Microsoft Word - focus2006.doc FOCUS ON GERMAN STUDIES 189 WANDERZIRKUS DER DEUTSCHEN LITERATUR INTERVIEW MIT WILFRIED BARNER ZUR GRUPPE 47 ilfried Barner ist emeritierter Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Göttingen und ein Wissenschaftler von internationaler Bedeutung. Seine Arbeits- schwerpunkte sind Literatur des Humanismus von Petrarca bis Frischlin, Barock, Aufklärung (besonders Lessing), Goethezeit (besonders Goethe), Literatur nach 1945, deutsch-antike Literaturbeziehungen, Methodologie und Wissenschaftsgeschichte der Germanistik. Unter seinen zahllosen Publikationen ragen besonders seine Untersuchungen zur Barockrhetorik hervor. Er ist außerdem Mitherausgeber der legendären Lessing-Werkausgabe aus dem Deutschen Klassiker Verlag. Das folgende Interview entstand anläßlich eines Vortrags von Wilfried Barner über die Gruppe 47, den er an der Universität Cincinnati am 3. April 2006 gehalten hat. FOCUS: Die großen Namen, die die Gruppe 47 hervorgebracht hat, sind jetzt entweder schon tot oder sehr alt. Ist die Gruppe so etwas wie ein Weimar des literarischen Deutschlands nach 1945, ein Parnass der Nachkriegs-Klassiker? WILFRIED BARNER: Das kann man eigentlich nicht sagen. Weimar ist ja ein regionales Zentrum, interessanterweise eines in der Provinz. Weimar ist eine Provinzstadt, und aus der Provinz stammen auch die meisten seiner großen Autoren. Das Charakteristische für die Gruppe 47 ist, dass sie gerade in die Provinz geht in der von einzelnen verwendeten Selbstbezeichnung „Wanderzirkus“. Dieser „Wanderzirkus“ hat verschiedene Gründe, auch prak- tische Gründe. Ein entscheidender Punkt - bei vielen 47ern durchaus präsent gewesen - ist, dass die Gruppe 47 damit ein Stück deutscher Geschichte abbildet, dass im Gegensatz zu Frankreich mit der Zentrierung auf Paris oder England mit der Zentrierung auf London die deutsche Literatur in den früheren Jahrhunderten eben gerade nicht zentralisiert war. Die großen Klassiker kamen aus den Provinzen. Ob Sie Lessing nehmen aus Kamenz oder Schiller aus dem Kaff Marbach, Wieland aus Biberach usw. Goethe ist die Ausnahme. Für die deutsche kulturelle Situation in den frühneuzeitlichen Jahrhunderten ist W 190 INTERVIEW MIT WILFRIED BARNER ZUR GRUPPE 47 gerade die Provinzialität und das Fehlen eines Zentrums entscheidend. Und die Gruppe 47 bildete dies jetzt, notgedrungen zunächst nach 1945, gewissermaßen symbolisch ab und versuchte, gerade aus der Provinzialität eine Chance zu gewinnen. Das ist ein interessanter Gedanke, er hat aber natürlich dazu geführt, dass die Gruppe 47 zwar nicht Zentrum in einem statischen Sinne war, dass sie aber ein Orientierungs- zentrum für eine wachsende literarische Öffentlichkeit wurde. Man schaute auf die Gruppe 47, auf ihre Tagungen und auch auf Äußerungen ihrer Mitglieder. Insofern richtete sie schon Aufmerksamkeit auf sich und zentrierte ein bisschen, bewegte sich aber selbst ganz bewusst in der Peripherie, als „Wander- zirkus.“ FOCUS: Inwieweit war die Gruppe 47 eine Gruppe isolierter elitärer Literaten, und inwieweit hat sie Eingang in das öffentliche Leben und Anklang beim „kleinen Mann“ gefunden? WB: Elitär trifft es sicher nicht. Man muss aber die Phasen sehr deutlich unterscheiden. In der Frühzeit war es eine kleine überschaubare Gruppe von Freunden, und diese Freundschaftskonstruktion war durchaus nicht erfunden, sondern war ganz natürlich für die Leute in dieser schwierigen Zeit: Man hatte nichts zu essen, man hatte kein Papier, man konnte schlecht zusammenkommen - die Schwierigkeiten der frühen Jahre. Elitär war die Gruppe 47 sicher nicht. Es war eine kleine Gruppe von Autoren, die durchaus eine große Öffentlichkeit erreichen wollten. Etwa ein Autor wie Heinrich Böll, der eine zentrale Figur der Gruppe 47 war, hat dies ja seit den 50er Jahren auch sehr erfolgreich geschafft. Später war es auch Martin Walser, der den Preis der Gruppe 47 im Jahre 1955 gewann. Die Autoren haben vor allem in der mittleren Zeit die Öffentlichkeit gesucht und sie auch gefunden. In der Schlusszeit in den 60er Jahren wurde die Gruppe groß und öffnete sich auch den Medien, nicht nur dem Radio, sondern auch dem Fernsehen. Damit erreichten sie natürlich einerseits eine relativ große Öffentlichkeit über die Zeitungen, aber vor allem übers Fernsehen, andererseits ging der enge Zusammenhang, der die Fruchtbarkeit in den frühen Jahren ausmachte, verloren. Das muss man als dialektische oder eine in sich widersprüchliche Entwicklung sehen. Die Gruppe ist auch in ihren letzten Jahren FOCUS ON GERMAN STUDIES 191 nie eigentlich elitär gewesen, sondern hat gerade bewusst die Öffentlichkeit gesucht. Aber durch politische Stellungnahmen von einzelnen Gruppenmitgliedern hat sie einerseits Aufmerksamkeit erregt, auf der anderen Seite hat sie jedoch eine Minderheitenbewegung vertreten, ganz bewusst als Organ der sogenannten außerparlamentarischen Opposition. FOCUS: Wer, glauben Sie, war die literarisch wichtigste Persönlichkeit, die die Gruppe 47 hervorgebracht hat? Und warum? WB: Also auf eine einzige Figur kann man es kaum reduzieren. Der Chef Hans Werner Richter war von Anfang an natürlich die zentrale Figur. Auf ihn lief alles zu. Er hatte einen Kreis von Freunden, die ihn berieten, aber ohne ihn ging im Prinzip nichts. Doch Richter war nicht ein Schriftsteller der ersten Garde. Wenn Sie von der Qualität ausgehen, dann sind zweifellos Autoren wie Heinrich Böll, Martin Walser, Günter Grass zentrale Figuren. Und das sind diejenigen, die auch größere Resonanz gefunden haben. Günter Grass ist ein typischer 47er in verschiedener Hinsicht und ist heute der Bekannteste von allen, aber das wäre ein bisschen einseitig. Ich würde auch noch Ingeborg Bachmann hinzunehmen, die mehrere Jahre in der Gruppe eine wichtige Rolle gespielt hat und die eine ungewöhnlich intensive Wirkungsgeschichte bis heute hat, das merke ich bei unseren Studierenden. Bachmann ist eine heute sehr lebendige Autorin, und sie ist wesentlich in der Gruppe 47 gewachsen. FOCUS: Die Gruppe 47 war, wenn man sich die „Mitgliederliste“ anschaut, von Männern dominiert. Wie haben da Frauen wie Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann hineingepasst? Marcel Reich-Ranicki hat Ingeborg Bachmann ja als „First Lady“ der Gruppe bezeichnet. WB: Es ist charakteristisch, dass von früh an Frauen dabei waren. Sie haben zwei wichtige schon genannt. Inge und Walter Jens sind fast immer zusammen gekommen, und Inge Jens nicht nur als Ehefrau von Walter Jens, sondern als eigenständige Kritikerin, Schriftstellerin und Diskutantin. Aber es ist eine kleine Zahl, das muss man sagen. „First Lady“ ist ein bisschen missverständlich. Ingeborg Bachmann hatte ein außerordentliches Talent, Männer 192 INTERVIEW MIT WILFRIED BARNER ZUR GRUPPE 47 für sich zu interessieren. Die ließ vielleicht ihr Täschchen fallen, und dann stürzten sich die Männer darauf, um ihr zu helfen. Dann nestelte sie immer endlos in ihrem Täschchen herum, darüber berichten viele. Sie machte sich auch ein bisschen zu einer Primadonna. Das fiel umso mehr auf, als es eben sonst kaum Frauen in der Gruppe 47 gab. Es war ohne Frage eine von Männern dominierte Gruppe. Es kamen im Lauf der Jahre noch Frauen hinzu, aber sie waren nie vergleichsweise so dominant wie die schon genannten Autoren oder auch Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Fritz J. Raddatz, Walter Höllerer, Walter Jens und dergleichen. Gerade die berühmte Kritikerriege war ausschließlich männlich. Sie spielte ja eben auch publizis- tisch außerhalb der Gruppe eine große Rolle: Da ist vielleicht die Männerdominanz am deutlichsten. FOCUS: Sie haben Mitglieder der Gruppe 47 persönlich gekannt. Was war da Ihr intimstes Erlebnis? WB: Die Begeisterung und die Frische, mit der die Leute über Literatur sprachen. Dass sie sich ein Urteil erlaubten, dass sie darauf insistierten, dass es um Texte ging. Ich hab nun eine ganze Reihe näher gekannt. Etwa Walter Jens, mit dem ich bis heute befreundet bin. Wir haben mal in Tübingen ein gemeinsames Seminar über die Gruppe 47 gemacht. Aber auch Hans Mayer, einer der bedeutenden Kritiker in der Gruppe, sowie Martin Walser. An ihrer Art des Redens über Literatur fiel die Wertorientierung, das frische, individuelle Reden auf, das hat mich schon als Student sehr beeindruckt. In diese Richtung geht auch ein Hauptverdienst, das man der Gruppe 47 nicht absprechen kann. Sie hat mit dazu beigetragen, dass nach 1945 ganz neu nach den Jahren des Nationalsozialismus und der Selbstblockierung der Deutschen wieder über Literatur geredet werden konnte. Das ist ein wichtiges Verdienst, und mein persönlicher Eindruck ist dadurch vor allem geprägt. Es war nicht nur eindrucksvoll, wie viele unterschiedliche Typen, nicht nur Persönlichkeiten in der Gruppe versammelt waren, sondern auch wie viele unterschiedliche Schreibweisen es gab: Dokumentaristen, konkrete Poesie, Surrealisten, Realisten, Anhänger des epischen Theaters, dann der ganz neue Typ wie Günter Grass. Die Fülle der Stile und Schreibweisen, die da vertreten war, das fand ich eindrucksvoll. Und man hat sich FOCUS ON GERMAN STUDIES 193 gefragt: Wie konnten die so lange nebeneinander und miteinander diskutieren und sich verstehen und über Jahre dominieren? Da spielen eben zwei Dinge eine Rolle: das sogenannte Theorieverbot bzw. die Theorieabstinenz und die Ausklammerung von politischen Fragen - jedenfalls in den Diskussionen über die literarischen Texte. Diese beiden Dinge haben es ermöglicht, die Gruppe in ihrer Vielfalt so lange zusammenzuhalten. FOCUS: Hans Werner Richter war ja ein Autokrat. Ohne ihn ging nichts in der Gruppe. Inwiefern sehen Sie das als eine Weiterführung autoritärer Machtstrukturen, wie sie ja vor 1945 präsent waren, und inwieweit könnte das ein Konflikt für die Gruppe gewesen sein? WB: Dieses Autokratische hatte er. Das bezeugen immer wieder Äußerungen von Angehörigen der Gruppe. Man kann es auch nachlesen. Das war auch unabdingbar, um diesen - ich sage es jetzt mal etwas flapsig – wilden Haufen zusammenzuhalten. Und es ist richtig, Richter schnitt den Leuten auch schon mal das Wort ab, er achtete strikt auf die Einhaltung der Zeit, er bestimmte letztlich, wer eingeladen wurde bzw. er war der Einladende. Aber er hatte einen kleinen Kreis von besonders erfahrenen Beratern, Freunden, die viele Verbindungen hatten und die ihm auch junge Leute empfahlen. Dazu gehörten Walter Jens, Walter Höllerer, Helmut Heißenbüttel und andere. In diesem Bereich kann man von autokratisch nicht sprechen. Richter hat sich bewusst Rat geholt. Aber wenn die Gruppe zusammen war, war er der Boss, das war gar keine Frage. Das ging wohl auch nicht anders. Hätte er die Zügel sehr locker gelassen, dann wäre die Gruppe 47 vermutlich viel eher auseinander gegangen. FOCUS: Wo sind die literarischen Erben der Gruppe 47 heute in der jüngsten deutschen Literatur? Oder war die Gruppe 47 letztlich unfruchtbar in der Enkelgeneration? WB: Also, unfruchtbar kann man gar nicht sagen, denn wenn man heute die gestandenen Autoren von Rang und Namen nimmt, da kamen die meisten aus der Gruppe 47. Sie wurden natürlich nur partiell durch die Gruppe geprägt. Aber die Gruppe hatte 194 INTERVIEW MIT WILFRIED BARNER ZUR GRUPPE 47 durch ihre interne Art, über Literatur zu reden, zu diskutieren und zu streiten, ganz offensichtlich eine enorm befeuernde Funktion. Sie ermunterte junge Leute, Neues zu wagen, und erst recht, wenn diese damit in der Gruppe 47 Erfolg hatten. Die Gruppe hat einen sehr starken Einfluss gehabt auf die Art und Weise, wie seit Ende der vierziger Jahre, Beginn der fünfziger Jahre in Deutschland - in Westdeutschland muss man leider sagen – und auch in Österreich über Literatur geredet wurde. Die Herausbildung von literaturkritischen Diskursen ist doch sehr stark von der Gruppe geprägt worden. Das kann man bei Reich-Ranicki sehen, bei Joachim Kaiser und auch bei Fritz J. Raddatz. Die sind ganz unterschiedlich, aber würden auch nie bestreiten, dass in ihrem Werdegang als Literaturkritiker die Gruppe 47 vor allem in der Weise des mündlichen Redens über Literatur eine starke Wirkung ausgeübt hat. FOCUS: Gibt es noch eine Nachwirkung, die die Gruppe 47 auf die Neunziger hat, auf die Postmoderne oder Popliteratur? Oder gar auf das neue Jahrtausend? WB: Es gibt solche Wirkungen natürlich. Und sie sind häufig vermittelt über einzelne Kritiker. Ohne Frage ist Reich-Ranicki einer der wichtigsten. Aber es ist klar, dass unter den ganz jungen Autoren zum Teil auch eine Abwehrhaltung gegenüber der Gruppe 47 erkennbar wird. Da sind die großen alten Herren und wenigen Damen, die von ihrer eigenen Vergangenheit schwärmen. So kann man manchmal die Kritik und eine gewisse Abwehr hören. Das ist ja wohl Vergangenheit, und damit haben sie recht. Da gibt es sogar Aversionen gegen die Gruppe 47, weil man selber ausgeschlossen ist und es die Gruppe längst nicht mehr gibt. Versuche, sie wiederzubeleben, sind alle gescheitert. Was Günter Grass in Lübeck versucht hat [Gruppe Lübeck 05], ist nur missverständlich herausgekommen. Er hat bestimmte Elemente der Gruppe 47 aufgenommen wie die sogenannte Sofortkritik, dann das Freundschaftsprinzip und solche Dinge. Er würde selber aber nie behaupten und hat auch nicht behauptet, dass das eine Fortsetzung der Gruppe 47 sei. Das ist heute nicht mehr wiederbelebbar. Ich hab den Klagenfurter Ingeborg Bachmann Wettbewerb erwähnt, bei dem von vornherein das Fernsehen mit dabei war. Da gelten bestimmte Gesetze und Regeln der Gruppe 47 weiter, die Unpubliziertheit FOCUS ON GERMAN STUDIES 195 der Texte, die Sofortkritik und dergleichen. Das ist aber mehr eine Verlängerung eines bestimmten Aspekts. Man kann nicht sagen, dass die Gruppe 47 da wirklich noch lebendig sei. Die Anfänge des Klagenfurter Wettbewerbs sind jedoch ganz klar von 47ern bestimmt worden. FOCUS: Sie haben gerade Günter Grass’ Projekt Lübeck 05 angesprochen. Die Gruppe 47 hat sich ja als nicht primär politisch verstanden, hatte aber dann doch eine sehr starke gesellschaftlich-politische Wirkung. In Texten neuester Literatur geht es ja häufig eher um persönliche Befindlichkeiten als um politische Themen. Da geht es fast nie um gesellschaftliches Engagement. Glauben Sie, dass das etwas ist, was die Gruppe 47 nicht ins 21. Jahrhundert transportieren konnte? WB: Es gab in den Gruppensitzungen eine Art Politikverbot, aber ich habe nicht gesagt, dass die Gruppe 47 nicht politisch war. Es gab das Verbot, während der Sitzungen abstrakte politische Dinge zu diskutieren. In den Pausen haben sie sich aber kräftig politisch geäußert. Und das äußere Bild der Gruppe 47 war ganz klar politisch: links, linksliberal. Es hat auch zum Teil Kommunisten gegeben. Peter Weiss bezeichnete sich zeitweise als solcher, Martin Walser sympathisierte mit der DKP. Der Grünwalder Kreis in München, bei dem Hans-Werner Richter außerhalb der Gruppe 47 eine große Rolle gespielt hat, war eminent politisch ausgerichtet. Da muss man sehr unterscheiden zwischen dem inneren Prozedere der Gruppe und dem äußeren Bild und der äußeren Wirkung. Die äußere Wirkung ist durchaus intensiv politisch wahrgenommen worden, hat sich dann aber natürlich Mitte der sechziger Jahre durch die Zuspitzung der Fronten mehr und mehr aufgelöst. Die politischen Meinungs- verschiedenheiten gehörten jedenfalls mit zu dem Sprengstoff, der schließlich zum Ende der Gruppe 47 geführt hat. Und heute ist das bei jungen Autoren sehr unterschiedlich. Manche unserer jungen Autoren geben sich jedenfalls nach außen hin sehr unpolitisch und lächeln über das politische Engagement dieser alten Leute. Unsere intellektuelle Situation generell ist anders, und eine Gruppe 47 der alten Art ist schon aus diesem Grund heute gar nicht vorstellbar. Aber Sie haben ganz recht. Unter den jungen Autoren gibt es seit der sogenannten Tendenzwende 196 INTERVIEW MIT WILFRIED BARNER ZUR GRUPPE 47 um 1977 ein ganz starkes Zurücknehmen politischer Äußerungen und immer weniger radikale politische Positionen. FOCUS: Einer der faszinierendsten 47er ist sicherlich Wolfgang Koeppen. Haben Sie ihn einmal kennengelernt? Wie ist er in der Gruppe 47 zu verorten? Tod in Rom beispielsweise ist ja ein sehr düsteres Buch. Wie passt das zu der Idee des literarischen Neu- anfangs, den die Gruppe 47 propagiert hat? WB: Ich habe ihn durch Walter Jens kennengelernt. Koeppen ist in der Gruppe selber nach allen Zeugnissen, die wir haben, eigentlich sehr zurückhaltend gewesen. Er war keiner, der sich an der Diskussion ständig beteiligte. Koeppen aber hatte in der Gruppe insofern eine ganz interessante Position, ich will nicht sagen Sonderposition, als er einer derjenigen war, die sich Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre schon zu den großen amerikanischen Autoren öffneten, also John Dos Passos vor allem. Koeppens Buch Tauben im Gras (1951) war etwas völlig Neues. So hatte keiner der anderen 47er geschrieben: diese Mosaiktechnik, mit der das Münchner Großstadtleben nach dem Kriege im Zeichen eines drohenden neuen Weltkrieges dargestellt wurde. Da war er ein ungewöhnlich moderner Autor. Er hatte mit amerikanischen Vorbildern, sehr stark jedenfalls damals, etwas Neues versucht, das so in der Gruppe 47 noch nicht vorkam, und da ist er auch aufgefallen, aber er war nie eigentlicher Wortführer, wie das andere waren. FOCUS: Professor Barner, wir danken Ihnen für das Gespräch. Das Interview führte Wolfgang Lückel.