Microsoft Word - focus15 FOCUS ON GERMAN STUDIES 15 199 „MAN BESUCHTE EINE WELT – WIE EINE TITANIC KURZ VOR DEM UNTERGANG.“ KULTURGESCHICHTLICHE REMINISZENZEN ÜBER DIE DEUTSCH-DEUTSCHE GRENZE MIT DEM SCHRIFTSTELLER HANS PLESCHINSKI. ans Pleschinski studierte Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaft an der Universität München. Jetzt lebt er als Schriftsteller, Kritiker und Journalist beim Bayerischen Rundfunk in München. Seine literarischen Arbeiten wurden unter anderem mit folgenden Literaturpreisen ausgezeichnet: 1986 den Staatlichen Förderpreis für Schriftsteller in Bayern und der Literaturförderpreis des Landes Niedersachsen, 1995 und 2002 den Tukan-Preis der Stadt München und im Jahr 2006 den Hannelore- Greve-Literaturpreis. Im Frühling 2008 war er zudem „Writer in Residence“ an der Miami University in Oxford, Ohio. Das folgende Interview entstand anlässlich einer Lesung aus seinem Buch Ostsucht – Eine Jugend im deutsch-deutschen Grenzland (1993), die Hans Pleschinski an der Universität von Cincinnati am 25. Februar 2008 gehalten hat. FOCUS Zu Anfang ihres Buches Ostsucht beschreiben Sie dem Leser die Weite Amerikas, im Detail die Landschaft Neu Mexikos, welche die Erinnerung an die Deutsche Demokratische Republik in Ihnen weckt... HANS PLESCHINSKI ... die große, weite Landschaft Neu Mexikos! In dem Staat Neu Mexiko, den ich 1986 besucht habe, sehe ich die Freiheit, die Weite und die Schönheit Nordamerikas. Als Kontrast zu dieser Offenheit fiel mir ein Ort in der DDR ein, der genau das Gegenteil darstellte: Halle an der Saale – es ist ein Ort in einem gefangenen Land, in dem es keine Freiheit gibt. Der Gedanke an die DDR in Neu Mexiko kam mir so grotesk vor: Menschen werden im 20. Jahrhundert gegängelt. Sie müssen hinter Stacheldraht leben und sind in einem politischen System gefangen. Das ist ein riesiger Kontrast zur Weite und Wildnis des Südwestens der USA. FOCUS Bei der Lektüre ihres Buches ist mir aufgefallen, dass Amerika, nicht nur am Anfang als geografischer Ort, sondern innerhalb des Buches vielmehr als politischer Pol zum Osten auftritt. In H 200 REMINISZENZEN ÜBER DIE DEUTSCH-DEUTSCHE GRENZE MIT HANS PLESCHINSKI wie weit spielt Amerika für Sie sowohl politisch als auch persönlich eine Rolle? HP Amerika hat immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Es ist ein sehr großes Land mit viel Einfluss. Da ich in Westdeutschland ganz in der Nähe der deutsch-deutschen Grenze lebte, gehörte ich natürlich zum NATO-Bereich, auch dem Schutzbereich des Westens. Die Freiheit des Westens war hauptsächlich garantiert durch die USA. Man kann möglicherweise sagen, dass ich meine Freiheit in der Kindheit und Jugend den USA verdanke. Auch haben die USA nach dem Zweiten Weltkrieg durch Carepakete geholfen. Das mussten sie nicht, haben es aber getan. Die USA wollten Verbündete in Deutschland haben. Nach 1945 kam aus den USA ein frischer Wind nach Europa: Jazz, Filme, ein freies Lebensgefühl – ein sogenanntes „easy-going“. Das waren große, mächtige Einflüsse der amerikanischen Lebenswelt auf Europa, die oft sehr befreiend wirkten. Davon habe ich auch profitiert – vor allem im Vergleich zu dem anderen Deutschland, das schuldlos im Osten lag. Der politisch begründete Marshall-Plan hat Westdeutschland sehr geholfen. Die USA waren sehr wichtig für mich, zumal ich 1986 ein wunderbares Stipendium bekam vom „German Marshall Fund of the United States“ – eine Danksagung Deutschlands an die USA für den Marshall-Plan. Ich konnte zum ersten Mal die USA intensiv bereisen. Diese Reise hat viele Spuren hinterlassen. FOCUS Wie haben Sie persönlich die USA aufgenommen? HP Von den USA hatte ich keine genaue Vorstellung. Man sah Filme aus den USA, zum Beispiel Hollywood-Western, und die politische Berichterstattung in den deutschen Medien. Die USA erschienen mir einfach unendlich groß – sehr dynamisch wirkend. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich erlebte sehr aktive, optimistische und freundliche Menschen von Washington D.C. bis San Diego. Sie waren oft freundlicher als in Deutschland. Allerdings war das ein kurzer und privilegierter Aufenthalt. Ich traf beeindruckende Leute: einen Tag mit dem Boston Ballet oder mit der Architektenkammer von Manhattan. Ich sammelte auch Eindrücke von den Südstaaten. Der Süden wirkte wirtschaftlich weniger fortschrittlich als Deutschland. FOCUS ON GERMAN STUDIES 15 201 Menschen, die ich dort traf, wirkten sehr europäisch. Sie schienen melancholisch und hatten viele Probleme. Während es sich im Nordteil der USA mehr um Geschäfte drehte, war der Süden hingegen sehr ruhig. Ich konnte damals und jetzt ahnen, dass es die USA als Ganzes nicht gibt, sondern sehr verschiedene Teile des Landes. Es war ein richtiger Kulturschock. Die Dynamik und der Optimismus der US haben mich geradezu elektrisiert. Die Rückkehr nach Europa war merkwürdig, weil Europa damals still zu stehen schien wie ein großes Museum. FOCUS Hat man sie während Ihres Aufenthalts in den USA auch zur DDR befragt? Gab es im Jahr 1986 Interesse an der deutsch- deutschen Teilung? HP Wenig. In den USA hat man nicht viel danach gefragt, denn es schien uninteressant zu sein. Es war auch die Zeit Ronald Reagans. Es gab die Parole „Empire of the Evil“. Das Reich des Bösen begann quasi drei Kilometer vor meiner Haustür. Der Kommunismus war höchst unangenehm. Die schwindende Kraft des Kommunismus war aber schon abzusehen. Die DDR war wirtschaftlich langsam am untergehen – dennoch militärisch gefährlich. Wir mussten nur warten bis es vorbei war – hoffentlich ohne Krieg. So ist es letztendlich auch geschehen – durch eine friedliche Revolution. FOCUS Trotz dieser Eindrücke gab es Amerikaner, die sich für die deutsch-deutsche Grenze interessierten. In ihrem Buch erwähnen Sie zwei Episoden: einmal mit Barb und Janet und später kommt noch ihr Freund David aus New York City zu Besuch nach Deutschland. Haben Sie ein emotionales Verhältnis zur der Grenze aufgebaut, die Sie den amerikanischen Gästen gezeigt haben? HP Ein irrsinnig massives Verhältnis. Vom Westen aus gesehen war die deutsch-deutsche Grenze auch eine touristische Attraktion. Das gab es zweimal auf der Welt, bei mir zu Hause vor der Tür und noch in Korea. Todesstreifen, Stacheldraht, eine geteilte Millionenstadt Berlin – das wollte jeder sehen. Amerikaner haben selten Grenzen überschritten. Nun sahen sie so eine massive Grenze, die eindrucksvoller als ein Hollywood-Film 202 REMINISZENZEN ÜBER DIE DEUTSCH-DEUTSCHE GRENZE MIT HANS PLESCHINSKI war. Sie standen davor und sahen die Wirklichkeit. Im kalten Krieg wurde schon immer von dem eisernen Vorhang, von den Russen, von dem militärischen Potential und der Mauer im geteilten Berlin geredet. Man konnte darüber reden, aber wenn man es mit eigenen Augen sah, dann war das völlig anders. Die Amerikaner waren davon sehr erschüttert. FOCUS Mich hat der Titel ihres Buches Ostsucht sehr beschäftigt. Ich frage mich, wie Sie selbst diese Sucht nach dem Osten definieren: ist es eine Hingabe oder Sehnsucht, oder aber eine Art Abhängigkeit oder Krankheit? HP Es ist vor allen Dingen keine Ostalgie. Die DDR war für mich schon immer ein orientalisches und exotisches Land. Die Zeit war dort in den Städten stehen geblieben. Die Häuser waren alle grau und zerfielen – sehr romantisch. Der Westen war sehr amerikanisiert und fortschrittlich. Vielleicht etwas langweilig. Die DDR war eine sehr aufregende, andere Welt. Man konnte sich den Sozialismus anschauen: wo funktioniert er, wo nicht. Ich hatte viele Verwandte, die dort in einem großen Gefängnis lebten. Es war spannend die Schizophrenie meiner Onkel und Tanten zu erleben, die offiziell sozialistische Staatsbürger, aber privat andere normale Menschen waren. Die Menschen logen sehr viel. Offiziell waren sie für die DDR und mussten lügen. Privat wollten sie oft weg. Die DDR war auch kein Tourismus- Land. Man war etwas besonderes, wenn man dorthin fuhr. Man war ein Luxusmensch aus dem Westen. FOCUS Sie geben sich den Titel „Luxusmensch“: in Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie das ostdeutsche Bino dem westdeutschen Maggi vorgezogen haben – darauf hatte man Sie als einen Snob bezeichnet. HP Ein bisschen... ich hatte auch schicke Hosen und Hemden an. Mit dieser westlichen Kleidung wirkte ich geradezu wie ein Luxusgeschöpf – das genießt man natürlich als Kind. Das waren Erlebnisse, die in Frankreich, Spanien oder Italien nicht möglich waren. Man besuchte eine Welt - wie eine Titanic kurz vor dem Untergang. Das war sehr spannend. FOCUS ON GERMAN STUDIES 15 203 FOCUS Im Vergleich zu meinen eigenen Erfahrungen, die sich auf einen Besuch im Sommer 1990 im damaligen West-Berlin beschränken – ich erinnere mich noch an das tiefe Grau des Alexanderplatzes und den heruntergekommenen Palast der Republik – haben Sie schon einen tiefen, ungetrübten Eindruck der DDR erhalten, den man normalerweise nicht bekam. HP ... und der auch im Übrigen verschwunden ist. Man kann es nicht mehr sehen. Das Buch Ostsucht ist ein Dokument einer untergegangenen Welt. Man wusste damals noch nicht, dass der Osten untergeht. Ich dachte, dass ich mein ganzes Leben lang mit der Berliner Mauer leben müsste. Es war eine riesige Befreiung, dass diese schreckliche Zeit vorbei ist. Ich habe gesehen, dass Freiheit das höchste Gut ist. Die DDR hat mich zum Westeuropäer gemacht. Die Unfreiheit in der DDR hat mir gezeigt, dass wir alle aufpassen müssen, freie Menschen zu bleiben, und dass die Freiheit das Kreativste und Fruchtbarste ist. Ohne Freiheit funktionierte einfach gar nichts mehr in der DDR: die Menschen wurden grau und unglücklich – der Osten hat mich, ohne es zu wollen zum Westler gemacht. FOCUS Gerade haben Sie erwähnt, dass die Menschen in der DDR bisweilen lügen mussten um zu überleben. In Ihrem Buch beschreiben Sie zwei grundsätzlich gegenübergestellte Fälle von dem Umgang mit dem DDR-Staatsapparat: einerseits Verwandte in Berlin, die treu kommunistisch lebten; andererseits der sächsische Onkel bei Dresden, von Beruf Tierarzt, der nicht in der SED sein wollte, aber drei Autos besaß. Wie haben Sie in DDR den Umgang mit der sozialistischen Politik erlebt? HP Der Tierarzt war Millionär und hatte sogar Hausangestellte. Über Politik wurde meistens in der Familie nicht gesprochen. Es gab aber sozialistische Familienmitglieder, zum Beispiel meine Cousine, die den Sozialismus – die Ideale von Marx, Engels und Lenin – vehement verteidigte. Mit ihr gab es Streit in einen langen Briefwechsel. Was ist besser? Der westliche Kapitalismus oder der Sozialismus. Der reiche Onkel in Sachsen gehörte zur alten Bourgeoisie. Er war Tierarzt – sein Vater war Pfarrer gewesen. Er hatte wie viele Pech gehabt im russischen Sektor zu wohnen. Die Grenze wurde gebaut. Das waren vor dem Zweiten Weltkrieg einfache Mitteleuropäer gewesen. Nun 204 REMINISZENZEN ÜBER DIE DEUTSCH-DEUTSCHE GRENZE MIT HANS PLESCHINSKI mussten sie ihre Steuern an einen sowjetischen Satellitenstaat zahlen, ohne es zu wollen. FOCUS War ihr sächsischer Onkel nun treuer Kommunist oder hatte er sich einfach an das System angepasst? HP Nein, überhaupt nicht. Er war kein Kommunist. Ein wohlhabender europäischer Bürger, der in einem sozialistischen Staat lebte – ohne ihn zu mögen. Er war zwanzig Jahre lang in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Er hatte überhaupt nichts mit dem Staat zu tun, aber musste sich mit dem Staat arrangieren. FOCUS Als Sie aufgewachsen sind, hatten Sie Angst vor einem atomaren Krieg? HP Ja, diese Angst war real. Es begann mit der Kuba-Krise, die ich als Kleinkind mitbekam. Meine Großeltern sagten mir, dass es einen Konflikt zwischen den USA und der UdSSR in Kuba gäbe. Wenn der dritte Weltkrieg ausbrechen würde, wäre er auch ganz schnell bei uns hier an der deutsch-deutschen Grenze. Dann wären wir verloren. Wir haben eine Nacht im Keller verbracht, da wir mit dem Einmarsch der Russen rechneten. Damals dachten wir, dass jemand entweder in Washington oder in Moskau der rote Knopf drückte, und den Weltuntergang damit heraufbeschwöre. Es war ein hassenswertes Gefühl, dass unsere Generation die Macht hatte die Welt zu zerstören. Die Angst war so real, dass ich den Kriegsdienst verweigerte und den Zivildienst in einem Altersheim absolvierte. Ich sagte mir, dass es sinnlos sei in der Infanterie zu kämpfen. Krieg ist zu dumm, und ich will am Ende der Welt nicht beteiligt sein. FOCUS Wenden wir uns doch wieder zu einem positiveren Thema zu. In Ihrem Buch gestalten Sie den Osten Deutschlands ruhig und komisch, und versüßen dem Leser die Ostsucht mit einer guten Portion Humor. In wie weit war es wichtig für Sie, den Humor als Stilmittel umzusetzen? HP Wenn man Humor hat, benutzt man ihn nicht, man hat ihn. Generell mag ich nicht, wenn etwas ohne Ende nur ernst genommen wird. Goethe hat schon trefflich gesagt: „Humor ist FOCUS ON GERMAN STUDIES 15 205 für den Menschen ein göttlich’ Gewürz.“ Ohne Humor wäre das Leben unerträglich. Ich finde es wichtig, dass man über Dinge ab irgendeinem Moment auch lachen kann, und sie nicht für übergewichtig hält. Es gab viele komische Momente. Es war zum Beispiel absurd, dass eine Millionenstadt wie Berlin geteilt wird. Man konnte ernst davor stehen und losheulen, aber auch sagen: so etwas Dummes gab es in der Weltgeschichte noch nie – dabei laut lachend. FOCUS Sie haben sich ja offen zu Ihrer Ostsucht bekannt. Mich hat gewundert, dass Sie nicht nach Berlin zum Studieren gegangen sind, sondern nach München vorgezogen haben. HP Berlin kannte ich schon als Kind sehr gut. Berlin war und ist eine tolle Stadt. Da haben viele Schulkameraden von mir studiert, die ich auch oft besucht habe. Berlin war das bekannte und München war das Fremde. In München gab es zudem auch ein Institut für Theaterwissenschaften. Außerdem liegt es im Süden und war für mich damit die größere Attraktion – nicht nur als junger Mensch, um einmal von den Eltern weit weg zu gehen und selbstständig zu werden, sondern auch die Nähe zu Italien war entscheidend. Man konnte sich als Student entscheiden: fahre ich morgen nach Venedig zum Frühstück oder nach Verona zum Abendessen. In vier bis fünf Stunden ist man da. Berlin war geteilt und ein wenig gelähmt. In München gab es viel Filmindustrie und war auch Heimat einiger Schriftsteller. Es war und ist immer sehr vital, hat über dreißig Theater und ebenso viele Sonnentage mehr als meine Heimat Norddeutschland. FOCUS Aus Bonn wird Berlin – und die deutsche Einheit jährt sich bald zum zwanzigsten Mal. Wie sehen Sie Deutschland und die Deutschen: auf einem Weg zu einer Gesamtidentität, oder eher geografisch gesplitterte Identitäten in Ost und West? HP Mit der Zeit findet das Volk zusammen. Das Problem der deutschen Wiedervereinigung ist überhaupt nicht vorhanden, wenn man es mit Sorgen anderer Länder auf der Welt vergleicht. Es gibt ganz andere Probleme, zum Beispiel den spanisch- baskische Konflikt, die amerikanisch-mexikanische Grenze mit illegalen Einwanderer oder Nöte in Lateinamerika oder Afrika. 206 REMINISZENZEN ÜBER DIE DEUTSCH-DEUTSCHE GRENZE MIT HANS PLESCHINSKI Die Wiedervereinigung ist ein Luxusproblem. Die Deutschen haben länger gebraucht, um sich anzunähern – als es vermutet wurde. Die Bürger aus dem Osten haben sechzig Jahre unter zwei Diktaturen gelebt – die NS-Zeit sowie der Sozialismus. Diesen Menschen wurde viel Privatinitiative abgewöhnt und nach der Wiedervereinigung brach ihre Identität zusammen. Die Fabriken wurden geschlossen, in denen sie gearbeitet haben. Ihre Künstler spielten keine große Rolle mehr. Es braucht Zeit, ehe gleichberechtigte Individuen entstehen. Es ist wichtig, dass eine gesunde Wirtschaft in den neuen Bundesländern entsteht, dass die Leute dort auch bleiben und arbeiten und nicht in den Westen abwandern. Ganz Ostdeutschland wurde saniert und ist jetzt zum Teil moderner als Westdeutschland – bessere Strassen und das beste Telefonnetz der Welt. Menschen in Ost und West sollten einfach dankbar sein, dass sie seit 1945 in Frieden in einem so schönen und reichen Land in der Mitte Europas leben. Es gab noch nie so lange Frieden in Europa. Das ist ein gewaltiges Geschenk, für das man täglich dankbar sein sollte. FOCUS Eine kurze Frage zur Literaturlandschaft. Sehen Sie einen Trend zu einer gesamtdeutschen Literatur? HP Sicher gibt es Schriftsteller, bei denen man an den Themen oder an der geografischen Situierung merkt, dass sie aus Ostdeutschland stammen. Sobald sich aber die Eigentümlichkeiten vermischen, wird auch hier eine Einigung stattfinden. Vielleicht entsteht eine Literaturlandschaft mit geografisch, landschaftlichen Akzenten, so wie es in den USA der Fall ist. Es gibt natürlich auch norddeutsche Schriftsteller und auch bayrische Schriftsteller. Warum sollte es dann keine ostdeutschen Schriftsteller geben. Es gibt die Thematik der Zensur nicht mehr. Das sozialistische Leben ist verschwunden, weil die Umstände sich geändert haben. FOCUS Zum Abschluss wollte ich noch wissen, welches Buch Sie gerade lesen, und welche Literatur Sie uns empfehlen können? HP Auf meinem Nachttisch liegt Northanger Abbey von Jane Austen, weil ich zu dem Roman ein Nachwort schreiben muss. Daher beschäftige ich mich mit dieser wundervollen Schriftstellerin – emanzipiert, pointiert, witzig, frech. Ansonsten empfehle ich FOCUS ON GERMAN STUDIES 15 207 meine eigenen Bücher Ostsucht und Brabant. Bei dem Letzteren liest man viel zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Europa und den USA. Dieses Buch wurde vor dem 11. September 2001 verfasst, das ist ganz wichtig. Sonst lese ich gerne Sachbücher und habe gerade eine Biographie über George Bernard Shaw angefangen. FOCUS Ich danke vielmals für das Gespräch! Alexandra Hagen führte das Interview am 11. März 2008