kolb 29) oder als eine “wahrhaft sensationelle, fast überlebensgroße, statueske Erscheinung” (Kolb 28) dargestellt, wie auch Frau von Zwinger als “von einer steinreichen englischen Großmutter erzogen” beschrieben wird, die “ihrer stockdeutschen Sippe” “den englischen Lebensstil, das Englisch als Umgangssprache und den Five o ́clock tea zugeführt” (Kolb 10) hatte. An dieser Stelle ist der Topos des Ha ̈sslichen und Andersartigen aus Lautenschlagscher Perspektive erkennbar (Ernst Literatur als Subversion. Politisches Schreiben in der Gegenwart 179). Dies tra ̈gt weiterhin zu einer identita ̈tsbestimmenden Abgrenzung von der Familie von Zwinger bei. Die ironische Kommentierung und Bewertung der Figuren der Familie von Zwinger gegengenüber der ironisch empathischen Haltung, welche die Erza ̈hlinstanz hinsichtlich der Figuren der Familie Lautenschlag zeigt, la ̈sst die Figuren der Familie Lautenschlag als reale Personen erscheinen. Die Darstellung von Fehlbarkeit zeigt sich in dem Roman unter anderem an der Beschreibung des Hauses, das einiger Reparaturen bedarf,7 die Herr Lautenschlag allerdings aus “Neckerei” gegenüber seiner Familie nicht veranlassen la ̈sst. Des Weiteren zeigt sich die Erza ̈hlinstanz durch die im Vorhinein genannten Verweise auf den extraliterarischen Raum durch Toponymika (Dennerlein 77), die Darstellung gesellschaftlich-kultureller Verha ̈ltnisse bezüglich der Lebenssituation von Mann und Frau sowie durch die impliziten Verweise auf historische Ereignisse innerhalb des heutigen europa ̈ischen Raumes, als engaging narrator, da durch die Umsta ̈nde und Verha ̈ltnisse der erza ̈hlten Welt eine metaleptische Verbindung zu der realen Welt aufgebaut wird. focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 72 Da die Erza ̈hlinstanz als engaging narrator, wie im Vorhinein dargestellt, bewertend den Verlauf der Erza ̈hlung und die Konstruktion der narrativen Identita ̈ten maßgeblich beeinflusst und durch die ironische Kommentierung und die damit einhergehende Abwertung der preußischen Familie von Zwinger erwirkt, wird bei den LeserInnen die Vorstellung erzeugt, dass eine Na ̈he zwischen dem Wertesystem der Erza ̈hlinstanz und dem Wertesystem der Familie Lautenschlag besteht, wodurch eine LeserInnenlenkung evoziert wird. Die von Ironie gepra ̈gte Sprache der Erza ̈hlinstanz wird hier als Sprache der Subversion ersichtlich, da sie es ermo ̈glicht, die hegemonialen Macht- und Herrschaftsverha ̈ltnisse mittels einer LeserInnenlenkung zu destabilisieren und umzukehren. Demzufolge ist es in dem Roman Die Schaukel das außerpreußische Versta ̈ndnis, das die preußischen Tugenden karikiert. Hespera als scheiternde subversive Figur Die To ̈chter der Familie Lautenschlag werden zu Beginn des Romans innerhalb eines Raumes konstruiert. Nachdem diese, namentlich und mit kurzen Attributen ausgestattet, in die Erza ̈hlung innerhalb des Hauses der Familie eingeführt werden, wird eine Hierarchie unter ihnen mittels der Semantisierung von Raum aufgestellt. Hespera, metaphorisch als “die Krone” (Kolb 14) beschrieben und als einzige, die innerhalb der Familie Autorita ̈t besitze (Kolb 24), stehe innerhalb dieses einer Hierarchie entsprechenden Raumes “mit ihrer berückenden und geistreichen Figur” (Kolb 14) von ihren Geschwistern getrennt. “[E]ine Kluft” trenne ihre Geschwister “von so viel Harmonie” (ebd.). Der Begriff der Harmonie steht an dieser Stelle ebenso wie die Krone metaphorisch für das Wesen Hesperas und ihre Stellung innerhalb der Familie. Gervaise würde sie innerhalb dieses Raums durch ihre Scho ̈nheit bald überholen, focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 73 jedoch ko ̈nne keiner Hesperas “Grazie” (ebd.) und ihren Geist erreichen. Besonders Hespera wird als Figur beschrieben, die sich der gesellschaftlichen Umsta ̈nde durch ihre realistische Ansicht der Welt bewusst ist (Kolb 42-43). Mathias hingegen “kommt zuletzt in der Gunst der Nah- und Fernstehenden” (Kolb 14). Außerdem fa ̈llt auf, dass Hespera von der Erza ̈hlinstanz als einzige Figur nicht ironisch beschrieben wird. Sie selbst ist eine allegorische Figur, die für Frieden und Harmonie zwischen Nationen und Religionen steht. Deutlich wird dies unter anderem in Kapitel Abschied von Herrn Lautenschlag durch die Beschreibung des friedliebenden (Kolb 46, 58) Herrn Lautenschlags als “[e]rstens und letztens der Vater Hesperas” (Kolb 58). Außerdem ist es Hespera, in dessen Gegenwart die anhaltenden Streitigkeiten zwischen der ihre traditionell bayrisch und katholischen Werte vertretenden Mathias (Kolb 19-22, 147) und des Bruders Otto, der durch die deutsche Hochsprache und die Tatsache, dass er “nicht ihres [Frau Lautenschlag] Geistes, noch des Herrn Lautenschlags” (Kolb 25) gewesen sei, bei seiner Mutter “Fremdheit” auslo ̈se, beigelegt würden. Durch die Erza ̈hlinstanz, die in diesem Moment die Einsicht in Hesperas Gedanken hat, wird auf die Frage der Geschwister hin, ob sie die Deutschen oder die Franzosen lieber mo ̈ge, ihr Empfinden deutlich, dass sie “selbst derart franzo ̈sisch und derart deutsch zugleich [sei], daß sie weder eines noch das andere, sondern wirklich beides in einem Atem war” (Kolb 147). Die Konstruktion ihrer Figur entzieht sich somit der Eindeutigkeit einer Zuordnung zu einer Nation bzw. einer nationalen Identita ̈t und einer damit einhergehenden Identita ̈t basierend auf weiteren interdependenten Strukturkategorien. Außerdem wird gezeigt, dass sie Religion als Glauben ansieht, der etwas Perso ̈nliches ist, und über den nicht von anderen geurteilt werden sollte, sodass man frei ist in seinem Glauben (Kolb 148). Somit wird das Verweisen von Menschen auf Subjektpersonen durch genannte Strukturkategorien hinterfragt und anhand der Konstruktion der Figur Hespera und ihrer Ansichten und Einstellungen dekonstruiert. Wa ̈hrend also die Identita ̈ten der anderen Kinder der Lautenschlags durch nationale oder religio ̈se Zuweisung konstruiert werden, was ebenso in dem Kapitel Symposium im Heuschober ersichtlich wird, ist es die Erza ̈hlinstanz, die focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 74 mittels einer rhetorischen Frage Hespera als “pra ̈national” darstellt und ihre Einstellung verdeutlicht: “War sie selbst nicht, diese Antwort?” (Kolb 147). Hespera wird zunehmend im Roman von der Erza ̈hlinstanz als eine abstrakt anmutende und als “paradiesische Figur” (Kolb 131) beschrieben, die durch einzelne Textstellen und intertextuelle Verweise in Bezug zu Ma ̈rchenfiguren wie Schneewittchen (Kolb 90) oder Aschenputtel (Kolb 92) gesetzt wird. Ihr Name la ̈sst Intertextualita ̈t erkennen, da er auf die griechisch-mythologische Figur der Hesperia hinweist8 sowie nach Stauffer an den Abendstern Hesperus erinnert (103). Der Verweis auf Hesperia scheint schon an dieser Stelle den verfrühten Tod der Figur anzubahnen. Stauffer stellt die Figur als Femme fragile heraus, die auf Grund ihrer Zerbrechlichkeit letztlich “für den Kleinkampf des Tages” (Kolb 168) nicht gerüstet sei (106). Hespera ist durch ihre abstrakte Darstellung eine alle gesellschaftlichen Umsta ̈nde überschauende, eine tragende Figur, die für Freiheit und somit auch für Unabha ̈ngigkeit der Familie steht. So wird auch Frau Lautenschlag “als erstes und letztes [als] die Mutter Hesperas” (Kolb 111) beschrieben. Die mit der Handlung zunehmende Isotopie des Krieges, die durch die Rekurrenz von Lexemen wie “Gegner” (Kolb 77), “Sterbelager”, “Kreuzfeuer” (Kolb 85) oder “Niederlage” (Kolb 102) entsteht, gipfelt, wie auch die proleptischen Einschübe der Erza ̈hlinstanz bezüglich der “sich bedroht fühlenden Welt” (Kolb 85) und der “Mo ̈glichkeit eines Krieges, [...] ohne ihn zu kennen, die A ̈ra des Grauens zu ahnen, die er ero ̈ffnen würde” (Kolb 82) andeuten, in einer Verdra ̈ngung der Lautenschlagschen Wertevorstellungen sowie in Hesperas Tod, welcher mit dem letzten Kapitel den Romans abschließt und auf den Tod Herrn und Frau Lautenschlags sowie Ottos folgt. An dieser Stelle ist zu erwa ̈hnen, dass das Ende der Erza ̈hlung wie anfangs schon bemerkt, zeitlich Anfang der 1930er Jahre einzuordnen ist. Der Roman beginnt mit dem ersten Kapitel, das den Titel Nachspiel tra ̈gt, welcher den Eindruck erweckt, dass auf discours-Ebene, der Ebene also, die focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 75 “die Erza ̈hlzeit als Gestaltung der Zeitlichkeit auf der Ebene der erza ̈hlerischen Vermittlung” (Kilian 73) betrachtet, die zeitliche Ordnung nicht der chronologischen Abfolge der erza ̈hlten Zeit, der zeitlichen Abfolge der Geschichte selbst,9 folgt, sondern dass proleptisch das Ende der Geschichte mit dem Brand des Glaspalastes und somit des Hauses der Lautenschlags 1931 (Ba ̈umler Glaspalast, Mu ̈nchen) dargestellt wird. 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland (Bracher/Sauer/Schulz 12), wurde Die Schaukel erstvero ̈ffentlicht. Kaum drei Jahre brauchte es bis dahin, um aus einer “radikalen Splitterpartei [...] [eine] Massenpartei” anwachsen zu lassen, die “die gesamte Macht in Staat und Gesellschaft an sich zu reißen vermochte” (Bracher/Sauer/Schulz 1). Die Umwa ̈lzungen der demokratischen Weimarer Republik bis hin zu der Errichtung einer totalita ̈ren Herrschaft erschütterte international und besonders national diejenigen, die sich als von dem Regime verfolgt sahen. Auch im Kulturbereich Deutschlands sorgten faschistische Kulturorganisationen dafür, dass unter anderem im Zuge der Bücherverbrennung 1933 als marxistisch, humanistisch, jüdisch, bürgerlich antifaschistisch oder pazifistisch angesehene Literatur sowie Schriftsteller und Künstler aus dem Verkehr gezogen wurden (Herden 33-34). Auch Annette Kolb, eine Autorin mit bayrischen und franzo ̈sischen Wurzeln, fand sich neben den Manns, René Schickele und vielen weiteren international bekannten SchriftstellerInnen unter denjenigen AutorInnen, deren Gesamtwerke mit dem Erstellen der ‚Liste des scha ̈dlichen und unerwünschten Schrifttums‘ ab 1935 verboten wurden (Land Berlin Liste der verbrannten Bu ̈cher). Kolb setzte sich zeit ihres Lebens als Pazifistin besonders vor Beginn und wa ̈hrend des Ersten Weltkrieges neben ihren Bekannten René Schickele, Romain Rolland und Stefan Zweig unter anderem für einen Deutsch-Franzo ̈sischen Frieden ein (Strohmeyer 112-113). Die rekurrierten Lexeme, welche auf einen baldigen Krieg innerhalb der Erza ̈hlung hinweisen, ko ̈nnen also als Spiegel der untergehenden Demokratie und des politischen Terrors in dem Deutschland der 1930er Jahre gesehen werden. focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 76 Wie schon im Vorhinein erwa ̈hnt, wird München zur Feier der Blumenausstellung als “noch scho ̈n” (Kolb 26) beschrieben. Die Partikel scheint sich mit den zunehmenden zuvor erwa ̈hnten Rekurrenzen der Kriegs-Isotopie auf ebendiesen historischen Kontext und die folgende Machtübernahme über das bis dahin subjektiv überformte München zu beziehen, das “[w]enige Jahre” spa ̈ter “wieder seinen Rang”, den es sich durch “Münchens Hoftheater [und] seine Mustervorstellungen” erarbeitet hatte, “einbüßen” (Kolb 121) müsste. Des Weiteren zeigt sich in Kapitel Lucifer, das aufgrund der Kapitelbezeichnung schon einen intertextuellen Bezug zu der biblisch-mythologischen Symbolfigur aufweist,10 eine Figur namens Lhombre, der immer o ̈fter bei Lautenschlags verkehrte und als Musikjournalist zunehmend auf eine politische Laufbahn geraten sei (Kolb 120-121). Die Erza ̈hlinstanz stellt ihn als herzlos, als “Pyromane, Da ̈mon, Narziß” (Kolb 121) dar, der bei dem ersten Anblick Hesperas erschrak, “[d]enn die war ihm gewachsen, und paßte ihm hier nicht [...] und er beschloß sie zu vertreiben” (Kolb 123). Hesperas Konstruktion als abstrakte Figur durch zuvor genannte Textstellen und der Tod Hesperas besta ̈rken den Eindruck, dass sie als Figur für Frieden steht, der in der realen Welt, wie in der erza ̈hlten Welt bis dato nicht eintraf und somit als scheiternde subversive Figur gesehen werden kann (Ernst Literatur als Subversion. Politisches Schreiben in der Gegenwart 180). Ersichtlich ist an dieser Stelle, dass auch der sozial-politische Diskurs des Nationalsozialismus zunehmend eine sich entwickelnde Rolle in dem Roman Die Schaukel spielt und mit dem Verfall der Familie Lautenschlag und ihren Werten einhergeht. Die Kinder Lautenschlag Wegen des Umgangs mit finanziellen Mitteln werden die Kinder der Lautenschlags von der Erza ̈hlinstanz wertend als ‚übermütig‘, ‚willkürlich‘, ‚selbstherrlich‘ und ‚gro ̈ßenwahnsinnig‘ dargestellt focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 77 (Kolb 8). Wie eingangs erwa ̈hnt wird Herrn Lautenschlag von seinen Kindern “das Haushaltgeld entr[issen]” (ebd.). Durch die Personifizierung, welche die Erza ̈hlinstanz ironischer Weise vornimmt, indem sie Geld als keine “seelenlose Sache” (Kolb 8) beschreibt, sondern von einem “Genius des Geldes” (Kolb 8) spricht, sie Geld somit zu einem handelnden Subjekt macht und erkla ̈rt, dass das Geld aufgrund der zuvor genannten Eigenschaften der Kinder Lautenschlag der Familie “abhold ist” (Kolb 8), werden die Kinder als unbedacht im Umgang mit Geld bezeichnet. Die eigentlich herrschende ma ̈nnlich dominierte Macht in Bezug auf die Verteilung finanzieller Mittel, die besonders bei den von Zwingers ausgepra ̈gt ist, wird bei der Familie Lautenschlag durch die Kinder der Lautenschlags umgekehrt bzw. durchbrochen. Herr Lautenschlag ist der Erwerbsta ̈tige, der allerdings zula ̈sst, dass die Kinder über das Geld verfügen. Zu Beginn des Kapitels Symposion im Heuschober wird der U ̈bermut, der bei den Kindern der Lautenschlags herrscht, durch den Umstand erkla ̈rt, dass ihnen aus ihrer Perspektive “der Kontrast ihrer ausgemachten Besitzlosigkeit [...] mit den luxurio ̈sen Seiten des Lebens” (Kolb 142) bewusst ist. Mit Luxus und Wohlstand würden “gesittete Fesseln” einhergehen, mit Armut hingegen “ein Freibrief [...] aller Konventionen gegenüber” (ebd.). Der fehlende Wohlstand ist es also, der die Kinder der Familie Lautenschlag von den in der erza ̈hlten Welt herrschenden Konventionen befreit, ihnen so Unabha ̈ngigkeit ermo ̈glicht und ihnen somit ebenso die Mo ̈glichkeit bietet, Diskriminierungen auf Grund wa ̈hrender Vorstellungen von Klassenzugeho ̈rigkeit in Verbindung mit o ̈konomischen Verha ̈ltnissen subversiv zu unterlaufen. Sie unterliegen also weder den sozialen Konventionen der erza ̈hlten Welt, die auf der Basis der Verwobenheit der Differenzkategorien Geschlecht und O ̈konomie entstehen, noch den Machtverha ̈ltnissen innerhalb der Gesellschaft der erza ̈hlten Welt, die focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 78 Figuren als privilegiert oder benachteiligt aufgrund der Verwobenheit der Kategorien Nation, Religion, O ̈konomie und Klasse darstellen. Die Konstruktion der Figur Mathias, die Tochter der Lautenschlags, spielt ebenso wie Hespera eine tragende Rolle bezüglich des subversiven Potenzials des Romans, wie auch Stauffer zeigt (224). Mathias, als der “ungezogene Fratz” (Kolb 36) der Familie, biete laut Erza ̈hlinstanz “einen willkommenen Anlaß” (Kolb 35) auf die Bemerkung der Erza ̈hlinstanz: “Auf irgendeine Weise muß den Lautenschlags denn doch gezeigt werden, daß sie nicht za ̈hlen, sozial ohne Rang sind” (ebd.). Auch hier wird der soziale Konsens deutlich, der auf den benannten Interdependenzen basiert. Unterstrichen wird dies durch die ironische Apostrophe der Erza ̈hlinstanz an die fiktiven AdressatInnen: “Seht, wie schon alles bestimmt ist” (Kolb 35-36). Da die Familie Lautenschlag sich aber gegen diese Konventionen zu wehren sucht, müsse es ihnen “doch gezeigt werden” (Kolb 35). Laut Erza ̈hlinstanz, aus Sicht der Lautenschlags, sei München ein Ort gewesen, an dem Ma ̈dchen “durch ihre Scho ̈nheit [...] eine Position” (Kolb 40) erlangen ko ̈nnten. Mathias aber “sticht” durch ihr Aussehen “gar unvorteilhaft von ihren Schwestern ab” (Kolb 14). Hier ist der Topos des Ha ̈sslichen bzw. des Anders-Seins zu erkennen, der von der gesellschaftlichen Geschlechter- und Wertevorstellungen ausgeht und Mathias auf Grund ihres Aussehens abwertet. Sie wird von Herr Lautenschlag als “frech” (Kolb 53) bezeichnet, mache laut Erza ̈hlinstanz “Unfug [...] [der] in einer anderen Familie nicht mo ̈glich gewesen” (Kolb 24) wa ̈re und würde nie Maß halten (Kolb 18). Sie ist eine Figur, die jeglichen Konventionen und Tugendhaftigkeiten entgegensteht und die aus diesem Grund auch einen “willkommenen Anlaß” (Kolb 35) darstellt, den Lautenschlags zu zeigen, dass sie keine besondere Stellung in der Gesellschaft ha ̈tten. Die Konstruktion der Tochter Mathias la ̈sst explizit auf das Hinterfragen und auf das subversive Unterlaufen der Kategorie Klasse schließen, denn laut Erza ̈hlinstanz “macht [sie] sich gar focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 79 nichts daraus, [...] sie ist sehr froh” (ebd.) darüber, dass sie sich den Anforderungen einer Gesellschaft nicht fügt und dies auch erkannt wird. Des Weiteren wird Mathias als “ein Ma ̈dchen” von der Erza ̈hlinstanz beschrieben, wird “bald »sie«, bald »er« genannt” (Kolb 14). Die Textstelle deutet daraufhin, dass Mathias biologisches Geschlecht, nach Butler sex, zwar weiblich ist, ihr sozial konstruiertes Geschlecht, gender, allerdings nicht genau bestimmbar ist (Geimer Sex-Gender-Differenz). Durch diese Ambiguita ̈t wird in Frage gestellt, auf welcher Grundlage Frauen als weiblich und Ma ̈nner als ma ̈nnlich bezeichnet wurden. Die erwa ̈hnten ‚Geschlechtscharaktere‘ werden an dieser Stelle durch die Konstruktion der Figur unterlaufen und die Kategorie Geschlecht, welche ansonsten in dem Roman gekennzeichnet ist durch eine bina ̈re Opposition von Mann und Frau, die mit einer Hierarchisierung und einer Abha ̈ngigkeit einhergeht, wird durch die Figur Mathias ga ̈nzlich subvertiert. Besta ̈tigt wird dies, indem die Erza ̈hlinstanz proleptisch erkla ̈rt, dass Mathias “kein ›fades Aufblicken zum Manne, als wa ̈re sie weniger als er‹” (Kolb 122) in der Zukunft akzeptieren würde. Stauffer bezeichnet diese figurale Konstruktion als “eine der radikalsten Grenzüberschreitungen” (224). Letztlich sind es die beiden Figuren Mathias und Gervaise, die am Ende der Erza ̈hlung die letzten lebenden Figuren der Familie Lautenschlag innerhalb der erza ̈hlten Welt darstellen. Sie “dürfen” laut Erza ̈hlinstanz “ihre Unabha ̈ngigkeit bewahren” und sich “frei zu ihrer Meinung bekennen” (Kolb 170). Wa ̈hrend Mathias sich als subversive Figur gegen jegliche Assimilation an soziale Konventionen wehrt, wird durch die erza ̈hlerische Vermittlung erkla ̈rt, dass auch Gervaise dieselbe Sta ̈rke und Widerstandfa ̈higkeit in schwierigen Situationen ha ̈tte, wie Frau Lautenschlag (Kolb 111). Gervaise wird ebenso wie Frau Lautenschlag als künstlerisch begabt dargestellt, focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 80 wenn ihr “dramatische[s] Talent [...] in Schwung“ gera ̈t und „sie zirpt, [...] flo ̈tet” und “ihre unerbittliche Nachahmungskunst” ihrer Familie pra ̈sentiert (Kolb 39). Es wird also impliziert, dass sich Gervaise wie auch ihre Mutter durch ihre kulturelle Bildung in Zukunft von einem stereotypischen Weiblichkeitsentwurf emanzipieren kann. Mathias und Gervaise werden also als diejenigen Figuren beschrieben, die es geschafft haben, die Effekte der sozialen Ungleichheiten, die aufgrund der Interdependenz der Differenzkategorien Nation, Religion, O ̈konomie und Klasse sowie der Verwobenheit von Geschlecht und O ̈konomie innerhalb der erza ̈hlten Welt entstehen, zu unterlaufen oder sich ihnen als widersta ̈ndig entgegenzustellen und somit selbstbestimmt leben zu ko ̈nnen. Die Erza ̈hlung berichtet zwar über den Verfall der Familie Lautenschlag und den misslingenden Versuch, als Familie die herrschenden Konventionen und die zunehmend sich festigenden Machtverha ̈ltnisse in Deutschland ga ̈nzlich zu durchbrechen und somit den Effekten der dadurch entstehenden sozialen Disparita ̈ten zu entrinnen, die To ̈chter Mathias und Gervaise sind es allerdings, deren Identita ̈ten als stark und emanzipiert (Kolb 111) genug konstruiert werden, sich den Konventionen widersetzen zu ko ̈nnen, sodass sie in Unabha ̈ngigkeit über die Erza ̈hlung hinaus überleben würden (Kolb 170). Das subversive Potenzial Die Untersuchung hat mit Hilfe von intersektionalen und postkolonialen Konzepten die narratologische Konstruktion der figuralen Identita ̈ten hinsichtlich des subversiven und emanzipatorischen Potenzials untersucht. Es wurde hierbei dem Vorschlag Thomas Ernsts gefolgt, das Werk innerhalb der “politisch- institutionellen Strukturen” zu betrachten und es hinsichtlich der “a ̈sthetischen Verfahren” sowie der “Inhalte und Topoi der Subversion” (Ernst “Literatur als Subversion. Ein kulturwissenschaftliches Modell zur Analyse riskanter Literaturen und ihrer Aporien” 551) zu untersuchen. Wa ̈hrend in der heutigen focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 81 Gegenwartsliteratur das Brechen mit traditionellen Erza ̈hl- und Schreibweisen an der Tageordnung ist, kann in dem Text Kolbs in Form von einer asynchronen Schilderung der Erlebnisse gesprochen werden, die sich in einer ‚Unordnung’ widerspiegeln. Durch die zeitliche Ordnung der Erza ̈hlung, die von Dissonanzen durch Anachronien besonders in Form von Analepsen, Prolepsen und harten zeitlichen Schnitten zwischen den einzelnen Kapiteln gepra ̈gt ist, widersetzt sich der Text ebenso traditionellen Erza ̈hlweisen. Somit la ̈sst er sich in seiner Form der historischen literarischen Avantgarde zuordnen. Besonders die durchweg ironische erza ̈hlerische Vermittlung aber auch die figurenbezogene Ha ̈ufung bayrisch-dialektischer A ̈ußerungen sowie franzo ̈sischer Begriffe zeigen darüber hinaus eine Deterritorialisierung sozialer und kultureller Praktiken und ein bestimmtes Verha ̈ltnis von Macht und Norm an, welche wiederum durch das Referieren auf den Geschlechterdiskurs und den Spezialdiskurs der deutschen Nationalgründung sowie den sich durchsetzenden Nationalsozialismus ihre Wirkung entfalten. Das Preußische wird zunehmend als Dominanzkultur und Mehrheitsgesellschaft innerhalb Deutschlands gekennzeichnet, wobei das hegemoniale Verha ̈ltnis, das anhand bina ̈r strukturierter Dichotomien dargestellt wird, durch die rhetorische Gestaltung und durch die Erza ̈hlinstanz als engaging narrator sowie die daraus resultierende LeserInnenlenkung immer wieder unterlaufen und umgekehrt wird. An dieser Stelle ist zu bemerken, dass schon der Romantitel Die Schaukel wie auch die Kapitelüberschriften Auf und Nieder und Auf und Nieder immer wieder auf diese sozialen Verha ̈ltnisse verweisen. Wie die Untersuchung gezeigt hat, basieren die narratologischen Konstruktionen der figuralen Identita ̈ten auf Kategorien sozialer Ungleichheit, die mit der hegemonialen Verteilung von Macht einhergehen. Die beiden Familien nehmen innerhalb des Textes eine Repra ̈sentationsfunktion für die sich gegenüberstehenden kollektiven Identita ̈ten ein, wobei die Lautenschlags diese Identita ̈t immer wieder selbst durchbrechen. Indem Kolbs Werk somit “bina ̈r strukturierte[] gesellschaftliche[] Interessengruppen” focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 82 (Ernst “Literatur als Subversion. Ein kulturwissenschaftliches Modell zur Analyse riskanter Literaturen und ihrer Aporien” 549) bzw. immer wieder Bilder von „‚Normalita ̈t‘ und ‚Abweichung‘“ (Ernst “Literatur als Subversion. Ein kulturwissenschaftliches Modell zur Analyse riskanter Literaturen und ihrer Aporien“ 550) konstruiert, ist es auch in die Literatur als subkulturelle Distinktion einzureihen (ebd.). Des Weiteren ist Die Schaukel besonders durch die Konstruktion der Figuren, aber auch durch intertextuelle Verweise innerhalb der Literatur als Dekonstruktion (Ernst “Literatur als Subversion. Ein kulturwissenschaftliches Modell zur Analyse riskanter Literaturen und ihrer Aporien“ 551) zu verorten. Die Figuren Lhombre und Hespera als biblisch bzw. mythologische Figuren symbolisieren den nahenden Krieg bzw. das gewordene Bo ̈se gegenüber dem Frieden. Die Figuren Mathias, die sich einer eindeutigen geschlechtlichen Identita ̈t widersetzt, und Hespera, die sich einer eindeutigen religio ̈sen und nationalen, also ethnischen Identita ̈t entzieht, ko ̈nnen durch ihre Ambiguita ̈t als dekonstruktive Figuren hinsichtlich der Unterwanderung der Vorstellung von starren und stabilen Identita ̈tskategorien erkannt werden. Insbesondere die Kinder der Lautenschlags unterlaufen als Kollektiv die soziale Diskriminierung, die auf Grundlage der Strukturkategorie O ̈konomie sichtbar wird. Insgesamt zeichnet sich die Familie Lautenschlag als widersta ̈ndig gegenüber sozialgesellschaftlichen Konventionen aus. Diese Widersta ̈ndigkeit wird in dem Werk immer wieder besonders mit dem kulturellen Kapital der Familie begründetet. Kulturelle Bildung gegenüber einem Dilettantismus, wie er durch die Familie von Zwinger verko ̈rpert wird, kann hier also als Pha ̈nomen der Subversion hinsichtlich herrschender sozialer Disparita ̈t erkannt werden. Bei der Rekonstruktion historischer und politisch-institutioneller Diskurse, der nach Ernst ein besonderes Maß an Relevanz bei der Untersuchung zugesprochen wird (Ernst Literatur als Subversion. Politisches Schreiben in der Gegenwart 177), konnte herausgestellt werden, dass gerade durch das Referieren auf die deutsche Nationalstaatsgründung die entstehende soziale Ungleichheit auf Grundlage der Strukturkategorie Nation hinterfragt wird und dass dieser mittels der Konstruktion der focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 83 Figur Hespera eine Widersta ̈ndigkeit entgegengebracht wird. Deutlich wird dabei letztlich, dass die durch den Text konstruierte Anbahnung eines Krieges, die symbolische Figur des Lhombre und der Tod Hersperas als Friedensfigur zunehmend implizit auf den historischen und politisch-institutionellen Diskurs des Nationalsozialismus hinweisen. An dieser Stelle fanden in der Untersuchung auch Annette Kolbs Bestrebungen als Pazifistin Beachtung, die sowohl wa ̈hrend des Ersten als auch des Zweiten Weltkrieges besonders durch ihre o ̈ffentliche Funktion als Autorin bekannt war, sodass sich auch über jenen historisch-politischen Kontext die zur Zeit der Vero ̈ffentlichung aktuellen gesellschaftlichen Transformationen und das subversive Potenzial des Textes erkennen lassen. Literaturverzeichnis focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 84 Kolb, Annette. Die Schaukel. Neuausgabe. Fischer, 2007. Ba ̈umler, Klaus. “Glaspalast, München”. Historisches Lexikon Bayerns. www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Glaspalast,_München (letzter Aufruf am 03.01.2020) Blome, Eva. “Erza ̈hlte Interdependenzen. U ̈berlegungen zu einer kulturwissenschaftlichen Intersektionalita ̈tforschung”. Diversity Trouble. Vielfalt – Gender – Gegenwartsliteratur. Hrsg. Peter C. 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