Focus 2004.tif 206 Focus on German Studies '?!Ir lvfttJiI-Kritik. Hrsg. Gudrun Brokoph-Mauch. Bern: Lang, 1983. 237-255. Musil, Robert. Der Mann ohne Eigenschaflen. Hrsg. Adolf Frise. Reinbek: Rowohlc, 1978. ---. Gesammelte Werke. Hrsg. Adolf Frise. Reinbek: Rowohlt, 1976 Pieper, Hans-Joachim. "Die Philosophie Robert Musils jm Spannungsfeld der Theorien Nietzsches und Machs."Nietzsche Studien 30 (2001): 267-294. Rasch, Wolfdietrich. Ober &bert Musiis &man ,Der Mann ohm Eigenschaften. ' Gottingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1967. Roth, Marie-Louise. &bert MusiL Ethik und Asthetik. Zum theoretischen Werk des Dichters Munchen: List, 1972. Schone, Albrecht. "Zum Gebrauch des Konjunktivs bei Robert Musil." &bert Musli. Hrsg Renate v. Heydebrand. Darmstadt: WBG, 1982. 19-53. Stefanek, Paul. "Illusion, Extase, Erfaruung. Zu Robert Musils Essay ,_Ansatze zu neuer Asmetik.'" Modern AUJ·trian Literature 9 (1976): 155ff. Vemurelli, AJdo. &bert Musil und das Projekt der Moderne. Frankfurt/Main: Lang, 1988. Willemsen, Roger. &bert jVfusiL Vom inte!lektue!!en Eros. Munchen: Piper, 1985. Selbstkultivierung und Selbstformation: Zur Frage der weiblichen Subjektivitat in Lessings Trauerspiel MiJl Sara Sampson Lanlan Xu D ie Wissenschaft des Feminismus hat die Fragc nach den Grunden fur die Objektposition der Frauen in der patriarchalischen G esellschaft immer mehr in den Iviittelpunkt der Diskussion i..iber die Stellung der Frau im allgemeinen und in der Literatur im Besonderen geri..ickt. Die marxistischen bz,v. materialistischen Feministen sehen den Grund in der Recht- und Machtlosigkeit der Frauen bzw. in ihrer unselbstandigen finanziellen Situation;! eine andere Stromung des Feminismus, die vom Poststrukturalismus beeinftusst wird, erkennt das Grundi..ibel im mannlichen Diskurs, der anhand von Strategien der Institutionalisierung und Disziplinierung die Frauen objektiviert und dominiert;2 diejenigen Feministen, die ihrem Deutungsansatz die Psychoanalyse zugrunde legen, wahlen zwar das Individuum als Untersuchungsobjekt, aber ihre Werke konzentrieren sich hauptsachlich auf die Ivloralsysteme oder sozialen Konstellationen, die den Frauen von mannlichen Diskursen aufgedrangt werden und die sie daher internalisiert haben,3 ObwohJ diese Interpretationsversuche verschiedene theoretische Hintergri..inde haben, gehen sie ahnlich vor, indem sie verborgene Machtverhaltnisse in der patriarchalischen Gesellschaft enthullen und die Grunde fur die Objektposicion der Frauen ausfindig machen wollen. Wahrend diese Vorgehensweisen einsichcig und ergiebig sind, muss man beachten, dass sich die meisten Arbeiten in diesem Bereich bisher nur auf die atilleren Ursachen dieser Problematik konzentrierten und die Frauen lediglich als Opfer der mannlichen Diskurse darstellten. Die inneren Ursachen, d.h. die Rolle, die ein Individuum bei seiner Subjektformation spielt, werden in der Diskussion meistens vernachtal3igt. Meines Erachtens konnen die auJ3eren Ursachen nur gemeinsam mit den inneren Ursachen wirken. Wie Foucault seine Forschungsergebnisse im Yerman Seminar zusammenfassend kommentiert, gibt es neben 206 Focus on German 5 tudies '?!Ir lvfttJi!-Kritik. Hrsg. Gudrun Brokoph-Mauch. Bern: Lang, 1983. 237-255. Musil, Roben. Der Mann ohne Eigenschaften. Hrsg. Adolf Fase. Reinbek: Rowohlc, 1978. ---. Gesamme!te Werke. Hrsg. Adolf Fase. Reinbek: Rowohlt, 1976 Pieper, Hans-Joachim. "Die Philosophie Roben Musils im Spannungs feld der Theorien Nietzsches und Machs."Nietzsche Studien 30 (2001): 267-294. Rasch, Wolfdietrich. Über &bert Mt/sils &man ,Der Mann ohne Eigenschaften. ' Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1967. Roth, Marie-Louise. &bert MusiL Ethik und Asthetik. Zum theoretischen Werk des Dichters München: List, 1972. Schöne, Albrecht. "Zum Gebrauch des Konjunktivs bei Roben Musil." &bert Mus/i. Hrsg Renate v. Heydebrand. Darmstadt: WEG, 1982. 19-53. Stefanek, Pau!. "Illusion, Extase, Erfahrung. Zu Roben Musils Essay ,_Ansätze zu neuer Äsmetik.'" Modern AUJ·trian Literature 9 (1976): 155ff. Vemurelli, Aldo. &bert Musi! und das Projekt der Moderne. Frankfun/Main: Lang, 1988. Willemsen, Roger. &bert jVfusiL Vom intel!ektuellen Eros. München: Piper, 1985. Selbstkultivierung und Selbstformation: Zur Frage der weiblichen Subjektivität in Lessings Trauerspiel Miß S ara S ampson Lanlan Xu D ie Wissenschaft des Feminismus hat die Frage nach den Gründen für die Objektposition der Frauen in der patriarchalischen G esellschaft immer mehr in den I'vlittelpunkt der Diskussion über die Stellung der Frau im allgemeinen und in der Literatur im Besonderen gerückt. Die marxistischen bz'.v. materialistischen Feministen sehen den Grund in der Recht- und Machtlosigkeit der Frauen bzw. in ihrer unselbständigen finanziellen Situation;! eine andere Strömung des Feminismus, die vom Poststrukturalismus beeinflusst wird, erkennt das Grundübel im männlichen Diskurs, der anhand von Strategien der Institutionalisierung und Disziplinierung die Frauen objektiviert und dominiert;2 diejenigen Feministen, die ihrem Deutungsansatz die Psychoanalyse zugrunde legen, wählen zwar das Individuum als Untersuchungsobjekt, aber ihre Werke konzentrieren sich hauptsächlich auf die l\loralsysteme oder sozialen Konstellationen, die den Frauen von männlichen Diskursen aufgedrängt werden und die sie daher internalisiert haben,3 Obwohl diese Interpretationsversuche verschiedene theoretische Hintergründe haben, gehen sie ähnlich vor, indem sie verborgene Machtverhältnisse in der patriarchalischen Gesellschaft enthüllen und die Gründe für die Objektposition der Frauen ausfindig machen wollen. Während diese Vorgehensweisen einsichtig und ergiebig sind, muss man beachten, dass sich die meisten Arbeiten in diesem Bereich bisher nur auf die äußeren Ursachen dieser Problematik konzentrierten und die Frauen lediglich als Opfer der männlichen Diskurse darstellten. Die inneren Ursachen, d.h. die Rolle, die ein Individuum bei seiner Subjektformation spielt, werden in der Diskussion meistens vernachläßigt. Meines Erachtens können die äußeren Ursachen nur gemeinsam mit den inneren Ursachen wirken. Wie Foucault seine Forschungsergebnisse im Vermün Seminar zusammenfassend kommentiert, gibt es neben 208 209 Foetls on German Sttfdies "technologies of power, wruch determine the conduct of individuals and submit them to certain ends of domination" noch "technologies of the self, wruch permit individuals to effect by their own means or with the help of others a certain number of operations on their own bodies and souls, thoughts, conduct, and way of being, so as to transform themselves in order ro attain a certain state of happiness, punty, wisdom, perfection, or immortality" (Foucault, Technologies 18). Waruend er die Praxis und Wirkung der Objektivierung eines Individuums durch die Technologien der H errschaft wie "the dividing practices" und "the scientific classification" in seinen fruheren Werken ausfuhrLich analysiert, konzentriert er sich in seinen spateren \'{ferken wie z.B. in History of Sexuality hauptsachLich auf die Formen der ,subjectification,' namLich auf "the way a human being turns hllu- or herself into a subject" (Structtfralism 208). Foucault entwirft dabei eine Ethik, die vor allem die bestimmende Macht der Diskurse, die seine vorhengen Werke impLizieren, abbaut und die Eigeninitiative des Individuums bei der Kultivierung seines Selbsts hervorhebt. Diese Hypothese hat eine bedeutende Implikation fur die ruer vorLiegende Diskussion uber die Subjektivitat der Frauen, da die Foucaultsche Perspektive die Pflicht des Individuums, sich zu einem selbstandigen Subjekt zu entwickeln, unterstreicht und daher auch eine produktive N euinterpretation der Grunde fur die Objektposition der Frauen in der patriarchaLischen GeseUschaft verspncht. Allerdings soil an clieser Stelle angemerkt werden, dass ich ruer nicht die Absicht habe, einen unbedingten Zusammenhang zwischen dem Feminismus und Foucault zu schLieBen, besonders in Anbetracht dessen, dass sich Foucault in seinen Werken hauptsachlich auf weille und wohlhabende Manner konzentriert und die Frauenfrage bum beachtet. In der Auslegung seiner Selbstkultivierungs-Theone, die er aufgrund der Ethik-Praxis der klassischen Zeit aufstellt, legt er sogar expLizit fest: This ethics [classical ethics] was not addressed to women; it was not their duties, or obligations, that were recalled, justified or spelled out. It was an ethics for men: an ethics thought, written, and taught by men and addressed to men [.. . ] A male Selbstkultivierung und Selbstformation etrucs, consequently, in which women figured only as objects. (Use 22) Wahrend wir der Etruk der klassischen Zeit mit Recht vorwerfen konnen, dass ihr PhaUozentrismus zur MarginaLisierung der Frauen beigetragen hat, konnen \vir Foucault, der cliese Ethik wi.irdigt und propagiert, mit dem gleichen Recht kritisieren. tvfit der vorLiegenden Arbeit, in der ich Foucaults These als theoretische Basis verwende, will ich auch nicht irnpLizieren, dass die Selbstkultivierung der einzig enrscheidende Faktor im Prozess der Selbstformation ist und man sich daher zum selbs tandigen Subjekt entwickeln kann, sobald man Foucault gelesen hat und sich in seinem Sinne zu kultivieren beginnt; ganz irn Gegenteil, die politis chen, sozialen und kulturellen Verhaltnisse spielen meines Erachtens eine ebenso wichtige RoUe dabei. Meine Entscheidung, den auBeren Ursachen fur die Objektposition der Frauen in dieser Arbeit wenig Aufmerksamkeit zu schenken, basiert hauptsachLich auf dem Forschungsinteresse der bishengen Literatur, in der die negative Wirkung der mannLichen Diskurse schon aus verschiedenen Perspektiven ausfuhrLich analysien, aber die Eigeninitiative der Frauen meistens vernachlassigt wurde. Deshalb werde ich Foucaults ethischen Imperativ kritisch ubernehmen und ihn auf das Gebiet der Frauenproblematik anwenden, um 2U umersuchen, warum Frauen jahrhundertelang das Idealbild der selbs tlosen Helferinnen fe stgehalten haben und wie sich diese Position in Literanschen Werken ausdriickt. In der vorLiegenden Arbeit werde ich mich auf Foucaults Theone stutzen und anhand seiner Selbstkuilivierungs-Lehre die Frauenfiguren in Mift Sara Sampson untersuchen. Dabei werde ich mich auf die Frage konzenrrieren, ob und inWlefern die Frauen in diesem Drama als selbstandige Subjekte zu lesen sind. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei der aktiven Rolle, die Lessing den beiden weibLichen Protagonisten im Verlauf des Dramas zumisst, geschenkt werden. Ich hoffe, mit meiner Arbeit eine neue Perspektive in der Literatur iiber das Drama MijS Sara Sampson und daruber hinaus uber die Literarische Reflektion der sozialen Objektposition der Frauen in der patriarchaLischen GeseUschaft zu bieten. MijSSara Sampson gilt in der Forschung wegen der aufklarerischen Ideale der Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit, die in diesem 208 Foctls on German Stt,dies " technologies of power, which determine the conduct of individuals and submit them to certain ends of domination" noch "technologies of the self, which permit individuals to effect by their own means or with the help of o thers a certrun number of operations on their own bodies and souls, thoughts, conduct, and way of being, so as to transform themselves in order tO attain a certrun state of happiness, purity, wisdom, perfec tion, or immorta Li ty" (Foucault, Technologies 18). Während er die Praxis und Wirkung der Objektivierung eines Individuums durch die Technologien der H errschaft wie "the dividing practices" und "the scientific classification" in seinen früheren Werken ausführlich analysiert, konzentriert er sich in seinen späteren \'V'erken wie z.B. in History of Sexualiry hauptsächlich auf die Formen der ,subjecti fication,' nämlich auf " the way a human being turns him- or herself into a subjec t" (Stm ctttralism 208). Foucault entwirft dabei eine Ethik, die vor allem die bestimmende Macht der Diskurse, die seine vorherigen Werke implizieren, abbaut und die Eigeninitiative des Individuums bei der Kultivierung seines Selbsts hervorhebt. Diese Hypothese hat eine bedeutende Implikation für die hier vorliegende Diskussion über die Sub jektivität der Frauen, da die Foucaultsche Perspektive die Pflicht des Individuums, sich zu einem selbständigen Subjekt zu entwickeln, unterstreicht und daher auch eine produktive Neuinterpretation der Gründe für die Objektposition der Frauen in der patriarchalischen Gesellschaft verspricht. Allerdings soll an dieser Stelle angemerkt werden, dass ich hier nicht die Absicht habe, einen unbedingten Zusammenhang zwischen dem Feminismus und Foucault zu schließen, besonders in Anbetrach t dessen, dass sich Foucault in seinen Werken hauptsächlich auf weiße und wohlhabende tvIänner konzentriert und die Frauenfrage kaum beachtet. In der Auslegung seiner Selbstkultivierungs-Theorie, die er aufgrund der Ethik-Praxis der klassischen Z eit aufstellt, legt er sogar exp Lizit fes t: This ethics [classical ethics] was not addressed to women; it was not their duties, or obligations, that were recalled, jus tified o r spelled out. Ir was an ethics for men: an ethics thought, written, and taught by men and addressed to men [ ... ] A male Selbstkultivierung und Selbstformation ethics, consequently, in which women figured only as ob jects. (Use 22) 209 Während wir der Ethik der klassischen Zeit mit Recht vorwerfen können, dass ihr Phallozentrismus zur MarginaLisierung der Frauen beigetragen hat, können wir Foucault, der diese Ethik würdigt und propagiert, mit dem gleichen Recht kritisieren . .Mit der vorliegenden Arbeit, in der ich Foucaults These als theoretische Basis verwende, will ich auch nich t implizieren, dass die Selbstkultivierung der einzig entscheidende Faktor im Prozess der Selbstformation ist und man sich daher zum selbs tändigen Subjekt en twickeln kann, sobald man Foucault gelesen hat und sich in seinem Sinne zu kultivieren beginnt; ganz im Gegenteil , die politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse spielen meines Erachtens eine ebenso wichtige Rolle dabei. Meine E ntscheidung, den äußeren Ursachen für die Objektposition der Frauen in dieser Arbeit wenig Aufmerksamkeit zu schenken, basiert hauptsächlich auf dem Forschungsinteresse der bisherigen Literatur, in der die negative Wirkung der männlichen Diskurse schon aus verschiedenen Perspektiven ausführlich analysiert, aber die Eigeninitiative der Frauen meistens vernachlässigt wurde. Deshalb werde ich Foucaults ethischen Imperativ kritisch übernehmen und ihn auf das Gebiet der Frauenproblematik anwenden, um zu untersuchen, warum Frauen jahrhundertelang das Idealbild der selbs tlosen Helferinnen festgehalten haben und wie sich diese Position in literarischen Werken ausdrückt. In der vorliegenden Arbeit werde ich mich auf Foucaul ts Theorie stützen und anhand seiner Selbstkulrivierungs-Lehre die Frauenfiguren in lvIiß Sara Sampson untersuchen. Dabei werde ich mich auf die Frage konzen trieren, ob und inwiefern die Frauen in diesem Drama als selbständige Subjekte zu lesen sind. Besondere Au fmerksamkeit wird dabei der aktiven Rolle, die Lessing den beiden weiblichen Protagonisten im Verlauf des Dramas zumiss t, geschenkt werden. Ich hoffe, mit meiner Arbeit eine neue Perspektive in der Literatur über das D rama Miß Sara SaT/tpson und darüber hinaus über die Literarische Reflektion der sozialen Objektposition der Frauen in der patriarchalischen Gesellschaft zu bie ten. Miß S ara S ampson gilt in der Forschung wegen der aufklärerischen Ideale der Vernunft, Toleranz und Menschlichkeit, die in diesem 210 211 Focus on German Studies Drama deuilich zum Ausdruck kommen, ais Meilenstein der Emanzipation des Burgertums.4 Dadurch, class der Autor eine empfindsame Privatsphare in der burgerLichen FamiEe emwirft, die rucht durch die vaterLiche Authoritat und Hierarchie, sondern durch die gegenseitige Liebe und Verpflichtung der FamilienmitgLieder gekennzeichnet ist, beschwon er die Kraft der Humanitat herauf, "uber die starren Normen der Moral hinwegzusehen und der wahren Menschlichkeit zu [sic] Sieg zu verhelfen" (\X'urst 108). Angesichts der Abweichung eines FamilienmitgLiedes von der Tugend, bringen die anderen LYfitgLieder dieser idealen humanen Gemeinschaft oft Geduld und Vergebung auf, auch das untugendhafteVerhalten einer anderen Person ihre Gefuhle verletzt hat. Helmut Peitsch fasst den in dieser Konzeption thematisienen Tugendbegriff folgendermal3en zusammen: "Das Verhalten, das als Tugend gilt, ist gekennzeichnet durch NatiirLichkeit, sein Bezugspunkt ist das Gewissen; gotiliches Gebot und Natur des lIenschen faUen in ihm zusammen. Sein eigenilicher Inhalt ist Altrnismus, die selbstlose Hilfe for den anderen und das Verstdndnis for ihn, sein Affekt ist das Ivlitleid, das sich in Tranen auGert" (158, meine Hervorhebung). WurSt steUt jedoch in ihren Studien liber das Lessingsche Drama den Aluuismus in Frage und kommt durch die psychoanalytische Untersuchung der Texte in Bezug auf Sir William, die Verkorperung der Selbstlosigkeit, zu folgender Schlussfolgerung: "Die Versohnung wird nicht um der Tochter \'(1illen angesuebt, sondern die Einsamkeit des Vaters ist das auslosende Moment. Der Aluuismus der vaterLichen Handlungsweise erweist sich bei naherem Hinsehen als eine Spielart des EgoismtlS, der im Gewande der EmotionaLitat weniger deuwch sichtbar ist" (112, meine Hervorhebung). WurSt betont, dass die vaterLiche Authoritat im Drama nicht abgebaut, sondern nur verschleiert wird und dass dieser daher noch schwieriger zu widerstehen ist. Diese Deutungsweise enthliUt die verborgene Machtposition des Vaters in der scheinbar emanzipatorischen Familie und enveiten un sere Kenntnisse liber das patriarchaLische System im 18. Jahrhundert. Jedoch muss man beachten, dass sich Wursts Umersuchung nicht grundsatzLich von den vorigen Studien unterscheidet, da auch sie voraussetzt, dass das eigene Gllick im Konflikt mit dem des Anderen stehr. Das eine muss geopfen werden, um das andere zu erreichen. In der folgenden Oiskussion werde ich dagegen der Selbstkultivierung und Selbstformation Foucaultschen Theorie der Selbstsorge folgen und die These verueten, dass ein ideales Subjekt im Grunde genommen ein freier Mensch ist, der fur sich selbst sorge und im Prozess der Selbstsorge auch die Anderen mitversorgt. Foucault deutet diese These in "The Care of the Self," dem dritten Band seiner Histo~JI of Sexualiry an. In einem Interview im Jahr 1987 fasste er seine Uberzeugung von der Beziehung zwischen der Sorge fur sich selbst und der fur andere besonders deuilich zusammeo,: Care for self is ethical in itself, but it implies complex relations with others, in the measure where this Ethos of freedom is also a way of caring for others [...J The assumption of aU this morality was that the one who cared for himself correctly found himself, by that very fact, in measure to behave correctly in relationship to others and for others.... One must not have the care for others precede the care for self. ("Ethic Interview" 122) Foucault betrachtet die Harmonie zwischen der Sorge fur sich selbst und der fur andere als ein moraLisches Ideal, das es anzusueben gilt, das aber in Wirkllchkeit srandig von menschLichen Schwachen geEihrdet ist. Laut Foucault besteht die Gefahr fur die Menschen in diesem Zusammenhang darin, dass man eines dieser beiden Endziele zu stark betont und deshalb das andere vernachlassigt. In meiner Arbeit werde ich Sara und Marwood jeweils als Verkorperung einer dieser beiden Gefahren interpretieren und zeigen, dass ihr Zustand, und darliber hinaus der paradigmatisch weibLiche Zustand im 18. Jahrhundert ais unselbstandiges Objekt, eigenwch als ihre Unfahigkeit, fur sich selbst zu sorgen, zu verstehen ist. Ole Sorge fur sich selbst soU jedoch nicht mit ,Selbsiliebe' verwechselt werden. Der j\l{ensch, der fur sich selbst sorgt, muss auch KonuoUe liber sich selbst haben, oder zmnindest versuchen, gezielt sich selbst zu konuollieren, was bei einem selbstslichtigen Menschen nicht der Fall isr. Marwood, die ihr eigenes Interesse liber aUes setzt und nicht zogert, den anderen zu schaden und sie sogar zu toten, um ihre eigenen Bedurfnisse zu befriedigen, verkorpert genau dies en Irrweg. Hier grenze ich meine Arbeit von der Behauptung 210 Forns on German S tudies Drama deutlich zum Ausdruck kommen, als Meilenstein der Emanzipation des Bürgertums.4 Dadurch, dass der Autor eine empfindsame Privatsphäre in der bürgerlichen Familie emwirft, die nicht durch die väterliche Authorität und Hierarchie, sondern durch die gegenseitige Liebe und Verpflichtung der Familienmitglieder gekennzeichnet ist, beschwört er die Kraft der Humanität herauf, "über die starren Normen der Moral hinwegzusehen und der wahren Menschlichkeit zu [sic] Sieg zu verhelfen" (\X'urst 108). Angesichts der Abweichung eines Familienmitgliedes von der Tugend, bringen die anderen i.Yfitglieder dieser idealen humanen Gemeinschaft oft Geduld und Vergebung auf, auch das untugendhafteVerhalten einer anderen Person ihre Gefühle verletzt hat. Helmut Peitsch fasst den in dieser Konzeption thematisierten Tugendbegriff folgendermaßen zusammen: "Das Verhalten, das als Tugend gilt, ist gekennzeichnet durch Natürlichkeit, sein Bezugspunkt ist das Gewissen; göttliches Gebot und Natur des :Menschen faUen in ihm zusammen. Sein eigentlicher Inhalt ist AltruisJJJus, die selbstlose Hilfe fir den anderen und das Verständnis fir ihn, sein Affekt ist das tvutleid, das sich in Tränen äußert" (158, meine Hervorhebung) . WurS t steUt jedoch in ihren Studien über das Lessingsche Drama den Altruismus in Frage und kommt durch die psychoanalytische Untersuchung der Texte in Bezug auf Sir William, die Verkörperung der Selbstlosigkeit, zu folgender Schlussfolgerung: "Die Versöhnung wird nicht um der Tochter Willen angestrebt, sondern die Einsamkeit des Vaters ist das auslösende Moment. Der Altruismus der vä terlichen Handlungsweise erweist sich bei näherem Hinsehen als eine Spielart des EgoisJJJus, der im Gewande der Emotionalität weniger deutlich sichtbar ist" (112, meine Hervorhebung). WurSt betont, dass die väterliche Authorität im Drama nicht abgebaut, sondern nur verschleiert wird und dass dieser daher noch schwieriger zu widerstehen ist. Diese Deutungsweise enthüUt die verborgene Machtposition des Vaters in der scheinbar emanzipatorischen Familie und erureitert unsere Kenntnisse über das patriarchalische System im 18. Jahrhundert. Jedoch muss man beachten, dass sich Wursts Untersuchung nicht grundsätzlich von den vorigen Studien unterscheidet, da auch sie voraussetzt, dass das eigene Glück im Konflikt mit dem des Anderen steht. Das eine muss geopfert werden, um das andere zu erreichen. In der folgenden Diskussion werde ich dagegen der Selbstkultivierung und Selbstformation 21 1 Foucaultschen Theorie der Selbstsorge folgen und die These ver treten, dass ein ideales Subjekt im G runde genommen ein freier Mensch is t, der für sich selbst sorgt und im Prozess der Selbstsorge auch die Anderen mitversorgt. Foucault deutet diese These in "The Care of the Self," dem dritten Band seiner History of Sexualiry an. In einem Interview im Jahr 1987 fasste er seine Überzeugung von der Beziehung zwischen der Sorge für sich selbst und der für andere besonders deutlich zusammen: Care for self is ethical in itself, but it implies complex relations with others, in the measure where this Ethos of freedom is also a way of caring for others [ . . ] The assumption of aU chis morality was that the one who cared for himself correctly found himself, by that very fact, in measure to behave correctly in relationship to others and for others .... One mus t not have the care for others precede the care for self. ("Echic Interview" 122) Foucault betrachtet die Harmonie zwischen der Sorge für sich selbst und der für andere als ein moralisches Ideal, das es anzustreben gilt, das aber in Wirklichkeit ständig von menschlichen Schwächen gefährdet ist. Laut Foucault bes teht die Gefahr für die Menschen in diesem Zusammenhang darin, dass man eines dieser beiden Endziele zu stark betont und deshalb das andere vernachlässigt. In meiner Arbeit werde ich Sara und Marwood jeweils als Verkörperung einer dieser beiden Gefahren interpretieren und zeigen, dass ihr Zustand, und darüber hinaus der paradigmatisch weib liche Zustand im 18. Jahrhundert als unselbständiges Objekt, eigentlich als ihre Unfähigkeit, für sich selbst zu sorgen, zu verstehen is t. Dle Sorge für sich selbst soU jedoch nicht mit ,Selbstliebe' verwechselt werden. D er IvIensch, der für sich selbst sorgt, muss auch Kon troUe über sich selbs t haben, oder zunundest versuchen, gezielt sich selbst zu kontrollieren, was bei einem selbstsüchtigen Menschen nicht der FaU ist. Marwood, die ihr eigenes Interesse über aUes setzt und nicht zögert, den anderen zu schaden und sie sogar zu tö ten, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, verkörpert genau diesen Irrweg. Hier grenze ich meine Arbeit von der Behauptung 212 213 Focus on German Studies ab, dass Marwood im Angesicht der Misshandlung von Iviellefont ein emanzipiertes Subjekt, "ein Mensch" geworden sei (Stu rges 103). Obwohl sie eine sehr aktive Figur im Drama ist, die beharrlich ihren Weg verfolgt und aUe Ivlittel, die ihr zur Verfugung stehen, (wie z. B. wIe Berechnung, Heuchelei, Oberredungskunst, Schonheit, Wollust und sogar eine Mordtat) einsetz t, urn wr Ziel zu erreichen, ist sie keineswegs als ein selbstandiges Subjekt zu verstehen, weil sie eigentlich nur "ein Sklave ihres Begehrens" ist ("Ethic Interview" 119). So klagt sie z. B. einmal ihrer Vertrauten Hannah gegenuber: "daG unsere Krafte nicht so groG sind, als unsere Wut!" (606)5 In wrer Analyse des psychologischen Z ustands von MeUefont erkennt sie auch die dom.i..nierende Macht seiner Leidenschaft. Aber fur sie ist es Unsinn, die Begierde zu beherrschen zu versuchen. So belehrt sie MeUefont: "Deine Begierden und dein Geschmack sind itzt deine Tyrannen. LaG es gut seyn; man muG sie ausroben lassen. Sich wnen widersetzen, ist Torheit" (595). Ihre unkontrollierbare Leidenschaft fuhrt sie schlieGlich zum versuchten Mord an I:vleUefont und der Ermordung Saras. In dem Brief, den sie MeUefont nach der Vergiftung Saras schreibt und in dem sie wm triumphierend die Wahrheit entdeckt, bekennt sie auch selbs t, dass "Rache und Wut" sie "zu einer Morderin gemacht" haben (652). Sie laGt sich vollig von ihren Emotionen lenken und will bzw. kann wre Leidenschaft nicht kontrollieren. In dieser Hinsicht kann man sagen, dass Marwood zwar den ersten Schritt in Richtung Se!bstsorge im Foucaultschen Sinne getan hat, aber den Prozess wegen ihrer Charakterschwachen nicht voUenden konnte. Sie ist nur als "verzerrter Nachklang eben jenes Typus der we!tklugen, selbstandigen, nach Auronomie strebenden Frauen" zu verstehen, wie bereits Inge Stephan in ihrem Artike! richtig nachgewiesen hat (360). 1m krassen Gegensatz zu Marwood wird Sara, die Titelheldin des Dramas, als Symbol des "idealen Tugendbegriff[s] der Empfindsamkeit" (Wurst 11 2), die immer bereit ist, ihr eigenes Gluck fur das der anderen zu opfern, dargestellt. Das Paradigma des Sdbsropfers wird als die hochste Form von Saras Tugend vers tanden und geschatzt. Ihr Gesprach mit Waitwell, dem alten Diener des Sampsons, der ihr den versohnenden Brief ihres Vaters bringt, ist hierfur besonders anschaulich. Ihre erSte Reaktion auf den unerwarteten Besuch \VairweUs, noch bevor er ein Wort uber sein Selbstkultivierung und Selbstformation Anliegen sagen kann, ist der harsche Sprung zu der Schlussfolgerung, dass er die Nachricht Yom Tod wres Vaters ubermitteln mochte. Diese hysterische Reaktion Satas bringt ihre Oberzeugung, dass wr Versuch, nach ihrem eigenen Gluck zu streben, zweifellos das Wohl ihres Vaters verletzt haben musse, zum Ausdruck. Sobald sie erfahrt, dass ihr Vater noch lebt, auGert sie ohne Z ogern ihre Bereitschaft, sich se!bst fur das Leben wres Vaters zu opfern: "Oh! DaG ihm Gott die Halfte meinerJahre zulegen wolle! Die Halfte? - Ich U ndankbare, wenn ich ihm nicht mit alien, sovie! mir deren bestimmt sind, auch nur einige Augenblicke zu erkaufen bereit bin!" (6 10). In ihrem Moralsystem steht ihr GlUck immer im Konflikt mit dem Schicksal wres Vaters und ordner sich dessen Belangen unter. N ach der Forderung dieser Moral fasst sie den Entschluss: "Wenn mein Vater durch mich unglucklich sein muG, so will ich selbst auch unglucklich bleiben. Ganz aUein ohne ihn unglucklich zu sein, das ist es, was ich jetzt stuncllich von dem Himmel bitre; glucklich aber o hne ihn gaOl allein zu sein, davon will ich durchaus nichts wissen" (6 12). Es ist wr unmoglich , die vierte Moglichkeit wahrzunehmen, namlich dass sie mit dem Vater zusammen glucklich sein konnte. Der Grund ihres Zogerns, die Vergebung wres Vaters anzunehmen, besteht auch darin, dass sie nicht an den glucklichen vierten Ausweg glaubt. So fantasiert sie uber ihr Leben mit dem versohnten Vater: Ich wiirde es tun mussen, was er mir erlaubte, ohne mich daran zu kehren, wie teuer ihm diese Erlaubnis zu stehen komme. Und wenn ich dann am vergnugtes ten daruber sein wollte, wiirde es mir plotzlich einfallen, daB er mein Vergnugen auGerlich nur zu teilen scheine und in sich selb st vielleicht seufze; kutz, dag er mich mit Entsagung sewer elgenen Gluckseligkeit glucklich gemacht habe. (6 12) usammenfassend kann man sagen, dass die Tragik Saras, mit Foucaults Worten, darin besteht, dass sie nicht verstehen kann , dass " the care for self takes moral precedence in the measure that the relationship to self takes ontological precedence" ("Ethic Interview" 118). Die prinzipienlose Bereitschaft Saras bzw. der paradigmatisch 212 Foem on German Studies ab, dass Marwood im Angesicht der Misshandlung von Iviellefont ein emanzipiertes Subjekt, "ein Mensch" geworden sei (Sturges 103). Obwohl sie eine sehr aktive Figur im Drama ist, die beharrlich ihren Weg verfolgt und alle Mittel, die ihr zur Verfügung stehen, (wie z. B. ihre Berechnung, Heuchelei, Überredungskunst, Schönheit, Wollust und sogar eine Mordtat) einsetzt, um ihr Ziel zu erreichen, ist sie keineswegs als ein selbständiges Subjekt zu verstehen, weil sie eigentlich nur "ein Sklave ihres Begehrens" ist ("Ethic Interview" 119). So klagt sie z. B. einmal ihrer Vertrauten Hannah gegenüber: "daß unsere Kräfte nicht so groß sind, als unsere Wut!" (606) 5 In ihrer Analyse des psychologischen Z ustands von Mellefont erkennt sie auch die dominierende Macht seiner Leidenschaft. Aber für sie ist es Unsinn, die Begierde zu beherrschen zu versuchen. So belehrt sie Mellefont: "Deine Begierden und dein Geschmack sind itzt deine Tyrannen. Laß es gut seyn; man muß sie austOben lassen. Sich ihnen widersetzen, ist Torheit" (595). Ihre unkontrollierbare Leidenscha ft führt sie schließlich zum versuchten Mord an Mellefont und der Ermordung Saras. In dem Brief, den sie Mellefont nach der Vergiftung Saras schreibt und in dem sie ihm triumphierend die Wahrheit entdeckt, bekennt sie auch selbst, dass "Rache und Wut" sie "zu einer Mörderin gemach t" haben (652) . Sie läßt sich völlig von ihren Emotionen lenken und will bzw. kann ihre Leidenschaft nicht kontrollieren. In dieser Hinsicht kann man sagen, dass Marwood zwar den ersten Schritt in Richtung Selbstsorge im Foucaultschen Sinne getan hat, aber den Prozess wegen ihrer Charakterschwächen nicht vollenden konnte. Sie ist nur als "verzerrter Nachklang eben jenes Typus der weltklugen, selbständigen, nach AUtOnomie strebenden Frauen" zu verstehen, v;.-ie bereits Inge Stephan in ihrem Artikel richtig nachgewiesen hat (360). Im krassen Gegensatz zu Marwood '.vird Sara, die Titelheldin des Dramas, als Symbol des "idealen Tugendbegriff[s] der Empfindsamkeit" (Wurst 11 2) , die immer bereit ist, ihr eigenes Glück für das der anderen zu opfern, darges tellt. Das Paradigma des SdbstOpfers wird als die höchste Form von Saras Tugend ve rstanden und geschätzt. Ihr Gespräch mit Wairwell, dem alten Diener des Sampsons, der ihr den versöhnenden Brief ihres Vaters bringt, ist hierfür besonders anschaulich. Ihre erSte Reaktion auf den unerwarteten Besuch \V'airwells, noch bevor er ein Wort über sein Selbstkultivierung und Selbstformation 213 Anliegen sagen kann, ist der harsche Sprung zu der Schlussfolgerung, dass er die Nachricht vom Tod ihres Vaters übermitteln möchte. Diese hysterische Reaktion Satas bringt ihre Überzeugung, dass ihr Versuch, nach ihrem eigenen Glück zu streben, zweifellos das Wohl ihres Vaters verletzt haben müsse, zum Ausdruck. Sobald sie erfährt, dass ihr Vater noch lebt, äußert sie ohne Z ögern ihre Bereitschaft, sich selbst für das Leben ihres Vaters zu opfern: "Oh! Daß ihm GOtt die Hälfte meiner Jahre zulegen wolle! Die Hälfte? - Ich Undankbare, wenn ich ihm nicht mit allen, soviel mir deren bestimmt sind, auch nur einige Augenblicke zu erkaufen bereit bin!" (6 10). In ihrem Moralsystem steht ihr Glück immer im Konflikt mit dem Schicksal ihres Vaters und ordnet sich dessen Belangen unter. N ach der Forderung dieser Moral fasst sie den Entschluss: "Wenn mein Va ter durch mich unglücklich sein muß, so will ich selbst auch unglücklich bleiben. Ganz allein ohne ihn unglücklich zu sein, das ist es, was ich jetzt stündlich von dem Himmel bitte; glücklich aber ohne ihn ganz allein zu sein, davon w.ill ich durchaus nichts wissen" (6 12). Es ist ihr unmöglich, die vierte Möglichkeit wahrzunehmen, nämlich dass sie mit dem Vater zusammen glücklich sein könnte. Der Grund ihres Zögerns, die Vergebung ihres Vaters anzunehmen, besteht auch darin, dass sie nicht an den glücklichen vierten Ausweg glaubt. So fan tasiert sie über ihr Leben mit dem versöhnten Vater: Ich würde es tun müssen, was er mir erlaubte, ohne mich daran zu kehren, wie teuer ihm diese Erlaubnis zu stehen komme. Und wenn ich dann am vergnügtes ten darüber sein wollte, Utii rde es mir plötzlich einfallen, daß er mein Vergnügen äußerlich nur zu teilen scheine und in sich selbst vielleicht seufze; kurz, daß er mich mit Entsagung seIner eIgenen Glückseligkeit glücklich gemacht habe. (6 12) Zusammenfassend kann man sagen, dass die TragIk Saras, mit Foucaults Worten, darin besteht, dass sie nicht vers tehen kann, dass " the care for self takes moral precedence in the measure mat the relationship to self takes ontological precedence" ("Ethic Interview" 118). Die prinzipienlose Bereitschaft Saras bzw. der paradigmatisch 214 215 Focus on German Studies ,tugendhaften' Frau des 18. Jahrhunderts, sich selbst zu opfern, bis zu dem Grad, dass sie sich se!bst verleugnet, ist der aUgemeine Irrweg, der zu ihrem unglucklichen Zustand als unselbstandiges Objekt fUbrt. Die bisherige Analyse enthiillt die !vutschuld der tugendhaften Frau an ihrer Lage als Objekt, jedoch ist zu beachten, dass die Selbstkonstruktion der Menschen nur innerhalb einer GeseUschaft moglich ist und daher von den kultureUen, politischen und his torischen D iskursen dieser bes timmten GeseUschaft grundsatzlich beeinflusst wild. Wie Foucault betont: The way in which the subject constitutes himself in an active fashion, by the practices of self, these practices are nevertheless not something that the individual invents by himself. They are patterns that he finds in his culture and which are proposed, suggested and imposed on him by his culture, his society and his social group. ("Ethic Interview" 122) Hier werde ich nicht auf diese Thematik im Detail eingehen, da es bereits eine FliUe von Forschungsliteratur gibt, die die bestimmende Macht der padagogisch-psychologischen, politischen und philosophischen Diskurse in Bezug auf dieses Drama diskutieren.6 Interessant jedoch ist, dass der Konflikt zwischen der Sorge fur sich selbst und der fur die anderen nicht nur gezeigt, sondern auch in der Geschichte von manchen Figuren explizit thematisiert wild. Eine Moglichkeit, diesen Konfukt zu losen, wird im Drama in der Bereitschaft des zartlichen Vaters, den Fehler seiner Tochter zu vergeben, angeboten. WairweU erkennt die masochistische Wirkung von Saras Moralparadigma, wenn er die scheinbar unerklarliche Reaktion Saras im Angesicht der Vergebung ihres Vaters analysiert: "Es ist, Mill, als ob Sie nur immer an Ihren Fehler dachten und glaubten, es ware genug, wenn Sie den in Ihrer Einbildung vergrof3erten und sich selbst mit solchen vergrof3erten VorsteUungen marrerten. Aber ich sollte meinen, Sie muf3ten auch daran denken, wie Sie das, was geschehen ist, wiedergutmachten" (613-14). Se!bstkultivierung und Se!bstformation Der Weg der Wiedergutmachung, den WaitweU vorschlagt, ist die Vergebung des Vaters zu akzeptieren, weil "das Vergeben fur ein gutes Herz ein Vergnugen" ist (614). Wenn Sara die Aussohnung des Vaters annahme, wurde sie sowohl sich selbst aus dem unglucklichen Zustand der Flucht heraushelfen als auch dem Vater bzw. dem zweiten Vater WairweU einen GefaUen tun, indem sie ihm eine brave Tochter, die als der einzige Trost seines Alters gilt, zuruckgabe. Die Moglichkeit, einen harmonischen Ausweg zu finden, bietet sich hier an. MeUefont erkennt auch den glUcklichen vierten Weg, wenn er den Brief des zartlichen Vaters Iiest: "Hatten wil uns diesen Ausgang nur als moglich vorsteUen konnen: gewill, so woUten wir ihn jetzt so gewaltsamen Mitte!n nicht zu verdanken haben; wir woUten ihn aUein unsern Bitten zu verdanken haben. Welche Gluckseligkeit wanet auf mich!" (618). Fur einige Zeit scheint der gllickliche Moment erreicht. Ihr Dienstmadchen Betty bemerkt, dass Sara verandert ist, dass in ihrem Blick "erwas Ruhiges, erwas Zufriednes" erschienen ist (620). Sara selbst bekennt auch, dass sie "wirklich glucklicher" ist, als sie "jemals zu werden hoffen durfte." Jedoch furchtet oder ahnt sie, dass dieser Strahl von Gllickseligkeit "auf einmal wieder in die dickste Finsternis" zerflieBen wild (622). Diese Finsternis, die Sara so vie! Angst bereitet, ist die Begegnung mit ihrer Nebenbuhlerin Marwood. In der Enttauschung daruber, dass sie ihren Geliebten MeUefont nicht durch vorgespielte Heuchelei oder durch ihre Intrigen mit ihrer gemeinsamen Tochter ArabeUa als 11uttel zuruckgewinnen kann, bittet Marwood Mellefont, Sara wenigstens einmal sehen zu durfen. Mellefont kann dies en Wunsch nicht abschlagen und Marwood nahert sich im Gewand einer Anverwandten von J\1eUefont, einer Lady Solmes, ihrer Rivalin Sara. Oberschuttet von Lady Solmes' Lob auf Marwood und der Klage uber das Verbrechen MeUefonts, das er ihr verheimlicht hat, gerat Sara in eine moralische Krise, da das, was sie immer fur lasterhaft gehalten hat, nun als tugendhaft dargestellt wird und untugendhaftes Verhalten schein bar geseUschaftlich akzeptabe! ist. Sie zweifelt an Lady Soimes' Auffuhrung, beginnt aber gleichzeitig auch das, woran sie geglaubt hat, in Frage zu steUen. Die Veranderung der Haltung Saras gegenuber Lady Solmes von Demutigung und Hoflichkeit zur offenen Konfrontation findet start, als Lady Soimes sie mit der 214 Focus on German 5 tudies ,tugendhaften' Frau des 18. Jahrhunderts, sich selbst zu opfern, bis zu dem Grad, dass sie sich selbst verleugnet, ist der allgemeine Irrweg, der zu ihrem unglücklichen Zustand als unselbständiges Objekt führt. Die bisherige Analyse enthüllt die 1vlitschuld der tugendhaften Frau an ihrer Lage als Objekt, jedoch ist zu beachten, dass die Selbstkonstruktion der Menschen nur innerhalb einer Gesellschaft möglich ist und daher von den kulturellen, politischen und historischen Diskursen dieser bestimmten Gesellschaft grundsätzlich beeinflusst wird. Wie Foucault betont: The way in which the subject constitutes himself in an active fashion, by the practices of self, these practices are nevertheless not something that the individual inven ts by himself. They are patterns that he finds in his culture and which are proposed, suggested and imposed on him by his culture, his sOClety and his social group. ("Ethic Interview" 122) Hier werde ich nicht auf diese Thematik im Detail eingehen, da es bereits eine Fülle von Forschungsliteratur gibt, die die bestimmende Macht der pädagogisch-psychologischen, politischen und philosophischen Diskurse in Bezug auf dieses Drama diskutieren.6 Interessant jedoch ist, dass der Konflikt zwischen der Sorge für sich selbst und der für die anderen nicht nur gezeigt, sondern auch in der Geschichte von manchen Figuren explizit thematisiert wird. Eine Möglichkeit, diesen Konflikt zu lösen, \vird im Drama in der Bereitschaft des zärrlichen Vaters, den Fehler seiner Tochter zu vergeben, angeboten. Waitwell erkennt die masochisrische Wirkung von Saras Moralparadigma, wenn er die scheinbar unerklärliche Reaktion Saras im Angesicht der Vergebung ihres Vaters analysiert: "Es ist, tvliß, als ob Sie nur immer an Ihren Fehler dächten und glaubten, es wäre genug, wenn Sie den in Ihrer Einbildung vergrößerten und sich selbst mit solchen vergrößerten Vorstellungen marterten. Aber ich sollte meinen, Sie müßten auch daran denken, wie Sie das, was geschehen ist, wiedergutmachten" (6 13-14). Selbstkultivierung und Selbstformation 215 Der Weg der Wiedergutmachung, den Wa.itwell vorschlägt, ist die Vergebung des Vaters zu akzeptieren, weil "das Vergeben für ein gutes Herz ein Vergnügen" ist (614). Wenn Sara die Aussöhnung des Vaters annähme, würde sie sowohl sich selbst aus dem unglücklichen Zustand der Flucht heraushelfen als auch dem Vater bzw. dem zweiten Vater Wa.itwell einen Gefallen tun, indem sie ihm eine brave Tochter, die als der einzige Trost seines Alters gilt, zurückgäbe. Die Möglichkeit, einen harmonischen Ausweg zu finden, bietet sich hier an. Mellefont erkennt auch den glücklichen vierten Weg, wenn er den Brief des zärrlichen Vaters liest: "Hätten wir uns diesen Ausgang nur als möglich vorstellen können: gewiß, so wollten \J.r1.r ihn jetzt so gewaltsamen fv1itteln nicht zu verdanken haben; wir wollten ihn allein unsern Binen zu verdanken haben. Welche Glückseligkeit wartet auf mich!" (618). Für einige Zeit scheint der glückliche Moment erreicht. Ihr Dienstmädchen Betty bemerkt, dass Sara verändert ist, dass in ihrem Blick "etwas Ruhiges, etwas Zufriednes" erschienen ist (620). Sara selbst bekennt auch, dass sie "wirklich glücklicher" ist als sie )'emals zu werden hoffen durfte." Jedoch fürchtet , " oder ahnt sie, dass dieser Strahl von Glückseligkeit "auf einmal wieder in die dickste Finsternis" zerfließen wird (622). Diese Finsternis, die Sara so viel Angst bereitet, ist die Begegnung mit ihrer Nebenbuhlerin Marwood. In der Enttäuschung darüber, dass sie ihren Geliebten Mellefont nicht durch vorgespielte Heuchelei oder durch ihre Intrigen mit ihrer gemeinsamen Tochter Arabella als fvlittel zurückgewinnen kann, bittet Marwood Mellefont, Sara wenigstens einmal sehen zu dürfen. Mellefont kann diesen Wunsch nicht abschlagen und Marwood nähert sich im Gewand einer Anverwandten von Mellefont, einer Lady Solmes, ihrer Rivalin Sara. Überschüttet von Lady Solmes' Lob auf Marwood und der Klage über das Verbrechen Mellefonts, das er ihr verheimlicht hat, gerät Sara in eine moralische Krise, da das, was sie immer für lasterhaft gehalten hat, nun als tugendhaft dargestellt wird und untugendhaftes Verhalten scheinbar gesellschafrlich akzeptabel ist. Sie zweifelt an Lady Solmes' Aufführung, beginnt aber gleichzeitig auch das, woran sie geglaubt hat, in Frage zu stellen. Die Veränderung der Haltung Saras gegenüber Lady Solmes von Demütigung und Höflichkeit zur offenen Konfrontation findet statt, als Lady Solmes sie mit der 216 217 FOCUJ on German StudieJ ,lasterhaften' Marwood offenclich vergleicht. In dem Augenblick, in dem sich Sara zu FuBen der Lady Solmes wirEr und sie bittet, sie und "Marwood nicht in einen Rang zu seaen," andert sich die ganze Geschichte. Die sich freiwillig erniedrigende Sara ist "fur Marwood zu reizend, als daB sie nur unerkannt daruber frohlocken sollte" (640). Triumphierend entdeckt Marwood Sara ihre wahre Identitat, was diese psychisch vollig verstOrt. Hier mochte ich noch einmal die Schwache in Saras Charakter, die eine notwendige Voraussetzung zu Marwoods Erfolg ihrer lvfordabsichten sind, beronen. Es ist wahr, dass Marwood nicht mit der besten Absicht zu Sara gekommen ist. Sei die Motivation ihre Begier, die Schonheit und Tugend ihrer Rivalin zu testen; sei sie ihre Hoffnung, mit List und Verstellung Sara von Mellefont zu trennen oder zumindest ihre Heirat zu verhindern; gewiss iSt, dass Marwood vorher gar nicht an die Ermordung Saras gedacht hat. Als Sara angsterfullt vor ihr flieht, begreift sie zunachst uberhaupt nicht, warum und fragt sich: "Was will die Schwarmerin?" (641). Das Gift, mit dem sie Sara am Ende totet, hat sie ursprlinglich fur sich selbst vorbereitet. Gerade die Bezeichnung "die morderische Retterin" (640) und Saras offensichcliche Furcht vor ihr, erinnern Marwood daran, dass sie Sara wirklich schaden kann und sich dadurch an ihr zu rachen. Die Ohnmacht, in die Sara faUt, bietet die perfekte Gelegenheit fur ihr Verbrechen. Eine besorgte Freundin Saras vorstellend, reicht Marwood dem Dienstmadchen das Giftpulver, das am Ende Sara totet. Wie ich bereits angemerkt habe, fuhrt Saras Ablehnung, Marwoods Verstellung als Lady Soimes, also der Version der guten und ihr ahnlichen Marwood Glauben zu schenken, zum Wendepunkt des Dramas. Man muss sich fragen, warum sie sich so dagegen wehrt, die Beziehung der Marwood mit Mellefont zu entschuldigen, besonders wenn man in Betracht zieht, dass sie auBerhalb dieser Szene Un ganzen Drama immer eine rolerante und versohnliche Haltung gegenuber anderen Figuren einnUnmt: Sie betrach tet die buhlerische Vergangenheit Melle fonts als "menschliche Schwachheit" (635), die nicht zu beklagen, sondern zu entschuldigen ist; sie macht ihrem Dienstmadchen Betty, die durch ihre Unvorsichtigkeit gegenuber der :tvIarwood dieser erSt die Gelegenheit einraumt, die Mordtat zu vollziehen, keine Vorwiirfe; Selbstkultiv-ierung und Selbstformation vor ihrem Tod vergibt sie sogar Marwood und verbietet Mellefont und Sir William, ihre Morderin zu verfolgen und anzuklagen. Hier drangt sich die Frage auf, warum es Sara schwerer talit, Marwood elne uneheliche Beziehung mit dem Geliebten zu verzeihen als eine Mordtat. Meiner Meinung nach liegt der Grund darin, dass sich Sara in dieser Szene mit Marwood identifiziert. Sie spricht hier nicht nur uber die anderen, sondern auch liber sich selbst. Das schein bare Paradoxon enthullt die Doppelmoral Saras, die anhand des bestehenden Moralsystems sich selbst strenger zensiert als die anderen. In der Sekundarliteratur werden Sara und Marwood oft als "zwei sich ausschlieBende und zugleich zwei sich erganzende Phantasien uber Weiblichkeit" (Stephan 360) rezipiert, als Engel und Furie bzw. Tugend und Laster. Jedoch hat Lessing uns keine naive Schwarz-Weill-Malerei angeboten, da die beiden Figuren neben den unterschiedlichen Charakteristika auch v-iele Ahnlichkeiten aufweisen: Beide verlieben sich in denselben Mann; beide unterhalten uneheliche Beziehungen mit ihm; beide werden von ihm betrogen, indem er Unmer wieder die Heirat mit allerlei Ausreden verschiebt. Der innere Monolog Mellefonts, nachdem er von der Versohnung mit Sir William erfahrt und versteht, dass die Vermahlung mit Sara unmittelbar und unabwendbar bevorsteht, ist hier von besonderer Bedeutung: "Sara Sampson, meine Geliebte! Wieviel Seligkeiten liegen in diesen Worten! Sara Sampson, meine Ehegattin! - Die Halfte dieser Seligkeiten ist verschwunden! und die andre Halfte ­ wird verschwinden" (624). Marwood bemerkt zu recht, dass seine "Abscheu gegen ein formliches Joch" zu seiner Natur geworden 1St (638). Wenn die Beziehung zu Sara nach demselben Schema wie die Verbindung mit der Marwood verliefe und es keinen Zwischenfall gabe, konnte man sich wohl vorstellen, dass der gleiche Weg, den Marwood gegangen ist, namlich eine langzeitige uneheliche Beziehung mit Mellefont zu unterhalten und am Ende von ihm wegen einer neuen und wohl jungeren und schoneren Geliebten verlassen zu werden, auch Sara bevorsteht. Wie Simonetta Sanna uber dieses Drama treffend feststeUt: "Sara ist eine verjungte Verkorperung von Marulood" (47). Die heutige Marwood ist die Sara von morgen. Der Alptraum, den Sara am Anfang des Dramas hat, deutet 216 FOCUJ on German StudieJ ,lasterhaften' Marwood öffentlich vergleicht. In dem Augenblick, in dem sich Sara zu Füßen der Lady Solmes wirfr und sie bittet, sie und "Marwood nicht in einen Rang zu setzen," ändert sich die ganze Geschichte. Die sich freiwillig erniedrigende Sara ist "für Marwood zu reizend, als daß sie nur unerkannt darüber frohlocken sollte" (640) . Triumphierend entdeckt Marwood Sara ihre wahre Identität, was diese psychisch völlig verstört. Hier möchte ich noch einmal die Schwäche in Saras Charakter, die eine notwendige Voraussetzung zu Marwoods Erfolg ihrer Ivfordabsichten sind, betOnen. Es ist wahr, dass Marwood nicht mit der besten Absicht zu Sara gekommen ist. Sei die Ivfotivation ihre Begier, die Schönheit und Tugend ihrer Rivalin zu testen; sei sie ihre Hoffnung, mit List und Verstellung Sara von Mellefont zu trennen oder zumindes t ih.re Heirat zu verhindern; gewiss ist, dass Marwood vorher gar nicht an die Ermordung Saras gedacht hat. Als Sara angsterfüllt vor ihr flieht, begreift sie zunächst überhaupt nich t, war um und fragt sich: "Was will die Schwärmerin?" (641) . Das Gift, mit dem sie Sara am Ende tötet, hat sie ursprünglich für sich selbst vorbereitet. Gerade die Bezeichnung "die mörderische Retterin" (640) und Saras offensichtliche Furcht vor ihr, erinnern Marwood daran, dass sie Sara wirklich schaden kann und sich dadurch an ihr zu rächen. Die Ohnmacht, in die Sara fällt, bietet die perfekte Gelegenheit für ihr Verbrechen. Eine besorgte Freundin Saras vorstellend, reicht Marwood dem Dienstmädchen das Giftpulver, das am Ende Sara tötet. Wie ich bereits angemerkt habe, führt Saras Ablehnung, Marwoods Verstellung als Lady Solmes, also der Vers ion der guten und ihr ähnlichen Marwood Glauben zu schenken, zum Wendepunkt des Dramas. Man muss sich fragen, warum sie sich so dagegen wehrt, die Beziehung der Marwood mit Mellefont zu entschuldigen, besonders wenn man in Betracht zieht, dass sie außerhalb dieser Szene im ganzen Drama immer eine tOlerante und versöhnliche Halrung gegenüber anderen Figuren einnimmt: Sie betrach tet die buhlerische Vergangenheit Mellefonts als "menschliche Schwachheit" (635), die nicht zu beklagen, sondern zu entschuldigen ist; sie macht ihrem Dienstmädchen Betty, die durch ihre Unvorsichtigkeit gegenüber der IvIarwood dieser erSt die Gelegenheit einräumt, die Mordtat zu vollziehen, keine Vorwürfe; Selbstkultiv1erung und Selbstformation 217 vor ihrem Tod vergibt sie sogar Marwood und verbietet Mellefont und Sir WiUiam, ihre Mörderin zu verfolgen und anzuklagen. Hier drängt sich die Frage auf, warum es Sara schwerer fällt, Marwood eine uneheliche Beziehung mit dem Geliebten zu verzeihen als eine Mordtat. Meiner Meinung nach Liegt der Grund darin, dass sich Sara in dieser Szene mit Marwood identifiziert. Sie spricht hier nicht nur über die anderen, sondern auch über sich selbst. Das scheinbare Paradoxon en thüllt die Doppelmoral Saras, die anhand des bestehenden Moralsystems sich selbst strenger zensiert als die anderen. In der Sekundärliteratur werden Sara und Marwood oft als "zwei sich ausschließende und zugleich zwei sich ergänzende Phantasien über Weiblichkeit" (Stephan 360) rezipiert, als Engel und Furie bzw. Tugend und Las ter. Jedoch hat Less ing uns keine naive Schwarz-WeiB-Malerei angeboten, da die beiden Figuren neben den unterschiedlichen Charakteris tika auch viele Ähnlichkeiten aufweisen: Beide verlieben sich in denselben Mann; beide unterhalten uneheliche Beziehungen mit ihm; beide werden von ihm betrogen, indem er immer wieder die Heirat mit allerlei Ausreden vers chiebt. Der innere Monolog Mellefonts, nachdem er von der Versöhnung mit Sir WiUiam erfährt und versteht, dass die Ver mä hlung mit Sara unmittelbar und unabwendbar bevorsteht, ist hier von besonderer Bedeurung: "Sara Sampson, meine Geliebte! Wie viel Seligkeiten liegen in diesen Worten' Sara Sampson, meine Ehegattin! - Die H älfte dieser SeLigkeiten ist verschwunden! und die andre H älfte - wird verschwinden" (624). Marwood bemerkt zu recht, dass seine "Abscheu gegen ein förmliches Joch" zu seiner N arur geworden ist (638). Wenn die Beziehung zu Sara nach demselben Schema wie die Verbindung mit der Marwood verliefe und es keinen Zwischenfall gäbe, könnte man sich wohl vorstellen, dass der gleiche Weg, den Marwood gegangen ist, nämlich eine langzeitige uneheliche Beziehung mit Mellefont zu unterhalten und am Ende von ihm wegen einer neuen und wohl jüngeren und schöneren Geliebten verlassen zu werden, auch Sara bevorsteht. Wie Simonetta Sanna über dieses Drama treffend fests tellt: "Sara ist eine verjüngte Verkörperung von i\:far\\lood" (47) Die heutige Marwood ist die Sa ra von morgen. D er Alp traum, den Sara am Anfang des Dramas hat, deutet 218 219 Focus on German 5 ttidies auch auf die offensichtliche Parallelicit zwischen ihr und Marwood hin ("eine mir: ahnliche Person" (586)). In der AuseinandersetZung mit der von Lady SolInes erzahlten Marwood-Geschichte, erkennt Sara immer mehr Ahnlichkeiten zwischen sich und Marwood. Jedoch weist sie Marwood schlieGlich mit umso groGerer Heftigkeit zuruck, nachdem sie sich zunehmend mit dem Schick sal ihrer Rivalin identifiziert hat. D er Grund dafur ist meines Erachtens auch hier in ihrer DoppelInoral zu suchen: Ihr allmahhcher Verlust der Selbstbeherrschung bis zu dem Grad, dass sie in Ohnmacht sinkt, zeigr ihren inneren Kampf mit sich selbst, der eigentlich ihre unbewusste Identifizierung mit Marwood verra t. Wie Claudia Albert anmerkt: Die ModeUfigur Marwood, von der vermeintlichen Lady SolInes als Exempel einer unghicklichen Verfuhrten prasentiert, weist so viele Ahnlichkeiten mit Sara auf, daG es dieser kaum mehr gelingr, sich von ihr zu distanzieren. Je heftiger sie es ablehnt, mit ' Marwood "in einen Rang" (IV/9) gesetZt zu werden, des to mehr bestatigr sie die Gleichheit der Schicksale beider. (99) In diesem Sinne ist Saras Weigerung, I\.Jarwoods Vorgeschichte mit MeUefont als Basis fur das mogliche Mitge fuhl zu ihr und die potentieUe Solidaritat zwischen den beiden Frauen zu betrachten, als ihre Unwilligkeit oder Unfahigkeit zu verstehen, Distanz von den Tugendkonzepten der patriarchahschen GeseUschaft auf der bewuss ten Ebene zu nehmen. Wie bereits gezeigr wurde, ist die Flucht mit dem Geliebten aus dem Vaterhaus der erste, obwohl vieUeicht unbewuss te und spontane Schritt, den Sara auf dem Weg nach Selbstsorge und Gluckssuche gewagt hat. In diesem Sinne ist sie, wie Marwood, als Vorkampferin der weiblichen Emanzipation zu lesen. Jedoch soUte man die beiden Frauen nicht vollig gleichsetZen. Der Hauptunterschied zwischen Sara und Marwood liegt in ihrer EinsteUung zu ihren Taten. Wahrend IvIarwood keine Reue zeigt und beharrhch nach dem eigenen Gluck strebt, kampft Sara Yom ersten Tag an mit SchuldgefUhlen. Dies wird angedeutet in der Situation nach ihrer Flucht aus dem Selbstkultivierung und Selbstformation vaterlichen Haus, uber die sie der Lady Solmes klagt: "Ach, Lady, wenn Sie es wliGten, was fUr Reue, was fur Gewissensbisse, was fur Angst mich mein Irrtum gekostet!" (640). Wie Gail Hart nachweist, fuhlt sich Sara, dem alten Moralsystem, das von der va terlichen Authoritat und der Forderung nach weiblicher Unschuld bes timmt wird, verpA.ichtet.7 Ihre Flucht sieht sie als ein Verbrechen, das von der Authoritat bes traft we rden muss. Jedoch wird die va terliche Authoritat in dieser empfi ndsamen Farnilie nicht durch auGere Gebote und Zwangsdrohungen durchgesetZt, so ndern durch den AppeU an die gegenseitige VerpA.ichtung der Familienmitglieder. In dieser Weise wird die Authoritat nicht abgebaur, sondern nur verschleiert. Die verdachtige Haltung Saras gegenuber der Versohnung ihres Vaters signahsiert treffend die Verinnerlichung der Authorita t,8 die sie in der Abwesenheit der vaterlichen Authoritat streng zensiert. E s ist in dies em Drama Lessings stets der FaU, dass Sara mit der Selbstbestra fung, mit der Disziplin9 anrwortet, wenn die Strafe nicht von auGen kommt. Die Wirkung der Disziplin zeigr sich meines Erachtens aber nicht nur in der Verinnerlichung der vaterlichen Authoritat, wie es in der Forschung angedeutet v.ri.rd,1O sondern allch in der sexueUen Moral des 18. Jahrhunderts. In diesem Drama werden zwei Sunden Saras, die sich mit ihrer VerfUhrung durch I\·1eUefont und ihrer Flucht aus dem vaterlichen Haus ve rbinden, thematisiert. Die erste ist die Verle tzung des alten Va ters und damit der familiaren WerrvorsteUungen. Die zweite Sunde Saras ist die Verletzung der Sexualmoral. Hier nehme ich Abstand von S0rensens Behauptung, dass "hier die erotische Psychologie der Verfuhrung an sich keine RoUe" spiele (76). D er prophetische Traum, den Sara MeUefoDt erzahlt, ist aufschlussreicb und charakteristisch: Aber noch schlief ich nicht ganz, als ich mich auf dem schroffsten Theile des schrecklichsten Felsen sahe. Sie giengen vor mir: her, und ich folgte Ihnen mit schwankenden angs tlichen Schritten, die dann und wann ein Blick starkte, welchen Sie auf mich zuruckwarfen. SchneU horte ich hinter mir ein freundliche s Rufen, welches mir still zu stehen befahl. E s war der Ton meines Vaters [ ...J indem 218 Focus on German S tudies auch auf die offensichtliche Parallelität zwischen ihr und Marwood hin ("eine mir ähnliche Person" (586)). In der Auseinandersetzung mir der von Lady Solmes erzählten Marwood-Geschichte, erkennt Sara immer mehr Ähnlichkeiten zwischen sich und Marwood. Jedoch weist sie Marwood schließlich mit umso größerer H eftigkeit zurück, nachdem sie sich zunehmend mit dem Schicksal ihrer Rivalin identifiziert hat. Der Grund dafür ist meines Erachtens auch hier in ihrer Doppelmoral zu suchen: Ihr allmählicher Verlust der Selbstbeherrschung bis zu dem Grad, dass sie in Ohnmacht sinkt, zeigt ihren inneren Kampf mit sich selbst, der eigentlich ihre unbewusste Identifizierung mit farwood verrät. Wie Claudia Albert anmerkt: Die Modellfigur Marwood, von der vermeintlichen Lady Solmes als Exempel einer unglücklichen Verführten präsentiert, weist so viele Ähnlichkeiten mit Sara auf, daß es dieser kaum mehr gelingt, sich von ihr zu distanzieren. Je heftiger sie es ablehnt, mir" Marwood "in einen Rang" (IV /9) gesetzt zu werden, desto mehr bestätigt sie die Gleichheit der Schicksale beider. (99) In diesem Sinne ist Saras Weigerung, t.Jarwoods Vorgeschichte mit Mellefont als Basis für das mögliche 0