Focus 2002.tif 14 Forus on Gerrnan Studies l-Iab~bur~er ges~zt, und dabei so viele feindliche Speere wie möglich ergriffen und m seIDen Leib stoßend unschädlich gemacht haben." Zitiert nach: http:// www.heise.de/rp/deutsch/inhait/te/9938/ t .honl;Stand: 30. Januar 2002. Der faH des ebenfalls genannten Püsiliecs Klinke konnte nichtermittelt~[den' vermutlich handelt es sich dabei um eine Heldenlegende aus dem 19. Jahrhun de~t. Lircrnnlrvcrzeichnis Bohrer, Kar! Heinz. Die A.slhetik des SrhnwlU. Du pmil!liJtiJch~ &mlJll(ik Hnd EntJt Jiinga'S FrfihlJ-'rrk, Frankfurt am J\·hin: Hanser, 1978. Breton. Andre. Stcond MaN/es« dJi SNniafiSIIIl.. OEu/ßU «JmplUl1 1. Paris: GaJlimard I ~. ' BuUock. Marcus PauL Tb!! Viokllt Eye. Ernstjünger} ViJiollr and Ruisiol/J on (he EII­ roJMa" R{ght. D etroit: \"'Qayne Stare UP 1992 Chatwin, Bruce. ErnJtjülfgtr. Ein As/hd im KJi~. In: Wm macM ich hier. Munchen : Hanser, 1991 . Eliade. j\'fircea. Die FJligWlIlll IIl1d dtu H4iligt. Eltmenh tkr ~/igwnlgtJchicbu. 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Hollands Europa, Europa und F'ärberböcksAi"", ulld Jaguar im Vergleich Stefanie Hofer I. ra s oef Erstaunen hervor, daß Europa, Ellropa im Jahre 1992 von der I..!I deutschen Filmgesellschaft nicht ins Rennen fur den Oscar geschickt wu rde, gal[ der Film doch nach Volker Schlöndorffs Oie BluhtrOllIlIlt/(1979) und \(/olfgang Petcrscns DtIJ Boal (1980) als erfolgreichster deutscher Film in den USA und hatte den Golden Globe gewonnen, eine Ehre, die meist als Vorbote für ei ne Oscarllominierung gewertet wu:d. Doch trotz internationaler Hu1digung lockte Europo. Ellropa in Deutschland nur eine geringe Zahl vo n Zuschauem in die KinOs. I Jiirgen Wohlrabe, der Spredler der CCC Filmkunst GmbH , mach te das Alter der Kinobcsucher dafur vecantwortlich. 85 Prozent der Kinogänger seien unter 26 Ja hre al t und an Geschich te nicht interesSiert (Majer Q'Sick und Van 233). Seine Erklärung widerspricht jedoch d er Tatsache, daßAilllu IlIIdJagllOTim Jahre 1999 gernde unter jungen Deutschen ein beliebter Film war, obwohl audl er sich wie Ellropa, EIITTJpa mit der nationaiS<>zialistischen Ve.:gangenheit im a Ugemeinen und dem Holocaust im besonderen auseinandcrseLZI . Eine weitere Parallele laßt sich un ßenlühen um Authentitizität feststcUen, denn die Drehbücher beider Filme gehen auf die Erfahrungen von Zeitzeugen zurück.1 Wie können zwei Fi lme, die au f den ersten Blick so viele Gemc,osamkclten haben, eine so unterschiedliche Rezeptio n In Deutschland erfahrcn? Es drängt sich die Vermurung auf, daß nicht die Them:uik an sich, sondern die Art und Weise, wie der Film die NS-Zeit präsentiert, über Erfolg oder Mißerfolg beim deutscheIl Publikum entscheidet. Wodurch Steh die Frage ergibt, inwiefenl der H olocaust für die Selbsrwahroehmung der Deutscllcl1 in der Postwende-ÄIa cine Rolle spielt. Die seit Seprember 1998 regierende m t-grüne Koalioon, mit der eine neue Generation von Politikem- die erste olme persönliche Erinnerung 16 FtWß on Germ :ln Studies an die ru.tionalsozialistische Herrschaft und den Zweiten Weltkrieg - an die Spitze DeutsChlands trat, versucht einen unbefangenen, da UIlbeb stcten Umgang mit der Geschichte zur Schau zu tragen und eine nariona1staarliche "Normalität" zu demonS!riecen . Stefan Reinecke faßt di ese geseJlscha fupoli tischen Tendenzen in seinem Artikel "Nachho lende ßewaltigung oder. ft eWIS through the &01i1(' mir folgenden Wor fen zusammen: .. Wir erleben derzeit f ... j das Verblassen der Nazivergangenhei[ als identJürsstiftende Kategorie« (83). Das Bestreben vieler Deu tschen nach der Wende, dem durch Scham so lang verdrangten Nationalstolz wieder Ausdruck zu verleihen, wurde im Ausland mit Sorge betrachtet und zwang zur europäischen lntegration als Voraussetzung ffu: dte Überwindung der deutschen Teilung. Der Fa lt der mnereuropäischen Grenzen und die Ankündigung der europäischen Währungsunion) löste jedoch bei nidlt wenigen Deutschen Ängste vor Überfremdung und dem VerluSt einer eigenen nationalen Charakteristik aus. Die Daten dieser eCSlen Höhepunkte der europäischen Vereinigung - nämhch der Ven:rag von Maastrich 1992 und das fn-Kraft­ Treten der Wirtschafts- und Währungsunion 1999 - fallen frappant mit dem Kinoswr der heiden hier diskutierten Filme zusammen. Europa, Europa hef im Oktober 1991, Amlte und Ja.!.UDr Anfang 1999 in den deutschen Kmos an. Es wird zu zeigen sein, daß die Konfusion, die in den 90cr Jahren fiber die Frage der deutschen Identität bestaIld, rur die Rezeption heider Filme von Bedeumng ist IL "In eCfe<:t lacking pure German bloodlines, Europa, Europa came tO be seen as dIe product and es-pression of a kind of cuhural m.iscegenanon, as a film body rrying to pass as German , and as an impostoc not unlike Solly himse lf" (LlOville 41) . So kann di e Begründung der deutschen Filmgese1lscha ft, Ellropa. Europa von der Oscarnomiruerung auszuschließen, bereits als ein IndiZ dafür angese hen werden, daß de r Film dem Se lbstvers tändni s ei ne r deutsc h en Id entität wid erspricht. Das AuswahJgremium sah die Produktion als eine nicht cein deutsche an, da sie 10 Zusammenarbei t mu dem französischen Nachbarn entstafld und von einec po lnischen Re&,sseunn realisiert worden war C'Srur und streng" 149). Eine solch eng gegriffene De6nltion von nationalem Charaktec lau ft dem Anliegen \'On Eur()pa, E1IY()pa dian\ettal entgegen. Die Reg;sseurin Hol- \Vicvlel Vecgangenheit ist edaubt? 17 land, Tochter einer katholischen Mutter und eines judischen Vaters, die aus politischen Gründen Polen verließ und seither In Deutschland, Frankreich und Amerika lebt, kennt kulturelle wie nationale KonfUSion nur zu gut. Auf die Frage, was sie mi t dem Begriff " Identität" verbinde, äußerte sie sid1 in J nterviews folgendermaßen: Where is that fragile line between different culruces, different reli~ons, dI fferent national or personal identities? (ut. nach Stone E3) r talk about the identiry in the wider, more existentia l sense, abaut the way people can connect to lhcmsdves. I t'S aJso the feelUlg of being apart of a communiry. Being haU Polish and half Jewish makes you very confused and schiw phreruc, also emigration opens up questions abaut who you reaUy are. 1 ... 1 The main question ulleresting to roe is how much wc are created by expectalions of people, how people want to see us o r tO push us. In our dcclslons. opinions, emotions even, how much are we ourselves a11(1 how much are we influenced by circumstancCS? (Crnkovic 9) Indcm H o lland ihren Pro tagoOlsten, 5a lo01o o, se me persön lic he Ideolltätssuche _ er durchläuft wäluend des Filmes die Pubertat - 111 eUler Zeit erfahren läßt, in der Iß cmcm besonderen Ausmaß die Persönhchkeit einer Person staatlich defimen war, betont sie den Einfluß der Außenwelt auf das IndividulUll. Die Leichtigkeit, 11lIt dcr Salomon sta~u:lich festgesetzte Normen und Anforderungen emerGesellschaft annimml, vcrdeullldu das Willküdiche an ihnen. 5alomon schlüpft in die verschiedensten Identlläten wie U\ einen Überwurf, ein Motiv, das dem Film selbst entnommen 1St.. Von den Übcrgnffcn auf die jüdische Bevölkerung am 9. November 1938 in der Badewanne überrascht, flieht er nackt lind versteckt sich un I lmterhof seiner nichtjüdischen Nachbarn. Bis auf die Haut entblößt, nimmt er die Hilfe des nichtjiidlsch-deutsche.n Mädchens an, d ie Ihm eIßen herrenlosen SS-Mantel zum Schut".l anbietet. In diesem AulZug kehrt Salomon in das Elternhaus zurück, und der Wechsel bzw. die Imegrauon von - für rue damabge Zelt sidl ausschließenden - Identitäten bc~nnL Nac h diesem erSlen o ffenen Progrom gegen die )lJd,sche ßevötkerungwandert die Familie Pe[el nach Polen aus. Salomol\ muß nicbt nur sem Heimatland verlassen, sondent auch selOe deutsche Identität 18 Fot1iS on Germw Studies aufgeben, denn sein Vater verlangt von semen Kindern. von nun an nur noch POlniSdl zu sein. Mit dem deutschen Angriff auf Polen wird Salomon jedoch gezwungen, weiter nach Osten zu fliehen, wo er zwei Jahre in einem russischen Waisenhaus veroringt. Hier muß er lernen, daß nicht sein Glaube oder di.e Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe - wie in Deurschland odergar Polen, wo Antisemitismus ebenfalls verbreitet war - von Bedeutung ist, sondern die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse. Da er als Bourgeois gilt. muß er seine ideologische Zuverlässigkeit beweisen, möchte er als vollwertiges Mitglied in der kommunistischen Gemeinschaft, als Komsomolz, gelten. Ihm ist zwar Akzeptanz beschieden, aber Dur um den Preis seines religiösen Erbes. Diese Anpassungsfiihigkeit hilft ihm, seine jüdisch e Identität unter den deutschen Soldaten und H itlerjungen zu verbergen, als Deutsch land seinen Angriffskrieg auf die Sowjcnlflion ausweitet. Aufgrund seiner perfekten deutsdIen Sprachkenntnisse wird er als .. Volksdeutscher« identifiziert, in eine deutsche Unifo.c:m gesteckt und kämpft: gegen diejenigen, um deren Ak.zeplaIlZ er sich einst bemühte. Aus Salomon Perel ist Josef Peters geworden, der arische Hitlerjunge, dessen Körpermerkmale seinem Lehrer als Beweis für die objektive Wissenscha ft der Rassen1ehre dienen, wodurch das Kernstück der nationaJsozialistisdlen ldeologie ad absurdum geführt wird.~ ElIJ"Opo, EJlropodenunziert aber nicht nur die nationalsozialistische sowie kommunistische Idemitärals soziales Konstrukt. So beschen $a1omon seine Desertion zur roten Armee zwar das Ende seines Versteckspiels vor den Nazis, befreit ihn aber nicht von d em Zwang, normativen Anforderungen der Gesellschaft entsprechen zu müssen.s Deml die sowjetischen Soldaten erkennen weder seine einstige kommunistische noch seine jüdische Jdenbtät an. Mit Bildern jüdischer Opfer des Holocausts in der Hand wollen sie ihm beweisen, daß er - mit einer deutschen Uniform bekleidet - kein Jude sein kann. Nur der glückliche Umstand, daß ihn ein KZ-Häftling, nämlich sein Bruder Isaak, erkerult und damit seine jüdlSche Identität beweist, rener ihm das Leben. Um künftige Reakt ionen dieser Art auf Sa lo mo ns Überlebensgeschichre zu verhindern, befiehlt ihm lsaak, über seine Zeit während der NS-Hecrschaft zu schweigen, und besorgt llundiegestreiften Kleider der KZ-Häftli.nge, die Salomon - wie einst den SS-Mantel - überstreift und sich auf den Weg nach Israel begibt Hier bewahrheItet sich die Erkennmis von Salomons Freund Robert, der seine Identität als f-)omosexueUer, Wehrmachtssoldat und Ku lrurliebhaber wahrend der \l' ieviel Vergangenheit ist erlaubl? 19 nationalsozialistischen Diktatur vereinen muß, es sei einfacher, jemand anderer zu sein als man selbst. Da es in Salomons Umfeld als Frevcl gilt , in der Identität eines Nationalsozialisten. in der Mimikry des Tälervolkes, überlebt zu haben, schweigt und verdrängt Salomon, unterwi.t:ft sich also einmal mehr den gesellschaftlichen NorlllvOl;SteUuogen. lnd en~ er .s~ine Gesdlichte schließlldl erzählt, widersetzt er sidl Jedoch der cmsell1gcn Defulition jüdischer ldentir:ät, die sich auf die Shoa bezieht H oUand zieht ZU( UnterOlauerungdieser Erkenntnis in der letzten Einstellungdes Filmes die Wasscrmetapher heran, die bereits in der Anfangsszcne als Ausdruck für den fließe IIden und durch lässigen Charakter von Grenzen und Identitäten eingeführt wurde. Salomon, in einer HJ -Uniform .. gekleldet, kämpft, von Wasser umgeben, nach Orientierung, aber auch ums Ubcde~n. Die letzte Szene des Filmes zeigt dcn authentischen Salomon Perel mcht im Wasser, sondern am Ufer eines Flußes stehend, vermittelt also visuell, daß SaJonlOo seine Identität dUl"ch die Akzeptanz ihrer Viel schidmgkelt und in Abgrenzung zu normativen Ansprüchen gefunden hat. Er Wdf "Hitlerjunge Salomon" - so der deutsche Titel des Filmes. Angesich ts dl~r visuellen Ralunenziehung muß die von Linville (46), aber auch von !VfaJer O'Sickey lind Van (245) geäußecre Kritik, Holland relativiere am Ende die zuvor hervorgehobene Infragestellung von eindeutigen Identitäten und Grenzziehungcn, zuriickgewlesen werdell_ 6 Bei vielen philosenlitischen Deutschen stieß jedoch gerade das Po:rrrät des jüdischen Protagonisten als einen Anu-I-Ielden, der nich t nur in die Rolle des Opfers. sondern auch in die Rolle des Täters schlüpft , auf Ablehnung (SeidI 171). Ebenso wurde das Spiel mit versclliedeoslen Genres, welche den Wechsel von Identitäten gattungStechnisch verstärkt. scharf kritisiert. Besonders die hunlonstischen Qualitäten von EII/"Opa, Europa gerieten unter heftigen Beschuß. Deutschen Kritikern fehlte die Tragi~, die dem T hema Holocaust im Gegem.-atz zur Komödie angemessen sei, was etnmal mehr den tabuisierten Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit betont.1 Es bestätigt auch den Verdacht des demsch­ jüdisdlen Produzenten ArtilUl" ßrauner, EJlropo, Ellropa versto~ ,,gegen die hiesigen Vorstellungen der politisch korrekten Verarbeltllllg des Holocaust" (zit. nach Dillmann). 20 Foa.tJ 011 Germ8n Studies m Mit der Wahl des Genres Melodrama hat Max Färberböck seinen Fibn Aitllte Imd ]ogJitJr dieser Angriffsfläche entzogen. Darüber hinaus hat er sich einem allgemeinen Trend unterworfen, gilt doch das Melodrama seit den 90er Jahren neben dem Thriller als beliebteste Form deutscher FilmelTl:l.cher. die NS-Vergangenheit auf die Leinwand zu bringen. Gerade dadurch unterscheiden sie sich von älteren Regisseuren.' Diese hätten nämlich das Melodrama gemieden, weil sich die Blendung durch Pathos und große Gefühle in faschistischen Filmen gezeigt hahe (Reinecke 82- 83).9 VOr diesem Hintergrund kommt die Verbindung Melodrama und Holocaust einem "Normalisierungsvecsuch" im äSlhetisdl-dramaturgischen Sinne gleich, der im Folgenden kritisch hinterfragt werden solL 1m Melodrama kämpft das Individuum gegen geseUsdlaftlidlc Konventionen wxl Zwänge, versucht der Einzelne sein persönliches Glück gegen die herrschenden Normen und Regeln durchzusetzen. Tm Falle Aimees, real Lilly Wust, und Jaguars, real Felice Schragenheim, handelt es sich um das Ausleben ihrer lesbischen Neigungen, die vom unmittelbaren Umfeld toleriert, aber vom Staat, d er Felice in erSter Linlc aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt, schließlich unterbunden wird. 1O Da die lesbische Liebe sei t Ende der 90er Jahre im etltopäisch en Kino Hocbkoojunkrur hat, versicheet sich F"arberböck gerade der zwar in historischen wie politischen Fragen nicht seh en indifferenten, in Fragen der sexuellen Freiheit jedoch mehrheitlich toleranten deutschen J ugend. t:ndem der Regisseur die Liebesgeschichte in eine faschistische Diktatur vedegt. in der der Binzeine, das Individ uum im Vergleich zum staatlichen Willen nichts zählt, werden die melodramatischen Elemente verstärkt, die Frage nach persönlicher Ver:uuwoClung jedoch relativiefl. Derm - folgt man den Darstellungen des Filmes - darm leidet LilIy, wie die Mehrzahl der DeutSchen, unter dem Allmachtsanspruch des Staates. Die r ndokttinierung mit nationalsozialistischem Gedankengut erfolgt konstant: auf der Straße über uutsprecher, im H aus d urch das Radio oder den parteitreuen Ehemann auf Fconmdaub. Ohnehin scheim Lllly, Mutter von vier Kindern, wie alle DeutSchen mehr Opfer als Tätcr zu sein, was sich rucht nur auf den na tionalsozialistischen Staa t, sondern auch auf die Bombardierung der Alliierten bezieht, der im Film viel Raum zugestanden wird. Die Aufnahmen des Brandenburger Tores vor feuerrot erleuchtetem Himmel, der sich mit allüecten F lugzeugen füllt, grenzt schon an seme Wievlel Vergangenhcit ist edaubt? 21 Stilisierung zum teutonischen Bollwerk und legt eine Pacallelisierung rrut dem sowohl während als auch nach dem Krieg als heroisch empfundenen ÜberlebenswilJen der deutschen Z ivilbevölkecung nahe. So verb laß t d as Leid der verfolg ten J uden angesichts dC[ Darstellung der nicht jüdischen Bevölkerung als Opfecn, \1.'3s besonders deutlich bei Fcliccs Verhaftung zu Tage tritt. Sie endet mit einer Profilaufnahme von der weinenden und vor UlOerer Qual laut schreienden Lilly. D och sie bedauert nicht das Los ihrer Geliebten., sondeen den eigenen Schmer..!: des Verlustes, und das selbst im Ruckblick nach füJlfzigJahren, nachdem ihr der qualvolle Tod Felices - sie starb vermutlich auf einem der berüchtigten Todcsmärsd le - längst bekannt ist. rolglich wird der Holocaust zwar thematisiert, aber aus einet: ausschließlich nich~üdisch-d eutschen Sicht erzählt, so wie die Vcrfolgungsgesch.ichte der jüdischen Geliebten nur dmch den Fil ter von Lillys Person dargestellt wird. Fehce wird als >Jaguar~' porträtiert, oder - wie der Regisseur Max Farberböck ihren Wesenszug beschreibt - als "Pirat" (zit. nach Perbc.r 75), der Märuler wie Frauen inl Sturm erobert. So eben auch Lilly, dIe - trOtz ihrer Liebschaften - naiv und unschuldig wirkt. fhr erö ffnet Felice zwar das Reich der lesbischen Liebe. dominiert lU1d betrügt sie aber gleichzeitig. So wird Lilly elom:.! mehr zum Opfer stilisiert, Felice dagegen als sexuelles T riebwesgn desavouiert, woraus sidl eine filmische Darstellungdes deutsch­ jü dischen Verhältnisses ergibt, die sich auf frappierende Weise mil jener der Weimarer aber auch der Nazi-Zeit deckt 11 Im Gegensarz zu Salomon, der als a temloses O bjekt der E reignisse von Episode zu Episode gejagt wird, manipulicrt Felice ihr Umfeld willentlich und nimmt ihr Schicksal aktiv U1 die Hand. Indem Felices Entscheidungsfreiheit ausgebl ut und LiUys H andlungsspielrawn dagegen eingeschränkt wird, verdre!lf sich das Opfer­ Ta terverhältnis erneut. Ohnehin scbcint die nichtjüdlSch-deutsche Bevölkewng frei von Ressentiments gegen Juden zu sein, wodurch sidl eine kritische Rc Oexion der narionalsozialistischen Rassenidoologie, weldle die Judenvernichtung hervorbrach re, erübrigt.11Weder Lilly noch ihre Eltern oder il lre Nachbarn verraten Felice, ja sind sogar trOtz Gefallr für das eigene Leben bereit, Ihr ein VerSleck zu b ie ten. An tisemitisc he Äußerungen si nd nur 111 der gleichgeschalteten Redaktion der Nazizeitung zu hö ren. E ine ßedcohuog für Leib und Leben geht ledig lich von der Gestapo, der institutionellen VCl"tretllilg des Sf:I;ates. aus. \} Das Böse komml also von außen, der Sphäre des Politischen. Der private Ra um verspricht dagegen Sichechei t, dIe Feliee 22 FMIJ (In Gtrm :m Shlliies mit den Worten be.kri.ftigt ,.Hier gibt es keine Feinde, nur uns". Es kann folglich klar ZWischen Freund un d Feind umcrsch.ieden werden, was sich deutlich von der Erfahrung Salomons abhebt. Denn dieser muß erkennen, daß nicht nur ce, sondern auch seine nichtjüd isch-deutSchen I'reunde und seme nichtjüdisch-deutsche Geliebte verschiedene rdenritäten tn Sich tragen. Sie kö nnen grausam zu anderen. aber gut zu ihm sein - zumindest solange sie von seiner jüdischen Identität nichts wissen. Sie besitzen ein Janusgesicht wie die europäische Kultur, die sie hervorgebracht hai , worauf sich folgendes Z itat von Holland bezieht: .. Europe is [ ... ] representing ..... .tlues of culture and morality in modern civiltzation. But alongside this ridl herttage is the capacity to engender the most unimaginable a trocitie$" (ziL nach Srone E3)_ In Aimet und Joguorwird dieser Widerspruch in der deutsChen Seele nicht thematisiert_ Schuldig sind nur die Staatstriiger. rucht das einfache Volk geworden. IV Wenn die Frage, warum Europo, Ellropo an Deutschland so wcu.g Erfolg beschieden war, nun lffi VerglCJch zu AUlIll und Jaguar beanrwooet werden soll, muß das Ringen der Deutschen UJl\ ihre nationale Idencität inl Zentrum s tehen. Solange dieses Bestreben durch die europäische Veremlgung und die allgemeinen G lobalisierungslendenzen scheinbar erschwert wird, beunruhigt em Film wie Europa, Ellropo, der Identitäten tradItionelle r Art wie N atio n, Klasse und Ethnie dekonstruien - noch viel mehL, wenn der Film dieses Prinzip bereits in seine r Produktion verkörpert. Ein gemeinschaftliches Projeb zwischen Frankreich und Deutschland, mit einem deutsch-Jüdischen Produzenten und einer po ln isch-jlid ischen Regisseurin wird in einem Land, das die Slaatsbürgerscha ft noch inun er zuvorderst über die Blutlinie der Vorfahren definiert, der nationale Chara.kter und damit seine Berechtigung. Deutschland im Ausland zu vertreten, abgesprochen. G leichzeitig mach t sich die Ablehnung gegenüber jedem b loßen Verdacht der Fremdbestimmtlleit bemeddn.r. Deutsche Geschichte soU aus deutscher Sicht erzählt werden.14 Der Film AI/litt und Jaguar gewähc1eistet diese Ilerspek tlve. Wie in unzähligen filmischen Annäherungen an die NS-Verga ngen heit - beispielsweise DII Alortltr sind untfr UIIJ (19-16) oder DllllJehlond, Müht MI/für (1979) - wud die mch~üerspektive bewahrt bleibt, d ie althergebrachte Vorstellungen von (n3tJonaler) ldentitilt rucht utl tergri.bL Unit'erJi(J of GlUpt' HiC Anmerkungen \ Sowohl Susan E.. LlOville (39-40) als auch Janer l ..ungstrum (54f-56 gehen ausfUhrhch auf die Rezepnonsgeschlchte von EIi1tfXJ, Europain Drutschland wie auch in Amenka ein. J Ellropo, Ellrupa basiert auf Salomon PereIs Autobiographie hh 1l'rJr Hit1etjunge SakJmon, Aimuund JUglll1rauf den E.rinnerungen Almees al ias LUly Wust. ) Die Diskussion um den Euro verdeuthdlt, \VlC stark sich JleDeUlschen über ihre W"rrtsehaftsluaft und folglich über die DMark defimeren. Es war desh3.lb von Bedeutung. daß die neue Wahrung llId1t den &ankophuen Namen "Ecu". sondern die "germamsche" ßeulchnung > . !<""erber, Lawrence. "Love, German style." The Adw«lll (rbe nallomJ M ' & kib/all neul[IlIaga!{jn) 27. Apnl 1999: 75. Glieder, Andre. "Sex ohne Reue." Faas 8. Juli 1999: 128. '" . , Ko 0"0 non Rückkehr der Mlrthen? Zur Zukunft des ,deutsch-Judlschen rn, ~ I '" 1 . Verhälmisses." FrankfMIur Allgemdnt "Zeilung 21. Apol 2001: 54. Unville, Susan E. "Europa, Europa: A Test Case for Gernun National einema." Il7ideA.otgft 16.3 (1995): 39-51. .. Lungstrum,Janet. "Foreskin fetl5hlSm: Jewish male dlfference In Europo. Europa. Smell 39. 1 (1998): 53-66. Majer O·Sick~y. 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