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Zei t war ihm in hohem Maße gegeben, denn zum Zeitpunkt des zitierten Inte[views, das am 1. Juni 1955, also fünf Tage vor seinem SO. Geburtstag, in der Stuttgarter Zeitung veröffentlich t wurde, k OruHC er immcrhin auf 60 Jahre schri ftstellenscher Tällgkcit zucückblicken lind haue tatsächlich große Leistungen volJbr:acht. zumindest was den berrädulichen Umfang seiner Arbeiten betrifft. "Andcrs ist es mit dem Reiß lind mit dem Willen zur Arbeit, deren Bedeutung mir erst klar wurde, als idl mich mit dem Leben Schillers eingehend beschäftigte.« Dieser Aussage ist befCIlS einernsi :tu nehmender Hinwcisauf die zenttale Bedeutungder Iiteranschen Auseina ndcrsetzung mir de m Leben und Werk Friedrich Schillers und der dantus hervorgegangenen Studie Schwere Stmule zu eIl tnehmen. Zwar ist· gewiß nich t anzu.nehmen, daß T homas Mann vor dieser Zeit nicht fleiß Ig oder gar faul gewesen sei, zweifel.1os wird jedoch deutlich, daß seit jeher d ie Oriennerung an dichterischen Vorbildcm ein nich t unwesentlIcher Faktor seiner Motivation und ein MotOr seines Schreibens gewesen sein mull. ,,Schiller war immer fleißig, was audl viclleicht mit der Kür.lC seines Lebens zusammenhängt. Dies dürfte das Phäno men erklären, daß Schriftstellcr und Künstler, deren Leben nur verhältnismäßig kurz ist, meISt so produktiv sind, daß ihr Lebenswerk jenes langc arbeitender Schriftsteller weit übertrifft." Diese Aussage magzunächst befremden, da der Eindruck cntstehcn kann, Mann p,enze sich hier bewußt von Schillc r ab und spreche diesem den Fleiß, sich selbst hingegen das unve[dienle Geschenk eines langen (A rbcits~) Lebens zu.. Diese Vermutung erweist sich jedoch als nicht 62 FOCUJ Oll GerruJU1 Studies zutreffend, zumal die Unterscheidung sogleich von ihm selbst relativiert und in den für ihn offenbar entscheidenden Rahmen gestellt wird: "leh selbst arbeite langsam, aber ich bin ein beständiger Arbeiter r .. r. D ie Bes tändigkei t der Arbeit. d .h . konk re t die Auferl egung und Aufrechr~ha1rung einer strengen Selbstdisziplin werden somirals Synonyme für fleiß gesetzt Die bürgerliche MentaJität und die protestantische Leisrungscrhik d es Patr i zie rsoho s. die s ic h in einer s traffe n Durchorgaoisation seines Alltags äußern, mussen herhahen zu r Konstituierung seines künstlerischen Selbstvers tändni sses, das zudem offensichtlich auch noch in d iesem hohen Alter durch den Versuch der ldentifikanon mit Sch iller gekennzeichnet ist. Noch in dieser spaten Selbstdarstellung schimmert die nüclHerne Erkenntnis durch, sidl selbst nicht zu den begnadeten Künstlerexistenzen zählen zu dürfen, denen die Tim e ununterbrochen aus der Feder fließt und die "tatselig« und "göttlich-unbewuß(' schaffen, auch wenn diese fragwürdige Form der negativen Selbstdefinition, die darin besteht, "das eigene Wesen und Künsderrum gegen das des anderen zu behaup ten und abzugrenzen" (Mann 8: 382), und die damit verbundene Problematik i.n seiner Schriftstellerkarriere weitgehend im uufe der Zeit der H inwendung zu Goethe entschirft und au fgehoben werden. Diese kur.-.e Interviewpassage liefeTt also einen ersten Ansatz fü r eine exemplarische Umersuchung von T ho mas Manns Arbeitsweise. geistesgeschichtlicher E nrwick1ung und künstlerischem Selbstverständnis zum Zeitp unkt der N ied erschrift der ers ten expliziten, produktiven Annäherung an Schiller in der Sehu/tml SllInrk. und deren sich alhnählich vollziehende \i/andlung, die sich bereits in der Erzählung andeutet und die durch die eingehende Beschäftigung mit dem Leben und Werk des anderen großen dichterischen Vorbilds und Antipoden Schillers, Goethe, wesentlich -angeregt und gepdgt ist. Daß ich auf dem Wege den ich nun einschlage, in Göthens Gebiet gemtlle und mich mit ihm werde messen müssen ist freilich wahr, auch ist es allsgemadu, daß ich hierinn neben ihm verlieren werde. Weil mir aber auch crwas übrig bleibt, was Mein ist und Er nie erreichen kann, so wird sein Vor-~ug mi~ und m einem Produkt keinen Schaden dlUJl. und ich hoffe, daß die Rechnung sich ziemlich Thomas Manns Schwere SIlI11m 63 heben soll. Man wird uns, wie ich in mei nen muthvo ll stell Augenblicken mir verspreche, verschieden specdicicrcll, aber unsere Arten einander nicht unterOrdnen sondern un tcr Clllcm hö hem idealistisch en Gan ungsbegri ffe cinander coordinieren. (SchiUer 28: 205) Dicse ver~eifclte Hoffnung, die Schiller in cinem Brief an \'(lilhelm von Humbold t vom 21. Mär~ 1796 bezüglich seiner Arbeit anl schwer zu bearbeitenden historischen Stoff des !17(llltltSltin äußert, läßt sich auch auf die Zweifel und die Hoffn ungen T ho mas Marms hin sichtltell seiner hochgesteckten Ziele und vielfaltigen Projekte übertragen. Nach dem enormen, fijr ih n unerwarteten E rfo lg der Bllddenbrooks lastete ein ungeheucer, von ihm selbst oder von außen er-ttugter Ecwanungsdruck auf dem 29jährigen Autor, weichet: sich plötzlich in der Siotalion WIeder fand , zur VerwirklidllUlg eines weiteren, vergleichbar urn fanglichen und erfo lg reichen Proje ktes nicht mehr auf die reale, unmltlelbare Erfah rungswirk lichkeit seiner Heimatstadt Lübeck zurückgrei fen zu können. Dieses Dilenuna der \Vahl und Ausführung des nächsten in Angriff zu nehmenden Thelnas sollte ihm noch lange erhalten bleiben, auch wenn er sich dies in verschiedenen, mehr oder minder erfolgreLchen kleineren \"(Ierken nicht anmerken zu lassen schien. So entstanden in dieser Zell die [dee n zu za hlreic h en anspruchsvo ll en Arbette n . die Jedoch bezcicJUlenderweise zeit seines Lebens nielli zur Realisierung gelangten. Z u alldem kam die Schwierigkeit, eine angepaßte Daseinsform zu finden und durch die E hesch ließung mit Ka~a Pringsheim einen adäquaten bürgerlichen Lebensstil zu k.onsolidieren,L was ihm wohl nicht gcrnde leicht ge fallen sein mag, denn nun, " da er aus dem Freibeuter(um des Geistes Hl einige Rechtlichkeit und bürgerliche Verbindung eingettc len war I ... ], nun war er erschö pft und fertig" (h.1an n 8: 379). AngesichLS d er daraus resultierenden Konflikte muß ihm die Sonderausgabe des SimplLc,ssimus an läßlich d es hunderts ten Todestages Schill ers eine wi ll kommene Gelegenheit gewesen sein , sich in IIltCIlsive Studien lUld sorgfa lt.ige Vora~beiten zu stürzen und damit sich und andere von seinen eigentlichen Problemen abzulenken sowie deren Über:windungvo l2utauschen. Obwohl Aufuagsarbeit. ist die Darste llung Schillers rucht Zweck, sondern t-,'littel zum Zweck, weshalb in die Er.ci.hlung, die in den Mona[en März und April de s Jahres 1905 nach der Rückkehr vo n der Hochze it sreise n iede rgesch riebe n wurde, un leugbar au to b iograp hisc he E lemen te 64 Forus D!f German Studies ein fließen. So lassen sich die Schwierigkeiten Schillers bei der Arbeit am WtJUuuuin und die ambivalenre Haltung gegenüber dem eigenen Werk als selbst bei der N iedersdlOft seines einzigen Dramas Fiomrzo empfunden ausmachen: .. Versagen und verzagen - das war's, was ilbrigblieb" (M:lOn 8: 379). Und die Sc:hlußszene. in der der Dichtet zärdiche Worte an seine schlafende Frau nehtet. mag als eine Reminiszenz an die für ihn ncuartjge heteroccoclsche Erfahrung privaten Eheglücks gehen; "Ich kann mein Gefühl nur zuweilen nicht finden, weil idl oft' sehr müde vom leiden bin lind vom Ringen mit Jener Aufgabe, welche mein Selbst mir stell," (Mann 8: 384). Mit diesem "Selbst" ist, auf die als Vorbild fungierende Figur Schillers übertragen., unzweifelhaft das eigene Sendlingsbewußtsein, mit der ,,Aufgabe" wiederum der gewalrige Anspruch des dichterischen Ruhms gemeint, zu dessen Erre.chung eine gehorige Portion "Kfinstleregoismus" und SelbstgetaJJ lgkelt notwendig sind, die den Künstler .. von einer begeisterten Zärdichkeit für sich selbst erfüllt" sein lassen (Mann 8: 381). Die Erzählung &1h in eUle Phase der selektiven Aneignung fremder ßedeurungssysteme, weshalb sich Man n in der Problematik Schillers und dessen Kunstverständnis unmiuelbar wieder erkennt. In der DarsteUung von Schillers Zweifeln marufeSbert sich also Thomas Manns Unsicherheit runsKhtlich saner kunstlerischen Daseinsberecluigung. Die eigenen inneren Selbstzweifel werden Iß emen Dichter vom Range Friedrich ScluUers projiziert und damit in eine Sphäre gehoben, wo das eigene Sendungsbcwußtsein auch in Phasen der Unprocluktivität, in denen keines der angestrebten Projekte zu gelingen schi en, allen An fechtunge n standhalten muß. Die Unfähigkeit, den eigenen hochgesteckten Ansprüchen gerecht werden zu können, will nicht eingestanden werden. Schilkr Die Erzählung "mag wohl aussehen, als sei sie mir leicht von der Hand gegangen; aber ich weiß noch, mit wieviel biograp hischer Lektüre ich mich :tuf die Arbeit vorbereitete und wieviel Mühe lUld Sorgfu lt ich aus Ehrfurcht vor meinem großen Gegensrande a.o sie wandte", bekannte ThallUS Mann 50 Jahre nach Nlederschn ftdes Textes (3: 379). Die Annäherungan SchIller fa.nd also vor allem auf dem \Vege akribisc hen Studiums von Sekundärliteratur und Schillers Briefen und Schriften statt, deren Paraph:rasierung naheZlI den gesamten Umfang des Textes ausmacht, wie Thomas Manns Schnrt SJHlldt 65 Hans-Joachim Sand berg in seiner Arbeit uber Tho!lltJS MOlfltJ SchiUer-Slllditn nachgew iese n hat. Neben diesem exzess ive n Geb rauch der .. Montagetechnik«l ist auffallend, daß rue für 'nlomas Mann sensl typISChen Scilmittcl der Ironie und des nebenS2tzrelchen Satzbaus tuer flicht zU[ Verwendung kommen. wodurch dIe Arhett lunSlchtLch der benutzten gestalterischen Mittel eine Sonderstellung im Gesamtwerk emmmnu. DIe offenlnmdige und dutchau s inrcndicn e Nachahmung der Schillerschen Ausdrucksweise deutet darauf hin, daß T homas Manll d le Identi fika tion mit Schiller bereits auf der sprachlichen , d.h. handwe rklichen ßbene anstrebt. Dementsprechend wird dieset auch bei der Arbei t, genauee bei der langwierigen Niederschrift des 1Y/t,lkllJltill 1111 .Dezember 1797,111 der äußerst detailliert, fast realistisch geschilderten äußeren Umgebung seines ArbeitszlOuners in Jena gezeigt. Der HinweiS auf die kriokelnde Namr des Dldlters impliziert das eigene Leiden an der uneingestandenen und mcht ausgelebten, abweichenden Neigung, die als Ausdruck von drohender Dekadenz verstanden wird und die es zu überwinden 8'11. Warum Mann ausgerechnet diesen Zeitabschnitt zur Literarischen Gestalmng auswahlte, wird nur dadurdl verstiindlich, daß 10 ruese.t Ph"se des Sdullerschen Lebens die durch Krankheit begleitete Schaffenskrise mit eulettl produknven Austausch mit Goethe zusammenf.ilh .. was Mann fur die Ausgesulnmg der PolariUt der belden Dichtettypen, des ubetnornmenen Gegensatzpaares rwv Ulld sentimentalisch sowie der negativen Abgre nzung \-om .. and eren" ausserordenthch wichtig gewesen sein muß. Der scho n im TOlilo Kröter prä figurierte Dualismus zwischen Geist und Leben , d er SICh locker an SchiUers kunsttheoreuscher Abhandlung Ober naivt ulld JtIIlilllm/o!ircht DichIHnt orienuert. kommt hier erneut zum Tragen. Die Identifikation nut dem "sentunentaLschen" Sduller sch lägt sich sulisnsch insbesondcre im Selbstgespcilch nieder, m dem er den DlChtCl: über sich und seine Arbeit re nektieren läßt und seine eigene künstlensche Selbstrechtfertigung zum Ausdruck bnngt:: .. DeIUlOCh., und lenem zum Trotz: Wer war ein Künstle r, ein DIchter gleich iJ1ll1. ihm selbst?" (M;lJlfI8: 383). Zur Erreichung der größtlllöghchen AudlentiZlta t der Ges lalt SdliJlers verwendet Mann schließlich noch das Suhmttcl der du'eklen Anrede eines imaginäcen Publikums: .. Denn das Talent, Oleine Herren lind Damen dort unten, wettlun Im Parterre, das Talent 1St ruchts leiChtes, rudllS Tandelndes. es ist nicht olme weiteres em Können" (Mann 8: 381). lller verTat sidl das Wissen dan1m, daß der Künstler tm allgernemen und Thomas Mann inl 66 Fot71S on GerLD;m Studies besonderen auch bei privatesten Überlegungen immer den Blick auf das Publikum gerichtet häl t und unausgesetzt um gesellschaftlicllc Anerkennung ringt. Die Spannung zwischen dem zwanghaften Ehrgeiz und dem permanenten Ge fuhl der MindetWertigkeit gegenüber den anderen, leichter schaffenden " naiven" Künstlern nimmt hier scho n fasr patho logische Formen an und vermag Mitleid oder Bewunderung zu ecccgen, aber mcht von der Glaubwürdigkeit der Mannschen D eunmg zu überLcugen. Er drückt sich in Schill ers Begrifflichkeit aus und o rdnet sich mi ttels Übertragu ng eines simpli fizierenden Gege nsa tzpaares in einen literaturtheo re tischen Z usammenhang ei n, was den ambi ti o nier ten Selbsteotwurf als eine Frc mddefm itio n entlarvt, die nur dweh die dialektische Au flösung d icscr Spannung zu überwinden sein wird. GOllhe Ich finde augenscheinlich , daß ich über mid l selbst hinausgegangen bin, welches die Frucht unsres Umgangs ist; denn nur der vielmalige co n tinuirl ic he Ve rke hr m i t e iner, so ob jektiv mir entgegenstehenden, Natur, mein lebhaftes Hinstreben damadl und die vereinigte ß emillmng. sie anzuschauen und zu denken ko nnte mich fähig machen, meine subjecciven Grenzen soweit auseinander zu rucken. (Schiller 29: 183) Dies bekennt Schiller in einem Brief an Goethe vom 5. Januar 1798. Die vermeintliche Objektivität des Entgegenstehens zweier Naturen, der Op­ position des naiven gegenüber dem sentimenulisd .cn Dichtertypus, bilder ein zentrales Mo tiv der Erzählung. auch wenn der so genannte .. andere« nur zweimal skizzenhaft, als Negarivb ild z u Schiller, auftaucht. Die Schilderung des damit gemeinten Goethe, der sich in einer räumlichen wie kuns ttheo retische n E nt fe rnung z u Sc h ille r be findet , bes teht dementsprechend lediglich aus plakativer Andeutung: " Der andw~. der da rr, in Weimar, den er mit einer sehnsüchtIgen Feindschaft liebte. Der war weise. Der wuß te zu leben, zu schaffen; miß ha.ndelte sich rucht; war voUer Rücksich t gegen sich selbst [ .. y (Mann 8: 377). So paßt Mann auch ihn in das Konstrukt des Gegensarzes zwischen Nanu: Wld Leben einerseits und Geist und Kunst andererseits ein. lhm ko mmt d ie Ro lle des "Naiven« zu~ der in Kontrast zum leidend en T homas ManflS !ühu'm Slllflde 67 SentimentalischenCC leicht und unbeschwert schöpferisch rätig ist und das Leben und d ie Na tur schlechthin repräsentiert. Des we.iteren bestelll ein Umerschied in der Schaffensweise und der Art des Zlisrandekommens kreativer Prozesse, wie sch on Schiller selbst in einem weiteren Brief an Goethe vom 2. Januar 1798 erkannt :cu haben meint: " Ihre eigene Act und \'(leise zwischen Reflexio n und Proo uction ;w alternieren ist wirklich beneidens- und bcwundernswerth. 1 ... 1 Bei nUr vermischen Sich heide Wirklillgsarten und mcht sehr zum Vonheil der Sache« (Schiller 29: ISO). Die Ambiva1cnz von negativer Abgrenzung und Sehnsucht nach der leid ltcrcn Schaffensweise kann hier noch nicht zu elßer grC1 fbaren Syndlese geführt werden, da o ffensich tl ich zu diesem Zeitpwlkt noch keine eingehende ßeschaftigungmit Goethe erfolgt und scho n allein die Ahnwlg einer anderen möglichen E xistenz sclunerL.haft ist: .. Aber er fü hhe schon den Srad lel dieses unvermeidLdlen Gedankens in seinem I-Icr.tell, des G edankens an I.hll , deo anderen , den H ellen, Talseligen, Sinnlichen, G ö ulich-Unbewuß ten , an den dort) 10 Weimar, d en er mit cl1le r sehnsüchtigen Feindschaft liebte [ ... r (Mann 8: 382). Das IHer entworfene Bild der ,,göu lich-wlbewußten« Scha ffensweise entspricht der bis zu diesem Zeitpunkt gängigen Rezeption und ist durchaus in D eckung mit Goethes Selbstde finitio n und der Auffassung seiner Zeitgenossen. Mit diesem unre nektierten Hinweis auf den Antipoden Gocthe wird der eigentliche Konnikt T homas Manns deutlich. Die Entscheidung, welcher nun dez: wahre der bessere Künstler sei., kann traa der explIziten Iden tiftkation mit d~m sc.ntime.nralisdlencc Schiller zu keiner befri ed .genden Lösung gcbradll :'erden, da gleichzeitig eine schmer.lbafte Sehnsucht nach dem »anderen" empfunden wiLd. Zudem crsd lcin t die Existenz des "andez:en" als eine lnspiration und Herausforden Ulg für das eigene Schaffen, was die Frage nach einer Rarlgordnung der bciden Typcn zus2tzlich probiematisierL Die beiden Gegenpo le prallen hier schro ff au feinander und lassen nicht erahnen, daß Mann sehr viel später Riemer in I...oUl ÜI Weilt/ar analysieren lassen wird: "Denn das Schöpferische ist das trauuch gesd lwisterliche Element, das Geist und Kunst verbindet und wo rin sie eines sind" (Mann 2: 441 ). Wenngleich es noch einige Zeil dauern und erst "wah rschemi ich das Ergebnis reife r Ja hre" werd en soll le, "daß meine L.ebe lind meine Aufmerksa mkeit sich me hr und meh ~ auf ein weit glücklicheres und gesünderes Vorbild gerich tet haben" (zit. nach Hilscher 1-l9), wie T homas Mann spä ter Ul dem Aufsatz. It?haf J beliwt resümienc, smd IHer die 68 FoCltJ on Germao Studies nachfolgende Entwicklung und H imvendung zu Goethe, " mein lebhaftes Hinstreben darnach und die vereinigte Bemühung. sie anz uschauen und zu denken" sowie d ie Fähig keit, " meine subjektiven G renzen so weit auseinander zu rucken« in der Andeumng von dessen möglicher anderen künstlerischen EX"is lenzwOse bereits antizipiert Wie der rustorische Schiller sich CfSl durch ZlU'eden Goernes übernrinden kann, die Arbeit am lf70lkmltin fo rtzusetzen, überwindet auch Mann seine Schaffenskrise mit Hilfe inlcnsiver Beschäftigung mil Goethe, dessen "Tatseligkeit" in der Folgezeit Leitbildfunktion annimmt. Die Gestaltung des- S.hn,."t Stlllttk Schillers Isr also nidlt nur aussch ließ lich Bekenomis, sondern auch Instnunent zur Überwindung der eigenen. fndem er die F'ahigkeit beweisl, seLne ExistenzwetSe darzustellen, hat er sich von i1u: enunzip ierL Schon um das Jahr 19 10 oder 11 hc[UJTl hatte ich den Wunsch oder triumte den Traum. eine Goedle-Erzählung zu schreiben. und zwar schwebte mir eine Novelle vor. d ie Goethes letzte Liebcspassio n in Marienbad behandeln soll te. Ich hatte damals nicht den Mut. mich an die Darstellung des G wßen. mit der ungeheuren Pe~pektive seines Werkes heranzuwagen. und wie ich Ferdinand Lio n fur sem biographisches Büchlein anveruaute. verwa ndelte sich d lcses Vorhaben Ln die Novelle •• der Tod in Venedig". (zit. nach Hilschee 267) T homas Mann berich tete dies am 14. März 1951 in einem Brief an E berhard Hilscher. Es muß als em Akt bissiger Selbstironie gewertet werden, wenn er semem Proragorusten im Tod in l/elllthl. Gusrav von Aschenbach. genau jene Werke als ge lungen zusch re ib t , die ihm se lbe r in vorangegangenen langen Phasen der Unprc:xluktiv1tät nich t geilOgen wo ll ten: Der Autor der klaren und mächtigen Prosa-Epopöe vom Leben Friedrichs von Preußen; der geduldige Künstler, der in langem Fleiß den figurenreichen, so vielerleI Mensche nschicksal im Schatten einer Idee versammelnden Romameppich, "Maja" mit Namen, wob; der Schöpfer jener starken Erzählung, d ie .,Ein Elender« überschn eben ist und einer ganzen dankbaren Jugend T homas Manns SchlJ'll1 SllIlIde 69 d ie Möglichkeit sittlicher EntschlossenheIt jenseits der tiefs ten Erkenntnis zeigte; der Verfasser cndlich (und damit sind die \'(Ie[ke seiner Reifezell kurz beze ich lte t) der leiden sc haftl iche n Abhandlung .. Geis t und Kunst", deren o rdnende Kraft und antithetische Bered samkeit ernste Beurteiler ve rmochte, sie unmit telbar Ileben Sc1ullers Raisonnement über naive lind sentimentalische D id Hu ng zu stellen [ .. .]. ~brul 8: 565) Ocr Sarkasmus, der darm zum Ausdruck kommt, d aß die eigenen gescheiter ten. unvollendeten Projekte zu erfo lgreiche n, bedelucllden Werken der Reifezeit eines anderen umgedichtet werden, wird dadurch noch gesteigert, daß Aschenbach. obwohl er aus dem Leiden heraus ei.ne G röße erreicht hat, d ie derjemgen Sclullecs vergleichbar 1St, schließlich an einer tragi schen Leidenschaft zug runde ge h t. O cr Versuch, sich al s sentJUlem:allscher D ldtter auf eute Stufe neben Schillee zu stellen, wlfd also als von vornherein zum Sc.heitern vemrtcih erkannt und en tlarvt. Aud l wenn hiet noch einmal eine riickwärtsgewand te Aufarbearung der eigenen Krise dIe ko nstru kuve AuseInandersetzung rrut G~the e~etz l UIld aufschieb t, so begirult berClts in dieser Zeit eine Phase des mtenSIV<:.n, fruch tbaren Studiums des umfangreichen Werkes und der umfassenden Gedankenwelt Goethes. Diese Entwicklung findet ihren ersten produktiven Höhepunkt in dem Vortrag Got/be IIIIJ Toh/Ol, desse n erste scluiflliche Fassung 1921 verö ffentlicht wurde. Der alte, scheinbar UIlvecsölUlhche Gegensatz zwischen Goethe UIld Schiller, naw und sencimc nralisch, W1~d wenn nich t aufgehoben, SO doch nivellier t und auch nic ht mehr als völltg unvereinbar, sondern in fried lic.her Koexistenz miteinander konkurcierend begriffen: .. Aber wir wissen wo hl, daß niemand entscheidet, welche der beiden erhabenen Typen benlfen ist, zum höchstgcliebten Bilde vollendeter Humanität das Beste beIZUtragen«, konstatiert 1110mas Mann im Schlußsatz des Vo rtIags (9: 173). Der Dualismus, und somit auch di e Parteinahme für den sentimentalischen Schiller. wird also nielli aufgelöst oder fur nichtig e rk lärt, sond e rn ledIglICh d ie Subo rd ina tIo n de r elllen , e igenen Schaffensweise UIlter die andere als unangemessen UIld letztendlich der Versuch der Erstellung einer Rangordnung als icrelevarrt verdammt. In der Folgezclt entstehen zu den verschIed ensten M issen zahlreiche Reden und Aufsätze über Goelhe, die Im Sinne emer kritischen Ancig11lUlg dlc verschiede nen Facetten des Dichters untecsudlelt und darstellen . D ie dami t einhergehend e ß ewußtwerdung der eIgenen 70 FOCUJ on German 5rudies schriftstellensehen Qualitäten schafft die Überwindung der Krise lind er.teugt eine neue, der ironischen Selbstkritik fähige Siche.x:beit. So ist es auch als derbe Abrechnung mit der einstmaligen Fremddefinitio n zu verstehen, wenn Thomas Mann in LIlie in W,iflJOr Goe tbe dermaßen vernichtend über Schiller reflektieren läßt .. Mochte .cll ilm jemals? N ie. Mochte den Storchengang rucht, das Rötliche, die SommerSprossen, die kranken Backen, oidu den krummen Rücken, den verschnupften Haken d.er Nase. Aber die Augen vergeß ich nicht, solang ich lebe, die blau-tiefen, sanften und kühnen, die E rlöser-Augen [H']' Christus und Spelru1ant. War ich voller Mißtcaun !" (Man n 2: 621). Ungeachtet d ieses fingierten Mißtrauens haben ihn seine anP.i.ngliche Sympathie und sein H ang zur Identifikation mit Schiller jedoch nie ganz verlassen, was nicht zulerzt durch die Tatsache illustriert ist, daß seinen Vlr:J1lch iibtr 5chilkr der Untertit'd .. Seinem Andenken in Liebe gewidmet" ziert. Spiilt GtIlJlgtU/lng "Die Skizze, die den schon kranken Dichter in seinem Arbeitszimmer zu Jena in nächtlichem Ringen mit dem gewaltigen Stoff des WalluLSltin zeigt, ist mir persönlich auch immer lieb geblieben, und es freut mich, daß nach einem halben Jahrhlllldertder neue Gedenktag wieder die Aufrnerk.sa.mkeit darauf lenkt", schrieb ThonlaS t-.bnn in einem Brief an die üst-BecllllCC ZeitungSonn~anJäßlidl seiner Rede Ver::ruch jjber SchiUtrzum l SQ. Todestag des Dichters im Jahre 1955 (J'.{ann 3: 379). Daß eine Skizze~ die gleichfal ls den schon oder noch krisengeschürrelten Dichter in seinem Arbeitsz.immer ZU München in vormittäglichem Ringen mit dem gewaltigen Anspruch des dlduerischen Ruhms zeigt. ihm persönlich immer lieb geblieben is t, verwundert nidIt, zumal er im selben Jahr einen eigenes\ Gedenktag, nämlich seinen 80. Geburtstag, begeht. der die Au&nerksamkeit auf sein gesamtes dichterisches Schaffen lenken soUte. Diese späte Sympathiebekundung mit einem kleinen, vermeintlich unbedeutenden Frühwerk offenbart die Genugtuung eines fast 8Djähcigen, der angesichts seiner weltweiten Anerkennungen Lind Erfolge tie fe Z ufriedenheit darüber empflllde t, seine Schu,tTt SlJmde gemeistert. sein Leiden und sei.oe künstlerischen Sclbstzweifel, die er in der gleichnamigen Ea:zählung stilisiert dargestellt hat, überstanden zu haben. Trotz oder gerade wegen der damaligen ausgeprägten "Identifikation mit Schiller kann er selbstgenügsam feststellen, den cichtigeo Weg, närnlich den der Hinwendung Thomas Manns Schu'trt Stunde 71 au f das große gemein sam e Vorbild Goethe, eingeschlagen und d~e angestrebte "G-eöße" ta tsädllich erreicht zu haben: "Und ~er EhrgeiZ sprichl: Soll das Leiden umsonst gewesen sem? Groß muß es nuch machenl [ .. r (M:lnn 8: 381). . Klaus Mann gestand in seiner Autob iographie Der IVtntk~",tJa, daß er bereits im Alter von vierzehn JaJlren in sein Tagebuch geschneben hatte: "leh muß, muß, Jl/uß berülunl werden [.·r (K Mann, IjVtndtplI~d?J 86). Dieser Vorsatz kÖIUlte zumindest sinngemäß auch von seinem ungleICh berü h mteren Va[t~r s tammen, d er a lle rd ings, staU tn Form eIßes autobiographischen Bekenntnisses, seinen Anspruch literarisdl, a~ f die Figur Fciedridl Schillers projiziert lind i.n den Willen ZllI" Größe umgexhduet, gestaltet hat: "Und als es fertig war, siehe, da war es auch gut" (Mann 8 384) Ttdmischt UflilJmittil, Ber/i" Anmerkungen I Beleg dafür ist der bekannte Brief an Bruder Heinridl. worin es heißt, er habe geruht, sich "eine Verfassung zu geben". Z Der Begriff stammtt vonThomas Mann selbst und wurde erstmals In Bezug auf den Do/elor FollStui von Ihm angewandt. Freilich ist er proble~\.I~h, da die Übernahmen nicht als solche kenntlich gemacht SInd; eher noch bote sldl der Begriff "Zitat" an - oder, in Bezug auf die Verwendung von Vorbildern für die Gestalttmg von Figuren, "Portriit". Litetaltlrverzeichnis Hansen, Volkmar und Gen Heint:. llrsg. Frqge Mild Alltll"Orl. lll/~mell'f l1Iil ThomtJi Mallll 1909·1955. Hamburg: Albrecht Knaus, 1983. Hilscher, Eberhard. Thomas Mann. San um" ulld IVer.e. Berlin: Volk und \V!sscn, 1968. Mann, Klaus. Der IVenrkpunkt. Bill I...dJelllberirhl. Prankfurt: fischer, 1952. l\1ann. Thomas. Britje 1989·1955. 3 Bde Hrsg. Erika fI.-Iann. f r.U1kfun/r-.·lam: Fischer, 1961·1965. ___ . GmJlnmt!Jt Wtrkt. 12 Ne. Fr:mkfurt/ Mam: Fischer, 1960. Sandberg. Hans-Joachim. Tool1ltJi M.ulllll S,hilkr-SludülI. Eint qldkllhiuJ(!Je 72 Focus Oll German S tucb"es UllftTrt«bung. Osto: Universitiilsverlag, 1965. Schiller, Friednch. W(roU. Nanonalausgabe. ßde. 28 und 29. Weimar: I-Iermann Böhlaus Nachfolger, 1969-77. Schillers absolute E thik : Eine Deutung der Max und Thekla-Handlung Daniel Balestrini heklas Ausruf üherdas Schicksal "desSchönen auf der Erde« (\v.r. 4.12.3180)1 am Sch luß ihres le tzten Monologs zu verstehen, ist für das Begreifen von Friedrich Schillers Walleustcin-Trilogie als ei.ne DaJ:stel­ lung von fdealgestahen in einer rea litätsbezogenen Umgebung konstitutiv. Deml die Max und T hekla-Handlung, deeen Aussage dieser Ausruf zu­ sanunen faßt - weil Max' lUld Thekh s Handeln und Sterben gemäß ihrer absoluten Ethik \llescnsriige des Schönen in der Dramentnlogie slIId (Köhnke 112) -. bildet durch Max' und Theklas Idealistische Weltanschau­ ung und ihr sich daraus ergebendes Schicksal den Kontrast zur ansonsten realitatsbezogenen2 Charakterdar:stcllung im Drama (Reinhatdt 399). So­ mit stell t die Trilogie nicht bloß "schlicht nachahmende Kunst" (Düsing, .,Die Aneignung« 12) dar, gegen welche Schiller sich wen del.' Um Theklas Ausn lf LInd damit diese Auslegung der Trilogie nachzuvollziehen, muß man die Ethik von - in erster Linie - Max Piccolomini und - in zwclIer Linie - Thekla verstehen.· Für M v; lUld Thekla bedeutet .,das Los des Schönen auf der Erde" sowohl das auf einander Verzichten als auch das sich für den Tod Entscheiden um einer abso luten E thik wiHen.s Diese Bchauprung läßt sich sowo hl lind hauprsächlich wcrkimm.,'tncilt anhand der MOl:< lU1d T hekla-I-Iandlung als auch mittels Schillers Ober die iistheliJthe Erziehllng tk.J Me1Uchm in tlmr lVihe von Briifm nachvollziehen. Eine werkimmanente Un tersuchung des Stückes erweist sich als geeignet für eine D eurung. welche die Tdealgestalten Max und Thekla in den VordergrWld stellt, weil sie die Unabhängtgkcit des Kunstwerks Sdlll­ lers von der Realität respektiere. E ine Analyse des Dramas im J-l inblick auf jedweden sozial-politisd len Aspekt krulO d mchall5 Lttercs"'a ntes über Schil ­ ler se1bsl und die damalige und heutige Gesellschaft zu Tage bringen, doch wird dadurch das Drama in den Hintergrund gedrängt, indem E[keonffiIS­ se über das Kunstwerk selbs t eher nun Zwecke eines Anliegens außcrhalb des Dramas vorgestell t werden. leh bin der Ansicht, daß diese auf dem Vo[handensem von fdealgestah en bewhende Deutung sich auf zweierlei