Microsoft Word - Article 6 Focus.docx focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 147 Issue 28 (2021) Der Neo-Orientalismus in der DDR-Reiseliteratur der 1950er-Jahre: Gerhard Kiesling und Bernt von Kügelgens China (1957) Qingyang Zhou University of California, Berkeley Abstract Eine enge Beziehung zur Volksrepublik China (VRC) spielte eine wichtige Rolle in der Außenpolitik der DDR am Anfang des Kalten Krieges. Der ostdeutsche Staat charakterisierte ihre Allianz mit der VRC mit ideologischen Symbolen wie „Freundschaft“, „Brüderlichkeit“ und sogar „Liebe“. Dennoch diente ein positives China-Bild weniger dem tiefgehenden Verständnis der chinesischen Lebensart als vielmehr der Legitimierung der DDR bzw. der Kennzeichnung der ostdeutschen Weltoffenheit und internationalen Anerkennung. Die kulturwissenschaftliche Theorie des Orientalismus, die Entwicklung der Gattung Reiseliteratur und die neue Konzeption von Rasse in der DDR in Betracht ziehend, analysiert die vorliegende Arbeit Gerhard Kieslings und Bernt von Kügelgens Reisebericht China (1957) als ein repräsentatives politisches Produkt, das direkt von der kurzfristigen Faszination der DDR für China inspiriert wurde. Die Abhandlung erklärt, dass die DDR einerseits eine vielversprechende neue Volksrepublik vor Augen führt, die als Folie der ostdeutschen Imagination für eine ideale sozialistische Gesellschaft in der Aufbauphase inszeniert wird. Andererseits schildern die Autoren ausführlich den Machtmissbrauch durch das Kaisertum sowie die gedankliche Rückständigkeit der normalen Bürger in den dunklen Zeiten Chinas, was zur Abgrenzung und Abwertung des Anderen im Gegensatz zum Eigenen beisteuerte. In dieser Hinsicht verweist der Reisebericht auf einen Neo-Orientalismus, der China zwar oberflächlich als einen schnell heranwachsenden sozialistischen „Bruderstaat“ anerkennt, aber gleichzeitig an einigen in früheren Zeiten verbreiteten rassistischen Klischees festhält. Keywords: Reiseliteratur der DDR – Orientalismus – deutsch-chinesische Beziehungen – Freundschaft – sozialistische Brüderlichkeit ORCID ID: https://orcid.org/0000-0003-4744-1543 How to cite: Zhou, Qingyang. “Der Neo-Orientalismus in der DDR-Reiseliteratur der 1950er-Jahre: Gerhard Kiesling und Bernt von Kügelgens China (1957).“ focus on German Studies, no. 28, 2021, pp. 147–171. DOI:  10.34314/FOGS2021.00008 focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 148 Der Neo-Orientalismus in der DDR-Reiseliteratur der 1950er-Jahre: Gerhard Kiesling und Bernt von Kügelgens China (1957) Qingyang Zhou Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und die Zentrale Volksregierung der Volksrepublik China sind in dem Willen [übereingekommen], das gegenseitige Verständnis der beiden Völker zu vertiefen, um die freundschaftliche Zusammenarbeit zu verstärken und den gemeinsamen Kampf der beiden Völker gegen die kriegshetzerische Ideologie des Imperialismus zu unterstützen und dadurch zum gemeinsamen Werk des Kampfes für einen dauerhaften Frieden wirksam beizutragen. —Abkommen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der Volksrepublik China (VRC) über die kulturelle Zusammenarbeit (1952) (Meißner 302) 1. Einleitung: Die Beziehungen zwischen der DDR und China in den 1950er-Jahren Die kraftvolle Rhetorik dieses Abkommens offenbart die große Bedeutung und die strategischen Funktionen Chinas in der Außenpolitik der DDR am Anfang des Kalten Krieges. Anders als die Bundesrepublik Deutschland (BRD), die China nur als wirtschaftlichen Partner betrachtete, charakterisierte die DDR ihre Beziehung zur VRC mit ideologischen Symbolen wie „Freundschaft“, „Brüderlichkeit“ und sogar „Liebe“ (Slobodian, „,Wir sind Brüder‘“ 50–51). Diese transkontinentale Solidarität bot mehrfache Vorteile für den neu gegründeten ostdeutschen Staat. Die Tatsache, dass das bevölkerungsreichste Land der Erde nun der sozialistischen Welt beitrat, konnte die Legitimität der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) untermauern (Tompkins, „Divided Nations“ 213). Eine enge Verbindung mit China wurde ab 1955 umso bedeutsamer, als die Hallstein-Doktrin der BRD festlegte, dass sie ihre focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 149 diplomatische Beziehung mit jenem Land, das die DDR anerkannte, außer der Sowjetunion, abbrechen würde (Poiger 646). Um eine außenpolitische Isolierung zu verhindern, führte die DDR seit Anfang der 1950er-Jahre eine massive Kampagne für die Normalisierung ihrer Beziehung zu China, zur Dritten Welt und zu anderen sozialistischen Ländern in Osteuropa ein. Der Aufbau einer „Brüderlichkeit“ zwischen China und der DDR fand zunächst im Juni 1951 in Form eines „Monat[s] der Deutsch-Chinesischen Freundschaft“ statt, der in den nächsten Jahren wiederholt veranstaltet wurde (Slobodian, „The Use of Disorientation“ 220). Die ostdeutsche Regierung verteilte anlässlich der Feierlichkeiten zahlreiche Broschüren, Plakate, Postkarten und Briefmarken, übersetzte Werke von chinesischen Denkern, führte chinesische Filme vor und lud Theater-, Tanz- und Musikensembles zu Auftritten ein (Jousse-Keller 675–677; Slobodian, „,Wir sind Brüder‘“ 52). Der literarische und kulturelle Austausch trug dazu bei, den DDR-Bürgern umfangreiche Themen über chinesische Geschichte, traditionelle Bräuche und Politik sowie das Leben in der neuen Volksrepublik vorzustellen und dadurch ein generelles Interesse für die deutsch-chinesische Beziehung zu wecken. Da die Mehrheit der DDR-Bevölkerung keinen Anspruch auf Reisen ins Ausland hatte (Blaschke et al. 7), waren die zahlreichen Werke der Reiseliteratur, die von den nach China entsandten DDR-Delegierten geschrieben wurden, ein weiterer wichtiger Zugang zum Fernen Osten – dazu zählt u. a. Gerhard Kieslings und Bernt von Kügelgens Reisebericht China, Bodo Uhses Tagebuch aus China, Karl-Heinz Schleinitzs Reisebilder aus China und Eva Siaos Peking: Eindrücke und Begegnungen. Die offizielle Rhetorik der SED beschrieb China und die DDR als wichtige Partner und Bruderstaaten im Kampf gegen den Imperialismus unter Leitung der Sowjetunion bzw. als Bollwerke an den östlichen und westlichen Grenzen der sozialistischen Welt (Tompkins, „Divided Nations“ 218). Angeblich hatten beide Länder eine ähnliche politische Geschichte, indem sie die Kontrolle über ihren entsprechenden kapitalistischen Widerpart – die BRD und Taiwan – zu gewinnen versuchten (Tompkins, „The East Is Red?“ focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 150 412). Die SED sah die Demut, den Fleiß, die Disziplin und den Enthusiasmus der Chinesen als Vorbild für die ostdeutschen Bürger im sozialistischen Aufbau (Tompkins, „Red China in Central Europe“ 279). Dennoch sollte die vorwiegend optimistische Darstellung von China und das große Ausmaß der Propaganda für die deutsch-chinesische „Freundschaft“ in den 1950er-Jahren nicht als Beweis für die weitreichende Wirksamkeit, die Wahrhaftigkeit oder ein aufrichtiges Solidaritätsgefühl des politischen Engagements betrachtet werden. Die meisten DDR-Bürger konnten sich nur auf indirekte Weise, z. B. durch verschiedene Medien wie Filme, Fotografien, Kunstausstellungen und Literatur, über China informieren. Dementsprechend war „Brüderlichkeit“ nur eine Illusion, da der Mangel an persönlichen Verbindungen zur VRC den ehrgeizigen politischen Werbespruch nur auf leere Begriffe ohne realistische Grundlage und Relevanz im täglichen Leben reduzierte. Das durchaus positive China-Bild diente weniger dem tiefgehenden Verständnis der chinesischen Lebensart als vielmehr der Legitimierung der DDR bzw. zum Zeichen ihrer Weltoffenheit und internationalen Anerkennung. Das eigennützige Motiv der DDR und die zerbrechliche Natur der „Brüderlichkeit“ zwischen beiden Staaten wurden Anfang 1960 deutlich erkennbar, als das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis plötzlich zur Verschlechterung der vorhandenen Beziehungen Chinas mit osteuropäischen Ländern führte (Shen, „A Question of Ideology and Realpolitik“ 96). Die SED revidierte rasant die Leitlinie ihrer China-Politik und fing bald an, die VRC als „Feind“, „gefährlichen Verräter“ und „Außenseiter“ zu bezeichnen (Tompkins, „Divided Nations“ 223–224; Tompkins, „The East Is Red?“ 393). Die Partei sagte die für 1960 geplante „Woche der deutsch-chinesischen Freundschaft“ ab (Stuber-Berries 170) und kritisierte die neu gegründeten chinesischen Volkskommunen, obwohl sie die Wirtschafts- und Agrarpolitik Chinas in früheren Jahren überschwänglich gelobt hatte (Tompkins, „The East Is Red?“ 417–418). Im Verlauf der 1960er-Jahre stellte die DDR auch schrittweise die Publikation chinesischer Zeitschriften und der Bücher von Mao Zedong ein (Stuber-Berries 346), und es wurden keine neuen Import-, Export- und Koproduktionsprojekte im Filmbereich mehr gestartet focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 151 (DEFA Außenhandel: Import, 1951-1990 (Spielfilme, Kurzfilme); DEFA Außenhandel: Verkaufs- Übersichten, 1947-1990). Daneben organisierte die SED massive Veranstaltungen mit Parteifunktionären und normalen Bürgern, um die vorherige offizielle Rhetorik in eine komplett neue, sogar entgegengesetzte Richtung umzuarbeiten (Tompkins, „Divided Nations“ 223–224). In diesem Sinne konstruierte die DDR ein für sie selbst günstiges und nützliches China-Bild im Namen der Solidarität, Freundschaft und Brüderlichkeit und veränderte die Repräsentation von China je nach der damaligen politischen Notwendigkeit, während eine weitgehende Aufrichtigkeit und ein echtes Verständnis grundsätzlich fehlten. Mit diesem historischen Hintergrund im Blick untersuche ich Gerhard Kieslings und Bernt von Kügelgens Reisebericht China (1957) als ein repräsentatives politisches Produkt, das direkt von der kurzfristigen Faszination der DDR für China inspiriert wurde. Die kulturwissenschaftliche Theorie des Orientalismus, die Entwicklung der Gattung Reiseliteratur und die neue Konzeption von Rasse in der DDR in Betracht ziehend, analysiert die vorliegende Arbeit sowohl die unterschwelligen Stereotype, die Sprachpolitik und die Machtverhältnisse in der Darstellung der VRC als auch die politischen Zwecke und die metaphorischen Bedeutungen des vorgeführten China-Bildes. Meine Abhandlung erklärt zunächst, dass die DDR einerseits eine vielversprechende neue Volksrepublik vor Augen führt, die als Folie der ostdeutschen Imagination für eine ideale sozialistische Gesellschaft in der Aufbauphase inszeniert wird. Andererseits schildern die Autoren ausführlich die dunklen Zeiten Chinas, in denen westliche Kolonialherrschaften und Machtmissbrauch durch das Kaisertum herrschten, sowie den alten Aberglauben und die gedankliche Rückständigkeit der normalen Bürger, was zur Abgrenzung und Abwertung des Anderen im Gegensatz zum Eigenen beisteuerte. In dieser Hinsicht verweist der Reisebericht auf einen Neo-Orientalismus, der China zwar oberflächlich als einen schnell heranwachsenden sozialistischen „Bruderstaat“ anerkennt, aber gleichzeitig an einigen in früheren Zeiten verbreiteten rassistischen Klischees festhält. Aus diesem Grund focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 152 gelang es der DDR nicht, ihre eigenen Vorbehalte gegen die ostasiatischen Genossen zu überwinden und eine tief berührende Solidarität zu fördern. 2. Theoretische Grundlagen Edward Saids wegweisende Theorie des Orientalismus bringt die epistemologische Kraft des Diskurses über den Orient ans Licht. Die literarischen Darstellungen und die vermeintlich objektiven wissenschaftlichen Forschungen über die Linguistik, Kultur, Geschichte und die Menschen des Orients vom achtzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert konstituierten eine eurozentrische Imagination über ein enormes Gebiet des „Morgenlandes“ und seine extrem mannigfaltigen Bewohner. Mit den imperialistischen Projekten Europas einhergehend, verfälschte und minimalisierte der Okzident das Objekt seines Betrachtens, sodass der Orient domestiziert und unter Kontrolle gebracht werden konnte (Ashcroft und Ahluwalia 51–55). Während das Abendland durch die kollektive christlich-humanitäre Tradition, das angelsächsische Rechtsverfahren sowie die Demokratie und die völkische Selbstbestimmung deutlich definiert und als ein geografisch klar abgrenzbares Gebiet inkl. Europa und der USA gekennzeichnet wird (Sarasin 34), zeigt das Orient-Bild eine Vielzahl von „gegensätzlichen Ideen wie z. B.: Ruhe – Unruhe, Leidenschaft – Apathie, Phantasie – Metaphysik, Symbolik – Buchstäblichkeit, Marktlärm – Schweigen der Wüste, Materialismus – Idealismus, Sinnlichkeit – fanatischer Wahn, Pracht – Elend“ (Rapp 31). Anders ausgedrückt war der Orient im Zeitalter des Kolonialismus einen Inbegriff der Alterität, da er zum aufgeklärten, hochindustrialisierten und kulturell fortgeschrittenen Okzident in Widerspruch gesetzt wurde (Said 68). Bei der deutschen Darstellung der Chinesen im frühen zwanzigsten Jahrhundert handelte es sich um einen vorherrschenden orientalistischen Diskurs der „Gelben Gefahr“. Dieser fremdenfeindliche Diskurs gewann anlässlich der Boxerrevolution im Jahr 1900, in der eine Gruppe von chinesischen Nationalisten, armen Bauern und Arbeitern versuchte, alle Fremden aus China auszuweisen und die Gemeinschaft der chinesischen Christen zu vernichten (Rosenstock 115), wesentliche Aufmerksamkeit in Deutschland. Das focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 153 große Medieninteresse an dem Ereignis ging teilweise auf den Mord an dem deutschen Botschafter Clemens von Ketteler zurück (Rhiel 155). Die hasserfüllte Reaktion gegen die Chinesen kulminierte in der sogenannten „Hunnenrede“ von Kaiser Wilhelm II., der die Chinesen mit barbarischen und heidnischen Hunnen vor tausend Jahren verglich und dadurch die bald darauf nach China entsandten Soldaten zur Bewahrung der „alte[n] deutsche[n] Tüchtigkeit“ ermutigte (Sösemann 350). In der zeitgenössischen literarischen Fiktion erscheinen die Chinesen häufig als heimtückische Drahtzieher, die Hass und Feindlichkeit in den europäischen Ländern schüren und damit die Weltherrschaft Chinas zustande bringen (Gollwitzer 20– 21). Der weitreichende Einfluss solcher Darstellungen führte dazu, dass das deutsche Publikum China bis zu den 1930er-Jahren als ein einschüchterndes Land betrachtete, in dem die Menschen vermutlich merkwürdig aussehen, eine komische Sprache benutzen und alle Weißen anfeinden (Roberts 29). In der populären Imagination galten Schanghai und andere Metropolen als Verbrecherstädte, in denen die Chinesen wie Rohlinge den Europäern jederzeit ihre Sachen rauben, sie töten und vergiften, ohne dafür bestraft zu werden (Roberts 203). Die DDR verleugnete den imperialistischen und rassistischen Diskurs der Vorkriegszeit, der nun mit dem kapitalistischen Westen assoziiert wurde (Pugach 132). Beispielsweise interpretieren die Autoren von China die Boxerrevolution als einen gerechtfertigten Aufstand gegen die fremden Kolonialherren (Kiesling und von Kügelgen 6), obwohl die deutsche Teilnahme am Kampf gegen die chinesischen Revolutionären nicht erwähnt wird, als wäre dieses Ereignis kein Teil des ostdeutschen historischen Erbes. Nichtsdestoweniger spielte das Rassenkonzept noch eine wichtige Rolle in der Solidaritätskampagne der DDR. Auf der einen Seite wurde Rasse nicht mehr, wie in der NS-Zeit, als Basis für eine hierarchische Anordnung von Intelligenz und Kompetenz verstanden (Slobodian, „Socialist Chromatism“ 27). Auf der anderen Seite benutzte die Regierung auf einer stereotypischen, manchmal beleidigenden Weise Rassenmerkmale wie Hautfarbe, traditionelle Kostüme und volkstümliche Darstellungen, um ihre focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 154 internationale Allianz mit asiatischen und afrikanischen Völkern durch visuelle und schriftliche Werbematerialien zu veranschaulichen (ebd. 33). Dieser als „egalitarian racialism“ oder „socialist chromatism“ (ebd. 27, 33) bezeichnete Denkansatz in der ostdeutschen Öffentlichkeit ist auch in China deutlich erkennbar. Kiesling und von Kügelgen verzichten auf die offenbar fremdenfeindlichen Elemente des Diskurses der „Gelben Gefahr“, ohne seinen orientalistischen Motiven und Kennzeichnungen komplett auszuweichen. Die Autoren führen ein abergläubisches, korruptes und armes China unter Feudalherrschaft vor Augen, was sich nicht von der negativ konnotierten Sprache und von den Stereotypen in der Literatur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts differenzieren lässt. Gleichzeitig konstruiert China ein beschönigtes Bild der VRC in den 1950er-Jahren, das den künstlichen Vorstellungen der Autoren zufolge auf jede Art und Weise anders als das alte China scheint. Dieses vermeintlich positive Porträt von China steht im Einklang mit der Leitlinie des sozialistischen Realismus. Demnach sollten die Künstler und die Autoren der DDR und der VRC nicht ein realistisches Bild der Gegenwart, sondern – je nach dem Hinweis der kommunistischen Partei – ein idealisiertes Image der Realität schildern, um das Publikum zum sozialistischen Aufbau zu ermuntern (Berendse x; Chung x). In China fanden dementsprechend die Betonung einiger Aspekte der chinesischen Landeskunde und der kulturellen Tradition Widerhall in der zeitgenössischen Politik der SED. In den folgenden Passagen wird genauer untersucht, wie China als eine exotische Kulisse galt, die das Fernweh der DDR-Bürger befriedigte und auf die die ostdeutsche Regierung ihre Wünsche und Hoffnungen für eine aussichtsreiche Zukunft im Sozialismus projizieren konnte. Das optimistische China-Bild hängt auch von der Entwicklung der Reiseindustrie und der Reiseliteratur im späteren zwanzigsten Jahrhundert ab. Im Vergleich zur individuellen, relativ unstrukturierten Reise in früheren Zeiten waren Besuche in sozialistischen Gesellschaften in der „Dritten Welt“, wie z. B. der VRC, Vietnam und Nordkorea, sorgfältig geplante Unternehmen, wodurch das Gastgeberland alle Aspekte focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 155 der Erfahrung und den dadurch entstehenden Eindruck des Ziellandes streng kontrollierte (Sontag 699– 700). Die ausländische Delegation konnte nur ausgewählte Modellstädte und Denkmäler der Revolutionsgeschichte besichtigen und hatte deshalb, außer mit ihren Guides, nur minimalen Kontakt mit den Einheimischen. Das grundsätzliche Verbot von zufälligen Begegnungen und unvorhersehenden Ereignissen diente dazu, ein sogenanntes „Disneyland of revolution“ vor Augen zu führen, deren wirtschaftliche und industrielle Fortschritte die ausländischen Besucher tief beeindrucken konnten (ebd. 700). Eine Begegnung mit den exotischen, primitiven und unverdorbenen Kulturen des Ziellandes erwartend, waren die europäischen Reisenden hingegen enttäuscht von der Änderung der jahrhundertlangen Traditionen durch die neue sozialistische Politik (ebd. 699). Diese Nostalgie für das Vergangene kreiert eine Spannung zwischen der Darstellung des Alten und des Neuen (Zhou 249–266), die auch in Kiesling und von Kügelgens Reisebericht sichtbar wird. 3. Die Erzählungen im DDR-Reisebericht 3.1 Biografische und inhaltliche Auskünfte Der Reisebericht China wurde im Jahr 1957 vom Verlag Neues Leben – einem staatlich kontrollierten Verlag, der auf ein junges Publikum zwischen 14 und 25 Jahren zielte (Goes 79) – veröffentlicht und war für die Verteilung in Schulen und Bibliotheken bestimmt (Tompkins, „Divided Nations“ 217). Zwischen 1957 und 1960 erschien das Buch in drei Auflagen („Gerhard Kiesling, China“), was auf seine Popularität hinweist. Einer der Autoren war Gerhard Kiesling, geboren 1922 in Greiz. Er begann 1941 sein Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Leipzig, wurde aber 1942 zum Kriegsdienst einberufen. Nach Kriegsende arbeitete Kiesling als Theater- und Pressefotograf der Neuen Berliner Illustrierten (NBI), wodurch er die Gelegenheit bekam, zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren nach China, Albanien, England, Westberlin sowie in die Sowjetunion und die Niederlande zu reisen („Gerhard Kiesling“). Sein Koautor im Projekt China war Bernt von Kügelgen; dieser wuchs in einer aristokratischen Familie deutsch-baltischer focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 156 Herkunft auf (Wienand 103). Während des Zweiten Weltkrieges diente von Kügelgen als Feldwebel in der deutschen Wehrmacht. Im Juli 1942 wurde er von der sowjetischen Armee gefangen genommen, in deren Kriegsgefangenenlager er sich öffentlich zum Antifaschisten erklärte. Später nahm er am Nationalkomitee Freies Deutschland teil und versuchte, die deutschen Soldaten zur Kapitulation zu bewegen. Im August 1945 kehrte von Kügelgen nach Berlin zurück und arbeitete zwischen 1957 und 1976 als Chefredakteur der Zeitung Sonntag. Er wurde als Kulturfunktionär der SED, Zeuge des Krieges und Angehöriger des Nationalkomitees in der DDR hochgeachtet (ebd. 104). Der Reisebericht umfasst drei Teile. Im ersten Teil beschreiben die Autoren in zwölf Kapiteln, die etwa sechzig Seiten umfassen, die Höhepunkte ihres China-Besuches. Dabei werden einige Schlüsselstädte und ihre Wahrzeichen, u. a. Peking, Schanghai, Kanton, der Perlfluss und die Große Mauer, deren Namen den normalen deutschen Bürgern schon geläufig sind, ausführlich geschildert. Die DDR- Delegation besichtigte auch kleinere Städte im inneren China. Die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe jedes Ortes verflechten sich mit der Reaktion des „Wir“-Erzählers auf das Dargebotene. Ein ausschlaggebendes Merkmal dieses Reiseberichts ist die besondere Hervorhebung der zeitgenössischen wirtschaftlichen Entwicklungen Chinas, die in jedem Kapitel anhand persönlicher Erfahrungen einiger einheimischer Zeitzeugen vor und nach der Gründung der VRC in Form direkter Zitate präsentiert werden. Der zweite Teil des Reiseberichts enthält 148 Schwarzweiß- und Farbfotos, die dem Leser die Natur, die Architektur, die Menschen und die modernen Industrien Chinas vor Augen führen. Der letzte Teil setzt sich aus einem kleinen Chinalexikon zusammen, in dem sachliche Informationen über die chinesische Landeskunde mit Daten, Tabellen, Abbildungen und Landkarten vermittelt werden. Auf der Rückseite des Umschlags wird der Hauptzweck des Buches folgendermaßen beschrieben: Die Reihe ‚Sieh die Welt‘ [wozu China gehört] will ein vielseitiges Bild von den Ländern der Erde und ihren Bewohnern geben. Die einzelnen Bände vereinen in sich Unterhaltung, Anschauung und focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 157 Wissen. Sie entsprechen so gleichermaßen dem Streben, unbestechliche Tatsachen zu erfahren, wie Eindrücke zu gewinnen, die die Phantasie anregen und ihr Spielraum gewähren. Der Text verspricht eine realistische Darstellung von China und die Vermittlung von objektivem „Wissen“ und von „Tatsachen“ über das Land. Allerdings muss man den Inhalt des Buches nicht vollkommen ernst nehmen, weil es den Leser vor allem zu amüsieren und seine „Phantasie anzuregen“ versucht. Tatsächlich handelt es sich bei der Wirklichkeits- und Fremddarstellung im Reisebericht um „Konstruktionsprozesse, die die fiktiven Strukturen […] automatisch in sich aufnehmen, wie sehr sich die Autoren auch um Authentizität bemühen oder die Wahrheit der Schilderung betonen“, so charakterisiert Ulla Biernat die deutschsprachige Reiseliteratur in der Nachkriegszeit (20). Die zahlreichen Bilder im Reisebericht, gedruckt auf Großformat- Papier und mit 148 ausladenden Fotografien, dienten auch Unterhaltungszwecken. Die Anschauungstafeln kann der neugierige Leser schnell durchblättern, ohne darüber tief reflektieren zu müssen. In diesem Sinne wird China ein Schauplatz, der dem ostdeutschen Bürger eine Vielzahl von märchenhaften Anreizen bietet, statt eines DDR-Bruderstaats, von dem man ein profundes Verständnis hat. Obwohl der Schwerpunkt des Textes auf der Darstellung einer progressiven neuen VRC liegt, befindet sich auf dem vorderen Buchdeckel nur das Foto eines Peking-Opernsängers, also ein Motiv aus der traditionellen chinesischen Kultur (siehe Bild 1). Die Hervorhebung der Volkskunst als Zeichen der ostdeutschen Weltoffenheit spiegelt die Mentalität des „egalitarian racialism“ wider und stellt zugleich die Alterität der Fremde in den Vordergrund. focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 158 Bild 1. Ein Peking-Opernsänger auf dem vorderen Buchdeckel: © Gerhard Kiesling und Bernt von Kügelgen, 1957. 3.2 Das alte und das neue China im Kontrast Das erste Kapitel des Textes, „Die Stadt mit drei Gesichtern“, erzählt die Geschichte und das heutige Leben in der Hauptstadt Peking. Das China-Bild ist geprägt von einem starken Kontrast: Unterdrückung und Elend im Zeitalter der Feudalherrschaft stehen gegenüber Freiheit und Wohlstand in der neuen Republik. Der Anfang der Geschichtsschreibung bringt den alten orientalistischen Diskurs um 1900 ins Spiel, indem er die damalige Machthaberin, die Kaiserwitwe Tsu Ssi (Ci Xi), als Inbegriff der korrupten Diktatur bezeichnet: Die kleine, nicht ganz jugendfrische Dame hatte es nicht leicht: Ihren Kopf konnte sie kaum bewegen, weil sonst die Frisur—sorgsam gebundene, rechtwinklig abstehende Haarbüschel—die Form verloren hätte. Mit den Händen konnte sie nicht greifen, weil fünf Zentimeter lange Schmuckplatten ihre focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 159 Fingernägel bedeckten. Das schwere, mit allerlei Symbolen, Zierat und Schmuck behängte Kleid war beim Gehen hinderlich. […] Tsu Ssi saß im Zentrum der kaiserlichen Requisiten wie ein Buddha auf seinem Götterthron im Tempel. Die Herrscher Chinas galten als lebendige Buddhas, wurden als solche geehrt und wie diese für unfehlbar gehalten. [...] Zwei Stunden nur dauerte der kaiserliche Arbeitstag; es war so einfach, China zu regieren. (Kiesling und von Kügelgen, China 5–6) In dieser Passage wird die Kaiserin wie eine immobile Statue verdinglicht, da sie ihren Kopf, ihre Hände und ihren Körper wegen des überladenen Schmucks nicht frei bewegen kann. Die detaillierte Beschreibung ihrer Haarbüschel, Schmuckplatten und kaiserlicher Requisiten bringen ihren verschwenderischen Lebensstil und ihr ostentatives Auftreten zum Ausdruck. Diese Fantasie der hoffnungslos ohnmächtigen chinesischen Regierung existierte im deutschen Diskurs schon seit dem neunzehnten Jahrhundert (Marchand 373). Das Image eines lebendigen Buddhas, der über den Dienern steht, wird zur Metapher für die absolute Macht der Kaiserin, die ihre Verantwortung für die Regierten hingegen vernachlässigt und den Reichtum des Landes vergeudet. Diese korrupte Feudalherrschaft steht in direkter Opposition zur Demokratie, für die die VRC und die DDR angeblich plädierten. Die armselige Existenz der normalen Bürger unter der Diktatur wich bald einem glücklichen, sorgenfreien Leben, als die Volksmacht das Land befreite, so der Reisebericht. Die DDR-Delegation interviewte die Zeitzeugin Frau Wang, deren Mann bei einer Schirmmacher-Genossenschaft arbeitet. Die Hausfrau erzählt von ihrem Leben vor der Gründung der Volksrepublik: Als ich so alt wie er [ihr vierjähriger Sohn] war, fegte ich täglich in der Baumwollspinnerei die Fußböden. Für eine Schale Reis am Tag. Abends sammelte ich verfaultes Gemüse aus den Abfallhaufen vor den Häusern der Reichen. Nie habe ich als Kind gespielt. Ich wußte gar nicht, was das ist – ein Spiel. (Kiesling und von Kügelgen, China 11) Wangs Erfahrungen verdeutlichen den großen Klassenunterschied zwischen Armen und Reichen sowie die grausamen Lebensbedingungen unter dem Feudalismus und westlichem Imperialismus. Als die Frau jedoch focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 160 in entzückender Weise die Veränderungen aufzählt, die die neue sozialistische Wirtschaft vollbrachte, ändert sich der Ton der Erzählung ins Positive: Daß ein einfacher Schirmmacher genug verdient, um seine Familie zu ernähren, gab es früher nie. Jetzt haben wir alle satt zu essen, alle haben wir Sonntagskleider und das, obwohl mein Mann nur allein arbeitet. Außerdem ziehen wir in vierzehn Tagen um. In eine richtige Wohnung mit einem Gasherd. (ebd.) Wangs Worte loben überschwänglich die neu eingeführte Kollektivierungsinitiative der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) und setzen das Leben in der VRC mit einem reichlichen Angebot an Nahrung, Kleidung und modernem Wohnen gleich, statt mit Hunger, Kinderarbeit und ständiger Bedürftigkeit. Ihre Aussage entspricht dem Versprechen der KPC im Jahr 1949, dass kein Chinese jemals wieder verhungern wird (Bian und Wu 689). Während die Armen im alten China wegen der strengen sozialen Hierarchie kein menschenwürdiges Leben führen konnten wie die Reichen, wurden die Klassenunterschiede im neuen China, Wangs Rede zufolge, komplett abgeschafft. Die mehrfache Benutzung der Worte „wir“ und „alle“ weist darauf hin, dass nicht nur die Familie Wang zu Wohlstand gekommen ist, sondern auch alle anderen Familien in der Genossenschaft, d. h. die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung. Die folgenden Berichte chinesischer Zeitzeugen aus anderen geografischen Gebieten und mit verschiedenen Beschäftigungen beruhen immer auf dem gleichen Muster: Das Leiden unter den Feudal- und Kolonialherrschaften wird ständig mit der generellen Prosperität nach der Gründung der Volksrepublik verglichen. Auf diese Weise konstruieren die Autoren ein Bild des fortschrittlichen Chinas, das sich von seiner imperialen Vergangenheit verabschiedet, zahlreiche Agrarreformen und Industrialisierungsprozesse übernimmt und unter der Führung der KPC in eine vielversprechende Zukunft schreitet. Allerdings kann die Authentizität von Wangs Aussage, und damit auch alle anderen direkten Zitate von Wang im Reisebericht, aus drei Gründen angezweifelt werden. Erstens gab es in der DDR in den 1950er- focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 161 Jahren fast keine ausgebildeten Sinologen, die die moderne chinesische Sprache gut beherrschten. Gemäß dem damaligen DDR-Sinologen Klaus Kaden wurde beim Dolmetschen „jeder genommen, der auch nur ein Wort Chinesisch sprechen und lesen konnte“ (Kaden 177–178). Auch wenn die DDR-Delegation die Chinesen, die vermutlich auch andere Dialekte sprachen als das erst später standardisierte Mandarin, wirklich interviewt hat, ist es trotzdem fragwürdig, ob sie das Gesagte richtig verstanden hat. Kiesling und von Kügelgen benutzten direkte Zitate, um dem Leser die Glaubwürdigkeit der intendierten Botschaften zu vermitteln, obwohl die Worte meist durch die Imagination der Autoren nachträglich verfälscht wurden. Das erste Zitat von Wang verrät tatsächlich den orientalistischen Unterton dieser künstlichen Konstruktion. Dass Wang vorher nur für eine Schale Reis tagelang gearbeitet hatte, entspricht der Rhetorik der „Gelben Gefahr“, die die Chinesen häufig als kleinwüchsige Ameisen und schuftende Kulis bezeichnet (Shen, „Factories on the Magic Carpet“ 66–67). Das Image eines leidenden Mädchens knüpft zugleich an die lange westliche Faszination für das Elend der Frauen im Orient an (Walk 146). Zweitens wurden die direkten Zitate vor der Veröffentlichung des Buches der Zensur unterzogen, wodurch einige sensible Ausdrücke verändert wurden. Beispielsweise wurde die „Volksbefreiungsarmee“ durch „die Armee“ oder „die Nationalarmee“ ersetzt. Die „Befreiung“ wurde ins „Gründung der Volksrepublik“ umgeschrieben. Die „Kapitalisten“, d.h. in manchen Kontexten die aus dem Ausland zurückgekehrten Chinesen, wurden als „Unternehmer“ bezeichnet (Kiesling und von Kügelgen, China (Manuskript von 1956)). Die Modifizierung dieser Begriffe verstärkt die propagandistische Wirkung des Reiseberichts, indem sie den politischen Unterton untertreibt, sodass der Leser nicht auf die Zensur sowie die Konstruktion fiktiver Geschichten im Text aufmerksam wird. Wangs Erzählung endet in der ersten Fassung des Manuskripts mit der Aussage: „alle haben wir Sonntagskleider“, und die Phrase „obwohl mein Mann nur allein arbeitet“ wurde vom Redakteur hinzugefügt (Kiesling und von focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 162 Kügelgen, China (Manuskript von 1956), 14). Die Tatsache, dass das direkte Zitat willkürlich verändert werden konnte, offenbart den Mangel an Authentizität des Reiseberichts China. Der dritte Grund, warum die idealistische, von der Realität abweichende Darstellung im Reisebericht anzuzweifeln ist, besteht in der verheerenden Situation der chinesischen Wirtschaft gegen Ende der 1950er- Jahre. Kiesling und von Kügelgen stellen die Agrarreform von 1952 bis 1956 auf eine überwältigend optimistische Weise dar, ohne sich mit den möglichen negativen Auswirkungen dieser massiven wirtschaftlichen Umstrukturierung auseinanderzusetzen. Dass während einer dreijährigen Hungersnot zwischen 1959 und 1961 schätzungsweise 15–45 Millionen Chinesen starben (Wemheuer 408), weist auf eine Kollektivierungskampagne hin, die mehr Probleme kreierte als sie löste. Obwohl Kiesling und von Kügelgen das enorme Ausmaß der Katastrophe nicht völlig voraussehen konnten, als sie den Reisebericht im Jahr 1956 schrieben, war ihr Porträt einer fortschrittlichen Volksrepublik China, die das dauernde Problem der Armut innerhalb von zehn Jahren völlig löste und in der die Bürger nun in Wohlstand und Glück lebten, nur ein beschönigtes und übertriebenes Bild, das nicht auf der Wirklichkeit basierte. Das überschwängliche Lob der Autoren für den jungen „Bruderstaat“ galt als eine Maßnahme zur Vertrauensbildung für die DDR- Außenpolitik, da ein positives China-Bild sowohl zur Aufwertung des neuen sozialistischen Partners der DDR als auch zur Legitimierung der grenzüberschreitenden Allianz diente. Als sich die Beziehung der beiden Staaten am Anfang der 1960er-Jahre verschlechterte, nahm die DDR umgehend eine durchaus kritische Haltung gegenüber der Agrarpolitik der KPC ein. Genauer gesagt bemängelte der damalige SED-Vorsitzende Walter Ulbricht die Volkskommune der VRC auf der Landwirtschaftsausstellung in Markkleeberg im Jahr 1960 und befahl die Vernichtung der chinesischen Werbungsmaterialen (Tompkins, „Divided Nations“ 222– 223) – eine drakonische Attitüde, die die Brüchigkeit der internationalen Solidarität in den 1950er-Jahren bekannt machte. 3.3 Schlüsselbegriff Volkskunst focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 163 Das vorletzte Kapitel des Reiseberichts ist der Inbegriff der „Instrumentalisierung des Anderen als Projektionsfigur“ (Hofmann 63). Die Autoren stellen darin die chinesische Oper als unschätzbares Kulturerbe der VRC dar, um einerseits die Sehnsucht der ostdeutschen Leser nach dem Fernen Osten zu befriedigen und andererseits den Inhalt der Erzählung mit der heimischen Kulturpolitik der DDR in Einklang zu bringen. Im Kapitel „‚General Mo‘ und der ‚Affenkönig‘“ schildern Kiesling und von Kügelgen die Kostüme und den Schmuck der Künstler sowie die Inszenierung im Opernhaus mit zahlreichen Details, die als Verkörperung der chinesischen Tracht und Tradition identifiziert werden: Welch eine Pracht! Die Augen können sich nicht satt sehen. Die ganze Kunst der Seidenweber, Schneider, Sticker, Goldmacher und Juweliere Chinas scheint auf der Bühne vereint. […] An ihren Hüten [den Hüten der kaiserlichen Beamten] schwanken bei jeder Kopfbewegung riesige Insektenfühler, die Zeichen ihrer Würde. […] Zwei Meter lange Federn schaukeln an seinem Helm [dem Helm des Feldherrn], einem edelsteinbeladenen Wunderwerk der Ziselierkunst. (China 56) Diese Faszination für die Opernkultur Chinas verdinglicht die Schauspieler und zergliedert ihre Körper in verschiedene Teile zugunsten des „scopophilic pleasure“ des deutschen Betrachters. Die Fotografien der Opernsänger im zweiten Teil des Reiseberichts sowie die Tabelle mit verschiedenen chinesischen Theatermasken im Chinalexikon tragen weiterhin zur Vergegenständlichung der Schauspieler bei. Die Idee, dass die Kunst Chinas allein durch die theatralische Mise en Scène repräsentiert werden kann, minimalisiert die Vielfalt und den reichen Umfang der traditionellen Kultur. Darüber hinaus löst der Begriff „Insekten- fühler“ durchaus negative Assoziationen aus, da er der alten rassistischen Bezeichnung der Chinesen als Ameisen nahekommt. Der orientalistische Unterton des Textes setzt sich fort, wenn die Autoren die Theaterszene Schanghais vor 1949 mit Kriminalität verbinden: Die Gangster und Banditen, Opiumhändler und Zuhälter [waren die] Plage der chinesischen Bühnenkunst vor 1949. Schanghais Verbrecherorganisationen benutzten die Opernhäuser als Treffpunkt. Sie waren die wirklichen Herren der Bühne. Gefiel ihnen ein Stück nicht, randalierten sie focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 164 so lange, bis der Vorhang fiel; […] Manche Darstellerin von Nebenrollen mußte als Prostituierte leben. (ebd. 58) Diese ausführliche Kennzeichnung wirft ein negatives Licht auf die Stadt und kreiert ein Bild, das mit dem vorwiegenden Eindruck des Lesers, der sich die Metropole schon seit den 1930er-Jahren als Verbrecherstadt vorstellt, übereinstimmt. Dennoch änderte sich alles, als die KPC die Volksrepublik China gründete, so Kiesling und von Kügelgen. Die Regierung wird als Retter des chinesischen Kulturerbes dargestellt: Die neue Regierung verjagte die Gangster und Banditen. Sie wandte sich auch gegen jene Opernstürmer, die der Meinung waren, die klassische Kunst habe der Gegenwart nichts mehr zu sagen. […] Staatliche Ensembles entstanden, die den Künstlern eine gesicherte, geachtete und zukunftsreiche Existenz gewähren. Die Regierung half den Schauspielerinnen, sich von ihrem Konkubinendasein zu befreien. (ebd.) Dieser Bericht der Kulturbewahrung knüpft an die Kulturpolitik der DDR an. Cornelia Kühn bemerkt in ihrem Artikel über den Stellenwert der Volkskunst in der frühen DDR, dass der sozialistische Staat zur Legitimation ihres politischen Gesellschaftssystems sich als den „Retter der deutschen Kultur“ inszenierte (Kühn 187). Die offizielle Rhetorik der DDR denunzierte die BRD für ihre Akzeptanz der amerikanischen Populärkultur. Aufgrund der „Verbreitung von Verbrecherfilmen und übelster Schundliteratur“ und der „Veranstaltung von Schönheitswettbewerben, Nackt- und Dauertanzen [und] Damenringkämpfen“ wurde in Westdeutschland das „jahrhundertealte, hochentwickelte deutsche Kulturerbe“ vermeintlich „verdrängt“ und „zerstört“ (ebd. 190–194). Im Gegensatz dazu widmete sich die DDR der Entwicklung einer gemeinschaftlichen Volkskultur. Sie begünstigte traditionelle Kunstformen wie Volkslieder, -tänze, -musik und -theater bzw. konventionelle Schnitz- und Klöppelkunst, was zu einer „Stärkung des Heimatgefühls und der Widerstandskraft gegen das Eindringen amerikanischer Kulturbarbarei im Volke“ führen sollte (ebd.). Dementsprechend diente Kieslings und von Kügelgens Beschreibung der Maßnahmen, durch die die focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 165 chinesische Regierung die traditionelle Kunst angeblich unterstützte, eher als Werbung für die heimische Politik der SED. In diesem Sinne trägt der Inhalt des Reiseberichts wiederholt dazu bei, das Fremde zur Folie einer Selbstreflexion bzw. zur Erweiterung des Eigenen zu gestalten (Hofmann 62). 4. Fazit Die in dieser Arbeit analysierten Passagen aus dem Reisebericht China erläutern die neo- orientalistischen Tendenzen der DDR-Autoren in ihren Begegnungen mit der Volksrepublik China in den 1950er-Jahren. Obwohl die offizielle Rhetorik die Beziehung zwischen der DDR und der VRC mit Stichwörtern wie „Freundschaft“ und „Brüderlichkeit“ bezeichnet, scheitern Gerhard Kiesling und Bernt von Kügelgen daran, das Bild einer grenzüberschreitenden deutsch-chinesischen Solidarität zu prägen. Die anekdotische Erzählweise, das Bildband-Format des Buches und die oberflächlichen Begegnungen der Reisenden mit der einheimischen Bevölkerung dämmen die potenziellen affektiven Auswirkungen des Buches ein. Die Schilderung chinesischer Kunst und Geschichte vor der Gründung der VRC entspricht zahlreichen orientalistischen Diskursen aus vorherigen Jahrzehnten, die die Chinesen häufig als leidende, ausgebeutete Menschen unter einem korrupten Kaisertum kennzeichnen. Chinesische Metropolen wie Schanghai werden als Verbrecherstädte dargestellt, in denen Opiumhandel, Prostitution und Banditen überall zu finden waren. Obschon die Autoren sich darum bemühen, dem Leser einige positive Aspekte des neuen Chinas vor Augen zu führen, dienen diese Versuche weniger zur Identifikation mit dem Fremden als zur Befriedigung des Fernwehs in der bürgerlichen Gesellschaft sowie zur Kundgebung der einheimischen Politik der SED. In diesem Sinne kann die Untersuchung eines DDR-Reiseberichts sowohl die Eigenschaften des Anderen ans Licht bringen als auch zum Verständnis der eigenen Kultur beitragen. focus on German Studies. https://journals.uc.edu/index.php/fogs (ISSN 1076-5697) 166 Literaturverzeichnis Ashcroft, Bill, und Pal Ahluwalia. „Orientalism.“ Edward Said: Routledge Critical Thinkers. Überarbeitete 2. Auf., London, Routledge, 2009, S. 47–81. Berendse, Gerrit-Jan. Echoes of Surrealism: Challenging Socialist Realism in East German Literature, 1945-1990. New York, Berghahn, 2021. Bian, Yanjun, und Shaojing Wu (Hgs.). Dong Biwu zhuan [Die Biografie Dong Biwus]. Beijing, Central Party Literature Press, 2006. 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