Focus 2004.tif 226 Focus on German Studies Lessing, G. E. "?vlill Sara Sampson". Lessings Werke. Vol. 1. Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft, 1965. 577-656. Mitchell, JulieL PsychoanalYsis and Feminism. New York: Pantheon, 1974. McNay, Lois. Foucault and Feminism: Powe0 Gender and the Self Bosron: Northeastern UP, 1993. Peitsch, HelmuL "Private Humanirat und burgerlicher Emanziparionskampf in Lessings 'NIill Sara Sampson'." uleratur der biirgerlichen Emanzipation im 18. Jahrhllndert. Ed. Gen Mattenklott und Klaus Scherpe. Kronberg: Scripwr, 1973. 138-67. Sanna, Simonetta. "Von Miss Sara Sampson zu Emilia GaIotti: Die Formen des Medea-Mythos im Lessingschen Theater." Lming Yearbook XXIV (1992): 45-76. S0rensen, Bengr AlgOL Herrschaft und Ziirtlichkeit. Der Patriarchaltsmlls lind das Drama im 18. Jahrhundert. Munich: Beck, 1984. Stephan, lnge. "'So ist die Tugend ein Gespenst': Frauenbild und Tugendbegriff bei Lessing und Schiller." Lessing und die Toleranz. Beitrdge der vierten internationalen Konferenz der Lessing SocieD' in Hamburg von 27. bls 29. Juni 1985. Ed. Peter Freimark, Franklin Kopirzsch und Helga Slessarev. De(roic Wayne Srate UP Text + Kntik, 1986: 357­ 374. Srurges, Beate. Lessing als Wegbereiter der Emanz,pation der Frail. New York: Peter Lang, 1989. Vogel, Lise. Woman Questions. Esst!)'s Jor a Matendist Feminism. New York: Routledge, 1995. Wallach, Martha Kaarsberg. "Emilia und ihre Schwestern: Das seltsame Verschwinden der Mutter und die geopferre Tochter." Miitter- Tochter­ Frauen. Weiblichkeitsbilder in der u·teratllr. Ed. Helga Kraft und Elke Liebs. Sruttgan: Merzler, 1993. 53-72. Woesler, Win fried. "Lessings Miss Sara Sampson und Senecas Medea." Lessing Yearbook X (1978): 75-93. Wursc, Kamn A. Familiale Liebe ist die "wahre GeJvalt'~· Die ReprCiJentation der Familie in G. E. Lessings dramatischwi Werk. Amsterdam: Rodopi, 1988. "Abwesenheit- Schweigen- Torung: Die Moglichkeiren der Frau? Lessings Funkrionalisierung literanscher Klischees." Orbis Literarum 45 (1990): 113-127. Frauen tll1d Drama im achtzehnten JahrhzlI1dert. Cologne: Bohlau, 1991. Book Reviews 227 ZSUZSA BANK. Der Schwimme,r, Frankfurt/Main: Fischer, 2002. 288 S. EUR 18,90. Ihr DebLit versteht Zsuzsa Bank als "einen Roman Liber die Stimmung im Land," eine Stimmung, die sie als Kind wahrend ihrer Sommeraufenthalten in Ungarn der 1960e( wahrgenommen haL Kindheit in Ungarn ist ein Thema, das in jLingerer Zeit vom deutschsprachigen Publikum mehrmals in preisgekronten Romanen und Prosasammlungen enthusiastisch aufgenommen wurde. In Agota Kristofs Das groje Heft werden die Zwillingsbruder von ihrer Mutter wahrend des Zweiten Weltkrieges aus der GroGstadt zu ihrer GroGmutter aufs Dorf evakuiert. Die Zwillinge aeffen auf eine ihnen vollig unbekannte und grausame Welt, in der sie sich gemeinsam zurechtfinden mLissen. In ein ahnlich erbarmungsloses dorfliches Milieu an der osterreich-ungarischen Grenze, gibt die Prosasammlung der Nachwuchsautorin Terezia Moras 5e!tsame Materie Einblick, in der sie zehn Jugendliche Liber ihre Traume und Angste an der Grenze zur Erwachsenenwelt berichten laGt. In Zsuzsa Banks Roman verlaGt die Mutter in einer Herbstnacht des Jahres 1956 ihre Familie. Die drei Verlassenen - der tief geaoffene Mann Kalman sowie die Kinder Kata und Isti - versuchen, mit dem Verlust der Mutter zurechtzukommen. Der Yarer verkauft Haus und Hof und beginnt mit seinen Kindern eine ziellose Reise durch Ungarn. Die Ich-Erzahlerin Kata schildert ihre aostlose Odyssee, wahrend der sich die verzweifelte Farni.lie standig unterwegs befindet: In Bahnhofen, Pensionen und bei Verwandren, die den Verlassenen fur kurzere und langere Zei[ Obdach geben. Wie dem Leser schon im Klappentext des Romans versprochen wird, uberblendet die personliche Katasaophe das nationale Trauma der niedergeschlagenen ungarischen Revolte des Jahres 1956: "Ungarn 1956: Die Panzer rollen, der Aufstand schlagt fehl, die Hoffnung scheitert, dass die Welt eine andere hatte werden konnen." Bank ist von diesem historischen Geschehen selbs[ betroffen, da ihre Eltern im Herbst 1956 - wie die Mutter Katalin in ihrem Roman - in den Westen geflohen sind. Die Geschichte des Ostblocks wirkt im Text fast unmerklich zwischen den Zeilen. 1m Besonderen beschreibt Bank die Prozessionen urn Stalins Tod, ohne Stalin zu nennen und erwahnt einen Mann, der sich in Prag selbst 226 Focus on German Studies Lessing, G. E. "jylill Sara Sampson". Lessings Werke. Vol. 1. Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft, 1965. 577-656. Mirchell, Julier. PsychoanalYsis and Feminism. New York: Panmeon, 1974. McNay, Lois. Foucault and Feminism: Power, Gender and the Self Bosron: Normeasrern UP, 1993. Peirsch, Helmur. "Privare Humanirar und burgerlicher Emanziparionskampf in Lessings 'jyIill Sara Sampson'." Uleratur der biirgerlichen E manzipation im 18. jahrhundert. Ed. Gerr Mattenklott und Klaus Scherpe. Kronberg: Scripror, 1973. 138-67. Sanna, Simonetta. "Von Miss Sara Sampson zu Emilia Gaiotti: Die Formen des Medea-Mythos im Lessingschen Thearer." LesJing Yearbook XXIV (1992): 45-76. S0rensen, Bengt Algor. Herrschaft und Ziirtlichkeit. Der Patriarchalismus und das Drama im 18. jahrhundert. Munich: Beck, 1984. Srephan, Inge. '''So isr die Tugend ein Gespensr': Frauenbild und Tugendbegriff bei Lessing und Schiller." Lessing und die Toleranz. Beitrdge der vierten illternationalen Konferenz der Lessing Society in Hamburg von 27. bis 29. juni 1985. Ed. Perer Freimark, Franklin Kopirzsch und Helga Slessarev. Derroic Wayne Srare UP. Text + Kntik, 1986: 357- 374. Srurges, Beare. Lessing ali Wegbereiter der Emallzipation der Frau. New York: Perer Lang, 1989. Vogel, Lise. Woman Questions. Esst!)'s jor a Materialist Femillism. New York: Rourledge, 1995. Wallach, Marma Kaarsberg. "Emilia und ihre Schwesrern: Das seltsame Verschwinden der Murrer und die geopferre Tochrer." l...tiitter- TiJehter· Frauen. Weiblichkeitsbilder in der LiteratllT. Ed. Helga Krafr und Elke Liebs. Stuttgart: Metzler, 1993. 53-72. Woesler, Win fried. "Lessings Miss Sara Sampson und Senecas Medea." Lessing Yearbook X (1978): 75-93. Wurs[, Karrin A. Familiale Liebe ist die "wahre Gewalt'~· Die Reprdsentation der Familie in G. E. Lessings dramatischem Werk. Amsrerdam: Rodopi, 1988. "Abwesenheit- Schweigen- To tung: Die Moglichkeiten der Frau? Lessings Funkrionalisierung lireranscher Klischees." Orbis U'teramm 45 (1990): 113-127. Frallen tlnd Drama im achtzehnten jahrhZlndert. Cologne: Bohlau, 1991. Book Reviews 227 ZSUZSA BANK. Der Schwimme,r. Frankfurt/Main: Fischer, 2002, 288 S. EUR 18,90. Ihr Debut versteht Zsuzsa Bank als "onen Roman uber die Stimmung im Land," eine Stimmung, die sie als Kind wahrend ihrer Sommeraufenthalten in U ngarn der 1960er wahrgenommen haL Kindheit in Ungarn ist ein Thema, das in jungerer Zeit vom deutschsprachigen Publikum mehrmals in preisgekronten Romanen und Prosasammlungen enthusiastisch aufgenommen wurde. In Agota Kristofs Das groje Heft werden die Zwillingsbri.ider von ihrer Mutter wahrend des Zweiten Weltkrieges aus der GroGstadt zu ihrer GroGmutter aufs Dorf evakuiert. Die Zwillinge treffen auf eine ihnen vollig unbekannte und grausame Welt, in der sie sich gemeinsam zurechtfinden mLissen. In ein ahnlich erbarmungsloses dorfliches Milieu an der osterreich-ungarischen Grenze, gibt die Prosasammlung der Nachwuchsautorin Terezia Moras Seltsame Materie Einblick, in der sie zehn Jugendliche uber ihre Triiume und Angste an der Grenze zur Erwachsenenwelt berichten laGL In Zsuzsa Banks Roman verIaGt die Mutter in einer Herbstnacht des Jahres 1956 ihre Familie. Die drei Verlassenen - der tief geuoffene Mann IGlman sowie die Kinder Kata und Isti - versuchen, mit dem Verlust der i\'Iutter zurechrzukommen. Der Vater verkauft Haus und Hof und beginnt mit seinen Kindern eine ziellose Reise durch Ungarn. Die Ich-Erzahlerin Kata schildert ihre uostlose Odyssee, wahrend der sich die verzweifelte Familie standig unterwegs befindet: In Bahnhofen, Pensionen und bei Verwandren, die den Verlassenen fur ki.irzere und langere Zeit Obdach geben. Wie dem Leser schon im Klappentext des Romans versprochen wird, uberblendet die personliche Katasuophe das nationale Trauma der niedergeschlagenen ungarischen Revolte des Jahres 1956: "Ungarn 1956: Die Panzer rollen, der Aufstand schlagt fehl, die Hoffnung scheitert, dass die Welt eine andere hatte werden konnen." Bank ist von diesem historischen Geschehen selbst beuoffen, da ihre Eltern im Herbst 1956 - wie die Mutter Katalin in ihrem Roman - in den Westen geflohen sind. Die Geschichte des Ostblocks wirkt im Text fast unmerklich zwischen den Zeilen. 1m Besonderen beschreibt Bank die Prozessionen urn Statins Tod, ohne Stalin zu nennen und erwahnt einen Mann, der sich in Prag selbst 228 Focus on German Studies verbrannt haben soil, ohne die Wahrheit des Geruchts zu bestarigen oder den Namen Jan Pallach zu erwahnen. Auch die Ereignisse im November 1956 werden nur lakorusch angedeutet: "In Budapest war etwas geschehen, das bis hierher zu spuren war [ ...] Kopfe aus Stein hatten sie zerschlagen, die Scherben mit Fussen gerreten, Schusse seien gefalien, zu viele, jemand hatte die Welt angerufen, uber das Radio, aber die Welt hatte sich verweigert" (129-30). Dennoch ware es voreilig zu sagen, class Bank einen polirischen Roman geschrieben hat. Neben den erwahnten historischen Ereignissen wird Politik vollig ausgeklammert und stattdessen der "ganz normale" Alltag zwischen 1956 und 1968 in einer Atmosphare des StiUstands auf dem ungarischen Land dargestellt. Leise und prazise, in einer sehr poerischen Sprache beschreibt Bank die Erlebnisse der Familie, die vor Zugfenstern vorbeiziehende ungarische Landschaft und das ailtagliche Leben der Tanten und Onkel, bei denen die Kinder aufgenommen werden. Die Kapitel sind nach den Namen von Personen beritelt, die aUe zum Vef\vandtenkreis der Familie gehoren und deren Geschichten uber Hochzeiten und Kindersegen, aber auch uber Krankheit, Gewalt und Tod die kleine Tochter Kata aufmerksam lauscht und dem Leser weitervermittelt. Es gibt wenig Handlung, dafur umso mehr Stimmung und AUcagsbilder, die eine unerkl:irliche Traurigkeit und rvlelancholie verbreiten. Banks Bemuhung urn Genauigkeit ist die be\l,TUndernsweneste Besonderheit ihrer Prosa; ihre detaillierten Milieuschilderungen beschreiben jedes Segment des damaligen Ungarns, wie z.B. Scraf3enschilder, Zugreisen, HinterhOfe, Einrichcungsgegenstande, Essgewohnheicen, Tracht, Kinderspiele, Konditoreien und Backereien. Um eine authentische Atmosphare hervorzuzaubem und Land und Leute jener Zeit naher zu bringen, muss Bank muhsam recherchiert haben. 1m ersten Kapitel "Wir" ist die Familie noch zusammen, aber die Schwarzweillbilder der Mutter, die Vater und Tochter immer wieder becrachten, implizieren den nahen Verlust der Mutter. Kata winkt der 1{utter jeden Morgen aus dem Fenster nach, wenn sie auf ihrem Fahrrad durch den Nebel Eihrt. "Nebelspalterin" nennt sie ihre Mutter heimlich, die eines Tages im Nebel ein fur ailemal verschwindet. Was sie fortgecrieben hat bleibt offen; dem Book Reviews 229 Leser werden nur mogliche Grunde nahegelegt, wie die Enge des Dorfes, die erkaltete Liebe zwischen Kalman und Katalin, aber keine sichere Antwort. Kata versucht ihre Erinnerungen aus dieser Zeit hervorzurufen, bnn aber keine koharente Geschichte konsticuieren, sondern nur BruchstUcke, die nichts erklaren: "Die Wunsche meines Vaters waren Gesetz. Meine Mutter hat meinem Vater nie widersprochen. Sie hat ihn verlassen" (12). Banks Buch ist voll von Auslassungen und Leere; das excrem Unerklarbare, wi~ eine Mutter ihre Kinder ohne Abschied verlassen kann, bleibt ungeklart. Die Hinterbliebenen lernen nach und nach, nicht mehr an die Ruckkehr der Mutter zu glauben. Wahrend Kalman in tiefe Lethargie verfallt, beginnt Isri Stimmen zu horen und mit Gegenstanden zu kommunizieren. Isti hort, was die Dinge zu erzahlen haben, den Himmel, "gam gleich ob nah oder weit," die Trauben, den Staub, der uber den Boden weht, das Blut in Zoltans Adem und "die Federn im Kissen, wenn sie nachts unter seinem Kopf flus tern" (73). Die einzige Sicherheit fur Kata wird ihre zunehmende Angst um ihren kleinen Bruder, "soust gab es nichts, das mir sicher war, nichts, von dem ich wusste, es gehort zu mir und wild bleiben" (103). Kam kummert sich mit einer herzzerreillenden Zarilichkeit um Isti, der sich nur in der Nahe des Wassers seinen Traumen hingeben kann. Nur wenn die Kinder der zerrissenen Familie am Wasser sind, an Flussen, am BalatOn oder im \X'ellenbad dem Vater zuschauen, Wle er selbsevergessen seine Bahnen zieht oder selbst von ihm schwimmen lemen, konnen sie der Verzweiflung entgehen und vorubergehend Unbeschwertheit und Gluck empfinden: 1m Weilenbad hielt uns mein Vater hoch, und Isti zappelte in seinen Armen wie ein Fisch, den man an Land geworfen hat. Wir schrien, wenn graf3e Wellen auf uns zuroilten und meinen Vater ohrfeigten, wir stiegen auf seine gefalteten Hande und sprangen ruc\...-warts ins Wasser. Wir waren unermudlich. [ ... ] Abends vor dem Einschlafen sagte mir Iso, er wolle Schwimmer werden. (20) Besonders fur Isti wird das Schwimmen, wie fi.ir den Vater, zu einer Moglichkeit des Entfliehens und der Erinnerungslosigkeit. Aus 228 Focus on German Studies verbrannt haben soil, ohne die Wahrheit des Geruchts zu bestatigen oder den Namen Jan Paliach zu erwahnen. Auch die Ereignisse im November 1956 werden nur lakonisch angedeutet: "In Budapest war erwas geschehen, das bis hierher zu spuren war [ ... ] Kopfe aus Stein hatten sie zerschlagen, die Scherben mit Fussen getreten, Schusse seien gefalien, zu viele, jemand hatte die Welt angerufen, uber das Radio, aber die Welt hatte sich verweigert" (129-30). Dennoch ware es voreilig zu sagen, class Bank einen politischen Roman geschrieben hat. Neben den erwahnten historischen Ereignissen wird Politik vollig ausgeklammert und stattdessen der "ganz normale" Alitag zwischen 1956 und 1968 in einer Atmosphare des Stillstands auf dem ungarischen Land dargestellt. Leise und prazise, in einer sehr poetischen Sprache beschreibt Bank die Erlebnisse der Familie, die vor Z ugfenstem vorbeiziehende ungarische Landschaft und das alltagliche Leben der Tanten und Onkel, bei denen die Kinder aufgenommen werden. Die Kapitel sind nach den Namen von Personen betitelt, die alie zum Verv.randtenkreis der Familie gehoren und deren Geschichten uber Ho chzeiten und Kindersegen, aber auch uber Krankheit, Gewalt und Tod die kleine Tochter Kata aufmerksam lauscht und dem Leser weitervermittelt. Es gibt wenig Handlung, dafur umso mehr Stimmung und Alitagsbilder, die eine unerkl:irliche Traurigkeit und lvlelancholie verbreiten. Banks Bemuhung urn Genauigkeit ist die be\l.TUndem sweneste Besonderheit ihrer Prosa; ihre detaillierten Milieuschilderungen beschreiben jedes Segment des damaligen Ungarns, Wle z.B. Straf3enschilder, Zugreisen, Hinterhofe, Einrichrungsgegenstande, Essgewohnheiten, Tracht, Kinderspiele, Konditoreien und Backereien. Urn eine authentische Atmosp hare hervorzuzaubern und Land und Leute jener Zeit naher zu bringen, muss Bank muhsam recherchiert haben. 1m ersten Kapitel "Wir" ist die Familie noch zusammen, aber die Schwarzweillbilder der Mutter, die Vater und Tochter immer wieder betrachten, implizieren den nahen Verlust der Mutter. Kata winkt der l\{utter jeden Morgen aus dem Fenster nach, wenn sie auf ihrem Fahrrad durch den Nebel fa:hrt. "Nebelspalterin" nennt sie ihre Mutter heimlich, die eines Tages ira Nebel ein fur aile mal verschwindet. Was sie fo rtgetrieben hat bleibt offen; dem Boo k Reviews 229 Leser werden nur mogliche Grunde nahegelegt, wie die Enge des Dorfes, die erkaltete Liebe zwischen Kalman und Katalin, aber keine sichere Anrwort. Kata versucht ihre Erinnerungen auS dieser Zeit hervorzurufen, kann aber keine koharente Geschichte konstiruieren, sondern nur BruchstUcke, die nichts erklaren: "Die Wunsche meines Vaters waren Gesetz. Meine Mutter hat meinem Vater nie widersprochen. Sie hat ihn verlassen" (12). Banks Buch is t voll von Auslassungen und Leere; das extrem Unerklarbare, wie eine Mutter ihre Kinder ohne Abschied verlassen kann, bleibt ungeklart. Die Hinterbliebenen lemen nach und nach, nicht mehr an die Ruckkehr der Mutter zu glauben. W ahrend Kalman in tiefe Lethargie verfallt, beginnt Isti Stimmen zu horen und mit Gegenstanden zu kommunizieren. Isti hort, was die Dinge zu erzahlen haben, den Himmel, "gam gleich ob nah oder weit," die Trauben, den Staub, der uber den Boden weht, das Blut in Zoltans Adem und "die Fedem im Kissen, wenn sie nachts unter seinem Kopf fiustem" (73). Die einzige Sicherheit fur Kata wird ihre zunehmende Angst urn ihren kleinen Bruder, "sonst gab es nichts, das mir sicher war, nichts, von dem ich wusste, es gehort zu mir und wird bleiben" (103). Kata kummert sich mit einer herzzerreillenden Zarilichkeit urn Is ti , der sich nur in der Nahe des Wassers seinen Traumen hingeben kann. Nur wenn die Kinder der zerrissenen Familie am Wasser sind, an Flussen, am BalatOn oder im \Xlellenbad dem Vater zuschauen, Wle er selbstvergessen seine Bahnen zieht oder selbst von ihm schwimmen lemen, konnen sie der Verzweifiung entgehen und vorubergehend Unbeschwertheit und Gluck empfinden: 1m Wellenbad hielt uns mein Vater hoch, und Isti zappelte in seinen Armen wie ein Fisch, den man an Land geworfen hat. Wir schrien, wenn grof3e Wellen auf uns zurollten und meinen Va ter ohrfeigten, wir stiegen auf seine gefalteten Hande und sprangen rucl-warts ins Wasser. Wir waren unermudlich. [ ... ] Abends vor dem Einschlafen sagte mir Iso, er wolle Schwimmer werden. (20) Besonders fur Isti wird das Schwimmen, wie fur den Vater, zu einer Moglichkeit des Entfiiehens und der Erinnerungs losigkeit. Aus 230 Focus on German Studies der Distanz beobachtet die besorgte Kata, wie der See ihren Vater aufnimmt, "als konne er ein anderer sein, sobald er seine Kleider ablegte, das Wasser beruhrte und runabtauchte" (77). Die langste Zeit verbringen die Geschwister am Balaton bei den Verwandten Agi und Zoltan, deren Alltag und Geschichten Kata ausfuhrlich beschreibt. Agi, eine au13erordentlich starke Frau, hat meruere Kinder verloren und einige Monate ihres Lebens schwarzgekleidet auf einem Stuhl sitzend in tiefer Trauer verbracht: . "Sie hane die Uhr nicht mehr aufgezogen, niemand hatte das getan, sie hatte die Fenster nicht mehr geoffnet, die Blatter nicht mehr vom Kalender gerissen, auf dem es Marz blieb, bis November" (91). Kata erzahlt von zahlreichen Figuren in einer erstarrten Zeit, wahrenddessen sie zu einer jungen Frau heranwachst. Das letzte Kapitel ist mit ihrem eigenen Namen uberschrieben. Letztendlich bleibt Kata allein, verliert ihre Angste, aber auch ihren kleinen Bruder. Isti, der schwarmerische Schwimmer, verliert seinen Realitatssinn vollig und verschwindet an einem Wintertag in einem eiskalten Fluss, als er vermeint, seine Mutter uber das Wasser laufen zu sehen. Kata mfft eine ahnliche Entscheidung und bittet ihren Vater urn die Erlaubnis, in den Westen fahren zu kOnnen. Zsuzsa Bank beschreibt eine unendliche, hoffnungslose Reise, ein standiges Aufbrechen und Fongehen mit einer sprachlichen Strenge und subtilen Schonheit, die den Leser tief in die Geschichte einbezieht und s1ch auf lange Zeit hin dem Gedachtnis einpragt. Kata fuhrt den Leser in eine Welt, die sie entdecken will, doch nicht zu fassen bekommt: "Irgendwo blieb eine Stelle leer, immer" (277). Die 1965 geborene Bank erhielt 2002 elnen der Literaturforderpreise der Jurgen Ponto-Sciftung und wurde au13erdem mit dem "aspekte"-Literaturpreis fur das beste deutschsprachige Prosadebut des Jahres 2002 ausgezeichnet. Dieses Jahr bekam sie auch den Chamisso-Preis fur ihren Erstlingsroman. Banks Buch ist ein vielversprechendes Debut, dem hoffentlich mehrere ebenso erfolgsreiche Werke folgen werden. Laura Trclser- Vas U nivemty oj Cincinnati Book Reviews 231 ULLA BER.KEWICZ. Vie/leicht werden wirja vernickt. Eille Orientierung in vergleichendem Fanatismus. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2002. 128 S. EUR 14,90. Ulla Berkewicz wurde i 951 in Gie13en geboren und lebt als freie Schriftstellerin und Suhrkamp-Verlegerin in Frankfurt am Main. Sie verOffentlichte im Suhrkamp-Verlag verschiedene Essays und Romane zu deutscher und judischer Identitat, wie u.a. Engel sind schwar~ ulld weijl (1992), Mordad (1995), Zimz"m (1997) und Ich weifl, daft du weijlt (1999). In ihrer 2002 erschienenen Arbeit VielleicM werden wir ja vernickt. Eine Orientimmg in vergleichendem FanatismllS analysiert Ulla Berkewicz anhand dreier Weltreligionen Oudaismus, Islam und Christentum) die religiosen und politischen Entstehungsbedingungen und Auswirkungen des Glaubensfunda­ mentalismus. Nach Berkewicz' Auffassung sind "Fanacismus und Mystifikation von Geschichte" (17) den drei rtickwartsgewandten fundamentalistischen Abarten des Islam, des Judaismus und des Christentums inharent. 1m ersten einfuhrenden Abschnitt beschreibt die Amorin, wie die technisch-wlssenschaftliche Entzauberung der Welt in der Modeme zur heutigen Sehnsucht nach spirituellen Anhaitspunkten gefuhrt hat. Diese emeute Religiositat schlagt sich in der markanten Einflussnahme konservativer Religionskreise auf das Staatsieben in Orient und Okzident rueder. Die Aufklarung scheint in sich zusammenzustiirzen. 1m zweiten und dritten Kapitel lamet die Grundthese, dass der orthodoxe Judaismus und der islamische Fundamentalismus im Grunde dieselbe hegemoniale und gewaltsame Weltanschauung vertreten: "In Sachen Vaterlandswahn und Erlosungsterror stehen sich die sernitischen und harnitischen Bruder und Schwestem doch in nichts nach" (68). Berkewicz hebt die propagandiscische bipolare Hermecik des extremiscisch-religibsen Diskurses und dessen politische Lenkung hervor, die Nationalismus und religios motivierte Unduldsamkeit untrennbar zusammenfuhrt. In einer aussagereichen Ausfuhrung zum Phanomen von Selbstmordanschlagen (cf. 38ff.) wird z.B. erlauten, wie man von islarnischer Seite her versucht, die Erlosung durch terroriscische Attentate zu beschleunigen. Religion ist instrumentalisierbar, weil sie nie genau von der kulturellen oder 230 Focus on German Studies der Distanz beobachtet die besorgte Kata, wie der See ihren Vater aufnimmt, "als konne er ein anderer sein, sobald er seine Kleider ablegte, das Wasser beruhrte und hinabtauchte" (77). Die langs te Zeit verbringen die Geschwister am Balaton bei den Verwandten Agi und Zoltan, deren Alltag und Gescruchten Kata ausfuhrlich beschreibt. Agi, eine auf3erordentlich starke Frau, hat meruere Kinder verloren und einige Monate ihres Lebens schwarzgekleidet auf einem Stuhl sitzend in tiefer Trauer verbracht: . "Sie hane die Uhr nicht mehr aufgezogen, niemand hatte das getan, sie hane die Fenster nicht mehr geo ffnet, die Blaner nicht mehr yom Kalender gerissen, auf dem es Marz blieb, bis November" (91). Kata erzahlt von zahlreichen Figuren in einer erstarnen Zeit, wahrenddessen sie zu einer jungen Frau heranwachst. Das letzte Kapitel ist mit ihrem eigenen Namen uberschrieben. Letztendlich bleibt Kata allein, verliert ihre Angste, aber auch ihren kleinen Bruder. Isti, der schwarmerische Schwimmer, verlien seinen Realitatssinn vollig und verschwindet an einem Wintertag in einem eiskalten Fluss, als er vermeint, seine Muner uber das Wasser laufen zu sehen. Kata trifft cine ahnliche Eotscheidung und binet ihren Vater urn die Erlaubnis, in den Westen fahren zu kOnnen. Zsuzsa Bank beschreib t eine unendliche, hoffnungslose Reise, ein standiges Aufbrechen und Fortgehen mit einer sprachlichen Strenge und subtilen Schonhei~ die den Leser tief in die Gescruchte einbezieht und sich auf lange Zeit hin dem Gedachtnis einpragt. Kata fuhn den Leser in eine Welt, die sie eotdecken will, doch nicht zu fassen bekommt: " Irgendwo blieb eine Stelle leer, immer" (277) . Die 1965 geborene Bank erruelt 2002 elnen der Literaturforderpreise der Jurgen Pooto-Sciftung und wurde auf3erdem mit dem "aspekte"-Literaturpreis fur das beste deutschsprachige Prosadebut des Jahres 2002 ausgezeichnet. Dieses Jahr bekam sie auch den Chamisso-Preis fur ihren Erstlingsroman. Banks Buch ist ein vielversprechendes Debut, dem hoffentlich mehrere ebenso erfolgsreiche Werke folgen werden. Laura Trriser- Vas U nivemry of Cincinnati Book Reviews 231 ULLA BERK.EWICZ. Vie/feicht werden wir ja verTiickt. Eille Orientierung in vergfeichendem Fallatismus. Frankfurt/ Main: Suhrkamp, 2002. 128 S. EUR 14,90. Ulla Berb~wicz wurde i 951 in Gief3en geboren und lebt als freie Schriftstellerin und Suhrkamp-Verlegerin in Frankfurt am Main. Sie verOffentlichte im Suhrkamp- edag verschiedene Essays und Romane zu deutscher und judischer Idencitat, wie u.a. Enge/ sind sc/llllaT'1: und weijl (1992), Mordad (1995), Zim'(!lm (1997) und rch weijl, daJl du weijlt (1999). In ihrer 2002 erschienenen Arbeit Vie/feicht werden wir ja verriickt. Eim Orientimmg in vergfeichendem Fanatismus analysiert Ulla Berkewicz anhand dreier Weltreligionen Oudaismus, Islam und Christentum) die religIosen und policischen Entstehungsbedingungen und Auswirkungen des Glaubensfunda­ mentalismus. Nach Berkewicz' Auffassung sind "Fanacismus und Mystifikacion von Geschichte" (17) den drei rlickwartsgewandten fundameotaliscischen Abarten des Islam, des Judaismus und des Christentums inharent. 1m ersten einfuhrenden Abschnict beschreibt die AutOrin, wie die technisch-wissenschaftliche Entzauberung der Welt in det Moderne zur heucigen Sehnsucht nach spirituellen Anhaltspunkten gefuhrt hat. Diese erneute Religiositat schlagt sich in der markanten Einflussnahme konservativer Religionskreise auf das Staatsleben in Orient und Okzideot nieder. Die Aufklarung scheiot in sich zusammenzustiirzen. 1m zweiten und dritten Kapitel lautet die Grundthese, dass der orthodoxe Judaismus und der islamische Fundameotalismus im Grunde diesel be hegemoniale und gewaltsame Weltanschauung vertreten: " In Sachen Vaterlandswahn und Erlosungsterror stehen sich die semitischen und harnicischen Bruder und Schwestern doch in nichts nach" (68). Berkewicz hebt die propagandiscische bipolare Hermecik des extremiscisch-religiosen Diskurses und dessen policische Lenkung hervor, die Nacionalismus und religios motivierte Unduldsamkeit uotrennbar zusammenfuhrt. In einer aussagereichen Ausfuhrung zum Phanomen von Selbstffiordanschlagen (cf. 38ff.) wird z.B. erlauten, wie man von islarnischer Seite her versucht, die Erlosung durch terroriscische Attentate zu beschleunigen . Religion ist instrumentalisierbar, weil sie nie genau von der kulrurellen oder 232 Focus on German Studies narionalen Idenri rar des Subjekrs getrennr werden kann. Polilik und Religion sind aber zweierlei, und ihre Verschrankung fuhrr zu unausweichlichen symbolischen Grenzkonflikren (cf. 20, 126). Fundamenralistische religiose Stromungen versrehen sich als Opposition gegen die Auswiichse der Modernitir, wie den kalren Kapiralismus und kulrurellen Imperialismus (cf. 14). Sie enrstehen in einem geisrigen und sozialen Vakuum und werden nach und nach zu einem politischen und moralischen Machrfakror. Der vierre Teil handelt uber die westliche und vor aUem US-amerikanische Varianre des Fanatismus, die Berkewicz als ,posrchristlichen Rassismus' typisiert (d. 105). Dieser Abschnirr fa:llr jedoch aus dem Rahmen dieses Werkes und ist mangelhafr kontexrualisierr. Berkewicz behaupter, die von prorestantischen Sekren beeinflusste "McBush"-Politik handle nur "im Namen ihres Dieners Jesus Christus und seines Herrn Amerika" (112). 1m Gegensarz zu der viel ausgewogeneren Beschreibung des judischen und muslimischen Fundamenralismus polemisierr die Aurorin hier einen bestimmten westlichen Fanarismus ohne ihre Aussagen zu erkJaren oder zu enrscharfen. Den Garrungstyp dieser Veroffentlichung konnte man als lirerarischen Essay bezeichnen. Theologisch gepragte Passagen wechseln sich assoziativ mit lirerarisch anmurenden aurobiografischen Erinnerungen ab (cf. 82-87; 111-124), journalistische Lageberichte in Israel werden bruchstUckhaft in sozial- und religionskritische Fragmente eingepasst (d. 29-32; 63-69). Der prosaische Sri! wirkt jedoch zuweilen zu patherisch und die Satzstrukrur pararakrisch. Dieser Band vermag durchaus ein emorionsgeladenes Bild des verunsicherren Zeirgeisres zu entfalten, aber die besprochene Arbeir bietet keinesfalls wissenschaftliche Erklarungen fur den Fundamentalismus. Manche der personlichen Impressionen und Zitate sind wenig informativ und erweitem sich nicht zu den beabsichtigten hisrorischen und rheologischen Perspekriven. Der Begriffsapparar ist ebenfaUs unklar definiert, so werden wichtige Konzepre wie z.B. Fanarismus oder Terrorismus nirgendwo klar umschrieben. Abgesehen von diesen kririschen Bemerkungen liegt die Qualirar von Berkewicz' zeitdiagnostischerSkizze primarim religionskritischen Versuch, sich personlich mit der veranderren weltpolitischen Lage Book Reviews 233 nach dem 11. Seprember 2001 auseinanderzuserzen. In diesem Konrext ist diese Srudie ein gelungenes essayistisches Komplement zu der bereits besrehenden FuUe an wissenschaftlicher Literarur uber fundamenralistische Stromungen. Sie erweisr sich in dieser Hinsicht also als durchaus lesenswerre Ausgabe, die einen Einstieg in die komplexe BeziehungskonsteUation von Judaismus, Islam und Chrisrentum erleichtert. Arvi Sepp Katholieke Universiteit L..euven DETLEV CLAUSSEN. Theodor W Adorno. Ein L..etztes Genie. Frankfurt/Main: Fischer, 2003.479 S. EUR 26,90. Letzres Jahr, wm hundertjahrigen Geburrstag Adomos, sind gleich funf Bucher erschienen, die sich dem Leben des Mitbegrunders des F rankfurrer Ins ritutes fur Sozialwissenscha ft im zeitgeschichtlichen und philosophischen Konrexr widmen. Eine def meistbeachretsten Abhandlungen ist jene von Detlef Claussen, Professor fur Gesellschaftstheorie, Kulrur- und Wissenschaftssoziologie an der Universirat Hannover, erschienen 2003 bei S. Fischer. Claussen hat nach Eigenangabe noch bei Adomo srudiert. Er muss zum Zeitpunkt von Adomos Tod am 6. August 1969 21 Jahre air gewesen sein und scheint sich stark mir Adomo zu identifizieren . Wiederholt weist der geburtige Frankfurter Claussen auf Adornos Jugend in und seiner Beziehung zu Frankfurt hin. Weite Teile der Biographie lassen sich als Ode des Schulers an den verehrten Lehrer versrehen; an einen Lehrer, den Claussen nicht nur als seinen person lichen verstanden wissen will, sondem den er zum Lehrer eines postnationalen Deurschlands stilisieren mochte. Der Obervater Adorno wird in Claussens Biographie nicht nur zu einem InreUekrueUen unter vielen; Adomo wird zum Genie - und zwar zum schlechrhi..n 'le rzten Genie'. Claussen hat es sich zum Ziel gesetzt, Adomos Biographie von Grund auf neu zu schreiben und die Texte des Philosophen "hinter der ins Unermessliche angewachsenen Sekundarliteratur wieder im Original hervortreten w lassen" [11]. OttensichrJich unzufrieden 232 Focus on German S tudies nauonalen Idenurar des Subjekrs geuennr werden kann. Politik und Religion sind aber zweierlei, und ihre Verschrankung fi.ihn zu unausweichlichen symbolischen Grenzkonflikren (cf. 20, 126) . Fundamenralistische religiose Suomungen versrehen sich als Opposition gegen die Auswiichse der Modernitir, wie den kalren Kapiralismus und kulrurellen Imperialismus (cf. 14). Sie enrstehen in einem geisugen und sozialen Vakuum und werden nach und nach zu einem politischen und moralischen Machrfakror. Der viene Teil handelt i.iber die westliche und vor aUem S-amerikanische Variante des Fanatismus, die Berkewicz als ,posrchristlichen Rassismus' rypisiert (cf. 105). Dieser Abschnirr fa:llr jedoch aus dem Rahmen dieses Werkes und ist mangelhafr konrexrualisierr. Berkewicz behaup tet, die von prates tan tischen Sekten beeinflusste "McBush" -Politik handle nur "im Namen ihres Dieners Jesus Christus und seines Herrn Amerika" (112). 1m Gegensatz zu der viel ausgewogeneren Beschreibung des judischen und muslimischen Fundamentalismus polemisien die Auwrin hier einen bestimmten westlichen Fanatismus ohne ihre Aussagen zu erklaren oder zu enrscharfen. Den Gatrungstyp dieser VerOffentlichung konnte man als literarischen Essay bezeichnen. Theologisch gepragte Passagen wechseln sich assoziauv mit lirerarisch anmurenden aurobiografischen Erinnerungen ab (cf. 82-87; 111-124), journalistische Lageberichre in Israel werden bruchstUckhaft in sozial- und religionskritische Fragrnente eingepasst (d. 29-32; 63-69). Der prasaische Stil wirkt jedoch zuweilen zu pathetisch und die Satzstrukrur pararaktisch. Dieser Band vermag durchaus ein emotionsgeladenes Bild des verunsichenen Zeitgeisres zu entfalten, aber die besprachene Arbeit bierer keinesfalls wissenschaftliche Erklarungen fur den Fundamentalismus. Manche der personlichen Impressionen und Zitate sind wenig informativ und erweitern sich nich t zu den beabsichtigren hisrorischen und theologischen Perspektiven. Der Begriffsapparat ist ebenfaUs unklar definiert, so werden wichtige Konzepte wie z.B. Fanatismus oder Terrorismus nirgendwo klar umschrieben. Abgesehen von diesen kritischen Bemerkungen Jjegt die Qualitat von Berkewicz' zei tdiagnostischer Skizze primar Un religionskritischen Versuch, sich personlich mit der verandenen weltpolitischen Lage Book Reviews 233 nach dem 11. September 2001 auseinanderzusetzen. In diesem Kontext 1st diese Srudie ein gelungenes essayistisches Komplement zu der bereits bestehenden FuUe an wissenschaftlicher Literarur uber fundamentalistische Strbmungen. Sie erweist sich in dieser Hinsicht also als durchaus lesenswerte Ausgabe, die einen Einstieg in die komplexe BeziehungskonsteUation von Judaismus, Islam und Christentum erleichtert. Arvi Sepp Katholieke Universiteit Leuven DETLEV CLAUSSEN. Theodor W Adorno. Ein Letztes Genie. Frankfurt/Main: Fischer, 2003.479 S. EUR 26,90. Letzres Jahr, zum hundertjahrigen Geburtstag Adornos, sind gleich funf Bucher erschienen, die sich dem Leben des Mitbegrunders des Frankfuner Instirutes fur Sozialwissenschaft im zeitgeschichtlichen und philosophischen Konrext widmen. Eine der meistbeachtetsten Abhandlungen ist jene von Detlef Claussen , Professor fur Gesellschaftstheorie, Kulrur- und Wissenschaftssoziologie an der Universitat Hannover, erschienen 2003 bei S. Fischer. Claussen hat nach Eigenangabe noch bei Adorno srudiert. Er muss zum Zeitpunkt von Adornos Tod am 6. August 1969 21 Jahre air gewesen sein und scheint sich stark mit Adorno zu identifizieren . Wiederholt weist der geburtige Frankfurter Claussen auf Adomos Jugend in und seiner Beziehung zu Frankfurt hin. Weite Teile der Biographie lassen sich als Ode des Schi.ilers an den verehrren Lehrer verstehen; an einen Lehrer, den Claussen nicht nur als seinen person lichen verstanden wissen will, sondern den er zum Lehrer eines posrnationalen Deutschlands stilisieren mochte. Der Obervater Adorno wird in Claussens Biographie nicht nur zu einem ImeUekruellen unrer vielen; Adorno wird zum Genie - und zwar zum schlechthin 'lerzten Genie'. Claussen hat es sich zum Ziel gesetzt, Adornos Biographie von Grund auf neu zu schreiben und die Texte des Philosophen "hinter der ins Unermessliche angewachsenen Sekundarliteratur \\rieder im Original hervorrreren zu lassen" [11] . Offensichtlich unzufrieden 234 Focus on German Studies mit fruheren Interpretationen, inkorporiert Claussen zu diesem Zweck eine Vielzahl von Textstellen aus Adomos Schriften sowie erscmals verOffentlichte personliche Briefe des Philosophen an Kollegen und Freunde. IYlithilfe dieser lin Text kursiv gedruckten Pas sagen versucht Claussen, die vielschichtige Personlichkeit Adomos im personlichen wie zeitgeschichtlichen Kontext lebendig werden zu lassen. Claussen nlinmt sich vor, Adomos musikalische, philosophische und kritisch-theoretische Interessen als letztlich identische Ausfhisse einer spezifisch deutsch-judischen Identitat in einer Zeit gesellschaftlicher Krisen zu verstehen. Ein soleh amibitioniertes Projekt ladt ein zur Kritik: Claussen erklart sich damit zum AlleiUinterpreten des ,Genies' und stellt sich, den Adorno-Schuler, in ein ebenburtiges Licht. Auch die Adomosche Abwertung nationaler Idencitat hat der Verfasser verinnerlicht und kolporciert sie breitflachig, wenn er zum Beispiel in bezug auf den deutschen Widerstand gegen die napoleonische Besetzung nur von "den sogenannten Befreiungskriegen" [37] spricht. Urn dem Leser Adomos Leben zuganglich zu machen, verfolgt Claussen Adm'nos Lebensweg in chronologischer Folge, die von vielen. Ruck- und Vorblenden unterbrochen wird - von der Geburt und Jugend in Frankfurt uber die Jahre der Emigration in den USA uber seine Ruckkehr nach Deutschland und die Wiedergrundung des Frankfurter Instituts fur Sozialforschung. Von besonderer, wei! personlicher Bedeutung, ist fur Claussen die Schnittstelle Adomos mit der 'Studentenbewegung' der 68er. Urn den Lebensweg des Protagonisten in geistesgeschichtliche Stromungen einzubinden, fugt der Author eine Reihe ausfuhrlicher Exkurse in den Text ein, wie z.B. uber die assimilierten Juden Deutschlands wahrend des Kaiserreiches, die Geschichte der Stadt Frankfurt und die personlichen Beziehungen Horkheimers, Krackauers, Benjamins und anderer zu Adomo. Claussen beschreibt Adomos Jugend im wohlhabenden und assimilierten judischen Burgertum des Kaiserreiches. Der erste Weitkrieg, die Revolution, die Inflation, die den Zusammenbruch der alten burgerlichen Welt mit sich brach ten, sowie die Polarisierung des politischen Spektrums der Weimarer Republik, sieht Claussen als Stimuli fur das wachsende Interesse des jungen Studenten an ,fortschrittlichen' Geistesstromungen. Dieser historische Book Reviews 235 Hintergrund und die Einfhisse Walter Benjamins, Georg Lukacs', Siegfried Krackauers und Max Horkheimers, die Claussen als ",peer group' junger judischer Intellektueller" [105] sieht, weckten in Adomo "Anglophilie und sozialistische Syrnpathien" [137]. Sein Umzug 1925 nach Wien, urn "Komposition" (131] zu studieren, konfrontierte den jungen Studenten mit dem Ostjudentum, modemer Musik, politischen Radikalismen und der Wiener Boheme. 1938 emigrierte Adomo in die Vereinigten Staaten, wo er sich neben weiteren Emigranren in Los Angeles niederlief3. Hier begann die Zusammenarbeit mit Thomas Mann und Max Horkheimer, die Claussen unter seinem besonderen Blickwinkel des Verschmelzens von Adomos divergierenden Interessen interpretiert. Claussens Adomo des amerikanischen Exils ist Komponist, Kunstler, Theoretiker und Schriftsteller zugleich. In diesem Zusammenhang liefert Claussen eine etwas nuanClertere Interpretation der legendaren Adomoschen Kritik der Kulturindustrie in der "Dialektik der Aufklarung". Adomo kehrte 1949 nach Deutschland zuruck, urn fur die nachsten Jahre zwischen Deutschland und Kalifomien hin und her zu pendeln. Claussen erlJart Adomos Ruckkehr mit des sen Angst vor Bedeutungslosigkeit in den USA, dem Gefuhl, in Deutschland gebraucht zu werden und seiner Hoffnung, das Frankfurter Inscitut fur Sozialforschung wieciereroffnen zu konnen. Adomos amerikanische Erfahrung sieht Claussen als weiteren Grundstein fur dessen GeseUschaftskritik. Erwartungsgemass widmet Claussen mehr als die Halfte des Buches der fur seine eigene Biographie bedeutungsschwangeren Tacigkeit des Ruckemigranten in den funfziger und sechziger Jahren. Obwohl Claussen betont, dass Adomo nicht "als Racher der Verfolgten" [314] auftrat, so scheint doch Claussen selbst diese Rolle gem zu ubemehmen. Dementsprechend findet man Adomo in den gesellschaftlichen Kontext der fruhen Bundesrepublik plaziert, was zwar nicht uberraschend ist, aber kaum zu ubersehende moralisierende Untertone trage Besonders diese zweite Halfte des Buches weist auf Claussens IdenitatsschninsteUen mit dem Theoretiker hin Faszinierend deutlich sind Claussens artributiven Gegenuberstellungen Adomos mit der bundesdeurschen Mehrheitskultur: Hier der Aufkhrer, da die "schattenhafte Wiederbelebung burgerlicher Kulturreligion" [244], hier die 234 Focus on German Studies mit fruheren Interpretationen, inkorporiert Claussen zu diesem Zweck eine Vielzahl von Textstellen aus Adomos Schriften sowie erstmals verOffentlichte personliche Briefe des Philosophen an Kollegen und Freunde. l'viithilfe dieser lin Text kursiv ged ruckten Pas sagen versucht Claussen, die vielschichtige Personlichkeit Adomos im personlichen wie zeitgeschichtlichen Kontext lebendig werden zu lassen. Claussen nlinmt sich vor, Adomos musikalische, philosophische und kritisch-theoretische Interessen als letztlich identische Ausfhi sse einer spezinsch deutsch-jiidischen Identitat in einer Zeit geseUschaftlicher Krisen zu verstehen. Ein soleh amibitioniertes Projekt ladt ein zur Kritik: Claussen erklart sich damit zum AlleiUinterpreten des ,Genies' und stellt sich , den Adom o-Schuler, in ein ebenburtiges Licht. Auch die Adomosche Abwertung nationaler Identitat hat der Verfasser verinnerlicht und kolportiert sie breitflachig, wenn er zum Beispiel in bezug auf den deutschen Widerstand gegen die napoleonische Besetzung nur von "den sogenannten Befreiungskriegen" [37] spricht. Urn dem Leser Adomos Leben zuganglich zu machen, verfolgt Claussen Adm'nos Lebensweg in chronologischer Folge, die von vielen. Riick- und Vorblenden unterbrochen wird - von der Geburt und Jugend in Frankfurt iiber die Jahre der Emigration in den USA iiber seine Riickkehr nach D eutschland und die Wiedergrundung des Frankfurter Instituts fiir Sozialforschung. Von besonderer, weil personlicher Bedeutung, ist fur Claussen die SchnittsteUe Adomos mit der 'S tudentenbewegung' der 68er. Urn den Lebensweg des Protagonisten in geistesgeschichtliche Stromungen einzubinden, fugt der Author eine Reihe ausfuhrlicher Exkurse in den Text ein, wie z.B. iiber die assimilierten Juden Deutschlands wahrend des Kaiserreiches, die Geschichte der Stadt Frankfurt und die personlichen Beziehungen Horkheimers, Krackauers, Benjamins und anderer zu Adomo. Claussen beschreibt Adomos Jugend im wohlhabenden und assimilierren judischen Burgertum des Kaiserreiches. Der erste We!clu-ieg, die Revolution, die Inflation, die den Zusammenbruch der alten biirgerlichen Welt mit sich brach ten, sowie die Polarisierung des politischen Spektrums der Weimarer Republik, sieht Claussen als Stimuli fur das wachsende Interesse des jungen Studenten an ,fortschrittlichen' Geistesstromungen. Dieser historische Book Reviews 235 Hintergrund und die Einflusse Walter Benjamins, Georg Lukacs', Siegfried Krackauers und Max Horkheimers, die Claussen als ",peer group' junger jiidischer Intellektueller" [105] sieht, weckten in Adomo "Anglophilie und sozialistische Sympathien" [137] . Sein Umzug 1925 nach Wien, urn "Komposition" [131] zu studieren, konfrontierte den jungen Studenten mit dem Ostjudentum, modemer Musik, politischen Radikalismen und der Wiener Boheme. 1938 emigrierte Adomo in die Vereinigten Staaten, wo er sich neben weiteren Emigranten in Los Angeles niederlief3. Hier begann die Zusammenarbeit mit Thomas Mann und Max Ho rkheimer, die Claussen unter seinem besonderen Blickwinkel des Verschmelzens von Adomos divergierenden Interessen interpretiert. Claussens Adomo des amerikanischen Exils ist Komponist, Kunstler, Theoretiker und SchriftsteUer zugleich. In diesem Zusammenhang liefert Claussen effie etwas nuanClertere Interpretation der legendaren Adomoschen Kritik der Kulturindustrie in der "Dialektik der Au fklarung". Adomo kehrte 1949 nach D eutschland zuriick, urn fiir die nachsten Jahre zwischen Deutschland und Kalifomien hin und her zu pendeln. Claussen eriJart Adornos Riickkehr mit des sen Angst vor Bedeutungslosigkeit in den USA, dem Gefiihl, in Deutschland gebraucht zu werden und seiner Hoffnung, das Frankfurter Institut fiir Sozialforschung wieciereroffnen zu konnen. Adomos amerikanische Erfahrung sieht Claussen als weiteren Grundstein fiir des sen Gesellschaftskritik. Erwartungsgemass widmet Claussen mehr als die Halfte des Buches der fiir seine eigene Biographie bedeutungsschwangeren Tatigkeit des Riickemigran ten in den fun fziger und sechziger Jahren. Obwohl Claussen betont, dass Adomo nicht "als Racher der Verfolgten" [31 4] auftrat, so scheint doch Claussen selbst diese Rolle gem zu iibemehmen. Demen tsprechend findet man Adomo in den gesellschaftlichen Kontext der friihen Bundesrepublik plaziert, was zwar nicht iiberraschend ist, aber kaum zu iibersehende moralisierende Untertone tragt. Besonders diese zweite Halfte des Buches weist auf Claussens Idenitatsschninstellen mit dem Theoretiker hin Faszinierend deutlich sind Claussens attributiven GegeniibersteUungen Adomos mit der bundesdeutschen Mehrheitskultur: Hier der Aufklarer, da die "schattenhafte Wiederbelebung biirgerlicher Kulturreligion" [244), hier die 236 Focus on German Studies "Gesellschaftskritik" da die "Anpassung." Dichotomien wie hell und dunkel, Aufklarung und Obskurantismus, Kultur und Barbarei sollen dem Leser die Positionierung auf der richtigen Seite der Geschichte erleichtern. Auch der seit 1989 obligatorische Hinweis auf Distanzierung von "den Parteikommunisten" (253] fehlt nicht. Claussens bestimmende Themen reichen von der Wiedergrundung des Institutes uber die Auseinandersetzung mit der fruhen Bundesrepublik, der Etablierung der Kritischen Theone im akademischen Diskurs, den Beziehungen zu den Freunden aus dem Exil bis hin zur Aufarbeitung der Vergangenheit. E tliche Wiederholungen, umstandliche Formulierungen und die vielen raumlichen und zeitlichen Sprunge tragen nicht Z UI Leserlichkeit des Buches bei. 1m Anhang fUgt Claussen unveroffentlichte Privatbriefe von und an Ernst Bloch, Max H orkheimer und andere an. Zusammenfassend laDt sich sagen, dass man durch die Lekture von Detlev Claussens Letztem Genie nicht allzuviel uber Adorno selbs t erfahrt. Tro tzdem ist das Buch ein wertvoUes, weil unfreiwilliges Zeugnis der breiten quasireligiosen Adorno­ Rezeption in der Generation der 68er - eine Rezeption, deren ideeUe Grunclhaltung die Kulturlandschaft Deutschlands in den letzten 20 Jahren entscheidend bestimmt hat und die vermutlich noch einige Jahre die vorherrschende bleiben wird. Christian Kanig Indiana Universi!y WALTER MATTHIAS DIGGEU"fANN. Die HinterlassenschaJt. Zurich: edition 8,2003.288 S. EUR 21,90. 1m Jahre 2002, er ware 75 Jahre alt geworden, ennnerte man sich im Feuilleton begeistert an ihn. Der Schweizer Autor Walter Matthias Diggelmann (1927 -197 9) war einer, der fur den kleinen Mann eintrat, stand da zu lesen, er war ein Linker, ein VerstoGener, ein David im Goliath-Land. Selbst die Boulevardzeitung Blick romantisierte seine Lebensgeschichte und wiirdigte ihn als "eine Art Robin Hood unter den Literaten." Die euphorischen Gedenkreden erv;eckten den Book Reviews 237 Eindruck, dass Diggelmann ein vielbeachteter SchriftsteUer wa r. Fur einige war er es in der Tat selbst zu seinen Lebzeiten. Fur die meisten jedoch war er spates tens seit der Publikation seines Romans Die Hinterlassenschaft (1965) weniger geachtet als vielmehr geachtet. Weil seine Bucher in den 90er Jahren vergriffen waren, beschloss ein kleiner Schweizer Verlag, Diggelmanns Gesamrwerk unter der Federfuhrung von Klara ObermuUer neu herauszugeben. Diggelmanns kontroversestes Buch, Die H interlassensdJajt, erschien in der Neuedition 2003, inklusive einer EinfUhrung, die Hans Ulrich JOSt, einer der namhaftesten Schweizer Historiker verfass te. E ine Neulekrure des Textes zeigt, dass die eidgenossische Geschichtspolitik der GOer Jahre nichts an Aktualitat eingebuf3t hat. Nicht zuletzt deshalb, weil der Roman Strukturen und Ideologien ausleuchtet, die in der Schweizer GeseUschaft nach wie vor vorhanden sind. Ersrmalig in der literarischen Gedachtnisgeschichte der Deutschschweiz geht es in Diggelmanns Text urn judische Schu tzsuchende, die im Zweiten \X!eltkrieg an der Schweizer Grenze zuruckgewiesen \vurden. Doch harte der Roman kaum zu solch einem Stein des AnstoGes werden konnen, wenn es ausschlieGlich urn die Fluchtlingspolitik gegangen ware. Auskiser fur Diggelmanns Schreibarbeit war ein E reignis, das noch keine zehn Jahre zurucklag: die antikommunisrischen Ausschreitungen im November 1956 gegen Konrad Farner, welche Diggelmann in seinem Roman als "Pogrom von T' bezeichnet. Die zentrale These des Buches wurde zum eigentlichen Konfliktherd: Die "antikommurustischen Brandsrifter" seien mit den "faschis tischen Brandstifter(n)" des Antisemitismus der dreilliger Jahre weitgehend identisch . Dass sich ein Literat erlaubte, zwischen den Faschisten der Iv iegsphre und den Antikommurusten der GOer Jahre eine direkte Verbindungslinie zu ziehen und damit verhangrusvolle Kontinuitaten aufzuzeigen, war skandaltrachtig. Insbesondere in der Zeit des Kalten Krieges, als aktive Kommurusten im Weltbild der Burgerlichen mit Landesverratern gleichgesetzt wurden. Diggelmann ging mit der H interlassemchajt ein groGes Risiko ein. Er harte sich ein brandgefahrdetes Thema ausgesucht und wusste sehr wohl, was ihn erwarten wiirde. Zum Inhale: Nachdem ihm sein versto rbener Vater einen Stapel personlicher Schriften, Polizeiakten und Zeitungsausschnitte hinterlassen hat, wird der 20jahrige Schriftserzer David Boller damit 236 Focm on German Studies "Gesellschaftskritik" da die "Anpassung." Dichotomien wie hell und dunkel, Aufklarung und Obskurantismus, Kultur und Barbarei sollen dem Leser die Positionierung auf der richtigen Seite der Geschichte erleichtern. Auch der seit 1989 obligatorische Hinweis auf Distanzierung von "den Parteikommunisten" [253] fehlt nicht. Clauss ens bestimmende Themen reich en von der Wiedergrundung des Institutes uber die Auseinandersetzung mit der fruhen Bundesrepublik, der Etablierung der Kritischeo Theone im akademischen Diskurs, den Beziehungen zu den Freunden aus dem Exil bis hin zur Aufarbeitung der Vergangenheit. E tliche Wiederholungen, umstanclliche Formulierungen und die vielen raumlichen und zeitlichen Sprunge tragen rucht zur Leserlichkeit des Buches bei. 1m Anhang fugt Claussen unverOffentlichte Privatbriefe von und an Ernst Bloch, Max Horkheimer und andere an. Zusammenfassend liillt sich sagen, dass man durch die Lekture von Detlev Claussens Letztem Genie rucht allzuviel uber Adorno selbs t erfahrt. Trotzdem ist das Buch ein wertvolles, weil unfreiwilliges Zeugnis der breiten quasireligiosen Adorno­ Rezeption in der Generation der 68er - eine Rezeption, deren ideelle Grunclhaltung die Kulturlandschaft Deutschlands in den letzten 20 Jahren entscheidend bestimmt hat und die vermutlich noch einige Jahre die vorherrschende bleiben wird. Christian Kanig Indiana Universi!y WALTER MATTHIAS DIGGEU"fANN. Die Hinterlassenschajt. Zurich: edition 8, 2003. 288 S. EUR 21,90. 1m Jahre 2002, er ware 75 Jahre alt geworden, erinnerte man sich im Feuilleton begeistert an ibn. Der Schweizer Autor Walter Matthias Diggelmann (1927 -1979) war einer, der fur den kleinen Mann eintrat, stand da zu lesen, er war ein Linker, ein VerstoGener, ein David Un Goliath-Land. Selbst die Boulevardzeitung Blick romantisierte seine Lebensgeschichte und wlirdigte ibn als "eine Art Robin Hood unter den Literaten." Die euphorischen Gedenkreden erweckten den Book Reviews 237 Eindruck, dass Diggelmann ein vielbeachteter SchriftsteUer war. Fur einige war er es in der Tat selbst zu seinen Lebzeiten. Fur die meisten jedoch war er spates tens seit der Publikation seines Romans Die Hinteriassenschaft (1965) weniger geachtet als vielmehr geachtet. Weil seine Bucher in den 90er Jahren vergriffen waren, beschloss ein kleiner Schweizer Verlag, Diggelmanns Gesamtwerk unter der Federfuhrung von Klara Obermuller neu herauszugeben. Diggelmanns kontroversestes Buch, Die HinteriaSJensdJajt, erschien in der Neuedition 2003, inklusive einer Einfuhrung, die Hans Ulrich JOSt, einer der namhaftesten Schweizer Historiker verfass te. Eine Neulektlire des Textes zeigt, dass die eidgenossische Geschichtspolitik der 60er Jahre ruchts an Aktualitat eingebuGt hat. Nicht zuletzt deshalb, weil der Roman Strukturen und Ideologien ausleuchtet, die in der Schweizer GeseUschaft nach wie vor vorhanden sind. Erstmalig in der literarischen Gedachtnisgeschichte der Deutschschweiz geht es in Diggelmanns Text urn judische Schu tzsuchende, die im Zweiten \X!e1tkrieg an der Schweizer Grenze zuruckgewiesen v,rurden. Doch harte der Roman kaum zu soleh einem Stein des Anstofles werden konnen, wenn es ausschliefllich urn die Fluchtlingspolitik gegangen ware. Ausloser fUr Diggelmanns Schreibarbeit war ein E reignis, das noch keine zehn Jahre zurucklag: die antikommunistischen Ausschreitungen im November 1956 gegen Konrad Farner, welehe Diggelmann in seinem Roman als "Pogrom von T' bezeichnet. Die zentrale These des Buches wurde zum eigentlichen Konfliktherd: Die "antikommunistischen Brandstifter" seien mit den "faschistischen Brandstifter[n)" des Antisemitismus der dreilliger Jahre weitgehend identisch. Dass sich ein Literat erlaubte, zwischen den Faschisten der Kriegsjahre und den Antikommunisten der 60er Jahre eine direkte Verbindungslinie zu ziehen und damit verhangrusvoUe Kontinuitaten aufzuzeigen, war skandaltrachtig. Insbesondere in der Zeit des Kalten Krieges, als aktive Kommunisten im Weltbild der Burgerlichen mit Landesverratern gleichgesetzt wurden. Diggelmano ging mit der H interiassenschajt ein groGes Risiko ein. Er hatte sich ein brandgefahrdetes Thema ausgesllcht und wusste sehr wohl, was ihn erwarten wlirde. Zum Inhalt: Nachdem ihm sein versto rbener Vater einen Stapel personlicher Schriften, Polizeiakten und Zeitungsausschnitte hinterlassen hat, \vi.rd der 20jahrige Schriftsetzer David Boller damit 238 239 Focus on German Studies konfrontiert, dass ruchts so ist, wie es scheint. Die Hinrerlassenschaft beweist, dass sein Va ter in Wahrheit sein Grof3va ter ist, und dass seine Eltern in D eutschland in einem Konzenttationslager umkamen - nachdem sie an der Schweizer Grenze zuruckgewiesen worden waren. David macht sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit und nach jenen, welche fur das Schlcksal der Eltern verantwortlich sind. Was die Ruckweisung seiner Eltern fUr David umso verwerflicher macht, ist die Tatsache, dass die Schweiz in dieser Phase des Krieges uber die Judenvernich tung informiert war. D avid will die Verantwortlichen fur den Mord an seinen Eltern zm Rechenschaft zu ziehen. Wei! er im Nachlass des Grof3vaters einen Revolver finder, muss befurchtet werden, dass der Umgang mit der Hinterlassenschaft todliche Konsequenzen haben kc>nnre. Allerdings weill man noch rucht, fur wen. In der Hinterlassenschaft des Grof3va ters Stof3t David auch auf eine N o tiz aus dem Jahre 1938, die festhalt, dass ein gewisser Ulrich Frauenfelder fur die Grenzpolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zumindest mitverantwortlich war, wei! er "systematisch F remdenhass schurt, Antisemitismus, Antisozialismus predigt, wo immer er kann" (39). U mer dem Vorwand das Journalistenhandwerk lernen zu wollen schleicht sich David in die Demokratische Presseagentur von Ulrich Frauenfelder ei.n. Frauenfelder is t ein Mann mit einer Vorgeschichte, hat er sich doch im Kamo n Zurich dafur stark gemacht, dass die Bauern-, Gewerbe- und Burgerpartei (BG B), die Rechtsburgerlichen und die Freisinrugen 1933 eine Listenverbindung mit den Frontisten eingingen. Nachdem esjahrelang ruhig urn seine Offentliche Person geworden war, nirnmt er den russischen Einmarsch in Ungarn zum Anlass, die Demokratische Presseagentur zu einem N ervenzenuum fur die antikommurustische Stimmungsmache auszubauen. Er erweitert die Presseagentur urn ein ,Buro fur politische Aktionen,' bedient Schweizer Zeitungen nut antikommurustischen und antisemitischen Leitartikeln und verOffendicht die Namen von Schweizer Kommurusten. D er Kommurusmus beinhaltet fur Frauenfelder das gleiche Potential, das fur ihn eine "Verjudung" kennzeichnec die Vereinnahmung des Schweizerischen durch einen Fremdkorper mit gefahrlichem Machtpo tential. D avid schmiedet Plane, Frauenfelder zu belasten, urn ihn vor Gerich t zu bringen. Eine Moglichkeit ergibt sich dazu im November Book Reviews 1956. E r findet heraus, dass Frauenfelders Aktion Frei Sein mit einer Studentenverbindung in Verbindung steh t, die einen Protesrmarsch gegen den Kommunis ten Alois Hauser plant. D er Protest wird medial vorbereite t: einerseits indem Leserbriefe die Aktion Frei Sein unterstlitzen, andererseits durch Flugblatter und Inserate in der Lokalzeitung von T., die Alois Hauser als "Todfeind der Demokratie" und als "Handlanger Moskaus" (156) anschwarzen. Hauser - dessen Wohnadresse im Insera t bekannt gegeben wird - soll angeblich "ahnungslose demokratische Mitburger ubertolpelt, gelahmt und versklav t" (156) haben. D as Inserat forden die Bevolkerung von T. nicht nur auf, Hauser aus dem Weg zu gehen, sondern sich seiner Anwesenheit ganz zu entledigen. Die Sauberungsaktion gegen den kommunistischen ,Eindringling' findet sukzessive start. In einer nachtlichen Kundgebung wird schliei3lich das Haus der Familie Hauser mit Steinen beworfen und in Brand gese tzt. Ein groi3eres Ungluck kann nur dadurch verhindert werden, dass die Nachbarn mit Feuerloschern zuruckkehren (die Feuerwehr sei rucht ausgeruckt, erklart man, wei! die ganze Mannschaft bei der K undgebung dabei war). David halt sich in den kommenden Tagen oft in T. auf, er will die Bewohner fu r seinen Bericht "Modell eines Pogroms" interviewen, doch die "Gesichter der meisten Menschen, die David anspricht, werden zu Mauern . OberaU Schwelgen, undurchdringlich , Angst, es konnte einer Mitleid zeigen mit der Frau [von Hauser], mit den Kindern (218)." Das ganze Dorf scheint, vereinr in seinem antikommunistischen AbwehrwiUen im Einsatz zu sein. David lass t sich nicht unterkriegen und richtet in einer klein en Vorortgemeinde eine Druckerei ein, urn eine eigene Zeitschrift (Die ZukunJf) herauszugeben. Er schreibt eine Reportage uber den Thalwiler Pogrom und verschickt sie an Parlamen tarier, Zeitungsredaktionen, Presseagenturen, Buchhandlungen und Privatpersonen. Er laf3t in seinem Text keinen Zweifel offen, dass einflussreiche Schweizer Antikommunisten einst mit Nazi Deutschland sympatlusierten und teil s gar koUaborierten. E s ist abzusehen, dass D avid fur seinen Mut und sein politisches Engagement einen groi3en Preis bezahlen wird. Die Hinterlassenschaft ist eine literarische Montage aus Briefen, Gesprachen, Polizeiakten, Zeitungsberichten, Wahlkampfinseraten und Ausschnirten aus dem offiziellen Schweizer Fluchdingsbericht, 238 Focus on German S ttldies konfrontiert, dass ruchts so ist, wie es scheint. Die Hinterlassenschaft beweist, dass sein Vater in Wahrheit sein Grof3vater ist, und dass seine Eltern in Deutschland in einem Konzenttationslager umkamen - nachdem sie an der Schweizer Grenze zuruckgewiesen worden waren. David macht sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit und nach jenen, welche fur das Schicksal der Eltern verantwortlich sind. Was die Ruckweisung seiner Eltern fur David umso verwerflicher macht, ist die Tatsache, dass die Schweiz in dieser Phase des Krieges Liber die Judenvernichrung informierr war. David will die Verantwortlichen fur den Mord an seinen Eltern zur Rechenschaft zu ziehen. Weil er im Nachlass des Grof3vaters einen Revolver finder, muss befurchtet werden, dass der Umgang mit der Hinterlassenschaft todliche Konsequenzen haben kOnnte. Allerdings weill man noch rucht, fur wen. In der Hinterlassenschaft des GroBvaters Stof3t David auch auf eine Notiz aus dem Jahre 1938, die fesilialt, dass ein gewisser Ulrich Frauenfelder fur die Grenzpolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zumindest mitveranrwortlich war, weil er "systematisch F remdenhass schurr, Antisemitismus, Antisozialismus predigt, wo immer er kann" (39). U mer dem Vorwand das Journalistenhandwerk lernen zu wollen schleicht sich David in die Demokratische Presseagenrur von Ulrich Frauenfelder ei.n. Frauenfelder ist ein Mann mit einer Vorgeschichte, hat er sich doch im Kamon Zurich dafur stark gemacht, dass die Bauern-, Gewerbe- und Burgerpartei (BGB), die Rechtsburgerlichen und die Freisinrugen 1933 eine Listenverbindung mit den Frontisten eingingen. Nachdem esjahrelang ruhig urn seine Offentliche Person geworden war, nimmt er den russischen Einmarsch in Ungarn zum Anlass, die Demokratische Presseage ntur zu einem Nervenzenttum fur die antikommurustische Stimmungsmache auszubauen. Er erweitert die Presseagenrur urn ein ,Buro fur politische Aktionen,' bediem Schweizer Zeirungen mit antikommurustischen und antisemitischen Leitartikeln und verOffentlicht die Namen von Schweizer Kommurusten. Der Kommurusmus beinhaltet fur Frauenfelder das gleiche Potential, das fur ihn eine "Verjudung" kennzeichnec die Vereinnahmung des Schweizerischen durch einen Fremdkorper mit geEi.hrlichem Machtpotential. David schmiedet Plane, Frauenfelder zu belasten, urn ihn vor Gericht zu bringen. Eine Moglichkeit ergibt sich dazu im November Book Reviews 239 1956. Er findet heraus, dass Frauenfelders Aktion Frei Sein mit einer Studentenverbindung in Verbindung steht, die einen Protestmarsch gegen den Kommunisten Alois Hauser plant. D er Protest wird medial vorbereiter: einerseits indem Leserbriefe die Aktion Frei Sein unterstlitzen, andererseits durch Flugblatter und Inserate in der Lokalzeirung von T., die Alois Hauser als "Todfeind der Demokratie" und als "Handlanger Moskaus" (156) anschwarzen. Hauser - dessen Wohnadresse im Inserat bekannr gegeben wird - soll angeblich "ahnungslose demokratische Mitburger ubertolpelt, gelahmt und versklavt" (156) haben. Das Inserat Forden die Bevolkerung von T. nicht nur auf, Hauser aus dem Weg zu gehen, sondern sich seiner Anwesenheit ganz zu entledigen. Die Sauberungsaktion gegen den kommunistischen ,Eindringling' findet sukzessive statt. In einer nachtlichen Kundgebung wird schlieBlich das Haus der Familie Hauser mit Steinen beworfen und in Brand gesetzt. Ein groBeres Ungluck kann nur dadurch verhindert werden, dass die Nachbarn mit Feuerloschern zuruckkehren (die Feuerwehr sei rucht ausgeruckt, erklart man, weil die ganze Mannschaft bei der Kundgebung dabei war). David halt sich in den kommenden Tagen oft in T. auf, er will die Bewohner fur seinen Bericht "Modell eines Pogroms" interviewen, doch die "Gesichter der meisten Menschen, die David anspricht, werden zu Mauern. OberaU Schwelgen, undurchdringlich, Angst, es konnte einer Mitleid zeigen mit der Frau [von Hauser], mit den Kindern (218)." Das ganze Dorf scheint, vereint in seinem antikommunistischen Abwehrwillen im Einsatz zu sein. David lasst sich nicht unterkriegen und richtet in einer klein en Vorortgemeinde eine Druckerei ein, urn eine eigene Zeitschrift (Die Zukunjf) herauszugeben. Er schreibt eine Reportage uber den Thalwiler Pogrom und verschickt sie an Parlamen tarier, Zeirungsredaktionen, Presseagenturen, Buchhandlungen und Privatpersonen. Er laf3t in seinem Text keinen Zweifel offen, dass einflussreiche Schweizer Antikommunisten einst mit Nazi Deutschland sympatlusierten und teils gar koUaborierten. Es ist abzusehen, dass David fur seinen Mut und sein politisches Engagement einen groBen Preis bezahlen wud. DLe HinterlassenschaJt ist eine literarische Montage aus Briefen, Gesprachen, Polizeiakten, Zeitungsberichten, Wahlkampfinseraten und Ausschnitten aus dem offiziellen Schweizer Fluchtlingsbericht, 240 Focus on German Studies der in den 60er Jahren nur schwer erhaltlich war. Diggelrnanns literarisch-historiographischer Sprachgebrauch ist jedoch rUcht unproblematisch. Wie zulaf3ig ist es, bei einer antikollUllunistischen Ausschreitung von einem ,Pogrom' zu sprechen? Wie weit ,darf' ein Autor in seiner literarischen Aneignung der Geschichte gehen, insbesondere wenn historisch aufgeladenes Material miteinbezogen wird? Ubernimmt doch Diggelrnann antisemitische­ antikommurUstische Aussagen von lebenden Personen teils wortwortlich und legte sie seiner Figur Ulrich Frauenfelder in den Mund. Was sind die Moglichkeiten und Grenzen eines solch hybriden literarischen Verfahrens? Allen methodologischen Schwachen und Ungereimtheiten zum Trotz ist Die Hinterlassenschaft ein wichtiges Buch. Diggelrnanns Text ist Geschichtsaufklarung, denn bis heute ist der "Thalwiler Pogrom" nur unzureichend dokumentiert worden. Die historiographische Pionierarbeit ist nicht Diggelmanns einziger Verdiensr. Als einer unter wenigen Deutschschweizer Schriftstellern hat er es gewagt, mit dem Schein der nationalen Unversehrtheit zu brechen, indem er sein Heimarland konirreter als es manchen lieb war, zum Tatort und somit zum Unrechtsstaat machte. Dabei ging es ibm nicht darum, einfach nur " Recht haben" zu wollen. Bereits 1956 schrieb er in einem Brief an Franz Beidler, was Literatur fur ibn beinhaltet: "Ich \".ford On and Beyond Academic Journals, Globalization and Literary Canonization: A Conversation with Hans Adler Dr. Hans Adler is Professor of G erman at the University of Wisconsin, Madision . He was the editor of the Herder Jahrbuch from 1994-2000 and since 2001, has been the editor of the journal j\;Ionatshefte flir deutschsprachigeLiteratur. He has published and lectured widely on topics such as Herder, the . nlightenment, the function of art and literature, Vormarz and the novel. Professor Adler is also the editor of numerous anthologies and has taught a wide range of courses over the span of his career. FOCUS: You have been the editor of the Herder Jahrbuch and are currently the editor of the Monatshefte. What are the challenges of being an editor and what do you enjoy? Adler: The Herder Jahrbuch and the j\;Ionatshefte are twO different genres. The Herder Yearbook is run by the International Herder Society, a small society of about 100 members, so the funding comes from the subscriptions. It is difficult to run a perioJical publication with less than 500 copies, and so that was challenging from the point of view of fundraising and we switched publishers three times. So far it has worked. It was fun to be the editor of the Herder Yearbook. It focuses on Herder and the Enlightenment, so it is very specialized. Colleagues from all over the world who are interes ted in the field submit their work, and you get highly sophisticated research in a field that contributed a lot to revising the concept of Enlightenment. The Monatshefte are a different story. It is the oldes t German periodical in the U.S. It started in 1899; and I have that volume in my office, which always reminds me of my obligations. One of its traditions is not to adhere toO much to the tradition, i.e. to really respond with the periodical to new trends, interesting things, and changes in the discipline. It used to be a real 'Monatsheft,' appea ring every month for teachers in the early 20U\ century, and now we are