Microsoft Word - focus14.doc FOCUS ON GERMAN STUDIES 14 237 „MAN LERNT IMMER MEHR UND ANDERES, ALS MAN ERWARTET“ – EIN GESPRÄCH MIT GESA DANE esa Dane ist Max Kade Distinguished Visiting Professor im Department of German Studies an der University of Cincinnati. Im Frühlings-Quartal 2007 hält sie dort zwei Seminare, eines zum Thema „Ehrkonflikte in der Literatur (17.-20. Jahrhundert)“, das andere zu Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Gesa Dane ist außerdem Privatdozentin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft am Seminar für deutsche Philologie der Georg- August-Universität in Göttingen. Dort hat sie u. a. auch am Studienzentrum der University of California gearbeitet. Im Sommer- semester 2006 und im Wintersemester 2006/07 war sie Gastprofessorin an der Freien Universität in Berlin. FOCUS Wie oft sind Sie schon in den Vereinigten Staaten gewesen und zu welchem Anlass? GESA DANE Schon häufiger hatte ich Gelegenheit, in den USA zu sein. Es waren zunächst ausschließlich professionelle Gründe, also Einladungen zu Tagungen oder zu Vorträgen. Solche Aufenthalte erstrecken sich über einige Tage, im Höchstfalle über eine Woche. Es haben sich dann aber auch Gelegenheiten zu Privatbesuchen ergeben. Die Gastprofessur hier in Cincinnati ist mein erster längerer Aufenthalt in den USA. FOCUS Was ist Ihr allgemeiner Eindruck von den USA? GD Aus meinen bisherigen Besuchen kenne ich einige Städte, etwa Boston, Los Angeles, Irvine, Pittsburgh, Washington – und jetzt lerne ich Cincinnati kennen. Einen allgemeinen Eindruck zu formulieren, fällt schwer. Kalifornien etwa ist so anders als Ohio. Auch haben einige Straßenzüge in Boston mich mehr an Hamburg erinnert als an eine Stadt im Norden der USA. So ist mein allgemeiner Eindruck vielleicht der, dass die USA in jeder Hinsicht ein so vielfältiges Land sind. Die Unterschiede inner- halb dieses Landes sind wesentlich stärker ausgeprägt als etwa die zwischen Nord- und Süddeutschland. G 238 EIN GESPRÄCH MIT GESA DANE FOCUS Wie würden Sie Cincinnati mit Göttingen oder Berlin vergleichen? Wie schwer ist es, sich hier einzuleben? Was hat Sie am meisten angesprochen, was eher weniger? GD Göttingen ist eine kleine Stadt, in der die Universität und auch die Studierenden das Stadtbild dominieren. Und mehr als das, denn zahlreiche öffentliche Veranstaltungen der Universität richten sich auch an die Göttinger Bürger und werden auch von denen besucht. Wie hier das Stadt- und das Universitätsleben miteinander verbunden sind, konnte ich bisher nicht genau in Erfahrung bringen. Cincinnati hat ein so großes kulturelles Angebot und ist in dieser Hinsicht eher mit Berlin vergleichbar. In beiden Städten sind die Universitäten, auch Berlin hat drei Universitäten, in völlig andere sozio-kulturelle Kontexte einge- bunden. Ich lebe hier auf dem Campus, eine ganz neue Erfahrung für mich, und es war gar nicht schwer, sich hier einzuleben. Das hängt auch damit zusammen, dass ich sehr freundlich hier in der Abteilung aufgenommen wurde. Die Stadt habe ich allmählich erkundet und kenne eigentlich zu wenig von ihr. Am stärksten haben mich die Museen beeindruckt – und der wunderbare Fluss. Auf dem Campus selbst gefallen mir be- sonders die vielen Bibliotheken, die so großzügige Öffnungs- zeiten haben. FOCUS Sie waren hier, als der Amoklauf an der Virginia Tech University geschah. Könnte so etwas auch in Europa geschehen? Wie würde man darauf reagieren, vor allem in den Medien? GD Die einzelnen Staaten in Europa haben ihre je eigene Waffengesetzgebung, ich weiß nur ein wenig über die in Deutschland. Dieses Unglück hat mich sehr nachdenklich gemacht. Zwar wusste ich, dass es leichter in den USA ist, Waffen legal zu kaufen als etwa in Deutschland. Welche Ge- fahren damit verbunden sein können, wurde mir durch dieses Unglück deutlich. Als vor wenigen Jahren in Erfurt ein Schüler in seiner ehemaligen Schule ein Blutbad anrichtete, wurde in den Medien zwar auch darüber diskutiert, wie er an die Waffe gekommen sein könnte – aber das war illegal gewesen. Der Akzent in der öffentlichen Diskussion richtete sich dann auch auf die Gewalt in Computerspielen und Videos, die als eine mögliche Gewaltursache, auch als Faktor in einem Prozess der FOCUS ON GERMAN STUDIES 14 239 Verrohung, ausgemacht wurden. Die medialen Reaktionen waren durchaus vergleichbar, mit der Ausnahme, dass es in Deutschland keine Diskussion über die Waffengesetze gegeben hat, so weit ich mich erinnere. Zu Ihrer Frage, ob das auch in Europa geschehen kann, bin ich keine Expertin, aber ich meine, Vergleichbares kann leider überall geschehen, auch ohne leicht zugängliche Waffen. FOCUS Wie würden Sie das Fach Germanistik in Deutschland und den USA vergleichen? Was sind die Vor- und Nachteile in den beiden Ländern? GD In der Lehre sind die Unterschiede mit den Händen zu greifen. In Deutschland ist Germanistik ein Fach mit sehr vielen Studierenden. Die Lehrveranstaltungen, Seminare etwa, mit vierzig Studierenden würde man dort nicht unbedingt als „voll“ bezeichnen. In Vorlesungen können sich bis zu hundert Studierende einfinden. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Lehre viel anonymer ist als hier. Das bezieht sich einmal auf das Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden, aber auch die Studierenden kennen einander nicht immer. Das wirkt sich auch auf das Diskussionsverhalten aus, häufig gibt es in den so sehr besuchten Seminaren nur einige, die das Wort ergreifen mögen. Hier habe ich zumindest den Eindruck, die Studierenden direkter zu erreichen. Es scheint mir dadurch leichter nach- vollziehbar zu sein, wie der Lern- und Diskussions-fortschritt ist, auch bei denjenigen, die sich seltener zu Wort melden. Zudem: An einer Universität in den USA ist die Germanistik ein kleineres Fach, eines, das man in Deutschland „Orchideenfach“ nennt. In Deutschland ist es ein Massenfach. Doch muss man, vergleicht man das Fach in beiden Ländern, auch beachten, wie unterschiedlich beide Universitätssysteme insgesamt sind. FOCUS Wie sind Sie eigentlich zum Fach Germanistik gekommen? Was sind Ihre Hauptinteressen? Und woran arbeiten Sie im Moment? GD Für das Fach Germanistik habe ich mich entschieden, weil ich gerne lese und an der Schule einen anregenden Deutsch- unterricht hatte. Ein Laufbahn als Wissenschaftlerin zu beginnen, hatte ich da nicht im Sinne. Das entwickelte sich im Laufe der Zeit, eigentlich erst nach der Promotion. Dazu wurde 240 EIN GESPRÄCH MIT GESA DANE ich nicht zuletzt auch angeregt und gefördert von Ruth Klüger, die ich kennen lernte, während ich im Studienzentrum der Universität Kalifornien in Göttingen gearbeitet habe. Meine Arbeiten bewegen sich im Bereich der Literatur vom 17. - 20. Jahrhundert, insonderheit Lessing- und Goethe-Philologie. Es sind insbesondere die Themenbereiche „Literatur und Recht“ und „Frauen im literarischen Prozess“ sowie auch die Wissen- schaftsgeschichte der Germanistik, mit denen ich mich befasse. So habe ich mich in der letzten Zeit dem Problem der „Unzurechnungsfähigkeit“ zugewendet, arbeite mit Prof. Dr. Gail K. Hart (UC Irvine) über Fragen der Blasphemie in der Literatur. Ein anderes Projekt hat den Arbeitstitel „Literarisches Leben in der europäischen Provinz: Fünf Göttinger Femmes de Lettres“; hier geht es mir darum, eine Vorgeschichte der romantischen Geselligkeit zu erforschen. FOCUS Gibt es eine Verbindung zwischen Ihrer Themenwahl und Ihrem Standort Göttingen? GD Ihre Frage zielt vielleicht auch darauf, wie wir Literatur- und Kulturwissenschaftler zu unseren Themen kommen. Nun, das Material ist in Göttingen zu finden. Insofern ist Ihre Frage mit „ja“ zu beantworten. Doch wäre ich nicht auf die Idee gekom- men, nach diesem Material zu suchen, wenn nicht noch offene Forschungsfelder auszumachen wären, Fragen, die mit vorhandenem Wissen noch nicht zu beantworten sind. Hier ist es das Problem nach dem Rand der Universität der Aufklärung, nach den inoffiziellen Möglichkeiten für Bildung. FOCUS In Ihrem Buch Zeter und Mordio! Vergewaltigung in Literatur und Recht (Wallstein, 2005) beschäftigen Sie sich mit sexuellen Gewaltverbrechen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Wie kann man sich einem komplexen Thema, das oft als Tabu unaus- sprechbar und unbeschreibbar in der Literatur blieb, methodologisch am besten annähern? Wie verändert sich die literarische Repräsentation der Vergewaltigung vom 17. Jahr- hundert bis zur heutigen Zeit? Kann man eine Tendenz in der Darstellung der sexuellen Gewalt feststellen? GD Als Literaturwissenschaftlerin habe ich mich zunächst gefragt, wie in der Rechtsgeschichte dieses Verbrechen gedeutet wurde. FOCUS ON GERMAN STUDIES 14 241 Das war der Ausgangspunkt. Und da konnte ich feststellen, was sich im Laufe der Jahrhunderte verändert hat: Die Vergewaltigung galt als Ehrenraub, dann als fleischliches Verbrechen, später als eines gegen die Sittlichkeit und schließlich als Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Erst der Fokus auf die Rechtsnormen in ihrem historischen Wandel öffnet den Blick für die Dynamik der Rechtsverhältnisse und die Intertextualität der Rechtsnormen über einen längeren Zeitraum hinweg. Dies muss man im Blick haben, und nicht ausschließlich die Fragen nach dem Strafmaß, das das Recht vorsieht – und das sich auch verändert hat. Allerdings gibt die Rechtsgeschichte lediglich einen Deutungsrahmen vor. Während das Recht den Tatbestand selbst definiert, nimmt die Literatur eher die Tatfolgen und damit die Frau in den Blick. Die Literatur steht in anderen intertextuellen Bezügen als das Recht und schöpft aus einem überlieferten Bestand an Formen, Motiven und Darstellungsmitteln. Im Verlaufe meiner Forschung hat sich ergeben, dass mit Blick auf die Literatur vor allem die beiden literarischen Vergewaltigungsfälle der römischen Lucretia und der Clarissa aus Richardsons gleichnamigen Briefroman die großen Para- digmata sind, auf die literarisch immer wieder Bezug genommen wird: Bei der Lucretia geschieht dies im Hinblick auf die Politisierung der Tatfolgen einer Vergewaltigung, die zum Umsturz der politischen Ordnung führen. Die von Augustin eingeleitete Diskussion über Lucretia betonte darüber hinaus zwei weitere Aspekte, die für die literarischen Vergewaltigungen wirkungsmächtig werden sollten: zum einen die Frage nach der Bewertung des Selbstmordes nach einer Vergewaltigung, zum anderen die Frage, ob die Frau nicht durch geheimes Einver- ständnis an dem Geschehenen schuldig geworden sei. Für Augustin war vorstellbar, dass Lucretia verführt und nicht vergewaltigt wurde. Damit war die Frage nach der Keuschheit der vergewaltigten Frau aufgeworfen. Augustin hat wesentliche Argumente geprägt, die bis ins 20. Jahrhundert hinein virulent geblieben sind, vor allem im Widerspruch, den sie erregt haben. Richardsons Clarissa ist insofern eine moderne Gegenfigur zu Lucretia, als die Vergewaltigung hier von aller politischen Instrumentalisierung gelöst wird und stattdessen die individuellen Tatfolgen in den Leiden der Vergewaltigten in den 242 EIN GESPRÄCH MIT GESA DANE Vordergrund treten. Dies ist auch deshalb möglich, weil Clarissa die Tat zunächst überlebt, während Lucretia sich selber umbringt. Clarissa ist vom Täter (Lovelace) in Ohnmacht versetzt worden, mit der Absicht, sie zu vergewaltigen. Sie hat dadurch ihre Ehre verloren, auch wenn sie dem Geschlechtsverkehr nicht zugestimmt hat. Ihre Leiden am Ehrverlust werden polyperspektivisch von Angehörigen, Freunden und besonders ihr selber in ausführlichen brieflichen Darlegungen kommentiert. Am Ende ihrer Leiden, die bis in psychosomatische Bereiche gehen, steht ihr Tod. Richardsons Clarissa ist für viele literarische Vergewaltigungsfälle nach 1750 zum Modell geworden. Für die Autoren nach 1770 stehen die Probleme des Weiterlebens der vergewaltigten Frauen mit der Geburt des Kindes und der sozialen Stigmatisierung im Vordergrund. Zugleich rückt die Bestrafung der Täter in den Hintergrund, weil diese sich durch ihre Taten moralisch ohnedies diskreditiert haben. Nur wenn man die Tendenzen der Umarbeitung der überlieferten Formen und Motive erkennt, werden die indirekten Darstellungsverfahren der Literatur zugänglich. Und da bin ich dann bei dem nächsten Problem, das Sie mit Ihrer Frage angeschnitten haben. Da sexuelle Vorgänge in der nicht-pornographischen Literatur bis fast in die Gegenwart hinein höchstens andeutungsweise erzählt oder dargestellt wurden, musste der Unterschied zwischen Ver- führung und Vergewaltigung in der Regel durch eine umsichtige Spurensuche rekonstruiert werden. Um die indirekten Darstellungsmittel entschlüsseln zu können, musste ich auch auf die Ergebnisse anderer geschichts- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen wie auch der Kunst- und der Religionsgeschichte zurückgreifen, also einen interdisziplinären Ansatz wählen, der die ganz unterschiedlichen Hinweise und Indizien zu lesen erlaubt. Die Literatur thematisiert die Leiden vergewaltigter Frauen, gleichgültig, ob diesen das Attribut der Ehre oder später der gute Ruf zuerkannt wurde oder nicht. Sie gewährt damit einen Einblick in die Subjektivität menschlicher Leidens- erfahrungen und deren historisch sich wandelnder Deutungs- horizonte und Ausdrucksformen - eine Perspektive, die aus den Rechtsnormen allein ebenso wie aus der Rechtsprechung nicht hervortritt. Eine solche These macht deutlich, welche methodischen Schwierigkeiten sich bei einer Einbeziehung der Rechtsgeschichte in die Literaturwissenschaft ergeben. Der FOCUS ON GERMAN STUDIES 14 243 Hauptzweck von Literatur ist ja nicht die Illustration von rechtlichen Bestimmungen einer gegebenen Zeit. Ebenso wenig ist sie nur Kritik oder Zurückweisung von Recht und Gesetz. Das Verhältnis ist viel komplexer und setzt deshalb einen umfassenderen theoretisch-methodologischen Zugriff voraus. Ich habe mich an den Einsichten vor allem der Historischen Anthropologie orientiert, die über die Ebene des Diskurses hinaus immer auch dessen Träger, also die Menschen, ihre Vorstellungswelten und Institutionen mit in Betracht zieht. Das Recht ist eine wesentliche Dimension dieser Lebenswelten, doch setzt es seinerseits eine Fülle von spezifisch nicht-rechtlichen Traditionen und Einstellungen voraus, die in konstitutiver Weise in es eingehen. Zum Spezifikum der Literatur und des Theaters in den letzten zwei Jahrzehnten gehört es, dass die Lizenzen für die Dar- stellung immer weiter gefasst werden, und dass das, was früher nur in indirekter Weise zum Ausdruck kam, nämlich der eigentliche Akt des erzwungenen Beischlafs, nun unumwunden erzählt oder szenisch-theatralisch dargestellt werden kann. Im Interesse, Tabus zu brechen, gibt es im modernen Regie-Theater sogar die Tendenz, gewalttätige sexuelle Handlungen bis hin zur Vergewaltigung auf der Bühne zu zeigen. Wo aber Beziehungen zwischen den Geschlechtern in solcher Weise ins Zeichen der Vergewaltigung gerückt werden, wird die Unterscheidung zwischen strafbaren und nichtstrafbaren Handlungen am Ende aufgehoben. Es besteht damit vielleicht sogar die Gefahr, dass die Vergewaltigung selbst banalisiert wird, eine Tendenz, die in Jelineks Roman Lust zu finden ist, ebenso wie in Sarah Kanes Phaedra’s Love. FOCUS An der University of Cincinnati haben Sie einen Werkstatt- bericht über die schon erwähnten fünf Göttinger Femmes de Lettres gehalten, in dem Sie die ungewöhnlichen Lebensläufe und literarischen Werke von fünf Professorentöchter aus dem 18. Jahrhundert präsentiert haben. Kann man anhand dieser fünf Beispiele über ein allgemeines kulturgeschichtliches Phänomen reden? Was ist Ihre Forschungsthese? Gibt es unterschiedliche Familienhintergründe für gebildete Frauen und gebildete Männer? 244 EIN GESPRÄCH MIT GESA DANE GD In der geplanten Monographie geht es um: Philippine Gatterer (1756-1831), Caroline Michaelis (1763-1809), Therese Heyne (1764-1829), Magareta Wedekind (1765-1856) und Dorothea Schlözer (1770-1825). Ihnen ist gemeinsam, dass sie in Professorenhaushalten aufwuchsen und später – in unter- schiedlicher Weise – am literarischen Leben teilnahmen. Zwischen beiden Sachverhalten gibt es einen Zusammenhang: Was ermöglichte es diesen Frauen, sich in dieser Weise zu betätigen? In einen weiteren Horizont gestellt, bilden diese Femmes de Lettres ein Kapitel in der komplexen Geschichte der Frauenbildung, die sich über Jahrhunderte an den Institutionen vorbei ihren Weg suchen musste, freilich indirekt auch von diesen Institutionen profitierte. Was der Pastorenhaushalt in der deutschen Tradition seit der Reformation den bürgerlichen Söhnen ermöglichte, nämlich Zugang zur höheren Bildung, literarische Fertigkeiten und sprachliche Ausdruckskraft (was man an Autoren wie Gryphius, Lessing und Lenz aufzeigen kann), das leistete der aufgeklärte Professorenhaushalt für die bürgerlichen Töchter – so lautet eine Arbeitshypothese des Vorhabens. Dass es vergleichbare Konstellationen etwa auch in der Universitätsstadt Halle gab, dies kann nachgewiesen werden. All das ist nicht ohne die Diskussionen um die Möglichkeiten und Grenzen der Frauenbildung denkbar, die in engstem Zusammenhang mit den Fragen nach dem anthropologischen Status der Frau standen. Die fünfzehnjährige Dorothea Schlözer sagte einmal: „Mädchen sind Menschen wie Männer auch.“ Dieser Satz ist hier historisch zu kontextualisieren. Sie sehen, die Fragestellung die ich verfolge, steht tatsächlich in einem größeren kulturgeschichtlichen Kontext. Universelle Aspekte kulturellen Lebens schlagen sich letztlich immer im lokalen Kontext jeweils spezifisch nieder und entfalten hier ihre eigentlichen Bildungskräfte – diese Erkenntnis kann hier erneut bestätigt werden. FOCUS Wie heißt eigentlich das letzte Buch, das Sie zum Vergnügen gelesen haben? GD Das war Feridun Zaimoğlus neuer Roman Leyla. Und hier in Cincinnati habe ich mir Uncle Tom’s Cabin von Harriet Beecher Stowe besorgt und lese es wieder mit anderen Augen und großem Interesse! FOCUS ON GERMAN STUDIES 14 245 FOCUS Dann eine letzte Frage. Haben Sie gute Ratschläge für amerikanische Deutschstudenten, die vielleicht die künftigen Dozenten der Germanistik von morgen sind? GD Fragen Sie Ihre akademischen Lehrerinnen und Lehrer, suchen Sie das Gespräch mit ihnen über alles, was Sie an Problemen und Fragen im Laufe des Studiums fachlich beschäftigt. Der zweite Rat wäre vielleicht, alle möglichen Gelegenheiten zu nutzen, Deutschland zu besuchen: Das ist zwar immer auch eine Frage der Kosten und der Zeit, aber lassen Sie sich beraten, suchen Sie nach Austauschprogrammen, nach Stipendien – lassen Sie sich nicht entmutigen! Und wenn Sie in Deutschland sind, versuchen Sie auch dort immer das Gespräch, die Diskussion. Nach den wenigen Wochen hier kann ich doch sagen, man lernt immer mehr und anderes, als man erwartet – und das ist ein Vergnügen besonderer Art. FOCUS Vielen Dank für das Gespräch! Michael Ennis führte das Interview am 18. Mai 2007 (mit weiteren Fragen von Wolfgang Lückel und Laura Vas)