Focus 2004.tif 48 FoCUJ Oll GentJan StudieJ Polyphonie einer Geschichte­ G eschichtsperspektiven und Imperialismuskritik in Heiner Müllers DerAujtrag Andreas Marun Wiclmann H eincr Müllers 1980 uraufgeführtes Stück DerAJ/jtra.!, ist. obwoh l (:5 sich nicht um ein HIstOriendrama im herkömmlichen Sinne des Won es handelt, eine Bearbeitung eines geschichtlichen Stoffes rur das Theater. Die vorliegende Studie unternimmt eine Analyse der Geschich tsdarsrellung im Text, den damit verbundenen Jmplikationen und eine Untersuchung vor dem H intergrund posrkolonialer Theorie. Heiner Müller ist sicherlich kein AUlOf, der fur diese Lesart prädestiniert erscheinL \X'eder stammt er aus einem ehemals kolonialisierten Land, wie etwa Albert Camus, Wole Soyinka oder V.S. Naipaul, um drei der bekanntesten und mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Schriftsteller dieser Provenienz zu nennen, noch hat er unmittelbare persönliche Erfahrungen aus westlicher Perspektive literarisch verarbeitet, wie z,ß. Rudyard Kipling oder Gcorge OrweU. Dennoch zeigt l\ füllers Text, dass die in Folge des kulturellen Phänomens des Imperialismus entstandenen Diskurse auch Eingang In die dcU[schsprachige Literatur gefunden haben. Darüber, was Unler ,post-colonial' verstanden werden darf, herrsclu kein Einverständni&. Nimmt man die ßegriffsbesummung von Ashcro ft, G riffith und Tiffin, so lassen sich künstle ri sche Produkte nach der folgenden Maßgabe als ,post-colonial litcramre' bezeichnen: ,, \Yie use the term ,post-colonial; however, tO cover all the culrure affcC('ed by tbe imperial proccss from the mo ment of colonization to [he presem dar," schreiben sie im VorwOrt ihres gemeinsamen Buches Tht Empire lP'ritt.r Ba(k (2). Diese Auslegung schließt auch kulturelle Phänomene sekundärer und tertiärer Art mit em. f-I einc[ Müller hat sich an verschiedenen Stellen zur europäischen Expansion im Rahmen von Kolonialismus und Imperialismus geäußert. E r bemülue sich außerdem selbst um ein 50 Foau on German SJlldiu konttapunkrisches Lesen von Geschichte, ein Ansatz, welcher dem Edward Saids bei de r Beschäftigung mir U tCraUlr und Geschichte ähnlich ist. "Bs gibt keine Uruversalgeschichte. Von Euro pa aus macht man immer Euwpa wO] ~'[aßstab und untcrschläg' dabei, dass es ganze Kontinente gibt, die aus der Geschichte ausgerrctcn sind und jetzt wieder in sie eintreten," sagte Heiner Mü ller 1989 in einem Interview mit Frank I ... L Raddaet (ZJlr uge der Nation 43). In einer jiingst erschienenen Srudie zu Edward Saids Sch riften und deren Einfluss auf die (akademische) Beschäftigung mit Geschidue ist die Wirkung semes Werks beschrieben: .,Said has helped tO rorn ,reading againsr the grain' inro a critical methodology that, al one level, reconci1es with posunodernist thinlcing, and, at another, wams (irerary theoreridans tO take a scepcical view of the lapses inta extreme relarivism" (\'(!a(ia 22). Es scheint also durchaus veruetbar, beide _ Mliller und Said - bei einer lmecpreracion miteinander in Verbindung zu setzen. Dies geschieht im Folgenden schrittweise: In Kapitel II bis IV geht es darum, anhand der Figurenkonzeption r ... tüllers Verständnis von Geschichte als vielstimmiges Spannungs feld auf.tuzdgen. Der breitge facherten Anlage der Sprechinstanzen wird dahingehend Rechnung getragen, dass ihre Behandlung in drei Abschniue umweilt erfo lgt. Anschließend soll in Kapitel V bis VIII der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Auseinanderser.wng mit der bis heute nachwirkenden Erscheinung des eu ropäischen Kolonialismus den Text' prägt und inwieweit sie sich in der Gesrnlrung der Figuren niederschlägt. 11 . Figuren oder Sti01men? Heiner Müller erfüllt mit seinem Stück Der Auftrag nicht die Erwarrungen an die Gammg des Geschichtsdramas. Wilhelm Leopold Rankes Prinzip, zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist, welches Historiker bis heute bei der Beschreibung von Vergangenheit zug runde legen, scheint über Bord geworfen. Zwar vl':dl':gt Müller den größten Tl':il der Spielhandlung In die Jahre 1794 bis 18 12,L doch geschieht dies in mehrfach gebrochener Weise, und zu alledem handelt es sich noch um die Adapt.ion eines fik tiven Stoffes, eine Tatsache, auf die in der Textausgabe ausdrücklich hingewiesc,\ wird . Diese Betonung der Überlieferung schafft von Beginn an Distanz Polyphonie einer Geschid1le 51 zum Gcscheheo. Bei der Darstellung der Geschichte wird die D arstellung von Geschichte o ffenbar. D ie Aufspalrung des scheinbar Ganzcn, wie es noch in Anna Seghers Erzäh lung Dar Licht auf de", Galgen, welcher MüUer die Fabel seines Stücks entlieh , zu fi nden ist, führt zur Dekonstruktio n der hislocisch-kritiscben rd ethode, derer sich die Geschichtswissenschaft gewöhnlich bedient. Standessen kommt es zu einer auf Figuren und Sprecherin sta nzen übertragenen l\'[ehrstimmigkc.it. Gegenwärtiges Erleben, Vor- und Rückschau erhalten Eingang in den Text. J.P. More! liefert eine D eutung dieses Phänomens: Mehrere Epochen kommen so verdicht et in ein und demselben Zeitabschnitt zusammen: Die Behandlung der Geschichte zeigt sich als Bearbeitung des Traumes, welcher woa nde rs eine wichtige RoUe spielen wird, im letztcn Abschn itt des Mannes im Fah rstuhl. Plötzlich wi.rd die Aufmerksamkeit des Lesers aufgefordert, zu schwimmen und nicht nur eine einzige Revolution im BeWl.Lßtsein zu haben, die jene von 1789 bis 1799 wäre; von dieser wird ein Platz bea nsp rucht, auf dem mehrere Schichten der Geschichte komprimien sind: fram:ösische, deutsche, russische; die am tiefsten begrabene Spur ist vielleicht dieses Mal die der Geschehnisse des 20. Jahrhunderts. (64) Die Eröffnungsseq uenz entspringt dem Gedächtnis einer Figur und ist somit, wie im Untertitel angekündigt, eine Erinnerung an eine Revolution. Es ist die Stimme Galloudecs, die durch den auf dem Totenlage.r abgefassten Brief spricht. In de[ verschriftlichten Fassung von GaUoudecs Enl1nerung ist von elne.m Auftrag und von desse.n Sche. itern die Rede. Dieser Auftrag bildet den Anlass, einen letzten Brief zu sch reiben und die Beförderu ng zu veranlassen. Der Brief vo n der Hand des Sterbenden nimm t vorweg, was Heiner Müllc[ später in einem Brief an Roben Wilson äußern sollte: " Keine Revolucion ohne Gedächmis. [ ... 1 Die Toten schreiben mir auf dem Papier der Zukunft, nach dem von aUen Seiren die Flam men greifen" 52 Nms on GtrRlQ/J Studiu (Explosion of a MtrllOry 70). Hier ist es Galloudec, der schreibend die Erinnerung bewahrt. _ Die Aufgabe der Zustellung des Beiefes fallt im Stück einem nicht näher benannten Mauosen zu. Als Verbindungsmann zwischen Gitlloudec und Antoine muss dieser t. latrose den Text sogar auswendig lernen, ohne eigentlich zu verstehen, worum es geht, Er agiert als Teil der Geschichte, hat sogar noch Teil an dem Auftrag, doch er weiß nichts davon. Für ihn ist die Sicht auf Geschichte, die in dem Unternehmen auf Jamaika versinnbildlicht wird , norwendigerweise eine andere, denn er ist vom Vorwissen ausgeschlossen. Er kann nur berichten, was er selbst erlebt hat, nämlich Galloudecs Sterben nach der AmpUlacion seiner beiden Bl.";in~ t'o.li t seinen Informationen ergänzl er das Bild anderer. isr aber selbst nur Bindeglied in der Überlieferung. Als Figur ist er eindimensional und ftir eine weitere Deurong nicht ergiebig. Seine Stimme erlischt. Anroine, der einstige Auftraggeber und Adressat Galloudecs letzter Worte, scheut vor dem Blick zurück. In seiner Person ueffen (vermeintlich) wahre Geschich te und neu gestaltete Vergangenheit aufeinander. Er su eirel zunächst ab, irgendetwas mit der ihm zugetragenen Sache zu tun zu haben, verleugnet sich und schützt sich hinter einem falschen Vorleben: "Ich kenne keinen Galloudec. [ ... 1 Ich weiß von keinem Auftrag. Ich vergebe keine Au ftrage, ich bin kein Herr. leh verdIene mein Geld mit Privatstunden" C/luJtrag 12). Diese Tarnung rechtfertigt er mit den Verhalmissen der Gegenwa.n, in der er lebt: "Ich muss vorsichtig sein, Frankreich ist keine Republik mehr, unser Kaiser isr König geworden und erobert Russland" (AIIJtra.g 13). An der Figur Antoines zeigt sich die kominuiedicbe Modifikation von Geschichte durch menschliche Sicluweisen und Überlieferung. Seine veränderte Halrong - er hat sich. vom Revolutionär in einen angepassten Miuaufer des neuen, napoleonischen Staates verwandelr- bringt eine neue Perspektive auf das Vergangene und das Gegenwärtige mit sich. Bliebe seine Stimme rue ei.nzige, so ware die Geschichte des Auftrags aUeine abh.ängig von ihrem Sprechen oder Schweigen. Genia Schulz schreibt: Po lyphonie einer Geschichte Die erste Szene gibt mir der Aufnahme des Briefes für den Zuschauer gleichsam die Rezeptionssituation rur das fo lgende Stück vor, das den am Anfang gezeigten resignativen ßewussrseinsstand der Gegenwart durch die Schilderung des Vorgefallenen erlautert. D ie ßriefzusrellung, die kontrastiv im Matrosen einen zielstrebigen Erfüllet seines Auftrags vors(t~llt, zeigt den geschichilichen Stand an: nich t nur die Beauftraglen haben eine N iederlage erliuen- auch der ehemalige Auftraggeber ist aus der Geschidue gefallen. (160) 53 Konsequemerweise ist Antoines Part nach dem Auftritt des Engels der Verzweiflung zu Ende, er schweigt im Folgenden. Dem nächsten Abschnitt ist keine Rollenangabe vorangestelIr. ]n der narC9uvell Passage ",ri rd aus der Sicht einer Wir-Instanz von der Ankunft der drei Emissare auf Jamaika berichter. Schnell ste llt sich heraus, dass mit ,wir' zugleich Debuisso n, Galloudec und Sasponas gcmeim sind. Es spricht die Stimme ihres kollektiven Bewusstseins. Daran lässt sich möglichenveise die Einlösung des marxistischen Konzepts VOll der Substirotion des Einzelnen durch da s Kollektiv erkennen. Demnach benötigen die drei AbgesandteI) lediglich eine Stimme, hängen sie doch zu diesem Zeitpunkt noch derselben Ideologie und einer einheitlichen Vision von Geschichte an. Freund und I~ind sind in diesem Bild klar geschieden: Die drei stehen selbst im Dienst der Republik Frankreich, identifizieren sich mit dem "Mutterland der Revolution" (Auftrag 14), Gegner sind die im Namen der britischen Krone Herrschenden und Unterdrücker der Schwarzen. Über.leugt von der Richtigkeit der eigenen Ideen haben die drei die Absicht, die Verhälmisse überall in ihrem Sinne zu ändern; aus dieser Über.leugung resultiert eine ideologische wie auch idealisusche Sicht und der G laube an eine notwendig zielgerichtete Geschicluc. Die Befreiung der Sklaven ist ein Schrin auf diesem Weg zum ZIel. Schon in dcr ansch ließenden Texteinheit spalrel sich die anf:ingliche Einigkeit auf und die Diskrepanz zwischen den Charakteren und ihren Anschauungen wird offenbar. In der 54 Foau on German Studie! szenischen Spielhandlung erhält jede der genannten Figuren ihre eigene Stimme. Mit ihr äußern Oebuisso n, GaUoudec und Sasportas zweierlei: Z um einen die ihren Rollen zugedachten T~x[e mü den entsprechenden politischen Ansichten, zum anderen Ihre individuellen Standpunkte. Die vorgeschützten Gesin nungen dienen zwar nur als Masken, aber über die auswendig gele rn ten Repliken Debuissons und Galloudecs fühn lv[üller gleichzeitig die in \'(lorte gdasste kontercevolutionärc Position ein. \'{fenn Debuisson mitteilt, er sei lh}eimgekehn in den Schoß der Familie, um sein Erbe anzutreten, aus dem verhangenen Himmel Europas, trüb vom Qualm der Brände und B1utduns[ der neuen Philosophie, in die reine Luft der Kariben, nachdem die Schrecken der Revolution ihm dje Augen geöffnet haben [Ur die ewige Wahrheit, dass alles Alte besser als das Neue ist. (Auftrag 16) dann kommt damit eine Stimme reaktionärer Geschjchtssicht ins Spiel. Die Aussagen Galloudecs und mehr noch diejenigen Sasportas fugen dem eine wcitcre D imension hin zu, nämlich die des eigenen Bestimmtseins durch Gou, wonach der Ve rlauf der Gesduchte auch als determiniert anzuneh men ist; S:aspon3s sagt: Auf der Flucht vor der siegreichen schwarzen Revolution auf '~Iaiti habe ich mich dem Herrn Oebuisson angeschlossen, weil Gott mich fur die Sklaverei geschaffen hat" (Auftrag 17). In diesem Fall jedoch meinr das die Bestimmung zu eine::m un tergeord~eten Part in einem hierarchischen \'<'eltgefuge, gegen das zu revolueren einem Aufbegehren gege n den christlichen Gott gleich käme. Es ist das aus dem /l,liuelalter herrührende Wclt- und GeschiclllSbild, der unbecl.ingte Glaube "an die heilige Ordnung der Monarchie un~ der Kirche" (Auftrag 16), aus dem heraus sich gerade der franZÖSISche Absolutismus rechtfertigte. N ic!ll zuletzt aus diesen hergesagten Rollemexten resultier/::n die Spannungen zwischen den drei Figuren, die sichtbar werden, wenn Oebuisson Galloudec zurechtweist ode r wenn dieser gegen Sasponas polemisiert. Im Dialog zeichne[ sich die Unliberwindbarkeit der Eigeninteressen und der individuellen Po lyp honie einer Geschichte 55 Positio nen ab, an welchen die Gemeinschaft auseinandergebrochen ist. Es zeigt sich außerdem eine klar abgestufte Rangordnung, die die ursprüngliche gesellscll afdiche Klassenzugehörigkeit von Aristokrat bzw. Sklavenhalter, Bauer und Sklave genau widerspiegel t, eine Ro llenverteilung, der die d rei Emissare mit einem uOle.rsducJlichen Grad an Akzeptanz begegnen. Wie es scheint, ist diese Ungleichheit doch das letztlich unumstößliche l\[uSter der Menschhcitsgeschichle, denn Debuisson verkündet, nachdem er die Nachticht über dIe Abberufung des Auftrags erhalten hat: "Die \X/elt wird, was sie wa r, eine Heimat fur Herren und Sklaven" (A Hftrag 29). Für eine nicht unbeträchtliche Zeitspan ne behält er dam.it, wie die Geschichte gezeigt hat, rech[. Allerdings ist in diesem Augenblick i.m Stück, au f der synchronen Ebene, die Stimme von Sasponas ebenfalls noch zu hören. Sie formu]jerr einen Kontrapunkt: " Die \'