Microsoft Word - focus14.doc FOCUS ON GERMAN STUDIES 14 247 FRIEDE DER GERMANISTIK, KRIEG DEN BANAUSEN – EINE SÉANCE MIT GEORG BÜCHNER eorg Büchner (1813-1837) can arguably be called one of Germany’s most radical and revolutionary authors. Having suffered from being a poet manqué for almost a century, he was rediscovered in the early twentieth century and has ever since risen to the vertiginous fame of the German literary canon. Today, he is an illustrious member of the German chapter of the international Mount Parnassus society of world-famous authors. In his lifetime he was not only an accomplished man of letters but also a physician at the forefront of a discipline that has been dubbed neurology in modern times. He kindly met with Focus on German Studies during a séance in order to demonstrate that his nimble and versatile intellectual faculties have not suffered from 170 years of sepulchral solitude. Naturally, after such a long time of silence, Dr. Büchner was eager to vent his anger on various things. We therefore ask the venerable reader to indulge and condone his restive temper and his emotional rejoinders. We hope though, that the reader will find delectation as well as elucidation in this peculiar conversation. FOCUS Lieber Dr. Büchner, lieber Georg. Ich darf doch Georg sagen, nicht wahr? Wir sind hier in Amerika, und dort nennt man sich immer beim Vornamen. GEORG BÜCHNER Dem soll nichts im Wege stehen. Ich bitte um die Nennung beim Vornamen. Immerhin hat mich mein revolutionärer Weggefährte Karl auch immer geduzt. FOCUS Karl Gutzkow war nicht nur Ihr Vertrauter, Georg, sondern auch Ihr literarischer Förderer. GB Ja, das stimmt. Er sah, dass ich zu Großem bestimmt war, und dass ich ein Genie war, das die offene Wunde der deutschen Revolution in der Eiterung halten könne. Obzwar mein Glauben an seine literarischen Fähigkeiten nicht so groß war wie der seinige an die meinigen. FOCUS Wir möchten unsere Leser aufklären über... G 248 EINE SÉANCE MIT GEORG BÜCHNER GB Bitte benutzen Sie nicht das Wort „Aufklärung“. Ich beb’ an allen Gliedern, der Schweiß steht mir auf der Stirne, wenn ich das Wort höre. Nach so vielen Jahren im Grabe bin ich doch eher dem Materialismus verpflichtet als solch einer heuchlerischen Vernünftelei wie sie die selbsternannten Aufklärer betrieben, ich möchte lieber sagen: getrieben haben. Nehmen Sie zum Beispiel diesen Voltaire! Hat sich’s beim alten Fritz gut gehen lassen und die Gastfreundschaft in Saus und Braus genossen. Alles Opportunisten, sage ich Ihnen! Ich war doch froh, dass Bertolt Brecht sich später meiner revolutionären Erkenntnisse annahm, die ich aufgrund meines frühzeitigen Ablebens nun nicht mehr vertreten konnte. Brecht, das war ein wahrhafter Löwe. Der hat verstanden, was Materialismus heisst. FOCUS Als studierter Mediziner, Georg, was sagen Sie zur Entwicklung der Medizin im späten 20. Jahrhundert? Die Fortschritte medikamentöser Therapien in der Psychiatrie haben für viele Patienten Linderung gebracht. GB So wie ich vernommen habe, reduzieret diese Medizin die Anzahl der Entleibungen, mit denen die Erkrankten der Schmerzen brennender Bitternis sich entringen wollen. In meiner Erzählung selben Namens musste Lenz noch bedauerns- werterweise ins Irrenhaus, der arme Tropf. Ich war doch sehr überrascht, als ich hörte, dass ein solch kleines und buntes Zauberpillchen meinem Lenz das Leben hätte erleichtern können. Denken Sie mal, kein kaltes Wasser mehr, um der entsetzlichen Stimme des Wahnsinns zu entkommen. Stattdessen einfach ein gar bekömmlich kleines Kügelchen. Was für ein Pharmakon! Obzwar es selbiges noch nicht zu meiner Zeit gab, so ahnte ich bereits, dass die Heilung solcher Fälle wie Lenz nicht mit ewigem Reden erfolgen konnte. Da gab es einmal diesen Wiener, diesen Sigmund Freud, der auch mehr Leid als Freud durch seine Schwatztherapien erzeugt hat. Ich bin Wissenschaftler und glaube nur an die harten Fakten. Und eben auch an die Macht der Pharmazie. Man bedenke gar: Selbst ich hätte dem Typhus entgehen können mit der entsprechenden Medikation. Aber gar wahnwitzig und selbstlos wie ich war – dem befruchtenden Impetus des vormärzlichen Revolutions- geistes ganz und gar ergeben – habe ich mich lieber um die Nervenforschung gekümmert als um eine Medizin gegen den FOCUS ON GERMAN STUDIES 14 249 Typhus. Denken Sie sich, ich sezierte Fische und lehrte ihre Anatomie, aber nur wenige Studenten interessierten sich dafür: Nerf optique, nerf oculo-moteur, nerf abducteur, le maxillaire inférieur… FOCUS Ihr französischer Text über Barben und deren Nervensystem, ich erinnere mich. Für einen Germanisten ist das doch eher langweilig. Der moderne Germanist tut sich schwer mit den Naturwissenschaften … GB Bitte der Herr, wenn Sie so meinen. Ihr Wissen scheint mir gar schändlich verarmt. Bedenken Sie auch bitte, dass die Chemie ja noch in ihren Kinderschuhen steckte. Als Justus Liebig 1824 Professor in Gießen wurde, war die Chemie nichts Besonderes, und Liebig bekam ein gar erbärmliches Gehalt. Außerdem musste er für seine Laborausstattung selber zahlen. Das ist halt deutsches Knausertum. Erzählen Sie das mal einem amerikanischen Wissenschaftler heute! Der hält sie doch für verrückt. Als ich Privatgelehrter in Zürich wurde, gereichte das auch mehr zur Ehre als zur Fristung eines normalen Lebens. Friedrich Nietzsche, der übrigens heute wegen seines Übermenschenkonzepts in der Hölle sitzt (wo ich ihn kurz traf, als ich seinen hauptamtlichen Peiniger, den Mephistopheles aus Goethes Faust, auf dessen Nervenzustand untersuchen musste), hat mir anvertraut, dass seine Basler Zeit ihn sehr krank gemacht hat. Es scheint nicht zu funktionieren, wenn Verfolgte aus deutschen Landen in der Schweiz Zuflucht suchen. FOCUS Aber lieber Georg. Die Schweiz war schon immer und ganz besonders im Zweiten Weltkrieg neutral und darf daher nicht kritisiert werden. Außerdem teile ich Ihren Geschichts- pessimismus nicht. Die Welt wird heute doch immer sicherer, wenn man führenden amerikanischen Politikern glauben darf… GB Wer das sagt, hat wohl zu viele Erbsen gegessen. Über so einen schrieb ich schon einmal. Der aß auch nichts als Erbsen. Und später pisste er gegen die Wand. Doch die Geschichte selbst ist wie das Meer. Wir sind alle eigentlich nur der Schaum auf der Welle der Geschichte. 250 EINE SÉANCE MIT GEORG BÜCHNER FOCUS Sie persönlich sind aber doch nun so berühmt, da brauchen Sie sich gar keine Sorgen mehr zu machen um Verfolgung und Not. GB Obwohl es auch Enttäuschungen gegeben hat bei all dem Ruhm. Denn immerhin werde ich trotz aller Bekanntheit immer mit den Grenzbereichen des sozialen Lebens assoziiert: Verrückte, Mörder, Prostituierte, Lebemänner! Das färbt ab, und die Leute sagen: Pfui, pfui! Die Leute denken auch, man habe als Autor solch ein Lotterleben geführet. Jedoch muss ich gestehen, dass mein Leben nicht nur kurz, sondern auch voller Mühsal und Last war. Das ist der Unterschied, auf den ich hinaus will: nicht Laster, sondern Last. Die Deutschen sind doch sonst immer solche Erbsenzähler, nicht nur Erbsenfresser, aber diese kleinen Unterschiede wollen sie nicht wahrnehmen. Ich sage Ihnen, es kommt doch alles auf den kleinen Unterschied an. FOCUS Den kleinen Unterschied? Reden wir jetzt über die Geschlech- terfrage? GB Nein, nein, mein werter Herr, das ist nicht der Fall. Für Fragen zur Geschlechterforschung stehe ich nicht zur Verfügung. Als Pathologe und Nervenkundler habe ich mich doch eher mit der Zone nördlich des Gürtels beschäftigt, nicht mit dem kleinen Unterschied darunter. Also, ich muss doch um Anstand bitten! Was kann ich denn für den verruchten Geschlechtstrieb des Menschen. Nicht der Danton, dieser Hundsfott, in seiner verderbten Lüsternheit interessiert mich, sondern die komplexen Vorgänge in den Schädelnerven. Haben Sie denn meine gleichnamige Vorlesung über Schädelnerven nicht zur Kenntnis genommen? FOCUS Doch, doch, aber man kennt Sie doch heute eher als Literaten und weniger als Arzt. Wir wollen jetzt zu Ihrer literarischen Seite zurückkehren: Man hat sich Ihrer Stoffe nun auch in den Nachbardisziplinen der Literatur bedient. So hat Alban Berg eine musikgeschichtlich gleichermaßen revolutionäre Oper geschrieben, und auch eine berühmte filmische Adaption gibt es, in der Klaus Kinski Woyzeck verkörpert. Wie stehen Sie dazu? GB Alban Berg hätte nun gar ein optisches Glas zur Korrektur seiner Pupille gebraucht. Er gab seiner Oper schlechterdings den FOCUS ON GERMAN STUDIES 14 251 Namen Wozzeck, als er meine Handschrift nicht lesen konnte. Sie wissen ja, wie das mit Handschriften von Ärzten ist. Ich möchte aber dennoch behaupten, dass meine Handschrift lesbar ist. Schauen Sie sich mal Gottfried Benn und seine unleserlichen Manuskript an. Außerdem hat Benn auch die Pfuhle der Verderbtheit gesehen. Immerhin hat er Lustseuchen behandelt. Vielleicht hat das auf seine Handschrift abgefärbt. Klaus Kinski, der war nun wieder nach meinem Geschmack. So viehisch und so roh wie das arme Volk selbst, so wild und so verkommen. Gar herrlich und lobesam fand ich sein künstlerisches Wirken. Er war so ungestüm, man hätt’ meinen könne, er müsse jede Sekunde am Schlagfluß verrecken. FOCUS Abschließend eine Frage zum akademischen Nachwuchs: Wie beurteilen Sie die Einführung der Studiengebühren in Deutschland? Und was sagen Sie zu den Studiengebühren an den amerikanischen Universitäten? GB Eine Legion unnützer Beamter lässt sich vom Schweiße der Studenten mästen. Eure Gebeine sind verdorrt, denn die Ordnung, in der ihr lebt, ist eitel Schinderei. Ihr lebet in den Dornäckern der Knechtschaft. So erhebet Euch gegen die Plutokraten und die Unwissenden. Ich sage Euch: Friede der Germanistik und Krieg den Banausen. Leon W. Guck-Gefall führte das spiritistische Gespräch.