Focus 2004.tif 182 Foais on Cerman Sludiu Frankfurt/Main: Hain, 1993. l\ leyer, /'.lichad. Thtakrzl1lslIT'in A'fiindxn /900·1918: Guchühtt lind Entuid:lzlIIg tkr polizdlichtn 2ml«r lmd du Thtauqtllsllrhtiraus IInltr hl.1ondtrtr Berlic/eJühtigung &ank IVidtkinds. Muruch: Kommissionsverlag UN I­ Druck, 1982. Midgley, David. ''\Veclekind's 'Lulu': from 'Schaue,,:ragödie' 10 Social Comedy." German Ufo and Utters 38 (1985): 205-32. Nierzsche. Fciedtich. " . .'\1so sprach Zanllhusua." KdfüdN Sludienal(sgah. Ed. Giorgio CoJIi and Mazzino /'I fonUnari. Val. 4. Munich: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999. Rothe, Friedrich. I/jhkkjm" Dralllen: JUlfndffil und ubtn1fJhihsophit. StultgaU: J. B. MetZler, 1968. Tombs, Roben, TTO}la/814·1914. London: Longman, 1996. Wedekind, Frank. IVtrkt: Kritiscbe Studienallsgah Ed. Hartmut Vin~on. Vol. 3/1. Darmsrade Häusser, 1996. Wright, Nicholas. "Object of Desire." Dm!! Tekgraph. 24 February 200 1. 13 tl'fay 2003 < hup:! /web.1exis-nexis.com/professional>. Zwischen Konstruktivismus und Inruirion: Zum Verhältnis von Ethik und Äs thetik bei Robert Musil David \'(lachter Bei der Klärung der Fcage, in welcher Weise ästhetische Erfahrung eine ethische Dimension entfalten kann, SIeht das Thema einer künsclerischen Gestalmng der eigenen Existenz an zentraler SteUe. Inwiefern kann eine ästllctische Einstellung zu sich selbst wie zur Welt bei der SeJbstgestal tung von Individuum und Gesellschaft eine tragende RaUe spielen? Wie ist diese Selbstgestalrung im Rahmen des Ästhetischen genaue r zu denken? Roben Musils l laupewerk Der Mamt ohne Eigeluchaftell themacisiert diese Frage auf grundlegende Weise. Das in ihm etablierte Ethos eines ex perimentellen Selbst- und WeltverhälUlisses stein einem rein hedo nistischen Verständnis des Ästhetischen ebenso entgegen wie der VorSleliung einer bloß kompensatorischen Entlasrungsfunktion von Kunst. Den n ästhetische Erfahrung steht für Roben Musil im Zentrum einer konslrukciven Sdbstcrnodung des von traditioneUen moralischen Bindungen befreiten t-.-Ienschen, der zu einem ergebnisoffenen Experiment mit den eigenen Seinsmöglichkei(cn bereit ist. Dieses EcllOS der Selbstgesralrung emwickelt Musil in zwei komplementären Perspektiven, die einander zunächst entgegengesetzt werden, deren mögliche Vermittlung jedoch das Hauptanliegen seiner Philosoph ie darsrellt. Die erSte Perspektive wird hier mit dem Leilbegriff ,Konsuuhivismus' charakterisiert. Sie basiere auf der Vorstellung einer bewußten und ratio nal bestimmten Selbsterfindung eines Menschen, der die Wirklichkeit auf ihre noch unverwirklichten lvlöglichkeitcn hin analysiert und am Leitfaden dieser Möglichkeiten neu konstruiert. Indem der Roman jedoch diese konsrrukuvistische Disposition an ihre Grenzen führ[, weist er auf die Nmwendigkeit eine r e. rgänzenden PerspektiVe! hin, der gemäß sich Ethik lind Ästhetik nicht im rationalen Konstrukcionsprojekt, sondern im lvfedium der Intuition rreffen. In dieser Imuition erfahrt sich das 1ndividuum als 184 n Ullt on Gumon Smdiu int~grales Moment einer quasi-mystischen Einheit der Dinge, die MusiJ begcifffich als ,anderen Z us tand' faßt . In Musils Philosophie kontrastieren diese " utopischen Komplexe" (Willemsen 160) vo n Konsuuktivismus und In tuition miteinander, schlidk.n sich jedoch nicht notwendigerweise wechselsdtig aus. Demgemäß liegt der Fluchtpunkt seiner Obe:r1egungen In der Suche nach e.iner Ethik des Ästhetischen, die ihre beid en konsti tutiven Po le als komplementäre Lösungsperspektiven auf dasselbe Problem versteht lind sie miteinander verminelt. Die Kermhese meines Aufsal2cs lautet nun, daß Musil die gesuchte Verb indung nur aJs ästhetische d enken kann; Es ist der Augenblick der künstlerischen Produktio n und des äsmcuschen Edebens 21m Kunsrwerk, der den Menschen von mo ralischen Fixierungen löst und für ein existentielles Experiment mit sich selbst öffner. Diese These soll anhand einet: Rekonstruktion des MusiIschen Denkweges plausibel gemache werden. Bei meinen Überlegungen werde ich mich vor allem auf die theoretischen Passagen im Malln ohne Eigenslhaflen, darüber hinaus abec auch auf ausgewählre Essays aus den Gesa"",ulten IVerkm Roben Musils beziehen. Kontingenz lind problematische Wi rkliehkeil In Dir Manll ohne Eigen.slbaftLn nimmt Eduk un Sinne der grundlegenden Frage nach dem " rechtern) Leben" (MoE 255) eine Zenttalstellung ein. Denn vor dem Hintergrund der als hoffnungslos chaotisch erfahrenen Moderne rückt die Frage nach der \XIiede[gewinmmg einer existentiellen Orientierung für den Ein zelnen wie für die Gesellschaft als ganze in den Blick. Ihrer Beantworrung diem die erweiterte Sinnsuche, d ie der Pro tagonist Ulrich inl ersten Teil des Romans durchläuft. Das G rundproblem, das der Ma1l11 ohnl Eiglfl!(hajun damit in literarischer Aufnahme des zeitgenössischen geseUschafrskritischen Diskurses refl ektiert,l besteht in einer fu ndamentalen Veränderung der Wirklichkei~rfahrung in der fo rrgeschrittenen Moderne (Makropoulos, M odlrnität lI"d !VJII/i"tplZ IOlr). Wirklichkeit wird nun nicht mehr als transzendenl fundiert errahre.n, sondecn tritt de:m Individuum m ihrer irreduziblen Kontingenz entgegen. Sie ist zwar als "unverfiigb3re" (Blumenberg 14) re.al, aber sie "könnre Ethik und Ästhetik bei Roben Musil 185 wah rscheinlich auch anders sein" (MoE 16), da sie ih re Notwendigkeit verlo ren hat. Die G rund situation des Malln ohnt Eigt1lschaftm ist die der spezifisch modernen Kontingenzerrahrung - Kontingenz verstande.n als das, .,was auch anders möglich ist [ ... 1. weil es keinen notwendigen Existenzgrund hat" (Makropoulos., AlOtkm ität lind Konlingtnt 13). Mit diesem ve.ränden en Status der Wirklichkeit geht die Unmöglichkeit einhel:, sie weiterhin als homogen zu erfahren und sich in sie zu integrieren. So Spriclll der Pro tagonist Ulrich vom "berüchtigte[n) Abslnlktwerden des Lebens" (MoE 649), eine Formel. die die zunehmende Dekomposltlon vormals kohärenter Wirklichkei tserfahrung refl ektiert. Die zunehmende Plur1l1irät und I-Ieterogenität gesellschaftlicher Tendenzt:n, Diskurse und Weltanschauungen, die "Zusammenhanglosigkeit der Einfalle und ihre Ausbreitung ohne r-,'Uttdpunkt, die Für d ie Gegcnwarr kenn zeichnend is," (Mo E. 20), kann dabei vom Individuum nicht mehr als sinnvolles Ganzes erfahren werden ~I ackowiak 14 f.). Die Zunahme an "Widersprüche!n), Inkonsequenz, Unvollkommenheit des Lebens" (MoE 27) fUhrt zu dem Geruhl einer "Durcheinanders chüuelung, wo alles von G rund und Boden gelösl wird" (MoE 597). Diese Orienrierungslosigkeit \Ioud verstärkt durch die permanente Dynamik der technologischen und sozialen Veränderungen, die selbst eine nur vorübergehende Anpassung unmöglich macht. An dIe Stelle einer als konsistent erfahrenen Wirklichkeit trin SOmil die Dynamik eines komplexen ,Netzwerk{sl: eines "nesigen Appar1llS von Geset-zen lind Ikziehungen" (Mo c 156), dessen FunktionsprinzIp dem Einzelnen unversrändlich bleibt. Es handelt sich dabei um eine Summe heterogener Wechsclwirkungen, die vom Individuum als identitätsgcfahrdend wahrgenommen wird. Denn bei der Z un ahme inkompatibler EinzeIwirklichkeiteIl kann das Individuum die verschiedenen Ro llen, die es im Gefüge der Interdependenzen einnimmt, nicht mehr zu einer konsistenren Persönlichkeit inregrieren. Es entsteht eine "Weh von Eigenschaften ohne Mann ," dIe auf der "Auflösung des 2111hro pozent.riscben Verhahens" beruht (l>.io E 150). Denn das IndIViduum diffundien in eine Vielzahl kon texrabhängiger Charaktere. denen der gemeinsame Kern fehlt "Man ist früher mü besse rem Gewissen Person gewesen als heute" (MoE 150), SO konstaüert Ulrich. 1 Allerdmgs erfahn der Protagonist Ulrich dIe deonto logisierre 186 Fo(liS on CtrHlan Slldin Wirklichkeit zugleich als eine Situation der Zukunftsoffenheit, in der der IV[ensch gestalterisch täcigwerden kann (tfakropoulos, Modernität Imd l&;nfingenz 108). \X'enn etab liercc Strukruren der Wirklichkeit den Charakter unbefragbarcr Absolutheit verlieren, kann Wirklichkeit überhaupt zum Gegenslalld der: konstruktiven Tätigkeit des t ... lenschen werden. Und gerade aufgrund dieser Erkennmis, daß die Krise zugleich eine Chance in sich birgt, werden uaditioneUe, gar regressive Anrworcen auf das OrientierungsprobJem kategorisch abgelehnt. Eine Vielzahl reduktiver Diskurse wird im Mm/ll ohne Eigens.haften auf mehrere Protagonisten vencile, die, um die Zemralfigur Ulrich herum angeordnet, je partielle Lösungsansätze des Modernirärsproblems unzulässig verabsolutieren (Albertsen 74-93). Ob Arnheims Scheinsynrhese von Geist und Kapital, Clarisses hitzige Nietzsche-Begeisterung oder Walters Apotheose reiner Natürlichkeit: Sie alle sind für Ulrich nichts anderes als Symptome einer regressiven Sehnsucht nach dem Absoluten, die die die gegenwärtige Situation der Zukunftsoffenheit pauschal ablehnen, stau sie in bewußter Durchdringung als positive Chance wahrzunehmen. Wegen der ,Ungenauigkeit' ihrer Theonebild ung werden sie von Ulrich scharf attackiert: .. Es wird ein Teil des Großen für das Ganze genommen, eine entfernte Analogie für die fufüUuQg der Wahrheit, und der lcergewordene Balg eines großen Worts wird nach der Mode des Tags ausgestopft" (1\1oE 458). Gegen derlei Strategien, hinter die gegenwärtige Zeil zu regredierell, ist Ulrichs eigene Denkbewegung positioniert, die er im Verhuf des Romans einschlägt. Denn er sucht nach einer befriedigenden AntwOrt auf die Frage, wie in einer als chaotisch erfahrenen Zeit eine verläßliche Orientierung fur die individuelle Existenz wie auch ftir die Gesellschaft als ganze gefunden werden könnte. Diese neue ethische Orientierung zielt dabei ab auf .. Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznurzung" ~Iakropoulos, Moderniliillind Konlingmz 114) ab. Gesucht wird nach einer Methode, die heterogenen Tendenzen des .. babylonische[n] Narrenhaus[es)" (GW 8, 1088) der Moderne selbst produktiv zu nutzen, mithin deren " Erneuerungsk.r:aft und Fruchtbarkeit" (MoE 458) systematisch zu entfalten. Ausgangspunkt dieses optimistischen Blicks in die Zukunft isr Ulrichs ,MöglichkeilSsinn' (1t[oE 16), eine prinzipiell positive Einstellung gegenübc r der Ethik und Ästhetik bei Roben Musil 187 Zukunftsoffenhcit seiner Zeit. Dabei kann jedoch von einer unre Aektierten Überhöhung der ,Eigenschaftslosigkeit' als solcher keine Rede sein. l Als Bejahung der völligen ßindungslosigkeit wird diese nämlich von Ulrich von vornherein nur für die begrenzte Zeit des "U rlaubfsl von seinem Leben" (IvloE 47) konzipien. Und es ist ihm ebenfalls mehr a1s deuwch, daß es sich bei der o ntologischen Kontingenz in der gesellschaftlichen Situation der Zeit um einen zu überwindenden Ausnahmezustand handelt. "Wir leben in einer Durcbgangszeit" (IvloE 2 15): Jm Ausgang von dieser Erkenntnis sucht Ulrich nach einer l\ [öglichkeit, aus der kontingenten SilUatio n der offenen Zukunft heraus die Prinzipien einer aktiven Gestaltung von Wirklichkeit zu emwickdn. Die Ethik ei nes ko nstruk livcn SeJbst ~ und \Ve1tverhä1tnisses Ausgangspunkt der ethischen Suche ist Ulrichs ,Möglichkeüssin n' cr-.·loE 16).4 Dieser wird de6niert als die Fähigkeit, "alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nich t isr" (MoE 16). Er zielt somit auf elie Kultivierung des Konjunktivs, der gegenüber dem Indikativ der \'('irklichkeit eine eigenständige Stellung beanspfllcht.s Während der ,\'(Iirklichkeitssinn' die In seiner Perspektive gegebene Wirklichkeit als die einzig mögliche und damit als unveränderbar begrei ft, sucht der ,Möglichkeitssinn' nach Ansatzpunkten rur ahernative Wirklichkeirsperspektiven. Das aus dieser I-Ialrung resultierende gedankliche D urchspielen von !\'Iöglichkeiten dient jedoch nicht dem Ausweichen vor de r Wirklichkeit in ein irreales Reich phanrastischer ßclicbigkeit (Schöne 25). Vielmehr zielt der t ... löglichkeitssinn darauf, "noch nichr geborene Wirklichkeiten" (MoE 17) z.u erfinden, mithin d ie bestchende \'X'irklichkeit kreativ zu uansformieren (\lJtllemsen 208). Als "schöpferische Anlage" (\'ViUemsen 208) stell t er die Grundlage dar für jenen .. ßauwillen und bewußten Utopismus, der d ie Wirklichkeit nicht scheLLt, wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt" (Rasch 86). ,Die Wirklichkeit als E rfindung behandeln' meint dabei eine produktive IndiensUlahme der schöpferischen Phanrasie, die neue ~ I ög lichkeiten des I\ fenschseins erfo rschen soU (Schöne 25) und sich dabei als zukunftsoffenen ,Optimismus' 188 Fonu on GerUlan ShidieJ (G\YI 8, 1082) begreift. Eine soldle kreative Einstellung zU[ Wirklichkeit entdeckt konkrete Möglichkeiten des Andersseins an der Witklichkeit selbst: "Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeiten weckt" (MoE 17). In diesem radikalen Ve rsuch einer öffnung der Wirklichkeit fur die Potentiale gestalterischer Phantasie liegt die utopische Dimension des r ... löglichkeitssinns. Bei dieser kreativen Einstellung zur Wtrklichkeit verbinder sich der Möglichkeitssinn mit einer "konsuukciven Gesinnung" (MoE 305), die den t." töglichkeitssinn an entscheidender Stelle modifiziert. Verfolgt nämlich der Möglichkeitssinn in seiner zunächst unbegrenzt gehaltenen Phantasie alle Formen des D enkbaren, die zur Wicklichkeit hinzuerfunden werden können, so stellt die konstruktive Gesinnung ein selektives Prinzip zur Verfügung, das bestimmte Möglichkeiten zur weiteren Kultivierung auswählt, andere hingegen vernachlässigt. Die konstruktive Gesinnung stellt somit in einer Situation, in der Wirklichkeit zur kontingenten Erscheinung deontologisien ist, eine emscheidende Tnrervenrion dar. Denn die moderne Wirklichkeit, die bislang als ordnungslos Wld diffus erfahren wurde, soU nun in ein selbstbescimmtes Projekt des Menschen transformien werden. Als "Aufgabe und Erfindung" (L'- [oE 17) wird sie zum Gegenstand einer Formung, in der der Mensch seine verlorene Autonomie zumindest partiell wiedergewinnt. In Ulrichs Utopie \'On einer konsuuktiven Neucrnndung der \Vu:klichkeit is t diesem gestalterischen Impuls zunächst keine prinzipielle G renze gesetzt. Tn seiner Gerichtetheit auf die Wirklichkeit als ganze markiert dieser Impuls ein aktives Weltverhältnis, das die zunächst heteronom wahrgc:nommene Realüät in eine eigenständige Konstruktion des ~:[enschen zu überführen sucht. Als "Ichbautrieb« (1\'foE 252) kann sich diese Aktivität prinzipiell sowohl im Sinne der ästhetischen Existenz auf das einzelne Individuum, als auch im Sinne einer Sozialtechnik auf die ganze Gesellschaft richten. Anthropologische Grundlage dieses konstruktiven Selbst­ und Welrverhältnisses ist die Auffassung vom Menschen als einer .. bildsamernl Masse" (GW 8, 1080), die durch keine invariable Substanz festgelegt isr. Damit wird der Umfang einer möglichen Anwendung autokonstruktiver Techniken durch kein apriorisches ,menschliches Wesen' begrc:nzt Und auch moralische Hemmschwellen können von der konsuuktiven Gesinnung relativ Ethik und Äsmetik bei Roben Musil 189 pwblemlos überwunden werden, wenn man mit r.."lusil von einem Höchstmaß ethischer Plastizität beim t .... lenschen ausgeht, der "ebenso leicht der 11enschenfresserei r:ibig [ist] wie der Kritik der reinen Vernunft" (MoE 36 1; GW 8, W82). Damit wird Ulrichs Forderung nach einer Halrung der Möglichkeitsoffenheit auch auf anthcopologische I Ebene Rechnung getragen. Denn ein Wesen, das durch ein invariables Verhaltensprogramm in seinen Handlungsoptionen eingeschränkt wäre, könnte ei.nen konstruktiven Impuls von der Reichweite, die dem Protagonisten des Mann ohnt EigtnIchafon vorschwebt, kaum realisieren. t-. föglichkeitSoffenheit und Konstruktion neuer Wirklichkeiten markieren damit Anfangs- und Endpunkt einer Ethik , die die Siruation bodenloser Kontingenz in ein selbstbestimmtes Pwjekt des Menschen umzubilden SUelH. Ein solches konstruktives Projekt bedarf allerdings der Anle.irung durch eine J\'lethode, die Grundlendenzen lind G[enzen des gesamten Verfahrens bestimmt und dem "Ichbamrieb" (MoE 252) ein rationales Kalkül unterlege. Eine erste Leitidee für ein solches methodisches Verfahren ist die Kategorie des wissenschaftlichen Experimems, die dem kreativen Prinzip der ,Phantasie' (L'- loE 247) ein systematisches Fundament geben soll. Denn der durch den Möglichkeilssinn begründete " po tentielle Mensch" ~loE 25 t) darf nach Musil nich t mit einem Bewohner irrealer Phantasiewehen verwechselt werden. Im Mann ohnt EigUIIChaJttn wie in seiner Essayisuk - als Beispiel sei hier der Essay "D as hilflose E uropa oder Reise vom Il undertsten ins Tausendste" (GW 8, 1075-1094) genannt - wendet sich lvfusil ausdrücklich gegen jenen "unscharfe[n l Typus rv1cnsch, der die Gegenwart beherrscht" (L'- loE 249). Ebenso wie das Gefuhl einer Durchdringung durch den Intellekt bedarf, so kann auch die kreative T ätigkeit der Phantasie eines methodischen Kocrektivs nicht entbehren. Und so versteht Musil die geforderte experimentelle l laltung als eine wissenschaftliche Veranstaltung. die auf einer kreativen J\ löglichkeitsoffenheit, aber eben auch auf dem Imperativ rationaler Suenge und methodischer Genauigkeit basiert. Wenn Phantasie und "un bestechliche gewollte Kaltblüugkeit" ~loE 246f.) kombiniert werden, so ergibt sich eine " paradoxe Verbindu ng von Genauigkeil und Unbesrimmrneit" (MoE 246). Die Forderung, in wissenschaftlicher Distanz zum Gegenstand des ExperimentS 190 Focus Oll Germall Studies "gefühllos [zu] bleiben" (MoE 246), wird dabei von Ulrich zu einer veritablen "Utopie der Exaktheit" (l\'[oE 247) gesteigert. die den geforderten Experimeoralismus wissenschaftlich grundiert. Voraussetzung einer konsequenten Entfaltung dieses experimentellen Verhältnisses zur Wirklichkeit ist die Auffassung von der Welt als ,Laboratorium' (MoE 152), mithin als offener Raum für die konstruktive Aktivität des ~:Ienschen. D as Experimem setzt bei den kJeinstcn Einhei[en der Wirklichkeit an. Diese werden in fesrgelegtc:m Rhythmus verändert, wobei "die WiJ::kungen beobachtet werden, die sie [die Verindcrungen des Elements] in jener zusammengesetzten Erscheinung hervorrufen würde, die wir Leben nennen" (MoE 246). Indem so die Auswirkungen einer Derailveränderung auf den Kontext des un tersuchten Elements systematisch erforscht werden, sollen Erkenntnisse tiber die \X/echselwirkung von Element und Kontext gefunden werden, die ruf eine memodische Veränderung der Wirklichkeit nötig sind. Denn nur wer die Imerdependenz von E lemen t und Komext kennt, so die implizite Logik Ulrichs, kann bei der aktiven Gestaltung der Wirklichkeit erwünschte von uneIWÜnschten Veränderungen trennen und letztere minimieren. Dieses allgemeine Prinzip des Experimentalismus wendet der Protagonist Ulrich auf die Gesellschaft im besonderen an. In einem .,sozialen Experimenralversuch" (N[oE 150) gerät die Welt zur "Versuchsstätte, wo die besten Arten, ivlensch zu sein, durchgeprobt und neue entdeckt werden müssten" (1vfoE 152). Betont !\.[usils BegrifRichkeit des wissenschafrlichen Experiments die Notwendigkeit rationaler ReAexion, geradezu mamema tischer Schärfe des Denkens (Schöne 34), so kann doch kein Zweifel daran bestehen, daß die geforderte experimentelle Halrung auch eine große Nähe zur Kunst besilZL Denn die Anbmdung des wissenschaftlichen Verfahrens an die Möglichkeitsoffenheit des "potentiellen lo,{enschen" (MoE 251) führt zum Konzept der "phaotastische[n} Genauigkeit" ~(oE 247), das Kreativitä t und Präzision zu verbinden sucht (Ego 132; Luserke 149). Mir dem Konzept einer ,phantastischen Genauigkeit' ist der methodische Kern von Ulrichs konstruktivistischer Ethik benannt. Diese Ethik iSt nun aufgrund einer doppelten ßestinunung ästhetisch verfaßt. Zum einen spielen Phantasie und Imagination Ethik und Ästhetik bei Roben M usil 191 im Rahmen der konstruktiven Gesinnung eine entscheidende Rolle. Aus der Verbindung des ergebnisoffenen Mögüchkeitssinns mil dem Prinzip methodischer Exaktheit resultiert eine "im Großen experimentierende und dichtende Gesinnung« (MoE 365). Diese Nähe der Wirklichkeitserfindung zur künstlerischen Produktion wird von Ulrich besonders bemm, wenn er fordert, "daß unser Leben ganz und gar aus [jteratur bestehen sollte" (MoE 365). Zudem ISt Artifizialität konstinitiv für die aus dem Konstruktionsverfahren hervorgehenden neuen Wirklichkeiten. Da diese weder '1uasi~ natürlich gegeben sind noch Anspruch auf organische Ganzheit erheben können, werden sie einem hergestellten Kuns{\.vcrk \'ergleichbar.' Indem Musil so die Prinzipien von Konstruktion und Artifizialität auf gesamte \X'irklicb.keit anwendet, entwirft er die Utopie einer von äsdterischen Prinzipien getragenen Existenz des r-.·Ienschen, die durchaus als eine Form von ,Lebenskunsc' verstanden werden kann. Eine Lcbcnskunst [reilieh, die statt auf eine Selbsterfindung des Individuums auf Kontextuaütät und Funktionalismus hin finalisien ist. Denn wo eine in sich stimmige Gestalmng gesellschaftlicher Wirklichkeit beabsichtigt wird, steht die funktiona le Differenzierung sozialer Positionen prinzipiell über der ästhetischen Se lbstgestaltung des Individuums. D ementsprechend ent\vickelt der vom Konstruktivismus begeisterte Ulrich dIe Vorstellung einer A n "überamerikanische[nJ Stadt" (MoE 31), cüe in einem sozial technologischen Verfahren konstruiert werden solL In einem solchen ,Ameisenbau' (MoE 31) ist das öffenrliche Leben nach horizontalen wie vertikalen Posi tionen di fferenzien, Verhaltensweisen werden je nach Kontext bescimmt. Die Selbsrve.rwirklichung des Einzelnen hal dabei gegenüber der Erfüllung einer bestimmten runktion im Rahmen des Ganzen zurückzustehen. Eines Ganzen wohlgemerkt, das nicht zum statischen System erstaHl, sondern 10 seiner permanel1len dynamischen Ennl.'icklung auch die funktionale Differenzierung variabel erhält. D emenrsprechend e.rkennt Ulrich ganz kollektivistisch, daß "durch nichts so viel von der gemeinsamen Kraft verschleudert wird wie durch die Anmaßung, daß man berufen sei, ein bestimmtes persönliches Ziel nicht locker zu lassen" (MoE 31). Bei dieser Abkelu vom Prinzip auronome[ Individualität beruft sich Ulrich auf die Lehre der ,Zoologie,' daß nämlich "aus einer Summe von reduzierten Individuen sehr wohl ein geniales Ganzes bestehen 192 Fonu on Germo" Stumes kann" (MoE 32). Das Individuum verlicn so seinen Eigenwert und wird auf seine Funktion innerhalb des gesellschaftlichen Kon textes reduziert. Dieses Prinzip einer komextabhängigen Funktionalität dehnt Uwch auf die Moral aus (Ego 47). Denn in einem "unendliche[nj System von Zusammenhängen" (11oE 250) kann ebenfalls kein universales moralisches Prinzip Gültigkeit erlangen. Vielmehr erscheinen moralische Kategorien als bloße ,Funktionswene' (MoE 37), die prinzipiell vom Kontext der Anwendung abhängen: "Dann fanden alle moralischen E reignisse in einem Kraftfeld Statt, dessen Konstellation sie mit Sinn belud, und sie enthielten das Gute und das Böse wie ein Atom chemische Verbindungsmöglichkeitcn enthäh" (b'1oE 250; P ieper 282). E ine traral, die jene sie treibende "ethischen Kraft" (MoE 251) nicht verlieren soll, kann in dem von Ulrich am; sierten dynamischen Ganzen nur Besrand haben als "ein bewegliches Gleichgewicht, das in jedem Augenblick Leistungen zu seiner Erneuerung fordert" (MoE 252). Damir wird der Selbstbestimmung des Einzelnen zugunsten der Realisierung von KOn[exten eine Absage erteilt. Die zunächst rein deskriptive Erkenntnis, daß die einzelne Person in der forrgeschrinenen t.·[oderne allein als "imaginärer Treffpunkt des Unpersönlichen" (MoE 474) fungiert, wird vom Protagonisten zum Prinzip einer konstruktivistischen Erhik jenseits des Individualitätsprinzips erhoben. Damit wird die endgültige Desuuktion individueller Autonomie in Ulrichs Ethik bestätigt. Sie bringt jedoch eine Reihe von Problemen mit sich, die das Projekt einer bewußten Wirklichke itskonsuuktion in erhebliche Schwierigkeiten bringen. Eines dieser unhilHergehbaren Probleme scheint in dem Moment auf, in dem Ulrich das Verschwinden des Subjekts mü den Worten konstatiert: "Das feh verliert die Bedeutung, die es bisher gehabt hat, als ein Souverän, der Regierungsakte erläßt" (l"[oE 474). Denn an diesem Punkt wird das Problem virulent, daß kein souveränes Subjekt mehr vorhanden ist, das die KonSlruktion von Wirklichkeit durch einen Gesamtüberblick zu o rganisieren vermag. In der entgrenzten Vorstellung von der Welt als ,Gesamtlabonuorium' ist für ein die Konsrruktionsleisrung durchführendes Individuum kein Plarz mehr, und Utrich erkennt, "daß die Leiter und Theoretiker des Ganzen fehlten" ~ loE 31). Fehlt jedoch eine souveräne Insranz, die dem Ethik und Ästhetik bei Robert Musil 193 experimemellen Konstruktionsprozeß eine Richtung geben und die funktionelle Differenzierung leiten könnte, so d roht der Rückfall in eine Situation von Widersprüchen und Chaos, die ja gerade überwunden werden sollte. Es ist nicht zuletzt diese Aporie des konstruktivistischen Utopismus, die Uleich in eine tiefe ethische Krise der ,Verzweiflung' (rv[oE 257) stÜrzt. Er kann sich keine unpriizise Weltanschauung zulegen und erkennt doch, "daß er in lauter Exaktheit jahrelang bloß gegen sich selbst gelebt habe" (MoE 256). Diese Verzweiflung ist das Resultat der E rkenntnis, daß die Verabsolutierung des wissenschaftlich-präzise n Welt"wgangs Ulrichs eigentlicher Grundhalrung widerspricht. Denn die bereits eingefü hrten Begriffe des ,Möglichkcitssinns' und der ,phantastischen Genauigkeit' verweisen auf die Notwendigkeit einer Verbindung von Exaklheit und Phantasie, die Ulrich im entscheidenden Kapitel 62 des Mann ohne Eigellschaften mit den Begriffen "hypOlhetisch leben" und ,Essayisffios' (MoE 250) benennt. Oie rorderung des hypometischen Lebens hat zunächst zum Ziel, bestehende O rdnungsstrukruren durch Betonung des ,auch anders ;-"Iöglichen' aufzusprengen. Denn "im Unfesten liegt mehr von der Zukunft als im Festen, und die Gegenwart ist nichts als eine Hypothese, über die man noch nich t hinausgekommen ist" (MoE 250). Diese Konzeption einer nie fixierten Weise zu existieren, wird mit dem Begriff des Essayismus weiter bestimmt. Dieses Konzept betOnt die perspektivische Gebundenheit jeder Sicht auf die Welt, die immer auch durch andere Perspektiven erser.lt werden kann: "Ungefähr wie ein Essay in der Folge seiner Abschnine; ein Ding von vielen Seiren nimmt, ohne es ganz zu erfassen [ ... ], gla ubte er, Welt und eigenes Lebe n am richtigsten ansehen und behandeln zu können" (rv[oE 250). Dementsprechend soU auch der ei nzelne l ... rell sch dynamisch offen gehalten werden für eine po lyperspektivische Sicht der Welt (Willemsen 213), aus der sich neue Formen der Sdbstgestaltung ergeben: " lD]er Mensch als lnbegriff seiner Möglichkeiten, der potentielle Mensch, trat dem Mensch als Niederschrift, als Wirklichkeit und Charakter entgegen" ~<[oE 25 1). Ist die "Moral im gewöhnlichen Sinn" nichts als ein Resultat der "Erstarrung" dynantischer Bewegungen, so liegt d ie "ethische Kraft" eines .,bewußten menschlichen Essarismus" gerade in der Bejahung des pe rmanenten Wandels, der jedoch nicht einfach 194 Focus on GerfJIan Studies passiv hingenommen, sondern aktiv gestaltet werden soll (NIoE 251). Damit macht der Begriff des ,Essayismus' deutlich, was in der ,Utopie der Exaktheit' allenfalls ffi itgedacht wurde: daß bei aller Bestrebungen nach reflexive r Rationalisierung des Experiments kein letztgültiges ,System' (MoE 253) gefunden werden kann, unter dessen Leitlinie die icleaJe Wirklichkeit Zu konstruieren wäre. Nicht nur die theoretische Erkenntnis der Wirklichkeit, sondern auch deren praktische GestaJrung kommt über den Status eines vorläufigen ,Versuchs' rucht hinaus - und dies nicht aufgrund einer Maogelhafrigkeit des Experiments, sondern aus prinzipiellen Gründen. Für den l\Jenschen, der sich auf der Suche nach einem Prinzip des Handelns befindet, hat dies grundsätzliche Auswirkungen. Kann er nicht darauf hoffen, irgendwann einmal über ein unbezweifelbares System an Handlungsanleitungen zu verfügen, und will er zugleich die Option des Handelns nach einem reduktiven Denkschema vermeiden, so gilt es, das essayistische Welrverhältnis selbst auf Dauer zu stellen. Der tvföglichkeitsmensch, der eine definitive Festlegung auf nur eine Wirklichkeitsperspektive unter vielen alternativ denkbaren zu vermeiden sucht, avanciert zum Dauertypus eines "potentiellen Menschen" (~ ... [oE 251). D ieser lehm die Reduktion eigener f\'[öglichkeiten beim Handeln prinzipiell ab, um "Inbegriff seiner Möglichkeiten" bleiben zu können (NloE 251). Der Essayismus korrigie.rr die ,Umpie der Exaktheit' jedoch noch in einer weiteren Hinsicht. Während das rationale Weltverhältrus ZU einer Verabsolutierung des theo retischen Denkens neigt, sucht der Essayismus auch den entgegengesetzten Pol des Gefühls zu imegrieren. Denn wenn Musil den Essay definiert als "die einmalige und unabänderliche Gestalt, die das innere Leben eines l"fenschen in einem entscheidenden Gedanken annimmt" und den Essayisten einen "i\feister des innerlichen schwebenden Lebens [ ... ] zwischen Religion und Wissen" (J.-[oE 253), gar einen " Heilige[n] mit und o hne Religion" (JI-foE 254) nennt, so öffnet sich der Essayismus für eine Lebenshaltung, die mit der BegrifAichkeit wissensch aftlicher E xaktheit nicht mehr zu fassen ist. Der so innerhalb des Essayismus aufscheinende andere Pol - charakterisiert als ,Gebiet' respektive als ,Zustand' - kann nicht intellektuel~ sondern nur in einem Ethik und Ästhetik bei Roben Musil 195 D iskurs der ,Ergriffenheit' zugänglich gemach t werden (tl'foE 255). Die eigentlich ethische Aufgabe besteht für Ulrich nun darin, die rationale Disposition des Konstruktivismus mit {lieser inneren Zuständlichkeit zu vermitteln, midlin ,Genauigkeit' und ,Seele' (MoE 583) miteinander zu verbinden (pieper 272; Schöne 34; Hochstätter 187f.). Daß diese Verbindung auch im Essayismus nicht automatisch gegeben ist, betont das zentrale Kapitell 16 des Mann ohne Eigenschaften - "Die beiden Bäume des Lebens und die Forderung eines Generalsekretariats der Gen auigkeit und Seele" - in dem Ulrich über die bisherige Trennung lind Unverbundenheit der beiden konstitutiven Bereiche reflektiert_ Dabei erkennt er, daß sein bisheriges Leben in zwei voneinander getrennten Bahnen verlaufen ist und er selbst zwischen den beiden Bereichen gefangen war (Hochstätter 187). Während bislang die konstruktivistische Haltung zur Welt vorherrschte, die Ulrich selbst als "Drang zum Angriff auf das Leben und zur Herrschaft d arüber" versteht, so entdeckt Ulrich doch "auf der sanften Schattenseite seines Wesens" einen anderen Zustand (MoE 592), den er mit Begriffen wie ,Gleichnis,' ,Traum' oder "gleitende Logik der Seele" umschreibt. Eine solche kontem plative Gesinnung m.it ihrer Sensibilität für "die Verwandtschaft der D inge in den Ahnungen der Kunst und Religion" betrachtet die Welt nicht als Gegemtand aktiver Gestalrung, sondern hält sicb in einem ,anderen Z ustand,' in dem sie sich von der Welt ansprechen läßt (i'.10E 593). Es ist nach Ulrichs Auffassung die eigen tliche Aufgabe eines bewußten Essayismus, diese beiden Halrungen zur Welt miteinander zu vereinen. Und da er erkenm, daß er aUeine " nicht imsrande lwar], das AuseinandergefaUene von neuem zusammen zu bringen" (lvloE 594), fordert er ein "Generalsekretariat der Genauigkeit und Seele" (MoE 583) . Doch der erste Teil des Romans endet, ohne daß die in der Parallelaktion repräsentierte Gesellschafl auf scinen Vorschlag eingegangen wäre_ Und da er selbst erkennt, daß eine Verbindung der beiden Bereiche nur gelingen kann, "indem man sie zuvor vorsichtig trennt" (MoE 593), begibt er sich im zweiten Teil des Romans au f eine Reise in den ,anderen Zustand,' in der er eine kontemplative Haltung zur Welt enrwickelt.7 196 FOCUJ on Germall Studies Kontemplation und ,andere r Z ustan d ' Es ist zunächst zu betonen, daß der ,andere Zustand' aus der essayistischen Halrung selbst entspringt. So ist von Ulrichs inneren Vorbehalten gegen eine Verabsolucierungdes "Iogische[n] Ordnen[s]" die Rede, und er hält dem "eindeutigen \Xlillen" der konstruktiven Gesinnung andere Gesetze entgegen, "die nicht weniger streng sind, als sie zart und unaussprechlich erscheinen" (rvloE 253). Bevor jedoch die Möglichkeit einer gelingenden Synthese ins Blickfeld des Romans gelangen kann, wird der ,Zustand' genauer entwickelt, in den Ulrich nach dem Scheitern seiner bloß konstruktivistischen H alrung zur Welt gerät und der im Wechsel von der Parallelaktion zur Schwesterbeziehung semen Ausdruck auch auf der Erzählebene findet. Dieser "andere Zustand" erscheint Ulrieh zunächst als ein ,Gebiet,' das nicht mit alltäglichen Begriffsrastern zu beurteilen ist, "kein Denken mehr [ ... ] und auch kein Fühlen," sondern "ein ganz Begreifen" (l\'[oE 255). Das Ergriffensein durch ein "geheimnisvolles zweites Leben" (lvfoE 752) zeigt sich in Form sinnlicher Extase oder in Form einer kontemplativen Gemütsstimmung, die vornehmlich in der Namr oder an namrähnlichen Orten wie dem ,Garten' (1vloE 749) auftritt. Obwohl Ulrich selbst bereits in Zeiten seiner essayistischen \'V'e1tsicht einen inneren Hang wm ,anderen Zustand' zeigte, gelingt ibm erst mit der Bekanntschaft Agathes ein wirklicher Zugang zu diesem Gebiet. Nur als gemeinsames Erlebnis zusammen mit der Schwester, die den rational reflektierten Ulrich um ein emotiona les Moment ergänzt, ist der Weg zur "taghellen Mysrik (MoE 1088) gangba r (Brosrhaus 410). Die Gemeinsamkeit der verschiedenen Zustände, in die Ulrich und seine Schwester AgaLhe geraten, liegt dabei in einer permanenten Aufhebung der Grenze zwischen Subjekt und Objekt (r'.·leister 240). Es ist die Empfindung einer "schwebenden ,Einheit' aller Dinge und Seelenkräfte" (}.-[oE 753), die euphorisch als glücksbringend wah rgenommen wird. So ist die Rede von einem "wundcrbare[n] Gefühl der Entg renzung und Grenzenlosigkeit des Äußeren wie des Tnneren" (}.-[oE 765), das in quasi-mystischen Termini als "ein Überströmen und Auslöschen, ein Aus- und Einsclmmgen" (1'I'[oE 751) beschrieben wird. Dieses Ethik und Ästhetik bei Rohen Musil 197 Gefühl der Überwindung normaler \X1ahrnehmungsgrenzen vermittelt den Geschwistern die Ahnung einer Verbundenheit mit der Weh, die dem Zustand "ctwas unendlich Ruhendes und Umfassendes" (MoE 763) verleiht. Vermittelt ",-Ud dieses Gefühl einer grenzüberwindenden Harmonie mit der \Xlelr durch eine u[Jgewöhnliche Sensibilität, eine "gesteigerte Empfanglichkeit und Empfindlichkeit" (MoE 764). Als "grenzenloses sich Verschenken und Verschränken" (lvloE 765) erinnert dieses Vereinigungsgefuhl an das mystische Prinzip einer "höhere[[J] Selbstlosigkeit" (tvloE 1234). In allen diesen Formulierungen erhält der ,amlere Zustand' den Charakter einer ästhetisch verfaßten Ethik par excellence, die dem Prinzip des Konstruktivismus gegenübertriu . Als Verbindung vo n "Liebe und ivlystik" (lI.1oE 1234) markien er einen Zustand, den das Subjekt nicht willkürlich herbeiführen kann, den es aber durchaus bewußt auf sich wirken lassen und in dem es sich halten kan n. Es ist ein Zustand komemplativer Offenheit gegenüber der Welt, der eine ungeheure Steigerung der Rezeptivität mit sich bringt. Als "Gewoge von Empfindungen" (MoE 762) ist er ästhetisch im Sinne der aistheIis, des sinnlichen \'{Iahrnehmens in seiner ganzen Intensität. Es wäre jedoch voreilig zu glauben, tvlusil habe im ,anderen Zustand' die Lösung aller vet:handelteo ethischen P robleme erblickt. Denn der ,andere Zusrand' leidet an einem 1hngel an Dynamik, die fur jede Form von Entwickluog unabdingbar ist - wie Ulrich selbst, noch im kontemplativen Zustand befindlich, erkenne "Dem appetitartigen Teil der Gefuhle verdankt die Welt alle Werke und alle Schönheit, allen FortSchritt, aber auch alle Unruhe" (r'.'[oE 1237) . Zudem bon der ,Traumwstand' (NfoE 762) des anderen Erlchens in hohem Maße asozial und realitäts fern werden, wenn er zur einzigen Form des Umgangs mit der Welt avanciert (r'.hckowiak 93). So ziehen sich die Geschwis ter im zweiten Buch des M~lIIl1 ohne Eige/lschqftel/ zunehmend in ihr Heim femab jeder Gesellschaft zurück und unterbrechen sämwche Aktivitäten, denen sie sich zuvor widmeten (Rasch 119). Allerdings stellt der ,andere Zustand' auch keine blo ß illusionistische Distanzierung von der Realität, gar eInen unkritischen Harmonismus dar. Vielmehr sind bereits in seine scheinbar unve rmittelte Darstelluog zahlreiche Formen der kritischen Reflexion eingebaut. So wird der ,andere Zusrand' kaum 198 Foms 011 GtmJall Sllldiu je narrativ evoziert, sondern meist im Gespräch zwischen Ulrich und Agame diskursiv verhandelt (Amrzen 135f.). Und wenn das Gespräch in euphorische Exaltationen auszuarten droht, erhebt Ulrich die Forderung nach einer "überlegten Nach prüfung" (MoE 765), nach kritischer Reflexion und Skepsis gegenüber einer distanzlosen Hingabe an die Einheitserfahrung (Rasch 98). Und auch die Vorstellung vom ,anderen Zustand' als einer "mystische[n] Variante des utopischen Möglichkeitssinnes" (Bohrer 204) trifft dcn Sachverhalt m.E. nichl. Denn der ,andere Zustand' ist nicht, wie etwa Kanhaus meint, mit einer vollständigen "Aufhebung der Person" (Karthaus 131) gleichzusetzen. Vielmehr verharrt er in einer irreduziblen und nach keiner der heiden Pole auflösbaren Spannung zwischen Entgrenzung und Neubildung des Selbst Dem .verlieren' korrespondiert gleichursprünglich eine ,Steigerung' (MoE 75 t ). Der ,andere Zusland' markiert somit keine voUkommene Entgrenzung, sondern ein "unsichere[s] Zittern der G renze" (MoE 765; Albertsen 107) . Es erscheint daher plausibler, ihn nicht als Zustand einer Selbslaufgabe des Individuums zu verstehen, sondern als einen enveiterten Bewußtseinsraum tUr GelUhle und Stimmungen, in dem das Selbst sich emfalten kann ~ ein Selbst freilich, das nicht mehr substantieU und fixiert gedacht wird (Albensen 41). Und folgerichtig lehnt auch Uleich selbst die Tmerpretation des ,anderen Zustands' als "göttliche Erleuchtung« oder ,Jnruition' (lv[oE 765) strikt ab, da dieser auf keine Anbindung an eine transzendeme Instanz vcnveisr, sondern als Transformation der Realitätswahrnehmung von ,,~(enschen dieser Welt" ~loE 76 l) zu verstehen ist. Beim ,anderen Zustand' geht es, so fo rmuliert Agame treffend, darum, "daß man fur einen Augenblick zu sich gekommen ist" (MoE 75 1). Somit verweiSl schon die innere Beschaffenheit des ,anderen Zustands' auf die Notwendigkeit, diese veränden e Realitätswahrnehmung auch in der Gegenwart einer radikalisie rten Modernität umsetzen zu können. ,,(T]ch sehe mir den heiligen \'(leg mit der Frage an, ob man wohl auch mit einem Kraftwagen auf ihm fahren könnte" ~loE 751; Brosthaus 396): hli t dieser Forderung einer nüchternen Betrachtungsweise des ,anderen Zustands', einer "vorsichtigen Halrung" (Mo E 753), spricht Ulricb erneut das Thema einer V~rbindung von E:.:aktheir und Kontemplation an, die den Kem von Musils Essayismus markiert (Hocbsrärrer 238f.). Ethik und Ästhetik bei Roben f',{usil 199 Und so wendet sich Musil deutlich gegen ein irrationales Verständnis mystischer Zuständlichkeit, das in der konservativen Kulturkritik seiner Zeit weit verbreitet war: "Wir haben nicht zuviel Verstand und zuwenig Seele, sondern zuwenig Verstand in den Fragen der Seele", wie Musil in seinem Essay "Das hilfslose Europa" bemm (GW 8,1092). Genau an dieser Unfahigkeit der wesentlichen intellekruellen Strömungen, die von Ulrich geforderte Verbindung von Genauigkeit und Seele zu realisieren , ja überhaupt erst deren Notwendigkeit einzusehen, scheitert Ulrichs Projekt. Denn es liegt in der Tendenz der Zeit, Scheinverbindungen von Gefüh l und Verstand zu propagieren, die "das Denken verachten" (MoE 596). Gegen diese populären Weltanschauungen komm t UI.rich mü seiner Forde rung nach einer "geistigen Generalinventur" (f'.{o E 597) nicht an. Und so muß er zuletzt erkennen, daß l\knschen wie er "heute offenbar geboren lwerdenJ, aber sie bleiben noch allein, und allein war er nicht imstande, das Auseinandergcfallene von neuem zusammenzubringen" (tv{oE 594). Und so scheint der Übergang zum ,anderen Zustand' zwar einen Zuwachs an exislemieUen Erfahrungen für Ulrich und seine Schweste r zu bringen, jene ,Ver.tweLfiung' Ulrichs, den "Notstand seines Lebens" (f'.-loE 257), an dem er vor der \'(Iende des Romans hin zu r Schwesterhandlung lin, jedoch nicht völl ig auflösen zu können. Denn eine dauerhaft gelingende Synthese zwischen ,Genauigkeit' und ,Seele' ist auch nach dem Durchgang durch den ,anderen Zustand' nicht in Sicht. Äs thetik als Mögli chkeit einer Verbind ung von Konstruktivismus und KOlltem plati on Im MUlm ohne Eigenschaften scheint die UtOpie einer Verbindung der beiden et h.isch~ästhetischen Grundprinzipien im "Generalsekretariat de.r Genauigkeir und Seele" (MoE 586) an Grenzen zu stoßen. Eine Synthese wird zwar theoretisch anvisiert:, kann aber in prax; nicht in einer beständigen Se1bstkonsu ukrion verwirklicht werden. Daß das Utopische nicht dauerhaft realisiert werden kann, bedeutet jedoch keineswegs, daß es damit desavouiert würde. Denn im Rahmen einer Diskussion der exis[entiellen Bedeutung von KltnsJ denkt t.'lusil eine je augenblicksgebundene Synthese von Exaktheit und 200 FoCIIs on Ger"'an Studies Kontemplation im künstlerischen Schaffen wie in der ästhetischen Erfahrung mit dem Kunstwerk Dementsprechend konzipiert er in seinem Essay "Ansätze zu neuer Ästhetik. Bemerkungen liber eine Drama(Urgie des Films" die Kunst als Verbindungsraum zwischen gewöhnlichem Weltverhältnis und ,anderem Zustand." In dieser VorsleUung erscheint das äsmetische Welrverhälmis als eine l\'[öglichkeit, die Uropie einer Verbindung von Genauigkeit und Seele zumindest im Augenblick des ästhetischen Erlebens einzulösen. Grundlegend für diesen Aufsatz ist die Auffassung vom Kunstedeben als einer ganz anderen Form der Wirklichkeitsecfahrung, die dem aUräglichen bewußten Welrvcrhälmis enrgegengesent iSI (Meister 242). Als "seltsame Abspaltung vom vollen Leben" (GW 8, 1139) stelh sie nicht nur eine Alternative, sondern geradezu einen "Gegensatz zur normalen WeIthainmg" (GW 8, 1141) dar. Es bleibt jedoch zu fragen, ob diese Differenz eine völlige Inkompatibilität det beiden Zustände impliziert, oder ob in ~Iusils Ä51hetik nich t doch ein t,,.[omem der Anschlußfahigkeit mitgedacht wird, durch welches das KUrlSterieben als Zwischenhereich zwischen normalem Wdtverhältnis und ,anderem Zustand' fungieren kann (JI.'[eister 244). Einer erSten Perspektive zufolge steht das Erleben von Kunst tatsächlich Ul einer grundsätzüchen Opposition zur Alltagserfahruog, Diese Opposition wird im J\{odus der Negation wie dem der radikalen Differenz realisiert. Als Negation kann das Kunsterleben charakterisiert werden, weil es eine ,Störung' (GW 8, 1140) des normalen Zustands herbeifüh rt und das für selbsrverständlich erachtete: bewußte Welevtrhälmis ins Wanken bringt. Diese "Verneinung des wirklichen Lebens" \I.