FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 189 „IN DIESEM MELODRAM GEHÖRT MIR DIE HAUPTROLLE. DAGEGEN HILFT NUR IRONIE. AUCH ARRAK KÖNNTE NICHT SCHADEN.― GEFANGEN ZWISCHEN ZWEI WELTEN: DIE ÖSTERREICHISCHE SCHRIFTSTELLERIN UND FILMEMACHERIN SUSANNE AYOUB BERICHTET ÜBER DIE LITERARISCHE UND FILMISCHE AUFARBEITUNG IHRER IRAKISCHEN KINDHEIT IN IHRER DOKUMENTATION „BAGHDAD FRAGMENT― ie österreichische Autorin Susanne Ayoub weist ein literarisch vielseitiges Talent auf. Nach ihrer Promotion in Theater und Kunstgeschichte an der Universität Wien arbeitete sie zuerst beim Österreichischen Rundfunk als Sendegestalterin, Dramaturgin, Regisseurin und Journalistin. Sie gründete auch die Theatergruppe Trio, für die sie Stücke schrieb und inszenierte. Die Autorin schreibt zudem Kriminalromane, die im Verlag Hoffmann und Campe herausgegeben werden. Engelsgift erschien im Jahr 2004 und Schattenbraut im Jahr 2006. Susanne Ayoub wurde aber durch ihr Hörbuch „Geboren in Bagdad‖ und der dazugehörigen filmischen Dokumentation „Baghdad Fragment‖ bekannt, wofür Sie zahlreiche Preise, unter anderem den Hans-Nerth-Preis, bekommen hat. Während des Winterquartals 2009 war sie „Writer in Residence‖ an der Bowling Green State University in Bowling Green, Ohio. Dieses Interview entstand anlässlich der Vorführung ihrer Dokumentation „Baghdad Fragment‖ und anschließender Disskussion auf der jährlichen Focus on German Studies Konferenz im November 2008 in Cincinnati. FOCUS Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Film zu machen? SUSANNE AYOUB Im Jahr 2002 kehrte ich zum ersten Mal nach Jahrzehnten in den Irak zurück. Darüber wollte ich dann unbedingt einen Film machen. Einerseits über die Reise in ein Land, dass nach zwölf Jahren UNO Embargo wieder geöffnet wurde. Andererseits, weil durch meine Familiengeschichte etwas erzählt wird, das weit über das persönliche Schicksal hinausgeht: die Schwierigkeiten einer Ehe zwischen zwei Menschen, die aus verschiedenen Kulturen stammen. Den Wechsel von einer Kultur in die andere. Die Frage des Heimatbegriffes. D 190 „BAGHDAD FRAGMENT― FOCUS Hatten Sie finanzielle Unterstützung um diesen Film in die Realität umzusetzen? SA Ja, ich bekam finanzielle Unterstützung von mehreren Filmfonds. Viele lokale Studios und kulturelle Einrichtungen haben dieses Projekt unterstützt: Stadt Wien Kultur, Stadt/Land und Studio West Salzburg sowie das Literarische Quartier Alte Schmiede in Wien. FOCUS Wo wurde der Film erstaufgeführt? Wie wurde der Film rezipiert? Gibt es Unterschiede bei der Rezeption im In- und Ausland? SA „Baghdad Fragment― wurde beim österreichischen Filmfestival DIAGONALE uraufgeführt. Seitdem gab es verschiedene Einladungen, überwiegend von literarischen Veranstaltern. Der Film ist Teil eines multimedialen Projekts, denn es wird auch als ein literarisches Werk rezipiert. Das gilt für Österreich und Deutschland, wo der Film gezeigt wurde. Die meisten Aufführungen erlebte er aber in den USA, denn dort wird der politische Aspekt viel stärker wahrgenommen. FOCUS Ihr Film ―Bagdad Fragment‖ entstand aus der Produktion des Hörbuchs ―Geboren in Bagdad‖. Wie haben Sie es geschafft das gemeinsame Thema in verschiedenen Medien zu verarbeiten? SA Am Anfang stand das Filmprojekt, aber die Dreharbeiten im Irak gestalteten sich so schwierig, dass wir am Ende nicht genügend Filmmaterial besaßen. Bei meinem zweiten Aufenthalt bekam der Kameramann kein Visum, ich durfte nur unter der Bedingung einreisen, keine Kamera zu benutzen. Aus dem Scheitern des Filmprojekts entstand die Idee der Radioarbeit, ein Hörbild mit dem Titel „Geboren in Baghdad― für den Österreichischen Rundfunk, das darauffolgend als Hörbuch publiziert wurde. Erst vier Jahre später sah ich mir das Filmmaterial noch einmal an. Danach war klar, dass ich den Film fertigmachen machen musste. „Baghdad Fragment― ist ein historisches Filmdokument. Es zeigt ein Land, das es nicht mehr gibt. FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 191 FOCUS In wie weit hat die Entwicklung des Filmes mit dem Hörbuch zu tun? Worauf haben Sie bei der Produktion des Hörbuchs bzw. des Films Akzente gesetzt? SA „Geboren in Bagdad― folgt einer anderen Dramaturgie als der Film. Es ist ein langer Brief an meine Mutter, der die Geschichte meiner Rückkehr erzählt, meine Gedanken und Gefühle auf dieser Reise. In diesen Brief hineingewoben sind Stimmen der Erinnerung an meine Kindheit, lyrische Passagen und der Livemitschnitt von Liedern einer irakischen Sängerin, die in einem Club für ein Konzert probte. Das Hörbuch ist eine kunstvolle Montage von Stimmen, Musik, Alltagsgeräuschen der arabischen Großstadt. Der Film dagegen arbeitet mit sehr knappen Bildsequenzen – mehr war nicht vorhanden – und nur durch den Kunstgriff, Texttafeln zu verwenden, war es möglich, das fragmentarische Filmmaterial zu Szenen zusammenzufügen. Im Film wirkt, glaube ich, sehr stark, was man nicht sieht. Die meisten Aufnahmen sind ja im Fahren durch ein Fenster im Bus oder im Taxi gemacht worden, aus großer Distanz. Das vermittelt den Eindruck von Fremde, Ausgesetztsein, auch etwas Bedrohliches, weil man weiß: das sind Bilder einer Diktatur, eines Landes im Krieg. FOCUS Sie sind Schriftstellerin, Theaterautorin, freischaffende Journalistin und Filmregisseurin in einem – sie üben also Ihre Kreativität in verschiedenen Medien aus. In wie weit schaffen Sie Grenzen zwischen den verschiedenen Medien und literarischen Genres? SA Es gibt Themen, die in verschiedenen Medien funktionieren, andere nicht. Mein Ehrgeiz ist aber nicht, einen Stoff gleichzeitig für Radio, Fernsehen, Theater usw. aufzubereiten. Ein Hörspiel kann als Theaterstück adaptiert werden und umgekehrt. Zur Zeit ist es im Theater modern, nichtdramatische Stoffe als Vorlagen für eine szenische Umsetzung zu verwenden, aber auch Filme. Das spiegelt, finde ich, die Krise des Theaters oder der zeitgenössischen Dramatik wider. Ich bin wenig daran interessiert, Stoffe mehrfach zu „verwerten―, es gibt so vieles, das ich noch schreiben will und die Zeit reicht kaum aus! 192 „BAGHDAD FRAGMENT― Beim Baghdad Projekt haben sich diese multimedialen Formen aus einem Entwicklungsprozess ergeben. Ich bin viele Jahre meines Lebens der Auseinandersetzung mit meiner Herkunft, meiner ersten Heimat ausgewichen, als ich mich schließlich dazu entschloss, wurde ich nicht so leicht damit fertig. Das heißt, ich arbeite noch immer daran. Ich will ein Buch schreiben, einen Roman. FOCUS Welche Stilmittel eignen sich um die verschiedenen Genres Hörbuch und Film zu trennen bzw. Akzente zu schaffen? SA Die radiophone Form verlangt nach Sprache. Musik, Klänge, atmosphärische Geräusche schaffen Tonräume, in denen sich die menschliche Stimme bewegt. Film kann das alles verwenden, aber auch auf einzelne Elemente davon verzichten, zum Beispiel auf gesprochenes Wort oder auf eine naturalistische Tonebene, Film ist vor allem Bild. FOCUS In Ihrem Hörbuch sowie in Ihrem Film vermischen Sie Fiktion und Realität. Auf welche Art und Weise beeinflusst Ihr Lebenslauf Ihre fiktionalen Texte? SA Jeder schreibende Mensch ist von seinem Lebenslauf beeinflusst, auch wenn es sich nicht um autobiographische Texte handelt. In meinem „Baghdad Fragment― behandle ich mich als Hauptfigur eines Familiendramas, das wiederum auch im Text des Hörbuchs vorkommt: „In diesem Melodram gehört mir die Hauptrolle. Dagegen hilft nur Ironie. Auch Arrak könnte nicht schaden.― Es handelt sich nicht um einen fiktionalen Text, sondern um eine literarisch erzählte Dokumentation meiner Kindheit in Baghdad. FOCUS In Ihrem Film nimmt man subtile amerikanische Nuancen wahr: zum Beispiel sehen wir Präsident Bushs Kopf als Bodenschmuck, oder die Disney Figuren, wie Donald Duck oder die sieben Zwerge aus Schneewitchen an der Wand in der irakischen Schule. Nun interessiert es FoGS, wie – nach Ihrer Meinung – der Irak mit der amerikanischen Besetzung umgeht? SA Die Filmaufnamen entstanden 2002, vor dem Krieg. Damals fiel mir stark auf, wie populär die amerikanische Kultur im Irak war, FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 193 Pepsi-Cola und Seven Up gab es an jedem Straßenkiosk zu kaufen, ich sah Bilder von Leonardo di Caprio, auf dem Büchermarkt bekam man amerikanische Bücher und Magazine. Das war schon in meiner Kindheit der Fall, und daran hatte sich nichts geändert – obwohl dazwischen ein Krieg „Desert Storm― lag, und zwölf Jahre UNO Embargo. Wie es heute aussieht, kann ich nicht beantworten, ich war seit der amerikanischen Invasion 2003 nicht mehr im Irak. FOCUS Sie waren im Herbst 2008 Gastdozentin an der Bowling Green University. Hat dieser Aufenthalt in den USA Ihren Eindruck bzw. Ihre Auffassung von den USA im Bezug auf den Irak oder den Irakkrieg verändert? SA In Österreich und Deutschland gibt es seit 2003 eine kritische Haltung zu den USA, sogar eine antiamerikanische Stimmung bei vielen Menschen, die ich absolut nicht teile und auch nicht akzeptieren kann. Es hat mich stark berührt, wie in den USA die Zuschauer auf meinen Film reagierten, ganz anders und viel emotionaler als in Europa. Das war auch in Ohio so. Zu mir kamen sogar Studenten und entschuldigten sich für den Krieg. Und immer wieder fragte mich jemand, ob ich eine Lösung wüsste, was denn die oder der Einzelne tun könne und wie lang es wohl dauern würde, bis die Menschen im Irak wieder im Frieden leben würden. Auf das alles habe ich keine Antwort geben können. Ich weiß aber, dass die meisten Menschenrechtsdelegationen, die während des UNO Embargos in den Irak fuhren, amerikanische waren. Ich hoffe darauf, dass die konstruktiven Kräfte in den USA stärker werden, nachdem die Krieger jetzt einmal abgedankt haben. Und dass es nach der Besatzung auch den Willen einer Generation junger Amerikaner gibt, den Irakern beim Aufbau ihres zerstörten Landes zu helfen. In Österreich, wo ich aufgewachsen bin, hat die Unterstützung der Amerikaner nach dem zweiten Weltkrieg den Grundstein für den heutigen Wohlstand des Landes gelegt. Ich wünsche mir, dass für den Irak eine ähnliche Möglichkeit entwickelt wird. FOCUS Herzlichen Dank für das Interview. Das Interview führte Alexandra Hagen 194 „BAGHDAD FRAGMENT―