Focus 2003.tif 260 Foms on Genllnn Stlldiu Berührungspunkte: E in Gespräch mit Zafer $enocak Zafee $enocak, geboren 1961 in Ankam, aufgewachsen in Ankara, lstanbul und München, lebt seil 1990 in ßedin. Er ist Au!Or zahlreicher Gedichlbände, Essays, Romane und Kurzgeschichu;:n. Er schreibt regelmäßig Kommentare für die Jaguztilllllg zum Themcnbercich l otcrkulrurautät. Unter anderem veröffentlichte $enocak 1993 den Essayband AlIas des lropjschm DeulJthlolld, lIod 1998 den Roman Gefährliche Verll'tJfldtHhajt. Er erhiel t mt:hrere Prdse und Stipendien ruf seine literarischen Tätigkeiten, umee anderem auch den Chamisso-Preis (1988). Zulet"Lt war er »writer in residence« an der Universität California, Berkeley, USA. Sein neustes Buch, ein Essayband, erschien 2001 umer dem Tite! ZU/Jge/Jtll(/erflt/llg. FOCUS: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Könnten Sie crwas über lhre Entwicklung als Schriftsteller sagen? ~cnocak: Ich habe relativ früh angefangen zu sch reiben, im Alter von 15 oder 16 Jahren. D as Schreiben iSl bei mir aus dem Lesen heraus entstanden. [",fan hat ja beim Lesen immer ..:incn Text im Kopf. Oft wird dieser Texl im Hintergrund prod uzierl, und rrin nicht hervor. Es gab rur mich Bücher, die ich geben habe, und WO ich das Gefühl hane, ich müsste CIWaS dazu schreiben. Irgendwann sind aus diesen kleinen Kommemaren und Notizen eigenständige Texte entstanden, o hn e dass ich das sehr bewusst gemacht habe. Ich habe nur gemerkt, dass es mir sehr viel SI,aß macht, solche Texte zu schreiben. In der Schule hatte ich das Gliick, all f andere zu stoßen, die Ähnliches gemacht haben, und wir haben eine Gruppe gehilder. Zu der Zeit haben wir unsere eigenen kleinen Zeitschriften herausgegeben. An fang der SOer Jahre habe ich angefangen, in l\lünchen in L 262 FOCJI! eIl Gerf!JfJfl Sludies Zeitschriften zu publizieren. Ich habe dann auch Lesungen gegeben und mein erstes Buch mit Gedicht.en 1983 herausgebracht. Es gab relativ viele Reaktionen auf die Gedichte. München in dieser Zeit war eigentlich eine sehr künstlerisch innovative Stadt: Es gab zum Beispiel die Bewegung der ,Neuen Wilden' in der bildenden Kunst, und eine sehr aktive Punk-Szene. Jeh schrieb Großstarlrgedichrc, und das passte sehr gut in diese Zeirstimmung. 1984 habe ich den Literaturpreis der Stadt bekommen. Das ist ein Preis, der für Ersrveröffentlichungen vergeben wird. Das ermutigte mich zu sagen, ich werde SchriftsteUer. Es war nicht so leicht, in diesen Beruf einzusteigen; ich hahe auch Übersetzungen gemacht vom Türkischen ins Deutsche. Ich war also vielfalcig literarisch tätig. Eine Veränderung meiner litera.rischen Karriere gab es dann, als ich 1989 nach Berlin gezogen bin, weil ich mich mehr für Zeitgeschichte und für aktuelle Vorgänge öffnete, meinen Blick mehr schärfte, für das, was drnußen ist. Diese Entwicklung hat auch dazu geführt. dass ich in Berlin verstärkt die Form des Essays ruf mich enrdeckre. Dann sind eben auch Prosa texte emsranden. Ich konnte in den 90e r Jahren meine Tetralogie schreiben: vier schmale Bücher. die im Zusammenhang zueinander stehen. FOCUS: Sie sprnchen von Großsradtgedichten. In dem Interview "Germany is more a language chan a land" sp rechen Sie von einem Berlin, das "in Ihnen drin" ist. Sie sage~, "Perhaps I have a ßerlin inside me thar is located elose ro the Equacor." Welche Rolle spielt rur Sie ßerlin. beziehungsweise die Großstadt, im Leben und im Schreiben? ~enocak: Eine g roße RaUe. Meine Kindheitserinnerungen sind von lstanbulund tvlüncbel1 geprägt. Ich glaube, es macht sehr viel aus, in welcher Geographie man seine Kindheit verbringt, ob in einer Kleinstadt oder einer Großstadt. Das farbt natürlich in mein Schreiben ab. BerLin speziell ist eine sehr interessante Stadt. Es ist eine Stadt, die immer wieder neu entsteht. Das haben natürlich Großstädte so an sich, nur sind Städte wie Paris oder London schon sehr museal. Dieses nicht-gesetzte, dieses offene Lebensgefühl habe ich nach wie vor in Beflin. Ich habe das Geruhl, dass ich dort Gespräch mi t Zaft e ~enoc3k 263 zu I-lause bin - don, wo eigentlich niemand zu I-lause ist. Das ist eine r .... löglichkeit. die in dieser Stadt liegt, dass man in Berlin keine Heimat haben muss, und zu I lause sein kann. Die Frage ist nur, inwieweit man bereit ist. dieses Unfenige zu akzeptieren. FOCUS: Gerade das Thema Heimat hat mich auch in ihren Essays seh r interessiert. \'\fie setzen Sie sich mü Themen wie Heimat und Fremde auseinander? Wie wird Heimat gesta ltet. wenn man zum Beispiel mehrere hat? ~enocak: Heimat ist flic mich nie ein statischer Begriff. Es ist ein deutscher Begriff. der sehr stark mit der Romantik zusammenhängt, der auch schwer zu übersetzen ist. In der Übersetzung wirkt er immer sehr rational. 1m Deulschen ist cr aber sehr emotional besetzt. Es ist auch ein Begriff, mit dem man nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts sebrviele Schwierigkeiten hat. Der Versuch, eine deutsche Heimat zu schaffen, endete ja auf dem Trümmerfeld. Es ist in Deutschland auch spü rbar, dass cüeser Begl-iff, der so heilig ist, gleichzeitig ullgeheuer Katastrophales in sich hat. I ntcressant ist, dass dieser Begriff in den SOer Jahren wieder so ein retit~/eriebt hat. Das zeigt, dass es auch ein Sehnsuchtsbegriff ist; das heißt. es steht auch für etwas, was einem fehlt. Das ist cin imcressantes "[uster, wie man damit umgeht, was einem fehh. Füc mich persönlich ist der Begriff etwas Flüssiges, Fließendes, ctwas sich immer wieder Veränderndes. FOCUS: Sie reisen viel- Paris, Berlin, Amerika, Türkei .. Könnten Sie etwas über Ihre E rfahrungen mit verschiedenen Sprachen sagen? \Xfelchen Einfluss haben die verschiedenen Sprachen fur Sie als SchriftsteUer? ~enocak: Für den Schriftsteller sind die vielen Sprachen gar nicht so interessa nt. Die ei ne Sprache, in der er sc hreibt, ist interessant. Diese Sprnche ist auch nicht unbedingt Deutsch, T ürkisch, Französisch, oder so erwas, sondern seine eigene Sprache, die er erst schaffen muss. Ich schreibe zwar Jie meislen Texte auf Deutsch, aber das ist meine eigene Sprache; ich versuche, die eigene Sprache in dieser deutschen Sprache zu finden. I 264 Fo(JIS Off GerlllQn S ludju Meine Wahrnehmung dazu ist, dass eine tnteressanrc Enrwicklung vor sich geht, Es gibt heutzutage mehr tdenschen, die polyglott sind. Es gibt aber auch eine gewlsse Oberflächlichkeit, die durch das Vielsprachige entsteht, weil man diese Sprachen nicht so beherrscht. t-.hn kann nicht mit ihnen umgeben wie mit einer Sprache, mit dem man aufgewachsen isr. Das heißt, es gibt einen Widerspruch in diesem Prozess - einerseits die KommunikarionsHihigkeir, andererseits die Grcl12en. Das ist etwas, was ich beobachte t habe: das Öffnen bedeutet eigentlich auch wieder ein neues VerschUeßen. FOCUS: Die folgende Frage haben Sie bestimmt schon oft beantwortet ... Gibt es Ihrer lvfeinung nach eine Parallele zwischen den Erfahrungen von Türkisch-Deutschen und Jüdisch-Deutschen? ~enocak: Berührungspunkte gibt es, aber das sind natürlich keine ParaUeien. Die Beriihrungspunkte sind eigenclich immer don, wo ein Versuch sratrfindet, Deurschsein zu definieren. \'\fenn das Deutsche definiert wird, dann sind natürlich jüdische Erfall[ungen wichtig fiir türkische Erfahrungen, weil jüdische Erfahrungen, vor allem Ende des 19. jahrhunderrs nach der Emanzipation, h illsrcr hervorgeb racht haben, die heure wiederkehren. Betrachtet man zum Beispiel die Diskussion über die doppelte Staarsbürgerschafr, das Loyalirätsprinzip, die Incegrationsfahigkeit. D as sind keine neuen Begriffe; man operien mit denselben Begriffen. Es gibt also Berührungspunkte, die weniger damjt zu tun haben, dass Türken und Juden e.inander ähnlich sind, als vielmehr damit, dass die Diskussion um das Deutschsein ähnlich ist. FOCUS: Sie sprachen gerade von Begriffen wie I ncegrationsfahigkeir. Ofr \vird die Frage gestellt: "Wie gur integrieren sich die Türken?" Ich möchte die Frage umgekehrt stellen: lnwiefern sind Deutsche bereit, Deutschland als multikulmreUe Gesellschaft, als Einwanderungsland zu sehen und zu akzeptieren? ~enocak: leh glaube, Deutschland ist in dieser Hinsicht ein seh r geteiltes Land. D eswegen ist es sehr schwer, auf diesem Feld Veränderungen herbeizufüllIen. Die jetzige deutsche Regierung Gespräch mit Zafcr $enocak 265 versucht ja, vieles zu verändern. Das [Ut sich sehr, sehr schwer, weil die Kräfte, die verändern wollen und die, die es nielu wollen, etwa gleich stark sind. Oie einen, vor allem in der jüngeren Generation, merken, dass Deutschland sich viel offener gestalten muss, dass der Umgang mil anderen Kulturen, andercn Gewohnhe.iten lockerer sein muss. Gleichzeitig aber ist das Gefühl da, dass man irgendwie von Fremden "unterwandert" wird. Diese Sprache ist ja auch da. Die Erfordernisse der Entwicklungen in der ganzen Welt spielen ehe r in die Richtung, dass man Deutschland stärker öffnen muss, dass man die Ängste der t-.lenschen stärker ansprechen muss. t-.lan sagt, "Deutschland iSl überhevölken": "Volk o hne Raum" ist ja eine nationalsozialistische Formulierung, was aber aus meiner Sicht vollkommen ins Volksgedäcbtnis übergegangen ist. Man handelt nach dieset Idee, auch wenn man das nicht so als Formulierung schreiben würde. Das ist eigentlich das, was Deutschland heute te.ilt, wie eine unsichtbare Mauer. FOCUS: Wenn die Türkei in den nächsten Jahren der EU beitritt, wie würde sich in Ihrer Ilinsicht diese Geteihheit der demsehen Gesellschaft ändern? $enocak: Mitgliedschaft der Tiirkei in der EU würde sicherlich vieles entkrampfen. Es gibt eine große Distanz, die dadurch entsteh t, dass dieses Land außerhalb der EU ist, was fur viele Menschen bedeutet, wenn sie in die Türkei zuri.ickkehren, verlieren sie alle Rechte in Deutschland. Das hält sicherlich viele davon ah, auch mal eine Zeiuang in der Türkei zu leben. Nach der Mirgliedschah G riechenlands ist man viel flexibler geworden, und eine Stabilisierung der Verhältnisse hat sich entwickdr. Es ist eine IUusion zu glauben, durch diese r>.li lgliedschaft würden Millionen von Türken nach Demschland aufbrechen. Jeder weiß, dass es in Deutschland auch ökonomische Schwierigkeiten gibt, und auch die Türkei entwickelt sich wirtschaftlich sehr stark. Tiirkische Mitgliedschaft in der EU wäre voUkommcn im deutschen Interesse, weshalb mich velWUndert, dass Deutschland sich nicht stärker dafür engagiert. Ich habe auch das Gefühl, Deutschlami hat Schwierigkeiten, eigene Interessen wahrzunehmen, weil die psychologischen Strukturen noch stärker sind als die kalten l 266 FoCUJ Oll Gtnnafl StlltUU Interessen. Wenn man zum Beispiel die Menschen als eine zu große Gruppe im eigenen Land sieht, dann muss man sich überlegen, wie man diese Menschc=n sozusagen flexibler machen kann und nicht, wie man ihre Brücken völlig abschneiden kann. Die Deutschen tun sich da unheimlich schwer. Deutschland müsste das Land sein, das sich am meisten ftif die t-, Utgliedschaft der Türkei engagiert, weil es die dCUl$ch-rurkische Bevölkerung gibt. Es sind unglaublich viele Widersprüche in dieser Politik, die ich nur aus Psychologismen und aus diesem Volksgedächmis heraus erklären kann. FOCUS: Woran arbeiten Sie jetzt? Könnten Sie auch etwas über das im Mai erscheinende Buch von Tom Cheeseman und Karin Ye~ilada, das über Sie geschrieben wurde, sagen? ~enocak: Das Buch ist das Ergebnis eines Besuches in Swansea, Wales, an der Universität dorr. D as is[ ein Teil einer Reihe, die sich "Contemporary German \'Qriters" nennt. Das Buch besteht hauptsächlich allS wissenschaftlichen und kritischen Artikeln über meine ArbeiL Es elHhält auch zwei neue Gedichtz}'klen, die noch unveröffentlicht sind, und ein Interview. Teh arbeire immer an verschiedenen Projekten. Ich schreibe immer wieder Gedichte - das ist ein rOter Faden, der sich durch meine Arbeit zieht. Letzten Sommer habe ich angefangen, ein Buch mit Kurzgeschichten zu schreiben. Das sind Geschichten über Beziehungen: AUe Geschichten spielen um vorhandene, nichlVorhandene oder eingebildete Beziehungen zwischen Menschen. Neben diesem Projekt hane ich let-.ttes Jahr eine Reihe von Essays geschrieben. Ich glaube, dass ich im nächsten Jahr wieder die Arbeit an einem Roman aufnehme, die ich unterbrochen hatte. Ich bin auch an einem InstaUationstheaterprojekt in München beteiligt, was ein KoUege von mir, Berkan Karpat, seit funf Jahren immer wieder aufführe. Das ist Theater im öffentlichen Raum: Ein Projekt war zum Beispiel ein Tu rm, den man auf dem Odconsplatz aufgeslell[ hane. Wir schrieben dann ein Theaterstück, das im Turm aufgefiihn wurde. Das Stück hieß "Tanzende der Elektrik" und Gespräch mir Zafee $enocak 267 handelte von einer fiktiven Begegnung zwischen dem persischen Mystiker Rumi und dem russischen Furudsten Vdimir Chlebnikov. Es geht bei meiner Arbeit also nie richtig linear zu. Es kommen immer verschiedene Stufen von Arbeitsprozessen gleichzeitig vor. FOCUS: Vielen Dank für das Interview. ~enocak: Nichts zu danken. Interview von Silke Sehade 30. Apnl2003 Cindnnaü: Ohio, USA