FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 195 „ES GIBT DINGE, DIE SICH OFFENSICHTLICH KULTURELL NUR SEHR SCHWER VERMITTELN LASSEN.― EIN GESPRÄCH ÜBER KULTURELLE GRENZBEREICHE DER GERMANISTIK MIT CHRISTIANE IVANOVIĆ hristine Ivanović ist seit 2003 Gastprofessorin an der Universität Tokio und war vergangenes Winterquartal Max-Kade- Professorin an der Universität Cincinnati. Nach ihrem Magisterabschluss in Philosophie, Neuere Deutsche Literatur und Slawistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, promovierte sie in Vergleichender Literaturwissenschaft mit der Note summa cum laude. Während ihres Studiums verbrachte Christine Ivanović mehrere Auslandsaufenthalte in Belgrad und wurde außerdem von der Friedrich-Naumann Stiftung gefördert. Spätestens seit ihrer Dissertation gilt Christine Ivanović als Celan Expertin. Neben Celan umfasst ihr Forschungsgebiet europäische Literatur, deutsche Gegenwartsliteratur und Cultural Studies, welches sich ihren zahlreichen Publikationen widerspiegelt. Gerade ist Band zum Werk Yoko Tawada mit ihr als Herausgeberin erschienen. FOCUS Sie haben in Deutschland und Japan unterrichtet, und im Winter hatten Sie eine Gastprofessur in Cincinnati. Was können Sie über die Unterschiede und Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Lehrsysteme sagen? CHRISTINE IVANOVIĆ Für mich war das Winterquartal sehr kurz; ich musste mein Programm deutlich straffen. In Japan ist das Studium in Studienjahre eingeteilt, so dass wir uns ein ganzes Jahr einem gleichbleibenden Gegenstand widmen können. Ich hatte das gegenüber dem deutschen System mit seinem halbjährigen Semesterturnus als sehr angenehm empfunden. Man kann umfangreiche Themenfelder bearbeiten und zugleich intensiv arbeiten. Die Studierenden haben durch die langfristige Beschäftigung und die Pause während der Semesterferien die Gelegenheit, das bereits Erarbeitete weiter zu vertiefen. Im Gegensatz dazu scheint der rasche Wechsel, wie er in den USA üblich ist, eine größere Vielfalt zu ermöglichen; bei drei Quartalen pro Jahr können sich die Studierenden unterschiedlicheren Themenbereichen, Fragestellen und C 196 GERMAN STUDIES FROM THE MEDIEVAL TO THE FUTURE Methoden widmen. Sie legen sich nicht so schnell auf ein Forschungsgebiet fest, in dem sie sich spezialisieren, und haben die Möglichkeit, sich zunächst einmal einen breiteren Horizont zu erarbeiten. Allerdings erscheint es mir unvorteilhaft, dass die Abschlussarbeiten im Blitzverfahren angefertigt werden müssen. Hier schien mir die deutsche Praxis, sich dieser Aufgabe in aller Ruhe in den Semesterferien zu widmen, wobei man sich einige Wochen lang noch einmal in die Lektüre vertiefen kann, der Sache nach auch deshalb angemessener, weil dann die Aufgabenstellungen komplexer sein können. Studenten, die unterfordert werden, sind nicht unbedingt besser (und glücklicher). Nach einem intensiven Semester eine anspruchsvolle Seminararbeit abgeschlossen zu haben, ist eine sehr schöne Erfahrung, die einem viel Auftrieb für die weitere Arbeit gibt. Das schnelle Arbeiten verführt zu Oberflächlichkeit, die dem wissenschaftlichen Diskurs nicht förderlich ist. FOCUS Sind Sie in Japan und in Deutschland auch an administrativen Bereichen des Studiums beteiligt (gewesen)? Fühlten Sie sich für diese Aufgaben ausgebildet? CI Natürlich habe ich in Deutschland wie in Japan vielfältige Prüfungs- und Beratungsaufgaben wahrgenommen. Die Betreuung der Studierenden von den ersten noch unsicheren Fragen zur Organisation des Studiums bis hin zur Betreuung der Abschlussarbeiten habe ich als wesentlichen Teil meiner Lehrtätigkeit immer sehr ernst genommen. In Japan gehört auch die Unterstützung der Vorbereitung von Stipendienanträgen zu meinen Aufgaben. Hier ist es in den letzten Jahren sehr frustrierend zu erleben, dass kaum noch Stipendien an Geisteswissenschaftler vergeben werden, wie gut auch immer diese qualifiziert sein mögen. Es ist dann sehr wichtig, die Studierenden nach einer Ablehnung eines solchen Antrages (der häufig karriereentscheidend ist) wieder aufzubauen und nach Alternativen zu suchen. Während meiner Tätigkeit in Deutschland war ich stark in die Selbstverwaltung des Instituts eingebunden. Ich hatte den Personalhaushalt zu verwalten, was bei mehr als 60 Institutsmitgliedern keine kleine Aufgabe war. Anspruchsvoller und interessanter sind Verwaltungsaufgaben im Zusammenhang FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 197 der Planung, Beantragung und Durchführung von wissenschaftlichen Projekten, Tagungen etc. Ich habe dies in Deutschland und in Japan öfter gemacht, in Japan natürlich nur in Verbindung mit Kollegen. Die japanische Bürokratie ist ungleich aufwendiger als die deutsche. Und man kann nur schwer etwas durchsetzen, was außerhalb bereits eingefahrener Bahnen und Systeme läuft. Trotzdem ist es mir im letzten Jahr gelungen, mit engagierten Kollegen eine solche „Extratour― erfolgreich durchzuführen. Da die Gemeinschaft hier oft mehr zählt als das Interesse des Einzelnen, kann man, wenn man zusammenarbeitet, auch Erstaunliches erreichen. FOCUS Was sind die Meilensteile oder Wendepunkte Ihrer Karriere? Welche Einflüsse hat die Auslandsgermanistik auf Sie (gehabt)? CI Die Beschäftigung mit Paul Celan hat alle wichtigen Ereignisse vom Studium bis zu meiner jetzigen Tätigkeit begleitet. Sie hat mir, als ich noch im Grundstudium war, einen ersten Job als Hilfskraft am Lehrstuhl von Professor Peter-Horst Neumann eingebracht und auch alle späteren Beschäftigungsverhältnisse bis hin zur Berufung nach Japan, wo man sich sehr für dessen Werk interessiert, beeinflusst. Schon bevor ich nach Japan ging, war ich mit Germanisten in Frankreich, England, Russland und den USA in Kontakt; ich habe an Tagungen teilgenommen, Vorträge gehalten oder gemeinsame Projekte durchgeführt und ich habe bereits in Deutschland auch ausländische Germanistikstudenten etwa in Sommerkursen unterrichtet. Manchmal erscheint mir die Perspektive der ausländischen Kollegen auf Deutschland zu emphatisch; in den USA ist dies vielleicht weniger der Fall. In Japan werden große Bereiche der Germanistik immer noch von streng autorenbezogener Forschung dominiert; das lässt sich durch die enormen Anforderungen, die der Erwerb entsprechender Fachkompetenz darstellt, erklären. Mich persönlich stellt dies manchmal vor einige Schwierigkeiten, da ich mich, obwohl ich hier als Celan- Forscherin gelte, doch lieber übergreifenderen Fragestellungen widme und da ich mich selbst eher als Komparatistin verstehe. FOCUS Sie unterrichten Studenten, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und die aus einem anderen Kulturkreis kommen. Wo sehen Sie Probleme, Vorteile oder Herausforderungen? 198 GERMAN STUDIES FROM THE MEDIEVAL TO THE FUTURE CI Die Studenten an der Universität Tokyo, die als Eliteuniversität ersten Ranges im Lande gilt, haben meist exzellente Sprachkenntnisse. Ich gebe keinen Sprachunterricht, nur germanistische Fachkurse für Graduierte. Sie sind hoch motiviert und daran gewöhnt, hart zu arbeiten. Im Gegensatz zu den deutschen Germanistikstudenten, die oft nur deshalb Deutsch studieren, weil sie keine besonderen Interessen oder Begabungen haben, habe ich, als ich die Lehre in Japan aufnahm, regelrecht aufgeatmet. Die Studenten waren immer vorbereitet und hatten tatsächlich die aufgegeben Texte auch gelesen. Ihre Beiträge sind meist sehr intelligent und sie sind immer bereit, Anregungen aufzunehmen und weiterzudenken; paradiesische Zustände für einen Lehrer! Bei der Tätigkeit an der Universität Cincinnati habe ich dann aber bemerkt, wie viel umfangreicher das Textvolumen sein kann, das man hier von Woche zu Woche bearbeiten kann. Die Schwierigkeiten, die sich hier wie in Japan aufgrund des anderen kulturellen Hintergrunds ergeben, sind ganz anderer Art. In Japan bin ich immer geneigt, Vergleiche zu ziehen, was die Studierenden nicht immer gerne mitmachen. In den Seminaren an der UC hatte ich im Unterschied zur Arbeit mit den japanischen Studierenden den Eindruck, dass das allgemeine kulturelle Grundwissen wie auch das Basisverständnis für die deutsche Kultur und Geschichte etwas geringer entwickelt war. Allerdings bin ich mit manchen Ansätzen in Japan so gut wie gescheitert. Es gibt Dinge, die sich offensichtlich kulturell nur sehr schwer vermitteln lassen, wie zum Beispiel Ironie. Große Schwierigkeiten hatte mir in Tokyo auch ein Seminar über das Drama bereitet, da ein Grundverständnis über das Tragische weder vorauszusetzen noch auch wirklich zu vermitteln war. Ich stoße immer dann an schier unüberwindliche Grenzen, wenn es um uns selbstverständliche Grundlagen der abendländischen Kultur geht, die in Japan keineswegs verinnerlicht werden können. Hier kann ich selbst sehr viel lernen, unter anderem, dass es eine wirklich fundamental andere Weltsicht gibt. Demgegenüber habe ich mich den amerikanischen Studierenden sehr viel näher gefühlt. Vor allem habe ich das persönliche Feedback sehr genossen. FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 199 FOCUS Ihre besondere Leidenschaft gilt Paul Celan. Wann haben Sie angefangen, sich mit ihm auseinanderzusetzen und was interessiert Sie besonders an Celan? CI Das zu erläutern, wäre eine allzu lange Geschichte. Celans Gedichte habe ich als Gymnasiastin in der Mittelstufe kennengelernt. Ich war immer eine große Leserin und habe besonders Lyrik sehr geliebt. Celan traf mich wie ein Schock; ich konnte jahrelang keine anderen Gedichte mehr lesen und ich habe seither nicht aufgehört ihn zu lesen und mich wissenschaftlich mit ihm zu beschäftigen. Celan wurde der Fokus meines Literaturverständnisses, da man enorm viel gelesen haben muss, um ihm folgen zu können. Immer wieder habe ich mich von ihm zu anderen Autoren verleiten lassen: Mandelstam und die russischen Dichter, Dante, Shakespeare, Benjamin, Kafka, Heine und viele andere. Die Auseinander- setzung mit seinem Werk erschien mir wie eine Schule des Lesens. Man lernt sehr genau die Sprache zu betrachten, abzutasten, sie auch sinnlich konkret zu erspüren. Wenn man gelernt hat, Celan zu lesen, kann man viele andere Texte auch bewältigen. FOCUS In unserem Kurs über Heinrich Heine haben Sie wiederholt betont, dass Heine selbst für Muttersprachler schwer zugänglich ist und für Nicht-Muttersprachler nahezu unverständlich bleibt. Warum sollte man eine Auseinandersetzung mit Heine dennoch nicht scheuen? CI In Bezug auf die epochale Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, die eine radikale Veränderung der Diskurse wie des nationalen Selbstverständnisses der Deutschen und ihrer Kultur mit sich brachte, erscheint mir die Lektüre der Schriften Heines am besten geeignet, um sich ein Verständnis dieser für alles Kommende so entscheidenden Epoche zu erarbeiten. Heines ironische Schreibweise erlaubt freilich keine einsträngige Lektüre und eindeutige Klassifizierungen. Er ist aber nicht in demselben Sinne schwer zugänglich wie etwa Hölderlin oder Novalis, deren intellektuelles Niveau beim Leser so viel voraussetzt, von der intimen Vertrautheit mit der griechischen antiken Literatur bis zur Philosophie des deutschen Idealismus, dass beide heute aus der universitären Lehre fast verschwunden sind; das sind 200 GERMAN STUDIES FROM THE MEDIEVAL TO THE FUTURE unersetzliche Verluste. Heine repräsentiert in meinen Augen – wie Baudelaire in Frankreich – den Beginn der Moderne in der deutschsprachigen Literatur. In vielen Aspekten ist er als Vollender der (früh)romantischen Theorien wie auch der anderen Strömungen seiner Zeit zu betrachten; er hat sie sozusagen auf den Boden zurückgebracht, ohne ihre substantiellen Errungenschaften preiszugeben. Nicht ohne Grund war Marx, der literarisch überaus gebildet war, von Heines Schriften so beeindruckt. Er wurde maßgeblich von Heines Schreibweise beeinflusst. Heine kann – in einem anderen Sinne als der „Weimaraner Weltbewohner― Goethe – als erster Weltbürger der Moderne aufgefasst werden, als jemand, der versucht hat, das geistige Erbe des Abendlandes in einem transnationalen Verständnis zu bewahren und unter Bezug auf die Errungenschaften der Kantischen Philosophie wie der Französischen Revolution einer neuen Epoche zu vermitteln: als Auftrag, die Berufung des Menschen zur Freiheit tatsächlich zu verwirklichen in unbedingter Anerkennung der Rechte aller Menschen. Heines kompromissloses Eintreten für diese – Ideale – hat mich immer sehr beeindruckt. Dabei verbrämt seine ironische Ausdrucksweise nur seine Großzügigkeit und Weitsichtigkeit, die bei ihm anstelle des damals weit verbreiteten deutsch-nationalen Kleingeistes erscheint; sie steht für Liebe und Anerkennung des Anderen statt Ablehnung, Hass und Vernichtung, für Sinnenfreude statt Selbstkasteiung und Entsagung. Wir haben im Kurs oftmals lachen können bei der Lektüre mancher Stellen seiner Werke, auch wenn es um sehr ernste Dinge ging; Heine befreit einen auch heute noch – geistig und seelisch. Ich könnte ihn also gut als Gegengift empfehlen gegen alles, was in der deutschen Kultur verderblich wirkt; ihn, den bis hin zu Krauss und Adorno so viele als Verderber der deutschen Sprache und Literatur gebrandmarkt haben, würde ich gerne als ihren eigentlichen Hüter bezeichnen. FOCUS Sie haben durch Russischkenntnisse und eine humanistische Schulausbildung Möglichkeiten, Bereiche der Forschung zu untersuchen, die anderen verschlossen bleiben. Wie wählen Sie Ihre Forschungsprojekte und woran arbeiten Sie im Moment oder in naher Zukunft? FOCUS ON GERMAN STUDIES 16 201 CI Meistens entzündet sich das Interesse an einem Gegenstand, an dem man gerade arbeitet, und führt einen dann in scheinbar weit entfernte Regionen. Im Moment muss ich ein Buchmanuskript zu Celan zum Abschluss bringen, das schon länger auf seine Publikation wartet; die Arbeit mit den Studenten in Cincinnati hat mich ermutigt, endlich diesen Schritt zu machen. Andererseits habe ich mich in den letzten Monaten viel mit dem Werk von Ilse Aichinger beschäftigt und – anlässlich ihrer Lektüren Joseph Conrads – die Verknüpfung von Holocaust- Diskurs und Postkolonialismus untersucht. Es sind zwei größere Aufsätze daraus entstanden und ich trage mich mit dem Gedanken, ein neues Buchprojekt zu Aichinger in Angriff zu nehmen, die ich für die vielleicht bedeutendste Autorin der Gegenwartsliteratur halte. Und schließlich möchte ich meine gegenwärtige Vorlesung zum Thema „Weltliteratur und Globalisierung―, die mich noch bis Februar nächsten Jahres beschäftigen wird, weiter bearbeiten; auch dies ist ein spannendes und sehr aktuelles Thema. FOCUS Sie ermutigen immer wieder Studenten im Ausland, oder insbesondere in Japan, zu lehren. Was übt Ihre Faszination für Japan aus? CI Erfahrungen in anderen, manchmal sehr entlegenen oder einem sehr fremden Kulturen, bieten notwendigerweise viele neue, unerwartete Erfahrungen und Einsichten. Sie helfen einem, den eigenen Standpunkt zu überprüfen, zu relativieren, zu verbessern. Je jünger man ist, desto stärker lässt man sich anregen, inspirieren, bilden im besten Sinne des Wortes. Wenn man in einem anderen Land lehrt, ist man gezwungen, eine bestimmte Kultur zu vertreten, und ich empfinde es als Herausforderung, dies so zu tun, dass man diese zugleich vermittelt und sich aber auch als Individuum wieder davon distanziert. In Japan lernt man, den Anderen und dessen Möglichkeiten und Interessen sehr genau, aber auch sehr diskret wahrzunehmen. Man darf auf keinen Fall seinen eigenen – zum Beispiel einen deutschen – Standpunkt verabsolutieren. Wenn ich hier deutsche Literatur lehre, kann ich zugleich auch meine Anerkennung für die japanische Kultur und die Bemühungen der japanischen Studierenden und Kollegen zum Ausdruck bringen, die mir mit ihrem Interesse für meine Kultur 202 GERMAN STUDIES FROM THE MEDIEVAL TO THE FUTURE entgegenkommen. Anders als Germanisten, die nur mit der deutschen Sprache zu tun haben, entgehe ich damit vielleicht eher der Gefahr der Selbstüberschätzung der deutschen Kultur. Andererseits kann ich mir hier kulturelle Praktiken aneignen, die in Japan gängig sind und die ich sehr zu schätzen gelernt habe: eben jene subtile Form der Aufmerksamkeit, Unaufgeregtheit, Intensität, Achtung noch des Geringsten. Dafür bin ich sehr dankbar. FOCUS Ich danke Ihnen für das Interview! Das Interview führte Marie Büsch per Email im Juni 2009 203