Focus 2002.tif 138 FoC1l.l on Germ:m Studies Die Ambivalenz des: dicadence. N ietzsehe, Wagner und Bomget David Wachter ~ ohJan! fdl bm so gut wie Wagner das Kind dieser Zeit, will sagen lall ein d ecadent: nur dass ich das begriff, nur dass id l mich dagegen wehrte. Der Philosoph in mir wehrte sich dagegen« (Nierzsche. FaD IPatntr 11). Ocr Begri ff .. J!cadma" nimmt in Nietzsches Spälwerken Der FaU lf7ogm1r (1888), NitlZKhe tOn/ra 1V'a.gnlr(1889), Era holllO (1889) und GiilZen-DäJfI/I/tl1lng (1889) eine entscheidende Rolle ein. So w ird im Fall lIYogmr eine vom sub jektiven Bewusstsein ausgehende Kritik des Phällomcns vorgenommcn~ die in ihrer Radi kalitä t den Selbstanalysen ei nes "zum Unterga ng bestimmten Daseins" - ein in der LitcraNr der französischen ditoden&e nidn seltener ßlickwinkel - ähnelt (Rasch, "Darstellung« 41 5). Doch is t in Nierzsches Spätwerken eine sonderbarc Ambivalenz dcr Beurteilung zu konstatieren , wenn vom Phä nomen "dicatkffCl' die Rede isL Derul in der Konfron tation von eigener I nvolvienheit und intendierter Distanz werden bei N ietzsche positive wie negative E lemente der diauJma akzentuier t, die d ie gcuodlegenden Oppositionen seines Denkens dcu Ll ich werden lassen. Und wenn Nietzsche in Eca hOlllo semc Q uaufika tion [Ur eUlc philosophischc Behandlung der dicadence mit dcn Worten begründet: ,,leh habe für die Zeichen von Aufgang lmd Niedergang eine feinere Witterung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par exccllencc hierfür, - ich kenne Seides. ich bin Seides« (Nic lZsche, Eta 1101110 264), so zeigt sich d ie existentiell e Beeinflussung Nietzsches durch die dicadtnce, die einen p rivilegierten Zugang des Philosophen zu diescm Phäno men erwarten lässt (Bauer 46). Ziel des vocliegenden Au fsatzes ist es jedoch nicht, den schon zahlreich vorliegenden Untecsuchuogen zur biograph ischen Verocrung des Bruchs zwischen Nictzsche und \'(fagncr, wie er von N ictzsche e:r.:emplansch im FaD 1V"({gller beschrieben worden ist, eine weitere Studie lunzuzufügen. I Vielmehr soll die grund.legende Ambivalenz in NielZsches Defin ition und ßewertung der dic(ldelUe als gesellschafclidlcm und ästlletischem Phänomen herausgeacbeitet we rde n. In d iesem Z usam mcnhang wird da rau f HO FtN"Iß Olt German Studies einzugehen sein, inwiefern der Begriff "dictJdelfU" von Nietzsehe ba1d im Sinne genereller kulnu:kritischec Polemik, bald 1m Sinne äsdlctischer WertschälZUrlg verwendet wicglschen BCCl1lch tungsweise, die dem im 19. Jah rhundert aufkommenden und bald vorherrschende n medizinischen Diskurs e ntspridlt. Dies zeigt, sich im Fa ll Wagner an der häufigen Verwendung VOll Vokabeln wie .. K ran kheit", >.,Verfall", Verderbnis" Infcktioll" die als Charak teristika zur Ileschrelbung von Person un'd" Werk ~"Va gners heu ngezogen werden. Die Gesanumverwandlung der Kunst in's Schauspielerische" gilt NietzSche ~Is Ausd.ruck physiologischer Degenerescenz 1. ... 1, wie jede einzelne Verderbnis und Gebrechlichkeit der durch Wagner inaugirierten Kunst" (NietzSChe, FaD IJI'o,gner26-21). Den Kompomsten selbsl nennt er gar .. un~ nevrose" (22),eine Neurose, die er als .. Gesaml1lterkankung« und ,,spättv:lt wld Überreiztheit der nervösen Masclunene" (23) charaktenslert. Und 111 NÜ/:t,}lM «mlra Wqgntrgelten ilun die ,,Fanatiker des Ausdrucks« als .. krank'< (428). Da die Oegenereszenz-Theocie der dCca.dence da s KunsLVerständnts L-- _ 144 Focus 011 Germ:w Studies Nietzsches grundlegend beeinflußt und zudem rur di.e Frage eincr m öglichen Überwindung der di&adma bestimmend ist, soU hier zunächst der medizinisch·psychologische .Juterdiskurs" (Link-Heer 47) des 19. Jahrhunderts in seiner Bedeutung für Nietzsche rekonstruiert werden. Das 19. Jahrhundert als Zeit des wissenschaftlichen, technischen und industrieUen Fortschri«s war, zumindest in seiner zweiten Hälfte, zugleich auch ein Jahrhundert der Medizin, die die zunehmenden physischen und psychischen Erkrankungen als Kehrseite des FortSchritts in den Blick nalu1\. Sie konstituierte sich als moderne experimentelle Wissenschaft und verband Physiologie, Psychiatrie und Neurologie zu einem Diskurs eigener Art (Link­ Heer 45). Spätestens seit den Forschwtgen Claude Bemards auf dem Gebiet der Physiologie, die Nie tzsehe gut kannte, dickten die vielfachen pathologischen E rscheinungen al s Gegenst~nd experimenteller Forschungen in den Mittelpunkt des Interesses. Der Fokus lag dabei auf E rkrankungen der Nerven, deren vielfache Funktionsstörungen und Schwächungen als unabtrennbar vom allgemeinen Fortschritt aufgefasst wurden . Doch hand elte es sich hie r nicht um eine Eigenart des m ed izini schen Spezialdi skurses. Vie lmehr kann die Disku ss io n pathologischer Erscheinungen aJs ein Paradigma allgememer Kulturkritik aufgefasst werden. Die zunehmend e chro nische Nervosität des JndMduwns galt als eine direkte Folge der gesellsch~ftlichen Veränderungen UIld stellte einen fndikator für den .. desordre socia1" dar, der als "maladie du siede" walugenommen wurde. Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung von Ps}'chiatrie UIld Medizin ist die im 19. Jahrhundert aufkommende D egenereszenz- 1lleorie, die zwar in ihrem gesarntgesellschaftlichen Entwicklungsmodell Krankheit und Gesundheit als untrennbare Antinomien des Fortschrins nachweist, die aber dennoch an der optimistischen Vision einer " Heilung" des Menschen mit den Mitteln der Medizin festhält. Im Jahre 1857 publizierte Benedict August Morel seinen Traiti des diginiresalltes Pl!JSÜJ1lts, intelkc/Ulllu l/ IIloraks, der als Gmndlagenwerk der neuen Degenereszenz­ Theorie aufgefasst werden kann. Nach den Vorstellungen Morels werden chronische Gei slesstörungen als Abweichungen vom .. cype primjrif< klassifiziert und konstituieren in ihrer Gesamdlcir eine E nrwicklung, die sich als direkte Gegenbewegung zur idealen Fortschrittsgerade auffassen Ambiva.lenz der dicmknce 145 lässt. Die scheinbar: unauflultsamc "decadence progressive« kann nur durch cinen radikalen Schnitt, durdl Auslöschung des degenerierten Individuums oder der infizierten Rasse au fgehaJ tcn werdcn (Link-i-leer 53-54, Mehnert n78). Die Auffassung von einer physiologischen Bedingtheit psychischer Erkrankungen wurde im Bereich der KriminaJanthropologie von Cesare Lombroso aufgegriffen, der der Argumentation jedoch eine neue Ridmmg gab. In seinen beiden Werken Gemo t jo/lia (1864) und L'J/oi/lo di gmio (1861) parallelisiert Lomhroso Genie und Wahnsinn als gleichwertige Folgen pathologischer Abweichu ngen , eine Theorie, d ie gerade im Alltagsbewusstsein der Menschen Spuren hinterließ lUld die Olll großer Sicherheit auf Nietzsches Vorstellungen von der Ambivalenz der dieat/em:t Einfluss genommen hat. Die entscheidende Umwertung in der Eiustellwlg gegenüber den pathologischen Begleiterscheinungen des gesellschaftlichen Fortsdu:itts nahm Jacques-Joseph Moreau in seiner Abhandlung LI P!JCbologie lllOrbiik (1859) vor, deren wesentliche Neuerung nicht in bahnbrechenden wissen scha ft lichen Erkenntni ssen , sond ern in einer veränderten WaJlO1ehmung der sogenannten .,Degenereszenz" besteht. Denn Morcau artikuliert in dieser Untersuchung seine unverhohlene Faszination fur das Phänomen der Nervosität, das ihm als G rundlage künstlerischer Artikulation gilt. Sowohl positive als auch negative Devmnze.rscheinungen werden hier auf die gemeinsame Grundlage eines .,etat id iosyncrasique" zurückgeführt, der sich sowohl in ErschöpnU1g und nervösen I rntationen als auch in gesteigerter künstlerischer Kreativität zeigen kann. So ist bei Moreau die Rede von einer .. ctrange alliance de la maladie du corps avec la grandeur de I'esprit " , in der Verfall serscheinungeIl des Körpers als notwendige Bedingung fu:r artistisches Raffinemellt wl(1 geistigen FortSchritt aufgefasst werden (zit. nach Link-Heer 57-59). Diese Auffassungen von einer unauflösbaren Ambivalenz physiologischer Degenercszenz kulminieren in Valentlll Magnans 189 1 veröffentlichten P{Jchialrisehell VOrlUlI fll,tII, in denen vier Arten von Degenerierten unterschieden werden Die intelligentere dieser Arten besteht aus den sogenannten .. degineres superieutS" , d ie im Gt!gensatz zu den übrigen drei Arten ihre physische Degcnereszcnz zu herausragenden intellektuellen Leisrungen zu nutzen wissen (Rasch,literam,/M dicadena 41). Zwar hat Nietzsdle Magnan nicht lesen können, da dessen Pgehia/rische Vorltsllllgtn erst nach dem Z usammenbruch des Philosophen in T urin am 146 FOQIJ on German Stud it:s 3. Januar 1889 veröffentlicht wurden. Doch stru krurell ähneln die VOfScellllOgen von uberlegenen Degenerierten Nier:zsches Vorstellungen von düadmJ.r. die ihre spezi6schen Fähigkeiten ko nsequent ausprägen und so die eigene ditadtnfl dialektisch überwinden. Auf dieses Thema wird an späterer Stelle erneut emzugehen sein. Ohne Zweifel hat sich Nietzsche jedoch mir Morel, Moreau und Lombroso ausclilandergeserzt sowie WJhelm Roux' Schrift Der Kompf der Thdle im Or.!f1niPtll4ulld Chades Feres Dit,inirtIcmct el mmiIJ(luti rezipiert (Lampi 226; Pfotenhauer 408). Wie auch immer die konkreten Beeinflussungen verlau fen sein mögen, fest s ie ht, dass N ierzsche das gä ngige Vokabu lar aus der Degenereszenz..1l1eorie übernommen und in seine eigene Theorie der diCiHk,ICI eingegliedert hal, nicht ohne es jedoch seinerseits einer kritischen Umwertung zu unter Liehen. lm F"'aIJ lVatntrist diese Adaption offenkundig. Doch SieHt sich die Frage, wie Nietzsche genau die Ambivalenz der ditmll1lte auffasst, und welche Wege er zu ilu:er Überwindung aufZeigt. Zu dJesem Zweck ist zunädlSt ZU klät-en, worin der im Fol1l17ogn(f wie in Ern homo mehcm:t1s betonte privilegierte Zugang N ietzsches besteht. Ausgehend \'On der Klärung der Frage, inwiefern sich N ietzsche selbst als diCOikn/versleht, 1St das Problem der Ambivalenz, das insbeso ndere auch mit dem Problem der Perspektivität in Beziehung gebrncht werden muss, in den Blick zu nehmen. In Eeet homo schreibt Nierzsche: "lch habe für die Zeichen von Aufgang und Niedergang eine fe inere Wirtecung als je ein Mensch gehabt hat, ich bin der Lehrer par excetlcnce hierfür, ~ ich kenne ßeides, idl bin ßeldes" (264). Krankheit und GesundJlcir stellen entscheidende Po le in N ietzsches existentiellem Denken da r, die jedoch nicht als sich ausschließende Gegensätze, sondern als perspektivische Begriffe vcQitanden werden soUten. Z udenl entdeckt N icrzsche, wenn von der Involvierthejt der eigenen Per· son dje Rede ist, eine dynamische Bewegung in der Überwindung dcr JICOikllrt. So schreibt cr ctwa im Vorwort zum FaI1 IV'at"er: " Mem grässtcs E rlebnis wac eine Genesung. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheilen« (12). EIße solche Genesung darf jedoch nicht als reme Abwesenhcit von StÖrungen ve.rsttnden werden. Denn sie liegt in der Krankheit selbst als deren di.alekoscher Gegenpol begründet und ist daher grundsätzlich 2uf diese :a.ngewiesen. So hetßt es in E(a: ho/nu: "Die vollkommene Helle und Ambivalenz der dicadtna 147 H eiterkeit selbst Exubecanz des Geistes { ... \ verträgt Sich bei mir nicht nw: mit cl; r tiefsten physiologischen Schwäche, sondern sogar mit einem Excess von Schmerzgeruhl. Mill en in Martern 1 ... 1 bCS2SS ich eine DWektikec-Kladleil par excellence und dachte Dtnge sehr kahbluug durch, zu denen ich in gesünderen Verhältnissen nicht Kletterer, mein raffiruen, nicht kalt genug bIO" (265). Welche Rolle Spielt aber dll;sc grundsarzliche l nvolviertheit in das zu untecsuchende Phänomen fü r N ierzsches eigene Person und seine Philosophie? [n biographischer Hins icht liegt eine Erklärung rLicht feen. Tm Jah re 1888 in dem Nierzsd\e seine hier t1 lcmatisicrten Spätwerke verfasste, war er s~hon de utl ich von der Krank heit gezeichnet, die zlile tzt z u m Zusammenbruch am 3. Januar 1889 In Turm führen soll te lind die von der Baslcc Diagnose als "Paralysis pCogtesSlvacc identiflzicn wur.de (Sa frnoski 330). Zwei felsolmc sind auch die veröffenwchten Schonen N ietzsches von dieser Krankheit beeinflusst worden; ob Nletzsch e sich jedoch selbst Rec he nsc haft über se inen sich zun ehmend versch lecIll e rnd e n Gesundheitszustand gegcben hai und die Reflexio n daruber 111 seine Schcinen hat einfließen lasscn, b leibt o hne eine genaue Analyse der N(1ChtllasSlnelt Ffnglf1enu wie der spiten Boefe Nierzsches reIße Speku1ation. Er trag reicher erschemt demgegcnuber e loe syste matische Perspektive, die die GnlOdbgen emer als eXiStentiell zu bezeichnenden Form des Philosophierens in NielZSChes Schriften selbst auf\l.'eiSL Eine solelle Perspektive ist von der Fo~chungslltecatur des öfteren gewählt worden; ihre Ergebnisse, die unter den Scichwortcn "Nlhilismus« und "Perspektivismus" bekannt sind, sollen daher nur kurt. skiZZIert werden. Der Nihitis1l1uS ist für Nictzsches Auffassung von der Mocal konstiultiv. \~/enn alle bisherige Mo cal nur ein Ausdruck des Nihilismus der Massen ist (so Nietzsches Position in der GlIltlllof,ll derMoro~, dann Ist deren Zerstönlllg eine notwendige Voraussetzung für die Einrichtung einer nantrhchen, VOll Ressentiment freien Moral. Damit bleibt Nletzsche dem PnnZip einer grundsätzlichen Destruktion derabendliindischen Moral vecbunden, o hne jedoch eine befriedigende und voc allem im Laufe der Entstehung seines We[ks konsistente Antwort auf die Frage nach der ßeschaffenheit der gefo[derten Moral geben zu kö nnen Damit hängt unmittelbar das Prob­ lem des Perspektivismus zusammen.: wenn es keUlen absoluten Standpunkt gibt, von dem aus übec Wahrheit und Falschheit befunden werden kann, so iSI auch die EinDchnmg emer lctztgulogen Morn! Ru Nlerzsche ein philosophi sc hes Unding. Se in Plidoyer fü r e inen reflektierten 148 Foms 0/1 Germ:m Studies Perspektivismus bringt jedoch mit sich, dass die Einnchtung eines phJosophischen Systems, das eine übet die je eingenomme.ne Perspektive hinausgehende Wahrheit zu artikulieren beansprucht, für Niettsche den Ausdruck gerade eines Mangels an Willen zuc Walu:heil darstellt "Ocr WiUe zum System ist ein Mangel an Recluschaffenhe.it~Wagnern den Rücken zu kehren, war für mich ein Schicksal; irgend etwas nachher wieder gern zu haben, ein Sieg. Niemand 'War vielleicht genhclicher mit der Wagnerei vecwachsen,. niemand hat sich härter gegen sie gewehrt, niemand sid, mehr gefreut, von ihr los zu sein" (11). In diesem Sinne ist dJC Polemik gegen Wagner auch als eine impliZite Selbstkritik Niettsches aufZufassen. Wenn er fo lglich betont ,,Aber wir Alle haben wider Wissen, widet: Willen, Wenhe, Worte, Formeln, Moruen entgegengesetzter Abkunfr 1IJ1 Leibe« (FaD Wagner 53), so eröffnet sich ihm in der Selbstreflexion ein Dlickpwlia, der Diskontinuitäten in der eigenen Einstellw-.gzeigt. Niettsche e rkennt die Unklarheit in sich selbs t, die ihm a ls " ln stlnkt ­ \"X/idersprüchlichkeit« vor Augen tritt. Und darau s ergib t sich die unmissverständliche Selbstkritik: .. [ .. . ) wU: sind physiologisch betrachtet, fulsch [ .. .)" (53). Doch darf diese Stelle, Ul der NtelZSCbe den selbstkritischen Gehalt seiner Invektiven gegen Wagner exphziert, nich t als Zeichen intellekrueller Willkür gedeutet werden. Denn ihm ist bewusst, was er überwunden hat, und dass es der Überwindung wert war, steht für 11m außer Frage. Doch ebenso deutlich bleiben die Spuren dessen bestehen, uras er runter sich gelassen hat. Vor d iesem Hintergr und elOer exis tentieUen I nvo lvienheir Niet:zsches in das Philnomen der dicadence stellt sich die Frage, in welcher Weise Nietzsche nicht nur sich selbst als einen dltadenl bezeichnet, sondern inwlefem er "dicadenet" grUfldsät2iJch als ein ambivalentes Phänomen auffasst Im Folgenden sollen daher die verschiedenen Perspektiven edäuten werden, unter denen Nietzscbe d ie "dtcadencl' thematiSiert Z iel dieser Betrachrung ist es deutlich zu nuchen, dass Nietzsche zward ie Ambivalenz der "kotienet betont und ihr in Abhängigkeit von der eingenommenen Perspektive posi tive als auch negative Eigenschaften zuschreibt, dass er aber dennoch rucht der Willkürlichkeit einer inkonsIStenten Bewertung Ambivalenz der dicadtna 149 anheimfallL Vielmchr soll gC'.lcigt werden, dass jede Perspektive von NielZsche klar gesehen und gegen andere Perspektiven abgegrenz1 wird . Obtf1l1HWIIIl, der 'dicadenre' Die bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass "dicadellce" bei Nlet::zsc:he sle ts als ein polarisiere nder Begriff verslanden wird, der da~ ~u untersuchende Phänomen unter versch.iedenen Perspektiven kontrastiv m den Blick nimmt. Dabei werden traditionell-pejorati\'e und aktuell­ aufwen·code ßcdcuwngcn des Begriffs d ialektisch nutclIlandcr verschränkt. Einen ncutra1en Begriff der di,aden" kann es daher nidl[ geben, so wie ruf NietzSChe auch keine ,interesselose' Kunst möglich ist. Es bleibt jedoch zu untersuchen, in we1cherßeziehung die verschiedenen Perspektiven zueinander stehen und wie sie gegeneinander abgewogen werden. Die clltScheldende Frage ISt in diesem Zusammenhang, ob NielZsche die divergierendco ßewenungen der dicaJlIlce bloß unverhunden kontrastiert oder dynanusch miteuunder:\'erschrankL Diese Frage stellt sich besonders Im Hinblick auf eine möglidle ÜberwIlldung der r!icaMflce, die N,elzsche wiederholt dlC013.usiert und die zugleich die syslematische Relevanz seiner Ausführungen markiert Im lu hmen der Kritik Nlctzsches an der Jicadmce ISt die Frage der Überwindung zunächst auf einer organizistischc.n Ebene zu situicrctl. Denn Nietzsche weiSI der dirmlenct eine spezifische Funktion rur die Gesundung des erkrankten Organismus zu: "Die Krankllelt selbst luilO ein Sumuhns zum Leben sein: nur muss man gesund genug für dies Stimulans sein!" (Fail IWogner 22). Die Voraussetzung zur produktiven lndlenstnahme der dicmlenu, "dass man im Grunde gesund ist" (Nicrzsche, Ecce homo 266), sieht der Plulosoph bei Sich selbst gegeben.: "Als summa swnJllUUlll war ich gesund, als Winkt!!, als Spezialität war ich decadcnt" (266). Wenn Krankheit fo lgltch durch eine zugrundeliegendc Stabll.ttät des Organismus gestürzt Wird, kann sie dem Wachstum des Ganzen dienen . Eine Überwindung der dicadena ist III diesem SUlJ1e kawl1 als aktive Leistung des Individuums zu verstehco. Eher handelt es sich lun ein 1endenziell statisches Konzept, das die dicot1ence an eUlen von ihr gnlOdsätzhch unabhängigen Gesund heitszustand des Orgalllsmus zucuckbll1det. Dabei nunmt die Krankheit eine genau bezeichnete Stelle in der Ökono mie des Körpers , m, Wenn auch ein solches statisches PrinZIp eine OIchl zu 150 FocJlS 011 GerDl:HI Studies unterschätzende Rolle in NielZSches Philosop hie spielt, so ist doch ein anderer Ansatz von größe rer systematischer Bedeutung. In dieser vecänderten Perspekrive verwendet N ietzsche ein dynamisches Konzept der Gesundung, das deren Prozesscharakrcr betont. Eine mögliche ÜbcCWtndung der di(otkntt hat in diesem SUlne die Einrichtung ei nes sele.ktiven Pnnzips oder eines fiihrenden Instinkts zur VOcauSsetzlUlg, der der .. lnstinkt-Doppelzüng.gkeit" (Nierzsche, FaU IVogner 51) ein Ende bereiten kann . D Ies ist die Verfahrcnsweise des " wohlgera thenen Menschen": .,Er sammelt instinktiv aus Allem, was er sieht, hört, erlebt, seine Summe:: er is t ein auS\vählendes Prinzip, er lässt vicl d urch fallen" (51). Eine derartige: .,fetnere Selbsllgkeit« (283) bereitet die Überwi.ndung der tlicamnaauf einerphysiologisdlCll Ebene vor. Sie fiihct den Philosophen zu dem zuriick., was klassisches Denken stets zu übersehen neigte: richtige Ernährung. zuträgliches Klima sowie angemessener Lebens.::llyUunus. Del:Ul der wahre Physiologe weiß: "d,iesc kleinen Dinge [ ... ) sind ltbecalle Begriffe wichtiger ab Alles, was man bisher wichtig nahm« (295). Der Idealtypus eines menschlichen Wesens ersd12fft sich selbst in einer Synthese seiner besten Kräfte. So schreibt NIC~tzsche über Goethe: "Was er wollte, das war Totalität; er bekiunpfte das Auseinander von Vernunft, Sinnhchkeit, Geruh!, Wille [ ... 1 er disziplinine sich zur Ganzheit, er schuf sich« (FaD rJYat"lr 15 t). Die Reorganisation des Organismus fuhrt zu einer neuen Totalität: em solches Fazi t ließe sich aus N leczsc.hes entspredlenden Ausführungen ziehen. Und doch entwickelt N letzsche ein alternatives Ko nzept von Ge­ sundheit und Genesung, das radikal mit der oI:ganistischen Haltung beicht und die Bewertung der ditodenfe entS(;heidend modifiziert. Der zentrale Terminus d ieser Perspektive ist "Überfülle" oder "Zuviel an Kraft" (vgl. besonders Nierzsc.he, FaD IPa,gner 52,57; Ecce hOI//o 3 11, 336-339, 343). Ocr F luchtpun kt de r E ntwicklung Is t nun nic ht me hr e in au to no mer Organismus., sondern im Gegenteil das Aufbrechen einer solchen To talität durch "Überfluss von Kraft'C (Nietzsehe, Em homo 343). D as Z uviel von Kraft neg.ert dabei alle Grenzen und Besch ränkungen: "leh bin kein Mensch, ich bin Dynamit" (365), wie NietzSChe sich se1bsl" dlarakterislert. Gesundung ZIeh in dIesem Smne nicht mehr auf die Einrichtung eines optimalen Organismus ab, sondern auf die Überwindung noch dieser Grenze durch "vollkommenes Aussec-sidl·sem" (339). VoraussemlOg ei.ner solchen dynamischen Bewegung ist ein .. triumphierendes Ja zum Leben" (Nierzsehe, GötzeN.DömlJllolnJ 158) als E inheit von Posirivirät und Ambivalenz deI: ditodence t 5 t Zerstörung. . . In dieser AuOlcbung von Grenzen ko nunl der duatkllCt eUle eigentümliche Bedeutung zu , welche am Begriff ~es >:Rausc~es" excmplifiziert wcrden kann. Die Idee des "Rausches« spIelt ~It der Geburt dlrTmtfidieauStkm GdJtukrMlIJlkvon 1872 eine zentrale Rolle Ul N letzs~:hes Denken. So heißt es etwa in der GÖLzm·DiitHlHenmg prägnant "Damll es lrgend eine Kunst giebt.. damit es irgend ein äSthcrisches TImn und ~hauen giebt, dazu ist eUle physiologische Vorbe~ingung unll~,gän~hch: der Rausch" (116). Wenn nun Niel:2SChe an gleicher Stelle lunzufügt: " Der Rausch muss erst die En:egbackeit deI: ganzen Masch ine gesteigert llaben: eher komJlll es zu keiner Kunst" (1 16) , so lässt d iescr Kommentar den Intequ eteo aufmerksam. werden. Denn .. E((egbarkeit'~ und .. ~~s~hil.le" slOd Zentralbegriffe des zeitgenössischen wissenscl13fthch-medlZlOlschen Diskurses, die das I mpcägnieren der Modeme in den deka.d~nte~l ~q)er charakterisieren. Inde m Nietzsche nun diese Tcr mlnl nut einem Gmndbegnff seincr eigenen Philosophie " erbindet, veriindert er die Bcwerrung deI: t/iuuk"a radikal. Die "Erregbarkeit". als ein. P(od~kt der dirmllllastell t nun gerade die Mittel bereit, mit denen d ie organische lotahtat aufgebrochen werden kann. Dass ein solches Aufbrechen von den Mitteln deI: ditadU/ce ermöglicht wird, ist Ul einer weiteren Hinsicht relevant. So schI:eib t NictzSChe in der G(jJ~n.DÖlllllltnmg. "G1'osse Manner sind WIe grosse Zei ten Explostvstoffe, in denen elOe ungeheure Kraft aufgehäuft ist; Ih re Voraussetzung Ist inuncr, histo risch und physiologisch, dass lange auf sIe hin gesanunclt, gehäuft, gespart und bewahrt worden ist, - ~as~ lange kC1ne Explosion srnttfund« (145). Das Genie entsteht denlZUfolge Ulelner Spä~l, die durch d ie l..atenzder Explosio n gekennze.idmct ist: es beruht auf Clfler SammllUlg von ßnerglc, welche allein den Ausbruch ermöglicht. Einen solchen Ausbruch SIel" NietzSChe als "Verschwendung eines allzureichen I Lerbstes" (Eete homo 254). Es ist zu bedenken, dass Nietzsehe jenes "Zuviel an Kraft" radikal von Wagners bloß theatralischer GeSte der Größe untersche idet. Stattdes~ß beruht es au f emer ,·erfeinerten ästhetischen \Valunehmungsf.illigkelt, wekhe deOl Detail einen neuen Wert zuerkennt Wenn man zudem beachtet, dass Nletzsehe \'On sidl selbst sagt: "Ich bin eine Nuance" (EeCl homo 362) und d tese Eigenschafr der dekadenren Verfeinerung z.uschreibt: ., jene Fi.ligran-Kunst des Grei fens lind Begreifens überhaupt, jcne Finger für Nuances r ... J ward damals erst erlec'Ot, ~n derJ Zeit \ll der sich Alles bei 152 FO(1(J on Gernun Studies mic verfeinerte« (326) - so wird deutlidl, dass die dicadence erst den Sinn für die Nuance bereitStellt, der dIe Überwindung d es Ganzen möglich werden lässt. Dicadence is t danut zur gleichen Zeit sowohl ein Phanomcn, das überwunden werden muss, als auch das ~{ittel zu dieser Überwindung. Damit hängt sie aber auch 10 elOer entscheidenden Hinsicht mit Nietzschcs Konzept des Übermenschen zusammen. Denn auch der Übermensch stellt weniger die VerkörpeCUtlg eines höheren \'lesens oder einer erneuerten Kontinuität dar als jene überfließende Kraft selbsL Da es in der Natm dieser Kraft liegt, inkonstant zu sein und ihre eigenen G renzcn zu überschreiten, verschwendet sie sich selbst. lnfolgedessen sieht NietzsdIe die dicatknct nicht nur als Vorbedingung für die Entstehung eines " höhercn Typus" an, sond ern zugleicb auch als dessen unvermeidl iches Resultat: " Die Gefuhr, die in grossen Menschen und Zeiten liegt, ist ausse:rordentlidl; die Erschöpfung jeder Art, die Sterillti t folgt ihnen auf dem Fussc" (Giitzen­ Dämllltrunl. 145). Der UberOlensch ist das Ende des Menschen, aber er hebr zugletch auch sich selbst auf. Denn auf den Exzess der Kraft folgt eine Degeneration der Nerven. "die absurde Reizbarkeit der Haut gegen kieme Sbche" (Nieczsche, Ecce homo 342; Hamacher 175). Im Verlauf der vorliegenden Untersuchung ist deulLidl geworden, dass die genwne Ambivalenz l1l Nietz.sches 111eorie deI" tJicodtnct weder einer begri fflichen Unklarheit entspringt noch aber auf eine einzige konsistente Perspektive als gemeinsamen AuchlpWlkt der verschiedenen Ansätze reduzien werden kann. Die Rekonsttuktion der divergenten Argumentationssttategien hat vielmehr gezeigt, dass in N ieezsches Aussagen eine polyvalente Struktur vorherrscht. Dabei wird die Affirma tion des o rgarustischen Disb.llcscs mit jenem explosiven Moment konmstien, in dem der Text gleichsam sein eigenes Funktionsprinzip ~,dekonstrujeTl«. Das Resultat is t eme po lare Spannung, d ie Nietzsches Philosop lllc grundlegend charak terisiert und die von ihm selbst als solche erkannt und explizien wo rden ist. Ullivmi!} of Cincim//l/i Ambivalenz der dl,atknet 153 Anmerkungen IVgl. zu diesem Thema exemplansch folgende Untersuchungen: Baumeister, Thomas: .. Stationen von Nlensches Wagner-Rezeption und W3gnttkntik". NitlZTdJeSluJie" 16 (1987). 28S-109; Borchmeyer, Dleter undJörg Salaquatda. Iig. Niel?!cbt lind Wqglfu. Stallontn alfer eptxhaklf Bft"lI"g. Frankfun am Main: Insel, 1994; F'lSCher+DJeSkau, Dietrich. Wtf/lltrllnd NÜltfche. DtTA!JJ~ lI"d Jein AblfiJnnigtr. Srungart: dtv, 1974; Stelen, ll\omas. Hg. " Der Fall Wqgner". Urrprünge lind Fo(gen «1" NitlZu/Jtl IVqgllu- Krilik. Laabe.r: Laaber-Vedag, 1991. Li lera UlI"ver.lcich IUS Bauer, R.oger. ",Decadence' bei Nien:sche. Versuch einer Bestandsaufnahme". Literory Thtory olld Crititism. Hg. Joseph StreIk S em: Peter Lang, 1984. 35 .. 68. Bourget, Pau!.. .. Theorie de la decadence." EuoiJ Je p~t &Onrtmporoille.. Pans: Alphonse Lemerre, 1883. 23-32 Calinesru Mate. Fi~ Fam f!! ModmUt1. Durham: Duke U P, 1987. Ft:re, Cha:rle:s. Dpiroctllu tllTimilllJiilt, UJtIl physio/tJgique.. Pans: ß;ullien;. 1888. 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Giorgio Colh und Mazzmo Montman. j\-{Linchen: dtv, 1999.255-374. - - -. Gebu,! ~ T~t. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe Bd. I. Hg. GIOtgiO Colh und Mazzino Montinari. München: dtv, 1999.9- 156. - - -. Gotze~.D~mfflly.. Sämtliche Werke. Kritische Srudienausgabe Bd. 6. Hg. GIOtgiO CoIII und lo.bzzino Montinari. Miinchen: dtv, 1999. 55-161. - - -. N(1chgelasmeFragmenle 1882-1884. Sämtliche Werke. Kritlsche Studienausgabe Bd. 10. Hg. Giorgio Co!!i und Mazzino Montinari. München: dtv, 1999. - - -. Nitli!~ ",-"'rn W~ner. Sämtliche Wecke. Kritische Studienausgabe Bel. 6. Hg. Glorgta CoUi und Mazzino Montinari. München: d rv, 1999. Pfotcnhauer, Helmut. "Physiologie der Kunst als Kunst der Physiologle". NidzsclJe. SIl/(lien 13 (1984): 399-4 1l. Rampley, Manhew. Nietzr(he, A eslhtlit1 al/d Moderni!!. Cambridge: Cambridg' U P 2000. ' Rasch, Wo lfdietrich. "Die D arstellung d es Untergangs. Zur lilerarischen decadence." Jahrbuch der ikNJsdxll StfJllk7,esdlsdJqi (1981): 414-34. - - -. 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Interpretationsvccsuche iiber den Charakter Gahmurcts gingen meist d avon aus, dass eine typologische Beziehung zwischen Vater und SaM anzunchmen ist. In dieser Forschungsnch tung muss Gahmuret Q prion als ein defizitärer Typus aufgefasst werden, damit er den überlegenen Typus Parzival prä figurieren kann.J Dicse SidHweise resul tiert d arin, dass eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem Vater: Parzivals nicht mehr möglich ist. Deshalb do miniert in der Forschungsliteratur das Bild d es unreflektiertcn (Haug 2 13 und Francke 409), impulsiven (Francke 409 u nd Cucue l 62) " man of ac tion" (Kratz 192). Gahmuret gi lt al s "Kraftmensch" (Cucuel 61), der von seinem Tatend rang bestimmt wird (Kratz 200); ein "Nattukind, d as sich [ .. _] unmittelbar von der Macht semes Geflihls und sein es Begehrens leiten läßt" (Cucuel 61 ). Gahmurel sei "one­ dimensional" (Francke 410) au f seine Ritterschaft "als naturhafte Anlage" (Ortmann 669) ausgerich tet. In ihm sei der "Ritter vom alten Sch lag" verkörpcrt,der auf ciner Ebene mit dem "uncomplioted juvenile wacrior­ hero o r athle te o f all times and p laces" (Kratz 194) stehe. Zuletzt hat ihn Walter Haug aJs c inen ,,\'Orhöfisd lCJl Typus" aus der CIJoflSon de .gtsle-Tradi­ n on beschrieben, in der das Mo tto "der Stärkste bekommt die Schönste« leitend sei (20-1). Heiko H ar: tmann ste ll t sich in seinem Kommen tar zum zweiteIl Budl des Parzit'tJ/ gegen ein typo logisches Verständnis: .. Gahmurc[ wird von An fang an als Ritter o hne Fehl und Tadel dargestellt. fI,·fehr noch: Er