FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 89 ,Tatsächliche‘ Autoren und ,fiktive‘ Bilder Zum literaturwissenschaftlichen Umgang mit der Herstellung und Darstellung literarischer Autorschaft DAVID CHRISTOPHER ASSMANN Die Rückkehr des Autors eit den späten 1990er Jahren diskutiert die germanistische Literaturtheorie wieder verstärkt die Relevanz des Autorbegriffs für die literaturwissenschaftliche ,Praxis‘ (Jannidis und Detering). Kennzeichen dieser Ansätze ist im Überblick eine Unterscheidung, die man heuristisch als die zwischen dem handelnden Autor und der Autorfunktion bezeichnen kann (Kleinschmidt, Diskurs). Gemeint ist damit zunächst, dass Literatur einerseits im Hinblick auf den Herstellungsprozess eines handelnden Autors und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für einen literaturwissenschaftlich kontrollierten Umgang mit dem literarischen Text beobachtet werden kann. Die Literaturwissenschaft zieht demnach Erkenntnisse in erster Linie aus der Orientierung an der Perspektive des Autors im weitesten Sinne. Andererseits können im Hinblick auf Aspekte, wie der Autor ,im Diskurs‘ dargestellt wird, Fragen gestellt werden. Dann spielt weniger der einzelne Akteur, sondern vielmehr die Frage, wie das, was als ,Autor‘ bezeichnet wird, ,diskursiv‘ wirkt und wie damit umgegangen wird, literaturwissenschaftlich eine Rolle. Folglich wird der Autor entweder als „sprachlich handelnder Textproduzent oder als dem Sprachsystem ausgeliefertes Medium― (Kleinschmidt, Autorschaft 92) konzeptionalisiert. Diese Unterscheidung und die damit verbundene Frage, wie die „kausale Instanz des empirischen Autors zur diskursiven Funktion des Autors― (Spoerhase 60) relationiert werden muss, ist es damit letztlich, die den Blick der ,Rückkehr‘-Debatte auf die diskurstheoretische Kritik am Autor bestimmt; sie dient der Auseinandersetzung mit der Konstruktion des Autorbegriffs als ,Makrothese‘ für die dann ausgearbeiteten, je verschiedenen theoretischen Vorschläge zur Relevanz des Autorbegriffs für die literaturwissenschaftliche ,Praxis‘. Annahmen über literarische Produktionsprozesse durch einen handelnden Autor und dessen literarische Wirkung als Autorfunktion S 90 TATSÄCHLICHE‘ AUTOREN UND ,FIKTIVE‘ BILDER sind nun jedoch, darin besteht größtenteils literaturwissenschaftlicher Konsens, beobachterabhängige Konstrukte. Sie vollziehen sich nicht einfach, sondern, so diese Annahme, entstehen, indem auf sie Bezug genommen wird. Nimmt man das ernst, muss man davon ausgehen, dass Literaturwissenschaft auch eben dieses Verhältnis zwischen den kreativen Handlungen und deren diskursiver Darstellung unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten konzeptionalisiert. Das Verhältnis zwischen der Produktion und Darstellung von Literatur (und deren Autoren) erhält in diesem Fall seine Bedeutung und Relevanz aus der Relation und Abgrenzung zu anderen literaturwissenschaftlichen Begriffen. Wodurch zeichnet sich dann aber eine literaturwissenschaftliche Beschreibung des Verhältnisses von Herstellung und Darstellung von Literatur aus? Ich bearbeite diese Frage exemplarisch für einen Aspekt der Debatte um die ,Rückkehr des Autors‘ in der Literaturwissenschaft: für die Diskussion kollektiver Autorschaft. Damit fokussiert die Frage auf eine Metaebene literaturtheoretisch-konzeptioneller Überlegungen: Die Fragerichtung konzentriert sich auf die literaturtheoretischen Bedingungen für die ,Rückkehr‘ des Autorbegriffs, so dass deutlich werden kann, worin die „neue, strategische Valenz― (Wolf 395) dieser Unterscheidung im Rahmen der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Autorbegriff seit den 1990er Jahren liegt. Sicherlich ist die Unterscheidung zwischen dem handelnden Autor und der Autorfunktion im Rahmen dieser Ansätze nur eine Tendenz unter mehreren. Auch wenn die Bewertung ihrer Bedeutung und der sich daraus ergebenden Konsequenzen für literaturwissenschaftliche Forschungsprogramme nur exemplarisch ausfallen kann, ist die Unterscheidung jedoch heuristisch sinnvoll. Sie erlaubt es, ihre grundsätzliche Form so stark zu abstrahieren, dass sie als Beobachtungsdirektive dienen kann, um wiederum exemplarisch eine der durch theoretische Asymmetrisierung ermöglichten Hierarchisierungen in der These von der ,Rückkehr des Autors‘ anhand eines allgemeinen Schemas zu skizzieren. Literaturwissenschaftliche Programme Literaturwissenschaftliche Programme, wie sie in der Diskussion um die ,Rückkehr des Autors‘ vorgeschlagen werden, sind unter allgemeinen Gesichtspunkten zunächst vor allem Beobachtungs- FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 91 direktiven für die ,richtige‘ Zuordnung von Signifikanten und Signifikaten in der ,Praxis‘ der literaturwissenschaftlichen Kommentierung. Sie dienen der Entparadoxierung der Kommentare, weil sie andere Signifikanten und Signifikate verwenden als der jeweilige Kommentar selbst. Die Entparadoxierung vollzieht sich in diesem Sinne in der Sachdimension. Gleichzeitig basiert jedes Programm jedoch auch selbst wiederum auf einer Paradoxie, die invisibilisiert werden muss. An dieser Stelle greifen literaturwissenschaftliche Schemata. Das sind Mechanismen der Entlastung des einzelnen Programms von Rationalitätsanforderungen, die dieses selbst nicht bewältigen kann (Luhmann, Systeme 122-27). Schemata werden in literaturwissen- schaftlichen Forschungsprogrammen immer dann verwendet, wenn Mehrdeutigkeit und Nichtwissen programmintern reflektiert werden, und komprimieren diese Komplexität und Kontingenz, indem sie eine primäre Unterscheidung verwenden und diese auf dieser ,Basis‘ forschungsstrategisch ausbauen. Dabei geht es mithin nicht um die Vereinfachung einer komplexen literarischen Realität, sondern um den Umgang mit prinzipiell unkontrollierbarer literaturwissenschaftlicher Kommunikation im Medium des Kommentars. Die Kehrseite des Schemas ist mithin nicht die ,komplette‘ literarische Realität (oder ,Praxis‘), sondern grundsätzlich Intransparenz (Japp 227). Sie ziehen in Forschungsprogrammen, die auf neues Wissen abzielen, aus Nichtwissen bekannte Muster und können damit ,etwas‘ erkennen. Für Forschungsprogramme sind Schemata damit eine nicht hintergehbare Voraussetzung für die Produktion neuen Wissens. Das dominante Schema der ,Rückkehr des Autors‘ ist diejenige Unterscheidung, die ich als ,Akteursschema‘ bezeichne. Dieses Schema reduziert die literarische Komplexität auf eine dominierende Unterscheidung – ein ,privilegiertes Signifikat‘: die Unterscheidung zwischen Handeln und Erleben (Luhmann, Systeme 123-24). Anhand dieser Unterscheidung ist dann ein strukturierter Aufbau eines Forschungsprogramms möglich, weil man sich daran orientieren kann, ob ein bestimmtes literarisches Ereignis der Handlung eines Akteurs oder dem Erleben eines Akteurs zugerechnet werden kann. Maßgeblich ist mithin die Perspektive des Akteurs: Das ist der Standpunkt, von dem aus die Unterscheidung ihren Sinn für die Literaturwissenschaft erhält. Man kann diese allgemeinen Annahmen nun besonders gut in der literaturwissenschaftlichen Beschreibung von literarischen Produktionsprozessen sehen. Die Produktionsdimension setzt nämlich direkt an der Unterscheidung zwischen dem handelnden Autor und der Autorfunktion an und asymmetrisiert diese. Sichtbar wird so ein 92 TATSÄCHLICHE‘ AUTOREN UND ,FIKTIVE‘ BILDER ,tatsächlich‘ handelnder Autor, der mit der mehr oder weniger ,fiktiven‘ Autorfunktion pragmatisch und strategisch umgehen kann. Die Handlung des Autors lässt sich dann unterscheiden von den in der Literatur kursierenden Autor(en)bildern. Demnach handelt es sich beim Autor nicht lediglich um eine (letztlich ,fiktive‘) Projektion durch ,den Leser‘ oder ,den Diskurs‘, die literaturwissenschaftlich als Autorfunktion reformuliert werden kann, sondern um einen (,tatsächlichen‘) Akteur. Die so asymmetrisierte Unterscheidung eignet sich mithin als Mechanismus der Generierung literaturwissenschaftlicher Probleme, weil sie eine nicht offensichtliche Ebene ,hinter‘ dem diskursiven Autorbild voraussetzen kann. Die Möglichkeiten des Autors zur Inszenierung in literarischen Texten und Kontexten sind gewissermaßen Ausdruck von ,Autorstrategien‘ (Jannidis 49). Genau dieser Verweis auf den Strategen ,hinter‘ den als inszeniert rekonstruierten Bildern macht dementsprechend auch die Kritik am diskurstheoretischen Konzept der Autorfunktion aus, das demnach lediglich auf der Ebene dieser ,Inszenierung‘ verbleibt. Herstellung und Darstellung kollektiver Autorschaft Ein wichtiges Argumentationsfeld der ,Rückkehr‘-Diskussion orientiert sich nun an der Unterscheidung zwischen individueller und kollektiver Autorschaft. Dieses Modell arbeitet – ähnlich wie Ansätze zur Inszenierung von Autorschaft insgesamt – mit einer Herstellungstheorie literarischer Texte. Ausgangspunkt bei Martha Woodmansee ist die Feststellung, dass konventionell die Autorforschung der Vorstellung anhängt, literarische Produktionsprozesse verliefen einsam und kreativ. Die Produzenten literarischer Texte sind demnach nicht nur, aber vor allem individuelle Autoren, die literarische Texte jeweils individuell herstellen (25). Die literaturwissenschaftliche Autorforschung verwende die Unterscheidung zwischen ,individuell‘ und ,kollektiv‘ genau in diesem Sinne einseitig und knüpfe für ihre Theoriebildung an dem Bild des ,individuellen‘ Autors an. Das jeweilige Theoriemodell basiert also auf einseitigen und nicht hinterfragten literarischen Selbstdarstellungen.1 Diese Einseitigkeit kann man nun kritisieren, indem man ,empirische‘ Belege gegen deren Stimmigkeit anführt und einen weniger romantischen literaturwissenschaftlichen Blick auf literarische Produktion einfordert (Inge 630): Untersuche man demnach die ,Praxis‘ FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 93 kreativer Prozesse, so lasse sich zeigen, dass diese „im allgemeinen kollektiv und in steigendem Maße auch korporativ und kooperativ sind― (Woodmansee und Jaszi 391). Das Modell des im Kollektiv produzierenden Autors beschreibe mithin den ,eigentlichen‘ Herstellungsvorgang adäquater; es komme der ,tatsächlichen‘ Praxis literarischer Textproduktion viel näher. Diejenige literaturwissen- schaftliche Autorforschung, die sich am Modell des ,individuellen‘ Autors orientiere, verwende also ein unrealistisches Modell literarischen Herstellens und knüpfe unvermittelt an den Selbstdarstellungen literarischer Autoren an (9). Eine literaturwissenschaftliche Theoriebildung des Autorbegriffs müsse jedoch demgegenüber die ,tatsächlichen‘ Umstände berücksichtigen und von einem realistischeren Ansatz ausgehen (Stillinger 183). Genau an dieser Stelle wird das Mehr- Ebenen-Modell (Asymmetrie) über das Akteursschema in das Programm eingebaut: Die Feststellung, dass sich Prozesse literarischen Produzierens tatsächlich kollektiv und kooperativ vollziehen (Woodmansee 24), dient der literaturtheoretischen Hierarchisierung unterschiedlicher literarischer Ebenen und damit der Steuerung des Forschungsprogramms. Die ,tatsächliche‘, kollektive Produktionsweise literarischer Autoren muss demnach konzeptionalisiert werden – und nicht deren Selbstbeschreibung. Anhand dieser Unterscheidung gilt es unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, die ,tatsächliche‘ Herstellung von der ,imaginierten‘ Darstellung abzugrenzen. Die Unterscheidung zwischen individueller und kollektiver Autorschaft wird nun jedoch auch wiederum aus der Perspektive der literarischen Akteure verwendet und dient damit letztlich dazu, auf ein literarisches Problem aufmerksam zu machen: Es geht um das ,Aufdecken‘ des ,wirklichen‘ Schreib- und Produktionsprozesses, der durch Selbstdarstellungen ,verschleiert‘ wird. Daraus ergeben sich folgerichtig Fragen nach der ,tatsächlichen‘ Gestaltung der Zusammenarbeit, nach den Motiven für eine Zusammenarbeit und den sich ausbildenden Netzwerken zwischen unterschiedlichen Akteuren: Warum arbeitet dieser Autor mit jenem zusammen? Genau damit wird es möglich, relevante Fragen von irrelevanten zu unterscheiden und Problemstellung sowie Forschungsprogramm zu hierarchisieren. Zugrunde liegt dem Problem (und der entsprechenden Problemlösung) also eine asymmetrische Verwendung der Unterscheidung zwischen Herstellung und Darstellung literarischer Texte. Das wird unter literaturtheoretischen Gesichtspunkten nur möglich, weil den Rahmen ein akteurzentriertes Mehr-Ebenen-Modell literarischer Kommunikation bildet. Literarische Akteure stellen 94 TATSÄCHLICHE‘ AUTOREN UND ,FIKTIVE‘ BILDER demnach die Herstellung literarischer Texte nicht unbedingt so dar, wie sie sich ,tatsächlich‘ vollzieht. Literarische Darstellungen geraten unter ,Motivverdacht‘, weil sie die ,tatsächliche‘ kollektive Herstellung eines literarischen Textes als Handlungen eines individuellen Autors beschreiben. Wichtig ist – also unabhängig davon, welches Selbstbe- schreibungsmodell verwendet wird –, dass davon ausgegangen wird, dass der Darstellung die ,eigentliche‘ – nämlich: kollektive – Herstellung gegenübergestellt wird. Es gibt dieser Annahme zufolge eine Ebene ,wirklichen‘ Handelns. Die Darstellung ,individueller Autorschaft‘ weicht davon ab und wird als unsere alltägliche ,Fiktion‘ vom Autor als ,genialem‘, ,individuellem‘, ,einzigartigem‘ Schöpfer entsprechender literarischer Texte zugunsten der ,tatsächlichen‘ kollektiven Herstellungsweise literaturwissenschaftlich abgewertet (Woodmansee 25). Es werden unterschiedliche hierarchische Ebenen der Literatur unterschieden. Die kollektive Zusammenarbeit in der „kreativen Tätigkeit― (Woodmansee und Jaszi 396) wird demnach oftmals nicht als solche literarisch dargestellt, sondern es gehe darum, die Zusammenarbeit „durch das dichterische Verfahren kunstvoll zu verschleiern― (396). Aufgabe der Literaturwissenschaft ist es, auf diese Abweichung hinzuweisen und sie aufzudecken. Die Darstellung literarischen Herstellens als ,individuell‘ wird in diesem Sinne als ,Fiktion‘ beschrieben; literarische Darstellung entspricht nicht der ,tatsächlichen‘ Herstellung, sondern weicht von dieser ab: Es lassen sich Diskrepanzen zwischen den ,tatsächlichen‘ Umständen der Produktion und den Vor- beziehungsweise Darstellungen von Produktions-pro- zessen feststellen (Stillinger 23). Unter literaturtheoretischen Gesichts- punkten muss es jedoch darum gehen, ein realistischeres Modell von Autoren und deren Produktionsaktivitäten zu verfolgen (Stillinger 200). Es stellt sich jedoch unter literaturtheoretischen Gesichts- punkten die Frage, was der ,Maßstab‘ für die Bewertung eines bestimmten Herstellungsprozesses als ,realistischer‘ sein soll. Dieses Kriterium ist vor allem ein literarischer Maßstab, denn er schließt an literarische Probleme an. Die Vertreter des Diskussionfeldes zum Umgang mit kollektiver Autorschaft wechseln mithin lediglich die Asymmetrie, die sie eigentlich kritisieren. Indem sie den ,individuellen‘ durch den ,kollektiven‘ Autor ersetzen und diesen gleichzeitig als ,Tatsache‘ markieren, argumentieren sie im Wesentlichen auf derselben Ebene, wie diejenigen Konzeptionen, die sie kritisieren. Woran liegt das? Das entscheidende Moment in der Konzeption Woodmansees (und anderer) ist die Annahme, dass Autoren ,tatsächliche‘ Akteure sind, die FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 95 als solche unmittelbar beobachtet werden könnten. Erst vor diesem Hintergrund kann sie davon ausgehen, dass ,hinter der Darstellung‘ literarischer Prozesse eine Ebene ,wirklichen‘ Handelns stattfindet, von dem die Darstellung abweicht (oder nicht abweicht). Sie wertet die literarische Darstellung zugunsten der Herstellung ab und kann so eine Hierarchie literarischer Ebenen literaturtheoretisch unterscheiden. Aufgabe der Literaturwissenschaft ist es dann, ausgehend von dieser Hierarchie die ,tatsächlichen‘ literarischen Prozesse zu beschreiben. Gerade auch Stillinger sucht nach den Motiven der Autoren, um etwas über die Herstellungsprozesse von Literatur aussagen zu können (Stillinger 183). Was nicht gesehen wird, ist, dass jede literarische Kommunikation notwendig sowohl einen Darstellungs- als auch einen Herstellungsaspekt umfasst (Information und Mitteilung). Auch ,kollektive‘ Autorschaft muss literarisch dargestellt werden – soll sie kommunikativ relevant sein. Damit wird diese aber ebenso dem ,Verzerrungsvorwurf‘ ausgesetzt: Die Darstellung ,kollektiver‘ Autor- schaft entspräche dann ebenso nicht der ,Wirklichkeit‘ literarischen Produzierens. Keine der beiden Alternativen kann für sich einen plausibleren ,Wirklichkeitsanspruch‘ behaupten. Dass solche Annahmen Paradoxien verdecken, wird deutlich, wenn es dann darum geht, die ,konkrete‘ Herstellung zu beschreiben. Dann wird nämlich deutlich, dass auch diese ,tatsächliche‘ Herstellungsform dargestellt werden muss: Der Akteur dieser Ebene fällt dann möglicherweise selbst auf den Mythos vom einsamen Genie hinein (Inge 626). Das gilt dann auch für die „materiellen Spuren des Entstehungsvorgangs― (Bohnenkamp 64). Diese müssen nämlich zumindest von Literaturwissenschaftlern dargestellt werden. (Fohrmann, Darstellung 102-3). Selbst- und Fremdbeschreibung der Literatur Systemtheoretisch informierte Ansätze in der germanistischen Literaturwissenschaft weisen schon länger daraufhin, dass es forschungsstrategisch vielversprechender ist, nicht unbedingt die Selbstbeschreibungen der Literatur „beim Wort zu nehmen― (Stanitzek und Kanon 112) und damit die literarisch wirksamen Differenzen als Ausgangspunkt der Forschung zu machen, sondern eigene, in diesem Sinne: literaturwissenschaftliche Beobachtungsdirektiven für die Invisibili- sierung der Kontingenz des disziplinären Wissens einzusetzen. Die literaturwissenschaftliche Autorforschung verabschiedet dann die 96 TATSÄCHLICHE‘ AUTOREN UND ,FIKTIVE‘ BILDER „objektsprachlichen Konventionen des Fachs― (Lohmeier 4) und orientiert sich in erster Linie an sozialwissenschaftlichen Theorie- bildungen, die den für sie relevanten Kommunikationsbegriff theoretisch beschreiben. Interessant sind hier insbesondere solche Ansätze, die es erlauben, mitzubeobachten, wie ,tatsächliche‘ Hand- lungen ,tatsächlicher‘ Akteure erst kommunikativ erzeugt werden, diese damit nicht als immer schon feststehende Signifikate gelten und eben dadurch eine Funktion für literarische Kommunikation übernehmen. Eine solche literaturwissenschaftliche Fremdbeschreibung von Literatur, die eine literaturwissenschaftliche ,Umschrift‘ (Fohrmann, Literaturgeschichte 194) als Maßstab neuen literaturwissenschaftlichen Wissens über Literatur hat, kann anhand von Annahmen der soziologischen Systemtheorie umgesetzt werden. Das Problem des Umgangs mit der Unterscheidung von handelndem Autor und Autorfunktion, das hier angesprochen ist, kann theoretisch präzisiert und literaturwissenschaftlich operationalisierbar reformuliert werden. Eine systemtheoretisch ausgerichtete Literaturwissenschaft des Autors definiert sich demnach explizit im Unterschied zu literarischen Selbstbeschreibungen (Plumpe und Werber Literatur). Der Begriff des Akteurs und das damit verbundene ,Dispositiv der Operativität‘ (Fohrmann, Kommunikationstheorie 619, 627) markiert hier vielleicht besonders deutlich die Differenz von literarischer Selbst- und literaturwissenschaftlicher Fremdbeschreibung der Literatur. Deren Selbstbeschreibung orientiert sich vornehmlich am ,Dispositiv des Akteurs‘: Literarische Texte müssen als Handlungen zugerechnet werden – auch und gerade, wenn sich der Autor selbst als ,tot‘ erklärt. (Schiesser; Teuber). Im Kontext des ,Dispositivs der Operativität‘ einer literaturwissenschaftlichen Autortheorie verliert der Autor als Akteur indes seine ungefragte Selbstverständlichkeit, die Teile der literaturwissenschaftlichen Autorforschung ihm, weil sie diese mit ihm teilen, zuweisen. Der Autor wird stattdessen selbst zu einem zwar literarisch selbstverständlichen (oder: selbstverständlich nicht selbstverständlichen), aber literaturtheoretisch zu klärenden Aspekt. Um den Autorbegriff zu verorten, ist es demnach notwendig, einen operativen Referenzkontext anzugeben, der die Beobachtung von Autoren ermöglicht. Erst im Hinblick auf einen solchen Bezugsrahmen erhält der Begriff seinen Sinn (Plumpe, Autor 177-80). Von literarischen Autoren kann die Rede sein, wenn Literatur seit dem 18. Jahrhundert „eine Reihe von Aufgaben verlor bzw. an andere Kommunikationskonventionen abtrat― (Plumpe, System 104) und sich als ein autonomes Funktionssystem der modernen Gesellschaft FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 97 ausdifferenziert. Die Ausdifferenzierung aus „Anlehnungskontext[en]― (Luhmann, Kunst 269), wie sie noch in stratifizierten Gesellschaften bestanden hatten, erfolgt dadurch, dass sich die literarischen Akteure an für Literatur relevanten Sachverhalten orientieren. Dem liegt ein hoch abstraktes Differenzschema zugrunde, an dem sich literarische Kommunikation ausrichtet. Diejenige unterscheidende Operation, die das Literatursystem trägt, ist demnach das am und im Hinblick auf den literarischen Text orientierte Beobachten. Es geht dann um das Beobachten, wie Beobachter beobachten. Dass es sich um ,beobachten‘ verstanden als Formgebrauch handelt, der „den operativen Gebrauch einer Unterscheidung zur Bezeichnung der einen (und nicht der anderen) Seite― (Luhmann, Kunst 66) bezeichnet, verweist auf die operative Schließung des Systems gegenüber seiner Umwelt und damit auf die Ausdifferenzierung der Literatur als Funktionssystem: Durch die in den literarischen Text „hineinkomponierten Unterscheidungen ist ein Beobachten des Beobachtens anderer möglich― (27) – und damit macht Literatur einen Unterschied zur übrigen Kommunikation (Plumpe ,Programme 135-6). Dadurch wird es möglich, eine Kombination von Universalismus und Spezifikation anhand der Bezugnahme auf eine bestimmte Codierung und eine bestimmte Funktion durchzusetzen und schließlich eine Universalzuständigkeit für den Funktionsbereich ,literarische Kommunikation‘ zu etablieren. Alle literarischen (sich an Schönheit ausrichtenden) Kommunikationen haben sich daran zu halten. Erst die Kombination von Funktion und Codierung und die daraus folgende Selbstreferenz ermöglichen es insofern dem System, eine literarische Autopoiesis zu organisieren, das heißt zwischen Selbst- und Fremdreferenz unterscheiden zu können. Greift die Literaturwissenschaft auf diese Ebene des operativen Vollzugs von Literatur durch, wird deutlich, dass der Autor eine systemrelative Funktion literarischer Kommunikation ist und auf eine literarische Zurechnung, das heißt Selbstsimplifikation literarischer Kommunikation als literarische Handlung verweist (Werber; Stöckmann). Texte und Kommunikationen in literarischen Kontexten müssen auf Handelnde zugerechnet werden. Der diskurstheoretische Begriff der Autorfunktion verweist in diesem Sinne auf den literarischen Akteur. Dieser folgt der systemrelativen Rationalität der Literatur (Code und Funktion). Der Autor als literarischer Rationalakteur ist mit dem spezifisch literarischen Medium Schönheit vertraut und setzt diese Kenntnis für die Produktion literarischer ,Werke‘ ein. Der Autor hat in diesem Sinne für die Fortsetzung, die Anschlussfähigkeit literarischer Kommunikation zu sorgen. Typischerweise orientiert sich literarische 98 TATSÄCHLICHE‘ AUTOREN UND ,FIKTIVE‘ BILDER Programmkommunikation zunächst an literarischen Selbstbe- schreibungen von Autoren. Die Frage, was ein Autor ist und tut, ergibt sich aus diesen Vorgaben aus der Literatur. ,Bodenhaftung‘ bekommt diese Orientierung durch Selbstbe- schreibungen nun erst durch den Verweis auf einen ,individuellen‘, ,handelnden‘ Autor, der damit eine bestimmte Strukturvorgabe wie zum Beispiel die vom ,Tod des Autors‘ (Barthes) korrigiert. Voraussetzung ist dabei die Individualisierung dieses handelnden Autors als Person. Wichtig ist aber, dass genau diese Person des Autors erst durch die Selbstasymmetrisierung der Kommunikation als Handlung erzeugt wird – und damit kommunikativ relevant ist.2 Der handelnde Akteur (systemtheoretisch: Person) hat nun gegenüber dem Begriff der Autorfunktion den Vorteil, dass durch ihn ,individuelle Verhaltens- weisen‘ zugerechnet werden können (Japp). Das ist genau der Punkt, auf den die ,Rückkehr des Autors‘ aufmerksam macht: der „individuelle[-] Kern[-] [...], von dem der Künstler operiert― (Kampmann 64). Und man könnte zunächst annehmen, dass das theoretische Problem nun in diesen literarischen Zurechnungsprozess verschoben wird und damit die handelnden Akteure die Elemente literarischer Kommunikation sind. Zunächst stimmt es, dass Zurechnung vollzogen werden muss. Wenn keine Zurechnungen von Mitteilungen auf Handelnde auftreten, verbleibt die literarische Autopoiesis im Unbestimmten und Komplexen. Literarische Zurechnung wird also in dieser Sicht vorausgesetzt. Was allerdings nicht vorausgesetzt wird, ist ein je gegenwärtiges Selbst dieses Handelnden, denn ein solcher kann sich erst beobachtenden Operationen im Nachhinein verdanken (Nassehi 480). Der einzelne handelnde Autor ist in diesem Sinne nicht identisch, sondern kann nur in Differenz zu anderem beobachtet werden – mit anderen Worten: als Autorfunktion. Die Vertreter der ,Rückkehr des Autors‘ verabsolutieren mithin den handelnden Akteur (die Person), weil sie ausgehend von diesem unterschiedliche Ebenen der Literatur annehmen (Barsch) und damit die Rekursivität von handelndem Akteur und Autorfunktion verfehlen. Der Autor als Funktion der Literatur (des Diskurses) hat zwar die tatsächlich handelnde Person als Träger, aber diese Person ist „im Blick auf die Diskurs-Einheit dann nur das Moment eines Diskurs-Moments (nämlich des Autors)― (Arndt 5). Die Unterscheidung zwischen dem handelnden Autor und der Autorfunktion bildet in diesem Sinne ein Medium für Schemata der Programmierung literarischer Kommunikation. Der Rückgriff auf einen authentisch handelnden Akteur ist letztlich nur durch den Verweis auf die Autorfunktion möglich: Der ,tatsächlich‘ FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 99 handelnde Autor wird so sichtbar als eben jener Effekt der Autorfunktion (Wetzel 46-51). Der unmittelbare Durchgriff auf die ,tatsächliche‘ Handlung ist in dieser Hinsicht unmöglich und kann nur ,imaginiert‘ werden. Er wird nur durch eine Unterscheidung plausibel, die zwischen handelndem Autor und Autorfunktion unterscheidet und eine der beiden Seiten gegenüber der anderen asymmetrisiert, das heißt dieser einen ,relevanteren‘ literarischen und dann literaturwissen- schaftlichen Status zuspricht. So ist etwa die Einsicht, dass „Werkstattberichte nicht immer für bare Münze genommen werden können, daß im Gegenteil Selbstinszenierungen hier eine wesentliche Rolle spielen― (Bohnenkamp 64), nur durch so eine Asymmetrie möglich, die davon ausgeht, auf die Ebene des ,tatsächlichen‘ Handelns vorgedrungen zu sein. Setzt man eine literaturwissenschaftliche Fremdbeschreibung an diese Unterscheidung an, sieht man mithin, dass der Begriff des Autors zwar „stets an einen ,realen‘, einen historischen Autor als Urheber eins Textes denken lässt, dabei aber gerade dieser Autor immer eine Fiktion ist, eine Fiktion mit eben jenen Funktionen, die Foucault beschrieben hat― (Wagner-Egelhaaf 206). ,Tatsächliche Selbsterprobungen‘ Was ist das Kriterium für den Beleg ,tatsächlicher‘ „Selbsterprobung[en]― (Amann 276), der zeigen soll, dass der Autor sich seiner Strategien „in der Herstellung eines bestimmten Habitus überaus bewusst war― (Künzel 190)? Doch offensichtlich nur ein literarisches. Die Unterscheidung zwischen handelnden Autoren und der Autorfunktion ist mithin ein Schema der literarischen Kommunikation, die sich mit deren Hilfe über Selbstbeobachtung selbst steuert, insofern das Schema Mitteilungshandeln in literarischer Kommunikation markiert und damit literarische Texte (und Kontexte) zurechenbar macht. Beide Seiten der Unterscheidung sind mithin als Einheit operativ in der Literatur wirksam (Hix 3-12; 15-39). Man kann also nicht von ,Fiktionen‘ in die eine oder andere Richtung sprechen, denn als Schema der Literatur sind beide Aspekte der Unterscheidung gleich ,wirklich‘. Nur eine Beobachtung, die zwischen handelndem Autor und Autorfunktion unterscheidet, generiert eben handelnde Akteure die – „offensichtlich gewollt― (Amann 284) – das in der Literatur entworfene Autorbild „re-inszenier[en] [...] und damit auf die Vielschichtigkeit der Beziehung zwischen [...] Autor und Autorinszenierung verweis[en]― 100 TATSÄCHLICHE‘ AUTOREN UND ,FIKTIVE‘ BILDER (Künzel 190). Aber diese Unterscheidung führt letztlich in die Paradoxie, das man angeben muss, was das eine von dem anderen unterscheidet. Der handelnde Akteur oder die Autorfunktion ,ist‘ dann die Unterscheidung zwischen handelndem Akteur und dem Verweis auf die Autorfunktion (Nassehi). Der literaturwissenschaftlichen Autorforschung kann es demzufolge nicht, wie die Vertreter der ,Rückkehr des Autors‘ vorführen, darum gehen, ob der literarische Autor auf einen ,hinter‘ der Autorfunktion stehenden, ,tatsächlich‘ Handelnden verweist oder ,bloß‘ ein diskursiver Effekt der Literatur ist. Ihr kann es auch nicht darum gehen, Verfahren zu entwickeln, die eine Antwort auf die Frage, ob Literaturwissenschaft das durchschauen kann oder nicht, anbieten – „denn welcher Kunstwissenschaftler maßt sich ernsthaft an, wahres Selbst und Maske eines Künstlers zu unterscheiden― (Kampmann 64)? Wenn jede Beobachtung eines literarischen Autors eine bezeichnende Unterscheidung verwendet, gibt es keinen alle Beobachtungs- perspektiven integrierenden literarischen (oder literaturwissen- schaftlichen) Punkt, von dem aus der ,tatsächlich‘ handelnde Autor und die ,diskursiv wirksame‘ Autorfunktion getrennt werden könnten. Das gilt zunächst und vor allem für die literarische Kommunikation selbst. Jede literarische Kommunikation setzt sich der literarischen Beobachtung aus und ist damit als Beobachtung kontingent. Darüber hinaus gilt das aber auch und gerade für die literaturwissenschaftliche Kommentierung von Literatur. Denn auch ein solcher Versuch des kriteriengeleiteten literaturwissenschaftlichen Umgangs mit Signifikanten und Signifikaten unterliegt der Differenz einer Bezeichnung im Medium einer Unterscheidung mit eben denselben Folgen im Hinblick auf das Problem des Autorbegriffs. Es ist geradezu die disziplinäre Regel, dass die Unterscheidung zwischen Signifikant und Signifikat auf sich selbst angewandt wird. Einerseits sind der Autor und seine Strategie Kriterium für das Vorliegen einer bestimmten Signifikant-Signifikaten-Hierarchie als solcher. Andererseits wird der Autor aber auch selbst wiederum als eine Größe behandelt, die sich aus solchen Hierarchien erst ergibt (Stanitzek, Texte 11). Das ist die Paradoxie, die sich für die Literatur ergibt. Und es kann nicht Aufgabe eines literaturtheoretischen Forschungsprogramms sein, diese Paradoxie aufzulösen. Worum es geht, ist vielmehr das literaturwissenschaftliche Sichtbarmachen dieser Paradoxie und des Umgangs mit ihr in literarischer Kommunikation (Japp und Kusche 527-8). Unter diesen, sich aus der Selbstorganisation der Literatur und der Literaturwissenschaft ergebenen Bedingungen lässt sich die Frage FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 101 danach, inwiefern der Autor ,tatsächlich‘ handelnd mit der Autorfunktion umgeht, ,letztlich‘ nicht beantworten. Und umgekehrt kann es auch nicht darum gehen, die Autorfunktion völlig unabhängig von einem ,tatsächlich‘ handelnden Akteur zu denken. Auch diese Frage lässt sich ,letztlich‘ literaturwissenschaftlich nicht beantworten, denn die Antwort könnte sich nicht der Selbstreferenz des Kommentars entziehen, der immer nur bestimmte Signifikante und bestimmte Signifikate auswählen und gleichzeitig andere, bestimmbare unberück- sichtigt lassen muss. Beide Fragen und die jeweils zu erwartenden Antworten verfehlen mithin die in der Literatur struktur-bildende Rekursivität von ,tatsächlich‘ handelnden Akteuren und der Autor- funktion, die zu Beobachtung zweiter Ordnung zwingt und damit letzte Antworten zum Autorbegriff immer auch ,dekonstruiert‘ (Wetzel). Das gilt es literaturwissenschaftlich zunächst zu reflektieren, wenn diskutiert wird, welche forschungsleitende Rolle der Autorbegriff haben soll oder nicht: Literatur „is founded neither on the author nor on the text, but is composed of communicative processes alone, which reproduce themselves on the basis of preceeding communications― (Benedetti 14). Sollen literaturwissenschaftliche Forschungsprogramme sich unter den Bedingungen ihrer Selbstorganisation an kontrollierten und kontrollierbaren Kriterien orientieren, müssen sie folglich so ausgerichtet werden, dass sie beobachten können, wie es literarische Kommunikation sich einerseits ermöglicht, die Autorfunktion nur soweit von einem bestimmten handelnden Akteur zu differenzieren, wie bestimmte Strukturen und Semantiken der Selbstorganisation dies notwendig machen. Darüber hinaus kann deutlich gemacht werden, wie Literatur es andererseits zulässt, den ,tatsächlich‘ handelnden Autor diesen Zwängen nur soweit anzupassen, wie es die eigene Vergangenheit und Zukunft in Gestalt literarischer Texte sowie die Selbstbeschreibung literarischer Programme erlauben. Der Autor ist genau in diesem Sinne eine ,Werk‘-Funktion, die jeweils spezifische Autor-Projekte ermöglicht und einschränkt (Werber und Stöckmann 250-1). Eine literaturwissenschaftliche Fremdbeschreibung literarischer Kommu- nikation beschreibt eben genau dies: die Selbsteinschränkung literarischer Kommunikation unter der sich aus Selbstbeobachtung ergebenden Kontingenz mithilfe der Unterscheidung eines tatsächlich handelnden Autors und dem Verweis auf eine Autorfunktion (Schmitz- Emans 593-602). 102 TATSÄCHLICHE‘ AUTOREN UND ,FIKTIVE‘ BILDER Die Literatur der Literaturwissenschaft Die literaturwissenschaftliche Aufgabe sollte mithin darin bestehen, die Bedingungen literarischer Kommunikation für den Umgang mit Kontingenz und deren Einschränkung anzugeben und zu beschreiben. Das kann nicht dazu führen, ,letzte‘ Bedingungen literarischer Produktion, Distribution und Rezeption anzugeben und gewissermaßen ,hinter die Kulissen‘ der Literatur zu schauen. Gezeigt werden kann jedoch, wie sich literarische Kommunikation unter Bedingungen selbsterzeugter, durch Selbstbeobachtung ermöglichter Unbestimmtheit selbstorganisiert und Autoren „zurechtpräpariert― (Parr 20). Im Medium der Unterscheidung zwischen dem Autor als Akteur und dem Autor als Autorfunktion schränkt die Selbstbeschreibung der Literatur die sich aus Beobachtung zweiter Ordnung ergebende und damit selbsterzeugte Kontingenz ein. Literarische Selbstbeschreibungen ermöglichen die Integration des literarischen Systems durch unterschiedliche, sich durchaus ausschließende und konkurrierende (normative) Vorstellungen über das, was Literatur ,ist‘ und wie mit ihr ,richtig‘ umzugehen ist. Der Literaturstreit ist folglich keine Krise der Literatur, „sondern ihr identitätsstiftender Normalfall― (Zelle 20). An diese literarischen Selbstbeschreibungen schließt die literaturwissen- schaftliche These von der ,Rückkehr des Autors‘ (ebenso die vom ,Tod des Autors‘ bei Barthes) an, wenn sie den eigenen Forschungs- programmen die von ihr aus gesehen nicht weiter reduzierbare Unterscheidung zwischen dem Autor als Akteur und dem Autor als Autorfunktion als ,Letztbegründung‘ oder ,Stoppregel‘ für Kommentare verwendet. In diesem Sinne stehen diese Ansätze „nicht jenseits dessen, worüber sie sprechen, sondern sind Bestandteil einer Literatur, die sich selbst begründen muß und will.― (Schmitz-Emans 615). Einer literaturwissenschaftlichen Fremdbeschreibung literari- scher Kommunikation ist es aber möglich, gerade dies noch mit zu beobachten. Es geht ihr um die Frage, was man anders in den Blick bekommt, wenn man die Unterscheidung zwischen der Konzeption des Autors als Akteur und dem Verweis auf eine Autorfunktion nicht als Prämisse für die literaturwissenschaftlichen Beobachtungen nimmt, sondern vielmehr beobachtet, wie diese Unterscheidung im literarischen System selbst verwendet wird und wie sie in „konkrete[n] Operationalisierungen von spezifischen, selektionssteuernden Prog- rammen betreut und reguliert― (Werber und Stöckmann 250) wird. Der FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 103 handelnde Autor, auf den literarische Texte zugerechnet werden, und die Autorfunktion werden dann als operationsleitende Differenz literarischer Kommunikation verstanden, die in der Literatur verwendet wird. Damit wird die Unterscheidung vor dem Hintergrund der Theorie funktionaler Differenzierung und der sich daraus ergebenden Annahmen über die (primär: sachliche) Selbstorganisation der Literatur als Funktionssystem auf (theoretische) Beschreibungen der Literatur in der Literatur zurückbezogen. Diese Beschreibungen dienen der Literatur dazu, sich als Identität bezeichnen zu können und sich damit gleichzeitig von Zuschreibungen aus ihrer gesellschaftlichen Umwelt abzusetzen (Plumpe und Werber, Umwelten 20-31). Im Unterschied zur konventionellen Selbstbeschreibung der Literatur als durch Akteure geprägten ,sozialen‘ Bereich folgt die hier thematisierte Formel der Selbstbeschreibung des literarischen Systems als durch literarische Programme geprägte Kommunikation und stellt diese in den Mittelpunkt der Literaturwissenschaft (Plumpe,3 Epochen). Ohne diese, ihren Code asymmetrisierenden Programme hätte die Literatur keine Möglichkeit zur Selbststeuerung. Weder Zurechungen auf ,tatsächlich‘ handelnde Autoren noch deren Verschwinden und Wiederauftauchen hinter einer Autorfunktion wären möglich. Universität Bielefeld Anmerkungen 1 Was in diesem Zusammenhang jeweils konkret unter ,Individualität‘ zu verstehen ist, spielt an dieser Stelle keine Rolle und kann deshalb offen bleiben. 2 Auch für das beteiligte Bewusstsein ist die Person natürlich relevant, nur bleibt das kommunikativ ohne Folgen. Quellenverzeichnis Amann, Wilhelm. „Arbeit am Autor. John von Düffel und die Filmdokumentation über die Entstehung seines Romans ,Houwelandt‘ (2004).― Schriftsteller-Inszenierungen. Hrsg. Gunther E. Grimm und Christian Schärf. Bielefeld: Aisthesis, 2008. 273-288. Arndt, Andreas. „Subjektivität und Autorschaft.― Autor – Autorisation – Authentizität. 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