Focus 2002.tif 154 FolUJ Oll Germ:w Srudies f'bitloirt, OU, De I'i'!flumce t0 fl ivroparbin Jur k 4Jnamitme inteUutuel Paris: V. Massan, 1859. MolX~ Benedict August. T ruiti du digittiruanm fJl!ysiqueJ, inlt!iutJu!iu tl !1Iora/a tk l'eJpke hl/J'l1aine et des avlSU qui produiJtnt m mriitis !1Ialadivu. Jl,.:tris: Bailliere, 1857. Nietzsche, Friedrich. I?"' ~ 1J7~l/er. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe Bd. 6. Hg. G1orgto Colil und to.fazzino Montinari. Munchen: dtv, 1999.9- 54. - - -. Ecce homo. Sämtlicl~e \Verke. Kritische Srudienausgabe Bd. 6. Hg. Giorgio Colh und Mazzmo Montman. j\-{Linchen: dtv, 1999.255-374. - - -. Gebu,! ~ T~t. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe Bd. I. Hg. GIOtgiO Colh und Mazzino Montinari. München: dtv, 1999.9- 156. - - -. Gotze~.D~mfflly.. Sämtliche Werke. Kritische Srudienausgabe Bd. 6. Hg. GIOtgiO CoIII und lo.bzzino Montinari. Miinchen: dtv, 1999. 55-161. - - -. N(1chgelasmeFragmenle 1882-1884. Sämtliche Werke. Kritlsche Studienausgabe Bd. 10. 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Par.t:ivals :redegewandter Vater: Zur Einschätzung Gahmurets lind der Auszugsszene (4,27-13,8)1 An ja Becker rm Wolfram lässt seinen Po"?!t'(1! mit einer ausführlichen Vorgesdlichte llII beginnen, in deren Zentrum Gahmurct, der Vate r des ProtagonIsteIl. steht. Da diese beideo Bücher keine Emspredmog bei Chreoen haben, müssen sie als originale Schöpfung Wolframs verstanden werden.1 Weml es nicht um einen Nadlweis m öglicher Quellen ging, h.-u sich dic Forschung meist mit der Frage beschäftigt, welche Bedeuruogdieser Auftakt für den gesamten Roman Ufld besonders für die Pa!Zival-Handlllng hat (Hartmann 394). Interpretationsvccsuche iiber den Charakter Gahmurcts gingen meist d avon aus, dass eine typologische Beziehung zwischen Vater und SaM anzunchmen ist. In dieser Forschungsnch tung muss Gahmuret Q prion als ein defizitärer Typus aufgefasst werden, damit er den überlegenen Typus Parzival prä figurieren kann.J Dicse SidHweise resul tiert d arin, dass eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem Vater: Parzivals nicht mehr möglich ist. Deshalb do miniert in der Forschungsliteratur das Bild d es unreflektiertcn (Haug 2 13 und Francke 409), impulsiven (Francke 409 u nd Cucue l 62) " man of ac tion" (Kratz 192). Gahmuret gi lt al s "Kraftmensch" (Cucuel 61), der von seinem Tatend rang bestimmt wird (Kratz 200); ein "Nattukind, d as sich [ .. _] unmittelbar von der Macht semes Geflihls und sein es Begehrens leiten läßt" (Cucuel 61 ). Gahmurel sei "one­ dimensional" (Francke 410) au f seine Ritterschaft "als naturhafte Anlage" (Ortmann 669) ausgerich tet. In ihm sei der "Ritter vom alten Sch lag" verkörpcrt,der auf ciner Ebene mit dem "uncomplioted juvenile wacrior­ hero o r athle te o f all times and p laces" (Kratz 194) stehe. Zuletzt hat ihn Walter Haug aJs c inen ,,\'Orhöfisd lCJl Typus" aus der CIJoflSon de .gtsle-Tradi­ n on beschrieben, in der das Mo tto "der Stärkste bekommt die Schönste« leitend sei (20-1). Heiko H ar: tmann ste ll t sich in seinem Kommen tar zum zweiteIl Budl des Parzit'tJ/ gegen ein typo logisches Verständnis: .. Gahmurc[ wird von An fang an als Ritter o hne Fehl und Tadel dargestellt. fI,·fehr noch: Er 156 FotUI on Germ :w Srudies ist der Inbegriff vorbtldlichen Rittertums und wird auch in der Parzival­ Handlung immer wieder als positwcr Vergleichsmaßstab aufgerufen" (400). Auch Elisabeth Schmid verweiSt auf den .. Nachruhm'c Gallmucets, der sIch durch das weitere Werk zieht (181). Diese Interpretationen zielen in eine RiclllUng, die eine di fferenziertere Auseinandersel2Ung mit Parzivals Vater eröffnet. Icll möchte im vorliegenden Auß:atz zeigen, dass Gahmuret nicht nur durch Erzählerkommentare als herausragender höfischer Rilter dargestellt wird, sondern sich bereits in der Einga.ngsszene als ein solcher im kommunikativen Handeln ausweis t. Icl1 werde die These aufs te llen , dass er die Regeln der hö6schen Rede meisterhaft beherrscht, weshalb die E inSChätzung seines Charakters eine D ifferenz ierung erfahren muss: Gahmuret ist nicht nur der von Kamp f und l\ti.nne bestimmte Held, sondern auch ein gewandter Hofmann. Es ist bezeichnend, dass das Interesse der J nterpreten f2St ausschließlich auf dte inhaltliche Seite der Auszugsszene gerichtC[ ist. Emzig David Blamires reflektiert darüber. dass d ie Einführung GahmurelS in Form eines Dialogs geschieht "The irltroduction of Gahmucet into (he poem is tnade deeply significam through the fac t thac he presents himself in his own words - an obvious example of immeti!:lIe. personal charactenza­ tio n« (49). Die erste Siruation~ in der wir Gahmuret vorfinden, ist kein ritterlicher Zweikampf (wie es fiireinen vorhöfischen Rluectypus eigentlich angemessen wäre), sondem wir erleben ihn in einem Gespräch vor der Öffentlichkeit des Hofes. Diese Feststellung ist keineswegs trivtal. Sie ist umso erstaunliche[, bedenkt man den weitgehend zeichenhafren Charak ter der höfischen Konununik2tion im MirrelaheL Bei öffendichen Anlässen ,.dominienen demonstrative Verhaltensweisen, Rintale und Inszcmerungen - es wurde mehr gezeigt als ge[edet" (Althoff 11). Die dialogische Rede d er Briidec ist somit in einen rituellen Handlung52blauf eingebunden. Wäre es Wolfram nur: darum gegangen, einen Anlass fü r Gahmurets Auszug zu finden, so hätte er auf die DIalogform ver.iachten kö nn en . ''('elche zusätzliche Flmktio n kö nnte das Gespräch zwischen den beiden ßriidem haben;>4 Im ersten Schrin des Aufsatzes werde ich den Hi.ntergrund der Regeln h öfiscllen Sprechens an hand von didaktischen TeX[en d es Mittelalters darstellen, vor dem ich dann Im zwei te n Schritt die Auszugsszene eingehend ana lysiere. Zie l ist es, die Stra tegien der Puzivals redegewandter Vater 157 Gesprächspartner herauszuarbeiten. I m letzten Schon werde ich eulige Thesen zum Verhältnis der Einga.ngsszene zum Rom:\nganzen andeule~. Helnllit Brall hat den Anfang des Parzuulals .. Schlüssel zum Verständrus des Romanganzen« bebrn ffen (1 56).~ Metne These 1S[, dass Im -l1\cma des hö fi schen Sprechens ein Schlüssel zum Vecständnis der Auszugsszene und des Romans liegt. . . . Im D enken des M ittclahers ist die AnSlclll welt verbreitet, dass ein Zusammenhang zwischen äußerer Erscheinung und lIlIlerCt Einstellung besteht (vgl Bumke, Moderne.s Mittthlltr 70-71). Jaege~ weist n~, dass dieser Gedanke bereits bei Cicero formuliert wurde: .. Cicero had s3.ld that there could be no hont.SJaJ If mtDrwn was not prcsent, ~Ifld t113.t every act of t/.erotlillJ nunifcs t"cd hOfle.sJal' (147). Es liegt also eine doppelte ßeein~ussung vor: lnneres (z.B. mos:alisc.h-ethisc.he Wene) strahlt nadlllußen, und ~ßeres (z.ß. K1eid Wlg, Gesten, Tischsittcn, Spracl\e) foc.mt das I~ne(e : .,1 hc 1\0- tiOll tl1at a courtly eduOiuon tUßes and harmolUzes the UUler worl~ and that Ihis mner harmony comes form tIl graceful elegant nWUlecs 15, we might say, the ethical foundation o f courtly brecding. ~hl, roill/(, e/t.!fI'ftia ,mn/I"- Oaeger 148). Die Regulierung der Sprache nimmt in den Ho nehren d~s ho hen Mittelalters einen breiten R..aum ein. Sowohl Hugo von St. Vlkto r tn semer Schnft Oe illJlllu/iOllt 1I0/.11l0null als auch TIlomasin von Z irklaet:e i.n Der rt7äluhe Gar/ legen großes Gewicht auf das angeme ssene Sprechen, weil sie dann das hö fische Wesen manifestiert sehen (vgl. ßumke, Aloderlle.s Milleldter 72-73 und De insti/u/lom 1I0,i/jOnllll 935-36). Wese.ntlidl schein t die Spcache am I Tof durch die Tabuisierungdes AII~ghc~en und Niedrigen geprägt zu sein. Alles. was sich am Hof rucht Ziemt , Ist ~ vern~~ld~l. Auch vor zu großer Geschwätzigkeit warnt Hugo von St. Viktoc. Fur Ihn ISt es WIchtig. dass man ginschätzen kann, wann m:tn sprechen soll U1~d wann rucht.6 Außerdem solle mit maßvoller, demutiger Gebarde und tn gedämpfter Lautstärke gesprochen werden. Oie Rede ~lIe von . einem fn."UndlidlCll, galant-witzigen Ton getragen werden. T ho IllaSIJl von Zttklaere fasst dIese Regel il1 eine. Sentenz: ,.swer zu hove wesen sol / dem Zlllle t vreude wol" (Der ll7ä4rht GasIS056-57). . E me exponierte Stellung in der hö fischen Reglerncooerung de[ Sprache IUfll mt das Verbot d es Selbstlobes ein: .. höresch sein bedeutet auch, Selbstdisziplin zu uben, Sich nicht zu rühmen und mit Erfolgen bei Frauen zu prahlen, sondern in aBeu Dmgen eher zu unterll"e il>Cn Wl~ zu:.mndest nach außen immer heiter und hot'tlithlll MdJ.!,l!JlOlll zu e(schelnen (Ganz 158 Foms Oll Germ:.m Studies 49). T homasin von Zirklaere schreibt " dar umbe sol ein ieglich IllllO, / der hüfschiu dinc erkennen kan, / vor ruo m sm vii wal behuot", und er nennt Selbsdob .,dill meiste schalkeit" (Der Wöts.he Gast 23 1-233. 225). Insbesondere das angemessene. anständige Reden, das untcr die Begriffe np/WlI, duonun ge fasst wurde. zeichnet einen höfISChen Sprecher aus. Diese rhetoOschen Tugenden haben aus der Antike (vor a1lem von Cicero) E ingang in die Erziehungslehren des fv(inelalters gefunden (vgl. ]aeger 127-75). Barbaca Bauec de6nierc das tkCOflUIlalS einen "rhetorischeln) Terminus für das ausgewogene Verhältnis einer Sache zum Ausdruck fur sie oder zwischen einem Redner, seinem Ziel, der darauf bezogenen Rede und der Redesituation" (115). Jaeger weist darauf hin. dass dem dtCOrtl11J zunächst bei Cicero und später in den didaktischen Texten des Mittelalters neben der rhetorischen aucll soziale Bedeutung zugesprochen wurde. Das angemessene Reden und Handeln zielt auf eine Kultivierung der Sitten, die sich in einem geradezu ästhetischen Verhälwis der Menschen untereinander äußert: In stunming up tk(omm, Cicero points to an equation that under­ lies mudl of his thinking on the subject and is e vident in his vo­ cabulary: the similicude of dt(Oro/l1 in ffiallners with proprielY and elegance in speedl. JUSt as an oratOr trims and shapes his o ratlon intO an ordered, balanced uni lY, so also the guidance o f one's life and dealings with o thers can be shaped and ordcred, structured aesthetically. Oaegec '11 TJ fn der fo lgenden A.nal yse der Auszugsszene mäch te ich vor dem H intergrund der didaktischen Literaruc zur Sprache des H o fes eine Neubewertung des Charakters Gahmurets versuchen. Die Gahmuret-Handlung der emcn heiden Buchet in Wolframs Pmzilulbeginnt mit einer hochgradig brisanten Situation. Der König Gandin ist im rirterlidlen Kampf gestorben (vgl. 5.28). Als Anwärtecauf die Krone seehen sid1 die Brüder Galoes und Gahmuret gegenüber. Wolfram macht deutlich, dass im Königreich Anschouwe das PcimogenilUrredu gil t (vgl. 4.27-5, 21). weldlcs besagt, dass alle Besitztümer und die Herrschaft au f den ältesten Sohn iibergehen.6 Gahmuret, der zweite Sohn, "verlös sus bürge unde lan(<< (5, 24); er is[ enterbt, und alI sein Besitz jS[ ihm genommen. GallmUCet muss in dieser Situation um die materielle G nmdlage seiner &istenz füochten.' Da er als gerade Enterbter selbst keine Anspriiche stellen Paeziva!s redegewandter Vater 159 kann, ist er auf d ie Fürsprache anderer bei seinem Bruder angewiesen. Die feierliche Erhebung Galoes zum neuen Kömg über Ansdl0uWC eröffnet die Handlung des ersten Buchs. Galoes hat die Fürsten und Lehnsherren zu sidl gerufen, ninmu ihnen ihr Treueversprechel1. ab und erneuert ihre Lehen. D ie ersten H andlungen des "euen Kömgs smd besonders bedeutend: Er muss sich vor der Kulisse der vecsanunc.Jt'cn H ofgesellschaft zum erSlen Mal in seinem Amt bewähren. Es ist wichti~. den ö ffen tl ichells und hoch offiziellen Rahmen der Szcne zu belonen. Es " " 00" h U""b bed f"f . - -ft,sondecnu1ll geht mcht nur um eme sym uSC e erga er er:M:llii ._ . die Begründung der Machq)ositio n des neuen Körugs. Schlagt Sie feh l, droh t eine Eskalation hin zu einer kriegerischen AuseinandcrsetzlUlg und " d " d 0.'1 1 l\e" 1 (B-111 55) Indiesecohnehin In exlrtlllll!JI as Ause1l1an en -.u CIl ( es IC lS ~"- . "" Lag k"" d """ B d · , d"" gerade alles scho n sehr prekaren e ver orpert er lungere ru ... , . . . .. Cd G~' d d s Gclmgens der genommen worden ISt. eme zlisatzu le el .... lr tmg e Königserhcbung. Wenn Gahmucet sidl nicht denl Recht des Erst~borell~1l unterwirft und eigene Anspruche auf die Iierrschaft s[eIlt, ~onnl~ CIO o ffener Macillkampf zwischen den Brüdern entbrennen. [n dieser Sirua­ tion ist zu erwarten, dass alle Au fmerksamkeit auf den jüngeren Sohn gericlltet ist. Doch der. von dem so Viel abhängt, schweigt- . Warum mischt sich Gahmuret crst so spät in die Handlung em? Diese f.'rage iSloftgcsteUtworden, und die Erklärungsversuche fu llen meis!' zu seinen Ungunsten aus. 9 Geht man von der Amu lune aus, dass Gal unurcl eine höfische &.aehung genossen hat, dann muss man sein Verhalten loben. Ganz nach den Forderungen der Ho nehren weiß er. wann er reden s.oll und wann nicht. Während Galoes mit den Fürsten spricht, hält cr Sich vornehm im Hinte r~und. Als enterbter So hn stel~l e~ unter d~n GeSpridlsfiihrero und muss ihnen sonlit den ,kommunikauven VOClntt' lassen. Erst nachdem sich die Fürsten zurückgezogen haben und er durch das Angebot Galoes, sein " ingesinde« (7, 3) zu sein, zum. An twor~en aufgefordert ist, schweigt er nicht länger. Gahmuret erfüllt luer also ~lJIe wichtige Regel des hö ftschen Sprechens, wodurch ein erstes Schlaghcllt auf die Angemessenheit seiner Rede fullt. Z unächst werde ich den Dialog zwischen den Fürsten und dcm König analysieren. Die Ausgangslage ist - wie gesagt - die, dass Gah01~ret enterbt ist und keine Anspruche an seinen Bruder stellen kann. & 1 semer Statt treien die Fürsten und "gar diu diet" mit "einer kranken em sllicher bete« (6, 12_13)10 an Galoes heran. Der Grwld für ihre Bitte wird nicht näher erläutert. Brall nennt sie ein "Gebot po litischer Klugheit" (139). 160 FO(1lJ on GerDJ;uJ Studies Wichtiger, als über ihre lntentionen zu spekulieren, ist die Feststellung Noltzes, dass sowohl der Antrag der Fürsten wie audl .,die folgenden Reden zwischen crtJoes und Ga hmucct zuer St als politische Äußerungen verstanden werden solllen" (4 1). E.s ist Politik, übo:die hier im Redevollzug verh2ndelt wird. Die Fürsten ersuchen den König. seinen Bmder nidlt ganz zu verstoßen und ihm ein .,hanrgemaeldc" (6, 19) in seinem Land zu lassen, damit er das Natuensrecht und die Freiheit als Adellgtt behalten kann. Was umfasst die Bitte der Fürsten nun genau? Was meinen sie mit bam§llIaeltk? .,Das rätselhafte und bis heute nicht eindeutig ecklärte Wort" (HRG 1960) hat in der Forschwlg zahlreiche Deutungen erF..hren.1l Viele Autoren messen dem Begriff eine •• Doppelbedeurung" (M.eyer 1) zu: E r könne sowohl als Geschlechrswahr.t;eichen, :il.ls eine a.m Grundstück mgebrachtc Hausmarke, die auf den Besitzer verweise, wie auch als das adelige Haupt- und Swnmgut selbst verstanden werden (Noh:ze 41-42; Br:all 144-45; Homeyer 38-39). 1m ersten Fall sei die Bedeufimg des Handgemals eher eine symbol isc he; oft sei es ein wirtschaftl ich unbedeutender, geognphisch randständiger BeslrL, ein "StatuSsymbol« (Brall 144), das die adelige Voll freiheit der Familie bezeuge und seinen ursprünglichen Herkunftsort anzeige. Im zweiten Fall meine es konkret das eine, zenlüle Gut, in dem die Geridllsstätte liege und das sich ungeteilt auf den Ältesten Sohn vererbe (BrnlI 144-45). Aus dieser Uneindeutigkeit des Begrifres hOnJl,lIIJoeIdt schließt Ne1lmann, dass man d Ie BItte der Fürsten aur zwei verschiedene Arten interpretieren kann: Zum einen könnte sIe .. G rundbesltz als Zeichen adeliger Freiheil" meinen, zum anderen aber auch "die Begründung einec Seitenlinie" OlJt Herrscl12ftsanspruch (455). Kaurfmann pladiert für einen e ngen Z usammenhang von Handgemal und Herrschaft, was einem symbolischen Verstindms des Begriffs entgegenstehen würde: Freie Leute besäßen GrundbesilZ, Edelleute h.änen als Grundherren darüber hinaus ihc Handgemal und damit verbundene Herrschafrsrechte (Kauffmann 193). In west: Richtung weisen auch die Ausführungen von Sdurudt-Wiegand: "Die Bitte der Fürsten füc Gallmurer zielte deshalb zwei fellos auch auf einen Herrensitz. eine Burg, die Grund lage der Namengebung hätte sein können" (3-1 1). Sie stUtzt SIch dabet auf Belege aus anderen dichtecisehen ZeugnIssen (Heliand, VorwitrGtnesis, Koismhroflik). ,,nach denen das /J(JIIlgPI/{J gerade auch Herrschaft zum Ausdruck zu bringen hatte" (34 1).11 Auch Helmut BraU argumentieet gegen eine symbolische Parziva1s redegewandter Vater 161 Auffassung des Handgemals in ~ieser ~zene. Er führt a~s., dass. Gah.mufe: eines han'l.tHJotldes im ersten Smne mcht bedarf, weil er s~1I1e adelig VolI &eihcit auch als Zweitgcborencr auf das I landgemal 5etncr Fanuhe stützen kann: .,Denn wie der Abriß dcr Forschung zur Hantgemalfr.lge deutlich gemadlt hat, vediert Gahtlluret als der lungere Bruder auch ohne Nachfolge in der Ii errschaftsausiibung nicht sei.ne Rechtsstdlung;.:uf das Ha.ntgemal, das sich im Besitz des Geschlechlsähcstcn be~del, k~nnte er sich jeder:zeit beziehen, um seine Abstammung und adehge F~elh~lt zu erweisen" (ßrall145). Dieses staLke Argument spricht dafUr, dass dlc Fursten um eine eigene lIerrschaftslinie ruf Ga hmuret bitten, also um dIe Begründung eines konkreten, das Reich aufspaltenden Handge nu ls, . bc ' " andernfalls würden sie um etwaS ersuchen, das Gahmuret bereIts Sltzl. Somit ist der Antrag der Fürsten an Galoes alles andere als ,,genngfügtg" (6, 13; Noltze 43) lUut die Replik Galoes' "ir kunnet mize geru" (6,23) scheint dIeses Missverhäluus leich t lfonisch anzudeuten. Galoes' Antwort auf die BItte der Fürsten ist sehr geschickt formuliert. Natürlich hat er keinerlei Interesse, semem Bruder eule konkurrierende Ii errschaftshme zuzuspre<:hen, und seine POSItIon ist noch nicht gefestigt genug, um. auf die implizite Provokation der Fursten etne o rfene Konfrontation mit ihnen zu wagen. Er rettet SICh aus dIeser Lage durch "diplotDatlSCh geschicktes MISSverstehen" (No h:ze 43). ZU!Üdl~t erklärt der König: "id l wil iuch des und furbaz wern'" (6,24). Doch sel:1 Angebot umfasst zunlichst ledighch das Namensrecht. Galoes uulZt solmt die Mehrdeutigkeit des Begriffs hOliigellJlX!Jk zu seinen Gunsten aus, uldem er es in seiner unverfanglichen Variante (als symbolischen G rundbcslt"l.) versteht. Außerdem kündigt er ganz In der Rolle des fretgebigen Herrschers an noch weit über das Gesuch hinauszugehen (6, 2-1). Deshalb müssen dIe FÜrsten., \\,'2;S auch immer Galoes nun anbietet, zufriedCll scm, wollen sIe eine orfene Konfrontation mit ihm vermeidcfL BraU beschreibt dIese Stratcgie Galoes tTeffend als eine Zuruckwelsung "unter Wahrung des Gestus von Großzügigkeit" (146). Neben dem Na01ensredH umfasst GaJoes' ,nuldtäogc' Offerte an seinen Bruder die Mitglied schaft in semem " ingesmdc" (1,3). Gerade '."enn hat die Forschung ein ,,großher.liges" (Onnunn 667), ,,großmuttgc lsl Angebot" (Green 68) des KöOlgs gesehen. ßlamu:c.s schreIbt dazu sogar: "The king is movcd by ehe: pleas of the ptinces on his brothcr's behalf rul<1 makes a gencrous offer« (ßlamires 36-37). Solche EU1schätzungen eddaren sich aus einer allzu unkrioschen l-hnnalltne der Worte Galoes. Nach der 162 FoCUJ on Germ:m Studies .Demaskierung des Dialogs' zwischen den Fürsten und d em König ist demhcll geworden, dass man die Aussagen der Figuren nicht einfach glauben sollte, sondern sie vor d em Hintergrund der mit ihnen verfolgten Redestt:uegien problematisieren muss. 1st nun das iltgtRndt-Angebot Galoes' eine großzügige Geste? Geht der König damit wi.r:khch wIe angekündigt über die Forderung nach han/gtl1latkk Für GahnUltet hinaus? Nohze erlämen, dass darin .. nielli mehr als d ie (gesicherte, ehrenvolle) Existenz am Hof" für ihn gefasst ist. Es iSI eine .. Vasallität o hne Lehen'\ die Ga hmuret deu tlich seinem Brud er umero rdnen würde. Galoes ecöffn et semem Bruder dIe M öglichkeit, als sein Hausgenosse am Hof zu b leiben, aber an "eine Teilung der Herrsd lafl ist nicht gedacht" (Noltze 47). Obwohl die Fürsten d en Umfang ihrer Bitte in de:r Antworl des Königs auf ein Mindestmaß reduziert sehen, neigen sie ihre Haupter o hne WidersprudL Nach Galoes' Ankündigung eines mildtätigen Angebots bleibt ihnen nichlS anderes ubcig - außer sie wählen die o ffene Kon fromauon. Dtes würde allerdings die Erählung in eine völlig andere Bahn lenken. Galoes hat sich in seiner ersten politischen Handlung Im Amt des Kömgs als ein geübter Rhetoriker ausgewiesen. Sein diplomatisches Ve.chaJten in der Kommunikation "ruhrt uns auf die Ebene des pIanvoli­ politIschen Anet.nander-Vorbeiredcns" (Nolrze 42). Galoes' stralegisches Missverstehen, durch das er d as KonfliktpotentiaJ entschärft, das in d er Bine um hanl.!.UJ1atltk rur Gahmurct liegt, zeichnet ihn als geschidnen DIplomaten aus. Trotz der öffenthchcn lind seru heiklen Situ2 cio n redet er überlegt und übedegen..l~ Es ist deutlich geworden, dass d er König ein geübter strategischer Redner ist. Als solchem ist ihm zuzutrauen. dass cr das i"t,tRn~Angebot m der Gewissheit macht, dass Gahmucet es ablehnen WIrd. Seine eigentlidle Intention ist es, die ß edrohwlg seiner Herrschaft., die von semem Bruder ausgeht, zu bannen. Am Besten indem er ihn dazu bringt, seinen Hof zu verlassen . Deshalb bietet er Gahmuret eine Stellung am Hof an, die er niche annehmen kann.. So wahrt Galoes den Anschein von Generosität vorder Hoföffenthchkeit, und Machon ittel (eine Verfügung oder Be fehl), d ie ihm selbstversländlich zur Verfügtmg stehen, können unangel:aStet bleiben.. Ga10es hat seinen Bruder nchlig eingeschatzt. Als die Fursten Sich huldigend zurückgezogen haben, schweigt dieser nidu länger. Er muss nun reden, wetl derausgehartdelte ,Konsens' seine Ehre bedroht: "woh Ieil ingesinde sm / {wer oder decheines man, / sO het ich min gemadl getin" Pacziva]s redegewandter Vater 163 (T,20-22). Der Begriff !pnach, d ie Bequemltchkeit, steh t in O pposition zu irr und wird vom Heklen des Nrusroouns sorgfuitiggelllicden" (Nellmann 457). Öie Zuriickweisung von Galoes' Angebot zeigt also keinesw.egs GaIUlluccts .. proud independence" (Christoph 201) und lissl auch melll darauf schließen, dass der Protagonist "proud and ambltio lls" (Kntz 193) ist. Seine Ablehnung ist eine Notwendlgk~r, will er t\ldu sei.ne Ehre aufs Spiel selZClL 15 • Z unächsl muss die Antwort Gahnnaets als hoch p roblemaDsch erkannt werden: Er Widerspricht dcm König und hebt einen Konsens auf, den diescr mit den Mächtigen sein es J ... 10 des ausgehandelt hat. Läge nidll die Vermutu ng nahe, dass Galoes dIe Ablehnung seines Bruders provozieren will, dann wäre nicht zu ve[stehen, weshalb sich der König Gahmurets Ve[hallen so einfach gefallen lässt. Bereits die ersten Worte Gahmurets zeigen, dass er seinem Bruder m der Fälugkeit, gesduckt zu formulieren, ebenburug Ist. 1 ndem er Galoes mit .. heere UIlde bruoder min'~ (1, 19) anredet, SIgnaliSiert er Ihm, dass er nicht auf Konfronl2 t10 n aus ist und ihn als höher Stehenden akzeptiert. Demonsmauv setzt er das H_ecrschaftsverhältms uber Ihre Verwandtschaft und ordnet sich weitt:chin durch das lhr~n G.iloes umeLI & Gahmuret 1)rei5t den König als "getriuwe unde wis" (T, 24) lmd sent 1110 ~Is Rtchter ü~r seinen " pos" (7. 23) ein . All diese _ Red estrategte n ZIelen auf eme Deeskalation der Situatio n. Die erstell Äußerungen Gahmurcts deuten an , dass auch er das politisch-strategische SpreellClI beherrscht und durch dieses Können nut seinem Bruder auf eUler ,kommull1kativen Stufe' steht. Äußerlich wird seine Rede den Anspruchen der hö fisch en Konversation gerechtll und auf wuerschwelliger Ebenc transportlert er "~chtige politische Bedeutungsmhahe. Es kann folglich keUle Rede vom ~,lInrenekllcrtelnl Gahmureltyp" (1-b ug 2 13) sein. Ganz un Gegcm clI zeielm ct er Sich als sehr reflektiert'er Redner aus. Um das heikle T hema der Herrschaft zu vedassen , Slellt Gahmure( das der E hre in den Vordergrund . Er klagt darüber, dass er ill seiner Rustu ng bislang fast keine ri tterlichen Taten vollbraclu habe, und sein Nanle deshalb nirgend s lobend erwähnt wird [7, 27-30). Gahmllre t setzt seine Taten und seinen pris pl~fwoll herab, um seinen \'(/illen. das Land zu verlassen (8, ~: ich will keren in diu lant<1 und auf ot'tnIJJtn-Falat zu gehen, glaubwunhg :. motiVieren. Ganz nebenbei erfUllt er das Gebot der Hoflduen, SIch nicht selbsfzu rühmen. Später Wird auf den Selbsllobverzidu Gahmurets weiter einzugehen seuL ]64 Focus on Germ:m Studies Gahmurets Willenserklärung,. Anscbouwe als fahrender Ritter zu verlassen (Green 62·64), sollte nicht als Ausdruck semer innersten Natur (Ortmann 669), sondern als ein Angebot an seinen Bruder gelesen werden. Es ist ein Angebot, das an eine Bedingunggekniipft ist: "sechzehen knappen ich hin, / der sehse von iser sint. / dar zuo gebt mir vier kiot, / mit guorer zuht, von höher art« (8, 2-5). Wenn Galoes semen Auszug materiell lIntersnirzr, dann ist er bereit. seinen Herrschaftsbereich zu verlassen. Gahmuret weiß, dass er eine Bedrohung für seinen Bruder darstell t und spielt dieses Wissen für seine Zwecke aus. Seine Ankündigung untecmauen. dass er die Machtposition des Bruders nicht anzweifeln will. Außerdem signalisiert er dem Bruder durch seme Ablehnuogdes (ohnehin nicht ernst gemeinten) illgesillde-Angebots und dw:ch seine (die eigenruche Intention Galoes treffende) Auszugs-Ankundigung, dass er die verborgenen Bedeutungen seiner Worte durchschaut hat. Er weiß um den wah ren Charakter von Galoes' Angebot (deshalb muss er auch nicht zögern, um es zurückzuweisen), und er setzt ihm ein eigenes Angebor entgegen, das fur beide akzep tabel ist. Er kann sicher sein, dass Galoes innerlich erleichter t darauf reagieren und die implizite furdenmgerfiillen wird. Einem Konsens steht nichts mehr entgegen . Und so spricht Gahmucet zunächst über geplante Minneabenteuer und die vergangenen Fahrten, die er gemeinsanl mit seinem Bruder untemorrunen hat. Er wartet nicht auf die Antwort des Königs, weil klar ist, wie sie ausfallen wird. Der Dialog zwischen GaJoes und Gahmuret kann bis zu diesem Punkt in die folgenden Phasen zusammengefasst werden: (1) Der König macht ein unannehmbares Angebot an seinen Bruder, (2) das fo lgerichtig abgelehnt wird. (3) Gahmuret äußert ein in eine \'{Tillenseddärung gekleidetes neues Angebot, das dem UIl2l1sgesprochenen \"'(/unsch Galocs' entspricht und für illIl selbst keinen E.hrverlust bedeutet. (4) D ieses Angebot wrrd mit einer Forderung vedmüpft, die angemessen istl$ und erfullt wird (9, 2- 10). Seide Gesprächspartner erweisen sich als Meis le r der po Li tisch­ strategischen Konullunikation. Sie können die verschlüsselte Rede des jeweils anderen decodieren und somit auf die in1pliziten Inhalte eingehen. 19 Der Dialog ist hoch politisch, und dennoch kJingt er gerad ezu bizarr harmonisch. Trotz ihrer im Grunde politischen Auseinandersetzung wahren sie die Forderungen des deCOl1l1l1S, ihre Rede ist der höfischen SiruatiOll angemessen. Nach der Ankündigung, das Land zu verlassen, stilisiert Gallmuret in Erinnerullg an frü here ownlillre-Fahrten seinen Bruder zum perfekten Par.l:ivals redegewandter Vater 165 Minneriner. Wieder nutzt d er den Lobpreis Galoes', um sich herabzusetzen. Er klagt übet seine im Vergleich geringe Erfahnmg im Minnedienst: "owe wart hel ich wer kunst / und anderhalp die waren guns(' (8, 25-26). Erst jetzt spricht wieder dcr König. Mit keinem Wort erwähnt er ~in in~esimk­ Angebot mehr", was die Deutung untermauert, dass er es mcht wlrkhch ernst gemeim haben kann. Er widerspricht Gahmurets Vodlaben, das Lan d zu verlassen nicht und is t bereit, ilUl mit genügend Gütern auszustauen: min vater ':iit uns heiden / Gclazen guotes harte vil: / des stoze ich dir ~elichiu zil" (9, 2-4-). Di.ese Formulierung muss als Rhetorik verstan.den werden. Denn hätte Galoes vor, Gahmuret wirklich d ie Hälfte semes Besitzes abzutreten, dann hätte er auch auf die Bitte der Fürsten um eine dynastische Seitenlinie eingehen können . Diese symbolische Geste vom 'fyp. was mirgehört,gchörl auch dir, ist die Bestätigung, dass der Konsens zwischen d en Brüdern hergestellt i~ t. Da nun alle drohenden Kon flikte beigelegt sind, wird der Ton des Dialogs unnlt[ lässiger und spielerischer. Galocs stimmt einen Lobgesang auf Gahmuret an, der sich zum Ausru f "du bist nUn bruoder sunderwan" (9, 16) steigert. Haue Gah muret noch zuvor das Verwandtsch~fts- zugullstcn des Herrschaftsth emas zurückgestellt, so betont der Kömg nun gerade ihre verwandtschaftlich e Beziehung. Doch Galunwet wahrt in seiner Aotworl d ie D istanz, indem er Galoes weiter als "heere" (9, 11) anredei. Er zeigl sich von dcn \Vorten seines Bruders wenig beeindruckt. nun ist klar dass seine Lobesrede vor allem als höfische Red egesre zu verstehen ist: ' ir lob t mich umbe not / sir ez wer ruhl gebOt" (9, 17-18). Es ist die höfi~he Erziehung, die Galocs das Lob seines Bruders vorschreibt, denn es gehört zum guten Ton, andere zu p reisen, wähcend das Selbstlob verpönt ist. In seiner Replik zeigt Galunurct nicht nur, dass er mit den Regeln der höfischen Spradle vcrtraut ist, e r ist darüber hinaus in der Lage, sie fur seine Zwecke zu benutzen. Indem er auf Galoes' höfische ErJ;iehung verweist, entkrä ftet er seine \Vorte, um Sich erneut planvoll hernbzuserLCIl. Es ist kein Ausdruck seines bescheidenen Charakters, sondern er erfüllt d ie Forderung, sich lucht seiner Taten zu rühmen, meh r als vollständ ig ­ er darf sich nicht selbst loben, also weist er das Lob des Bruders zurück. Ga h murets Verzicht auf Selbs tlo b wird vom Erzähl cr als seine hcrausragende Eigenschaft herausgestell t "swer selbe sagt wie wert cr si, I da iSl lihte ein Wlgelo ube bi: I es solten de umbesaezcn jehen , I und ouch die heten gesehen I siniu werc da er fremde w·,tere: / so geloupre mall dez maere. / Ga hrnuret der site phlac, I den feh tiu maze widcrwac, I 166 Focus Oll German Studies lind ander schanze enkeine. / sm riiemen du was klein e« (12, 27-13, 6). Das Selbsdobve:rbot ist eine zentrale Regd hö fischen Sprechens. die immer wieder in den I-Io flehren bemüht wird. ' ,\'(las einer wert is t, wird in der Aussage der Gesellschaft wahr, in seiner ob jektiven G üLtigkeit festgelegt. Je weniger sich jemand rühmt, um so glaubwürdiger is t der Ruhm der anderen, um so größer ist der Wen, der zu Recht gerühmt werden muß" (O,tmann 670-67 1). Der Erzählerkommentar vcnvcis[ nachträglich noch einmal darauf, dass es in der Auszugsszene nicht allein um die Mo tivation der Ausfahrt Gahmurets geh t. Die kom munikativen Fahigkcitcn, nicht die Kampfbegiec des H elden werden in den Mittelpunkt gerückt. D ie Szen e trägt folglich zu Gahmurcts Charaktecisierung bei, doch - so legt der Eczähler nahe - geht es nicht um sein wesenhaftes Ritterrunl, sondern um seine vollkommene hö fische Br.ciehung. Gahmuret wird nicht zum Riuer de r Chanson de ge.sle­ Tradition, der allein " ,iH11I: und Jlnl sucht, stilisiert, sondern er ist ein Musterbild des acturischen Riuers, der auch am Hofe bcilliert.21 Hai man die s erkannt, kann man Gahmme t nic h t vo rsenne Il auf einen "vorhö fische[n] Typus« festlegen (I--Iaug 204). D er Dialog endet damit, dass Galunuret das angebotene " varnde habe« (9, 21) annimmt und über sein "gelust" (9, 26) zu r Ausfuhr t redet. Meis t wurden Gahmurets abschlieBene Wo rte als unmittelbarer Ausdruck seiner Kampfeslust und Minnebegier verstanden (Ürtmano 669 und Cucuel 64). Allerdings hat d ie An alyse der Auszugsszene gCI'..eigr, dass man Gahmurets Wo rte kritisch hinrerfragen muss. Sie sind Teil einer vo n s trategischen E rwägungen gelenkten Rede. Vielleicht möchte Galumu:ct damit unterstreicheil. dass et nicht vom Ho f verstoßen wo rdeo ist, sondern aus freien Stücken geht. Bislang lag der Blick auf der strategisch -po litischen Sprechweise, die die Brüder meisterhaft beherrschen. Doch allein aus ihrer Meisterschaft ist der irritierend lässig-spielerische Ton fall des Dialogs"Zl nicht ZU erklären. Man muss sich immer wieder a.n die äußere Siruatio n , in der sich die Ko nversatio n vollzieht, erinnern: Es geh t um Existenzielles für beide Paneieo. Der Tonfall ist nur zu verstehen, wenn man die Re flexion auf die Literacizität der Szene lenkt. Es ist kein historischer. sondern ein literarischer Raum, in den der Dialog eingeschrieben ist. Zwar ruft der Text Realität z.B. durch Rechtsbegciffe auf, doch wird sie li terarisch überfocmt. Ma.n könnte von einer Verschie bung weg vom Rechtsdiskurs und hin zum l.iterarischen Diskurs sprechen. Der D ialog wird durch Anspielungen au f Paravals redegewandter Vater 167 l.i teransche Tex-le und Redeweisen im Fiktjo naJen verankcet. Galunuret begründet seine Ablehmmg des lI~tsJndt-Angebots mit der in ihr lauernden Gefahr des lpJIluhJ. Dieser ß egn Ff wurde vielfu ch mit dem ~'trligl1l Erecs (Ene 2966) in Verbindung gebracht (vgl. NoJtzc ~9; Nellmann 451; Green 68; ßlamires 50 und O rtrn ... 'UUl 661). Galunuret WCls t sich somit als Ritter literarischen Schlags aus. Galoes antwortet auf Gahmurets Rede luller Scuf.tern: "owe daz ich d ich ie gesach, I sit d u mit schimphlichen sitcn / min ganze:.: he~e has t verso ite n, / u nt tuost op wir uns scheiden" (8, 28-9, 1). DIe Ausdruckweise des Königs ist befremdlich. Noltze findet in diesen Versen das rhetorische Inventar des Minnesangs" wieder: "Die Stelle wirkt wie ein i;onisierendes Rollenspiel, in dem Galoes den Pan d er verhssenen Frau übernimmt. Für ironischen Gebrauch der Formeln spräche jedenfalls, daß es h.ier nicht tatsäch l.ich darum geht, Galunuttt zum Bleiben zu überreden« (Noltze 55). Warum läss t \Volfram seine Figuren iO d en Redegesrus des Minnesangs verfillen?D Zum einen ist es ein weiterer Hinweis au f den literarischen Raum, in dem die Szene spielt, geradezu eine Warnung vor eincr allzu histo rischen Interpretatio n. Z unl anderen kö nnte es auch darau f zuriickzuführen sein, dass es für das galant-hö fi sche Gespräch zwischen Brüdern _ zu maJ Brüdern in hierarchischcr Positio n - keine Anweiswlgen und Exempel in dcr (Lehr-)Dichtung gibt. Vielleicht Ziehen sich Galocs und Gahmuret deshalb au f das ,gut bestellte' Feld der Spl"3che der hö fischen Liebe zurück. Der aufgeruFene li terarische Diskurs in dieser Szene zeichnet die Brüder noch zusätzlich als Meister der hö fischen Kornmunikation aus. Sie behcr:t:sehen das tltcOf1lll', das der Siruatioo angemessene Sprechen. Diese Hegel hat _ wie bereits erwähnt - eine bis zu Cicero reichende Tradition. Das höchste Ziel bei der HerausbiJdwlg eines wohler-.rogcllco Mensdlens ist fur Cicero die Ästhe tisierung seines Verhaltens und semer Rede Oae­ ger). !.st d ie Sprache nicht nue angemessen, sondern zudem schon, darm ist die höchste Stufe der Bildung erreicht. Auf dieser Stufe scheinen Galoes und Gahmuret zu stehen. Sie treffen nich t nur den richtigen To n, sondern stilisieren ihre Rede zusätzlich durch literarische Anspicllu\gen 24 und poetische Redeweisen zu einem ästhetischen Genuss. Die Analyse der Eingangsszene hat ergeben, dass wir in Galoes und Gahmure;t zwei Meistern der hö fischen Ko mmunikation begegnen. Ih.r Können beweisen sie auf mehrereo Ebenen: Z unä chst erfüllen sie die in den Hofleluen fixierten Regeln zum Sprechen am H o f (Selbstlobve[Zicbt, 168 FoC1ß on Germ:m Studics fretmdlicher Tonfall etc.); sie sind außerdem in der Lage, politisch-strategisch zu formulieren und die verschlüsselte Rede des anderen zu decodieren; u nd Iml bllllllJI «asl erreichen sie die hohe Forderung, schön zu reden. d.h. ihre Konversation zu ästhetisieren. Es ist deutlich, dass die Einschätzung der Gahmuret-Figur vor diesem Hintergrund einer Differenzierung bedarf 1m letzten Teil des Aufsatzes soll der Blick für die Bedeutung der Eingangsszene im Kontext des Romanganzen geöffnet werden. Wie ei ngangs erwähnt, unterstutze ich H actmanns Able hnung ei ner typologischen Lesweise: .,Nicht Polacität, sondern Kontinuität kennzeidlOct d as Verhältnis zwischen Vor- und H auptgeschichte" (407). Gahmurcts Laufbahn kann nich t, "als bloße Vorbereitung [ ... ], als eitle zwar glänzende Leisrung, die aber von Par:zfval fortgesetzt und überflügeltwitd", angesehen werden (Green 75). Hat BraU Recht, und die Eingangsszene ist ein »Schlüssel zum Verständnis des Romanganzen" (156), dann läge die Vermutung nahe, dass das angemessene höfische Sprechen auch in der Paaival-HandJung von zenualer Bedeutung ist Ich möchte die 1llese aufsteUen, dass es ein Thema ist, das den ganzen Roman durchzieht und ein bestimmendes Element der höfischen Sozialisation J>anivals darstel1t. Diese These kann allerdings im Rahmen dieser Arbeit nur beispielliaft belegt werden. Ic h möchte noc h eine weitere These z ur Struktur des Gesamtromans andeuten: Gegen typologische und kontinuitärsstiftende Interpretationen drängt sich der Eindruck auf, dass die Handlung des Parzif)(.J1 als Sp iegel ung konzip iert ist. D ie Hand lWlg wird an zwei exponierten Stellen von einem Brudergesprach eingerahmt. Zunächst ist es der Dialog zwischen Galoes und Gahmucet, der die Ausfahrt von Paaivals Vater motiviert. und zuletzt ist es die Konversation zwischcll Par..:;ival und Feirefiz. auf die Parzivals Berufung zum Gral und somit das Ende seiner oventiure-Fahrt folgt. Wie diese heiden Szenen aufeinander bezogen sind und welche Deurungshorizonte ein Vergleich eröffnct, soll durch eine schlaglich tarrige Analyse des Gesprachs zwischen Parzi"aJ und Feirefiz beleuchtet werden. Gleich bei seinem Auftritt wird Feirefiz als "kurteisc" (735, 2) bezeichnet. Nachdem der Kampf durch das Zerbrechen von Parzivals Schweu ein vorzeitiges En de gefunden hat, redet der Heide deu Protagonisten " höfsdtliche" (744, 26) und "en franzois" (744, 27) an. Obwohl er einer fremden Welt angehön, sind in ihm - genau wie in l~V'J. l - die höfischen \1;'erte angelegt: "Manheit bi zullt an beiden was" (745, Parzlvals redegewandter Vater 169 10). Als sich dec fremde Rittccmlt "Feirefiz Anschevin" (745,28) vorstellt, keimen Erb- und Herrschaftsstreitigkeiten auf. Par..:;ival gibt an, dass es außer ihm O\rr einen legitimen Herrscher über dieses Land gebe, doch dieser lebe im Heidenland. Folglich ist die Kommunikation zwischen den Kindem Gahmurets genau wie das erste ßrudergespräch durch einen HerrschaftskonAikt bedroht Allerdings müssen Par"ival wld Feirefiz diesen Konlikt n.icht durch politisch-strategisches Sprechen beizulegen, ihnen genügt, dass sie sich gegenseitig als Brüder erkennen. Sie geben sich den Friedenskuss, und Feirefiz lobt seine Götter für den unerwarteten Fund. ParzivaisReplik auf die eloquente Rhetori k seines Bruders ist bezeichnend: ,:ir sprechet wol: ich spraeche baz, I ob icll dn kunde, an allen haz. I nu bin ich leider ruh t s6 wis./ des iwcr werdeclicher pcis / mit worten mege gehoehet sin: / got wetz ab wol dcn willen min. / swaz herze und a ugen künste här I an mir, diu beidiu niht erlat / iwer pris sagt vor, si volgent nach" (749, 3-11). In den Formulierungen gleicht seine Antwort fast bis ins Detail den Worten, mit denen Gahmuret Ga loes cürume. Er: sei "vAs" und habe "pcis« edangt. Wie sein Vater redet auch Parzival seinen Bruder in der Ihr-Form an. Was er ausdrückt. ist zugleich Selbstbekenntnis wie regclhaftes hö6sclles Sprechen: Parzival raumt Defizite in seinem höfischen Verhalten ein (er kann nich t so gewandt reden wie sein Bruder) und vedmüpft dieses Eingeständnis mit der Beteuerung. dass das nicht an seinem. Willen liegt. In der Art und Weise. wie er es ausdrückt. erfül lt er das Gebot, sicll nid lt selbst zu loben. I m Gegenteil, er setzt sich herab. um Feireflz' Fahigkeiten in ein noch glänzenderes Licht zu stcllen. D ieser gekonnte Umgang mit dem Selbstlobverbot hat bereits Gahmuret als Meister höfischer Konul1unikation ausgezeichnet. Als Fcircfiz ihn auffordert, ihn zu duzen, erwidert Par..:;ival: " bmodr, !Ur dcheit / glicllet wol dem barne sicll: I s6 sit jr clter auch dan ich. / min jugcnt unt min amlUOt / sol sölhc( l6sheit sm behuot, / daz ich iu duzen biele, / swenn ich mlch zühte niete'« (749. 24-30). Die höhere soziale Stellung und das Redlt dcs Ältercn verbieten PaC'"L:ival. will er nidlt gegen die gute Sitte verstoßen, eine solche " Iösheit". Parzival zeigt sich hier, am Ende seiner ,Bildungs fa hrt', als wahrhafter Sohn seines Vaters: E r hat das Programm höfischen Sprechens verinnerlicht und kann es angemessen anwenden. Damit ist ein weiterer Beleg für eine Spiegelstruktur des Pmzjm/gehll1den: In Gahmurcr ist der Z iel punkt von Parnvals höfischer Sozialisation bereits angelegt. Am Ende dcr Entwicklung angekommen, blickt er auf Gahmuret geradezu wie in einen Spiegel. Deshalb sind sie alle 170 Foms on German Studies eins: .,beidiu nUn vater unde ouch d uo / und ich, wu waren gar aJ ein, I doch ez an drien stücken schein" (752, 8-10). Sie sind vereint in der rahigkeit, perfekt höfisch zu kommunizieren. Am Ende des Gesprächs wird in der Einheitso:letaphorik ihre Verwand tschaft beschworen. Das T hema der Genealogie spielt im Parzitral eine bedeutende Rolle. Es ist im genealogisch begä indete.n Denken des :Mittelalters verankert (Hartmann 408; Blamires 22; Bumke, Wo!frOlJ1 126· 27). Auch das Verwandtschafrsmoa v sprich t für die T hese, dass der Ro· man eine gespiegelte Struktur hat. Durch sie wird Paaivals Berufung zum Gral von zwei Seiten gestülZt: Die Elterngeschichte bildet die Legitima­ tion aus der Vergangenheit und die Geschichte seiner Nachkommen die ruckwirkende Legitimation ,aus der Zukunft'. parzivals Gralshcrrscha ft w1ro also ,von zwei Seiten' begrundet. Jaeger hat einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Patzjl/O! geleistet Er stellt als ein zentrales T hema das Gleichgewicht zwischen höfischen Umgangsformen und Ritterlichkeit heraus: "courdy ways can be reconciled wich chivalry, but ehe courtly knight must be on his guard [ 0 keep bo th in prop er relatio n s h ip w irh eac h o ther" (249). Sowohl Ritterlichkeit als auch höfisches Wesen sind bereits in Galu nuret angelegt. Deshalb hat Panivals Va ter eine d ifferenziertere Auseinande rsetzung verdient. Anmerkungen I Dieser Aufsatz istaus einem Referat hervorgegangen, das ich gemeinsam mit Nadine Krolla erarbeitet und gehalten habe. Ohne sie würde es diesen Text nicht geben. Für ihre Anregungen, Kritik und UnterstiilZung in allen Belangen danke ich ihr ganz henlidl. : Damit Ist nicht gemeint , dass er nich t auf andere Quelle n zuriickgegriffen hat. l Zusammenfassung der typologischen Forschungspositionen: VgJ. Harunann 395-403. • Blamlres ist zuzustimmen, wenn er ausruhrt "Characterization through the medium of speech is an essential adjunct to the depiction of characters in action and allows direct access [0 the workings of the mind" (49). $ Nach eine r eingehenden Auseinandersetzung mit dem P rimogeniturrecht in der historischen Wirklichkeit widerspricht BraU der vorherrschenden Fo rschungsmeinung. dass dieser Rechtshrauch nur zur Parzivals redegewandter Vater 171 Motivierung von Gahmurets Auszug eingerohrt werde. Er sieht viel~ehr zenttale Themen des Parziva1romans eingerohrr. Die ,,Auflösung von G ememschaft und die Ausgliederung des Verwandten" (BraU 156). leIder übersieht BraU ~ M~­ dium in dem der Konflikt zwischcn Gahmuret und Galoes ausgetragen Wird. Er bleib~ der Sachebene verhaftet, ohne den Blick flir die kommunikative Siruation und deren lmplikationen rur den Roman zu öffnen. 6 Eingehende Untcr:suchungen zum Primogeniturrechr und der Frage., ob es zu dieser Zeit in Frankreich bzw. Deutschland gebräuchlich war, finden SICh bei Noltze (217-226), Nellmann (454) und Brall (130-159). Meines Erachtens ist es zwar- wichtig zu konstatieren, dass dieser Rechtsdiskucs aufgerufen wird, aber eine Klärung des tatsächlichen GebraudlS in Deutschland trägt mir wellig zum Verständnis der Szene bei. [ch schließe mich der Ansicht I-Iartmanns an, dass Wolfram die Gegenwart als " Motivfundus" gebraucht und dass die Einfuhrung dieses Rechtsbrauchs hauptsächlich in der Strategie Wolframs, Realität zu signalisieren, gründet (414). Es ist eine Möglichkeit, "den Auszug des Helden glaubwiirdig zu motivieren" (Nolue 220). 1 Kratz sieht darin den Verweis darauf, dass die Gahmuret-fhndlung in einer quasi realen Welt spielt, "where the protagonISt faces the very re:u pro~lem of esrnblishlllg himself" (191). Sicherlich muss SIch Gahmuret um seme wellere materielle Lebensbasis kUmmern, doch er Ist - wie die Analyse :zeigen wlrd - ein Ritter literarischen Schlags, den solche äußeren Zwänge wellig \..-iimmern. Seine Welt real zu nennen, übergeht die Literanzität der Figur und des Handlungsraums. I Öffen tlich keit rekrutierte sich aus d en Mitgl iedern der FÜhnmgsschichten selbst sowie aus Ihren Vasallen und Gefo lgsleuten, die ihre Begleirung b ildeten. Insofern unterscheidet sie sich von dem, was wir unter moderner Öffentlichkeit verstehen, nicht unecheblich" (Althoff 14-1 5). ~ Noltte spricht von G allmurets passiVitit lind crkJart sein Schweigen mit der Harmonisierungsst:rategie, die Wolfram in dieser Szene verfolge (48); Green interpretiert es als einen Hinweis darauf, dass Gahmu ret keineswegs aus "wirtschaftlicher Not seine Reisen angetreten hat", sondern aus Lustan ritterlichen Abenteuerfahrten (68). '0 Nach Noltte bedeutet dieser Vers: Mit einer geringfügigen, aber ernst gemeinten Bitte. Vgl. 41. " "Die Unsicherheit in bezug auf die sprachliche Ablcirung von hatUmahal bzw. hallilfmaeide hat jedenfalls in der Forschung ganz allgemein zu Schwankungen in der Beurteilung dessen, was das HondgtllJai gewesen ist, ge/uhrt" (Schmidt­ \Viegand 335). Für einen Überblick über die verschiedenen For:;chungspositionen vgL Webers Lexikonartikel zum Handgemal (HRG 1960-1965). 172 FO(lIJ on GernUM Studies U Daraus resultiert rur Schmidt-Wiegand das f1l§Ii,,"Angebot GaIoes': ""Mehr war bei Wahrung semer eigenen Hemchaftsrtthte, bei semem eigenen b:mtgt/lfalWld Herrensitz, mchl möglich" (34 1). U Hätten die Fürsten nur ein unbedeutendes Stück Land rur Gahmurtr gemeint, hätten sie die Bitte anders formulieren können. Der Nachdruck, den \'('olfram durch die Stellung im Vers auf den Begriff hanl§!JJINIdt legt, wäre dann nicht verständlich. " Er ist keineswegs von der Blne der fürsten innerlich bewegt. wie es Blamires darstellL iS Gentry übersieht in seiner Interpretation, dass Gahmuret nicht zum Aufbruch gedrängt worden ist, den Aspekt des drohenden Ehrverlustes: " Indeed the peers of the realm :idvised his brother Galoes to convince Gahmuret to remaln as :i beloved bro ther, a wish to whtch Galoes quickly :ind graciously ac­ ceded. But Gahmuret is adamant about makmg his own fortune" (4); auch G reens Einschätzung. dass in G:ihmure ts Ablehnung seine überlegenheit Wld Freiheit zum Ausdruck. kommt, reflektiert nicht über cbesen Aspekl (Vgl. G reen 75). 16 Das eigenthch ZWIschen Brodem gebräuchliche ,Du' ist dem König gegenüber nicht mehr angemessen. Gahmuret unterwirft sich nicht nur symbolisch Galoes, sondern auch den Regeln der höfischen Sprache. Galoes wird Gahmuret im gesamten Dialog mit ,Du' anreden. 11 G:ihmurer richtet seine Wone un ,,guetlichen" Ton an den Herrscher, ganz so. wie es Thomasin von Zirklaere IR seiner Sentenz fo rderL " Vom E.rzähler wird angedeutet, dass die Forderung GahmuretS mcht nur angemessen, sondern auch " urnbe reh t" (t 2, 25), von Rech ts wegen Ist. Ob damit eine tatSächliche Verpflichwng des Königs gemeint ist, oder ob Gahmurets Ikscheidenheit noch stärker akzentuiert werden soll blobt offen. It Im 17. Jahrhundenwicd Chnstwl Thomasius diese Form der verstellten Rede theoretisch analysieren und ver.mchen, dIe Kunst, menschliche Gemuter:tu erforschen, wissenschaftlich zu begründen. Besonders im polltischen Diskurs müsse man darauf becbcht sein, die Simulatio n des Anderen, die der VersteUung eines Schauspielers ähnele, durch Dissunulanon. gestützt auf "momentane Schwächen und Unachtsamkeltcn der gt:"Wähl ten Rolle gegenuber" (125), zu decodieren. Vgl. Geitner 124--127. 20 Es kann keme Rede davon seLfl, dass Galoes "lries hard ro dissuade him, praising his courage and offering to dlVlde his we2lth m half with hirn" (Kr.nz 173). 21 t-.tan erinnere sich, dass die angemessene Sprechweise als unmittelbarer Ausdruck des höfischen Wesens angesehen wurde. PaeziV"MS redegewandter Vater 173 U Der To nf.ill wird besonders deutlich, wenn mm den D.alog mündlich vorträgt. U Ein weiteres literarisches ße.ispiel, bei dem in einerGespl'ächsdarstdiung lluf das rherorische Inventar des Minnesangs zurückgegriffen Wird, Ist der 1»·tln Hartmanns von Aue. G:iWein und lwein reden, nachdem der K.unpf zwischen ihnen von der hereinbrech enden Nacht vOf"Zeitig beendet wurde, im Ton des Minnesa ngs mLte inand er. Neben char:ikteristischen t-. letaphern und Redewendungen, ist die Szene Im Anklang an das Genre des Wechsels, das durch ein Nebeneinan de r zweier Mo nologe 2usgezeichn et ist, angelegt: Beid e ,Gesprächspartner' reden eher rur sich als miteinander. Vgl. lU/tin 7378-7645. 1< Audl Inerarische Topoi wie das Rad der f