86 Focus on German Studies Loup, Kurt. Schtinheit u71d Freiheit: Friedrich Schiller Il71d das Diimldorjer S cbauspielhaus Dumont-Lindema7171. Dusseldorf: Stern, 1959. Mann, MichaeL "Zur Charaktero logie in Schillers Wallenstein". EirphOri071: Zeitschrijiflir Literaturgeschichte 63 (1969) : 329-39. Petsch, Robert. Freiheit u71d Notwendigkeit in Schillerr Dranle71. G oethe- und SchillerstucUen 1. MUnchen: c.H. Beck, 1905. 140-208. Pieper, Heike. S chillm Projekt eints ,meJIschlichen Mensehen ': Eine Interpretation der Briefe iiber die listhetische Erziehung des MeJlschen von Friedn'ch Schiller. Lage: Jacobs, 1997. Reinhardt, Hartmut. "Wallenstein". Schtller-Handbuch. Hg. Helmut Koopmann_ Stuttgart: A. Kroner, 1998. 395-414. Reske, Hans-Friedrich. "Apotheose". Metzler-Literatur-Lexik on: Begriffe ufld Definitionen. Hg. Gunther und Irmgard Schweikle. Stuttgart Metzler, 1990. Rothmann, Kurt. Erlduterunge71 l171d Dokume71te: Friedrich Schiller: Wallens tein. Stuttgart: Reclam, 1999. Sautermeister, Gert. "Schiller: Wallenstein". Kindiers Neues Literaturlexikon. Hg. Walter Jens. Munchen: Kindler, 1991 . 14:950- 53. Storz, Gerhard. " Zum Verstandnis des Werkes". Friedrich Schiller. Wallenstezns Lager: Die PiccohlJlini: Walle71steins Tod: Dokumente. Rowohlts K1assiker der Literatur und der Wissenschaft 84/85; Deutsche Literatur 7. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1967. Wahrig, Gerhard. Deutsches Warter-buch. Gutersloh 1997. Weimar, Klaus. "Die Begriindung der Normalitit. Zu Schillers Wallenstein." Zeitschriflfiir deutsche Phihlogie 109 (1990 Sonderheft) : 99-116. Wieder die Alte? Claire Dubois zwischen Illusion und Wirklichkeie Sabine Sievern Sieh dich um bei deinen Berufsgenossinnen - wie viele von ihnen haben ein dem deinen mehr oder minder ahnliches Schicksal rucht gehabt? Wie viele haben ein schlimroeres erfahren?2 O n ihrer Novelle "Wieder die Alte" (1886) zeichnet Marie von Ebner­ Eschenbach das Gesellschaftsbild einer Wiener Vorstadt und das Schick sal einer aspirierenden Hauslehrerin des 19. Jahrhunderts. Die aus dem Adel stammende Ebner-Eschenbach, die von Toegel als "feinfuhlige Beobachterin der Menschen" bezeichnet wird (Mane, 59), verarbeitet in der Darstellung insbesondere ihre Einsicht in die Oberschicht, an der sie in ihren Werken, wie auch in diesem Fall, oftmals Kritik atillert. Diese Verarbeitung von Beobachtungen zeigt sich in "Wieder die Alte," in der die Welt der Oberschicht, das heiBt der wohlhabenden Aristokratic und dem wohlhabenden Grof3burgertum, mit der der Unterschicht, das heillt dem Bfugertum, kontrastiert und die damalige gesellschafthche Situation mit klaren StandesWlterschieden dargestellt wird.3 Bei nwerer Betrachtung Usst sich feststellen, dass das Leben in der Oberschicht gekennzeichnet ist durch Illusion und Realitatsfeme, ruer am Beispiel der Familie Meiberg und Arnold Bretfelds, wahrend in der Unterscrucht eine durch Existenzangst hervorgerufene Realitatsnahe Wld Bodenstandigkeit vorherrscht, fur welche hier exemplarisch die verarmte, ad elige Baronin Karoline Reich steht In dieser Konstellation der Charaktere nimmt die Hauslehrerin Claire Dubois, die E bner-Eschenbach in den Mittelpunkt der Handlung positioniert, eine Sonderstellung em. Als Tochter eines franzosischen Tanzmeisterpaares Wld somit Mitglied der Unterschicht verkehrt sie auf Grund ihrer Arbeit als Hauslehrenn mit der Oberschicht Wld bewegt sicll, wie Brokoph-Mauch es ausdruckt, "in zwei Welten [ . .. ] der eigenen armseligen, muhevollen und der fremden, luxuriosen" (66). 86 Focus on German Studies Loup, Kurt. Schäl/beit u7Id Freiheit: Friedrich S cbiller lI7Id das DiiJselMrjer S cbauspielhaus Dumont·Lilldema7ln. Düsseldorf: Stern, 1959. Mann, Michael. "Zur Charakterologie in Schillers Wallenstein". brphorio7l: Zeitschrift fiir Literaturgeschichte 63 (1969) : 329-39. Petsch, Robert. Freiheit u7ld Notwendigkeit in Schillerr Drame7l. G oethe- und Schillerstudien 1. München: CH. Beck, 1905. 140-208. Pieper, Heike. S chillm Projekt eines ,menschlichen Menschen ': Eine interpretation der Bnefe über die asthetische Erziehung des MeJ/schen von Friedn'ch Schiller. Lage: Jacobs, 1997. Reinhardt, Hartrnut. "Wallenstein". Schiller-Handbuch. Hg. Helmut Koopmann. Stuttgart: A. Kröner, 1998. 39S-414. Reske, Hans-Friedrich. "Apotheose". Metzler-Literatur-Lexikon: Begriffe und Definitionen. Hg. Günther und Irmgard Schweikle. Stuttgart Metzler, 1990. Rothmann, Kurt. Erläuterungen Imd Dokumente: Friedrich Schiller: WaJlenstein. Stuttgart: Reclarrl, 1999. Sautermeister, Gert. "Schiller: Wallenstein". Kindlers Neues Literaturlexikon. Hg. Walter Jens. München: Kindler, 1991 . 14:950- 53. Storz, Gerhard. "Zum Verständnis des Werkes". Friedrich Schiller. Wallel1steins Lager: Die Piccohmini: Wallensteins Tod' Dokumente. Rowohlts Klassiker der Literatur und der Wissenschaft 84/85; Deutsche Literatur 7. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1967. Wahrig, Gerhard. Deutsches Wörterbuch. Gütersloh 1997. Weimar, Klaus. "Die Begründung der Normalität. Zu Schillers WaJlenstein." Zeitschrift für deutsche Phihlogie 109 (1990 Sonderheft) : 99-116. Wieder die Alte? Claire Dübois zwischen Illusion und Wirklichkeit1 Sabine Sievern Sieh dich um bei deinen Berufsgenossinnen - wie viele von ihnen haben ein dem deinen mehr oder minder ähnliches Schicksal nicht gehabt? Wie viele haben ein schlimmeres erfahren?2 O n ihrer Novelle "Wieder die Alte" (1886) zeichnet Marie von Ebner­ Eschenbach das Gesellschaftsbild einer Wiener Vorstadt und das Schicksal einer aspirierenden Hauslehrerin des 19. JahrhlU1derts. Die aus dem Adel stammende Ebner-Eschenbach, die von Toegel als "feinfühlige Beobachterin der Menschen" bezeichnet wird (Marie, 59), verarbeitet in der Darstellung insbesondere ihre Einsicht in die Oberschicht, an der sie in ihren Werken, wie auch in diesem Fall, oftmals Kritik äußert:. Diese Verarbeitung von Beobachtungen zeigt sich in "Wieder die Alte," in der die Welt der Oberschicht, das heißt der wohlhabenden Aristokratie und dem wohlhabenden Großbürgertum, mit der der Unterschicht, das heißt dem Bürgertum, kontrastiert und die damalige gesellschaftliche Situation mit klaren Standesunterschieden dargestellt wird.3 Bei näherer Betrachtung lässt sich feststellen, dass das Leben in der Oberschicht gekennzeichnet ist durch Illusion und Realitätsfeme, hier am Beispiel der Familie Meiberg und Arnold Bretfelds, während in der Unterschicht eine durch Existenzangst hervorgerufene Realitätsnähe und Bodenständigkeit vorherrscht, für welche hier exemplarisch die verarmte, adelige Baronin Karoline Reich steht In dieser Konstellation der Charaktere nimmt die Hauslehrerin Claire Dübois, die E bner-Eschenbach in den Mittelpunkt der Handlung positioniert, eine Sonderstellung ein. Als Tochter eines französischen Tanzmeisterpaares und somit Mitglied der Unterschicht verkehrt sie auf Grund ihrer Arbeit als Hauslehrerin mit der Oberschicht und bewegt sich, wie Brokoph-Mauch es ausdrückt, "in zwei Welten [ ... ] der eigenen armseligen, mühevollen und der fremden, luxuriösen" (66). 88 89 Focus on German Studies 1m Kontakt mit der fremden, Im.'Uriosen Welt passt sich Claire den Anforderungen jener Gese11schaftsschicht an und legt wwend der Ausubung des Berufes nicht w wahres Sein und w wahres Emptinden an den Tag Claires a11tagliche, berufliche Realitat ist demzufolge durch Schein gekennzeichnet 1m Gegensatz dazu tritt ihr wahres Sein in den von Illu­ sion bestimmten Situationen im privaten Bereich in den Vordergrund. In diesem Aufsatz so11 zunachst die Darste11ung VDn Illusion und Realitatsfeme am Beispiel der Oberschicht erlautert werden. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf Arnold Bretfeld und die Familie Meiberg gelegt. Der Gegenpol zu dieser Illusion, das hellit die Realitatsnahe der Unterschicht, hier am Beispiel der Baronin Reich, ist daran anschlie13end Gegenstand der Untersuchung. Claire steht zwischen diesen beiden entgegengesetzen Polen. Zum Schluss so11 aus diesem Grund die Invertierung von Sein und Schein in Bezug auf die Entwicklung Claires, ihre Stelllmg zwischen Unter- und Oberschicht sowie we Position zwischen Illusion und Wirklichkeit naher untersucht werden. In wem Verhalten lasst sich hierbei eine deutliche Dichotomie zwischen der privaten und der beruflichen Ebene erkennen, die 1m Verlauf der Arbeit hervorgehoben werden so11. Claire Dubois, die in armlichen Verhaltnissen bei wer Ziehmutter, der verarmten und verstoi3enen Baronin Karoline Reich, und deren Ehernann wohnt, lernt 1m Hause wes Arbeitgebers, der Grafenfamilie Meiberg, den Musiklehrer Arnold Bretfeld kennen. Als Sohn aus einer reichen Kaufmannsfamilie gibt Arnold, im Gegensatz zu Claire, nicht zwecks des Broterwerbs Unterricht, sondern aus Gefalligkeit. Die Annaherung Claires und Arnolds hat Heiratsabsichten zur Folge, die von seiner Familie nicht gebilligt werden. Arnold lost die ,Verlobung' mit Claire und beide kehren ganzlich in we eigenen Welten zuruck. Der Darste11ung des Familienlebens der Meibergs liegen Ebner­ Eschnenbachs Erfahrungen mit wer eigenen Familie zu Grunde. So ahnelt Graf Meiberg, der als "stattlich und verdriei3lich" beschrieben wird und der sich uber die fehlende "Heiterkeit" beim nachmittaglichen Familientreffen der Meibergs bei Claire beklagt (228), Ebner-Eschenbachs eigenem Vater (Klostermaier 49). Klostermaier bescrueibt das Familienleben wahrend der Kindheit Ebner-Eschenbachs wie folgt: "Count Dubsky's ill humor was known and even proverbial in his circles [ .. 1 When family members were all together they often felt bored; serious tnterests were missing, everyone was afraid of making a remark which might arouse the count's wrath" (49)~ Die Verdrief3lichkeit und die fehlende Heiterkeit der Wieder die Alte? in der Novelle die Aristokratie reprasentierenden Familie Meiberg sind der Grafm Meiberg bewusst und sie hegt die Hoffnung, durch die Anstellung Claires diesen Umstand andem zu konnen. Zur Verkilizung der tristen Nachmittagsstunden engagiert sie aus dies em G rund Claire, Wle zu jener Zeit ublich, als "Gesellschafterin fur den Nachmittag" (229). Das Aufrechterhalten des Trugbildes der zufriedenen und heiteren Familie nach auGen ist infolgedessen gleichzusetzen rnit der Aufrechterhaltung eines Scheins. Dadurch drockt Ebner-Eschenbach we Kritik an der Oberschicht aus, der sie die Tiefe abspricht, die in dec bfugerlichen Welt vorhanden ist. E bendiese Kritik wird zudem noch durch die Ignoranz der Grifin Meiberg verdeutlicht, da diese sich keinerlei Vorstellung von dem Leben auf3erhalb ihres ,Glaskastens' macht. So fragt sie Claire: "Drei Lektionenl Warum plagen Sie sich so sehr? 1st derm das notwendig?" (225). Die Adelige lebt in der Illusion, dass schon durch weniger als drei Lektionen der Lebensunterhalt bestritten werden kann und unterschatzt hierin die Schwierigkeit fur we Angestellten, das Lebensnotwendige zu erwerben. Sie verlangt von Claire, statt diese zu bitten, ihre generell am Nachmittag stattfindenden Stunden auf den Vormittag zu verlegen ader sie ganz abzusagen, ohne sich iiber die moglichen Konsequenzen fur Claire oder die von w zu bringenden Opfer Gedanken zu machen. D ass sie mit ihrem Verhalten moglicherweise Claires Existenz aufs Spiel setzt, falls diese zu keiner giitigen Einigurlg mit den Familien kommen kann, steht fur sie nicht zur Debatte. Grof3ziigig fugt die Grafm noch hinzu, und hier zeigt sich der ironische Unterton Ebner-Eschenbachs in der Kritik der Oberschicht ,,!eh verlange ja kein Opfer; miissen Opfer gebracht werden, versteht es sich von selbst, daG ich sie bringen werde [... ]. Nicht nur entsagen - so im grof3en [ ... ] auch im kleinen muG man sich etwas versagen konnen" (226). Die Gratin selbst erkennt den Hohn dieser Aussage nicht, doch in Claires Situation ist er unverkennbar. 4 Gleichzeitig tritt hier deutlich das Unverstandnis der Aristokratin zu Tage. Die Aufgabe der Stunden, die sie durch diese Aussage indirekt als "kle:ine Opfer" bezeichnet, sind fur Claire tatsachlich "groi3e Opfer." Zudem ist es in keinster Weise die Grafm, die Opfer bringt. Zu Beginn des Gesprachs der beiden Frauen zeigt sich abermals die Verblendung der Gcifin, die ein Mitglied der Unterschicht als Arroganz und Verniedlichung des harten Alltags empftndet. Gegeniiber Claire beschwert sie sich, welche Zugestandnisse ihr das Leben abverlangt, woraufhin Claire "nicht ohne Vorbehalt" entgegnet: "Es ist mitunter 88 Focm on Germ an Studies Im Kontakt mit der fremden, Im,'Uriösen Welt passt sich Claire den Anforderungen jener Gesellschaftsschicht an und legt während der Ausübung des Berufes nicht ihr wahres Sein und ihr wahres Empfinden an den Tag Claires alltägliche, berufliche Realität ist demzufolge durch Schein gekennzeichnet Im Gegensatz dazu tritt ihr wahres Sein in den von Illu­ sion bestimmten Situationen im privaten Bereich in den Vordergrund. In diesem Aufsatz soll zunächst die Darstellung VDn Illusion und Realitätsferne am Beispiel der Oberschicht erläutert werden. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf Amold Bretfeld und die Familie Meiberg gelegt. Der Gegenpol zu dieser Illusion, das heißt die Realitätsnähe der Unterschicht, hier am Beispiel der Baronin Reich, ist daran anschließend Gegenstand der Untersuchung. Claire steht zwischen diesen beiden entgegengesetzen Polen. Zum Schluss soll aus diesem Grund die Invertierung von Sein und Schein in Bezug auf die Entwicklung Claires, ihre Stelllmg zwischen Unter- und Oberschicht sowie ihre Position zwischen Illusion und Wirklichkeit näher untersucht werden. In ihrem Verhalten lässt sich hierbei eine deutliche Dichotomie zwischen der privaten und der beruflichen Ebene erkennen, die im Verlauf der Arbeit hervorgehoben werden soll. Claire Dübois, die in ärmlichen Verhältnissen bei ihrer Ziehmutter, der verarmten und verstoßenen Baronin Karoline Reich, und deren Ehemann wohnt, lernt im Hause ihres Arbeitgebers, der Grafenfamilie Meiberg, den Musiklehrer Amold Bretfeld kennen. Als Sohn aus einer reichen Kaufmannsfamilie gibt Arnold, im Gegensatz zu Claire, nicht zwecks des Broterwerbs Unterricht, sondern aus Gefälligkeit. Die Annäherung Claires und Amolds hat Heiratsabsichten zur Folge, die von seiner Familie nicht gebilligt werden. Arnold löst die ,Verlobung' mit Claire und beide kehren gänzlich in ihre eigenen Welten zurück. Der Darstellung des Familienlebens der Meibergs liegen Ebner­ Eschnenbachs Erfahrungen mit ihrer eigenen Familie zu Grunde. So ähnelt Graf Meiberg, der als "stattlich und verdrießlich" beschrieben wird und der sich über die fehlende "Heiterkeit" beim nachmittäglichen Familientreffen der Meibergs bei Claire beklagt (228), Ebner-Eschenbachs eigenem Vater (Klostermaier 49). Klostermaier beschreibt das Familienleben während der Kindheit Ebner-Eschenbachs wie folgt: "Count Dubsky's ill humor was known and even proverbial in his circles [,.1 When family members were all together they often felt bored; serious tnterests were missing, everyone was afraid of making aremark which might arouse the count's wrath" (49)~ Die Verdrießlichkeit und die fehlende Heiterkeit der Wieder die Alte? 89 in der Novelle die Aristokratie repräsentierenden Familie Meiberg sind der Gräfm Meiberg bewusst und sie hegt die Hoffnung, durch die Anstellung Claires diesen Umstand ändern zu können, Zur Verkürzung der tristen Nachmittagsstunden engagiert sie aus diesem G rund Claire, Wie zu jener Zeit üblich als Gesellschafterin für den Nachmittag" (229), Das , . " Aufrechterhalten des Trugbildes der zufriedenen und heiteren Familie nach außen ist infolgedessen gleichzusetzen rnit der Aufrechterhaltung eines Scheins. Dadurch druckt Ebner-Eschenbach ihre Kritik an der Oberschicht aus, der si.e die T iefe abspricht, die in der bürgerlichen Welt vorhanden ist. E bendiese Kritik wird zudem noch durch die Ignoranz der Gräfin Meiberg verdeutlicht, da diese sich keinerlei Vorstellung von dem Leben außerhalb ihres ,Glaskastens' macht. So fragt sie Claire: "Drei Lektionen! Warum plagen Sie sich so sehr? Ist denn das notwendig?" (225). Die Adelige lebt in der Illusion, dass schon durch weniger als drei Lektionen der Lebensunterhalt bestritten werden kann und unterschätzt hierin die Schwierigkeit für ihre Angestellten, das Lebensnotwendige zu erwerben. Sie verlangt von Claire, statt diese zu bitten, ihre generell am Nachmittag stattfindenden Stunden auf den Vormittag zu verlegen oder sie ganz abzusagen, ohne sich über die möglichen Konsequenzen für Claire oder die von ihr zu bringenden Opfer Gedanken zu machen. D ass sie mit ihrem Verhalten möglicherweise Claires Existenz aufs Spiel setzt, falls diese zu keiner gütigen Einigurlg mit den Familien kommen kann, steht für sie nicht zur Debatte. Großzügig fügt die Gräfm noch hinzu, und hier zeigt sich der ironische Unterton Ebner-Eschenbachs in der Kritik der Oberschicht "Ich verlange ja kein Opfer; müssen Opfer gebracht werden, versteht es sich von selbst, daß ich sie bringen werde [ ... ]. Nicht nur entsagen - so im großen [ ... ] auch im kleinen muß man sich etwas versagen können" (226), Die Gräfin selbst erkennt den Hohn dieser Aussage nicht, doch in Claires Situation ist er unverkennbar. 4 Gleichzeitig tritt hier deutlich das Unverständnis der Aristokratin zu Tage. Die Aufgabe der Stunden, die sie durch diese Aussage indirekt als "kleine Opfer" bezeichnet, sind für Claire tatsächlich "große Opfer." Zudem ist es in keinster Weise die Gräfm, die Op fer bringt, Zu Beginn des Gesprächs der beiden Frauen zeigt sich abermals die Verblendung der Gräfin, die ein Mitglied der Unterschicht als Arroganz und Verniedlichung des harten Alltags empftndet. Gegenüber Claire beschwert sie sich, welche Zugeständnisse ihr das Leben abverlangt, woraufhin Claire "nicht ohne Vorbehalt" entgegnet: "Es ist mitunter 90 91 FortiS on German Studies schwer" (224). Die Antwort der Grafin - "Mogen Sie es rue erfahren" (224) - unterstreicht ihre Ignoranz gegenuber ihren Mindergestellten. Dabei ist das Leben ciner Hauslehrerin gezeichnet durch eine "konstante Belastung der Frustration und Unzufriedenheit," und Un Allgemeinen fuhrte diese "lebenslange Arbei.t zu einem verarmten Altersdasei.n" (Anderson und Zinsser 193-94). OffensichtLch vollzieht sich das Leben der GrafIn fernab der Realitat, die das Leben des unteren Standes bestimmt. Arnold Bretfeld lebt ebenfalls in einer Traurnwelt. Von sich selbst behauptet er zwar, die Situation einschatzen zu konnen, allerdings verkennt er dabei die finanzielle Abhingigkeit von seiner Familie, de! er ausgesetzt ist. 1m Gesprach mit Karoline Reich gibt er zu, dass seine Familie Claire rucht ohne Wei teres akzeptieren wird, aber seine "Familie ist gewohnt, mich [d.h. Arnold] meine eigenen Wege gehen zu sehen" (216). Diese Einschatzung seiner Familie erweist sich als unrealistisch, delm seine Bruder erklaren, class "Fraulein DUbois ihre Schwelle" ruemals uberschreiten werde und dass es " [nJicht einmal einen Tag lang" heillen solle "die Familie erwage, fasse das Undenkbare als eine Moghchkeit ins Auge" (249). Das Oberhaupt der Familie, der alte Onkel Arnolds, fugt hinzu: ,,[N]un denn, so muE ich dich enterben [ ...J Bretfeldsches Geld darf rucht auf Tanzmeisterkinder ubergehen" (250). Demzufolge wa.ce Arnold praktisch mittellos, sollte er sich gegen den Willen seiner Verwandten fur eine Heirat mit Claire entscheiden. Da er Un Grunde "lebensunruchtig" ist (Brokoph-Mauch 65), stellt ein Veaicht auf die fUlanzielle Untersrutzung seiner Familie rucht wirklich eine Alternative dar. Das volle AusmaB seiner Handlung ist ihm jedoch zu diesem Zeitpunkt noch rucht bewusst. Nicht nur in der Beziehung zu seiner Famihe ist seine illusionare Vorstellung zu erkennen. Diese zeigt sich ebenfalls im Umgang mit Claire Dubois. Obwohl er es eigentLch besser wissen sollte, glaubt er, Claire bleibe abends so lang bei den Familien ihrer Zoglinge, weil diese sie als eine der ihren erachten. Falschlicherwei.se sagt er zu ihr: "Sie unterhalten sich gewill sehr gut in den Gesellschaften bei ihren Freund en" (200). Claires Korrektur folgt zugleich: "Meinen Freunden? - meinen Gonnern, wollen Sie sagen" (200). Claire ist sich daruber Un Klaren, dass eine Einladung zu den Soireen nur erfolgt, falls jemand gebraucht wird, und "solange Claire Un Salon verweilte, wurde sie von allen Anwesenden wie eine der Ihren behandelt, etwas hoflicher, etwas zuvorkommender h6chstens. Dber die Schwelle des Salons jedoch reichte die Gastfreundschaft [ . ..J nicht" (198). Anderson und Zinsser beschreiben diese Position zutreffend als eine Wieder die Alte? "unbestimmte - irgendwo zwischen Dienerin und Dame" (193). Arnold verkennt demnach die Rolle, die Claire selbst bis in den spaten Abend zu spielen hat. Auch die romantische Beziehung zu Claire sieht Arnold verklart. Er glaubt, aus Liebe zu Claire Zll handeln und halt diese Liebe fur aufrichtig, denn er sagt zum Beispiel "meine Liebe zu Ihnen" (241). Zudem "meinte er wirklich, es sei ilun so bang und glucksehg zumute wie rue zuvor in seinem Leben" (205), als er Claire das erste Mal besucht. Doch schon der Gebrauch des Konjunktivs offenbalut die Illusion der Aussage Immer wieder ist die Motivation dieser Liebe durch andere E infliisse evident, so dass es fragwiirdig ist, ob es sich tatsachlich urn aufrichtige Liebe w1d rucht nur ein Spiel, in dem er "Macht uber die Gehebte" ausubt (223), handelt. Brokoph-Mauch schreibt dazu, dass Ebner-Eschenbach "einem Mann wie Bretfeld die wahre Liebe zu einem armen Madchen gar nicht zutraut" (66). Schon zu Beginn betrachtet Arnold Claire "voll des Mitleids" und will ihr Beschiitzer werden (203). Nachdem er erkannt hat, dass sie rucht mehr die Jiingste und ilir Gesicht von I.-eiden gezeichriet ist, ergreift ilill ein "feu.ciges Mideid" (205). Des Weiteren denkt er sich an einer Stelle: "Ich hebe deine Anmut, deinen Geist, ich hebe deine Seele und will sie fortan beschutzen und bewahren von jeder raul1en Beruhrung" (211) Obgleich die Geschlechterverhaltnisse Un 19. Jahrhundert hier ebenfalls cine Rolle spielen, dass n3.mlich der Mann als das Oberhaupt und Beschiitzer der Familie fungiert,5 muss man sich fragen, ob Arnold Claire als Person hebt oder ob in ilim rucht ei11fach nw: der Beschiitzerinstinkt erwacht ist und ilim der Gedanke der Barmherz-igkeit gege11iiber einem Mitghed der U nterschicht gefallt. Ganz deutlich wird dies nach dem ersten Zusanill1entreffen mit der Baronin, nach dem er sich eingesteht: Erbarmen mit Claire - ja, ja, sie hatte recht gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht h6ren wollte - , Erbarmen war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrofierte und vertiefte dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte Hingebung. Der glanzende und gefeierte Mann faBte den EntschluE, einem armen, schwa chen, kamp fel1den \\fesen sein Leben zu w~ihen, ihm Schutz und Schirm und fursorgliche Vorsehung zu werden. (214) Wenig spater wird seine Liebe noch durch "Trotz" (219) gegeniiber der 90 Focus on German Studies schwer" (224). Die Antwort der Gräfin - "Mögen Sie es nie erfahren" (224) - unterstreicht ihre Ignoranz gegenüber ihren Mindergestellten. Dabei ist das Leben einer Hauslehrenn gezeichnet durch eine "konstante Belastung der Frustration und Unzufriedenheit," und im Allgemeinen führte diese "lebenslange Arbeit zu einem verarmten Altersdasein" (Anderson und Zinsser 193-94). OffensichtLch vollzieht sich das Leben der Gräfin fernab der Realität, die das Leben des unteren Standes bestimmt. Arnold Bretfeld lebt ebenfalls in einer Traumwelt. Von sich selbst behauptet er zwar, die Situation einschätzen zu können, allerdings verkennt er dabei die finanzielle Abhängigkeit von seiner Familie, der er ausgesetzt ist. Im Gespräch mit Karoline Reich gibt er zu, dass seine Familie Claire nicht ohne Weiteres akzeptieren wird, aber seine "Familie ist gewöhnt, mich [d.h. Arnold] meine eigenen Wege gehen zu sehen" (216). Diese Einschätzung seiner Familie erweist sich als lUlfealistisch, denn seine Brüder erklären, dass "Fräulein Dübois ihre Schwelle" niemals überschreiten werde und dass es ,,[n]icht einmal einen Tag lang" heißen solle "die Familie erwäge, fasse das Undenkbare als eine Möglichkeit ins Auge" (249). Das Oberhaupt der Farilllie, der alte Onkel Arnolds, fügt hinzu: ,,[N]un denn, so muß ich dich enterben [ ... ] Bretfeldsches Geld darf nicht auf Tanzmeisterkinder übergehen" (250). Demzufolge wäre Arnold praktisch mittellos, sollte er sich gegen den Willen seiner Verwandten für eine Heirat mit Clai.ce entscheiden. Da er im Grunde "lebensuntüchtig" ist (Brokoph-Mauch 65), stellt ein Veaicht auf die f1illUlZielie Unterstützung seiner Familie nicht wirklich eine Alternative dar. Das volle Ausmaß seiner Handlung ist ihm jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Nicht nur in der Beziehung zu seiner Familie ist seine illusionäre Vorstellung zu erkennen. Diese zeigt sich ebenfalls im Umgang mit Claire Dübois. Obwohl er es eigentLch besser wissen sollte, glaubt er, Clai.ce bleibe abends so lang bei den Familien ihrer Zöglinge, weil diese sie als eine der ihren erachten. Fälschlicherweise sagt er zu ihr: "Sie unterhalten sich gewiß sehr gut in den Gesellschaften bei ihren Freunden" (200). Claires Korrektur folgt zugleich: "Meinen Freunden? - meinen Gönnern, wollen Sie sagen" (200). Claire ist sich darüber im Klaren, dass eine Einladung zu den Soireen nur erfolgt, falls jemand gebraucht wird, und "solange Claire im Salon verweilte, wurde sie von allen Anwesenden wie eine der Ihren behandelt, etwas höflicher, etwas zuvorkommender höchstens. Über die Schwelle des Salons jedoch reichte die Gastfreundschaft [ . .. ] nicht" (198) . Anderson und Zinsser beschreiben diese Position zutreffend als eine Wieder die Alte? 91 "unbestimmte - i.cgendwo zwischen Dienenn und Dame" (193). Arnold verkennt demnach die Rolle, die Claire selbst bis in den späten Abend zu spielen hat. Auch die romantische Beziehung zu Claire sieht Arnold verklärt. E r glaubt, aus Liebe zu Claire zu handeln und hält diese Liebe fü.c aufrichtig, denn er sagt zum Beispiel "meine Liebe zu Ihnen" (241). Zudem "meinte er wirklich, es sei ihm so bang und glückselig zumute wie nie zuvor in seinem Leben" (205), als er Clai.ce das erste Mal besucht. Doch schon der Gebrauch des Konjunktivs offenbahrt die Illusion der Aussage. Immer wieder ist die Motivation dieser Liebe durch andere E inflüsse evident, so dass es fragwürdig ist, ob es sich tatsächlich um aufrichtige Liebe w1d nicht nur ein Spiel, in dem er "Macht über die Geliebte" ausübt (223), handelt. Brokoph-Mauch schreibt dazu, dass Ebner-Eschenbach "einem Mann wie Bretfeld die wahre Liebe zu einem armen Mädchen gar nicht zutraut" (66). Schon zu Beginn betrachtet Arnold Claire "voll des Mitleids" und will ihr Beschützer werden (203). Nachdem er erkannt hat, dass sie nicht mehr die Jüngste und ilir Gesicht von Leiden gezeichnet ist, ergreift ilm ein "feuriges Mitleid" (205). Des Weiteren denkt er sich an einer Stelle: "Ich liebe deine AnmUt, deinen Geist, ich liebe deine Seele und will sie fortan beschützen und bewahren von jeder raul1en Berührung" (211) Obgleich die Geschlechterverhältnisse im 19. Jahrhundert hier ebenfalls eine Rolle spielen, dass nämlich der Mann als das Oberhaupt und Beschützer der Familie fw1giert,S muss man sich fragen, ob Arnold Claire als Person liebt oder ob in ilim nicht einfach nur der Beschützerinstinkt erwacht ist und ilim der Gedanke der Barmherzigkeit gegenüber einem Mitglied der Unterschicht gefällt . Ganz deutlich wird dies nach dem ersten ZusanUl1entreffen mit der Baronin, nach dem er sich eingesteht: Erbarmen mit Claire - Ja, ja, sie hatte recht gehabt, obwohl er es aus ihrem Munde nicht hören wollte - , Erbarmen war hinzugetreten zu seiner Liebe zu ihr, vergrößerte und vertiefte dieselbe und verwandelte allen Egoismus der Leidenschaft in begeisterte Hingebung. Der glänzende und gefeierte Mann faßte den Entschluß, einem armen, schwachen, kämpfenden \\fesen sein Leben zu w~lhen, ihm Schutz und Schirm un.d fürsorgliche Vorsehung zu werden. (214) Wenig später wird seine Liebe noch durch "Trotz" (219) gegenüber der http:Falschlicherwei.se 92 93 Focus on German Studies Barorlln Karoline Reich motiviert, die Arnold Bretfeld von Anfang an durchschaut und die eine Verbindung der beiden kategorisch ablehnt. Bis ganz zum Schluss macht Arnold sich jedoch etwas vor, sieht sich als "Samariter" (Brokoph-Mauch 65) und glaubt an seine Liebe zu Claire, ist also verblendet gegenuber der Realitat. Tanzer jedoch erkennt die Fassade Arnold Bretfelds und schreibt uber ihn, dass er Mitleid "mit Liebe verwechselt" (175). Brokoph-Mauch hingegen bezeichnet sein Gefuhl als Liebe, "die stark mit Erbarmen und Mitleid vermischt ist" (64). An dieser Stelle soil, wie bei Tanzer, jedoch in Frage gestellt werden, ob es sich jemals urn Liebe gehandelt hat. Arnold Bretfeld gibt dazu Anlass. Erst nachdem er sich aus egoistischen Grunden gegen die He.i.rat entscrueden hat und sich auf dem Weg in den Sommerurlaub befindet, zerbricht "der eiserne Ring, den selbstgeschaffene Leiden urn seine Brust geschmiedet hatten," und er tut "das krankliche Mitlei.d, das ibn irregemacht an seiner eigenen Empfindung und ibn Liebe harte nennen lassen, was Erbarmen war" ab (260).6 Aus diesem Grund trifft wohl Stendhals Bezeichnung fur diese Art Liebe - "galante Liebe" (Brokoph-Mauch 64) ­ wohl noch am ehesten zu. Nichtsdestotrotz ist der Begriff ,Liebe' in der Beschreibung der Beziehung von Claire und Arnold irrefuhrend. FUr Arnold hat diese spate Erkenntnis und inzwischen reale Einsch.atzung seiner Gefuhle keine negativen Konsequenzen, denn er kann fortan wieder unter dem Schutz der Familie sein verschwenderi.sches Leben fortfuhren und sich ganz seiner Illusion und Triumerei hingeben. Er erfullt also wie am Anfang seine Pflicht gegenuber der feinen Gesellsehaft und widmet sich der Musik aus Liebelei und nicht aus finanziellen Nbten (196). Den Gegenpol zu den illusionaren Vorstellungen der Reichen in dieser Novelle bildet die verarmte Baronin Karoline Reich, deren Leben, das dem eines Mitglieds der Unterscrucht entspricht, durch die harte Wirkhchkeit regiertwird, obgleich sie von Geburt aus Aristokratin ist. 1hr kann Arnold nichts vormache~ denn sie hat die Harte und Gnadenlosigkei.t der Oberscrucht am eigenen Letbe erfahren. Sie stammt zwar aus einem "uralten vornehmen Geschlecht," aber hat "gegen den Willen ibrer Angehbrigen" einen jungen Offizier "von niederem Adel" geheiratet und wird auf Grund dessen von ibrer Farnilie gemieden (210). Deshalb muss sie durch Handarbeiten ihren Lebensunterhalt verdienen. 1hre Sehultern sind "von der Last der Jahre und der Arbeit" gebeugt und doch ist sie voll Kraft und Mut (207). Ihre Lebenserfahrung lasst sie die Konsequenzen einer Heirat zwischen Claire und Arnold in ibrer ganzen Tragweite Wieder die Alte? vorhersehen. Sie fuhrt dies Arnold vor Augen und sagt zu ibm: "Es ist doeh unmbghch, daB Sie sich daruber tauschen, wie sehr eine Verbindung mit Claire ibre Stellung in den drei ,Welten' [d.h. der bt.irgerhehen, der kiinstlerischen und der aristokratischen] ersehuttern wiirde" und stellt in Frage, dass seine Famihe Claire als eine der ihren aufnehnlen wiirde (216). Klar und realistisch durchschaut sie Arnold von Anfang an urld sagt ihm auf den Kopf zu, class "der Gesamteindruck, den das Ganze auf andere und auf mich hervorbringt grundverscrueden ist" (215). Arnolds Bebauptung, er wiirde aus Liebe zu Claire auf seine "Erfolge" verzichten (216), bleibt ein uruealistisehes Vorhaben seinerseits. Als er sich ausmalt, wie eine Zukunft mit Claire aussehen wird, wendet er sich von Claire ab und entscheidet sich gegen eine "dumme Heirat" (256). Zudem uberbringt er ihr die Nachricht nicht einmal persbnlich, denn es ware ,,[z]u grausam fur sie, zu peinlich fur ihn" (257). Demnach will er sich vor ihr keine BlbGe geben und seinen Ruf wahren. Ebenso wie fur die Grafin Meiberg ist Claire fur ibn ein nutzliches ,Spielzeug,' auf dessen Gefuhle und Probleme keine Rucksicht genommen werden muss und dessen man sieh entledigen kann, sobald keinerlei Verwendung mehr fur es vorhanden ist oder durch es Unannehmlichkei.ten entstehen. Gegenuber Claire besehreibt die Barorlln mit all ihrer realistischen Harte wie sie Arnold sieht: E r spielt auch eine Roile, nur besser als duoEr hat es dahin gebracht, sich fur das zu halten, wofur er sich gibt [ ... ]. Dir, die er anbetet, zu Ehren, mix:, der alten Skeptikerin, die er nicht leiden kann, zum Possen will er beweisen: Seht, der Edelmut, die Hochherzigkeit, sie leben auf Erde~ sie haben Zelte aufgeschlagen in der Brust des Herrn Arnold Bretfelds. (221) Auf Grund ihrer reahstisehen Denkweise und der Einsicht stellt sie dann auch die Bedingung, Arnold musse zunachst mit seiner Familie sprechen, ehe Claire ihre Stellung bei Meibergs kiindigt. Auch wenn die Baronin in ihrem Realismus hart und undankbar erscheint, ist doch ihre Besehreibung der Situation die realistische. Sie halt Arnold vot:: "Lauter falsche Empfindungen [... ] lauter Hohlheit, lauter Schein. Ein billchen ehrhcher Zynismus ware mix: heber. Seien Sie doeh einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld, Herr Arnold Bretfeld!" und "entkleidete ihn StUck fur StUck Se.iner erborgten Herrlichkeiten und ergoB den grausamsten Hohn uber clas, was ubrigbheb" (258). 1hre undankbare Harte, auf Grund der sie in der 92 Foem on German Studies Baronin Karohne Reich motiviert, die Arnold Bretfeld von Anfang an durchschaut und die eine Verbindung der beiden kategorisch ablehnt. Bis ganz zum Schluss macht Amold sich jedoch etwas vor, sieht sich als "Samariter" (Brokoph-Mauch 65) und glaubt an seine Liebe zu Claire, ist also verblendet gegenüber der Realität. Tanzer jedoch erkennt die Fassade Arnold Bretfelds und schreibt über ihn, dass er Mitleid "mit Liebe verwechselt" (175). Brokoph-Mauch hingegen bezeichnet sein Gefühl als Liebe, "die stark mit Erbarmen und Mitleid vermischt ist" (64). An dieser Stelle soll, wie bei Tanzer, jedoch in Frage gestellt werden, ob es sich jemals um Liebe gehandelt hat. Arnold Bretfeld gibt dazu Anlass. Erst nachdem er sich aus egoistischen Gründen gegen die Heirat entschieden hat und sich auf dem Weg in den Sommerurlaub befindet, zerbricht "der eiserne Ring, den selbstgeschaffene Leiden um seine Brust geschmiedet hatten," und er tut "das krankliche Mitleid, das ihn irregemacht an seiner eigenen Empfindung und ihn Liebe hatte nennen lassen, was Erbarmen war" ab (260).6 Aus diesem Grund trifft wohl Stendhals Bezeichnung für diese Art Liebe - "galante Liebe" (Brokoph-Mauch 64) - wohl noch am ehesten zu. Nichtsdestotrotz ist der Begriff ,Liebe' in der Beschreibung der Beziehung von Claire und Arnold irreführend. Für Amold hat diese späte Erkenntnis und inzwischen reale Einschätzung seiner Gefühle keine negativen Konsequenzen, denn er kann fort2n wieder unter dem Schutz der Familie sein verschwenderisches Leben fortführen und sich ganz seiner Illusion und Träumerei hingeben. Er erfüllt also wie am Anfang seine Pflicht gegenüber der feinen Gesellschaft und widmet sich der Musik aus Liebelei und nicht aus finanziellen Nöten (196). Den Gegenpol zu den illusionären Vorstellungen der Reichen in dieser Novelle bildet die verarmte Baronin Karoline Reich, deren Leben, das dem eines Mitglieds der Unterschicht entspricht, durch die harte Wirklichkeit regiert wird, obgleich sie von Geburt aus Aristokratin ist. Ihr kann Amold nichts vormachen, denn sie hat die Härte und Gnadenlosigkeit der Oberschicht am eigenen Leibe erfahren. Sie stammt zwar aus einem "uralten vornehmen Geschlecht," aber hat "gegen den Willen ihrer Angehörigen" einen jungen Offizier "von niederem Adel" geheiratet und wird auf Grund dessen von ihrer Familie gemieden (210). Deshalb muss sie durch Handarbeiten ihren Lebensunterhalt verdienen. Ihre Schultern sind "von der Last der Jahre und der Arbeit" gebeugt und doch ist sie voll Kraft und Mut (207) . Ihre Lebenserfahrung lässt sie die Konsequenzen einer Heirat zwischen Claire und Arno ld in ihrer ganzen Tragweite Wieder die Alte? 93 vorhersehen. Sie führt dies Arnold vor Augen und sagt zu ihm: "Es ist doch unmöghch, daß Sie sich darüber täuschen, wie sehr eine Verbindung mit Claire ihre Stellung in den drei ,Welten' [d.h. der bürgerhchen, der künstlerischen und der aristokratischen] erschüttern würde" und stellt in Frage, dass seine Famihe Claire als eine der ihren aufnehnlen würde (216). Klar und reahstisch durchschaut sie Arnold von Anfang an ul1d sagt Ihm auf den Kopf zu, dass "der Gesamteindruck, den das Ganze auf andere und auf mich hervorbringt grundverschieden ist" (215). Arnolds Behauptung, er würde aus Liebe zu Claire auf seine "Erfolge" verzichten (216), bleibt ein unrealistisches Vorhaben seinerseits. Als er sich ausmalt, wie eine Zukunft mit Claire aussehen wird, wendet er sich von Claire ab und entscheidet sich gegen eine "dumme Heirat" (256). Zudem überbringt er ihr die Nachricht nicht einmal persönlich, denn es wäre ,,[z]u grausam für sie, zu peinlich für ihn" (257). Demnach will er sich vor ihr keine Blöße geben und seinen Ruf wahren. Ebenso wie für die Gräfin Meiberg ist Claire für ihn ein nützliches ,Spielzeug,' auf dessen Gefühle und Probleme keine Rücksicht genommen werden muss und dessen man sich entledigen kann, sobald keinerlei Verwendung mehr für es vorhanden ist oder durch es Unannehmhchkeiten entstehen. Gegenüber Claire beschreibt die Baronin mit all ihrer realistischen Härte wie sie Arnold sieht: E r spielt auch eine Rolle, nur besser als du. Er hat es dahin gebracht, sich für das zu halten, wofür er sich gibt [ ... ]. Dir, die er anbetet, zu Ehren, mir, der alten Skeptikerin, die er nicht leiden kann, zum Possen will er beweisen: Seht, der Edelmut, die Hochherzigkeit, sie leben auf Erden, sie haben Zelte aufgeschlagen in der Brust des Herrn Amold Bretfelds. (221) Auf Grund ihrer realistischen Denkweise und der Einsicht stellt sie dann auch die Bedingung, Amold müsse zunächst mit seiner Familie sprechen, ehe Claire ihre Stellung bei Meibergs kündigt. Auch wenn die Baronin in ihrem Realismus hart und undankbar erscheint, ist doch ihre Beschreibung der Situation die realistische. Sie hält Arnold vor: "Lauter falsche Empfindungen [ . .. ] lauter Hohlheit, lauter Schein. Ein bißehen ehrhcher Zynismus wäre mir heber. Seien Sie doch einmal aufrichtig mit Arnold Bretfeld Herr Amold Bretfeld!" und "entkleidete ihrt Stück für Stück Se.iner , erborgten Herrhchkeiten und ergoß den grausamsten Hohn über das, was übrigbheb" (258). Ihre undankbare Härte, auf Grund der sie in der 94 95 Focus on German Studies Unterscrucht ubedebt hat, offenbart sie zudem am Ende gegenuber Claire. Sie fuhrt ihr vor Augen, dass ,,[e]in Gluck, das in deinem Fall allerdings ein unerh6rtes gewesen ware," ihr "rucht zuteil geworden" ist (265). M.i t dieser Aussage fasst die Baronin die Gegebenheiten der Gesellschaft zusarrunen und uberrurrunt fur Claire die Rolle der aus Erfahrung sprechenden Ratgeberin.7 Es ist schlicht "unerh6rt," dass ein armes Madchen in die Oberscrucht e1nheiratet. Demzufolge ist die Baronin diejeruge in dieser Novelle, die die gr6L3te Einsicht in die Funktionsmechanismen der Gesellschaft und die klarste Vorstellung von der Realitat aufweist Die verwaiste Hauslehrerin Claire Dubois ist zu BegUUl der No­ velle wie ihre altere Freundin und Pflegemutter Baronin Karoline Reich, unter deren Einfluss Claire steht, sehr reahtatsnah und gibt sich keinen Illusionen hill. Auf der berufuchen Ebene erkennt Claire schon sehr fruh, dass statt wer "Verdienste," d.h. ihres Wissen, ihr die Tatsache, dass sie "immer heiter und zufrieden aussah," Arbeit verschafft (195). Ihre "Lustigkeit" gibt ihr und ihrer Familie das Brot (195) und muss deshalb "um jeden Preis" erhalten bleiben (196). An einer anderenStelie behauptet sie sogar, dass es den Muttem ihrer Z6glinge Recht sei, dass Claire den Kindem nichts lehre, solange sie nur Heiterkeit verbreite (197). Dementsprechend wichtig ist es, dass ihr ihre gute Laune rucht verdorben wird, denn, wie sie zu Arnold sagt, bringt man sie sonst urn ihr Brot (230). Allein wn zu uberleben, muss sie demnach ihren Schein wahren, selbst wenn ihr danach rucht zu Mute ist, wie zum Beispiel zu der Zeit als ihre Mutter zu Hause im Sterben lag (202). Sie verachtet sich fur lire Beiterkeit in jener Zeit, aber Lustigkeit ist eben ihr "Metier" (202). Da sie sich uber die Notwendigkeit der Stellung keine Illusionen macht, halt Claire sornit einen Schein aufrecht, der ihrem wahren Sein, ihren Gefuhlen, widerspricht Die Bedeutung von Schein und Sein durchzieht die gesamte No­ velle, und Claire ist sich auch in diesem Punkt im Klaren, wie wichtig die Erhaltung des Scheins ist. Schon auf der ersten Seite wird uber sie gesagt: ,,[S]ie scruen immer munter und vergniigt" (190). Sie selbst sagt, dass sie immer "heucheln" muss und dass es ihr deshalb schwerfallt, in ihrer Aufrichtigkeit, das heillt wenn sie den Schein ablegt, rucht derb zu sein (202). ]edoch hat Claire im Gegensatz zu Marie Meiberg, der Tochter der Grafenfamilie, rucht die Freiheit, "unbeschadet aufrichtig" zu sein (231). Dieser Kontrast zwischen Schein und Sein zeigt sich auch in Bezug auf Claires Kleidung8 Claire hat eine "besonders feine und schmucke Arr« sich zu kleiden und ihr "Mantelchen ist sehr elegant, aber merkwUrdig Wieder die Alte? leicht und dunn" (191).9 Letztere Beschreibungist ein Indiz fW: ihre Armut. Wahrend des Sommers, der toten Saison ihres Bauslehrerinnendaseins, da sich die feinen Farnihen aufs Land begeben, stellt sie einen neuen "Staat" hel:, "zu welchem der des vorigen Jahres zwar das meiste Material hefert, der jenem jedoch m6ghchst unalUllich sein muL3. Einfach, wie es sich schickt fW: eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie verkehrt, es verlangen" (237), denn ein "gewisser scheinbarer Lm..'Us" gehort zu ihren "Obliegenheiten" (191). Sie macht aus ihren alten KleidungsstUcken demzufolge neue, so dass es den Anschein habe, sie trage jede Saison neue Kleidung. Auch ruer muss das Wort "scheinbar" betont werden. Es kommt also nur auf die Wirkung nach auL3en an, das wahre Ich und die damit verbundene quahtativ schlechtere Kleidung ist in ihrem Beruf von keinerlei Bedeutung. Dieses hier besdll-iebene Verhalten Claires zeigt ihre Einsicht in die Spielregeln der Oberschicht. Sie kennt die Bedeutung der Wirkung auf andere und ihr Verhalten wird dadurch reguliert, denn in der Oberscrucht zahlt nicht die Person als Individuum., SOlldem die Rolle, die sie in der Gesellschaft zu spielen vermag sowie die auL3ere Fassade. Zudem verkennt sie auch die Stellung rucht, die ihr in der feinen Gesellschaft zu Teil wird. Zwar wird sie zu Soireen eingeladen, aber es geh6rt auch zu ihren Vorziigen, "dai3 sie keine Pratensionen machte, daL3 es ihr nie einfiel, auf die Begleitung eines Dieners oder gar auf die Benutzung der E quipage Anspruch zu erheben" (198). Sie stellt nicht in Frage, dass die Eltem ihrer Z6glinge es ganz "natUrhch" finden, "dai3 Claire Dubois ohne anderen Schutz als ihrell Mut bei Nacht den weiten Weg nach ihrer Vorstadt antrat" (198), sondem akzeptiert dies als Reahtat. In dieser Szene zeigt sich viehnehr noch die Ignoranz und Gedankenlosigkeit der Oberscrucht, doch auch das ist Reahtat. Sofem Claire also eine Rolle zu erfullen hat, ist es ihr gestattet, in der feinen Gesellschaft zu verweilen, doch als vollwertiges, gleichberechtigtes Mitghed wird sie rucht anerkannt. Claires Verstandrus der Gesellschaft zeigt sich des Weiteren im Ralunen der Konventionen ihres Berufes. Sie bezeichllet sich als "arme Lehrerin" (201), die sich keine Diener leisten kann, auf ihren Ruf zu achten hat und am Abend deshalb rucht langer VOn Berm Arnold Bretfeld abgeholt werden mochte. In dieser Situation wird deutlich, dass neben ihrer Beiterkeit auch ihr guter Ruf von groL3er Bedeutung fur die Ausubung des Berufes ist. Schon zu Beginn ist Claire sich im Klaren daruber, dass sie durch die Gunst der Grafinnell und die Empfehlung der Oberin Mutter 94 Focus Oll German 5tudies Unterschicht überlebt hat, offenbart sie zudem am Ende gegenüber Claire. Sie führt ihr vor Augen, dass ,,[e]in Glück, das in deinem Fall allerdings ein unerhörtes gewesen ware," ihr "nicht zuteil geworden" ist (265). Mit dieser Aussage fasst die Baronin die Gegebenheiten der Gesellschaft zusammen und übernimmt für Claire die Rolle der aus Erfahrung sprechenden Ratgeberin.7 Es ist schhcht "unerhört," dass ein armes Mädchen in die Oberschicht einheiratet. Demzufolge ist die Baronin diejenige in dieser Novelle, die die größte Einsicht in die Funktionsmechanismen der Gesellschaft und die klarste Vorstellung von der Realität aufweist Die verwaiste Hauslehrerin Claire Dübois ist zu Beginn der No­ velle wie ihre ältere Freundin und Pflegemutter Baronin Karoline Reich, unter deren Einfluss Claire steht, sehr realitätsnah und gibt sich keinen Illusionen hin. Auf der beruflichen Ebene erkennt Claire schon sehr früh, dass statt ihrer "Verdienste," d.h. ihres Wissen, ihr die Tatsache, dass sie "immer heiter und zufrieden aussah," Arbeit verschafft (195). Ihre "Lustigkeit" gibt ihr und ihrer Familie das Brot (195) und muss deshalb "um jeden Preis" erhalten bleiben (196). An einer anderen Stelle behauptet sie sogar, dass es den Müttern ihrer Zöglinge Recht sei, dass Claire den Kindern nichts lehre, solange sie nur Heiterkeit verbreite (197) . Dementsprechend wichtig ist es, dass ihr ihre gute Laune nicht verdorben wird, denn, wie sie zu Arnold sagt, bringt man sie sonst um ihr Brot (230). Allein um zu überleben, muss sie demnach ihren Schein wahren, selbst wenn ihr danach nicht zu Mute ist, wie zum Beispiel zu der Zeit als ihre Mutter zu Hause im Sterben lag (202). Sie verachtet sich für ihre Heiterkeit in jener Zeit, aber Lustigkeit ist eben ihr "Metier" (202). Da sie sich über die Notwendigkeit der Stellung keine Illusionen macht, hält Claire somit einen Schein aufrecht, der ihrem wahren Sein, ihren Gefühlen, widerspricht Die Bedeutung von Schein und Sein durchzieht die gesamte No­ velle, und Claire ist sich auch in diesem Punkt im Klaren, wie wichtig die Erhaltung des Scheins ist. Schon auf der ersten Seite wird über sie gesagt: ,,[S]ie schien immer munter und vergnügt" (190). Sie selbst sagt, dass sie immer "heucheln" muss und dass es ihr deshalb schwer fällt, in ihrer Aufrichtigkeit, das heißt wenn sie den Schein ablegt, nicht derb zu sein (202). Jedoch hat Claire im Gegensatz zu Marie Meiberg, der Tochter der Grafenfamilie, nicht die Freiheit, "unbeschadet aufrichtig" zu sein (231). Dieser Kontrast zwischen Schein und Sein zeigt sich auch in Bezug auf Claires Kleidung.s Claire hat eine "besonders feine und schmucke Art" sich zu kleiden und ihr "Mäntelchen ist sehr elegant, aber merkwürdig Wieder die Alte? 95 leicht und dünn" (191 ).9 Letztere Beschreibung ist ein Indiz für ihre Armut. Während des Sommers, der toten Saison ihres Hauslehrerinnendaseins, da sich die feinen Familien aufs Land begeben, stellt sie einen neuen "Staat" her, "zu welchem der des vorigen Jahres zwar das meiste Material liefert, der jenem jedoch möglichst unähnlich sein muß. Einfach, wie es sich schickt für eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie verkehrt, es verlangen" (237), denn ein "gewisser scheinbarer Lm..'Us" gehärt zu ihren "Obliegenheiten" (191). Sie macht aus Ihren alten Kleidungsstücken demzufolge neue, so dass es den Anschem habe, sie trage jede Saison neue Kleidung. Auch hier muss das Wort "scheinbar" betont werden. Es kommt also nur auf die Wirkung nach außen an, das wahre Ich und die damit verbundene qualitativ schlechtere Kleidung ist in ihrem Beruf von keinerlei Bedeutung. Dieses hier beschriebene Verhalten Claires zeigt ihre Einsicht in die Spielregeln der Oberschicht. Sie kennt die Bedeutung der Wirkung auf andere und ihr Verhalten wird dadurch reguliert, denn in der Oberschicht zählt nicht die Person als Individuum., sondern die Rolle, die sie in der Gesellschaft zu spielen vermag sowie die äußere Fassade. Zudem verkennt sie auch die Stellung nicht, die i.hr in der feinen Gesellschaft zu Teil wird. Zwar wird sie zu Soireen eingeladen, aber es gehört auch zu ihren Vorzügen, "daß sie keine Prätensionen machte, daß es ihr nie einfiel, auf die Begleitung eines Dieners oder gar auf die Benutzung der Equipage Anspruch zu erheben" (198). Sie stellt nicht in Frage, dass die Eltern ihrer Zöglinge es ganz "natürlich" finden, "daß Claire Dübois ohne anderen Schutz als ihren Mut bei Nacht den weiten Weg nach ihrer Vorstadt antrat" (198), sondern akzeptiert dies als Realität. In dieser Szene zeigt sich vielmehr noch die Ignoranz und Gedankenlosigkeit der Oberschicht, doch auch das ist Realität. Sofern Claire also eine Rolle zu erfüllen hat, ist es ihr gestattet, in der feinen Gesellschaft zu verweilen, doch als vollwertiges, gleichberechtigtes Mitglied wird sie nicht anerkannt. Claires Verständnis der Gesellschaft zeigt sich des Weiteren im Rahmen der Konventionen ihres Berufes. Sie bezeichnet sich als "arme Lehrerin" (201), die sich keine Diener leisten kann, auf ihren Ruf zu achten hat und am Abend deshalb nicht lärtger von Herrn Amold Bretfeld abgeholt werden mächte. In dieser Situation wird deutlich, dass neben ihrer Heiterkeit auch ihr guter Ruf von großer Bedeutung für die Ausü bung des Berufes ist. Schon zu Beginn ist Claire sich im Klaren darüber, dass sie durch die Gunst der Gräfinnen und die Empfehlung der Oberin Mutter 96 97 Focus on German Studies Nieeta Lektionen bekam Ulld nieht auf Grund ihres Wissens (195). Diese GUllst Ulld das Wohlwollen der Arbeitgeber versueht sie, Ullter allen Umstanden Z1l erhalten, denn sonst wtirde ihr ein ahnliehes Sehieksal widerfahren wie ihrem Vater, dem sein Wirkungskreis naeh seiner Verarmung versehlossen blieb. Die Problematik besteht darin, dass, sobald eine Flirstin oder Grafm die Dienste nieht Hinger in Anpruch nimmt, "aUe Grafirulen Ulld Flirstinnen der Stadt diesem Beispiel« folgen (195), sprieh sobald man bei einer Familie in Ungnade fillt, bat dies AuswirkU1lgen auf samtliche potentielle Arbeitgeber und somit auf die Existenz. Aus diesem GrUlld braueht Claire, als sie ihre Einwande missachtend von der Grifm Meiberg "gezwungen« wird, die zeitintensivere Position der Naehmittagsgesellsehafterin zu ubernehmen "vie! Takt, vie! Gesehmeidigkeit Ulld vie! festen Willen, um die Eltern der Schuler, die sie beibehalten konnte, Z1l einer VerlegWlg der Stunden zu bewegen und urn es maglich Z1l machen, aus den Hausern, die aufzugeben sie gezwungen war, in guter Freundsehaft zu seheiden« (229). Aueh wenn sie die ubertragene Aufgabe sehr viel Anstrengung kostet, so verfolgt sie diese mit grof3er Zie!strebigkeit, da sie zunaehst ihre Verpfliehtungen erfullen muss, ehe sie vollkommen an sich denken kann (202). Sie hat also ein ausgeprigtes Pfliehtbewusstsein, ebenfalls ein blirgerlieher Zug, und ist "Sklavin ihres Wortes« (242). Diese Eigensehaft zeigt sieh darin, class Claire ihrem Vater an seinem Sterbebett sehwor, seine "Ehrensehulden« zu tilgen (203) - eine Aufgabe, die sie durch stetiges MUhen Ulld sehr vie I Arbeit versucht zu bewaltigen. Dass Claire mit ihrer Einsclutzung der Obersehieht Recht hat, zeigt sieh 1m Umgang mit der Familie Meiberg Als sie zum ersten Mal zu spat zu Tisch erscheint, empfangr sie ein ,,[f]eierliehes Schweigen,« und die GraM isst mit "veraehtlicher I....eidensmiene" ihr Mahl (243). Am Tisch herrseht eine "wahre Kirehhofsstille," und der Graf ruft entsetzt aus: ",Sie unpUnktlich, Fraulein DUbois! Die Welt steht nieht mehr lang ... ' [ ...J« (244). So bald Claire also den Erwartungen der Gesellsehaft nieht Hinger entsprieht, fillt sie in Ungnade. Nach der EnttauschUllg mit Arnold, in einer Zeit also, in der Claires Heiterkeit sie verlii.sst, droht die GraM Meiberg ibr sowohl indirekt (253) als aueh direkt den Verlust ihrer Stellung an, denn, wie sie sagt, musse sieh so manches andern, "wenn die neu eingegangenen Beziehungen zu ihr in der kommenden Saison wieder bind end angek.nupft werden sollten" (264). Claire bat somit keine andere Wahl als uber ihre zerstarte Hoffnung auf den "Traum von Liebe, Gluck und Wohlstand« Wieder die Alte? hinweg-LUkommen (Brokoph-Maueh 65). In Bezug auf den Beruf maeht sie sieh demnach keine Illusionen. Zusammenfassend lasst sieh demzufolge uber Claire sagen, dass sie den fur die Obersehieht notwendigen Schein ihres Wesens au&eeht erhalt, sieh ihrer RoUe in der feinen Gesellschaft bewusst ist, i11re Sehranken kennt und Realitatsnahe beweist. Dureh ihr Verhalten innerhalb der Obersehieht bekraftigt sie demnaeh die dureh die Grii.fin Meiberg gesehaffene illusionare Vorsteliung, negiert dabei aber ihr wahres Ich. Allerdings ist das nur eine Seite von Claire, denn trotz aller Kenntnis der W irklichkeit Ulld Erklarungen, sich nieht in Illusionen zu fllichten, hofft sie auf der privaten Ebene auf ein weniger hartes Leben mit Arnold Bretfeld Ulld verfallt somit der, wie Koopmann es ausdruekt, "blirgerlichen Aufstiegsmentahtit" (175). In der Beziehung zu Arnold Bretfeld sind demnaeh aueh beide Phanomene, das heillt Realitatsnahe und -ferne, zu beobaehten. 1m Umgang mit ihm verliert Claire ihre Bodenstandigkeit und gibt sieh der Illusion hin, dureh eine Heirat in eine hahere Sehieht ihr Los verbessern zu kannen. Sie zeigt in ihrer Beziehung zu Arnold ihr wahres Wesen, es offenbaren sieh ihre Wi.insehe und Traume, und das verfalsehte Bild ihres Seins tritt in den Hintergrund. Sie ist demzufolge sie se!bst, verfolgt jedoeh mit der erhofften Heirat ein illusionares ZieI. Zu Beginn ihrer Bekanntsebaft mit Arnold versueht Claire noeh, die Realitat nieht aus den Augen zu verlieren. 1m Gegensatz zu ibm erkennt sie die Unmagliehkeit der Situation lmd erwidert auf seine Avaneen: "Ich will nicht - ieh kann das nieht brauehen, daIS mir jemand geBillt - ieh habe andere Sorgen" (202). Auf3erdem nimmt sie am Anfang nieht aUes fur bare Miinze und fuhlt sieh sogar "befremdet« von seiner Art (210). Zudem weist sie ihn damuf run, dass er sieh aus Gute Ulld Grof3mut sowie Erbannen mit ihr einhsst Ulld rat ihm: ",Sie solien ein Madehen zu Ihrer Gefahrtin wahlen, das keine triiben Erfahrungen hinter sieh hat [ ... ]. Sie soUen ein Madehen aus Ibm1 Kreisen wahlen [ ... J nieht eine Arbeiterin und eine so arme, wie ieh bin'" (212-213, meine Emphase). In diesem Ratsehlag deekt sie gleieh zwei ihrer Makel auf, die insbesondere fur eine Heirat in def Obersehieht von Bedeutung sind, und zwar die fehlende ZugehOrigkeit zur Obersehieht und der mangelnde Reiehtum Trotz der Beteuerungen Arnolds, seine Verwandten willden ihr wohlwoliend gegenubertreten ­ eine Verblendung seinerseits wie sieh 1m Verlauf der Novelle herausstellt _ maeht Claire sieh naeh dem Gespraeh mit Marie Meiberg bereehtigte Sorgen, dass Arnolds Verwandte eine Heirat nieht billigen werden. Ihre 96 Focus on German Studies Niceta Lektionen bekam Ulld nicht auf Grund ihres Wissens (195). Diese GU1lSt U1ld das Wohlwollen der Arbeitgeber versucht sie, U1lter allen Umständen zu erhalten, denn sonst würde ihr ein ähnliches Schicksal widerfahren wie ihrem Vater, dem sein Wirkungskreis nach seiner Verarmung verschlossen blieb. Die Problematik besteht darin, dass, sobald eine Fürstin oder GräfIn die Dienste nicht länger in Anpruch nimmt, "alle Grä finnen U1ld Fürstinnen der Stad t diesem Beispiel" folgen (195), sprich sobald man bei einer Familie in Ungnade fällt, hat dies Auswirkungen auf sämtliche potentielle Arbeitgeber und somit auf die Existenz. Aus diesem GrUlld braucht Claire, als sie ihre Einwände missachtend von der Gräfin Meiberg "gezwungen" wird, die zeitintensivere Position der Nachmittagsgesellschafterin zu übernehmen "viel Takt, viel Geschmeidigkeit U1ld viel festen Willen, um die Eltern der Schüler, die sie beibehalten konnte, zu einer Verlegung der Stunden zu bewegen U1ld Uln es möglich zu machen, aus den Häusern, die aufzugeben sie gezwungen war, in guter FreU1ldschaft zu scheiden" (229) . Auch wenn sie die übertragene Aufgabe sehr viel Anstrengung kostet, so verfolgt sie diese mit großer Zielstrebigkeit, da sie zunächst ihre Verpflichtungen erfüllen muss, ehe sie vollkommen an sich denken kann (202). Sie hat also ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein, ebenfalls ein bürgerlicher Zug, U1ld ist "Sklavin ihres Wortes" (242) . Diese Eigenschaft zeigt sich darin, dass Claire ihrem Vater an seinem Sterbebett schwor, seine" .. hrenschulden" zu tilgen (203) - eine Aufgabe, die sie durch stetiges Mühen U1ld sehr viel Arbeit versucht zu bewältigen. Dass Claire mit ihrer Einsclutzung der Oberschicht Recht hat, zeigt sich im Umgang mit der Familie Meiberg. Als sie zum ersten Mal zu spät zu Tisch erscheint, empfängt sie ein ,,[f]eierliches Schweigen," und die Gräfin isst mit "veraelltlicher I...,eidensmiene" ihr Mahl (243). Am Tisch herrscht eine "wahre KirchhofsstiUe," und der Graf ruft entsetzt aus: ",Sie unpünktlicll, Fräulein Dübois! Die Welt steht nicht mehr lang ... ' [ ... ]" (244). Sobald Claire also den Erwartungen der Gesellschaft nicht länger entspricht, fällt sie in Ungnade. Nach der EnttäuschU1lg mit Arnold, in einer Zeit also, in der Claires Heiterkeit sie verlässt, droht die Gräfin Meiberg ihr sowohl indirekt (253) als auch direkt den Verlust ihrer Stellung an, denn, wie sie sagt, müsse sich so manches ändern, "wenn die neu eingegangenen BeziehU1lgen zu ihr in der kommenden Saison wieder bindend angeknüpft werden sollten" (264). Claire hat somit keine andere Wahl als über ihre zerstörte Hoffn~ auf den "Traum von Liebe, Glück und Wohlstand" Wieder die Alte? 97 hinwegzukommen (Brokoph-Mauch 65). In Bezug auf den Beruf macht sie sich demnach keine Illusionen. Zusammenfassend lässt sich demzufolge über Claire sagen, dass sie den für die Oberschicht notwendigen Schein ihres Wesens aufrecht erhält, Siell ihret: RoUe in der feinen Gesellscllaft bewusst ist, ihre Schranken kennt und Realitätsnähe beweist Durch ihr Verhalten innerhalb der Oberschicht bekräftigt sie demnach die durch die Gräfin Meiberg geschaffene illusionäre VorstellUllg, negiert dabei aber ihr wahres Ich. . Allerdings ist das nur eine Seite von Claire, denn trotz aller Kenntrus der W irklichkeit U1ld .. rklärungen, sich nicht in Illusionen zu flüchten, hofft sie auf der privaten Ebene auf ein weniger hartes Leben mit Arnold Bretfeld U1ld verfällt somit der, wie Koopmann es ausdruckt, "bürgerlichen Aufstiegsmentalität" (175). In der Beziehung zu Arnold Bretfeld sind demnach auell beide Phänomene, das heißt Realitätsnähe und -ferne, zu beobachten. Im Umgang mit ihm verliert Claire ihre Bodenständigkeit U1ld gibt sich der Illusion hin, durch eine Heirat in eine höhere Schicht ihr Los verbessern zu können. Sie zeigt in ihrer Beziehung zu Arnold ihr wahres Wesen, es offenbaren sich ihre Wünsche U1ld Träume, und das verfalschte Bild ihres Seins tritt in den HintergrU1ld. Sie ist demzufolge sie selbst, verfolgt jedoch mit der erhofften Heirat ein illusionäres ZieL Zu Beginn ihrer Bekanntschaft mit Arnold versucht Claire noch, die Realität niellt aus den Augen zu verlieren. Im Gegensatz zu ihm erkennt sie die Unmöglichkeit der Situation und erwidert auf seine Avancen: "Ich will nicht - ich kann das nicht brauchen, daß mir jemand gefällt - ich habe andere Sorgen" (202). Außerdem nimmt sie am Arlfang nicht alles für bare Münze und fühlt sich sogar "befremdet" von seiner Art (210). Zudem weist sie ihn darauf hin, dass er sich aus Güte U1ld Großmut sowie Erbarmen mit ihr einlässt U1ld rät ihm: ",Sie sollen ein Mädchen zu Ihrer Gefährtin wählen, das keine trüben Erfahrungen hinter sich hat [ ... ). Sie sollen ein Mädchen aus Ihren Kreisen wählen [ ... ] nicht eine Arbeiterin und eine so arme, wie ich bin'" (212-213, meine Emphase). In diesem Ratschlag deckt sie gleiell zwei ihrer Makel auf, die insbesondere für eine Heirat in der Oberschicht von Bedeutung sind, U1ld zwar die fehlende Zugehöngkelt zur Oberschicht und der mangelnde Reichtum Trotz der Beteuerungen Arnolds, seine Verwandten würden ihr wohlwollend gegenübertreten - eine VerblendU1lg seinerseits wie sich im Verlauf der Novelle herausstellt _ macht Claire sich nach dem Gespräch mit Marie Meiberg berechtigte Sorgen, dass Arnolds Verwandte eine Heirat nicht billigen werden. Ihre 99 98 Focus OTt German Studies vorherige Verblendung in diesem Punkt ist also entlarvt, denn nach dem Gesprach mit Marie wird uber Claire gesagt: "An die Hindernisse [ ... ] hatte sie nicht ernstlich gedacht. Nun tat sie's" (236). Claires Einschatzuog entspricht der Wirklichkeit, und dennoch ist sie von den schonen Worten und Beteuerungen Arnolds geblendet und hegt den Wunsch, seine Versprechungen willden wahr. Sie bezeichnet Arnold als den"unbefaogensten und wahrhaftigsten alier Menschen" (221) und glaubt an das vermeintliche Gluck, denn Arnold verspricht ihr den ,,Himmel auf Erden" (240). Sie vertraut ihm "bl1ndlings, grenzenlos" (242) und ist "von Traurnen urnwoben, die sich imIDer lieblicher gestalteten" (243). Claire gibt sich somit der I11usion hiD, Arnold werde sie trotz des Standesunterschiedes und trotz ihrer Armut heiraten. In gewisser Weise verliert sie demzufolge den Bezug zur Wirklichkeit, allerdings kontrastiert Ebner-Eschenbach die Illusion Un Nachsatz irnmer wieder mit der Realitat, so dass Claire unterschwellig we realistische Sichtweise rue ganz aufgibt. Sie hegt Zweifel, ob dieses "Wunder" einer Heirat Wirklichkeit werden kann (221), entgegnet Arnold, dass es sich nur urn "Traume" handelt (240) und fragt sich.: "War's denn wirklich moglich? Geschehen solche Wunder?" (243). Nichtsdestotrotz ist sie nicht mehr sie selbst, nachdem sie von Arnold keine Nachricht bekommt. Ihr Ausflug in Traumerei und Wunschvorstellungen hat zur Folge, dass sie ciner Depression nahesteht, die sich "fatal" fur sie auswirken konnte (252). Allerdings muss sie bis zm Abreise der Meibergs ihre Hoffnung auf eine gute Wendung bewahren, denn ihr innerer Halt ist in dieser Phase von groBer Bedeutung, da ihre Stellung im Hause Meiberg und die Gunst anderer Familien davon abhingen. Deshalb klarnmert sie sich an den "Sonnenstrahl, nicht starker als der diinnste Faden," urn sich aufrechtzuerhalten (261). Die Baronin wirft ihr vor: ",[D)u hattest auf das Unerhorte gebaut, es angesehen als ein dir zukommendes; dufuhlst dich in deinem Recht gekrankt [ ... ]'" (265). Erst nach dieser Zurechtweisuog gelingt es Claire, ihre Enttauschung zu uberwinden und sich der Reali tat, das heillt ihrer Aufgabe, zu stellen und diese mit neuem Elan und "neu erwachtem Selbstvertrauen" zu verfolgen (266). Claire entsagt also ihrer Illusion und wendet sich dem Leben, das heif3t der Realitat, zu (Tanzer 177). Sie begrabt ihre Hoffnung, aus ihrer derzeitigen gesellschaftlichen Stellung auszubrechen und ahnlich wie Lotti in Lotti, die Uhrmacherin hat Claire "keine wirklich Hoffnung, jemals aus ihrer Position herauszutreten" (Toegel, "EntsagungslJ1ut" 143). Sornit ist die Wieder die Alte? Darstellung des fehlgeschlagenen Streben Claires effie zeitgenossisch akurate Interpretation ihrer Situation, denn "Einla.G in diese Klasse [d.h. die Oberschicht) bekommt man nur, wenn man schon dazu gehort" (Brokoph­ Mauch 66). Widersetzt man sich den Spielregeln der Gesellschaft, erfahrt man ein ahnliches Schicksal wie die Baronin Reich E bner-Eschenbach zeichnet mit ihrer Novelle somit ein realistisches Bild der damaligen Gesellschaft mit ihren klacen Standesunterschieden. Ebner-Eschenbach geht nicht so weit, "gesellschaftliche Umwalzungen" anzusprechen (Tanzer 177), stattdessen geht es ihr urn die zu jener Zeit vorherrschende gesellsehaftliche Situation, an der sie mit ihrer Novelle K ritik uben mochte. lO Dabei wird die Oberschicht, sowohl die Aristokratie als auch das GroBburgertuHl, durch eine Realitatsferne charak.terisiert, die s1ch in der Unterschicht nicht finden lasst. Nicht zu vergessen ist dabei die Tatsache, dass die Oberschicht ohne Bezug zur Realitat der Unterschicht leben kann, da sie nicht die Notwendigkeit verspfut. Die Unterschicht hingegen muss sieh aus Existenzangst der Realitat stellen und sie als Teil ihres Lebens aneckennen. Diese Dualitat von Illusion und Wirklichkeit ist auch schon im Titel beziehungsweise in der letzten Aussage der Grafin zu find en. Gegenuber FrelUlden erwahnt sie, sofern von Claire die Rede ist ",Unsre gllte Claire hat sich eine Z eitlang etwas vernachlassigt, jetzt aber ist sie wieder die alte'" (267). Doch was bedeutet das, sie ist wieder die Alte? Claire bekraftigt durch ihr Verhalten die illusionare Vocstellung der Grafin, sie sei die Heiterkeit in Person, was aber nicht ihrem wahren Wesen entspricht. Gerade in der Zeit, in der sie sich laut der Grafin "veroac.1iliissigt," hat sie ironischerweise an sich selbst gedacht und entsprach nieht mehr der Illusion, die Claire als eille "SpaGmacherlll hoheren Ranges" (202) gesehaffen hatte. Jedoeh muss Claire der Illusion, wieder die Alte zu sei.n, entspreehen, cia andernfalls der Vedust ihrer Stellungdie Konsequenz ware. Sie erkennt also die schonungslose Notwendigkeit, die die Realitat ihr abverlangt und hilt in dieser Erkenntnis der Realitat demnach eine Illusion aufreeht. Die B-urgerliehe Claire Dubois kann sieh dem Einfluss des Ade1s nicht entziehen und versucht, der Existenzweise des Adels zu entsprechen. Ihr Wesen wird durch diesen Kontakt mit der anderen Welt jedoch verfremdet. Zusammenfassend lasst sich somit sagen, dass Ebner-Eschenbach mit Claire Dubois demnach eine Frau zwischen zwei Welten, eine Grenzgangerin, in den Mittelpurtkt ihrer Novelle stellr. Intecessant dabei 98 Focus ort German Studies vorherige Verblendung in diesem Punkt ist also entlarvt, denn nach dem Gespräch mit Marie wird über Claire gesagt: "An