Microsoft Word - focus2006.doc FOCUS ON GERMAN STUDIES 207 LIEBHABER DER LITERATUR UND DER KUNST: EIN GESPRÄCH MIT ALEXANDER KOŠENINA lexander Košenina hat 2004 einen Lehrstuhl für Germanistik in Bristol, Großbritannien, übernommen. Er studierte zuerst in Heidelberg, dann in Berlin, wo er auch promovierte und sich habilitierte. Lehrstuhlvertretungen in Saarbrücken, Darmstadt und an der Humboldt Universität zu Berlin sowie Auslandsaufenthalte in Jerusalem, Peking, Wrocław und Madison gingen dem Ruf nach England voraus. Košenina hat Bücher zur medizinisch-philosophischen Anthropologie sowie zur Körpersprache im Theater des 18. Jahr- hunderts geschrieben. Aufklärung und Goethezeit bilden Schwerpunkte seiner Arbeit (u.a. zu Engel, Goethe, Heine, Kleist, Moritz, Nicolai, Jean Paul, Tieck, Wezel), er veröffentlichte aber auch zur literarischen Moderne (Beer-Hofmann, Elias und Veza Canetti, Hofmannsthal, Schleef) und schreibt regelmäßig u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung sowie Süddeutsche Zeitung. Im Frühjahr 2006 war er Max Kade Gast- professor in Cincinnati, wo auch das folgende Gespräch stattfand. FOCUS: Könnten Sie kurz die wichtigsten Meilensteine oder vielleicht Wendepunkte Ihres beruflichen Werdeganges hervorheben? ALEXANDER KOŠENINA: Mein Studium habe ich aus Interesse und Begeisterung für die Literatur und Kunst begonnen. Ich habe mir nie träumen lassen, dass ich im akademischen Bereich auch beruflich tätig werden könnte. Es waren einfach Zufälle, und man sollte auch nicht betrübt sein, denke ich, wenn man seine Ziele auf Umwegen erreicht. Ich habe mit Philosophie als Hauptfach angefangen, und Germanistik und Soziologie waren Nebenfächer. Eigentlich wollte ich stärker in die Philosophie gehen, die Literaturwissenschaft hat sich erst so ergeben, und ich habe das nie bereut. Noch bis vor wenigen Jahren habe ich ernstlich überlegt, die Universität zu verlassen und ganz in den Journalismus zu gehen, weil mir vieles an der Wissenschaft fremd ist. Der wichtigste Wendepunkt war vielleicht der Start der akademischen Karriere an der University of Illinois 1988/89. Das hat mich geprägt, und das danke ich dem amerikanischen System. Ich glaube, dass man sich in diesem Land sehr viel mehr um den Nachwuchs bemüht, ich fühlte mich sehr gut aufge- A 208 EIN GESPRÄCH MIT ALEXANDER KOŠENINA hoben und gefördert, hatte eine gute Stelle als Research Associate in Classics und habe da mit 25 Jahren, gleich nach dem Magisterabschluss, mit dem intensiven Forschen und Publizieren unter der Obhut eines erfahrenen, älteren Kollegen begonnen. Ich hatte einfach Glück und wurde verwöhnt, des- halb wollte ich zuerst in Amerika weitermachen. Das Angebot aus Berlin, dort Assistent von Hans-Jürgen Schings zu werden, zog mich dann zurück nach Deutschland, was alle Weichen für die Zukunft gestellt hat. Das erste Jahr in den USA bedeutete aber die professionelle Initiation, da habe ich ungeheuer viel ge- lernt, bin erstmals auf Konferenzen gegangen, habe Kontakte geknüpft und die ersten Papers gegeben, das war alles ganz, ganz wichtig. FOCUS: Sie waren mehrmals als Gastdozent in verschiedenen europäischen Ländern, in Nordamerika und sogar in Asien an der Peking-Universität tätig. Ich nehme an, dass Sie unterschiedliche Versionen von Auslandsgermanistik kennen gelernt haben. Wie haben diese Erfahrungen Ihre Forschungs- interessen und Unterrichtsmethoden beeinflusst? AK: In erster Linie waren das wichtige Lebenserfahrungen. Ich bin also nicht ins Ausland gegangen, um verschiedene Spielarten von Germanistik kennen zu lernen, sondern um mich persönlich zu bilden und einen Blick von außen auf das eigene Land zu gewinnen. Natürlich hat mich das auch wissenschaftlich und didaktisch weitergebracht: Denn gerade im Zeichen fortschrei- tender Globalisierung scheint es wichtig, andere Systeme mit ihren jeweiligen Strukturen und Ausrichtungen von innen zu verstehen, selbst wenn das für einen Gast nur eingeschränkt möglich ist. Die herausragende Erfahrung ist vielleicht die Unterschiedlichkeit der Studierenden. Meine besten Studenten waren in China, hoch begabt und unglaublich motiviert, unglaublich dankbar, unglaublich fleißig – ich habe so etwas nirgends wieder gefunden. Die traurig Wahrheit ist natürlich, dass die hohe Motivation auch mit dem Wunsch zusammen- hängt, das Land – wenigstens auf einige Zeit – zu verlassen. Die politische Lage eines Landes darf jedoch nicht die intellektuelle Ambition bestimmen, sondern umgekehrt würde man sich den positiven Einfluß des Geistes auf notwendige Reformen wün- schen. Dennoch scheint mir das ein faszinierender Befund zu FOCUS ON GERMAN STUDIES 209 sein: Wir müssen im Blick behalten, dass Länder wie China selbst für unser Fach aufstrebende Wissenschaftskulturen darstellen. Polen war da ähnlich eindrucksvoll – tolle Studenten! In Amerika sind die Unterschiede je nach Universität erheblich, aber ich unterrichte hier außerordentlich gerne, weil amerika- nische Studenten sehr offen sind, weil sie auf einen zugehen und mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten. Das ist ganz anders als in England. Dort herrscht ein eigener Stil, englische Studenten sind naturgemäß sehr zurückhaltend, viele finden es sogar unfein, eigene Ansichten zu äußern. Es gibt da auch keine Bewertungen für mündliche Leistungen. Das ist eine große und manchmal schwierige Herausforderung für den Unterricht. Universitäten funktionieren also international sehr unterschied- lich. Eigentlich liebe ich die sehr tolerante englische akademi- sche Kultur, eher aber aus ihrer Geschichte, die durch den Thatcherismus zunehmend zerstört wurde. Einst galt das Ideal des Gentleman Scholar, des Virtuoso, des möglichst vielseitig Interessierten, der – im Unterschied zum deutschen Spezialisten – darauf zielt, Wissen in eleganter, lässiger und witziger Form (im ursprünglichen Sinne von Esprit) zu verbreiten. Das kommt viel eher meinem eigenen Selbstverständnis als ein Liebhaber der Literatur und der Kunst entgegen. Begeisterung und Spannung für Themen und Fragestellungen sind mir weitaus wichtiger als das, was andere Leute für die Ernsthaftigkeit ‚rich- tiger‘ Wissenschaft ausgeben. Germanisten überschätzen sich da gerne, wir vertreten – zum Glück – keine ‚harte‘ Disziplin. FOCUS: In Ihrem Buch Der gelehrte Narr (2003, 22004) porträtieren Sie Gelehrte in Literatur und Kunst. Mit großem Interesse habe ich Ihre Analyse über Sebastian Brants Buchnarr gelesen, da dieses Bild seit der Gründung von Focus on German Studies auf dem Titelblatt der Zeitschrift erscheint. Die Holzschnitte und Texte in Brants Narrenschiff enthalten aber ein ganzes Panoptikum von Narren aus verschiedenen sozialen Schichten und Berufs- gruppen. Gibt es eine besondere Affinität zwischen Narren und Gelehrten, also mehr als in anderen professionellen Bereichen? AK: Dass ich dieses Buch geschrieben habe, ist natürlich eine Form der Selbstauseinandersetzung. Mich hat die Rolle, die wir als Geisteswissenschaftler in der Gelehrtenkultur spielen, sehr stark interessiert. Traditionell gehörten die Humaniora, aber auch die 210 EIN GESPRÄCH MIT ALEXANDER KOŠENINA Naturkunde, zu der unteren, vorbereitenden Sparte der Universität. Seit dem Mittelalter war das die Artistenfakultät, wo die artes liberales gelehrt wurden, also alles außer Theologie, Jurisprudenz und Medizin. Diese Artisten, die ich mit großer Sympathie gerne Gaukler schimpfe, schwärmen wie Bienen von Blume zu Blume und stillen überall ihre Neugierde, die nicht unbedingt an praktischen Nutzen gebunden sein muss. Darunter gibt es die seltsame Spezies der Besserwisser, Pedanten, Wichtigtuer und Scharlatane, die – so schien es jedenfalls bisher – in anderen europäischen Literaturen intensiver, aber auch kritischer und ironischer dargestellt wird als in der deutschen. Deswegen habe ich mich auf die Suche nach der Wahrnehmung von Gelehrten gemacht, mit der Frage, ob deutsche Autoren und Maler mit Blick auf uns Narren wirklich so spröde und humorlos sind, wie es das Vorurteil will. Dabei hat sich heraus- gestellt, dass diese (selbst)kritische Tradition hier sehr viel reich- er ist, als erwartet. Es gibt zwar keine campus novels und academic satires vom Range eines David Lodge, dafür aber viele bunte Beispiele gelehrter Narren, die sich überall tummeln, in Studier- stuben und Bibliotheken, auf Reisen und Konferenzen, in Bordellen und auf utopischen Inseln. Ich war an einem breiten Panorama interessiert, um zu verstehen, wie dieser Typus, von dem wir ja alle etwas haben, in der nicht-akademischen Öffentlichkeit wahrgenommen und in der Kunst gespiegelt wird. Nicht zuletzt wollte ich damit ein Stück ‚fröhliche Wissenschaft‘ liefern, einen Spiegel, um uns selbst öfter mal an der eigenen Nase zu packen und unser eigenes Tun – das eben schön, aber alles andere als weltbewegend ist – zu relativieren. Mich selbst reizt jedenfalls diese Doppelrolle des Narren. FOCUS: Oft benutzen Sie visuelle Quellen, Holzschnitte und Gemälde, in Ihrer Forschung. Zum Beispiel ein kurzer Beitrag, in dem Sie ein frühes Gedicht von Karl Philipp Moritz mit einem Stadtpanorama von Johann Friedrich Fechhelm vergleichen, bestätigt die bekannte Horazsche These „Ut pictura poesis.“ Oft gibt es aber thematische und ästhetische Widersprüche zwischen den zwei Medien, auch wenn sie aus der gleichen Zeit stammen. Können Sie etwas zu Ihrer Methodik in diesem Bereich sagen? Wie behandeln sie Bilder in Ihrer Forschung? FOCUS ON GERMAN STUDIES 211 AK: Mich interessieren grundsätzlich Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Künsten, zwischen Text, Bild, Theater und so weiter. Zwar denke ich durchaus theoretisch über Differenzen zwischen medialen Darstellungsmöglichkeiten nach, doch kommt auch hier wieder stärker das Interesse an der Anschau- lichkeit und den Phänomenen zum Zuge. Ich setze auf die illustrativ erläuternde Wirkung von Bildern, um so Probleme zu verdeutlichen. Ich glaube, eine Aufgabe des Literaturwissen- schaftlers ist es, zu verstehen, wovon Literatur handelt und wie das geschieht. Streng genommen hat das mit allen möglichen Gegenständen zu tun, also der ganzen Welt. Natürlich darf das nicht zum universalen Dilettantismus führen. Aber ich liebe diese Beschäftigung, weil man ständig Neues lernt und entdeckt, um dann darüber zu berichten. Ich wähle also Bilder, von denen ich glaube, dass sie Themen und Motive der Literatur aufgreifen oder aus einer anderen, unerwarteten Perspektive spiegeln. Meine Suche zielt auf Korrespondenzen, die zum Beispiel bestimmte Topoi verdeutlichen, also die Wiederkehr von Fragestellungen, Motiven und Ideen. Vorbild war mir immer die englische Tradition der ‚History of Ideas,’ die aus der Warburg Schule kommt. Viele Fragen der neuen Kulturwissenschaft sind hier bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts präsent, Inter- disziplinarität ist ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Wenn man etwa Panofsky über Dürers Melencolia I. liest, gehen einem die Augen auf und man versteht, dass die Deutung eines einzigen Bildes ungeheuer viel Wissen erfordert, von der antiken Astronomie über die Humoralpathologie bis zur Symbolsprache der Renaissance. Dass man auf so einem Bild viele Details erkennen kann, nehme ich als Herausforderung – und so würde ich auch meine eigene Arbeit definieren. Als Versuch, die Augen zu öffnen für Details, die vorher nicht zu sehen waren. Ich finde das ungeheuer befriedigend, wenn man einen Text, einen Kupferstich, ein Gemälde durch solche Hilfe besser versteht. FOCUS: Es kommt mir vor, als ob die Forschung über Berliner Stadtkultur um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in jüngster Zeit ein verstärktes Interesse erlebt. Wie erklären Sie dieses Phänomen? Was sind die aktuellen Tendenzen und welche Position nimmt Ihre Forschung – eine eng umrissene Momentaufnahme von Berlin als Zentrum der deutschen Aufklärung – in den laufenden Debatten ein? 212 EIN GESPRÄCH MIT ALEXANDER KOŠENINA AK: Berlin steht seit der politischen Wende von 1989 im allgemeinen Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Erfreulich ist, dass dieses Interesse sich jetzt auch historisch artikuliert, man versucht, die Vorgeschichte dieser wichtigen europäischen Kulturmetropole zu rekonstruieren. Das war nicht immer so. Berlin war lange Zeit, besonders in der Aufklärungsforschung, unterschätzt. Die Aufmerksamkeit für die Zeit um 1800 und vor allem für die Romantik hat in letzter Zeit stark zugenommen. Was die vorangehende Blütezeit von Berlin, also die Zeit seit Gründung der Akademie 1700 und des Aufstiegs Preußens seit Beginn des 18. Jahrhunderts angeht, scheint mir noch großer Forschungs- bedarf zu bestehen. Ich habe deshalb zusammen mit der Philosophin Ursula Goldenbaum (inzwischen an der Emory University, Atlanta) versucht, ein Publikationsforum dafür zu schaffen: Es heißt Berliner Aufklärung. Kulturwissenschaftliche Studien (1999ff.) und erscheint jetzt in einem dritten Band. Diese Bewegung wurde lange Zeit etwas übergangen, was damit zusammenhängt, dass die Berliner im 18. Jahrhundert besonders forciert – um nicht zu sagen rechthaberisch – Aufklärung betrie- ben und damit in Misskredit gerieten. Vor allem bei den Klassi- kern und Romantikern, später dann auch in der Geschichts- schreibung. Man hat versucht, die Vorläufer des deutschen Idealismus abzuwerten und die literarisch so einflußreiche Popularphilosophie zwischen Leibniz/Wolff und Kant zu diskreditieren. Dieser Tendenz versuchen wir entgegenzuwirken. Unser Bestreben geht dahin, möglichst viele Disziplinen an dem Projekt zu beteiligen. Berlin war in dieser Epoche zwar literarisch nicht herausragend, doch uns reizt die Idee einer vielfältigen Stadtkultur, die von allen möglichen Künsten, aber auch von Alltagsgeschichte und vielen praktischen Aspekten der Naturwissenschaften, von institutionellen Innovationen oder der Buch- und Zeitschriftenkultur, dem Theater, den Salons usw. befruchtet wird. Das Buch von Theodore Ziolkowski hat mich zwar außerordentlich fasziniert, aber ich würde diese Chrono- topographie des Jahres 1810 gerne durch ihre Vorgeschichte stärken. Ich habe mich gefreut, dass unsere Initiative mit der Berliner Aufklärung inzwischen Früchte getragen hat und dass die Berliner Akademie mit ihrer ganzen Macht das Projekt der Berliner Klassik gegründet hat. Tagung um Tagung wurde da organisiert, und so erschienen viele Sammelbände. Es besteht FOCUS ON GERMAN STUDIES 213 eine freundschaftliche Kooperation zwischen der – von keiner Institution unterstützten – Berliner Aufklärung, die sich mehr um die Zeit bis 1786 kümmert, und der Berliner Klassik, die sich auf die Epoche ab 1786 konzentriert. FOCUS: Neben zahlreiche Studien zur Literatur- und Kulturgeschichte, die am ehesten von einem begrenzten Publikum in Germanistik/German Studies gelesen werden, sind Sie auch der Autor einer beachtlichen Zahl von Buch- und Ausstellungs- rezensionen, Feuilletons und Konferenzberichten in ver- schiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Wie kam es zu Ihrem Interesse, auch in diesen, von Germanisten oft nicht als Publika- tionsorgane angesehenen, Medien zu veröffentlichen? AK: Ich würde mit dieser Frage gerne auf meine eingangs erwähnte Skepsis gegenüber unserem Fach oder der Wissenschaft überhaupt zurückkommen. Mein Eindruck ist, dass eine Geisteswissenschaft heute nicht existieren kann, wenn es nicht gelingt, ein größeres Publikum – ohne falsche Anbiederung – zu erreichen. Zurück in den Elfenbeinturm ist für mich persönlich die falsche Option. Das Publikum, das man mit den meisten wissenschaftlichen Publikationen anspricht, ist verschwindend klein. Als Doktorand gibt man sich gern der (lebenswichtigen) Illusion hin, dass das, was man betreibt, ungeheuer wichtig ist und im Zentrum des Geschehens steht. Nichts steht im Zentrum, weil so etwas überhaupt nicht mehr existiert. Das Fach tendiert explosionsartig zu den Peripherien, ein Zentrum kann ich nicht mehr ausmachen. Deswegen lerne ich vom umgekehrten Weg der Medien. Das bedeutet, die Ideen und Ergebnisse, die wir in unserer Wissenschaft erlangen, in eine Form zu bringen, die auch für Kulturliebhaber und Interessenten aus anderen Fächern attraktiv ist. Es gibt einfach nur ganz wenige Leser, die sich bei einem Buch erst durch hundert Seiten methodische und theoretische Vorbemerkungen quälen wollen, bevor es zur Sache geht. Langatmigkeit und erst recht Langweiligkeit sind in Zeitungen und Zeitschriften, natürlich auch im Radio und Fernsehen, verboten. Wer nicht nach wenigen Sätzen oder Sendeminuten fesselt, ist sein Publikum los. Gelingt es aber, Interesse zu wecken, belohnt einen weitaus mehr Feedback als in der Wissenschaft. Genau das macht mir Spaß, trägt aber auch zur Skepsis bei, was die 214 EIN GESPRÄCH MIT ALEXANDER KOŠENINA Zukunft der Geisteswissenschaften angeht, ganz unabhängig von bedrohlichen universitäts- und bildungspolitischen Ent- wicklungen. FOCUS: Sehen Sie Möglichkeiten, Journalismus, Universität und Wissen- schaft besser miteinander zu verbinden? AK: In Berlin habe ich mit fortgeschrittenen Studenten, eigentlich angehenden Kritikern, über Jahre hinweg Kolloquien zu literarischen Neuerscheinungen abgehalten. Da ging es darum, jede Woche ein Buch zu lesen und zu kritisieren. Das war meine allerliebste Veranstaltungsform, keine Seminare im herkömm- lichen Sinne, sondern eher ‚Literarisches Quartett‘ zu zwölft. Ich habe dadurch die große Hoffnung gewonnen, dass Literatur- wissenschaft sich stärker praktisch orientieren könnte. In Berlin ist es inzwischen gelungen, einen neuen Aufbaustudiengang „Angewandte Literaturwissenschaft“ einzurichten. Ein Projekt, das sich zwischen Wissenschaft und Journalismus etablieren möchte. Man versucht in diesem Studiengang, Vertreter aus allen Medien einzuladen, damit sie als Insider mit den Studierenden arbeiten und sie auf die Wirklichkeit jenseits des Elfenbeinturms vorbereiten. Natürlich bahnt das auch den Weg zu den begehrten Praktikumsplätze in den Medien und erleichtert den Übergang ins berufliche Leben. Statt großer Theorien kann man hier etwas von dem schwierigen Handwerk des guten Schreibens, der zielgerichteten Recherche und der wirksamen Präsentation lernen. Das würde letztlich auch unserer Disziplin selbst weiterhelfen, wenn Fachpublikationen klarer, pointierter und verständlicher geschrieben wären – ohne wichtigtuerischen wissenschaftlichen Jargon. FOCUS: Sie zeigen eine Vorliebe, über neue Ausgaben von literarischen Texten (zum Beispiel zu Gutzkow und Büchner), also über Innovationsversuche innerhalb der Editionsphilologie zu schrei- ben. Würden Sie uns etwas über diese Tätigkeiten berichten? AK: Eine Hauptaufgabe der Philologie ist es, das literarische Erbe zu bewahren. Deswegen widme ich selbst einen Teil meiner Arbeitskraft dem Edieren. Ich versuche, Texte, die nicht mehr gelesen werden, aber interessant erscheinen, mit Kommentaren und Nachworten zugänglich zu machen. Diese alte Tugend ist FOCUS ON GERMAN STUDIES 215 leider etwas aus der Mode gekommen. Deshalb habe ich mich gefreut, dass der Stanforder Romanist Hans Ulrich Gumbrecht in seinem Buch The Powers of Philology (2002) jetzt so intelligent über fünf dieser Tugenden der Philologie reflektiert – über das Sammeln, Edieren, Kommentieren, Historisieren und Lehren als fundamentale Kulturtechniken. Es wäre töricht, diese Hand- werkskünste und Fertigkeiten als geistlosen Positivismus abzu- tun, denn sie erfordern außer vielen Kenntnissen auch detek- tivisches Gespür und Inspiration. Früher galt das als wichtiges Zentrum unseres Faches – einst einer bescheidenen, dienenden und auch nützlichen Disziplin, bevor sie sich modisch heraus- putzte, billig parfümierte und ungeheuer wichtig tat, um am Ende öffentlich weit weniger wahrgenommen zu werden als zuvor. Ich habe also großen Respekt vor Kollegen, die gute Ausgaben machen, und deshalb rezensiere ich solche Unter- nehmen auch gerne aus Sympathie und Hochachtung. Weil Sie Gutzkow in Ihrer Frage erwähnen: Mich interessieren innovative Versuche der Edition. Gutzkow ist ein Gigant an Umfang, bei dem die Frage sinnvoll zu stellen ist, ob man das wirklich alles neu drucken soll, ob hier nicht neue elektronische Formen angemessener wären. Man kann da sehr viel schneller suchen und Zusammenhänge herstellen, die sonst unsichtbar blieben. Außerdem ist der Kommentar ein demokratisches Gemeinschaftsunternehmen, an dem sich auch Leser beteiligen sollen, also so eine Art Editionswikipedia. Der Berliner Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai, der allein in Berlin 20 000 Briefe an ihn adressierte Briefe hinterlassen hat, wäre ein anderes Beispiel für die Vorteile elektronischen Edierens. Sein Briefwechsel ist ein riesiges kommunikatives Netzwerk, ein Fall für die Medientheorie. Nur eine große Datenbank kann verdeut- lichen, wie es diesem Mann gelungen ist, ganz Europa ins Gespräch zu ziehen und dabei fast kein Thema und keinen Namen der Zeit auszulassen. Das wäre schon wegen der Realien eine unglaubliche Fundgrube. Kurzum, Editionswissenschaft ist heute – wie etwa der Fall Büchner zeigt – ein höchst anspruchs- volles Geschäft, und mit der Naivität des positivistischen 19. Jahrhunderts hat das fast nichts mehr zu tun. Über solche Pro- jekte berichten dann auch die Zeitungen, eher als über spezielle Fachpublikationen, weil es um unser nationales Kulturerbe geht. 216 EIN GESPRÄCH MIT ALEXANDER KOŠENINA FOCUS: Was sind Ihre nächsten Pläne? AK: Außer am Abschluss eines Buches über Karl Philipp Moritz, das im Herbst erscheint, arbeite ich im Augenblick vor allem über frühe Kriminalliteratur. Mir scheint dieses Genre stark unterbelichtet zu sein. Man meint, dass Kriminalliteratur im frühen 19. Jahrhundert entsteht. Ich gehe bis ins 17. Jahrhundert zurück, wo es wunderbar illustrierte Flugblätter, Chroniken und Balladen gibt, Wandergeschichten, die europaweit ausgetauscht und adaptiert wurden. Mich beschäftigen die sehr simplen Fragen, was einen Text eigentlich zu einem Stück Literatur macht, ob es also eine Trennlinie am Übergang von der Dokumentation zur Fiktion, von der Historia zur Fabula gibt, und wie diese frühen Fallgeschichten schließlich immer psychologischer werden. Das ist eines der Projekte, die ich im Augenblick verfolge. Insgesamt versuche ich aber nicht zu viele Pläne im voraus zu machen, sondern mich eher dem Zufall und der Lust zu überlassen. Aus allerlei Angeboten und Anfragen wähle ich aus, was Spaß machen könnte. Ich freue mich also immer über Anregungen und Konferenzanfragen, um mich so auf etwas Neues einzulassen. Wie Sie wissen, ist die Qualifikationsphase in Deutschland extrem lang, man schreitet von der Magisterarbeit über die Dissertation zur Habilitation und erfüllt so Pflicht um Pflicht. Wenn das alles einmal geschafft ist und man endlich eine Stelle gefunden hat, dann beginnt die Zeit der Freiheit. Jetzt genieße ich, dass ich tun kann, was ich will. Offenheit für neue Themen ist also ein riesiges Privileg. Es gibt ja noch so viel zu entdecken! FOCUS: Vielen Dank für das Interview. Das Interview führte Laura Traser-Vas