Focus 2002.tif 268 FQCUS Oll Ge.rman Studies POSITION LOSING Here this country which agrees with me leaves me cold My voice wirh whiclt T ollee spoke for everyone is shrinking Here T sir force myself through newspaper reports get sruck in the entanglement of sounds and after mat [ don'( breathe a word Unmolested on the sidelines I take nOte of the disasters of the homeland Thc lhoughl that ir might need me crashes ducing the fligJH ovef the BaJtic sea A chip off the oid Germaoy is what [hey say about me slnce theu I've covered the mirrors O bituary Responsive to 00 country Poem by Dorolhea Grüluweig, trallslated by Ernily Jeremiah 269 "Das E nde der IUuslonen ist noch lange nicht das Ende des G lücks": oder Der Wunderglaube von Mario Wirz Mario Wir..t ist im Jahre 1956 in MarbUIg a. d . Lahn geboren. Zu seinen früh en Werken zählen Theaterstücke und Gedichtsbände. u.a. Und TrollfH tfrz(J1lst dein Haar. Nochigulicbt4 (1982) und Ich rojt die lf7ii!ft (Aufbau, 1983). Nach seiner Ausbildung zum Schauspieler, zog er 1988 nach Berun, wo er sei tdem als freier Scluiftsteller arbeitet. Seine viel diskuticcten und umstrittenen Romane ES' üt spät, ich konn flüht olnltl/. Ein nächtlicher 13et1chl (Aufbau, 1992) und Bio,grophie einlJ lebendigeIl Ta,glJ (Aufbau, 1994) stellen nicht nur das Selbstbild des "emanzipierten" SchWl.Llen, sondern auch das Selbstbild des HlV~lnfizierten in Frage - etwas, wo für er Kritik inner­ und außerhalb der schwulen Community dulden musste. Neben kritischen Reaktionen gab es auch hymnisches Lob. Wir.lliterarische Arbeit wurde mit dem Liechtensteiner PEN ~ Preis und dem Förderpreis des Brandenburgischen Literaturpreises ausgezeichnet. J.l dem folgenden In~ terview nUt David Prickett äußertet seine Meinung:w .,ldentitätsliteratur", zeitgenössischer deutscher Literatm:, Tennessee '"'(' illiams und dem lasterhaften " Handy". PRICKETT: Ich habe das Glück gehabt, dich diesesJalu kennenzulernen. Wenn ich deine Werke lese, habe ich deine " hysterischen« Gesten - sprich deine Körpersprache - im Kopf. Wie kann - oder soUte - man das Autobiographische von Mario Wir-.t und das literarische Momenl VOll Mario Wir-.t umerscheiden? Wirz: Hysterische Gesten? Das rnterview ist für mic h beendet (locht/md spielt den &/eidigkn). Wahrnehmung ist immer Intequetat ion. Im Kopf eines L.c.sers, der Witz privat nidJr kenne, entstehen natürlidl andere ßilder. Andere Interpretationen. Kein Leser liest das Bucll, das ein AUlOrgeK/lrieben hat V/ld meistens hat sogar den Autor kein exaktes Wissen iiber seinen 1en Der Text ist oft e.hrlicher lind radikaler und klüger als der Alltor. jedes 270 Fom..r on Germw Stu,fies Buch verwandelt sich im Kopf des Lesers in einen neuen Text. Jeder liest sich und seine Geschichte in einen Text hinein. Wenn ein Buch zehn Lesednnen gefunden har, existieren nach der Lektüre zehn unte.r"chiedhche Tene. Körpersprache evoziert - wie jede andere Sprache -eine Unmenge an Interpretationen und Projektio nen. Jeder Text entsreht aus dem autobiographischen Material des Autors, kein Text ist ,!ichtautobiographisch. Ich kann nacrative rvlasken wählen und eine Geschichte über Marsmännchen schreiben, das erscheint dann sehr fiktiv. aber auch mein Text über ,,Marsmännchen" wird autobiographisch sein. Alles, was ich weiß und begriffen habe, sch reibt sich in einen lht. Über jeder Textlandschaft ist der autobiographisc he H o rizont d es Autors - deswegen is t die literanu:lcritische Diskussion über fiktive oder autobiographische Tex te oft recht künstlich. Das literarische Ich me iner ersten Bücher ISt Mario Wirz _ ich hätte einen Pau1 oder Peter erlioden können, meinerwegen auch eine Pau1a oder Petra. Sie wären dann nicht wenigec hysterisch oder pathetlSCh oder theatralisch-expressiv als die wiasche Ich-Figur meiner Bücher. Ob es mir gelungen ist, aus dem autobiographischen Material heraus "literarische Momente" zu erzeugen. muss der Leser entscheiden. Schreibend erfinde Ic h eine Geschichte, die ic h für meine Geschichte luhe. Ich erfinde, was gewesen ist [ ... 1 oder ko rrigiere die vermeintliche RcaLtät rückwärts, m dem ich mich an etwas ennncre, was nieht gewesen ist. Es gibt keine o bjekti\'e Erinnerung. Das Bekenntnis zum Subjektiven ist auch ein Bekenntnis zur Literatur. ~{jt der Subjekuvierung beginnt auch eine mögliche Poe tisierung und Stilisierung, auf jeden FaU die Lilerarisierung von dem, was ich fur mein Leben hahe. Die Sub,ekuvlr2.t des Autors korrespondiert mil der Subjeknvltät des Lesers. E inige werden meine Tex te kraftvoll und sinn li ch und leidenschaftlich finden, andere werden das Buch in die Ecke schmeißen, weil es Ihnen zu "hysterisch" oder zu "pathetisch« ist Der Dialog zwischen Leser und Text ist sehr intim und heikel. Natiidich wünsche ich nur, dass möglid1St viele LeserlOJlen der Schönheit und dem betörenden Tempera­ ment meiner Bücher verfallen (10th!). PRlCKETT: Deine literarische, zum Teil se1bst komponierte Spoche ist fragmentarisch, d.h .• es besteht aus Bruchstücken: Namen, Begegnungen, Zeitangaben, die für den/ die Leserln o ft o hne Bedeutung und Intetyiew nut Mano Wir.t 271 Zusammenhang sind. Inwiefern spielt die literansche Form elfle Rolle in demen Werken, z..B. in Es ist späI[. .• ) oder in ßlot,raphit.{. J? Wirz: Es ist späI. ich kann nicht tJlmtn hat den Untertitel: Ein 1fÖ(ht~c1)(r &ri(hL Eräh1t wird die Geschichte einer Nacht, in der die leh-Flgur zurücksinkt in die Tage und Nächte Ihrer Vergangenheit. Die D1agnosc: HIV-Posi tiv« dikti ert den atemlosen Rhythmu s dcs Textes, das Fragmentarische und Flüchtige. Das alles Ilcst sich w ie e~n 1a~ger lind poetischer Monolog: der Leser landct im "Kopfkino« der Figur, Im laby­ rinth ihrer Bilder und Widerspnlche, iheer Risse und ., ßOIchste1len." Die "Namen, Begegnungen, Zeitangaben" sind wichtige I Iahepunkte im assoziatischen Sttom dieSel tüc\lllichen Prosa: kieme Tatsachen ~ BOjell, um im Bild zu bleiben, keineswegs o hne • .Bedeutung oder Zusammenhang." Das gi1t auch für Biographie einlJ kbendit,ln Tagu Ich habe den schwermiiu~en Verdacht, dass du meUle Bücher recht obernachlidl gelesen hast. Natürhdl könnten es auch andere Na men ode r Zeitangaben sein. aber die Beharrlichkeit, mit derdl.e Teh-Figur das Bcnennbare und Sagbare benennt, verd eutlicht ihren Seelenzustand, das Übcrfordettsein von dem. was unsagbar und unsäglich 1St. So haben Namen und Orte dle ß edeurung von einem Geländer, an dem sich die Ich-Figur festzuhalten versucht, bevor sie wieder mitgerissen Wl(d vom nachilichen Er.r.:ählstrom dieser Nacht. Die literarische Form ergibt Sich aus dem poetischen Tempera­ ment des Autors (/ach/) . Es ist spaJ, ich kann mehl tJltntlt oder Biographie tineJ kbeflllil!n TogO' sind \reIne Memoiren, die laptdar von Anekdo te zu Anekdote springen. ßeide Bücher sind streng komporuert, geschcieben im Bewusstsein, dass die Zeit vielleicht n icht ausreicht, die Büchec zu vollenden. Es wundcrt mich, dass du in deine n Fragen das wesentliche Thema dieser Bücher verschweigst Bcide ßiichcrverstehen Sich als hter.tDschen \~/Id~taod gegen den Tod. auch als PWt'est gegen eine Spaß-Gesellschaft, dlc d iese Them~n tabuisiert. So ist die subjektive Krankengeschichte des Autors auch elll Tu-r über das Krankheitsbild unserer Gesellschaft. Vo r allem aber sind beide ßüdler literarische I nszerucrungen meines LebenSWillen, stürmische Bekenntnisse zum Augenblick, in dem wir rndikal und intensiv leben und lieben. PRICKETI: Seir der Gründer.tcil te.ilcn GcrmanistTnnen Litetanlr \0 Rubriken ein, die wiederum aus wClteren Rubriken besteben. Diese Rubriken sind nicht nur anhand Autor und Periode bestimmt worden, sondern auch 272 FtKUS on Germfln Studies anband des PcrsonenJu:eises, der diese Werke liest. [n welcher .. Rubrik" sieht sich Mario Wirz? Kw:z - ruf wen schreibst du? Wuz: Kein Autor entgeht den Rubriken und Eriketten. \"'('er mich in eine Schublade packen u~, soll das tun - ich bm woanders. Es interesSlen mich nicht mehr, ob man ffiJch als ,.Aidsdichter" etikettiert, als .. schwuler Himerhofpoet," als ,,.autobiographischer Autor" oder als "sclueibende schwule Socke. "leh schreibe die Tene, die ich schreiben muss und schrClben will - das Katalogisieren überlasse ich den Germanisten und all denen, deren Orclnungssinn Schubladen braucht. Ich schreibe für m.ich . Weil Schreiben für mich Leben und Überleben bedeutet, Augenblicke von Intensität und [ntimität mir mir selbst. Dasein und Begeistenmg, Sehnsucht und Schellen - Schreiben ist für mich die intensivste Form des Lebendigseins; mehr kann ich dazu nicht sagen. Viele Leserbriefe zeigen mir, dass es Menschen g1bt, die sich in meiner Tenlandschaft wiederfinden. Eine Leserin aus Heidelberg schrieb mi.:, dass sie lUch dem Lesen metner Bücher den MUl gefunden habe, sich von ihrem Mann zu trennen. Sie lebte meiner unglückJichen E he und hatte resigniert - ich freute mich , dass Sie nach der Lekrüre meiner Bücher den Mut fand , ihr eigenes Leben zu suchen. Meine Lesednnen stnd heterosexuell und homosexuell, bisexuell und vegetarisch, Kenenraucher und Alkoholiker, manchmaJ s ind auch sie bedrängt von einer schweren Knnkengeschichte oder haben einen geliebten Menschen verlo ren. In den letzten zwei ] ah retl erhielf ich oft Lescrbriefe von jungen Lesern, was mich überrascht hat. Wahrscheinlich können sie sich mit meinen Ängsten Idemifizieren, mit der Angst, dass man lau und feige lebt, irgend wie, mutlos und triibe an sich vorbei. Wenn meine Bucher dazu beitragen, dass andere sich und ihr Leben annehmen. mit allen Macken und Widerspruchen, mit aller Ambivalc02 und aUen Zweifeln, dann mach t mich das fro h. PRICKETT: Die Grenze zwischen dem Ästhetischen und dem Vulgiiren ist in deinen Werken fließend und wird häu6g fibersdu:itten. \X'elche I men­ slon hat diese Methode? Wirz: Mit dieser Frage erzählst du mehr über dich selbst. Was ist für d ich .. das Ästhetische" und was "das Vulgäre