177 INTERVIEWS 178 FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 179 ÜBER DAS LEBEN IN VERSCHIEDENEN KULTUREN UND DEN UMGANG MIT DEM SPATIAL TURN IN EINEM POSTMODERNEN KONTEXT: EIN INTERVIEW MIT DR. DORIS BACHMANN-MEDICK r. Doris Bachmann-Medick, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Autorin des Buches Cultural Turns: Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, ist Permanent Senior Research Fellow am International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) an der Universität Gießen. Sie hatte zahlreiche Gastprofessuren in den USA und verschiedene Lehraufträge in Deutschland. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kulturwissenschaften, Literarische Anthropologie, Kulturtheorie, Translation Studies und Interkulturelle Kommunikation. Im Frühjahr 2010 kam Doris Bachmann-Medick an das Department of German Studies an der University of Cincinnati. Dort hat sie als Distinguished Visiting Max Kade Professorin mit den Graduate StudentInnen eng zusammengearbeitet. In ihrem Cultural Turns Kurs erwies sich der Spatial Turn als besonders interessant für die StudentInnen. Er stand auch im Vordergrund eines Vortrags von Dr. Bachmann-Medick zu Raum und Bewegung in der Literatur. Während des Unterrichts und in informellen Gesprächen wurde es von Anfang an deutlich, dass Dr. Bachmann-Medick aktiv an der Kultur ihrer neuen Umgebung teilnehmen wollte. Dies beschränkte sich nicht nur auf die amerikanische Kultur, sondern dehnte sich auch auf die Mikrokulturen in Cincinnati und unserem Department aus. FOCUS Du hast an vielen Universitäten als Visiting Professorin gelehrt. Wie versuchst du als Kulturwissenschaftlerin mit verschiedenen Kulturen im Einklang zu sein, oder wie verhältst du dich, wenn du eine neue Stadt außerhalb Deutschlands zum ersten Mal besuchst? Spiegelt sich da deine Auffassung von interkultureller Verständigung wider? DORIS BACHMANN-MEDICK Unterschiedliche Kulturen gibt es ja auch schon innerhalb (!) der eigenen Kultur, nicht erst, wenn man andere Länder besucht. Als Kulturwissenschaftlerin ist es unverzichtbar, sich nicht nur auf Kulturtheorie oder eine akademische, theoriegeleitete Kulturreflexion zu beschränken. Wichtig ist auch, die verschiedenen kulturellen Sphären D 180 EIN INTERVIEW MIT DR. DORIS BACHMANN-MEDICK innerhalb einer Gesellschaft ernst zu nehmen und sie vor allem überhaupt erst einmal wahrzunehmen. Dazu gehört z.B. in amerikanischen Städten mit dem Bus zu fahren und damit ganz anderen Bevölkerungsgruppen zu begegnen, mit ihnen zu interagieren, vielleicht auch mit eigenen Vorurteilen konfrontiert zu werden. Auf diese Weise ist jedenfalls eine ganz andere Sensibilisierung der gesellschaftlichen Wahrnehmung und der Wahrnehmung sozialer Unterschiede und Widersprüche möglich, als wenn man nur im akademischen Umfeld verbleibt, in Health Food Stores kauft und den eigenen „Lebensstil“ letztlich verabsolutiert. Neue Städte außerhalb des eigenen Landes können also eigentlich erst dann kennengelernt und erfahren werden, wenn man sie nicht er-fährt, sondern er-läuft. Genauso ist es mit der Orientierung an anderen, neuen Universitäten. In beiden Fällen ist es fruchtbar, wenn man versucht, neue Raumerfahrungen zu machen. Nicht nur neue und andere Räume des Wissens zu erkunden, sich mit anderen Wissenschaftstraditionen auseinanderzusetzen – z.B. vertrete ich ja die deutschen Kulturwissenschaften, die viel historischer und systematischer arbeiten und – leider – weniger aufgeschlossen sind für politische Fragen als die amerikanischen Cultural Studies. Es ist interessant zu sehen, wie einerseits die deutschen Kulturwissenschaften von den amerikanischen Cultural Studies lernen können, die ja viel stärker an popular culture, an mass culture, an Bürgerbewegungen, an den Problemen und Repräsentationsformen ethnischer Gruppen, an Fragen von empowerment usw. ansetzen. Andererseits allerdings zeichnet sich für mich immer deutlicher ab, dass die Cultural Studies auch von den deutschen Kulturwissenschaften lernen können: von ihrer stärkeren historischen Tiefendimension, von den ganz eigenen Forschungsansätzen – wie z.B. der Gedächtnisforschung – aber auch von ihrem gezielter systematischen und grundlagenreflexiven Zugriff. Z.B. sind die sogenannten Cultural Turns, die Neuorientierungen und Neufokussierungen in den Kulturwissenschaften der letzten Jahre, solche Systematisierungsversuche. Schon auf der wissenschaftlichen Ebene geht es also darum, die Unterschiede wahrzunehmen und – daran ist mir besonders gelegen – darauf hinzuarbeiten, dass wir eine transnational study of culture auf den Weg bringen, die gerade kulturelle Differenzen nicht auslöscht, sondern sie fruchtbar einbringt. FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 181 Jetzt habe ich aber einen langen Umweg gemacht. Er war aber nötig, um auf die Ausgangsfrage nach der Veränderung der Interpretation interkultureller Verständigung durch eigene Fremderfahrungen zurückzukommen. Denn die Erfahrung unterschiedlicher Wissenschaftskulturen sollte nicht ausgeblendet werden. Allerdings wirkt natürlich auch die alltägliche Erfahrung der kulturellen Unterschiede ganz entscheidend auf die Forschungseinstellung von KulturwissenschaftlerInnen ein. Dazu wieder ein eigenes Beispiel – gerade aus der spezifischen Raumerfahrung in Cincinnati. Du spieltest auf die Erfahrung neuer Städte an. Das ist sehr interessant, denn gerade da liegt ein Brennpunkt für ganz andere räumliche Erfahrungen von Kultur. Gerade in amerikanischen Städten gibt es viel stärkere Grenzziehungen hin zu no-go-areas. Es kommt zu ganz neuen Raumerfahrungen, vor allem wenn man kein Auto hat und etwa als Fußgänger unter Freewaybrücken hindurchkriechen muss oder über Freeways mühsam hinweg irgendwelche Brücken suchen muss – solche schrecklichen ‚Abenteuer‘ von Fußgängern in amerikanischen Städten würde man in europäischen Städten wohl kaum erleben. Im Grunde müsste mit solchen Erlebnissen jegliches pauschale Gerede von der angeblich gesteigerten urbanen und globalen mobility doch heruntergebrochen werden auf die alltäglichen Raumorientierungen und ihre Hindernisse. Die Mühsamkeit der Mobilität für Fußgänger in amerikanischen Städten ist natürlich nur ein kleiner Erfahrungsausschnitt. Aber er könnte den Blick öffnen für die vielen, noch tiefer gehenden Einschränkungen von Bewegungsspielräumen unter den jeweiligen ganz konkreten, lebensweltlichen Bedingungen – die man allzu leicht übersieht, wenn man von kultureller Mobilität und interkulturellem Verkehr redet. Hier können eigene Einschränkungs-Erfahrungen für KulturwissenschaftlerInnen durchaus den Blick für existentielle Erfahrungseinschränkungen öffnen, die für manche gesellschaftliche Gruppen nicht einmal durch noch so verwirrende Fussgänger-Brückenkonstruktionen zu überwinden sind. FOCUS An der Uni Cincinnati hast du die StudentInnen eingeladen, dich zu duzen. Das war einerseits eine Überraschung, andererseits passt das sehr gut zur Kultur der USA. Duzt du dich auch mit den StudentInnen in Deutschland? 182 EIN INTERVIEW MIT DR. DORIS BACHMANN-MEDICK DBM Ich erwähnte vorhin die Unterschiede auch auf der Ebene der Wissenschaftskulturen. Dazu gehören auch Kulturen oder (weniger hochtrabend gesagt) Konventionen des akademischen Umgangs. Nicht nur gibt es ja in der englischen Sprache keine Unterscheidung zwischen Du und Sie. Damit fehlt in gewisser Weise eine Markierung für hierarchische Beziehungen. Vielmehr ist auch in der amerikanischen academy über Jahrzehnte hinweg der Eindruck erweckt worden, auch hier würden die Hierarchien eher überspielt oder gar eingeebnet, etwas durch Anreden der Professoren mit ihrem Vornamen (was in Deutschland gänzlich unüblich ist). Diesem Eindruck wollte ich mit meinem Duz- Angebot zustimmen, wenngleich ich mir jetzt nicht mehr sicher bin, ob ich damit nur einem zu optimistisch eingesetzten Vorurteil von mir aufgesessen bin. In Deutschland jedenfalls duze ich mich mit meinen graduate students nicht. Nicht zuletzt deshalb, weil in Deutschland sich über die Jahre hinweg eine striktere Grenzziehung zwischen Du und Sie eingespielt hat, nachdem sich diese im Gefolge der 1968er Generation zunächst stark gelockert hatte. FOCUS Du behauptest, dass Cultural Turns der Postmoderne entspringen. Dein Buch fängt z.B. mit einem Argument an, in dem du deine Betrachtung von der meta-narrative eines einzigen Cultural Turns unterscheidest. Obwohl dieses Argument bedeutsam ist, scheint es doch so, als wären die Cultural Turns gerade außerhalb des Kontexts der Postmoderne immer noch passend. Meinst Du, dass Cultural Turns und die Postmoderne unzertrennbar bleiben sollten? Inwiefern? DBM Ich halte es gar nicht für so entscheidend, ob man die Cultural Turns nun der Postmoderne zurechnet oder nicht. Auf solche Zuordnungsfragen kommt es womöglich gar nicht an. Wichtig hingegen ist die Tatsache, dass man es gegenwärtig mit einer sehr ausdifferenzierten, interdisziplinär geprägten Wissenschaftslandschaft zu tun hat. Daher kann man eben nicht mehr von dem einen, markanten Cultural Turn sprechen, der fast alle Disziplinen dazu angeregt habe, sich kulturwissenschaftlich zu re-definieren. Wichtig ist vielmehr – und das könnte man vielleicht postmodern nennen – dass es sich um eine Vervielfältigung, eine Pluralisierung von Turns handelt, dass immer wieder neue Turns, neue Fokussierungen auf bestimmte FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 183 systematische Blickwinkel in den Vordergrund rücken und die Forschung in den verschiedensten Disziplinen der Humanities bestimmen: performative, räumliche, bildreflexive Turns, aber auch emotional, transnational, practical Turns. Doch diese Vervielfältigung von Turns wird mittlerweile bis ins Uferlose getrieben, so dass sie sich die Theoriewenden allzu leicht verselbständigen statt auf die konkrete disziplinäre Arbeit rückbezogen zu werden (so wie wir es in unserem Cultural Turns Kurs in Bezug auf konkrete Literaturinterpretationen und Textanalysen immer wieder praktiziert haben). Diese Tendenz zur inflationären Vervielfältigung ist sicher auch eine Begleiterscheinung der postmodernen Ablehnung einer herausragenden „Meta-Narrative.“ Doch, wie gesagt, ob Cultural Turns nun postmodern sind oder nicht, halte ich nicht für so wichtig. Viel wichtiger ist meiner Ansicht nach, dass man nicht jedes kleine, frisch entdeckte Forschungsrevier gleich mit dem Etikett eines „Turn“ versieht. Erst einmal wäre es nötig, genauere Kriterien für einen Turn aufzustellen. Eine „Wende“ der Aufmerksamkeit hin zu neuen Forschungsfragen prägt meiner Meinung und Erfahrung nach erst dann einen Turn aus, wenn die neuen Leitbegriffe (wie z.B. Raum oder Bild) nicht mehr bloße Untersuchungsgegenstände bezeichnen. Entscheidend ist vielmehr, dass sie darüber hinaus zu Analysekategorien ausgearbeitet werden, die quer durch alle Disziplinen hindurch neue Forschungsansätze etablieren. FOCUS Du schreibst “Der Spatial Turn ist ein Kind der Postmoderne.” Das ist eine interessante und gut dokumentierte Behauptung, aber demonstriert der Spatial Turn nicht auch teilweise die Rückkehr einer Zeit, in der physikalische Grenzen wieder sehr wichtig werden (“Empire Everywhere: on the Political Renaissance of Space” von Rudolf Maresch)? Dementsprechend könnte man vielleicht auch sagen, dass der Spatial Turn teilweise ein Ausweg aus der Postmoderne ist, oder? DBM Es ist sicherlich zu einfach, die Moderne mit der Zeit gleichzusetzen und die Postmoderne als Epoche des Raums zu bezeichnen. Und doch wird der Spatial Turn in einem besonderen, vielleicht postmodernen Sinn als Wiederentdeckung des Raums empfunden: im Sinn einer Kritik am Fortschrittsdenken der Moderne, am Weiterleben des 184 EIN INTERVIEW MIT DR. DORIS BACHMANN-MEDICK Historismus, der auf Evolution und zeitlicher Hierarchie beharrte. Stattdessen zielt die verstärkte Aufmerksamkeit auf die Kategorie des „Raums“ darauf, dem Nebeneinander, der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ wieder mehr Bedeutung zu geben. Für das weltweite „mapping“ der Kulturen geht daraus die Aufforderung hervor, die Kulturen der Welt in ihrer Gleichzeitigkeit wahrzunehmen, statt sie von vornherein – im Sinne der imperialistischen Geopolitik – verschiedenen Positionen auf der Zeitachse, also verschiedenen Entwicklungsstufen zuzuordnen und manche (überwiegend die westlichen) für entwickelter und fortgeschrittener zu halten als andere. Der Spatial Turn bedeutet ja vor allem auch: Etablierung eines spezifischen, neuen Raumvokabulars (Grenze, border thinking und in erster Linie einen nicht mehr territorial umgrenzten Raumbegriff, stattdessen die Betonung des relationalen Raums, der durch menschliche Beziehungen überhaupt erst geschaffen wird). Physische Grenzen – da hast du Recht – werden zwar gerade in Zeiten der Globalisierung erneut wichtig. Der Spatial Turn lässt einen einfachen „Rückfall“ zu einem physisch- territorialen Raumbegriff jedoch nicht zu. Immerhin hat er betont, dass Raum vor allem als Konfliktraum, Beziehungsraum, Migrationsraum, Aushandlungsraum wahrzunehmen ist. Und erst dadurch ergibt sich die Perspektive einer aktiven, ja sogar politischen Raumgestaltung, die immer auch mit Subjekten, mit Handelnden, mit Marginalisierten usw. verknüpft ist. Außerdem ergibt sich eine Rückwendung zu einer Materialität des Raums. Gerade damit könnte man sich aus den (postmodernen) Übertreibungen des Konstruktivismus lösen, wie er in den letzten Jahren, ja Jahrzehnten nach dem Linguistic Turn in die Humanities eingegangen ist. Vielleicht läge hier ja ein Ausweg aus postmodernen Entwicklungen und Übertreibungen. Es ist eben nicht alles konstruiert. Nicht alle Wirklichkeitsverhältnisse sind ausschließlich durch den Filter der Sprache vermittelt. Im Gegenteil: Materialität und Referentialität rücken neuerdings wieder stärker in den Vordergrund und verweisen auf das Räumliche, die Ortsgebundenheit des Denkens und Handelns. Du hast Recht: der Spatial Turn ist dann ein Ausweg aus der Postmoderne, wenn er Raum nicht nur als Nebeneinander und FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 185 „overlapping“ betrachtet, sondern wenn er Raum als Konfliktraum erkennt, der für die kulturwissenschaftliche Forschung auch eine ganz neue Hinwendung zu Materialität und Referentialität einfordert – eine neue Verpflichtung vielleicht auch, ethischen Fragen wieder verstärkt Bedeutung zu geben, statt diese durch einen überzogenen Konstruktivismus zu schnell über Bord zu werfen. FOCUS Du beschreibst den “erzählten Raum” als mapping mit Wörtern. Heißt das, dass der Autor imaginäre und reale Orte „mappiert,“ die wir interpretieren sollen? Wie arbeiten z.B. imaginäre Orte und reale Orte in Historical Fiction in Bezug auf den Spatial Turn zusammen? DBM Literarische Texte haben die Möglichkeit, verschiedene Raumtypen ineinander zu verschränken, Überblendungen zu machen etwa zwischen realen Räumen und imaginären Räumen. Räume sind in der Literatur immer Raum-Repräsentationen, immer durch Text vermittelt. Dabei können Schauplätze, Städte oder Gegenden, in denen eine Romanhandlung spielt – auch Mikroräume wie Straßen oder Plätze – mit inneren Vorstellungen, magischen Zuschreibungen oder Erinnerungsspuren verknüpft werden. Sie können aufgeladen werden mit symbolischen Bedeutungen, aber auch mit historischem Gedächtnis. Ingeborg Bachmanns Berlin- „Beschreibung“ in ihrer Büchner-Preisrede von 1964 z.B. ist hierfür aufschlussreich. Ihr Ansatz ist als „topographische Poetologie“ (Sigrid Weigel) bezeichnet worden, und in der Tat ist hier eine besondere Raumaufmerksamkeit am Werk: Aufmerksamkeit auf einen gebrochenen Stadtraum, der von verschiedenen Schichten der Geschichte durchzogen ist, der damit geradezu surreale Verwerfungen erzeugt: Flugzeuge fliegen durch die Häuser, die Straßen Berlins wölben sich nach oben, legen traumatische Erinnerungsspuren des Krieges frei, Kriegsschauplätze wie das Gefängnis von Plötzensee schieben sich so in den Vordergrund, dass sie neben Wirtschaftswunder- Konsumtempeln wie dem Kaufhaus KaDeWe zu stehen kommen: Sichtbar wird dadurch eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.“ Das „Writing“ von Städten und Orten in der Literatur erscheint also gerade mithilfe des Spatial Turn als ein komplexes Problem der Raum-Repräsentation: Über die 186 EIN INTERVIEW MIT DR. DORIS BACHMANN-MEDICK topographische Oberfläche der Orte hinaus sind es hier gerade die Schichtungen, die gleichsam tektonischen Verwerfungen, die Raumbrüche und historischen Störungen der räumlichen Kontinuität, die neue kulturelle „shifts“ zutage fördern. Die angeblich „realen“ Räume werden durch solche „dislocations“ auf neue Realitätsebenen gehoben. Wobei es ja fraglich ist, wieweit man überhaupt so etwas wie „reale“ Räume voraussetzen kann, wenn doch jegliche Raumerfahrung immer schon durch Bilder, Images, Vorstellungen, Projektionen usw. vorgeprägt, also bereits fiktionalisiert ist. Solche Fiktionalisierungen können freilich in der Literatur noch „übertrieben“ werden, so dass ganz neue Raum-„ordnungen“ aufscheinen. So hat etwa Salman Rushdie in seinen Satanic Verses London als eine „tropische Stadt“ beschrieben. Und wenn er „imaginary homelands“ (wie Indien) konstruiert, können diese dann wiederum durchaus eine entscheidende Wirklichkeitsinstanz bilden, wenn sie z.B. für ethnische Gruppen in der Diaspora Anhaltspunkte für ihre kulturelle Selbstlokalisierung bieten. Literatur kann also vertraute Raum-„ordnungen“ durcheinanderbringen, sie mit neuen Bedeutungen aufladen und damit neue Raumerfahrungen ermöglichen. Die Perspektive des Spatial Turn legt aber nicht nur dieses Potential von literarischen Texten frei. Der Spatial Turn problematisiert in noch grundsätzlicherer Weise die Verortung der Literatur selbst: Er nimmt Abschied von der Zuordnung der Literatur zu Nationalkulturen und -literaturen. Stattdessen lenkt er die Aufmerksamkeit darauf, dass die weltweite Literaturproduktion heutzutage viel eher in einem Nebeneinander stattfindet, in kulturellen Überlappungszonen, ja in einer Zeitgenossenschaft der Literaturen der Welt, die keineswegs mehr in den europäischen Nationalliteraturen ihr Zentrum haben. FOCUS Als Beispiel hast du Ingeborg Bachmann kurz erwähnt, aber wie können GermanistInnen und LiteraturwissenschaftlerInnen deiner Meinung nach den Spatial Turn weiter anwenden? Gibt es einen Text, der als ein Vorbild oder Idealbeispiel gelten kann? Inwiefern oder warum nicht? FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 187 DBM Ich möchte gern wieder auf die konkrete Arbeit der Literaturinterpretation und -analyse zurückkommen. Ein gutes Beispiel für eine literarische Raumanalyse bieten etwa die Texte von W.G. Sebald, die ja in jüngster Zeit besonders in der US- Germanistik ein enormes Forschungsinteresse auf sich ziehen. So werden z.B. in Austerlitz durch verschiedene Schichtungen der Erzählung historische Tiefengrabungen vorgenommen. Die besondere Raumaufmerksamkeit des Spatial Turn setzt hier an und gräbt noch tiefer. Sie öffnet den Wirkungsraum der Literatur noch weiter, grenzüberschreitender. Denn durch spatialization wird erkennbar, dass Zeitschichten gerade durch ihre Verräumlichung, durch Verschachtelung, durch Labyrinthe und Netzwerke „lesbar“ und das heißt hier begehbar und damit für die Orientierung der Menschen verfügbar gemacht werden können. Der Spatial Turn gewinnt in solchen Beispielen der Literatur ein besonders komplexes Gesicht. Denn er bedeutet hier nicht etwa nur eine Neufokussierung auf Raum und Räumlichkeit im Gegensatz zu Zeit. Vielmehr kann nicht genug betont werden, dass der spezifische „poetic space“ gerade auch an den Versuchen des 20. und 21. Jahrhunderts mitwirkt, Geschichte neu zu konstruieren: als eine Kritik an der Fortschrittsgeschichte, als eine Rekonstruktion ihrer Rückwärtsbewegungen, ihrer Leidensgeschichten, ihrer Schichten der Zerstörung. Hier liegt unter anderem ein großes Potential der Literatur – nicht zuletzt auch einer Räumlichkeitsperspektive des historischen Romans: Durch ihre spezifischen Erzähltechniken der Überblendung, Verlangsamung, des Kreisens und der topographischen Verschachtelung solche verdrängten, verschütteten, historischen Überreste und Fundamente freizulegen, sie sichtbar und be- handelbar zu machen. FOCUS Du hast darauf hingewiesen, dass die Cultural Turns in Bewegung sind. Hast du etwas verändert, seit die neueste Ausgabe deines Buches im Jahr 2009 mit einem neuen Nachwort veröffentlicht wurde? Gibt es etwas Neues zu Cultural Turns, an dem du gerade arbeitest? DBM Ja, Cultural Turns sind ständig in Bewegung. Es werden auch immer wieder neue Turns behauptet. Wie ich schon sagte, man kann geradezu eine Turn-Inflation behaupten. Man braucht klare 188 EIN INTERVIEW MIT DR. DORIS BACHMANN-MEDICK Kriterien, um von Turns überhaupt sprechen zu können, um sie festzustellen oder sie als gemeinsamen Nenner bestehender Forschungsansätze zu erkennen. Ein wichtiges Kriterium ist sicherlich, dass durch fast alle Disziplinen hindurch eine bestimmte Fokussierung zu beobachten sein muss. Hier lassen sich in der Tat einige neuere Entwicklungen feststellen, an denen sich aktuelle Brennpunkte der Forschung systematisch zu Turns bündeln. Ich denke besonders an den „Translational Turn,“ mit dem ich mich seit einiger Zeit besonders beschäftige (mein nächstes Buch wird im Feld von Kulturwissenschaften und Übersetzung angesiedelt sein). Dieser „emergent“ Turn ist – wie ich finde – höchst reizvoll, und zwar für alle Disziplinen der Humanities. Neuerdings wird die Translations-perspektive deutlich in der Geschichtswissenschaft ausgelotet (z.B. im Feld von Mission, Konversion, Übersetzung von Europabildern usw.). Darüber hinaus aber ist Übersetzung als Analysekategorie gerade dabei, noch in viele weitere Disziplinen einzugehen: in die Theologie, in die Kunstgeschichte, in die Soziologie (Neusicht von Gesellschaft nicht nur als Integrations-, sondern auch als Übersetzungszusammenhang, Neusicht von Migration unter Translationsaspekten usw.). Diese Expansion der Übersetzungskategorie hängt auch damit zusammen, dass eine globalisierte Weltgesellschaft unbedingt auf Übersetzungs- prozesse angewiesen ist. Von hier aus lässt sich noch ein wichtiges Argument in die kulturwissenschaftliche Diskussion einbringen. Die inflationäre Pluralisierung wird oft genug zum Anlass von Kritik und viele WissenschaftlerInnen sehen in ihr die Gefahr, dass sich die Forschung nicht mehr genügend an die Arbeit in den konkreten Disziplinen rückbindet. Dies ist – meiner Ansicht nach – ein Vorurteil. Denn Turns sind darauf angelegt, zu re-turns zu werden. Das heißt, sie vermitteln interessante und anregende systematische Fragestellungen und Herangehensweisen, die sich aber nicht im luftleeren Raum der Theorie oder der Kulturwissenschaften „zwischen den Disziplinen“ verlieren. Im Gegenteil, durch sie sind überhaupt erst veränderte Fragestellungen zu gewinnen, welche die Arbeit in den Disziplinen neu befruchten. Diesen Mechanismus von Turns außerhalb der Disziplinen, zwischen ihnen und dann wieder in sie hinein kann man nun ebenfalls als einen Prozess der „Übersetzung“ beschreiben. Kulturwissenschaften sind für mich „Übersetzungswissenschaften.“ Schließlich gewinnen sie FOCUS ON GERMAN STUDIES 17 189 viele ihrer Erkenntnisse erst über fruchtbare Ebenenwechsel – indem sie Handlungen in Texte übersetzen, Texte in soziale Verhältnisse rückübersetzen, Ereignisse in Symbole übersetzen, ästhetische Repräsentationen in politische Beziehungen rückübertragen – nicht zuletzt aber auch, indem sie die Cultural Turns selbst immer wieder in die Disziplinen hinein übersetzen und sie damit als re-turns konkretisieren. FOCUS Vielen Dank! Dieses Interview führte Graham Hentschel im Mai 2010 per Email. Weiteres über Dr. Doris Bachmann-Medick kann man auf ihrer Webseite www.bachmann-medick.de erfahren. Diese Webseite bietet Links zu Interviews, einer Auswahl ihrer Aufsätze und Informationen zu ihren Projekten. 190